Richard Buckminster Fuller: „Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde“

Zwischen optimistischer Systemtheorie und kontingentem Anthropozentrismus.

Wer den Blick in die Glaskugel werfen möchte, benötigt zuallererst eine Glaskugel. Richard Buckminster Fuller scheut keine Mühen und legt mit „Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde“ eine Vision vor, die die Zukunft vorhersagt, so gut, wie es der Stand der Informationen aus dem Jahr 1969, in welchem die Schrift veröffentlicht wurde, nun einmal zulässt. Sein Aufsatz ist eine solche Glaskugel. Der Aufsatz schließt, trotz seines Alters, an aktuelle Diskussionen bezüglich der Forderung nach einer gesamtplanetaren Planung, der Abschaffung von Armut, der Bekämpfung von Artensterben und Umweltverschmutzung an. Der Aufsatz besitzt Appellcharakter:

„Sind Menschen nötig? Gibt es empirische Anhaltspunkte, daß der menschliche Intellekt eine Integralfunktion im regenerativen Universum hat wie etwa die Schwerkraft? Wie können Erdbewohner ihre Funktion erfüllen und damit verhindern, als untauglich ausgelöscht zu werden?“

Robert Buckminster Fuller aus: „Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde“

Seine wichtigsten Punkte sind:

(i): „Infolge sklavischer »Kategoritis« werden die wissenschaftlich unlogischen und – wie wir sehen werden – oft sinnlosen Fragen wie »Wo wohnst du?«, »Was bist du?«, »Welche Religion?«, »Welche Rasse?«, »Welche Nationalität?« allesamt heute für logische Fragen gehalten. Im Laufe des 21. Jahrhunderts wird es der Menschheit entweder klargeworden sein, daß diese Fragen absurd und antievolutionär sind, oder es wird nicht mehr länger Menschen auf der Erde geben.“

(ii): „Eine neue metaphysische Initiative, die materiell kompromißlos und von unbeeinflußter Integrität wäre, könnte die Welt einen. Dies könnte und wird vielleicht von den vollkommen unpersönlichen Problemlösungen der Computer bewerkstelligt werden.“

(iii): „Wir haben bisher unser Raumschiff Erde nie als integral konstruierte Maschine angesehen, die zum Zwecke dauerhafter Leistungsfähigkeit als Ganzes begriffen und bedient werden muß.“

(iv): „Das Universum ist ein gigantischer perpetuierlicher Bewegungsprozeß. Wir sehen somit, daß der Teil unseres Reichtums, der aus physischer Energie besteht, erhalten bleibt. Er kann nicht erschöpft, nicht verbraucht bzw. ausgegeben werden, womit »erschöpft« gemeint ist.“

(v): „Das sind die synergetischen Gesetze, nach denen die Evolution verfährt und die sie uns klarzumachen versucht. Das sind keine vom Menschen gemachten Gesetze. Das sind die unendlich großzügigen Gesetze der intellektuellen Integrität, die das Universum regiert.“

Die Quintessenz lautet also, dass es schlecht um uns steht (i) und wir der Selbstzerstörung entgegen rasen. Die Selbstzerstörung lässt sich verhindern, wenn wir Computern (ii) das Berechnen von Zusammenhängen überlassen, die unsere Versorgungsprobleme lösen, statt uns in Identitätsdebatten zu verstricken, die das Konfliktpotential erhöhen. Zu diesem Zweck begreift man den ganzen Planeten als kybernetisches System (iii), das sich selbst erhält und Prozesse besitzt, die sich von allein unterhalten können. Das ganze Universum (iv), so Buckminster Fuller, ist nichts als ein ausgeklügeltes Perpetuum mobile, das unerschöpfliche Reichtümer besitzt, die unser Leben verschönern und ermöglichen und erhalten. Es basiert auf einen festen Satz synergetischer Gesetze (v), die wir als Menschheit entweder zu nutzen lernen, oder aufgrund derer, falls wir ihnen zuwiderhandeln, wir unser aller Verschwinden besiegeln.

Im Folgenden werden diese Thesen nicht bewertet, weder argumentativ entkräftet noch versuchsweise gestützt. Die Thesen stehen für sich. Sie stehen als Appell über den Dingen, stellen ein Programm, ein Vorschlag dar, dem man sich zugehörig fühlen kann oder nicht. Statt eine inhaltliche Debatte über die Thesen, die vorgeschlagen werden, anzustreben, nehme ich diesen Text von Buckminster Fuller zum Anlass, den Zusammenhang zwischen Thesen und Text zu untersuchen. Dies geschieht aus dem Grund, dass Buckminster Fullers Text eine eigenartige Kompilation aus Systemtheorie und Ontologie darstellt, und dieser Text insofern ein hervorragendes Beispiel darstellt, wie diese beiden Zugänge aneinander vorbeireden; oder anders, wie Systemtheorie Zusammenhänge beschreibt, Ontologie jedoch Autoritätshörigkeit einübt. Selten treten beide Aufschreibsysteme in ein und demselben Text auf. Buckminster Fullers Text eignet sich deshalb hervorragend für diese Stiluntersuchung.

Strukturell baut sich der Text entlang der genannten, mindestens, fünf Thesen auf. Der Text besteht aber nicht nur aus der Wiederholung dieser fünf Thesen. Diese werden um eine Argumentation erweitert, die sich entlang von Begriffen wie allgemeine Prinzipien, Spezialistentum, Energie, Synergie, System, Geist, Maschine, Technologie, Metaphysik und Gesetz entwickelt. Es stellt sich also die Frage, inwieweit die Thesen, die den Appellcharakter aufrechterhalten, mit dem Rest des Textes im Zusammenhang steht. Ist der Text kybernetisch eine Umwelt, verzahnt mit dem System der Thesen, oder existiert eine lose strukturelle Kopplung zwischen Thesen und Text, oder stehen diese windschief zueinander? Im Zentrum steht also die Argumentationsform Buckminster Fullers.

Im ersten Kapitel „Komprehensive Neigungen“ legt Buckminster Fuller die Karten auf den Tisch. Sie werden lektüreleitend bleiben:

„Unser Gehirn hat es ausschließlich mit Spezialfall-Erfahrungen zu tun. Nur unser Geist ist fähig, die allgemeinen Prinzipien zu erfassen, die ausnahmslos jedem Fall von Spezial-Erfahrung zugrunde liegen und die, haben wir sie erst einmal entdeckt und beherrschen wir sie, uns eine erkennbare Überlegenheit verleihen.“

Zuerst fällt auf, dass die Informationsquelle des Denkens direkt benannt wird, nämlich „Spezialerfahrungen“ innerhalb des Gehirns. Ein solches lässt sich nur individuell denken. Einzelne haben ein Gehirn. Gehirne werden nicht geteilt. Außerdem gibt es kein Gesamtgehirn. Statt aber nun von diesem Gehirn zu sprechen, wie es funktioniert, wie es Daten verarbeitet [s. Heinz von Foerster, bspw., oder Humberto Maturana], fährt Buckminster Fuller unversehens fort, von einem „Geist“ zu sprechen, der „allgemeine Prinzipien“, die „ausnahmslos“ den Spezial-Erfahrungen zugrunde liegen, erfasst. Wie diese und jener mit dem Gehirn zusammenhängen, bleibt im Dunkeln. Ist der Geist im Gehirn? Befinden sich die allgemeinen Prinzipien „in“ den Spezial-Erfahrungen? Man weiß es nicht. Es bleibt bei einer absonderlich getrennten Geist-Gehirn, Metaphysik-Physik, Idealismus-Materialismus Dichotomie. Weit entfernt diese zu dialektisieren, belässt Buckminster Fuller sie im krassen Auseinander. Geist und Gehirn haben nichts miteinander gemein. Es gibt Physik und Metaphysik, wie man bereits in den Thesen gelesen hat. Das vermittelnde Prinzip, ein Wort, lautet nun Denken.

„Weil unsere spontane Initiative von frühester Kindheit an frustriert worden ist – häufig genug unbeabsichtigt -, bringen wir es im allgemeinen nicht fertig, unserem Potential entsprechend zu denken.“

Dem Potential entsprechend zu denken, heißt hier, die allgemeinen Prinzipien zu erfassen, die ausnahmslos allen Spezial-Erfahrungen zugrunde liegen, die man also mittels Denkens den Spezialfall-Erfahrungen entnimmt. Wiederum stellt sich die Frage, wie Denken das Allgemeine aus dem Speziellen extrahiert, beispielsweise wie etwas Trockenes aus Nassem, etwas Weites aus Engem, Heißes aus Kaltem etc. Buckminster Fuller kümmert sich um diese Frage nicht. Es steht ausgemacht, dass es allgemeine Prinzipien gibt und diese lassen sich durch Verstehen ermitteln.

„Eins der wichtigsten Motive des Menschen ist es, zu verstehen und verstanden zu werden. Alle anderen Lebewesen sind für hochspezialisierte Aufgaben bestimmt. Nur der Mensch scheint als komprehensiv Verstehender zur Koordination der lokalen Angelegenheiten des Universums geeignet zu sein.“

Buckminster Fullers Spezial-Erfahrungen erlauben ihm zu erkennen, dass Verstehen und Verstanden-Werden eines der wichtigsten Motive des Menschen ist. Die Spezial-Erfahrungen, die diesen Schluss erlauben, werden aber nicht genannt, noch worauf sich der Komparativ „wichtigstes“ bezieht. Motive lassen sich nicht beobachten, nur erschließen. Sie stellen ein Narrationsmodell dar, eine den Handlungen zugefügte Beschreibungs- und Zuweisungsebene, die alle gleich nahe, wie Leopold Ranke sagen würde, zum Handlungsvorgang stehen, nämlich gleich weit. „Verstehen“ und „Motiv“ bleiben unkorrelierte Begriffe, Subsumtionsformeln, die im nächsten Schritt herhalten, den Menschen auszuzeichnen, denn „nur der Mensch“ scheint für die „Koordination der lokalen Angelegenheiten des Universums“ geeignet zu sein, wohingegen alle anderen Lebenwesen „für hochspezialisierte Aufgaben bestimmt“ sind. Nun fällt das rhetorische Konstrukt in sich zusammen. Unter Maßgabe welcher Betrachtung „scheint“ er dies nur zu sein. Die Einschränkung besitzt keinen Referenten, und der Absatz dampft zusammen in der Behauptung, dass sich Lebewesen, die „etwas verstehen wollen“, besser für Koordinationsaufgaben eignen. Nun, da „verstehen“ ungeklärt ist, könnte „verstehen“ auch „koordiniert beschreiben“ meinen und der Absatz schließt sich als Tautologie zusammen. Nichtsdestotrotz fährt er fort, die allgemeinen Prinzipien gegen die Verschwendung des menschlichen Denkpotentials ins Feld zu führen:

„Was die Natur brauchte, war ein Mensch, der in vielerlei, wenn auch nicht in jeder Hinsicht anpassungsfähig sein konnte, weswegen sie den Menschen mit einem Verstand und einer Art koordinierendem Schaltbrett-Gehirn ausrüstete. Der Verstand erfaßt und begreift die allgemeinen Prinzipien […]“

Leider wird im ganzen Text nicht spezifiziert, was diese allgemeinen Prinzipien beinhalten und wie der Verstand diese generiert. Um eine Ahnung von diesen Prinzipien zu bekommen, lohnt es sich, ganz ans Ende des Aufsatzes zu springen [vergleiche These (v)] und einen längeren Abschnitt zu lesen, mit Appell, Wertungen, Ausblick und Erklärung.

„So, Planer, Architekten und Ingenieure, ergreift die Initiative. Geht ans Werk, und vor allen Dingen, arbeitet zusammen und haltet nicht voreinander hinterm Berge, und versucht nicht, auf Kosten der anderen zu gewinnen. Jeder Erfolg dieser Art wird zunehmend von kurzer Dauer sein. Das sind die synergetischen Gesetze, nach denen die Evolution verfährt und die sie uns klarzumachen versucht. Das sind keine vom Menschen gemachten Gesetze. Das sind die unendlich großzügigen Gesetze der intellektuellen Integrität, die das Universum regiert.“

Der Appell lautet zusammenzuarbeiten, nicht gegeneinander, sondern miteinander Informationen zu beschaffen und auszutauschen, um das bestmögliche Leben für alle auf den Planeten zu bewerkstelligen. Wer dem zuwider handelt, bleibt nur vorübergehend erfolgreich.  Gattungsgeschichtlich deutet Buckminster Fuller selbstredend die Gefahr des Aussterbens an. Die Strafe folgt auf das Vergehen gegen die ehernen Gesetze, die das Universum regiert und die der Mensch und die Menschheit nicht ändern, die von ihnen nicht kontrolliert werden können und denen sich zu beugen, die einzige Wahl bleibt. Die allgemeinen Prinzipien, die gesucht werden, finden sich hier als Naturgesetze der Evolution. Der Mensch vermag also kraft seines Verstandes aus Spezial-Erfahrungen die Gesetze ermitteln, vielleicht sogar ableiten, die die Abläufe im Universum regeln. Wie das geschieht, beschreibt Buckminster Fuller wie folgt:

„Daher [aus den Informationen wiederholter Erfahrungen] kommt es, daß der Mensch in ungeplanter Weise aus den Erfahrungen ein ständig wachsendes Inventar verallgemeinerter Prinzipien progressiv destilliert, die in allen Spezialfall-Erfahrungen wirksam sind und omniinterakkomodativ in allseitiger Wechselbeziehung stehen.“

Das Schlüsselwort ist hier „verallgemeinerte Prinzipien“, die „in allen Spezialfall-Erfahrungen“ wirksam sind und „omniiterakkomodativ in allseitiger Wechselbeziehung stehen“. Mit anderen Worten, die ausgewerteten Erinnerungen, die verglichenen Erfahrungen weisen teilweise Muster auf, die sich bestätigen lassen. Diese Bestätigungen weisen auf eine Gültigkeit hin, die über lokalisierte temporale Beziehungen hinausgeht: die Naturgesetze, der Bauplan des Universums, der Ganggeber des Uhrwerks, das wir Kosmos nennen.

Mit Recht könnte man fragen, wann aus einer Hypothese ein Naturgesetz wird. Wie viele Bestätigungen sind hierzu nötig? Wann ist ein Muster ein Muster? Wann spiegelt sich die Vergangenheit in die Zukunft zurück? Schon David Hume notierte, dass aus Vergangenem sich nicht auf Zukünftiges schließen lasse, dass aus Vergangenem Möglichkeitsräume erwachsen, die genutzt werden können, aus denen aber keine Vorschriften erwachsen, an die sich die Zukunft halten müsste. Die Zukunft bleibt offen, ein unbeschriebenes Blatt, und Naturgesetze können gar nichts anderes sein als handlich formulierte Erfahrungen in Formel- und Musterform, die helfen, aber nichts festlegen, die Abschätzungen erlauben, ohne Gewissheit zu etablieren. Aus Gewohnheit wird keine Gewissheit. Gewissheit ist das Aufgeben des Denkens, sich auf Neues einzulassen. Buckminster Fuller präzisiert das Verhältnis zwischen Geist und Gehirn, zwischen Spezialfall-Erfahrungen und allgemeinen Prinzipien jedoch wie folgt.

„Der Unterschied zwischen Geist und Gehirn besteht darin, daß sich das Gehirn nur mit erinnerten, subjektiven Spezialfall-Erfahrungen und objektivierten Experimenten befaßt, während der Geist die allgemeinen Prinzipien extrahiert und für deren Integration und Wechselbeziehung im Hinblick auf einen effektiven Einsatz sorgt. Gehirn hat ausschließlich mit dem Physischen zu tun, der Geist ausschließlich mit dem Metaphysischen.“

Hier lautet die Frage: Wo hört das Physische (Gehirn) auf, wo fängt das Metaphysische (Geist) an? Und wozu führt Buckminster Fuller das Metaphysische ein? Diese Frage führt zurück auf die Eingangsfrage, inwieweit der Appell mit den Argumenten im Zusammenhang steht. Der gesamte Aufsatz baut sich nämlich aus einem einzigen Oppositionsgefüge auf. Im ersten Kapitel („Komprehensive Neigungen“) ist es der Visionär, der den Spezialisten überflügelt; im zweiten („Ursprünge der Spezialisierung“) sind es die Großen Piraten oder Gesetzlose, die die Lokalkönige dominieren. In „Automation unter komprehensivem Kommando“ löst der Computer die Probleme, die sich der Mensch geschaffen hat; und in „Raumschiff Erde“ geraten die Reorganisation und der zu schnelle, irreversible Verbrauch von Ressourcen aneinander, um in „Allgemeine Systemtheorie“ in das Begriffspaar Synergie und Energie zu münden, die den wahren Reichtum („Synergie“) darstellen. In „Integrale Funktion“ wird der menschliche Leib Robotern gegenübergestellt, also die Körperkraft und Fähigkeiten des einzelnen Menschen mit der Technologie verglichen, und in „regenerative Landschaft“ spielen Globalität und Lokalität, die Holistizität des Planers eine Rolle. All diese Dualitäten werden begleitet von der begrifflichen Grundform: Allgemeines gegen Besonderes, Geist gegen Gehirn, Metaphysisches gegen Physisches.

„Alles in allem kommen wir zu dem Ergebnis, daß der physische Bestandteil von Reichtum – Energie – nicht abnehmen kann und daß der metaphysische Bestandteil – Know-how – nur zunehmen kann.“

Was „Energie“ ist, bleibt genauso unklar, wie „Verstehen“, wie auch „Geist“. Energie erlaubt in Buckminster Fullers Diktion Bewegung, Wechselwirkung, das Aufrechterhalten von etwas Dynamischen. Die Beobachtung jedoch reicht aus. Etwas bewegt sich. Eine Bewegung kann über Vergleich gemessen werden. Die Äquivalenz von Masse und Energie, die laut Albert Einstein besteht, bezieht sich nicht auf die Bewegung, sondern auf die Kondensation von Beobachtungsdaten in Bezug auf eine Messung, d.h. man hat mit Transformationsgesetzen post experimentum zu tun, nicht ante experimentum. Die Daten, der Zusammenhang, das Experiment bleiben vorrangig bei Einstein. Die Interpretation kontingent. Zudem bleibt der metaphysische Bestandteil unklar. „Know-how“ meint Informationen, und Informationen können verloren gehen, bspw. durch Spam, durch Falschspeicherung und uneindeutige Referenzmarkierungen. Buckminster Fullers Optimismus in allen Ehren – aber die Behauptung, nichts, weder Energie noch Informationen, geht verloren, steht in keinem Zusammenhang mit angegebenen Beobachtungen. Im Gegenteil, als Begründung für die Behauptung steht:

„Die Physiker haben ebenfalls experimentell entdeckt, daß Energie weder verloren noch hinzugewonnen werden kann. Energie ist endlich und bleibt unendlich erhalten.“

Buckminster Fuller gibt kein spezifisches Experiment an. Würde er sich in das Besondere wagen, also in die Messung und die Erhebung von Bezugsdaten, hätte er feststellen können, dass die Energieerhaltung ein heuristisches Prinzip in der Physik ist. Als Beispiel diene ein Streuexperiment: Man nimmt zwei Teilchen A und B an, die losgeschickt werden, um aufeinanderzuprallen. Man misst ihre Geschwindigkeit und Richtung nach und vor dem Experiment und schreibt eine Gleichung auf Zustand (Teilchen 1 und 2 vor Stoß) = Zustand (Teilchen 1 und 2 nach Stoß). Falls nun die Gleichheit nicht eintritt, so nimmt man (heuristisches Prinzip) ein neu entstandenes Teilchen an, also Zustand (Teilchen 1 und 2 vor Stoß) = Zustand (Teilchen 1 und 2 und 3 nach Stoß). Man charakterisiert das, was fehlt, als neuentstanden. Die Energieerhaltung ist ein Postulat der Beschreibung des experimentellen Vorganges, eine Methode, den experimentellen Vorgang als Datenstruktur zu mathematisieren.

Die Energieerhaltung dient als Beispiel, inwiefern ein Allgemeines als Beobachtungsebene gesetzt wird und sich selbst in der Beschreibung bestätigt (tautologisch), d.h. aber nicht, dass das Allgemeine überflüssig gewesen wäre. Es bildet die Form anhand derer die Daten gespeichert, als Daten aufgeschrieben, die Messungen in Daten verwandelt werden. Wie die Sprache ihre Grammatik vor einem Satz wie nach einem Satz besitzt, so fügt der ausgesprochene Satz dennoch etwas der Kommunikation hinzu, hat aber die Grammatik nicht bewiesen.

Buckminster Fullers Text leidet an einem mangelnden Form-Begriff. Inhalt und Form fallen bei ihm in eins und doch auseinander und stützen nicht die gegebenen Erklärungen. Die Beschreibungen verlieren nicht ihre Gültigkeit und Plausibilität. Der Handel zwischen den Nationen hat ein weltweites Netz an Abhängigkeit und Kommunikation geschaffen. Die Menschen kopieren Fähigkeiten aus dem Tierreich mittels Technologie und erweitern ihre Fähigkeiten durch Automation. Informationen können geteilt und verarbeitet werden, und Computer dienen hervorragend dazu, die Datenmassen mittels künstlicher Intelligenz aufzuarbeiten und Prognosen zu erstellen. Lokale Entscheidungen führen zu destruktiven Interferenzen, wenn keine globalen Informationen hinzugezogen werden. Die Erde erscheint als großangelegtes kybernetisches System, das seine Bahnen um die Sonne zieht. Letztlich definiert Buckminster Fuller das Universum nachvollziehbar:

„Das Universum ist das Aggregat der von der gesamten Menschheit bewußt gemachten und kommunizierten Erfahrung mit den nichtsimultanen, nichtidentischen und nur partiell sich überlappenden, immer komplementären, wägbaren und unwägbaren, jederzeit omnitransformierenden Ereignissequenzen.“

Bezeichnenderweise kommt in der Definition von Buckminster Fuller weder Geist noch allgemeine Prinzipien noch Metaphysisches noch Energie noch Synergie noch Verstand vor. Er umschreibt, beschreibt das Universum nämlich kybernetisch als Netzwerk kommunizierender Elemente, die in ihren Ereignissequenzen strukturell lose gekoppelt, aber gekoppelt und aufeinander bezogen sind. Mit diesem Begriff von Universum lässt sich Planung vereinfachen und neue, heuristische Zusammenhänge finden, die die regenerativen Prozesse beschleunigen oder die sich erschöpfenden, gegenläufigen Prozesse verlangsamen.

Am Ende erweist sich also der Abhub des narrativ hineingeheimnisten Metaphysischen als Rhetorik, das Publikum zu umschmeicheln, dem Menschen das Gefühl zu geben, er habe einen besonderen Platz und eine besondere Verantwortung im Universum ob einer sich selbst zugesprochenen Fähigkeit, nämlich hinter die Fassade von Informationen auf die Metaphysik der Naturgesetze schauen zu können. Diese Fähigkeit begründet Buckminster Fuller an keiner Stelle. Sie werden unterstellt. Die allgemeinen Prinzipien, die erhabenen Begriffe fallen von Himmel wie viele Behauptungen in der Philosophie, die dem Menschen als Krone der Schöpfung auslegen:

„Der Mensch, sagte schon Paracelsus, und das entspricht auch der Lehre Böhmes, ist das ‚höchste Fürnehmen der Natur‘ […] Die Menschen sind das Auge, das sich aufschlägt, und das Ohr, das sich öffnet […] In den Menschen bewegt sich etwas, das schon in dem Licht benannt war […]“

Ernst Bloch aus: „Zwischenwelten der Philosophiegeschichte“, stw 561

Andere Stimmen mahnen zur Vorsicht und beobachten die Welt um sich mit anderen, offeneren, möglicherweise freundlicheren Augen wie Michel de Montaigne in seiner „Schutzschrift für Raimond Sebonde“ schreibt, veröffentlicht auch in den „Essais„:

„Ich sage also, um wieder auf mein Vorhaben zu kommen, daß man ohne einen wahrscheinlichen Grund annimmt, die Thiere thäten eben das aus einer natürlichen und gezwungenen Neigung, was wir aus eigner Wahl und mit Bedachte vornehmen. Wir müssen aus gleichen Wirkungen auf gleiche Kräfte, und aus vollkommenem Wirkungen auf vollkommnere Kräfte schließen, und folglich bekennen, daß sich eben die Vernunft, und eben die Art zu verfahren, welche wir beobachten, oder vielleicht eine bessere, auch bey den Thieren findet.“

Michel de Montaigne aus: „Essais“ übersetzt von Johann Daniel Tietz.

Im Gegensatz zu Buckminster Fuller führt er anschließend sofort ein Beispiel an, weshalb er zu seiner Schlussfolgerung und Beurteilung kommt.

„Wenn wir also den Fuchs, dessen sich die Einwohner von Thracien bedienen, wenn sie über einen gefrornen Fluß setzen wollen, und welchen sie zu diesem Ende vor sich her laufen lassen, wenn wir, sage ich, sähen, daß dieser Fuchs an dem Ufer des Stromes das Ohr sehr nahe an das Eis hielte, Acht gäbe, ob er das darunter weglaufende Wasser von ferne oder nahe bey sich rauschen hörete, und nachdem er hierdurch das Eis mehr oder weniger dicke fände, fort oder zurück liefe: würden wir nicht mit Rechte urtheilen, daß er eben so dächte, wie wir in dergleichen Falle denken würden, und daß er natürlich den Schluß und die Folge machete: Was rauschet, das beweget sich; was sich beweget, ist nicht gefroren; was nicht gefroren ist, ist flüßig; und was flüßig ist, giebt unter der Last nach.“

Montaigne beschreibt, beobachtet, folgert nicht. Er unterlegt den Menschen nicht die geheimnisvolle Eigenschaft, einen Verstand und eine Vernunft zu haben, die ihn vor anderen Lebewesen auszeichnet, einen Verstand und eine Vernunft jedoch, die nicht beobachtbar sind und in keiner Beschreibung von Vorgängen vorkommen. In Montaignes Betrachtungsweise vermischen sich Handlungsweisen, Fähigkeiten zu einem bunten Ganzen, das ziemlich genau der Definition des Universums entspricht, die Buckminster Fuller selbst vorgeschlagen hat. Wie sich die Selbsterhöhung des Menschen als kontingent und assertorisch entlarvt und nicht die Existenz bestätigt, die man selbst fordert, so lässt sich auch die Wissenschaft viel bescheidener beschreiben, ohne deren Nutzen zu mindern. Mit den klassischen Vertretern der Wissenschaft hat Buckminster Fuller nämlich die Freude gemein, der Natur auf die Schliche gekommen zu sein, ihr innerstes Wirken erkannt zu haben. Beispielsweise liest sich bei Max Planck in seinem Vortrag, gehalten am 9. Dezember 1908 in der naturwissenschaftlichen Fakultät des Studentenkorps an der Universität Leiden:

„Jene Konstanten [Gravitations-, Boltzmannkonstante, Avogadrozahl …] aber sind derart, dass auch die Marsbewohner und überhaupt alle in unserer Natur vorhandenen Intelligenzen notwendig einmal auf sie stoßen müssen, – wenn sie nicht schon darauf gestoßen sind.“

Max Planck aus: „Die Einheit des physikalischen Weltbildes

Wie auch die Energieerhaltung, so sind die Naturkonstanten Umrechnungsfaktoren, Darstellungseinheiten, formale Datenstrukturierungsmittel, die unabhängig von experimentellen Nachweisen nützlich sind und geeichte Informationsweitergabe erlauben. Dies gilt selbstredend auch für die Kommunikation mit Marsbewohnern, sobald man sich auf ein Kommunikations- und Datendarstellungssystem geeinigt hat. In dem 1970 geschriebenen Aufsatz „Das totale Kommunikationssystem der Menschen“ berichtet Buckminster Fuller von einem Treffen mit Albert Einstein:

„Mitte der dreißiger Jahre gab ich in einem Buch zu bedenken, daß Einsteins Arbeit möglicherweise die Alltagswelt der Menschheit sowohl physisch als auch mental beeinflussen werde. Nachdem Einstein das gelesen hatte, sagte er zu mir: »Junger Mann, Sie amüsieren mich. Ich kann mir nicht vorstellen, daß irgend etwas, was ich je getan habe, die geringste praktische Anwendung findet.« Das sagte er mir ein Jahr, bevor Hahn, Straßmann und Lise Meitner auf der Basis von E = mc² die theoretische Möglichkeit der Kernspaltung entdeckten. Sie können sich Einsteins Entsetzen vorstellen, als Hiroshima die erste »praktische Anwendung« wurde.“

Richard Buckminster Fuller aus: „Das totale Kommunikationssystem der Menschen“

Wie bereits oben erläutert, dient das Postulat der Energieerhaltung lediglich dazu, Experimente numerisch zu beschreiben. Die Experimente, die zur Atombombe führten, wurden mittels chemischer Formeln beschrieben. Hahn, Straßmann und Meitner, Oppenheimer, Fermi, Szilard führten Forschungsprojekte durch, die nicht aufgrund von Einsteins Relativitätstheorie stattfanden, sondern weil man einen Weg gefunden hatte, Kettenreaktionen von Uranium-235 und Plutonium-239 auszulösen. Die physikalische Beschreibung mittels Einsteins Formel fügte dem nichts als nachträglich den Begriff „Massendefekt“ hinzu. Robert Serber, Mitarbeiter beim Manhattan Projekt, und Autor des Buches „The Los Alamos Primer“ schreibt hierzu:

„Somehow the popular notion took hold long ago that Einstein’s theory of relativity, in particular his famous equation E = mc2, plays some essential role in the theory of fission. Albert Einstein had a part in alerting the United States government to the possibility of building an atomic bomb, but his theory of relativity is not required in discussing fission. The theory of fission is what physicists call a nonrelativistic theory, meaning that relativistic effects are too small to affect the dynamics of the fission process significantly.”

Robert Serber aus: „The Los Alamos Primer“, Chapter 2.

Die Frage, weshalb Buckminster Fuller dachte, er würde Einsteins Formel besser als Einstein selbst verstehen, mag man getrost unbeantwortet lassen. Die Thesen und Denkanstöße, die Buckminster Fuller in seinem Aufsatz „Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde“ gibt, bleiben von all dem unberührt. Buckminster Fullers Ontologie und Systemtheorie verhalten sich wie Wasser und Öl. Sie bilden ein Ganzes, vermischen sich aber nicht.