Stephen King: „Später“

Ein Kleinod herbstlicher Lebensfreude. (Spiegel Belletristik-Bestseller 12/2021).

Stephen King erzählt in seinem neuen Roman „Später“ die Geschichte eines Sohnes (Jamie), der Tote sehen kann, die Geschichte einer Mutter (Tia), die diesen Sohn liebt und eine Literaturagentur betreibt, und die von ihrem gemeinsamen Lebens, bis der Sohn letztlich loszieht und ein College besucht. Es ist ein Coming-of-age-Roman, der spartanisch, spätsommerlich-portugiesisch einen Sohn zu Wort kommen lässt, der geliebt wird und liebt, der die Welt bestaunt, sanft mit ihr zu Rande zu kommen versucht, zwischen Büchern und einer lesbischen Mutter heranwächst, zwischen Liebe und ersten Kuss, Grusel und Schicksal mit einer Fähigkeit des Sehens belastet zu sein, von der niemand etwas ahnt und die darin besteht, Tote wahrnehmen zu können, die kurz nach ihrem Tod noch für eine kurze Weile orientierungslos herumstehen und für ihn allein ansprechbar bleiben.

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Benedict Wells: „Hard Land“

Auf der Suche nach dem eigenen Selbst. (Spiegel Belletristik-Bestseller 11/2021)

Im Roman „Hard Land“ von Benedict Wells durchlebt ein Jugendlicher die Höhen und Tiefen des jungen Erwachsenenlebens. Auf dem Programm stehen der erste Kuss, Sex, Probleme mit den Eltern und tragische Verluste, nicht nur der Kindheit, auch der Unschuld, Mutproben und Spiele, Sehnsüchte und das Rätsel um den Gedichtband eines Kleinstadthelden, die 49 Geheimnisse, die auf die 49 Kapitel des Buches verweisen und klar das Buch im Buch nacherzählen, einem Möbiusband gleich. Wie dieses mathematisch unorientierbar sich entfaltet und kein Ende findet so auch die Erzählung, die den Sinn in einer Rahmenwirkung zu bannen versucht, ohne ihn jedoch preisgeben zu können. Sinn nämlich gibt es nicht mehr. Sinn ist die ungestillte Sehnsucht, der geheime und fehlende Protagonist des Romans.

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Yuval Noah Harari: „Homo Deus“

Keine Panik auf der Titanic.

Yuval Noah Hararis Buch „Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen” basiert im Wesentlichen auf der Annahme, dass den Menschen vor allen anderen Lebewesen die Eigenschaft auszeichnet, in einer Welt der Intersubjektivität leben zu können. Diese Welt der Intersubjektivität erlaubt es den Menschen, größere Gruppen zu bilden.

Wie Forschungsergebnisse zeigen, kann ein Sapiens mit nicht mehr als 150 Individuen enge Beziehungen (ob feindseliger oder amouröser Art) ausbilden. Was immer die Menschen in die Lage versetzt, Netzwerke massenhafter Zusammenarbeit zu organisieren – enge Beziehungen sind es nicht.

Yuval N. Harari
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Christian Kracht: „Eurotrash“

Ein Buch für niemandem und keinen. (Spiegel Belletristik-Bestseller 11/2021)

Folgt man den Ausführungen Francois Lyotard in „Das postmoderne Wissen“ befinden wir uns in einer Zeit nach dem Ende großer Erzählungen, d.h. in der nur noch sich selbst transparente, oder untote Erzählungen hin und her geistern, kleine Erzählungen voller verwobener und irrelevant gewordener Details existieren können. Mischt man dazu noch Walter Benjamins „Erfahrung und Armut“ in die These, würzt sie mit der Schweiz, dem Nationalsozialismus, Demenz und Familienproblematik, sexuellen Missbrauch und Sadomasochismus, und garniert dieses Gebräu mit Anekdoten aus dem Spiegel-Magazin der letzten sieben Jahrzehnte, so erhält man, schüttelt und rüttelt man nur genug, den neuen Roman von Christian Kracht: „Eurotrash“, der auch von einer künstlichen Intelligenz geschrieben werden hätte können [siehe hierfür Daniel Kehlmann: „Mein Algorithmus und ich“].

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Hengameh Yaghoobifarah: „Ministerium der Träume“

Eine Wortmeldung der explosiven Art. (Spiegel Belletristik-Bestseller 10/2021)

Hengameh Yaghoobifarahs Roman will keine falschen Freunde, keine Sympathisanten, beim Bio-Markt-einkaufende Gutmenschen überzeugen. Der Roman ist laut, er schreit, und zwar unverblümt, seinen Schmerz heraus. Die Zeile fetzen einem um die Ohren. Ungeschlacht reißt er jedweden Boden unter den Füßen weg, lässt Mauern einstürzen, um noch höhere zu bauen. Die zugefügte Gewalt sprengt die Ketten, wer rastet, der rostet:

Ein junger Mann stellt sich hinter mich, liest ein Buch. Woher die Ruhe, Bruder, will ich fragen.

Hengameh Yaghoobifarah
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Alena Schröder: „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“

Geheimnisvoll in unentschiedener Traurigkeit. (Spiegel Bestseller-Belletristik 10/2021)

Der Roman von Alena Schröder erlaubt von Anfang an mehrere, völlig verschiedene Lesarten. Einerseits siedelt er sich im Themenbereich Aufarbeitung der bundesdeutschen Nationalsozialismus-Vergangenheit an. Andererseits beleuchtet er die Frauen-Emanzipationsprozesse von Anfang der 1920er Jahre bis zur Gegenwart mittels der vier, die Erzählung tragende Frauengestalten. Man kann den Roman selbstredend darüber hinaus als Kriminalgeschichte lesen oder als Selbstfindungsprozess einer jungen Germanistikdoktorandin innerhalb einer komplexen Familienvergangenheit voller verpasster Chancen, Scham, voller nachtragender Schuld und Traurigkeit.

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Sebastian Fitzek: „Der Heimweg“

Eine Tour de Force des Grauens. (Spiegel Belletristik-Bestseller 02-03/2021)

Sebastian Fitzeks Romane sind sicherlich nichts für Zartbesaitete. „Der Heimweg“ erzählt eine furchterregende Geschichte über Gewalt, Ohnmacht, Angst und sadistische Perversion. Im Zentrum stehen eine Handvoll Menschen, alle verwoben, verstrickt in einem Netz, das einzig und allein durch Gewalt zusammengehalten wird. Beinahe in Echtzeit verfolgt man kapitelweise die Protagonistin Klara in Fitzeks neu aufgelegter Version einer Reise ans Ende der Nacht à la Ferdinand Céline.

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Haruki Murakami: „Erste Person Singular“

Ein Schreiben, auf dass die Worte nicht verschwinden. (Spiegel Belletristik-Bestseller 07/2021)

In „The Great Passage“ einer japanischen Anime TV-Serie wird ein Bücherwurm verpflichtet, ein Wörterbuchprojekt weiterzutreiben, dass ein in Rente gehender Lektor begonnen hat. In einem Labyrinth der Selbstverpflichtung sondiert diese Serie in langsamen, seltsamen Unterhaltungen das besondere an Wörterbüchern, ihre eigentümliche Widerstandskraft und Persönlichkeit, die Geschichte also, die in jedem Versuch steckt, dieses und kein anderes Wörterbuch zu dieser oder jener Sprache vorzulegen. Der Protagonist, Mitsuya Majime, lebt zurückgezogen mit seiner Katze, übernimmt diese Aufgabe in sich selbst verleugnender Pflichterfüllung und findet so sein Glück, heiratet die angehende Köchin Kaguya Hayashi und lernt, spärlich, zäh, unsicher von Wort zu Wort mehr seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

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Judith Butler: „Die Macht der Gewaltlosigkeit“

Die gute Unterhaltung, oder: Die Kunst der kritischen Vernunft.

In Judith Butlers neuem Buch “Die Macht der Gewaltlosigkeit“ werden nebst Nachwort und Vorwort hauptsächlich in vier Kapiteln Texte von Kant und Hobbes; von Klein und Fanon; von Foucault und Benjamin; sowie von Einstein und Freud besprochen. Alle Kapitel handeln von Gewalt und Gewaltlosigkeit, Trauer und Betrauerbarkeit, Individualität und Kollektivität in lokalen wie globalen Macht- und Rechtszusammenhängen. Der klare Höhepunkt wird schließlich im dritten Kapitel erreicht, als Butler namentlich die Opfer von polizeilicher Gewalt in den USA aufzählt, Frauen, die wegen Verstößen der Straßenverkehrsordnung erschossen wurden.

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Slavoj Zizek: „Sex und das verfehlte Absolute“

Ein Buch für alle und doch nicht viele.

Ein 592 Seiten in sich verwinkeltes, sich wiederholendes, re-paraphrasierendes hypo- und parataxisches Ungetüm – Zumutung oder Befreiungsschlag, Großdenker oder Provokateur? Es geht um Beckett, um Lenin, um den Holocaust, um MeToo. Es geht um Freud, Lacan, immer wieder Hegel. Es geht um Badiou, den Kollaps der Wellenfunkton in der Quantenmechanik, um Kafka, Zupancic, um Butler und Kristeva, rund um den stets herauswabernden Kant und Schelling, das Unheimliche Platons, Trump, Zynismus und die ewige Wiederkehr von Geschlechter-Binärem, dem Symbolischen, Imaginären, dem Realen des Hollywood Kinos, über Cary Grant zu Tom Cruise, Hitchcock vor und zurück und independent Science-Fiction Filme, Neurologie, künstliche Intelligenz und dem Virtuellen am Sex, das objet a und das durchkreuzte Subjekt.

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