Mein Lesejahr 2021

Für meinen Jahresrückblick hatte ich vor, die Belletristik-Bestenlisten statistisch auszuwerten, nach Themen zu ordnen, nach Erzählfiguren zu sortieren, um auf diese Weise einen Schnappschuss und eine Stilanalyse der bestverkauften Gegenwartsliteratur zu erstellen und durchzuführen. Nachdem ich kurz in mich ging, den Aufwand begriff, der auf mich zukam und wartete, schmolz dieses literatursoziologische Vorhaben dahin. Ich gebe nicht auf, aber schaffe es in diesem Jahr schlicht nicht, mich hierfür aufzuraffen, unter anderem aus dem einfachen Grund, dass die Themenvielfalt nicht sehr groß gewesen ist. Ich werde vielleicht ein andermal über die Themenwahl und Erzählpositionen, über die stilistischen Figuren und Erzähltechniken schreiben, also ein kleines Potpourri erstellen, anhand dessen viele Bestseller-Romane quergelesen werden könnten, so man dies denn wollte. Die Ähnlichkeiten nämlich zwischen ihnen sind interessanterweise nicht sehr klein.

Am Ende jedoch ist jedes Buch, auf diese oder jene Weise, trotz allem eigensinnig und einzigartig. Selbst die plattesten Plagiate, liest man nur genau, lässt man sich nur auf den Schwung und den Stil intensiv genug ein, offenbaren Einblicke und Erfahrungswelten, die überraschen, amüsieren, ja mitunter auch inspirieren können. Bei allem wohlwollenden, Benjaminschen ‚rettenden‘ Lesen haben sich dennoch einige Bücher in diesem Jahr herauskristallisiert, die mir wieder einmal bestätigt und eindrucksvoll vor Augen geführt haben, weshalb Lesen sich so sehr lohnt, und es stets eine wahre Freude ist, sich den Gedanken-, Schreib- und Erinnerungswelten anderer zu öffnen.

Hier nun meine Lieblingsbücher aus dem Lesejahr 2021. In der Kategorie: „Selbstironie“ unterhielten mich:

Iris Hanika mit „Echos Kammern“
Ariane Koch mit „Die Aufdrängung“

Iris Hanikas Roman „Echos Kammern“ bereitet Lesefreude pur und ist ein Fest für Walter Benjamin-Kundige, für alle, die in den Straßen, Ecken, in den Pflastersteinen und Litfaßsäulen Berlins Geschichte inskribiert finden, nicht genug davon haben können, redend, quasselnd, sich mitteilend durchs Leben zu gehen, ohne sich und seine eigene Sicht der Dinge je aus dem Blick zu verlieren. „So lernte sie wieder einmal etwas über Kunst und Leben, Dichtung und Wahrheit, und begriff an diesem Beispiel (wieder einmal), daß Dichtung großartig ist und die Wirklichkeit platt, anstrengend und blöd, und daß es viel schöner ist, sich etwas auszudenken, als es in die Tat umzusetzen.“ Hanikas Protagonistinnen zumindest gehen sich nicht selbst auf den Leim und finden in den schwierigsten Lebenslagen noch immer Humor und Fröhlichkeit in den eigenen Unzulänglichkeiten.

Die Aufdrängung“ von Ariane Koch stimmt dagegen ein, aufzubrechen, loszureisen, redet für Mut und gegen Kleinheit und schreibt putzmunter gegen die eigene Engstirnigkeit und Verbohrtheit an, gegen willfährig akzeptierte Antriebslosigkeit und das Warten auf den richtigen Moment, der sich einfach nicht von alleine einstellen möchte. „Ich hatte einmal einen Freund, der sich daran erfreute, dass ich ständig Sätze mit einerseits und andererseits begann, ohne die Begriffe korrekt zu verwenden. Anstatt gegensätzliche Ansichten kundzutun, addierte ich damit frei die immer gleiche Meinung.“ „Die Aufdrängung“ ist ein Kleinod. Der Text durchbricht Lesegewohnheiten und Denkmauern und verdient es, immer wieder gelesen zu werden. Die symbolistisch sich gegenseitig aufhebenden Erzählstrategien erzeugen genug Dynamik, um den Plot und die Szenerie nebensächlich werden zu lassen: Es reicht, dass die Protagonistin schwadroniert.

In der Kategorie „Selbstlosigkeit“ rührten mich zutiefst:

Kazuo Ishiguro mit „Klara und die Sonne“
Helga Schubert mit „Vom Aufstehen“

Kazuo Ishiguro hat mit „Klara und die Sonne“ eine ganz neue Protagonistin in die Welt der Literatur eingeführt, Klara, eine künstliche Freundin und Intelligenz, ein Roboter, ausgestattet, programmiert, um ein Kind zu unterhalten, Josie. Klara erfindet Strategien, Josie zu helfen und kreiert sich einen eigenen Mythos, der voller Optimismus für die Dinge dieser Welt ist und in der Sonne die Rettung sieht. „Doch es war mir auch klar, wie müde die Sonne sein musste – ihr Tagwerk war ja fast beendet – und dass es sowohl respektlos wie auch unvernünftig war, eine so unmittelbare Reaktion zu erwarten.“ Klaras Sanftmut und Fröhlichkeit und Ziel, Josie das bestmögliche Leben zu ermöglichen, für nichts und niemandem eine Gefahr darzustellen, lässt eine eigene Poesie trotz schlichter Sprache erstrahlen.

In „Vom Aufstehen“ schreibt Helga Schubert über ihr Leben, über die Ehe mit ihrem Mann, über das Alter und die Gebrechen, die Schmerzen, die sich aufsammeln, über die Schwierigkeit am Morgen aufzustehen, um dann doch aufzustehen. „Denn ich habe mir in meinem langen Leben alles einverleibt, was ich wollte an Liebe, Wärme, Bildern, Erinnerungen, Fantasien, Sonaten. Es ist alles in diesem Moment in mir. Und wenn ich ganz alt bin, vielleicht gelähmt und vielleicht blind, und vielleicht sehr hilfsbedürftig, dann wird das alles auch noch immer in mir sein.“ Helga Schuberts Fröhlichkeit steckt an und unterläuft jedweden Pessimismus, mit ihr zusammen entdeckt man den Zauber der Dinge wieder, der nämlich aller Dinge, ohne Ausnahme, und nimmt einem jede Furcht vor Krankheit und Alter.

In Sachen „Selbstbewusstsein“ überzeugten mich:

Claudia Durastanti mit „Die Fremde“
Jenny Erpenbeck mit „Kairos“

Der Wink mit dem Holzpfahl und andere Anekdoten. Das ist „Die Fremde“ von Claudia Durastanti, ein Text, der skurril, größenwahnsinnig von der kleinen Claudia und ihrem Lebensweg berichtet, geprägt von zwei sehr seltsamen Eltern, die zwischen allen Stühlen sitzen und Claudia den Spielraum geben, sich eine individuelle Weltsicht zu erarbeiten. „Ich lese die Biografien der Autorinnen, die ich bewundere, und mir wird klar, dass ich nicht so schreiben will, wie sie geschrieben haben, es ist mir völlig egal, ob ich schreiben kann, wie sie schrieben: Ich will lieben wie sie, ich will scheitern wie sie.“ Durastanti unterhält nicht nur wie eine Stand-Up-Comedian. Nein, sie evoziert auch die Unhintergehbarkeit der Individualität, der je Einzelnen, die sich der Welt stellt und ihre eigene Stimme zu entwickeln getraut. Ein widerborstiger, und über die Maßen freundlicher Text.

Viele Romane berichten vom Ende der DDR, von den Auflöseerscheinungen in Ostdeutschland, aber keine hat es überzeugender, beeindruckender als Jenny Erpenbeck mit „Kairos“ getan. Im Rahmen einer von Sadomasochismus geprägten Affäre handelt Erpenbeck die Emanzipation ihrer Protagonistin Katharina ab, die lernt, Nein zu sagen und der Welt die Stirn zu bieten, die Utopie im Realen und nicht in der Hoffnung zu suchen, denn Ernst Bloch mag sie nicht mehr kennen. „Mit losen Enden baumelt die Zukunft in die Gegenwart hinein, bis sie selbst Gegenwart wird, sich in dem oder jenem Menschenfleisch festwächst und unversehens ihre blühende, vielleicht auch eherne Herrschaft antritt.“ Katharina überwindet die Hoffnung als letztes Übel der Büchse der Pandora und beginnt ein neues Leben, nicht ohne Trauer und nicht ohne Zuversicht und Kraft.

In der Kategorie „Jenseits der Bestseller-Listen“ ermutigten mich:

Kaum ein Buch inspiriert mich mehr und regt mich kontinuierlicher zur Selbstbefragung an als Alfred Korzybskis „Science and Sanity“, der mit seinem Aphorismus „the map is not the territory“ bekannt geworden ist. „It is meaningless and utterly useless to argue whether or not the world is ‘simple’; as the world is not our understanding of it; but as our ‘understanding’ happens to be structural, our nervous system, through its abstracting capacities, makes it simple, once its structural content is discovered.” In seinem Institut der Generellen Semantik durchwühlt er die Sprache als sinngebende, zeitbündelnde, erfahrungsvermittelnde Operation. Im ganzheitlichen Sinne unterläuft er insofern ein jedes Entweder-Oder, eine jede binäre Ja-Nein-Konstellation und verliert trotz aller Komplexität nie die Lust, über die Welt und die Ereignisse zu kommunizieren. Alfred Korzybski amüsiert und unterhält zugleich.

Am 4. Juni 2021 ist Friederike Mayröcker gestorben. „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ ist ihr letztes Buch geworden. Es ist ein wunderbares Buch, stoisch und eigensinnig, verliebt ins Leben und ins Dichten, in die Wonne der Selbstartikulation ruft sie: „Heute Ostern heute ist Ostersonntag, sagst du, es möge noch oftmals Ostersonntag kommen, ich möchte immerzu immerfort immerdar. Blätter in meinem Leben’s Blättern, Unschlitt des Schmerzes immense Backe und Träne, in der Sprache meiner Verwilderung …“ Das Buch ist eine Erbschaft an die Zeit, eingeschrieben in die Vielheiten des Alltags, in sich rundend, weise und freundlich, verbreitet es die Lehre, die keine ist: Möge man reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist.

Ich bin gespannt, was das Jahr 2022 bringen wird! Und vielen Dank an alle, die mich mit ihrem Lesen und Schreiben inspiriert haben.

2 Antworten auf „Mein Lesejahr 2021“

  1. Auf das Lesejahr 2022 bin ich auch gespannt! Das Lesejahr 2021 hatte es in sich und was das Kategorisieren und die Bestleseeinordnungsstatistiken betrifft, was ich für eine originelle Idee halte, läßt sich, glaube ich, die deutsche Buchpreisliste besonders gut analysieren.
    Ich hatte jedenfalls da einige interessante Erkenntnisse.
    Die Leipzigerbuchpreisliste war für mich auch sehr interessant, bei der Abteilung Belletristik dachte ich ich kurz vor der Verkündung. Wer soll sie bekommen?
    Die Frau Mayröcker natürlich, das war aber das Buch, was ich nicht gelesen habe, weil man die, das ist interessant in den Wiener offenen Bücherschränken nicht findet.
    Ich wohne ungefähr zehn Minuten von der Zentagasse entfernt und in den beiden Buchhandlungen, die es in der Margaretenstraße, das ist noch näher, gibt, war sie, glaube ich, Stammgast, zumindestens behaupten die Buchhändlerinnen das, aber ob sie für Leipzig auch so ein Symbol ist?
    Also gut die Helga Schubert, mir hat von der Belletritistik Liste das buch der Judith Hermann am besten gefallen. Also vielleicht doch das Buch der Iris Hanika, mit dem ich am allerwenigstens was anfangen konnte? Das liegt vielleicht daran, daß ich wahrscheinlich die Struktur und die Nachvollziehbarkeit beim Lesen brauche!
    War dann so und interessant, daß Sies in die Abteilung „Selbstironie“ gereiht haben. Das hilft vielleicht beim Verstehen. Geholfen hat mir auch, als ich besonders ratlos über das Buch, ein Interview mit der Autorin gehört habe, wo die eigentlich immer nur lachte und dann irgendwie auch selbstironische Buchschreibmotive von sich gegeben hat.
    Das wäre überhaupt ein Eindruck über mein Lesejahr gewesen, daß da einige Autoren sagten, sie wollten die Leser in die Irre führen und wüßten eigentlich selbst nicht genau, warum sie was geschrieben haben!
    Eigentlich eine schreckliche Analyse, aber da denke ich, es ist halt schon so viel geschrieben worden und da haben es die Autoren wahrscheinlich nicht leicht sich durchzusetzen.
    Die Frau Mayröcker hat sich wahrscheinlich darüber keine Gedanken gemacht, sondern was mich besonders beeindruckt hat einfach das geschrieben, was ihr durch den Sinn gekommen ist und das dann mit der Philosophie und ganz normalen Alltagsereignissen, wie beispielsweise ihre Rückenschmerzen verknüpft.
    Das finde ich besonders spannend und ich sollte sie wahrscheinlich mehr lesen. „Larifari“ ihren Erstling, glaube ich, habe ich mal im Schrank bei St. Pölten gefunden und „Ich schüttelte meinen Liebling“ mir von einen Gutschein gekauft, habe also einen Nachholbedarf!
    Also seien wir auf 2022 gespannt!
    Ich lese gerade die „Aufdrängung“, wie weit das selbstironisch ist, habe ich noch nicht so ganz herausbekommen, mir ist eher das „absurde Theater“ als erstes aufgefallen, ist aber ein interessantes Buch und noch ein Typ, was Ihnen vielleicht bisher entgangen ist „Die Erfindung des Ungehorsams“ ist wahrscheinlich noch ein originelleres Buch, was ich für eines der besten halte, was ich in diesem Jahr gelesen habe. Dann kämen noch die „Vögel“ hinzu und „Mein Lieblingstier ist Winter“!
    Also auf in das Lesejahr 2022 für das ich Ihnen alles Gute wünsche und vielen Dank für das Lesen und Ihre Kommentare!

  2. Sehr spannende Lektüren! Zwei der Bücher habe ich auf Grund deiner Rezensionen gelesen. „Kairos“ und Die Aufdrängung ( noch nicht zu Ende). Als ich moosgrün am Febnster stand las ich auch.
    Vielen Dank für das Teilen deiner Lektüren. Ich nehme immer sehr viel mit aus deinen Rezensionen und Kairos und die Aufdrängung waren wunderbare Entdeckungen!

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