Daniela Dröscher: „Lügen über meine Mutter“

Daniela Dröscher: „Lügen über meine Mutter“
Ein doppelzüngiger Bericht … Spiegel Belletristik-Bestseller (37/2022)

Was zeichnet eigentlich einen Roman aus? Ist er nur eine verschriftlichte lange Rede, ein transkribiertes Gespräch, ein überlanger Monolog einer einzelnen Person? Oder gehört zum Roman eine Art eigene Sprache, die dem Alltagsgespräch eine andere, nicht unbedingt neue, dennoch weitere Dimension verleiht? Diese Fragen werfen ein Licht auf das, was gemeinhin die Authentizität des Erzählens genannt wird. Daniela Dröschers neuer Roman Lügen über meine Mutter stellt mit dem Titel ebenfalls die Frage nach Wahrheit und Wirklichkeit in Abgrenzung zur Lüge und Fiktion. Der Roman beginnt zudem mit einem dazu passenden Zitat von Emily Dickinson:

»Sag Wahrheit ganz
doch sag sie schräg
Erfolg liegt im Umkreisen
Zu strahlend tagt der
Wahrheit Schock
Unserem Begreifen
Wie Blitz durch freundliche Erklärung
Gelindert wird
dem Kind
Muss Wahrheit sachte blenden
Sonst würde jeder blind.«

Emily Dickinson aus: „Sämtliche Gedichte“ (Hrsg. G. Kübler, 1872, 1263, S. 998)
„Daniela Dröscher: „Lügen über meine Mutter““ weiterlesen

Ralf Rothmann: „Die Nacht unterm Schnee“

Ralf Rothmann "Die Nacht unterm Schnee"
Vom Krieg und anderen Schrecken … Spiegel Belletristik-Bestseller (33/2022)

Selten verirren sich Romane in die Bestsellerlisten, die auf Erklärungen, Begründungen, in sich geschlossene Erzähllogiken verzichten. Typischerweise läuft alles auf die Struktur des klassischen Kriminalromans hinaus: Es wird von einer Tat, einem Ereignis berichtet, und der Roman liefert dann Grund und Auflösung nach. So verstanden stellt der Roman nur einen sehr langen Text zum kurzen Aufmacher dar. Als Beispiel sei Jan Weilers Der Markisenmann genannt, in der nach und nach der Grund aufgerollt wird, weshalb der Vater seine Tochter seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen hat, oder Susanne Abels Was ich dir nie gesagt habe, wo eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung auf eine Lüge, ein Stillschweigen, ein Geheimnis zurückgeführt wird. Ralf Rothmanns Roman Die Nacht unterm Schnee handelt ebenfalls von einer Familientragödie, aber diese stellt nur den Rahmen für ein sprachliches Unterfangen der besonderen Art dar:

Kein Laut in der Nacht, auch kein entfernter Geschützlärm, an dem sie sich orientieren konnte. Soweit sie sah, verschneites Ackerland, von braunen Panzerspuren durchfurcht, und manchmal, wenn sie die fiebrig heißen Lider schloss, war das Fallen der größeren Schneeflocken in ihrer Nähe zu hören, ein unendlich zartes Geräusch, wie es entsteht, wenn jemand mit feuchten Fingerkuppen auf die Tischplatte klopft. Doch als wäre diese Stille lediglich ein Raum für den Unglauben derer gewesen, die den Soldaten in den Ställen ausgeliefert waren, ein Atemholen des Entsetzens, zerriss im nächsten Moment ein langgezogener Laut die Nacht.

Ralf Rothmann aus: „Die Nacht unterm Schnee“
„Ralf Rothmann: „Die Nacht unterm Schnee““ weiterlesen

Isabel Allende: „Violeta“

Isabel Allende: "Violeta"
Ein in der Weltgeschichte … Spiegel Belletristik-Bestseller (32/2022)

Familienchroniken werden in der Literatur oft beschrieben. Der Aufstieg und Fall, die Tragödien und Komödien miteinander verwandter Menschen bilden ein eigenes Universum, ein soziales System, eine Welt für sich. Die Familie fungiert in diesen Romanen wie eine Monade der Gesellschaft, fensterlos, ganz im Sinne von Gottlieb Wilhelm Leibniz, als fraktaler Teil des Ganzen, ein Ganzes für sich, das das Ganze spiegelt und repräsentiert. Es gibt viele Beispiele für diese Art von Roman, wie im letzten Jahr Jonathan Franzens Crossroads, in welchem eine Pfarrersfamilie durch dick und dünn mit- und gegeneinander geht, um sich selbst und anderen auf die Schliche zu kommen. Paradigmatisch für all diese Werke steht möglicherweise Thomas Manns Roman Die Buddenbrooks – Verfall einer Familie. Isabel Allende hat mit ihrem neuesten Roman Violeta, aus dem Spanischen von Svenja Becker übersetzt, eine Art Inversion von Die Buddenbrooks vorgelegt. Der Roman beginnt und endet nicht mit dem Zerfall einer unternehmerischen Großfamilie im Chile der 1930er Jahre:

Zwei Tage nach dem Sturz der Regierung bekam Arsenio del Valle den Gnadenstoß, als man ihn anwies, das große Haus der Kamelien zu verlassen, in dem er und alle seine Kinder geboren worden waren. Man gab ihm eine Woche, um es zu räumen. Außerdem wurde ein Haftbefehl gegen ihn erlassen wegen Betrugs und Steuerhinterziehung, wie es sein Sohn José Antonio seit langem befürchtet hatte.
Niemand hörte den Schuss in unserem riesigen Haus mit seinen vielen Räumen, wo die Rohre rauschten, das trockene Holz knarzte, die Mäuse verborgen in den Wänden scharrten und die Bewohner ihren Alltagsgeschäften nachgingen. Erst am nächsten Morgen fand ich meinen Vater, als ich in die Bibliothek ging, um ihm eine Tasse Kaffee zu bringen, wie ich es öfter tat, seit die Dienstmädchen entlassen worden waren.

Isabel Allende aus: „Violeta“
„Isabel Allende: „Violeta““ weiterlesen

Kalenderwoche 30/31. Lesebericht.

Kalenderwoche 30/31. Lesebericht.

Ich habe viel Zeit auf die Recherche nach Rezensionen, Leseberichten und Sekundärtexten über Elfriede Jelineks Romane verwendet. Erstaunlicherweise nicht viel gefunden. Es gibt eine sehr hilfreiche Besprechung von Andrea Geier auf literaturkritik.de gefunden. Der üblicherweise herangezogene Band Realien zur Literatur von Marlies Janz in der Sammlung Metzler über Elfriede Jelinek beinhaltet nicht die Besprechung von Die Kinder der Toten, und Janz hat nur noch, scheinbar, einen sehr schwer zugänglichen Aufsatz über Jelineks letzten Roman geschrieben. So viel dazu.  Ich befürchte einfach, es gibt nicht viele, die dieses Buch gelesen habe, und das finde ich schade. Andrea Geier schreibt in ihrer Besprechung Lob mit Fußtritten anlässlich der Nobelpreisvergabe für Jelinek:

Zu reden wäre über zu vieles: Über das Projekt der „Entmythologisierung“ und eine Programmatik der „Seichtheit“, über Wiederholung und Intertextualität als Strukturprinzip, über Lust an der Übertreibung jenseits der Schmerzgrenze, über Trivialität und Alltagsmythen, Ironie, Parodie und die Lust am Kalauer, über Autorschaft, die mit der Gestik des Verschwindens spielt, über Sprachbeherrschung und Sprachüberflutung, vor allem aber über die Entwicklung einer Schriftstellerin, die sich eben nicht nur mit der Welt, sondern zuallererst mit anderen Texten aus vielfältigen Bereichen und mit dem Schreiben auseinander setzt und dabei stets die formalen Möglichkeiten von Genres und Gattungen ausreizt und sprengt.

Andrea Geier: „Lob mit Fußtritten“
„Kalenderwoche 30/31. Lesebericht.“ weiterlesen

Kalenderwoche 28/29: Lesebericht.

Kalenderwoche 28/29: Lesebericht
Eine Reise durch die literarische Nacht …

Die letzten beiden Wochen standen nicht nur unter dem Zeichen krasser Sommerhitze und Arbeit, Blitzen, Donner und Regengüssen. Der Zusammenstoß zwischen Natur und Gemüt, Somnambulie und Reflexion, wurde zudem befeuert von Bachmanns Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit und Elfriede Jelineks Die Kinder der Toten. Beide Texte haben mich auf ihre eigene Weise in Beschlag genommen. Werde ich bei Bachmanns Aufzeichnungen das Gefühl nicht los, ungefragt in ihre Privatsphäre einzudringen, gibt mir Jelinek das Gefühl, dass es so etwas wie Privatsphäre gar nicht gibt oder geben kann, dass im Grunde immer alles offenliegt. Jelineks Buch hat mich letztlich sehr viel Kraft gekostet. Seit Jahrzehnten habe ich es lesen wollen und wusste doch immer, nach zwanzig, dreißig Seiten, dass die Zeit einfach noch nicht kommen war. Nun, nach der erneuten Lektüre von Malina, passte es. Unterwegs lesend, jeden Satz studierend, gegen die Ohnmacht der barocken Allegorien ankämpfend, bahnte ich mir einen Weg durch dieses Mammutsatzgewucher. Nicht ohne Freude, aber auch nicht ohne Schrecken. Sie hat alles in die Waagschale geworfen und man merkt es:

„Die Kinder der Toten“ ist sicher mein wichtigstes Werk. Es enthält alles, was ich sagen wollte; es hätte eigentlich genügt, dieses eine Buch zu veröffentlichen.

Elfriede Jelinek aus: „Interview mit profil“ (2004)
„Kalenderwoche 28/29: Lesebericht.“ weiterlesen

Susanne Abel: „Was ich nie gesagt habe“

Susanne Abel: „Was ich nie gesagt habe“
Eine Reise durchs kulturelle Unbewusste … Spiegel Belletristik-Bestseller (27/2022)

Gibt es eine in sich runde Form, die aus konsequenter Formlosigkeit besteht? Ein Erzählen, das so naturalistisch daher kommt, dass der leiseste Anspruch an Wortwahl, Satzkomplexität, an überraschenden grammatikalischen Strukturen ins Leere geht? Tatsächlich gibt es diese Form des nüchternen, fast aus dem Leben gegriffenen Erzählens, eine Art Protokoll des Seelenlebens, ein Traum, ein Trauma frei von der Leber weg geschrieben. Ein Beispiel dafür ist Susanne Abels Gretchen-Reihe, in der Greta „Gretchen“ Schönaich und Konrad „Conny“ Monderath einen Neuanfang inmitten der Katastrophe suchen und versuchen:

Wie jeden Sonntag schlenderten sie den Berg hinauf. Rechts und links breiteten sich Wiesen aus, auf denen erstes zartes Grün sprießte, das eingerahmt war von Sträuchern, deren Knospen sich von den Sonnenstrahlen ins Leben küssen ließen. Es roch nach Neuanfang und Aufbruch. Conny wusste, heute musste er es ihr sagen. Sie bogen auf den Philosophenweg ein, und er steuerte gezielt das Philosophengärtchen an. »Sollen wir uns da hinten auf diese Bank setzen?« »Welche?«, fragte Greta. »Die unter der Buche.«

Susanne Abel aus: „Was ich nie gesagt habe“
„Susanne Abel: „Was ich nie gesagt habe““ weiterlesen

Kalenderwoche 26: Lesebericht.

Kalenderwoche 26: Lesebericht.

Mich beschäftigt momentan durchweg das Ingeborg Bachmann-Max Frisch Enigma. Vielleicht nehme ich es nur zum Anlass, um mich durch das Werk von den beiden zu lesen, und mich daran zu erinnern, weshalb die Literatur seit dem ersten Satz in Stiller einen zentralen Stellenwert in meinem Leben erhalten hat. Der erste Satz lautet:

Ich bin nicht Stiller! – Tag für Tag, seit meiner Einlieferung in dieses Gefängnis, das noch zu beschreiben sein wird, sage ich es, schwöre ich es und fordere Whisky, ansonst ich jede weitere Aussage verweigere.

Max Frisch aus: „Stiller“

Kaum lese ich den Satz, möchte ich weiterlesen. Auf seine Art und Weise wird Stiller das Leseerlebnis schlechthin bleiben, wiewohl viele andere folgten. Der Aufruf, nicht mehr still zu bleiben, still zu sein, nicht mehr stillgestellt bleiben zu wollen, sondern von sich und seinem Leben erzählen, all dies evoziert das Ausrufezeichen, der Widerstand, das mutige und fröhliche Aufbegehren gegen den Stillstand. Dazu passend Ingeborg Bachmann:

So ist die Literatur, obwohl und sogar weil sie immer ein Sammelsurium von Vergangenem und Vorgefundenem ist, immer das Erhoffte, das Erwünschte, das wir ausstatten aus dem Vorrat nach unserem Verlangen – so ist sie ein nach vorn geöffnetes Reich von unbekannten Grenzen.

Ingeborg Bachmann aus: „Frankfurter Vorlesungen“
„Kalenderwoche 26: Lesebericht.“ weiterlesen

Uwe Tellkamp: „Der Schlaf in den Uhren“ (i: Inhalt)

Uwe Tellkamp: "Der Schlaf in den Uhren"
Chronik einer Sprachmaschine … Spiegel Belletristik-Bestseller (22/2022)

Der satt 900 Seiten umfassende neue Roman von Uwe Tellkamp Der Schlaf in den Uhren hinterlässt ein eigenartiges Potpourri an Eindrücken. Er liest sich schwer und umständlich. Die Seiten liegen bleigedruckt vor den Augen. Absatz für Absatz fallen sie zu. In den Ohren das nachhallende Geraune. Dazwischen eine leise, sich wundernde Stimme: Was lese ich da? Die Orientierung zwischen den Zeitebenen, den Figuren, zwischen den Handlungssträngen geht schnell verloren. Zwischen Personalpronomina, Chiffren, Vor- und Zunamen, je nach Zeitpunkt verheiratet, geschieden, ledig gehen die Figuren allzu schnell ineinander über. Um meinen Leseeindruck also zu bündeln, nähere ich mich in aufeinanderfolgenden Schritten: vom Inhalt über die Form zum Text. Ich beginne mit dem Inhalt.

„Uwe Tellkamp: „Der Schlaf in den Uhren“ (i: Inhalt)“ weiterlesen

David Wonschewski: „Blaues Blut“

David Wonschewski: "Blaues Blut"
Lebensfrohe Selbstbeschimpfung …

Sich in Selbstmitleid ertränkende Männer stehen in der Gegenwartsliteratur hoch im Kurs. In Heinz Strunks Es war immer so schön mit dir stellt ein solcher einer magersüchtigen Schauspielerin nach und gerät in einen Mahlstrom der Selbsterkenntnis. Michel Houellebecq inszeniert in Vernichten das Regredieren aufs Minimalniveau kurz vor dem Tod. Und Quentin Tarantino will die Welt nicht so, wie sie ist, und flüchtet sich in Es war einmal in Hollywood mit seinem Protagonisten in das Hollywood der 1970er Jahre. Zu nennen seien noch Yoga von Emmanuel Carrère, Das Traumbuch von Martin Walser und Maxim Billers Der falsche Gruß. Bis auf Walsers beinahe nur als Lyrikband zu bezeichnende Sammlung von Prosatexten eignet all diesen eine gewisse Verdrossenheit, anämische Resignation an. David Wonschewski schüttelt diesen etwas bleiernen Diskurs mit Blaues Blut ordentlich durch und lässt kaum einen Stein auf den anderen:

Weil dein Boss vor allen Kollegen ‚Das ist mein Maaaannn‘ gerufen und mit dem Zeigefinger auf dich gedeutet hat, während die erblassenden Kollegen um dich herumgestanden und hemmungslos auf dich einapplaudiert haben. Und du, der nie zuvor einer Massenvergewaltigung beigewohnt hat, kniest am Abend deiner gloriosen 11,25-Performance in bester Blowjob-Haltung vor dem Klo, bläst aber nicht, sondern reiherst dir die Eingeweide aus dem Leib. Vor Scham, vor Ekel, vor Abgegriffenheit. Bist du Arbeitnehmer, bist du Dirne, denkst du, als du den Klodeckel nach deiner Reiherarie kraftlos zurück auf den Sitz fallen lässt.

David Wonschewski aus: „Blaues Blut“
„David Wonschewski: „Blaues Blut““ weiterlesen

Kalenderwoche 18: Lesebericht.

Lesen in der Sonne.

Die Sonne macht es einem leichter am Fenster zu lesen. In dieser Woche habe ich mich vor allem mit Gotthard Günthers Die Amerikanische Apokalypse beschäftigt und in Hannah Arendts Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft gelesen. Günther hat eine gewisse Leichtigkeit der Geschichte gegenüber, fast schwadronierend, leichtfertig, unbesonnen, die gut Arendts zum Schwermut tendierenden, die Reflexionszonen des Soziologischen und Historischen aussondierenden Stil ausgleicht. Eigentlich hatte ich noch Ulrich Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W. erneut lesen wollen. Aber es klappte wieder nicht (obwohl die Sonne schien). Jean Paul schrieb zwar:

„Ein Buch, das nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, ist auch nicht wert, dass man’s einmal liest.“

Jean Paul aus: „Siebenkäs“ – Vorrede

Doch es gibt so viele Bücher, dass es kaum möglich ist, die bereits gelesenen nochmals zu lesen, obwohl sie es verdient hätten. Plenzdorf gehört dazu. Nun zu meiner dreigliedrigen Liste – gekauft, angelesen, ausgelesen:

„Kalenderwoche 18: Lesebericht.“ weiterlesen