Klassiker

Lektüre-Berichte und Rezensionen zu Büchern jenseits der aktuellen Bestseller-Listen, sowohl literarischer wie philosophischer Art. Diese Besprechungen dienen als Lesemodelle, Lesebestimmungen und Forschungen und entstehen aus Relektüren bereits gelesener Texte oder neuer Erschließungen alter Texte, zumeist theoretischer, ästhetischer Art mit dem Ziel, die kommunikativen Aspekte, die in jedem Text liegen, zu verstärken und miteinander interferieren zu lassen. Viel Spaß beim Stöbern.

Ewiges Eis heißen die Gebiete, wo trotz Jahreszeitenwechsel das Eis nie schmilzt. Das Polargebiet kommt einem in den Sinn, aber auch die schneeverwehten Gipfel, Grate und Kämme großer Gebirge. Der Schnee vergeht dort nicht. Das Eis bleibt, und die Gipfel erstrahlen im hellen Weiß. Nicht nur Bergspitzen, auch Gletscher trotzen der Sonne und dem Sommer und legen Zeugnis ab von längst vergangenen Zeiten. Sie halten stand und geben ihr Geheimnis nicht preis. Sie dauern auf anderen Zeitskalen. Halldór Laxness‘ Roman Am Gletscher gleicht einem solchen und zwar in mehrerer Hinsicht … (weiter)

Die Entstehungsgeschichte von Friedrich Hölderlins einzigem Roman Hyperion liest sich selbst wie ein Liebes- und Reiseroman. Geplant wurde der Roman von dem gerade zweiundzwanzig gewordenen Stiftstipendiaten ab Mai 1792. Eine Tübinger Fassung entstand um 1793, und einige Versionen und Umzüge, Komplettentwürfe und Fluchten von Tübingen nach Frankfurt später erschien 1794 ein Fragment von dem Roman in Friedrich Schillers Zeitschrift Neue Thalia. Auf dessen Anraten wurde nach Verwerfung der metrischen Fassung und der Jugendgeschichte der erste Band von zwei Bänden schließlich im Verlag Cotta 1797 veröffentlicht … (weiter)

Hegels Die Phänomenologie des Geistes lässt sich unter vielen verschiedenen Geschichtspunkten untersuchen und lesen. Die meisten wählen einen historischen Weg und sehen in den angegebenen Bewusstseinsstufen wie sinnliche Gewissheit, Verstand, Geist und Vernunft die Weltgeschichte aus europäischer Sicht nachgezeichnet. Andere begreifen die Kapitelabfolge vor allem als erkenntniskritische Selbstreflexion auf Wissen und was zu wissen möglich ist, zumal der Text mit dem absoluten Wissen schließt. Wiederum andere lesen Hegel rein politisch oder moralphilosophisch, vor dem Hintergrund seiner späteren Rechtsphilosophie … (weiter)

Das Höhlengleichnis von Platon befindet sich im 7. Buch von seinem Hauptwerk Der Staat [Politeia], das ungefähr vor 2400 Jahren niedergeschrieben worden ist. Das Gleichnis gilt als einer der Schlüsseltexte der abendländischen Philosophie und dient oft als vermeintlich einfache Einführung in die philosophische Erkenntnistheorie der Antike oder gar in die Philosophie überhaupt. Zu diesem Zwecke wird es oft als alleinstehende Allegorie auf das menschliche Dasein, vom Wissen und Nichtwissen, Sein und Schein herangezogen … (weiter)

Alle Bücher bestehen aus einem Buchdeckel und bedruckten Seiten. Sie genügen alle der Linearität der Sprache und bauen Wort für Wort eine Kommunikationswelt auf. Die Zeitlichkeit stellt sich von alleine ein. Das so eben gelesene Wort verknüpft sich mit anderen, weit zurückliegenden Worten, taucht unversehens auf und erzeugt immer wieder einen ungeahnten Sinn an Ort und Stelle. Stets holt sich das Lesen selbst ein, im steten Werden und Vergehen, Vergessen und Erinnern, und in der Art und Weise, wie dieses geschieht, unterscheiden sich die Bücher voneinander, nämlich darin, wie sie Kommunikation anstreben. Elfriede Jelineks Roman Die Kinder der Toten gibt sich widerborstig (i: Inhalt, ii: Form)

Es gibt wenige Texte, die sich so gegen das plakative Lesen sträuben wie Ingeborg Bachmanns einzig vollendeter Roman Malina. Er ist so vielschichtig und polyphon, so dicht und komplex, dass beinahe jeder Absatz für sich allein steht und das Lesen seinen eigenen Fokus, seine eigene Perspektive konstruieren muss. Bachmanns Text versprachlicht Heraklits Fluss, in den sich nach seiner Formel panta rhei niemals ein zweites Mal steigen lässt, indem es einfach kein zweites Lesen gibt. Malina liest sich stets von neuem. Mit dem ersten Satz beginnt eine neue Reise. Er lautet (weiter)

In Mein Name sei Gantenbein experimentiert Max Frisch mit biographischen Erzählpositionen. Im Gegensatz aber zu seinem Frühwerk Stiller bedient sich der 1964 veröffentlichte Roman explizit bei den formästhetischen Varianten des nouveau roman, um minutiös die auktoriale Erzählposition zu unterminieren und so, wenn möglich, die Grenzen des Sagbaren auszuloten und zu erweitern. Typischerweise wird Max Frisch jedoch nicht zu den Vertretern des nouveau roman gezählt. Überhaupt haben die stilistischen Bemühungen dieser formästhetischen Experimente in der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit wenig Anklang gefunden und wurden nur von vereinzelten wie Arno Schmidt aufgenommen. (weiter)

Selten wird der Zukunft wirklich viel Aufmerksamkeit entgegengebracht. Sie ist zu unbequem, unterminiert jede Selbstgewissheit und Selbstzufriedenheit bis zur Kenntlichkeit, sobald sie beim Namen genannt wird. Das liegt an dem Diffusiven, Trüben, Bevorstehenden und Ominösen um sie herum. Explizit würde nämlich niemand ernsthaft sagen, es sei möglich, in die Zukunft zu schauen, wahrscheinlich nicht einmal Nostradamus selbst. Implizit jedoch wird stillschweigend davon ausgegangen, es sei möglich. (weiter)

finbarsgift lenkte in einem Kommentar meine Aufmerksamkeit auf die stilistisch-sprachlichen Ähnlichkeiten zwischen Fräulein Smillas Gespür für Schnee von Peter Høeg und den Romanen von Ágota Kristóf. Neugierig geworden entschied ich mich für Kristófs Roman Das große Heft. Es lässt sich als der Auftaktband einer Trilogie begreifen, steht aber in minimalistischer Wucht auch für sich allein und behandelt eine Welt, die völlig aus den Fugen geraten ist (weiter)

Wenige, nur einige Seiten lange Kapitel kondensieren so sehr Geistes- und Denkbemühungsgeschichte wie Immanuel Kants Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe. Dieser Anhang samt seinen Anmerkungen beschließt die erste Abteilung der transzendentalen Analytik in der Kritik der reinen Vernunft und markiert ein atemloses Abwägen, eine Gratwanderung zwischen Tautologie und Ontologie … (weiter)

Das philosophische Hauptwerk von Hannah Arendt Vita activa oder Vom tätigen Leben ist anlässlich der Studienausgabe von Arendts Schriften 2020 neu aufgelegt worden. Es erschien erstmals 1958 und reiht sich in jene zivilisationskritischen Werke der Nachkriegszeit ein, die allesamt unter den Eindrücken des Zweiten Weltkrieges, des Faschismus und des Kalten Krieges stehen und den vormalig aufklärerischen Impetus nicht mehr so recht teilen können (weiter)

Klassiker der Wissenschaftsgeschichte gibt es deren viele. Selten genug jedoch äußern sich anerkannte Wissenschaftler zu metaphysischen Fragen, die sich nicht auf einen engen Stoffumfang begrenzen lassen. Typische Wissenschaftler schrecken vor ihnen zurück. Vielleicht aus gutem Grund. Erwin Schrödinger gehört nicht zu ihnen, obwohl er die Gefahr kennt und in seinen eigenen Worten wie folgt formuliert … (weiter)

Interpretationsmodelle (2): Die Dekonstruktion und der Poststrukturalismus haben eins der wirkungsmächtigsten Interpretationsmodelle der letzten Jahrzehnte etabliert. Im Rahmen der Reihe der Interpretationsmodelle, und als zweiter Teil, nach Theodor W. Adornos Aufsatz Skoteinos und seinem Begriff der immanenten Kritik, wird nun Jacques Derridas Buch Gesetzeskraft  als Beispiel einer dekonstruktivistischen Lektüre untersucht … (weiter)

Interpretationsmodelle (1): Wer viel liest, fragt sich schnell, wie unterschiedliche Eindrücke zustande kommen, was den einen vom anderen Text unterscheidet? Was zeichnet diesen von jenem Roman, diese von jener Ausdrucksweise aus? Werturteile lassen sich diesbezüglich schnell aussprechen. Sie hängen aber von den Lesenden ab. Das bestreitet heute kaum noch jemand. Die entscheidende Frage bleibt indes vom Urteil unberührt … (weiter)

Der Gedanke, dass die Mathematik zu den Sprachen zählt, wird schnell gesagt, aber selten in seinen Konsequenzen beleuchtet. Ihn beiseite gewischt, erscheint sie als starre Architektur in sich geschlossener Schlussformen, die entscheidbare Aussagen generiert. Dabei ähneln sich Literatur und Mathematik mehr als viele vielleicht meinen. (weiter)

Ayn Rand ist eine kontroverse Figur in der US-amerikanischen Literatur. Ihre Texte ordnen sich in das Spannungsfeld ein, das Literatur und Philosophie miteinander aufspannen und meistens von Propaganda, seltener von Form und Inhalt, zusammengehalten werden. Wenigen Texten gelingt das Mischen der ästhetischen Reflexionsformen. „Hymne“ oder „Anthem“ im Original von Ayn Rand kommt dem Gelingen gefährlich nahe. (weiter)

Wer den Blick in die Glaskugel werfen möchte, benötigt zuallererst eine Glaskugel. Richard Buckminster Fuller scheut keine Mühen und legt mit diesem Aufsatz eine Vision vor, die die Zukunft vorhersagt, so gut, wie es der Stand der Informationen aus dem Jahr 1969, in welchem die Schrift veröffentlicht wurde, nun einmal zulässt. Sein Aufsatz ist eine solche Glaskugel (weiter)

Marguerite Duras gehört zu diesen Schreibenden, die nicht einfach nur schreiben, denen das Schreiben, das merkt man sofort, mehr ist als das bloße Verschriftlichen von Gedanken. Ihre Romane leben von dem, was zwischen den Zeilen passiert. Ihre Sätze drehen sich um eine Spur, die spürbar, aber nicht benennbar ist. Das Schreiben, so scheint es, birgt einen Schatz, schützt ihn, und lässt ihn doch verfügbar erscheinen (weiter)

„Zur Kritik der Gewalt“ ist ein eigenartiger Text. Genau gelesen dreht sich alles um die Legitimität von auf Gewalt antwortende Gegengewalt, ohne dass der Begriff ‚Gewalt‘ präzisiert wird. Das wird allein schon darin deutlich, dass der Aufsatz nicht „eine Kritik“ oder „die Kritik“, vielmehr „zur Kritik der Gewalt“ überschrieben ist. Es handelt sich also bei Walter Benjamins Aufsatz um einen Kommentar (weiter)

In „Grammatologie“ analysiert Jacques Derrida Jean-Jacques Rousseaus „Essai sur l’origine des langues“, also den Aufsatz über den Ursprung der Sprache. Ausgehend von einer detaillierten Analyse der Argumentation Rousseaus formuliert Derrida einen neuen Signifikantenbegriff, d.h. Signifikante verweisen auf Signifikante und nicht auf Signifikate, Zeichen auf Zeichen und nicht auf Bedeutungen, und schlägt eine Form der Textaneignung namens Dekonstruktion vor (weiter)

Mit „Der freie Mensch“ liegt Ayn Rands Roman „Atlas Shrugged“ in einer neuen, dem Verlag nach, zeitgemäßen Übersetzung von Michael und Thomas Görden vor. Er ist ihr literarisches Hauptwerk, erschien 1957, und ist bis heute das enfant terrible der Literaturkritik geblieben. () Der Roman ist bis heute über allen Maßen erfolgreich mit Auflagen in Millionenhöhe und gehört zu den meistgelesenen und einflussreichsten Romanen der US-Literatur. Es ist nicht einfach ein Buch. Es ist das das Zeugnis einer in sich zerstrittenen, janusköpfigen Welt und das Buch des US-amerikanischen Traums schlechthin … Teil 1Teil 2Teil 3

Ein 592 Seiten in sich verwinkeltes, sich wiederholendes, re-paraphrasierendes hypo- und parataxisches Ungetüm – Zumutung oder Befreiungsschlag, Großdenker oder Provokateur? Es geht um Beckett, um Lenin, um den Holocaust, um MeToo. Es geht um Freud, Lacan, immer wieder Hegel. Es geht um Badiou, den Kollaps der Wellenfunkton in der Quantenmechanik … (weiter)

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