Yasmina Reza: „Serge”

Von einer immer kleiner werdenden Welt … Spiegel Belletristik-Bestseller 05/2022

Wie ein Treppenwitz der Literatur erscheint dreizehn Tage nach der Veröffentlichung von Michel Houellebecqs „Vernichten“ der Roman „Serge“ von Yasmina Reza als direkte, indirekte, aber in jedem Falle eng bezogene, wahrscheinlich aber unfreiwillige Antwort auf Houellebecqs semi-aktuelle Gegenwartsanalyse. Beide Romane behandeln ein in sich konfligiertes Familiengeflecht im heutigen Frankreich: Generationen, die sich nicht verstehen, die sich aber um Verständnis bemühen, denen aber die Sprache, die Kommunikationsmodi abhandengekommen sind. Protagonist in beiden Romanen ist ein Mann jenseits der Vierzig. In „Serge“ heißt er Jean, besucht das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, ist von Beruf Experte für Materialleitfähigkeit und kümmert sich gern um Luc, den Sohn seiner Ex-Freundin Marion:

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Mein Lesejahr 2021

Für meinen Jahresrückblick hatte ich vor, die Belletristik-Bestenlisten statistisch auszuwerten, nach Themen zu ordnen, nach Erzählfiguren zu sortieren, um auf diese Weise einen Schnappschuss und eine Stilanalyse der bestverkauften Gegenwartsliteratur zu erstellen und durchzuführen. Nachdem ich kurz in mich ging, den Aufwand begriff, der auf mich zukam und wartete, schmolz dieses literatursoziologische Vorhaben dahin. Ich gebe nicht auf, aber schaffe es in diesem Jahr schlicht nicht, mich hierfür aufzuraffen, unter anderem aus dem einfachen Grund, dass die Themenvielfalt nicht sehr groß gewesen ist. Ich werde vielleicht ein andermal über die Themenwahl und Erzählpositionen, über die stilistischen Figuren und Erzähltechniken schreiben, also ein kleines Potpourri erstellen, anhand dessen viele Bestseller-Romane quergelesen werden könnten, so man dies denn wollte. Die Ähnlichkeiten nämlich zwischen ihnen sind interessanterweise nicht sehr klein.

Am Ende jedoch ist jedes Buch, auf diese oder jene Weise, trotz allem eigensinnig und einzigartig. Selbst die plattesten Plagiate, liest man nur genau, lässt man sich nur auf den Schwung und den Stil intensiv genug ein, offenbaren Einblicke und Erfahrungswelten, die überraschen, amüsieren, ja mitunter auch inspirieren können. Bei allem wohlwollenden, Benjaminschen ‚rettenden‘ Lesen haben sich dennoch einige Bücher in diesem Jahr herauskristallisiert, die mir wieder einmal bestätigt und eindrucksvoll vor Augen geführt haben, weshalb Lesen sich so sehr lohnt, und es stets eine wahre Freude ist, sich den Gedanken-, Schreib- und Erinnerungswelten anderer zu öffnen.

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Simon Beckett: „Die Verlorenen“

Positivistische Abgründe … Spiegel Belletristik-Besteller (26/2021)

Flugzeugessen ist optimiert auf hohen Fettgehalt. Die Portionen sind klein, die Zubereitungs- und Kühlmöglichkeiten beschränkt, so dass wenig, dafür sättigendes, also sehr fettiges Essen aus der Sicht des Fluganbieters sinnvoll ist. Aus der Sicht der Flugreisenden vielleicht nicht, so dass nicht alle Passagiere vom Angebot Gebrauch machen und zulangen. Manche Passagiere verlangt es eher nach Leichtem, nicht Belastendem, insbesondere auf Langstreckenflügen. Ähnliches gilt auch für die Lektüre auf solchen Flügen. Es ist laut. Die Luft ist stickig. Die Arm- und Beinfreiheit beschränkt, so dass nicht viel Konzentration und Energie für eine anstrengende Story bleibt. Man greift daher gerne zu Thrillern.

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Amanda Gorman: „The Hill We Climb“

Eine mit sich selbst zerstrittene Übersetzung … (Spiegel Belletristik-Bestseller 14/2021).

Anlässlich der Inauguration des 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika trug Amanda Gorman ein Gedicht namens „The Hill We Climb“ vor. Dieses Gedicht liegt nun in deutscher Übersetzung vor. Kübra Gümüsay hat den Text in die deutsche Alltagssprache übertragen und diesem dadurch eine Breitenwirkung verliehen, die sich in dem sofortigen Bestsellerstatus niederschlagen konnte. Der Text ist kurz, die intendierte Botschaft klar und die Rahmenbedingung weisen auf seine rhetorische Funktion hin. Die interessante Frage, die sich aufdrängt und die auch im Zuge der Verleihung des Literaturnobelpreises an Bob Dylan diskutiert wurde, lautet: Wann ist ein Song ein Gedicht, wann eine Rede eine Novelle, wann ein Vortrag eine Performanz?

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Helga Schubert: „Vom Aufstehen“

Auf Taubenfüßen brillant und einfühlsam … (Spiegel Belletristik-Bestseller 13/2021)

In Helga Schuberts Roman „Vom Aufstehen“ erzählt eine Ich-Erzählerin aus ihrem Leben und zwar sanft, langsam, nicht chronologisch, nicht kausalisierend und effekthascherisch. Startend mit den Großeltern vor dem zweiten Weltkrieg und dem Wahlsieg der Nationalsozialisten, über Flucht, Krieg, Kriegsopfer, über Schmerz, Angst und Verfolgung, hin zu den Gründerjahren der DDR, über Hoffnungen, Enttäuschungen, letztlich zum Mauerbau, zu den siebziger Jahren, zu Gorbatschow, Glasnost, und der Wende, die erste Schritte mit dem Ehemann durchs Brandenburger Tor, eingewebt in das Erleben und Verhältnis von Tochter, Großmutter, Enkelin, Mutter bleibt das Politische ein rauschender, irritierender Hintergrund für eine fühlende, wahrnehmende, um Frieden ringende Erzählerin. Politik stößt dem Einzelnen, der Einzelnen nur zu. Zentral bleibt die eigene Empfindung, das Nagende, Schmerzende von Wörtern, Blicken, von Gesprächen und Behandlungen. Als Motto wählt die Autorin deshalb ein Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach.

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Juli Zeh: „Über Menschen“

Hass mit menschlichem Antliz? … (Spiegel Belletristik Bestseller 12/2021)

Mit „Über Menschen“ legt Juli Zeh einen Roman über die Corona-Zeit vor. Eng am Puls der Zeit zu schreiben, ist ihr selbsterklärtes Ziel, und daher nimmt es nicht Wunder, dass sie über Toilettenpapier, über Maskenzwang, home office, die AFD, Black Lives Matter, über die finanziellen Schwierigkeiten der Kreativbranche und deren Einstufung als nicht systemrelevant schreibt. Zum Roman wird der Text, der eigentlich eine Glosse sein möchte, durch die Einführung der Figur Dora, einer Werbetexterin, die das lose Miteinander des ungleichzeitig Gleichzeitigen verknüpft.

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Stephen King: „Später“

Ein Kleinod herbstlicher Lebensfreude. (Spiegel Belletristik-Bestseller 12/2021).

Stephen King erzählt in seinem neuen Roman „Später“ die Geschichte eines Sohnes (Jamie), der Tote sehen kann, die Geschichte einer Mutter (Tia), die diesen Sohn liebt und eine Literaturagentur betreibt, und die von ihrem gemeinsamen Lebens, bis der Sohn letztlich loszieht und ein College besucht. Es ist ein Coming-of-age-Roman, der spartanisch, spätsommerlich-portugiesisch einen Sohn zu Wort kommen lässt, der geliebt wird und liebt, der die Welt bestaunt, sanft mit ihr zu Rande zu kommen versucht, zwischen Büchern und einer lesbischen Mutter heranwächst, zwischen Liebe und ersten Kuss, Grusel und Schicksal mit einer Fähigkeit des Sehens belastet zu sein, von der niemand etwas ahnt und die darin besteht, Tote wahrnehmen zu können, die kurz nach ihrem Tod noch für eine kurze Weile orientierungslos herumstehen und für ihn allein ansprechbar bleiben.

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Christian Kracht: „Eurotrash“

Ein Buch für niemandem und keinen. (Spiegel Belletristik-Bestseller 11/2021)

Folgt man den Ausführungen Francois Lyotard in „Das postmoderne Wissen“ befinden wir uns in einer Zeit nach dem Ende großer Erzählungen, d.h. in der nur noch sich selbst transparente, oder untote Erzählungen hin und her geistern, kleine Erzählungen voller verwobener und irrelevant gewordener Details existieren können. Mischt man dazu noch Walter Benjamins „Erfahrung und Armut“ in die These, würzt sie mit der Schweiz, dem Nationalsozialismus, Demenz und Familienproblematik, sexuellen Missbrauch und Sadomasochismus, und garniert dieses Gebräu mit Anekdoten aus dem Spiegel-Magazin der letzten sieben Jahrzehnte, so erhält man, schüttelt und rüttelt man nur genug, den neuen Roman von Christian Kracht: „Eurotrash“, der auch von einer künstlichen Intelligenz geschrieben werden hätte können [siehe hierfür Daniel Kehlmann: „Mein Algorithmus und ich“].

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Susanna Clarke: „Piranesi“

Ein moderner Kafka zwischen allen Stühlen.

Die Strahlen der untergehenden Sonne schienen durch die Fenster, fielen auf die Oberfläche der Fluten und flossen wie Wellen aus goldenem Licht über die Decke der Treppe und die Gesichter der Statuen. Als die Nacht anbrach, lauschte ich den Liedern, die Der Mond und Die Sterne sangen, und ich sang mit. — Die Welt fühlte sich vollständig und intakt an, und ich, ihr Kind, füge mich nahtlos in sie ein. Nirgendwo gibt es irgendeinen Einschnitt, an dem ich eine Erinnerung nicht greifen kann, ein Verständnis sich mir entzieht. Der einzige Teil meines Daseins, in dem ich einen Bruch empfinde, ist dieses letzte Gespräch mit dem Anderen.“

„Piranesi“ – Susanna Clarke

„Piranesi“ ist seltsam, und im seltsamen Dickicht sein eigenes Rätsel. Wie die Rätsel der Ägypter auch Rätsel für die Ägypter selbst waren, so verstrickt sich das Lesen in die eigene Hilflosigkeit. Die öden Gänge, das fahle Licht, die dahinplätschernden Tage des Ich-Erzählers, der sein Ich nicht kennt, kennen kann, oder dem er zu entfliehen sucht, erzeugen einen unheimlichen naturalistischen Sprachbezug, der selbst noch in der Übersetzung das Gruseln lehrt: nämlich das der Sprachlosigkeit, wenn Sprache zerfällt, bruchstückhaft dahinschwindet, die Inkohärenz der Gedanken unaufhaltsam voranschreitet und Namen zu Begriffen, Begriffe Namen werden, die nur in den Augen eines Anderen an Konturen gewinnen, von Augenblick zu Augenblick aber zu schwinden drohen.

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