Kazuo Ishiguro: „Klara und die Sonne“

aus Liebe zu den Dingen … Spiegel Belletristik-Bestseller (17/21)

Schon die ersten Zeilen des Romans „Klara und die Sonne“ von Kazuo Ishiguro verweisen darauf, dass man es mit einem besonderen Werk zu tun. Es ist das neueste Buch des britischen Nobelpreisträgers für Literatur von 2017. Eine Stimme erklingt, und sie erklingt sofort als neu, als ungewohnt, als sanft und zurückhaltend. Der Roman beginnt nicht mit einem Paukenschlag. Er drängt sich nicht auf. Ja, man hat beinahe das Gefühl, dass der Roman einen im Grunde nicht einlädt, aus Neugier weiterzulesen. Er reizt nicht. Die Sprache ist spröde. Sie ist einfach. Sie ist beinahe stillos. Sie zielt nicht auf das Hohe, Tiefe, Weite und Bedeutsame. Sie spreizt sich nicht auf. Sie nennt die Dinge einfach, ohne Grund und Notwendigkeit. Sie behauptet sich nicht in einer schnellen und lauten Welt. Sie versucht es nicht einmal. Es ist ein sehr stilles und sentimentales Buch.

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Daniela Krien: „Der Brand“

Mit dem Hochgeschwindigkeitszug durchs eigene Problembewusstsein … Spiegel Belletristik-Besteller (32/2021)

Von Georg Wilhelm Friedrich Hegel heißt es, er habe gesagt, dass die Rätsel der alten Ägypter ebenso Rätsel für die Ägypter selbst waren. Also, nicht nur für uns. In Bezug auf die Rätsel der alten Ägypter sitzen wir also mit den Ägyptern im selben Boot. Von dem Roman „Der Brand“ der Autorin Daniela Krien lässt sich Ähnliches sagen. Nicht ohne Grund beginnt der Roman mit einem Zitat von Ernst Cassirer: „Der Widerspruch ist ein Grundmoment des menschlichen Daseins.“ Der durchgehaltene Widerspruch jedoch kann in einem unglücklichen Bewusstsein enden, oder durchschritten, als aufgehobener, im Wachstum münden. In Daniela Kriens Roman läuft alles aufs Unglück hinaus. Er handelt von einem Ehepaar, Peter und Rahel, das Haus und Hof einer Familienfreundin, Edith, in der Uckermark hütet, während diese mit ihrem Ehemann Viktor in einer Reha-Klinik weilt, nachdem Viktor einen schweren Schlaganfall hatte.

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Heinz Strunk: „Es war immer so schön mit dir“

Geschrieben mit Wut im Bauch … Spiegel Belletristik-Bestseller (31/2021)

Heinz Strunk wäre es beinahe gelungen, mit „Es ist immer so schön mit dir“ eine interessante Variante schonungsloser Selbstentblößung eines männlichen Protagonisten vorzulegen. Von Anfang an lässt der Roman keinen Zweifel daran aufkommen, dass man einer Selbstdestruktion und -dekonstruktion beiwohnt. Ein mittelalter Mann, in den Vierzigern, Tontechniker und gescheiterter Popkünstler, trennt sich wegen einer zwanzig Jahre jüngeren Frau, Julia und werdende Schauspielerin, von seiner langen Lebenspartnerin, Vanessa, die Mathematiklehrerin ist. Bezeichnenderweise besitzt die Hauptfigur nicht einmal einen Namen. Sie bleibt ein „er“, wird nie namentlich angesprochen, ein einziges „du“, das jedoch nicht im Ansatz als Projektionsfläche dient. Geheimes Thema des Romans scheint es gewesen zu sein, eine Hauptfigur zu kreieren, die nichts und niemand gut finden kann und will.

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Johanna Adorján: „Ciao“

Überholen, ohne einzuholen…
Spiegel Belletristik-Bestseller (29/2021)

Der Roman „Ciao“ von Johanna Adorján antwortet auf die aktuelle Diskussion um das Stichwort „cancel culture“ herum. Es kann mit Sicherheit als Antwort auf „Die Kandidatin“ von Constantin Schreiber und „Über Menschen“ von Juli Zeh gelesen werden. In diesem Sinne würde es als eine liberale Antwort eine Form von Mitte suchen, Gegensätze vermitteln, beide Seiten zur Sprache kommen lassen, ohne die eine gegen die andere Seite auszuspielen. „Ciao“ kann in dieser Hinsicht glücklicherweise als gescheitert gelten, denn es enthebt sich aller diskursiven, argumentativen Mühen, pocht darauf, Fiktion zu sein, und nimmt eine Außenposition an, nämlich die, reine Unterhaltung zu bleiben und sein zu wollen, einen Slapstick aufzuführen, bei dem niemand sich schlecht fühlen muss, und sich sogar eine Art Happy End erlaubt.

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Quentin Tarantino: „Es war einmal in Hollywood“

Pathologisches aus erwartbarer Richtung … Spiegel Belletristik-Bestseller (26/2021)

Quentin Tarantino ist mit „Es war einmal in Hollywood“ unter die Romanschriftsteller gegangen. Die Protagonisten dieses Buches lauten Rick Dalton, ein abgehalfterter Western- oder Actionfilmstar, und Cliff Booth, sein Stuntdouble. Der Plot lässt sich in wenigen Worten umreißen. Rick Dalton hat den Sprung in den engen Kreis der Hollywoodstars nicht geschafft und versucht, sich neu zu erfinden. Am Ende erlangt er durch einen Zufall zur erneuten Berühmtheit. Cliff und Rick töten drei Hippie-Einbrecher, die in sein Haus eingedrungen waren, unter anderem mit einem Übungsflammenwerfer, und machen in allen Medien Schlagzeilen. Im Großen und Ganzen geht der vierhundert Seiten lange Roman um Rick Daltons Schaffenskrise, Selbstzweifel und Versuche, aus der Sackgasse seiner Filmkarriere zu gelangen. Rund um diesen Minimalplot spinnen sich diverse Nebenhandlungen. Roman Polanskis Ehekrise, Charlie Mansons Träume, ein Rockstar von Kaliber Bob Dylans zu werden, und eben Hollywood 1969 – wie der Umschlagtext besagt: „Du hättest dabei sein sollen“.

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Simon Beckett: „Die Verlorenen“

Positivistische Abgründe … Spiegel Belletristik-Besteller (26/2021)

Flugzeugessen ist optimiert auf hohen Fettgehalt. Die Portionen sind klein, die Zubereitungs- und Kühlmöglichkeiten beschränkt, so dass wenig, dafür sättigendes, also sehr fettiges Essen aus der Sicht des Fluganbieters sinnvoll ist. Aus der Sicht der Flugreisenden vielleicht nicht, so dass nicht alle Passagiere vom Angebot Gebrauch machen und zulangen. Manche Passagiere verlangt es eher nach Leichtem, nicht Belastendem, insbesondere auf Langstreckenflügen. Ähnliches gilt auch für die Lektüre auf solchen Flügen. Es ist laut. Die Luft ist stickig. Die Arm- und Beinfreiheit beschränkt, so dass nicht viel Konzentration und Energie für eine anstrengende Story bleibt. Man greift daher gerne zu Thrillern.

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Claudia Durastanti: „Die Fremde“

Mit dem Kopf durch die Wand ins fröhliche Leben … Shortlist der Premio Strega

Claudia Durastanti ist eine Journalistin, aktive Redakteurin, vielgereiste Person zwischen Europa und den USA pendelnd, und hat bereits einige Romane selbst geschrieben, und nicht nur über solche auf Festivals und Messen berichtet. Von ihren vier Romanen ist nur „Die Fremde“ ins Deutsche übersetzt. Zudem wurde der Roman auf der Shortlist der Premio Strega gesetzt und ist bislang Durastantis erfolgreichstes Buch. Sie beginnt ihren Roman „Die Fremde“ mit dem Wort „Familie“ als Überschrift, einem Motto von Emily Dickinson: „After great pain, a formal feeling comes“ und nach dem Wort „Mythologie“ mit den ersten Sätzen ihres Textes:

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Irvin D. Yalom und Marilyn Yalom: „Unzertrennlich: Über den Tod und das Leben“

Gegen den Tod und andere Übel … (Spiegel Belletristik-Bestseller 21/2021)

„Unzertrennlich“ von Marilyn Yalom, Historikerin, and Irvin D. Yalom, Psychoanalytiker, ist als Buch in jeder Hinsicht ein Grenzgänger. Es ist seitens Marilyn Yaloms auf dem Totenbett und seitens Irvin D. Yaloms in einem Alter verfasst worden, in welchem der Herztod jederzeit eintreten hätte können. Sie ist 87 Jahre alt geworden und verstarb im November 2019. Ihr Ehemann Irvin lebt noch und ist nur knapp ein Jahr älter, war also bereits 88 Jahre alt, als sie starb. Grenzgänger ist das Buch, weil es zwischen Autobiographie und Literatur, zwischen Dokumentation und Anamnese, zwischen Leben und Tod, zwischen zwei Menschen steht, die sich mittels dieses Texts versuchen zu verabschieden.

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Friederike Mayröcker: „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“

Ein ewigwährender literarischer Frühling … nominiert für den Preis der Leipziger Buchchmesse 2021

Friederike Mayröcker legt mit „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ einen erstaunlichen, überraschenden, in seiner Breite und Tiefe einzigartigen Text vor. Zusammenfassend lässt es sich als poetisches Tagebuch begreifen. Es beginnt am 22.9.2017 und hört am 03.11.2019 auf. In unterschiedlichen Längen und Formaten reflektiert Mayröcker ihr Dasein, das Leben zwischen öffentlich und privat, zwischen berühmten Kollegen und unbekannten Freuden, in intimen Momenten und schmerzhaften Augenblicken. Der Text unterläuft die Einordnung Prosa und Lyrik, und deshalb nennt es die Autorin „ein Proem“ – diese Zwischenform erlaubt eine ungeahnte Freiheit, die abschrecken oder anziehen kann.

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Zeruya Shalev: „Schicksal“

Das Leiden im Vergeben … Spiegel Belletristik-Bestseller 24/2021

Zeruya Shalevs Roman „Schicksal“ handelt von dem Leben und den Beziehungen zweier Frauen mittleren Alters in Israel der Gegenwart, von Atara and Rachel. Atara ist Architektin, 50 Jahre alt, und kümmert sich um Sanierungen von alten Häusern, und Rachel ist eine ehemalige Terroristin, die nach dem zweiten Weltkrieg die britische Besetzung mit Gewalt vertreiben wollte, und danach ein Leben in der Zurückgezogenheit verbracht hat, als Hausfrau und Mutter von zwei Söhnen, der eine gegen alles Israelische eingestellt, der andere dem orthodoxen Glauben beigetreten. Atara ist Mutter von einer Tochter, die in den USA studiert, und von einem Sohn, der Elitesoldat im israelischen Militär geworden ist.

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