Kalenderwoche 20: Lesebericht.

Kalenderwoche 20: Lesebericht.

Diese Woche stand ganz im Zeichen von Ágota Kristóf, Sibylle Berg und Gotthard Günther. Eine seltsame Mischung: Kristóf ganz versunken im Weltwahrnehmungs-Jetzt, Günther über die Zukunft einer transplanetarischen, kybernetischen Kultur schwadronierend, während Berg mit Semantik und Sinnstiftung kurzen Prozess mit Vergangenheit und Zukunft macht. Die Fetzen flogen auf dem Schreibtisch. Trotzdem haben sie sich irgendwie verstanden. Oft stelle ich mir ein lebhaftes Gespräch zwischen den Autoren und Autorinnen, die ich gerade lese, vor, wie sie voreinander sitzen und sich geduldig zuhören, den Kopf nicken, hier und da inspiriert, dann und wann verdattert. Kristóf war von allen die offenste und interessierteste.

Nun wieder zu meinen Kategorien: „Gekauft“, „An- und Weitergelesen“, und „Gelesen“. Ich füge nun auch die Kategorie „Zu schreiben“ an, um mich zu erinnern, welche Leseberichte noch ausstehen.

Gekauft:

Sibylle Berg: RCE – meine Wahl aus den Top 20 der dieswöchigen Spiegel Belletristik Bestseller-Liste. Berg habe ich seit meiner Jugend nicht mehr gelesen. Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot war mein erstes Popliteratur-Buch. Ich erinnere mich aber an nichts, was sicherlich an meiner oberflächlichen Lektüre lag, doch in Schemen erinnere ich mich, ähnliche Sätze wie diesen bereits gelesen zu haben:

Da draußen. Vor dem Fenster, Erdgeschoss, gute Sicht auf eine Kreuzung, beobachtete sie [Don], was vom Leben übrig geblieben war. Menschen, die durch ständige unlustvolle Erregung den Verstand verloren hatten, die ihrem Untergang in ratloser Hysterie beiwohnten und nicht mehr schlafen konnten, wozu auch, wenn man im Netz nach Alternativen suchen kann. Zum Beispiel nach Sex.

Sibylle Berg aus: „RemoteCodeExecution“

Berg ging schon immer aufs Ganze, kein Blatt vor dem Mund, einfach mitten rein. Sex 2 habe ich wohl auch gelesen, ebenfalls ohne mich noch zu erinnern. Schade eigentlich.

Peter Høeg: Fräulein Smillas Gespür für Schnee – weil ich mein Exemplar verloren habe und Sätze zum Zitieren für meinen Kristóf Lesebericht brauchte.

Peter Handke: Publikumsbeschimpfung und andere Sprechstücke – wollte ich schon lange mal wieder lesen und zur anstehenden Besprechung von David Wonschewskis Blaues Blut heranziehen. Bin mir aber nicht sicher, wie weit das eine gute Idee ist, denn düster ist er schon ein bisschen:

Das Licht, das uns beleuchtet, hat nichts zu bedeuten. Auch die Kleidung, die wir tragen, hat nichts zu bedeuten. Sie zeigt nichts, sie sticht nicht ab, sie bedeutet nichts. Sie will Ihnen keine andere Zeit bedeuten, kein anderes Klima, keine andere Jahreszeit, keinen anderen Breitengrad, keinen anderen Anlass, sie zu tragen. Sie hat keine Funktion. Auch unsere Gesten haben keine Funktion, die ihnen etwas bedeuten soll.

Peter Handke aus: „Publikumsbeschimpfung“

Um mit Sibylle Berg zu sprechen: Na dann, Prost.

Ágota Kristóf: Das große Heft – die Besprechung habe ich bereits erwähnt. Ich habe mir direkt die nächsten beiden Teile der Trilogie bestellt. Es ist ein Buch, dass ich wieder zu lesen gedenke, allein schon wegen der Großmutter:

Sie geht auf den Markt, ihren Schubkarren schiebend, dessen Gurt, um den mageren Hals gelegt, ihren Kopf herabdrückt. Sie schwankt unter der Last. Die Unebenheiten des Wegs und die Steine bringen sie aus dem Gleichgewicht, aber sie geht mit einwärts gedrehten Füßen, wie die Enten. Sie geht in die Stadt bis zum Markt, ohne stehenzubleiben, ohne ihren Schubkarren ein einziges Mal abzusetzen.

Ágota Kristóf aus: „Das große Heft“

An- und weitergelesen

Brigitte Reimann: Franziska Linkerhand – ein unfassbar intensives Buch, dessen Seiten und Zeilen man immer wieder lesen kann. Man findet stets etwas Neues, Ungelesenes.

Sie beweinte einen Verlust ohne Namen. Später wird sie auf der Straße stehenbleiben, von einem aschenen Windstoß, einem süßlichen Akazienduft getroffen, wird die feuchte Spur einer Schnecke auf einem Huflattichblatt, den Torkelflug eines zitronengelben Schmetterlings verfolgen, dem Ächzen einer Holzstufe, einem gebrochenen Knabenschrei, dem Westminster-Geläut einer alten Uhr lauschen, die laue Wärme einer Schulter empfangen, ein blaues Band wiedererkennen, und sie wird, für Augenblicke, dem Verlorenen ganz nahe sein und zurücksuchen, wie man sich am Morgen eines Traums zu erinnern sucht, vergessen, vergessen, und wird ihm den Namen Kindheit geben.

Brigitte Reimann aus: „Franziska Linkerhand“

Entgegen anderslautender Behauptungen hatte Proust nämlich doch eine Schwester und nicht nur einen Bruder.

Spiegel Belletristik-Bestseller Liste:

Hat sich mal wieder kaum verändert. Ich habe mich dazu entschieden, als nächstes Der Markisenmann von Jan Weiler zu lesen. Mal sehen. Ich habe die Bücher verlinkt, zu denen ich bereits Besprechungen verfasst habe:

  1. Affenhitze – Kobr, Michael; Klüpfel, Volker
  2. Eine Frage der Chemie – Garmus, Bonnie
  3. Tête-à-Tête – Walker, Martin
  4. Morgen kann kommen – Kürthy, Ildikó von
  5. Schreib oder stirb – Micky Beisenherz, Sebastian Fitzek
  6. Lonely Heart – Kasten, Mona
  7. Der Geschichtenbäcker – Henn, Carsten
  8. Der Papierpalast – Cowley Heller, Miranda
  9. RCE – Berg, Sibylle
  10. Der Verdächtige – Grisham, John
  11. Der Markisenmann – Weiler, Jan
  12. Was im Verborgenen ruht – George, Elizabeth
  13. Der Buchspazierer – Henn, Carsten
  14. Stay away from Gretchen – Abel, Susanne
  15. Hast du uns endlich gefunden – Selge, Edgar
  16. Die Enkelin – Schlink, Bernhard
  17. Das Mädchen mit dem Drachen – Colombani, Laetitia
  18. Das mangelnde Licht – Haratischwili, Nino
  19. Über Menschen – Zeh, Juli
  20. Gwendys letzte Aufgabe – King, Stephen; Chizmar, Richard

Das Dietmar Dath Buch Gentzen wartet jedoch noch immer. Und Das mangelnde Licht von Nino Haratischwili will ich auch eigentlich lesen, insbesondere wegen der schönen Leseberichte: u.a. arcimboldis world, letteratura, und kuhle bücher.

Gelesen:

Ágota Kristóf: Das große Heft – die Besprechung findet man hier.  

Gotthard Günther: Die amerikanische Apokalypse – ich werde wahrscheinlich eher ein philosophisches Kapitel auswerten. Das geschichtshistorische Buch knüpft nicht mehr an aktuelle Diskurse an. Als Hintergrund und Zugang zum Denken Günthers jedoch sehr interessant:

Und so weit der Mensch in den sehr frühen Stufen primitiver Kultur sich als Sammler und Jäger am Leben erhält, so versucht der Pragmatismus auf geistigem Gebiet auf einer gleich ursprünglichen Stufe Daten (facts) auf statistischer Basis zu sammeln, sich mit Vorhandenem zu begnügen und die geistige Aktivität ganz auf die Ebene des Experiments zu verschieben.

Gotthard Günter aus: „Die amerikanische Apokalypse“

Günther feiert die Offenheit des Experimentellen und hat mich mit seinem Buch zur erneuten Lektüre von Ernst Blochs Experimentum Mundi geleitet.

Martin Walser: Wie und wovon handelt Literatur? – ein seltsam anmutender Aufsatz von Walser aus dem Jahr 1972, der vor dem Hintergrund der engagierten Literatur in der Studentenbewegung geschrieben wurde. Vergleicht man spätere Romane von ihm, hat man fast das Gefühl, dass er seine eigene Stimme und Zeilen aus dieser Zeit vergessen hat:

Ich meine natürlich nicht, dass eine Erregtheit und Bewegtheit, in die man bei der Schreibarbeit geraten kann, die Sätze und damit den Leser in Schwung bringen soll, sondern ich meine die Strecke, die der Autor schreibend zurücklegt. Er ist nachher nicht mehr, wo er vorher war oder nicht mehr der, der er war. Das ist das, was sich mitteilt.

Martin Walser aus: „Wie und wovon handelt Literatur?“

Ich habe den Aufsatz für meine Reihe Interpretationsmodelle analysiert. Vielleicht ergibt sich noch etwas. Denke ich aber an Tod eines Kritikers von ihm, so habe ich eher das Gefühl, dass die Bewegtheit und Erregtheit mittlerweile genau da bleiben, wo sie am Anfang gewesen sind und sich um keinen Deut rühren wollen, wiewohl sein letztes Buch Das Traumbuch in eine andere Richtung hindeutet – gelesen hier.

Zu schreiben:

u.a.

David Wonschewski: Blaues Blut
Sibylle Berg: RCE
Werner Bräunig: Rummelplatz
Hermann Hesse: Die Morgenlandfahrt
Ferdinand Schmalz: Mein Lieblingstier heißt Winter

Eine schöne Frühsommerwoche wünsche ich allen!

5 Antworten auf „Kalenderwoche 20: Lesebericht.“

    1. Das ist wirklich nett! Danke! Es ist schön, so viele Denkanstöße und Lesevorschläge zu bekommen. Ich habe heute „Die Frau und der Affe“ erhalten, auf dass du mich aufmerksam gemacht hast. Bin sehr gespannt darauf! Habe schon etwas hinein gelesen.

  1. Ja ich schließe mich den Kommentatorinnen an. Wunderbare inspirierende Rezensionen, die in die Tiefe gehen, Verbindung schaffen und und das empfinde ich als Wesentlichstes: Neues erschaffen. Es ist völlig anders, als das was ich bisher las und erschafft etwas. Ein neuer Blick. Klug, neugierig, verbindend.

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