Leïla Slimani: „Das Land der Anderen“

Der Versuch einer Verarbeitung der Vergangenheit … (Spiegel Belletristik-Bestseller 23/2021)

Leïla Slimani beschreibt in ihrem Roman „Das Land der Anderen“ Ereignisse rund um eine Familie in Marokko kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Es ist schwierig, in diesem polyphonen Roman Hauptfiguren zu sondieren. Auf dem ersten Blick fällt diese Rolle Mathilde und Amine zu. Mathilde stammt aus dem elsässischen Frankreich, und Amine aus Meknès in Marokko. Sie verlieben sich ineinander, heiraten und ziehen gemeinsam nach Marokko. Zuerst wohnen sie bei Amines Mutter, wo auch sein Bruder und seine Schwester leben. Bald schon siedeln sie über zum Farmland des Erbes, bekommen Nachwuchs, und Amine beschließt, Olivenbaumzüchter zu werden. Die Ereignisse in Marokko beginnen sich zu überschlagen und das Buch endet dort, wo die Unabhängigkeitsbestrebungen beginnen oder ihren Abschluss finden.  

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Constantin Schreiber: „Die Kandidatin“

Wortsalat eines Augenblicksgedächtnisses … (Spiegel Belletristik-Bestseller 18/21)

In „Die Kandidatin“ von Constantin Schreiber wird eine Zukunftsvision der Bundesrepublik Deutschland im Gewande ihrer Gegenwart entworfen. Weit entfernt davon visionär zu sein, werden mit neuen Namen alte Sachverhalte in noch ältere Schläuche gegossen, und herauskommt eine Rhapsodie aneinander gereihter Wörter, die eher an einen Raptext erinnern als an einen Roman. Die Geschichte lässt sich nur als Szenerie wiedergeben: Eine muslimische Kanzlerkandidatin steht kurz vor ihrer Wahl und tritt vehement für das feministische Recht ein, einen Hijab tragen zu dürfen. Sie wird gefeiert und bekämpft. Sie reist nach China, ein Attentat auf sie findet statt, und am Ende läuft sie Gefahr, alles wegen eines schmutzigen kleinen Geheimnisses zu verlieren. Was in dem Roman über die Kanzlerkandidatin Sabah Hussein gesagt wird, gilt vor allem für den Roman selbst:

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Christoph Hein: „Guldenberg“

Ein besorgter Bürger bemüht sich redlich … (Spiegel Belletristik-Bestseller 17/21)

Christoph Hein verarbeitet mit seinem Roman „Guldenberg“ gegenwärtige politische Diskurse über Abwrackprämien, Altersarmut, über Migranten, Fremdenfeindlichkeit, über Karrierewahn in den öffentlichen Institutionen und die seiner Meinung nach zu bedauernde Beschleunigung in allen Bereichen der Gesellschaft. Sein Städtchen Guldenberg dient als Kondensationspunkt vieler Probleme, die einzelne beklagen und derer sie sich ausgeliefert fühlen. Niemand hört auf irgendwen. Der Unternehmer betrügt und wird betrogen. Der Politiker wirbt und wird umworben. Der ‚kleine Mann‘ schimpft und wird beschimpft. Die Migranten beleidigen und werden beleidigt. Das ganze Städtchen ist ein einziges, heilloses Durcheinander von Opfern und Tätern, von Missverstandenen für sich selbst und denen, die andere in die Pfanne hauen, ohne mit der Wimper zu zucken. Niemand gönnt irgendwen irgendetwas, und niemand traut irgendwem eigentlich über den Weg. Mit anderen Worten, Hein beschreibt trocken und teilnahmslos ein soziales System kurz vor dem Kollaps:

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Iris Hanika: „Echos Kammern“

Selbstbefreiende Mythen und von anderen Irrungen und Wirrungen … (Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmessenpreis 2021)

Iris Hanikas Roman handelt von zwei Frauen und zwei Städten, von Sophonisbe und Roxana, Dichterin und Ratgeberschreiberin, und von Berlin und New York, Kreuzberg und Manhattan. Es geht um Sinn, Enttäuschung, Liebe, Karriere, Beruf und Freundschaften. Es geht ums Reisen, um Partys, um Apple-Computer und das „Ingwer-Net“, um Gentrifizierung von Innenstädten, um Veränderungen und den gleichbleibenden Wechseln; vor allem jedoch geht es um den Versuch, seinen Platz in der Welt zu finden, um seinen Beobachtungsstandort zu kennzeichnen, ja, mittels eines solchen, eine Sprache zu finden und zu etablieren, auf dass die Dinge nicht sofort beliebig erscheinen, bar jeder Bedeutung des Inhalts beraubt und entleert werden.

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Sebastian Fitzek: „Der erste letzte Tag“

Hermeneutik, Literaturwissenschaft, Exegesen, Soziologie, Philosophie behandeln immerzu die selbst gestellte Frage, das eigenst erfundene Problem, was denn Literatur von einer Gebrauchsanleitung, ein Gedicht von Prosa, Belletristik von Romanen, Unterhaltung von Kunst unterscheidet, Kitsch von Tiefe, Avantgarde von Brauchtum, Innovation von Reproduktion, Tradition, Bildung von Verblendung und Kulturindustrie. Sie bemühen Kriterien, erheben Anspruch vor Wirklichkeit, den ästhetischen Schein zum Prinzip, übergehen einen Strukturwandel der Öffentlichkeit, voller Sympathie für das Einfache, und doch in rückhaltloser Parteilichkeit für das Differenzierte, Schwierige, ins Tiefe Zielende.

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Bernardine Evaristo: „Mädchen, Frau etc.“

Eine unpathetische Hymne auf die Vielfalt … (Spiegel Belletristik Bestseller 15/21)

Bernardine Evaristo bietet mit ihrem Roman „Mädchen, Frau etc.“ eine eigenartige und bemerkenswerte Kommunikation an. Ihr Roman handelt von zwölf Frauen, verwoben, fern wie nah, verwandt, über mehrere Ecken befreundet, bekannt mit einer Theatermacherin namens Amma, die über ihren rebellischen Schatten springt und ein Theaterstück namens „Die letzte Amazone von Dahomey“ im National Theatre in London inszeniert. Dieses Theaterstück verbindet all diese Schicksale auf vielfältige Weise, bringt jene zusammen, die sich sonst nie kennenlernen oder über den Weg rennen würden: hochtrabende Intellektuelle, miesepetrige Lehrerinnen, drogensüchtige Eventmanagerinnen, abenteuersüchtige Teenager, karriere- und geldorientierte Bänkerinnen, alte wie junge Frauen und Männer aus den verschiedensten Lebenssituationen bunt zusammengewürfelt. Der Text ist so überladen, lang, in sich verknotet und verschlungen, dass er zu einer Momentaufnahme, ein Blitzlicht wird, ein kurzes Photo, ein post in einer langen Reihe von posts, eine story in der story, Gedankeneskapaden inmitten von vielen, anderen, gleichartigen, anderen, ähnlichen Erinnerungen, Eingebungen, Phantasien und Projektionen.  

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Judith Hermann: „Daheim“

Die Selbstvergessenheit als Utopie ….  (Spiegel Belletristik-Bestseller 15/21)

„Daheim“ von Judith Hermann erzählt Geschehnisse an einem Küstendorf oder -städtchen, in das eine Frau um die Vierzig zieht. Sie lebt allein in einem abseitsgelegenen Haus, arbeitet bei ihrem Bruder (Sascha), der eine der Dorfkneipen führt und eine Beziehung mit einem verrückten Partygirl namens Nike führt, die über drei Jahrzehnte jünger als er ist. Nach einem sehr einsamen Winter zieht eine Künstlerin (Mimi) auf das Nachbargrundstück und eine Freundschaft beginnt. Die Geschehnisse drehen sich um Beziehungs- und Elternprobleme, um Missverständnisse und darum, wie man einen Marder fängt, der sich ins Dachgebälk eingenistet hat. Statt jedoch des Marders fängt die Protagonistin mit der Falle des Bruders ihrer Nachbarin (Arild) Katzen und Vögel, lernt aber dadurch diesen Bruder kennen und beginnt eine Affäre. Es passiert also oberflächlich gesehen nicht viel. Hintergründig jedoch behandelt Hermanns Text die Frage, wie überhaupt so etwas wie Wurzeln, ein Zuhause, wie Vertrauen, ein gefühlsmäßiges Koordinatensystem denkbar sind. Leitmotiv von „Daheim“ ist das Reisen und der Wunsch nach der Möglichkeit, anzukommen.

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Steffen Kopetzky: „Monschau“

Hilflos und verliebt in der Eifel … (Spiegel Belletristik-Bestseller 15/21)

Steffen Kopetzkys neuer Roman mit dem Titel „Monschau“ gestattet eine narrative Zeitreise in die Eifel der frühen 1960er der Bundesrepublik Deutschland. Es geht um Alt-Nazis, Aufarbeitung der Vergangenheit, um das Wirtschaftswunder, um Wernher von Braun, um alte Männer, die zu viel essen, humpeln, Kriegsverbrechen begangen haben, um geläuterte Nazi-Ärzte und NSDAP-Mitglieder, um einen griechischen Einwanderer Nikos, der sich in Vera, eine Sartre lesende, Beauvoir zitierende Konzern-Erbin, verliebt, also um das einfache und doch so schwierige Leben der Schönen und Reichen der bunten Nachkriegszeit, die gerne Jazz hören und mit Pocken und Krankheiten nichts zu tun haben möchten. Vor allem aber geht es um eine sehr lokalisierte Pockenepidemie, die von einem Düsseldorfer Dermatologen Stüttgen samt seinem Assistenten Nikos und vielen anderen ungenannten bekämpft und mittels Impfungen zum Versiegen gebracht wird. Mit anderen Worten: Kopetzky hat einen Pandemieroman geschrieben und mit „Monschau“ vorgelegt.

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Amanda Gorman: „The Hill We Climb“

Eine mit sich selbst zerstrittene Übersetzung … (Spiegel Belletristik-Bestseller 14/2021).

Anlässlich der Inauguration des 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika trug Amanda Gorman ein Gedicht namens „The Hill We Climb“ vor. Dieses Gedicht liegt nun in deutscher Übersetzung vor. Kübra Gümüsay hat den Text in die deutsche Alltagssprache übertragen und diesem dadurch eine Breitenwirkung verliehen, die sich in dem sofortigen Bestsellerstatus niederschlagen konnte. Der Text ist kurz, die intendierte Botschaft klar und die Rahmenbedingung weisen auf seine rhetorische Funktion hin. Die interessante Frage, die sich aufdrängt und die auch im Zuge der Verleihung des Literaturnobelpreises an Bob Dylan diskutiert wurde, lautet: Wann ist ein Song ein Gedicht, wann eine Rede eine Novelle, wann ein Vortrag eine Performanz?

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Helga Schubert: „Vom Aufstehen“

Auf Taubenfüßen brillant und einfühlsam … (Spiegel Belletristik-Bestseller 13/2021)

In Helga Schuberts Roman „Vom Aufstehen“ erzählt eine Ich-Erzählerin aus ihrem Leben und zwar sanft, langsam, nicht chronologisch, nicht kausalisierend und effekthascherisch. Startend mit den Großeltern vor dem zweiten Weltkrieg und dem Wahlsieg der Nationalsozialisten, über Flucht, Krieg, Kriegsopfer, über Schmerz, Angst und Verfolgung, hin zu den Gründerjahren der DDR, über Hoffnungen, Enttäuschungen, letztlich zum Mauerbau, zu den siebziger Jahren, zu Gorbatschow, Glasnost, und der Wende, die erste Schritte mit dem Ehemann durchs Brandenburger Tor, eingewebt in das Erleben und Verhältnis von Tochter, Großmutter, Enkelin, Mutter bleibt das Politische ein rauschender, irritierender Hintergrund für eine fühlende, wahrnehmende, um Frieden ringende Erzählerin. Politik stößt dem Einzelnen, der Einzelnen nur zu. Zentral bleibt die eigene Empfindung, das Nagende, Schmerzende von Wörtern, Blicken, von Gesprächen und Behandlungen. Als Motto wählt die Autorin deshalb ein Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach.

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