Opera buffa des Kleinkriminellen. Mackie Messer als Bürgerschreck.
Inhalt: 2/5 Sterne (unstrukturierte Gangsterstory)
Komposition: 3/5 Sterne (Provokation)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (Schenkelklopferlieder)
Brechts Version von John Gays und Johann Christoph Pepuschs The Beggar’s Opera (1728) stammt aus dem Jahr 1933 und kann als eine Art Übergangsstück vom individualistisch-hedonistischen Stückeschreiber Brecht zur marxistisch-orthodoxen Version seiner selbst verstanden werden, wie sie in Die Maßnahme erscheint. In Die Dreigroschenoper herrsch noch das Lustprinzip vor:
Da steht nun einer fast schon unterm Galgen
Der Kalk ist schon gekauft, ihn einzukalken
Sein Leben hängt an einem brüchigen Fädchen
Und was hat er im Kopf, der Bursche? Mädchen.
Schon unterm Galgen ist er noch bereit.
Das ist die sexuelle Hörigkeit.
Die Dreigroschenoper lässt sich als ein Hochgesang auf den Hedonismus verstehen: Mackie Messer, der Held, auf den alle Frauen fliegen, Krimineller, Mörder, Draufgänger, Dieb und steckbrieflich Gesuchter gegen das Ordnungsprinzip, gegen die Struktur und Organisation. Mackie schießt alles in den Wind, tappt in alle Fallen, weil er von Moment zu Moment leben will. Von Voraussicht hält er nichts. Obwohl ihn alle mehr oder weniger verraten, lieben ihn doch auch alle, irgendwie, denn er bringt Schwung in den Laden:
Ja, renn’ nur nach dem Glück,
Doch renne nicht zu sehr,
Denn alle rennen nach dem Glück,
Das Glück rennt hinterher.
Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht anspruchslos genug,
Drum ist all sein Streben
Nur ein Selbstbetrug.
In acht Bildern, mit vielen Schlager- und Saufliedern, mit Pep, Wein, Weib und Gesang lässt Brecht in Die Dreigroschenoper es in allen Ecken und Enden von Soho krachen. Seine Vorbilder bleiben, in dieser Zeit noch, François Villons Das Kleine und das Große Testament, von dem er schamlos abschrieb, und auch die Philosophie und Lebenseinstellung eines Max Stirners aus Der Einzige und sein Eigentum. Mit dem Ende markiert er ein deus ex machina, das gemäß des epischen Theaters zum Nachdenken anregt. Es führt über das Stück selbst hinaus, in welchem alle korrupt und raffgierig und notgeil sind. Eine neue Ordnung muss herhalten. Brecht findet sie im orthodoxen Marxismus.
Die Dreigroschenoper erscheint als Lustspiel, als Kneipen- und Bänkelgesang, als eine Form der Travestie-, Minne- und Satiregesang. Der Wortwitz bleibt restriktiv, die Sprache zum Schenkelklopfen einfach und provokant und die Figurenzeichnung karikierend. Spannung stellt sich nicht ein. Dynamik gibt es so gut wie gar nicht. Von Glaubwürdigkeit zu sprechen, geht am Schelmencharakter des Lustspiels vorbei. Was bleibt: Eine gute Zeit. Mehr aber auch nicht.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Macheath, Mackie Messer, treibt mit seiner Banditenbande sein Unwesen in Soho. Das Stück beginnt mit der Aufzählung seiner Untaten: 2 Morde, 30 Einbrüche, 23 Straßenüberfälle, Brandstiftung, weitere vorsätzliche Morde und Verführung von Minderjährigen. Jonathan Peachum, der eine Bettlerbande organisiert und mittels kommunikativer Täuschung zu Geld zu kommen versucht, sorgt sich um seine Tochter, Polly, die mit Macheath anbandelt und ihn nach nur wenigen Tagen in einem Pferdestall heiratet. Peachum außer sich sorgt nun dafür, dass Macheath, der bislang von seinem Polizisten-Buddy Brown geschützt worden ist, nun steckbrieflich gesucht wird. Polly warnt Macheath, übernimmt seinen Posten als Gangsterboss und bittet ihn, nicht ins Bordell zu gehen, wo er mit Sicherheit gefunden wird. Macheath geht aber ins Bordell, wo ihn Jenny, von Pollys Mutter vorgewarnt, an die Polizei verpfeift, vor allem auch, weil Macheath ihre Liebesbeziehung und Zuhälter-Prostituierte-Verbindung einseitig beendet hat. Macheath wird abgeführt. Im Gefängnis befürchtet nun Macheath, dass seine Affäre mit Lucy, der Tochter seines besten Freundes Brown, auffliegt und versucht den Wärter Smith zu bestechen. Schon besucht sie ihn, offensichtlich schwanger. Es kommt zu einer Eifersuchtsszene zwischen Polly und Lucy, die von Pollys Mutter unterbrochen wird. Nach der Szene hilft Lucy Macheath bei der Flucht. Brown will die Verfolgung nicht aufnehmen, Peachum droht, den Krönungszug empfindlich mit seiner Bande zu stören. Brown gibt nach und verfolgt Macheath. Jenny, als sie ihre Belohnung bei Peachum abholen will, verrät erneut seinen Aufenthaltsort, bei der Prostituierten Suky Tawdry. Peachum gibt Brown, der ihn verhaften will, Macheats Aufenthaltsort preis und droht mit einer Störung des Krönungszuges, sollte er nicht Macheath rechtzeitig gefangen nehmen. Brown gibt der Erpressung nach, derweil fährt Polly zu Lucy, um Macheats Aufenthaltsort zu erfahren. Lucy gibt zu, die Schwangerschaft nur vorgegeben zu haben. Sie versöhnen sich. Wieder unterbricht die Mutter. Macheath wurde wieder gefangengenommen, und Polly soll sich das Witwenkleid überstreifen. Macheath versucht das Geld zur Bestechung aufzubringen, aber seine Gang lässt ihn in Stich, geht lieber zum Krönungszug, auch Polly will ihm nicht das Geld geben. Spelunken-Jenny besucht ihn. Alle wohnen bei, wie er den Gang zum Galgen unternimmt. Kurz bevor er hängt, wird er anlässlich der Krönung begnadigt, bekommt ein Schloss und eine lebenslange Rente.
… also die Polizei ist korrupt, der Aufseher lässt sich bestechen, die Frauen fühlen sich von Verbrechern angezogen, nicht von braven Durchschnittsbürgern. Lieber mit Mördern durchbrennen, als ein langweiliges Leben führen. Mackie Messer erscheint wie das Stirnersche Individuum, das frei, spontan agiert. Pläne durchkreuzt er, schlägt er in den Wind. Er lässt sich treiben, wird als Frauenheld inszeniert, selbst Pollys Mutter verfällt ihm.
… viele geklaute, teilweise kaum umformulierte Francois Villon Verse. Eigenartiges Durcheinander, etwas anarchistisch angehaucht. Die Perspektive Brechts bleibt hedonistisch, anarcho-syndikalistisch, noch Banden- und Individuum-orientiert, mit einer Form des charismatischen Anführers wie Mackie Messer, individualistische Rachefeldzüge wie die von Seeräuber-Jenny, Unzuverlässigkeit, Unzurechenbarkeit der Triebe und Bedürfnisse, die über das Handeln dominieren. –> 2 Sterne
Komposition: Brecht erzeugt ein gelungenes Beispiel für das epische Theater, das irritieren und wahrnehmungserweiternd wirken möchte. Das Ende bleibt unverständlich, zu beliebig, zu sehr ein deus ex machina, um zu beruhigen. Eigentlich müsste Mackie Messer sterben. Diese Irritation funktioniert als Ansatzpunkt, wie aus der Gewaltspirale und der korrupten Welt zu entfliehen sei. Eine Möglichkeit wäre eben der Generalstreik, die Organisation der Unterdrückten – das epische Theater schreibt aber die Lösung nicht vor, sie legt sie nahe, engt den Problemlösungsraum nicht ein. Nicht wie in „Die Maßnahme“. –> 3 Sterne
Leseerlebnis: Hat mich streckenweise gelangweilt, bspw. die Möbelherumschieberei, oder diese Retardierung der zweiten Verhaftung von Mackie Messer, oder dieses dümmliche Eifersuchtsgeplänkel zwischen Polly und Lucy, überhaupt erscheint mir das Stück fast wie ein Skizze, sodass es kein Wunder nimmt, dass ein Roman über den Stoff von Brecht geschrieben wurde. Es ist ja eine Opera buffa über die Faulheit und Schlechtigkeit der Menschen. Mehr auch nicht. –> 3 Sterne


