Kalenderwoche 48-49. Lesebericht.

Kalenderwoche 48-49. Lesebericht.

Eine Lektüre kann auch scheitern. Ich habe mir mit Clemens J. Setz‘ Die Stunde nach Frau und Gitarre wirklich Mühe gegeben. Jede Seite, jede Zeile mit offenen Augen und elastischem Gemüt zur Kenntnis genommen. Mich über die Hunderte von Seiten mitziehen lassen, aber ohne Erfolg. Das Buch brachte keine einzige Saite in mir zum Schwingen, und so zog sich die Lektüre hin und prägte die Kalenderwochen 48-49, bis ich dann die letzten 400 Seiten in einem Rutsch hinter mich brachte.. Als Erholung las ich dann den neuesten Aufsatz von Jürgen Habermas Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und von Johann Gottlieb Fichte die Vorlesung über Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters. Als dies auch nichts brachte, nahm ich Anne Michaels‘ Wintergewölbe zur Hand und fand Trost:

Jede Nacht fiel die Temperatur bis auf den Gefrierpunkt, und die Arbeiter begannen ihren Tag am Feuer. Schon früh am Morgen kostete selbst die kleinste Anstrengung Überwindung. Man sah nie jemanden schwitzen, weil jede Feuchtigkeit sofort verdunstete. Die Männer steckten den Kopf in jeden schattigen Fleck, der zu finden war, quetschten sich in den Schatten von Holzkisten und Lastwagen. Sehnsüchtig blickten sie über den Nil in das Dunkel von Dom- und Dattelpalmen, Akazien, Tamarisken und Maulbeerfeigenbäumen. Sie hielten das Gesicht in den Nordwind.

Anne Michaels aus: „Wintergewölbe“
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Kristine Bilkau: „Nebenan“

Auf der Suche nach Verbindlichkeit … Spiegel Belletristik-Bestseller (15/2022)

Der Roman „Nebenan“ spielt am Nord-Ostsee-Kanal in der Nähe von Hamburg. Er ist ganz in Blau gehalten. Blau bestimmt seine Stimmung, die Atmosphäre, das Licht und das Cover. Es hüllt die Figuren, die Handlungen, die Geheimnisse am Ufer des Kanals ein und hält die Zeit in der Schwebe. Sie vergeht langsam, bleibt hier und da beinahe stehen, nur um dann aber abrupt und spürbar zu springen, vom Winter in den Frühling, vom Frühling über Ostern in den Sommer.

Sie weiß nicht, was in ihm vorgeht, aber sie sind hier, schwerelos unter Wasser, es ist seltsam und schön. Sie wünschte, es könnte länger dauern. Sie weiß, dieser Moment lässt sich nicht wiederholen, es ist nicht möglich, dieses Erstaunen, über sie beide, über sich selbst, über den Lauf der Dinge, über das Gute, das sich darin verbirgt, noch einmal genau so zu empfinden.

Kristine Bilkau aus: „Nebenan“
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