Mein Lesejahr 2022

Wie im letzten Jahr möchte auch dieses Mal kurz vor Neujahr mein Lesejahr Revue passieren lassen und mit meinem letzten Post des Jahres 2022 meine diesjährigen Lesehighlights nennen. Letztes Jahr unterschied ich in den Kategorien „Selbstironie“, „Selbstlosigkeit“ und „Selbstbewusstsein“ sowie ein „Jenseits der Bestseller-Listen“. Dieses Jahr möchte ich in „Vorwärts“ und „Rückwärts“ sowie in „Hoffnungsvoll“ und „Zeitlos“ unterscheiden, um die verschiedenen Erzählhaltungen zu kategorisieren: Jene, die nach vorn schauen, in eine ungewisse Zukunft, und die, die rückwärts schauen, in eine wiederentdeckte, sich aufdrängende Vergangenheit; solche, die die Zeit mittels dialektischer Bilder im Stillstand aufzulösen versuchen, und jene, die sich von der Zeit einfach nicht bange machen lassen wollen.

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Tatjana Gromača: „Die göttlichen Kindchen“

Humor in einer zerrütteten Welt … Bayerns beste Independent Bücher 2022

Das Abarbeiten an den eigenen Eltern steht hoch im Kurs. Annie Ernaux, die diesjährige Nobelpreisträgerin für Literatur, hat hieraus ihr Œuvre entwickelt, bspw. in Das andere Mädchen oder Das Ereignis. Daniela Dröschers Ich-Erzählerin reflektiert über ihr Verhältnis zur Mutter in Lügen über meine Mutter und die Schiffskapitänin aus Marie Te Navarro in Über die See über das zu ihrem ebenfalls einst seefahrenden, nun kürzlich verstorbenen Vater. Eine völlig zerfahrene Familiensituation in 1960er Jahren Norwegens beschreibt Toril Brekke in Ein rostiger Klang von Freiheit und Fatma Aydemir in Dschinns für Deutschland Ende der 1990er Jahre. Diese sehr unterschiedlichen Beispiele besitzen neben dem Thema Eltern eine stilistisch figurative Gemeinsamkeit: Für Humor ist kein Platz. Tatjana Gromačas Ich-Erzählerin lässt sich in Die göttlichen Kindchen dagegen trotz grassierenden Bürgerkrieges und Familienzwists in Kroatien nicht den Mut nehmen und plaudert munter drauf los:

In der kleinen Stadt, aus der Vater und Mutter kamen, nahmen die Menschen Antidepressiva. Alle nahmen unterschiedliche Betäubungsmittel, um alles akzeptieren zu können, was sie akzeptieren mussten, um sich über alles hinwegzusetzen, worüber man sich hinwegsetzen musste, um alles zu vergessen, was sie zu vergessen versuchten, um schließlich gleichgültige und passive Beobachter der Geschichte des allgemeinen Siechtums und des allgemeinen Wahnsinns in einer kleinen, pastoralen Umgebung zu werden.

Tatjana Gromača aus: „Die göttlichen Kindchen“
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Dörte Hansen: „Zur See“

Von der See und anderen Finstbarkeiten … Spiegel-Belletristik Bestseller (49/2022)

Erzählt Marie Te Navarro von einer abenteuerlustigen Schiffskapitänin in Über die See und führt Heinz Strunk in Ein Sommer in Niendorf seinen Protagonisten an die Nordseeküste, um dort wieder zu einem gewissen, wenn auch trunksüchtigen Lebensglück zu finden, entscheidet sich Dörte Hansen in ihrem neuesten Roman Zur See für ein Weder-Noch, weder Festland noch hohe See. Ihr Roman handelt von der Familie Sander, die auf einer Nordseeinsel lebt:

Auf allen Inseln gibt es einen, der die Sagen kennt, die alten und die neuen Mythen, all die wahren, halbwegs wahren, frei erfundenen Geschichten über diese See, die Menschen, ihre Schiffe, ihre Angst. Er muss sie weitersagen, ob er möchte oder nicht, denn die Geschichten suchen den Erzähler aus, nicht umgekehrt. Auf dieser Insel ist es Ryckmer Sander, der die Sagen kennt.

Dörte Hansen aus: „Zur See“
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Kalenderwoche 48-49. Lesebericht.

Eine Lektüre kann auch scheitern. Ich habe mir mit Clemens J. Setz‘ Die Stunde nach Frau und Gitarre wirklich Mühe gegeben. Jede Seite, jede Zeile mit offenen Augen und elastischem Gemüt zur Kenntnis genommen. Mich über die Hunderte von Seiten mitziehen lassen, aber ohne Erfolg. Das Buch brachte keine einzige Saite in mir zum Schwingen, und so zog sich die Lektüre hin und prägte die Kalenderwochen 48-49, bis ich dann die letzten 400 Seiten in einem Rutsch hinter mich brachte.. Als Erholung las ich dann den neuesten Aufsatz von Jürgen Habermas Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und von Johann Gottlieb Fichte die Vorlesung über Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters. Als dies auch nichts brachte, nahm ich Anne Michaels‘ Wintergewölbe zur Hand und fand Trost:

Jede Nacht fiel die Temperatur bis auf den Gefrierpunkt, und die Arbeiter begannen ihren Tag am Feuer. Schon früh am Morgen kostete selbst die kleinste Anstrengung Überwindung. Man sah nie jemanden schwitzen, weil jede Feuchtigkeit sofort verdunstete. Die Männer steckten den Kopf in jeden schattigen Fleck, der zu finden war, quetschten sich in den Schatten von Holzkisten und Lastwagen. Sehnsüchtig blickten sie über den Nil in das Dunkel von Dom- und Dattelpalmen, Akazien, Tamarisken und Maulbeerfeigenbäumen. Sie hielten das Gesicht in den Nordwind.

Anne Michaels aus: „Wintergewölbe“
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Clemens J. Setz: „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“

Das Prinzip Versteckte Kamera … Georg-Büchner-Preis 2021.

Romanen Voyeurismus vorzuwerfen, mag absurd erscheinen. Es handelt sich schließlich um Texte über Figuren, ausgestaltet im sprachlichen Medium einer auf die Figuren hin zugeschnittenen Narration. Romane wie Madame Bovary von Gustave Flaubert oder Mit doppelter Zunge von William Golding glänzen zwar mit Details, mit dem Bericht von Intimitäten; oder, um Beispiele aus der Gegenwartsliteratur zu nehmen, Ralf Rothmann in Die Nacht unterm Schnee oder Michel Houellebecqs Vernichten gehen zwar unter die Gürtellinie, aber gleichsam nie zu weit. Den Figuren wird ein erzählerischer Spielraum gewährt. Die Beobachtung rückt ihnen auf den Pelz, aber nie zu nah. Andere Romane wie Maxim Biller Der falsche Gruß oder Constantin Schreiber Die Kandidatin führen ihre Hauptfiguren vor, wodurch der Eindruck von Voyeurismus entstehen kann. Clemens J. Setz gerät mit Die Stunde zwischen Frau und Gitarre in ähnliches Fahrwasser:

Am Abend stand Natalie nackt vor einem Spiegel. Sie hatte ihn dazu extra aus dem Schrank geholt (normalerweise mochte sie keine menschengroßen Spiegel, hatte ihn aber trotzdem nicht in der alten Wohnung zurücklassen können, weil sie dauernd daran denken musste, wie der Spiegel traurig und blind wurde). Da war er, ihr hässlicher unweiblicher Körper. Mein Gott, die Kritik dieses Idioten hat dich wirklich getroffen. Nutzloses Vieh, dachte sie. Das Gesicht im Spiegel sah kindlich beleidigt aus.

Clemens J. Setz aus: „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“
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Franz Kafka: „Der Prozess“

Dr. Jekyll und Mr. Hyde im Zeitalter der Bohème …

Interpretationsmodelle (3): Im Rahmen der Reihe Interpretationsmodelle, von denen es bereits einen ersten Teil mit Theodor W. Adornos Skoteinos und einen zweiten mit Jacques Derrida Gesetzeskraft gibt, veranschauliche ich dieses Mal anhand Franz Kafkas Der Prozess, inwieweit sich Interpretationen wertfrei darin unterscheiden lassen, wie sehr sie dem Textganzen und nicht nur gewissen Teilaspekten entsprechen.  Deutungen und Inhalt eines Romanes lassen sich ja selbstredend nach Belieben konstruieren, genauso wie Wertungen, Urteile, Eindrücke und Impressionen. Dies gilt selbst dann, wenn Interpretationen die Textgesamtheit berücksichtigen, aber erst recht im Falle einer dezisionistischen Textstellenauswahl. Als Beispiel dient hier Jacques Derridas dekonstruktivistisches Verfahren beim Besprechen von Walter Benjamins Text Zur Kritik der Gewalt. Noch deutlicher aber lässt sich dies an den Interpretation bezüglich Kafkas Der Prozess veranschaulichen:

»Sie dürfen nicht weggehen, Sie sind ja verhaftet.«
»Es sieht so aus«, sagte K.
»Und warum denn?« fragte er dann. »Wir sind nicht dazu bestellt, Ihnen das zu sagen. Gehen Sie in Ihr Zimmer und warten Sie. Das Verfahren ist nun einmal eingeleitet, und Sie werden alles zur richtigen Zeit erfahren. Ich gehe über meinen Auftrag hinaus, wenn ich Ihnen so freundschaftlich zurede. Aber ich hoffe, es hört es niemand sonst als Franz, und der ist selbst gegen alle Vorschrift freundlich zu Ihnen. Wenn Sie auch weiterhin so viel Glück haben wie bei der Bestimmung Ihrer Wächter, dann können Sie zuversichtlich sein.«

Franz Kafka aus: „Der Prozess“
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Kalenderwoche 46-47. Lesebericht.

Wegen Wintersmüdigkeit, Angeschlagenheit und einer allgemeinen Denkträgheit gibt es nicht viel zu berichten. Hauptsächlich beschäftigte ich mich in den letzten zwei Wochen mit Elfriede Jelineks Angabe der Person. Im Laufe der Lektüre kristallisierte sich heraus, dass vieles in Jelineks neuestem Roman auf Franz Kafkas Der Prozess verwies. Zu meinem Schrecken stellte ich aber fest, dass die Kafka-Lektüre nun schon Jahrzehnte zurückliegt und ich mich kaum noch an Details erinnerte. Nur schemenhaft geisterten die Szenen in meinem Gedächtnis herum. Erschwerend kam hinzu, dass in meinem Exemplar von Der Prozess gar keine Anstreichungen und Anmerkungen zu finden gewesen sind. Mir blieb also aus Konsistenzgründen gar nichts anderes übrig, als den Roman erneut zu lesen, um meinen Eindruck, dass dieser eng mit Jelineks neustem Roman verknüpft ist, auch am Text begründen zu können. Also las ich Der Prozess [Max Brod-Ausgabe] erneut, was, je genauer ich las, zu immer mehr Verwirrung Anlass gab, die nur kurz von narrativen Stellen wie dieser unterbrochen wurde:

An einem Wintervormittag – draußen fiel Schnee im trüben Licht – saß K., trotz der frühen Stunde schon äußerst müde, in seinem Büro. Um sich wenigstens vor den unteren Beamten zu schützen, hatte er dem Diener den Auftrag gegeben, niemanden von ihnen einzulassen, da er mit einer größeren Arbeit beschäftigt sei. Aber statt zu arbeiten, drehte er sich in seinem Sessel, verschob langsam einige Gegenstände auf dem Tisch, ließ dann aber, ohne es zu wissen, den ganzen Arm ausgestreckt auf der Tischplatte liegen und blieb mit gesenktem Kopf unbeweglich sitzen.

Franz Kafka aus: „Der Prozess“
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Elfriede Jelinek: „Angabe der Person“

Kommunikativ schweigen und doch schreiben …

Die Texte von Elfriede Jelinek changieren stets zwischen den Sprachwelten. Sie setzen sich aus Zitaten, Pastiches, aus den verschiedensten Quellen zusammen. Die Schreibende nimmt alles auf, hört Radio, sieht fern, liest Zeitung, Bücher, Theaterstücke, um sich Stichwörter geben zu lassen, mithilfe derer sie improvisierend, paraphrasierend den Rahmen ihrer Gesamtkonzeption füllt. Die Massenmedien taugen als Delphisches Orakel und fungieren wie das Soufflieren im Theater. Konsequenterweise verwirklicht ein solches Schreiben keine hermetische, zeitenthobene Form. Alles bleibt und wird Kommentar. Ob dieser sich als Theaterstück, Blogbeitrag oder Roman realisiert, erscheint nebensächlich. Elfriede Jelinek bricht also kein Schweigen, wenn sie nach 22-jähriger Abstinenz wieder einmal einen verlagsvertriebenen Roman vorlegt, denn auch ohne Roman gab es in dieser Zeit viel von ihr zu hören und zu lesen, bspw. im Theater oder auf ihrem Blog. In Angabe der Person greift sie nun nach langer Zeit wieder zur Prosaform:

Der eine Satz weiß nicht, was der andre zu bedeuten hat, sie hören nicht auf mich, sie hören nicht, was ich sage, sie fühlen nicht, was ich höre, die blöden Sätze, nein, umgekehrt, sie hören nicht, was ich fühle, sie sagen etwas, sie sagen etwas dagegen, doch was sie von mir wollen, das sagen sie nicht, das wissen sie.

Elfriede Jelinek aus: „Angabe der Person“
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Halldór Laxness: „Am Gletscher“

Unaufgeregtheit als Passion … Nobelpreis für Literatur 1955

Ewiges Eis heißen die Gebiete, wo trotz Jahreszeitenwechsel das Eis nie schmilzt. Das Polargebiet kommt einem in den Sinn, aber auch die schneeverwehten Gipfel, Grate und Kämme großer Gebirge. Der Schnee vergeht dort nicht. Das Eis bleibt, und die Gipfel erstrahlen im hellen Weiß. Nicht nur Bergspitzen, auch Gletscher trotzen der Sonne und dem Sommer und legen Zeugnis ab von längst vergangenen Zeiten. Sie halten stand und geben ihr Geheimnis nicht preis. Sie dauern auf anderen Zeitskalen. Halldór Laxness‘ Roman Am Gletscher gleicht einem solchen und zwar in mehrerer Hinsicht:

Es war einer jener Tage im Mai, wunderschön gegen Abend, an denen das Glück des Lebens einem sterblichen Menschen entgegenlächelt. An einem solchen Tag pflegten die Alten zu sagen: Vor seinem Lebensende ist niemand glücklich zu preisen. Der Gletscher, der Terrinendeckel der Welt, deckte die Geheimnisse der Erde zu. Er sah mir und der Frau still nach in der Gewißheit, wenn er sich nur um ein Quentchen rührte, bekäme er einen Riß, aus dem die Maus herausspringt.

Halldór Laxness aus: „Am Gletscher“
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Kalenderwoche 44-45. Lesebericht.

Völlig absorbiert hat mich in den letzten beiden Wochen Friedrich Hölderlins Werk. Ich blätterte in seinen Gedichten und theoretischen Versuchen, in seinen Briefen, Fragmenten, in den verschiedenen Versionen seines Romans Hyperion und Dramas Tod des Empedokles wie in seinen Übersetzungen von Sophokles‘ Antigone und Ödipus der Tyrann. In meinem Lesebericht habe ich bereits ausführlich über Hyperion berichtet und Hölderlins Versuch, mittels enthusiastische Stilistik und poetische Lebensbejahung über alle Unterschiede hinwegzutrösten, andeutungsweise untersucht. In Tod des Empedokles schlägt er einen dramatischeren, tragischeren Ton an, der nichtsdestotrotz der Bewegung und der Lebendigkeit das Wort redet:  

Vergehn? ist doch
Das Bleiben gleich dem Strome, den der Frost
Gefesselt. Töricht Wesen! schläft und hält
Der heil’ge Lebensgeist denn irgendwo,
Daß du ihn binden möchtest, du, den Reinen?
Es ängstiget der Immerfreudige
Dir niemals in Gefängnissen sich ab
Und zaudert hoffnungslos auf seiner Stelle!
Frägst du, wohin? die Wonnen einer Welt
Muß er durchwandern und er endet nicht.

Friedrich Hölderlin aus: „Tod des Empedokles“
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