Kalenderwoche 24/25: Lesebericht.

Lesebericht

Dieses Mal ein Lesebericht der KW 24 und 25 zusammen, um nicht allzu sehr in Verzug zu geraten. In den letzten zwei Wochen beschäftigte mich vor allem die Re-Lektüre von Max Frisch und der erneute Versuch, mich in das Notizbuchwerk von Simone Weil einzuarbeiten. Ich las also Mein Name sei Gantenbein und Montauk sowie kleinere Prosastücke von ihm. Das Verrückte: Ich konnte mich beim Lesen nicht einmal mehr daran erinnern, dass ich die Texte bereits gelesen habe. Nur bei Montauk blitzte hier und da ein Hauch von Erinnerung durch, aber Gantenbein las ich, als hätte ich es noch nie zuvor gelesen. Ich ziehe in Betracht, dass ich früher ein viel zu hastiger und oberflächlicher Leser gewesen bin, d.h. ich habe nicht einmal versucht zu verstehen, wenn ich etwas nicht verstand, sondern überlas es einfach. Ein oberflächliches Lesen verträgt Simone Weils Texte gar nicht. Ingeborg Bachmann beschreibt Weils Stil in ihrem Sprech- und Radiostück Das Unglück und die Gottesliebe – Der Weg Simone Weils wie folgt:

Simone Weil ist keine Schriftstellerin gewesen. Sie war nicht produktiv. Sie hat nicht geschrieben, um zu schreiben und etwas zu schaffen, das für sich stehen konnte, sondern Schreiben war für sie – neben starken kritischen und pädagogischen Impulsen – vor allem eine Übung. Eine Übung, die sich zwischen Demut und Rebellion bewegte und wichtig war, solange für sie der Abstand zwischen »wissen« und »von ganzer Seele wissen« nicht überbrückt war.

Ingeborg Bachmann aus: „Das Unglück und die Gottesliebe – Der Weg Simone Weils“

Es beschreibt sehr gut, warum mich unproduktives Schreiben wie jenes von Weil oder Emile Cioran oder Walter Benjamin so begeistert.

Nun wieder zu meinen Kategorien: „Gekauft“, „Spiegel Bestseller-Liste“, und „Gelesen“. Ich füge nun auch die Kategorie „Zu schreiben“ an, um mich zu erinnern, welche Leseberichte noch ausstehen.

Gekauft:

Ernst Bloch: Das Materialismusproblem seine Geschichte und Substanz – das Buch fehlte mir von seinen Gesammelten Werken. Im Gegensatz zur dialektischen Logik ist der Materie-Begriff von Bloch stets wieder ein Quell an Inspiration und Fröhlichkeit. Nirgends schreibt er lebensbejahender, entgrenzender, ozeanischer als dort, wo er sich von aller typischen philosophischen Diktion lossagt:

Ist sie doch bei ihm die bewegungsreiche, formreiche, die über quantitativer Grundlage qualitativ sich entwickelnde. Sie ist als Substrat dieser stufenweisen Entwicklung ebenso die alles »nach Maßgabe des Möglichen« – bedingende, wie vor allem, die für alles – als »In-Möglichkeit-Sein«, als »Objektive Möglichkeit« – veranlagte. Das ist ein reicherer Begriff der Materie als der bloß mechanische, bleibt dieser auch durchaus seines Orts bestehen, doch unterhalb der weiteren, qualitativen Bewegungen, Veränderungen, Verwandlungen.

Ernst Bloch aus: „Das Materialismusproblem“

Bloch will im Grunde Avicennas und den antiken Kosmosbegriff für die Moderne zurückgewinnen.

Simone Weil: Cahiers – Aufzeichnungen. Band 1, Band 2, Band 3 – Simone Weil besitzt eine eigenartige Ausstrahlungskraft. Ich besaß bislang Band 4 der Cahiers und habe das Radiostück von Bachmann zum Anlass genommen, die restlichen Bände zu kaufen. Weils Seinsbegriff hat sich mir noch nicht erschlossen, und ich warte noch auf den richtigen Zeitpunkt, mich in dieses mysteriöse Denken und Schreiben zu stürzen:

Die unbewusst erlittene Identität der Gegensätze ist das Böse. Die verstandene Identität ist das Gute.
Die senkrechte Schichtung von untereinander koexistierenden, koinzidierenden und transzendenten Ebenen bewirkt Schönheit. Die so vereinten Gegensätze sind ihre vollständige Übereinstimmung […]

Simone Weil aus: „Cahiers 3“ (Heft 9, März 1942)

Auf fast jeder Seite findet man solche Einwürfe. Ein dichteres, gelebteres Denken ist kaum vollstellbar.

Heinz Strunk: Ein Sommer in Niendorf – meine dieswöchige Wahl aus der Spiegel Belletristik-Bestseller Liste.  Sein letzten Buches Es war immer so schön mit dir habe ich bereits besprochen. Sein Stil hat sich nicht verändert. Er beschreibt immer noch eine schnöde und hässlich gewordene Welt in klebrig-zuckersüß-sanften Farben, hier die des Protagonisten Dr. Roth:

Die Sonne sinkt in Tönen von geronnenem Rot und geht allmählich in eine weiche verhauchende Mattigkeit über, der Strand saugt sich im Dämmer mit Licht voll. Schön ist das. Roth nickt wieder ein. Als er aufwacht, ist die Röte des Himmels auf einen schmalen Streifen über dem Horizont reduziert. Das Dunkel ringsherum wird dichter, und der Himmel vergrößert sich, als würde er mit der ausgebrannten Schlacke angefüllt, aus der das Universum gemacht ist.

Heinz Strunk aus: „Ein Sommer in Niendorf“

Im Grunde eine Re-Imagination von Joseph Roths Die Legende vom heiligen Trinker, die ich zu Kontextualisierung erneut lesen werde, wiewohl ich meines Erachtens sie ebenfalls bereits gelesen habe, mich aber nicht mehr erinnere.

Sasa Stanisic: Vor dem Fest – das ich mir auf Empfehlung von Xeniana gekauft habe und auf das ich sehr gespannt bin. Ich habe noch nichts von ihm gelesen.

An der Tür ein Poster von Alaska. Alles blau, blaue Berge, Himmel, Wasser, Eisbären. Gölow würde gerne mal nach Alaska. Geld wäre nicht das Problem, aber finde mal Zeit. Auch Barbara wäre vielleicht – vielleicht wäre solch eine Reise für Barbara jetzt nicht gut. Eine Anlage in Alaska, das wäre doch was. Mit den heutigen Klimasystemen ginge sogar der Mond, Kajakfahren, Lachs angeln, und die schneebedeckten Berge spiegeln sich in allem, was spiegeln kann. Blau. Die blaue Abgeschiedenheit und Ruhe.

Sasa Stanisic aus: „Vor dem Fest“

Erinnert mich beim Durchblättern sofort an Zandschower Klinken von Thomas Kunst, das mir bereits anderthalb Mal viel Freude bereitet hat.

Arnold Metzger: Freiheit und Tod – beim Durchlesen des dritten Bandes von Gotthard Günters Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik bin ich auf Metzger gestoßen. Sehr eigentümlicher Philosoph, mehr oder weniger aus einer materialistisch geläuterten Husserl-Phänomenologie entsprungen. Das Buch ist noch kostspielig antiquarisch zu erstehen. Ich habe sogar eine Erstauflage ergattern können.  

Philosophie tritt gewissermaßen auf der Stelle. Sie schreitet nicht fort in der Erforschung des Seienden. Sie ist die ewige Wiederholung der Reflexion auf dasselbe: darauf, den in der Idee des Einen (der Orientierung des Mannigfaltigen an dem Einen) verborgenen Horizont offenzulegen.

Arnold Metzger aus: „Freiheit und Tod“

Das hört sich für mich wie ein existenzial-philosophisch gesättigter Ernst Bloch an oder ein metaphysisch angehauchter Niklas Luhmann an. Ich bin sehr gespannt.

Spiegel Belletristik Bestseller-Liste:

Im Folgenden die Liste selbst, reformattiert, und mit Links versehen, bei denen bereits ein Lesebericht vorliegt:

  1. Crescent City – Wenn ein Stern erstrahlt – Sarah J. Maas
  2. Eine Frage der Chemie – Bonnie Garmus
  3. Ein Sommer in Niendorf – Heinz Strunk
  4. Die Toten von Fleat House – Lucinda Riley
  5. Milde Gaben Donna Leon
  6. Was ich nie gesagt habe – Susanne Abel
  7. Affenhitze – Volker Klüpfel; Michael Kobr
  8. Morgen kann kommen – Ildikó von Kürthy
  9. Der Papierpalast – Miranda Cowley Heller
  10. Stay away from Gretchen – Susanne Abel
  11. Der Geschichtenbäcker- Carsten Sebastian Henn
  12. Tête-à-Tête – Martin Walker
  13. Schreib oder stirb – Sebastian Fitzek; Micky Beisenherz
  14. City on Fire – Don Winslow
  15. Lonely Heart – Mona Kasten
  16. Der Buchspazierer – Carsten Henn
  17. Der Markisenmann – Jan Weiler
  18. Dann lassen wir eben die Heizdecke weg! – Renate Bergmann
  19. Die Enkelin – Bernhard Schlink
  20. Die Diplomatin – Lucy Fricke

Kurz- oder Langrezension sind per Link markiert. Als nächstes werde ich wahrscheinlich Was ich nie gesagt habe von Susanne Abel lesen, aber ich lass mich überraschen, wohin mich die Lesewinde wehen.

Gelesen:

Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein und Montauk – eine detaillierte Lesebesprechung wird folgen. Wahrscheinlich mit einem detaillierten Kritikbericht aus den 1960er Jahren, den ich in Peter Schneiders Atempause: Versuch, meine Gedanken über Literatur und Kunst zu ordnen gefunden habe. Dort rekapituliert Schneider die Kritiken u.a. von Marcel Reich-Ranicki, Reinhart Baumgart und Hans Mayer, um der Unzulänglichkeit der „gegenwärtigen“ Literaturkritik auf die Schliche zu kommen.

Gantenbein am Flugplatz: – man könnte meinen, das komme jeden Tag vor, einmal in jeder Woche mindestens, Gantenbein am Flugplatz und immerzu in dieser gleichen Halle, gestützt auf seinen schwarzen Stock, um Lila abzuholen mit seiner Blindenbrille; dabei kommt es nicht einmal jede Woche vor, Gantenbein weiß, das scheint ihm nur so, als stehe er zeitlebens, so wie jetzt, zeitlebens am Flugplatz und in dieser Halle und genau an dieser Stelle, um Lila abzuholen zeitlebens …

Ob sich mir der Gantenbein noch erschließen wird, wird sich zeigen. Ich befürchte nicht.

Heinz Strunk: Ein Sommer in Niendorf – ein Kurzrezension findet sich hier, eine längere wird in den nächsten Tagen folgen.

Zu schreiben:

Heinz Strunk: Ein Sommer in Niendorf
Max Frisch: Montauk
Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein
Ingeborg Bachmann: Malina
Ingeborg Bachmann: Frankfurter Poetik-Vorlesungen
Werner Bräunig: Rummelplatz
Hermann Hesse: Die Morgenlandfahrt
Ferdinand Schmalz: Mein Lieblingstier heißt Winter
Hari Kunzru: Red Pill

Wie immer würde ich mich über Anmerkungen, Kommentare, freie Assoziationen oder sonstige schriftliche Einwürfe freuen. Ich wünsche allen ein angenehmes, so entspannt wie mögliches Sommersonnenbraten und eine fröhliche Woche!

20 Antworten auf „Kalenderwoche 24/25: Lesebericht.“

    1. Ich bin selbst sehr gespannt – ich weiß eigentlich nie, worauf meine Lesebesprechung hinaus läuft, und Max Frisch ist komplex genug, um bei jeder Lektüre Überraschendes zu bieten. Max Frischs „Stiller“ war mein erstes Lieblingsbuch, geradezu das Leseereignis, das mir die Tür zur Literatur geöffnet hat: „Ich bin nicht Stiller!“ Das hat mich als Teenager sofort überzeugt. Fröhliche Morgengrüße!

      1. Bei mir wars Homo Faber, ein Buch, das mich seeehr faszinierte, und dann gings weiter mit Stiller, Montauk, Tagebücher, Stücke …
        ein großer Schriftsteller, den ich in einem Café in ZH auch mal kurz persönlich kennenlernte 🙂
        Herzliche Morgengrüße vom Lu

      2. Wie spannend, Max Frisch in einem Café zu treffen, wahrscheinlich mit Pfeife in den Mund und bei aufgeschlagener Zeitung 😀 Ich halte Frisch auch für einen sehr besonderen Schriftsteller. Es macht mir gerade Spaß, ihn erneut zu lesen und gut zu finden. Ich lese gerade „Blaubart“, so es die Zeit und die Hitze erlaubt! Herzliche Morgengrüße zurück!

      3. Oh ja, das war schon sehr aufregend (damals war ich ja noch sehr jung, kannte ein paar Texte = Stücke nur von der Schule, so wie bei Dürrenmatt). Und in der Tat: mit Zeitung und Pfeife 🙂

  1. ich bin schon allein von der Disziplin fasziniert, Bücher nicht nur so gründlich zu lesen, sondern sozusagen auch noch Buch darüber zu führen. Und dann freue ich mich sehr auf deine Gedanken zu Simone Weil.

    1. Ich werde mit dem „Fabriktagebuch“ anfangen, denke ich, und mich langsam in diese wunderbar mysteriöse Gedankenwelt hineinwagen! Zur Disziplin, ich wünschte, ich hätte diesen Blog schon seit zwanzig Jahren geschrieben, dann müsste ich nicht immer im Gedächtnis kramen und suchen – so ist es aber dann auch ein Abenteuer in die eigenen Lesezeitalter. Hat beides etwas für sich. Momentan bereitet es mir viel Freude, mehr als ich es erwartet habe, und mein Lesen hat wieder Schwung bekommen. Vielen Dank für deinen netten Kommentar. Hast du schon etwas von Simone Weil gelesen?

      1. ja, ich bin über Anne Carson auf Simone Weil gekommen. Sie hat in Decreation u.a. über Weil geschrieben, das hat mich neugierig gemacht. Ich bin auch neugierig geblieben, aber dann fehlte wieder die Zeit weiter einzusteigen in die Weil Lektüre, obwohl das bestimmt super lohnend ist. Ich lese jetzt mal bei dir mit, und gucke, ob ich daraufhin auch etwas nachlese.

      2. Anne Carson kannte ich noch nicht. Vielen Dank für den Tipp. Ich werde weiterhin über Simone Weil schreiben. Ich denke, es ist an der Zeit für mich. Bin selbst gespannt, was dabei herauskommt.

    1. Mich interessieren Leseeindrücke sehr. Vielleicht entfaltet das Buch auch eine weitere Ebene, wenn das Lesen weit zurückliegt. Gibt es eine Szene, eine Stimmung, an die du dich besonders erinnerst? Die besonders präsent ist?

  2. Die Zandchower Kliniken haben sich mir nicht erschlossen. Dafür liebe ich Gantenbei um so mehr. Dieses Spiel mit dem was wäre wenn.:
    Montauk habe ich mehrmals gelesen. Ich lese Frisch einfach sehr gern. Seine Sprache ist so klar und präzise.

    1. Montauk gehört zu meinen Lieblingstexten, einfach wegen dieser freundlichen, bescheidenen, nichtsdestotrotz selbstbewussten Art. Über Gantenbein folgt diese Woche ein Text, hoffentlich. Ich werde noch mal deine Lesenotizen konsultieren. Vielen Dank!

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