Kurzrezensionen

Auf dieser Weise schreibe ich kurze Rezensionen ohne literatur-kommunikative Einbettung, also ohne mit Zitaten auf andere Bücher, Texte einzugehen. Teilweise habe ich diese Rezensionen auch auf anderen Plattformen publiziert. Sie ergänzen meine längeren Buchbesprechungen und fallen vielleicht auch etwas pointierter, jubelnder, oder enttäuschter aus.

Isabel Allende: Violeta

Der neue Roman von Isabel Allende „Violeta“ stellt eine fiktive Autobiographie der Protagonistin und Ich-Erzählerin Violeta del Valle dar, die im Alter von hundert Jahren ihrem Enkel Camilo Briefe schreibt, um aus ihrem Leben zu erzählen. Zumal Camilo als Jesuit-Priester in Armut lebt und den Bedürftigen Chiles hilft, aber auch, weil der besagte Camilo eine sehr bewegte Vergangenheit hat, versucht sie auf dem Sterbebett noch einmal Einfluss auf ihn zu nehmen, denn so richtig stellt der Lebenswandel ihres Enkels Violeta nicht zufrieden:

„Es war nicht das erste Mal, dass der Rektor Dich einer Teufelei bezichtigte. Er hatte mir schon früher damit gedroht, Dich der Schule zu verweisen, als Du auf das Maskottchen des Internats, eine Schildkröte, gekackt hattest und als Du wie eine Spinne an der Fassade der Zentralbank hinaufgeklettert bist, Dich dort an die Fahnenstange gehängt hast und die Feuerwehr Dich retten musste.“

Camilo protestiert gegen die Verhältnisse in Chile, und um diese Verhältnisse spannt sich die gesamte Romanhandlung auf. Vom ersten Weltkrieg, der Spanischen Grippe, über den Börsenkrach und die Weltwirtschaftskrise, über die ersten Ford T-Modelle, dem zweiten Weltkrieg, hin zu den Protesten gegen den Vietnamkrieg und den Militärputsch 1973, der die demokratisch gewählte Regierung in Chile absetzte, und zu der Wiedervereinigung Deutschlands und der Corona-Krise wird alles von Allende abgedeckt. Für jeden Handlungsstrang eines politischen Großereignisses führt sie eine entsprechende Figur ein, deren Schicksal sich mit dem Ereignis verwickelt und verbandelt. Beispielsweise ihre Tochter Nieve mit den Vietnamkrieg-Protesten, ihr Sohn Juan Martín mit dem Militärputsch, ihr erster Ehemann Fabian Schmidt-Engler mit deutschen Exilanten in Südamerika, oder ihr Vater Arsenio mit der Weltwirtschaftskrise, aus der das Großunternehmen der Familie Bankrott hervorgeht:

„Die Begeisterung, der wesentliche Antrieb im Leben meines Vaters, war erloschen. Über Tag hielt er seine Panik mit Gin in Schach, nachts bekämpfte er die Schlaflosigkeit mit den Wundertropfen seiner Frau. Morgens erwachte er mit benebeltem Kopf und weichen Knien, schnupfte weiße Pulver, kleidete sich mühsam an und entkam vor den Fragen seiner Frau ins Büro, wo es nichts zu tun gab, als abzuwarten, wie die Stunden vergingen, und seine Verzweiflung zunahm.“

An den Beispielen lässt sich erkennen, dass die Sprache Allendes einfach, unkompliziert, leicht zu lesen ist. Sie verwendet keine komplizierten Satzstrukturen. Die Sätze sind kurz und kommen schnell zum Punkt. So gut wie keine aufwendigen Beschreibungen, rar gesägte Adjektive, lenken die Aufmerksamkeit rein auf die zwischenmenschlichen Probleme der Familie del Valle, derer es viele gibt. Der Vater ist ein Spieler und Patriarch, der ältere Bruder verliebt sich in Violetas lesbisches Kindermädchen, die Tochter Violetas wird drogensüchtig und prostituiert sich, der Geliebte Violetas arbeitet für die Mafia und Junta und der Sohn landet als rebellierender langhaariger Student im Militärgefängnis, um nur einige Probleme zu nennen. Um die offensichtlichen Zentrifugalkräfte zu bannen, mischt Allende Liebesszenen und romantische Stell-Dich-Ein hinzu, die oft in ihrer Deutlichkeit nichts zu wünschen übriglassen:

„Mit einem Fuß auf dem Boden saß er auf der Brüstung der Terrasse, in der einen Hand eine Zigarette, in der anderen ein Glas Whisky, gekleidet in eine khakifarbene Hose und ein kurzärmliges weißes Hemd, das seinen Oberkörper und seine athletischen Arme gut zur Geltung brachte. Er strahlte etwas Sexuelles und Gefährliches aus, das war für mich schon aus etlichen Metern Entfernung deutlich spürbar. Anders kann ich das nicht sagen. Diese unwiderstehliche männliche Energie, die für Julián in seinen jungen Jahren typisch war, verließ ihn bis zu seinem Tod über vierzig Jahre später nie ganz. Unfähig, mich irgendwie zu rühren, nahm ich auf der Stelle mit einer Mischung aus Entsetzen und drängender Vorfreude hin, dass sich mein Leben hier und jetzt unwiderruflich wendete.“

Der neue Roman von Isabel Allende kommt als Kessel Buntes daher. Er erzählt aus dem Schwank, hält sich chronologisch an die Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts und knüpft persönliche Schicksale von erfundenen Figuren rund um die Ereignisse. In vielerlei Hinsicht gleicht er dem Roman „Alle Menschen sind sterblich“ von Simone de Beauvoir, aber ohne die Vorsicht und Reflektiertheit der französischen Existenzialistin, und in ihren Klischees und vorauseilenden Eindeutigkeiten in den Liebesszenen Ayn Rands „Atlas Shrugged – Der Streik“, jedoch ohne die Überzeugungskraft und Intensität der US-amerikanischen Alles-Zermalmerin.

Komplexität scheint Allendes Sache nicht zu sein. Sie nimmt die Geschichte zwar direkt bei den Hörnern, wird von ihr jedoch unkontrolliert mitgerissen. Am Ende bleibt nicht viel mehr zurück als eine große Hilflosigkeit und Hoffnung, es mag nicht alles vergebens gewesen sein. Hierfür hätte es aber nicht 400 Seiten Fließtext bedurft.

Toril Brekke: Ein rostiger Klang von Freiheit

Aufwachsen ist nicht leicht. Weder in den 1960er noch zu anderen Zeiten. Aufwachsen beinhaltet oft, oder fast immer, irgendeine Form von Enttäuschung, Desillusionierung. Oft gehen geliebte Selbst- und Fremdbilder zu Bruch. Familienmitglieder entfremden sich voneinander. Weihnachtsfeste, die früher zu den Höhepunkten des Jahres gehörten, finden kaum noch ohne Streit statt. Toril Brekke, eine norwegische Autorin und Kinder- und Jugendbuchschriftstellerin, erzählt in ihrem Roman „Ein rostiger Klang von Freiheit“ von einstürzenden Traumwelten einer ohnehin schon im Zusammenbruch befindlichen Kinder- und Jugendwelt:

„Ich glaubte, dass er verschwunden war, unterwegs zu einem Hafen, und wir hatten keine Ahnung, wie das Schiff hieß oder für welche Reederei es fuhr.
Stimmt irgendwas nicht, Aggi? Fragte Isak.
Ich konnte nichts sagen, schüttelte nur den Kopf.
Du wirkst so nachdenklich, sagte der Klavierstimmer.
Ich schaute ihn an, unsere kleine Familie zerfiel, und er hatte keine Ahnung davon.“

Im Mittelpunkt des Geschehens steht die Familie der gerade erwachsen gewordenen Agathe, die bei ihrem Stiefvater Isak, zusammen mit ihrem jüngeren Halbbruder Morten in Oslo wohnt und von Nachricht von ihrer Mutter Veronica erhalten. Die Pianistin lebt in Dänemark ein freies, ungebundenes Leben fernab von ihrer Familie in Musikerkreisen. Dort hat sie sich aber von ihrem jetzigen Freund, dem Bassisten Lennart getrennt und ist nun spurlos verschwunden. Agathe und Morten ziehen los, ihre Mutter zu suchen, fahren nach Kopenhagen und erleben dort einen Schock:

„Mama!, rief Morten.
Sie kniff die Augen zusammen und starrte verwirrt in unsere Richtung. Wusste sie noch nicht, dass wir da waren? Hatte Lennart ihr das noch nicht erzählen können? Hatte sie mir das Glas Rotwein gar nicht spendiert? Die nächste Sekunde war eine Ewigkeitssekunde, eine, die dauert und dauert, die in unserer Erinnerung später in Zeitlupe abläuft, die aber in Wirklichkeit mit einem Wimpernzucken vorüber ist.“

Der Roman „Ein rostiger Klang von Freiheit“ liest sich schnell und flüssig. Die Ich-Erzählerin Agathe versucht, so gut, wie sie es vermag, Ordnung in die Geschehnisse hineinzubringen, schafft dies aber nicht immer. Viele Personennamen taumeln ineinander. Zeitsprünge in der Retrospektive bleiben unklar; klar aber bleibt der nüchterne Stil des Coming-of-Age-Romanes, der viel von einem Märchen von Hans Christian Andersen hat, ohne jedoch dessen Melancholie und Sentimentalität nachzueifern. Brekke bleibt trocken und distanziert. Beide zeichnen jedoch mit geraden und klaren Worten Personenzüge und spüren der Verletzbarkeit des seidenen Gewebes des Zwischenmenschlichen nach. Agathe und Morten befinden sich im freien Fall zwischen Lügen, Geheimnissen, Schmerz, Verfehlungen, Misstrauen und Wehmut, bis am Ende nicht mehr viel übrigbleibt, eben nur noch die Freiheit, die aber die anderen, nicht Agathe haben:

„Du musst herkommen und mitmachen, rief Madeleine am Telefon. Es ist eine einfache unvorstellbare Solidarität! Wir marschieren Hand in Hand, es ist ein Strom aus Menschen, die alle Freunde sind.
Aber ich war ja keine Studentin.
Wir rufen Parolen und singen, fuhr Madeleine euphorisch fort. Es ist wie der Klang der Freiheit!“

Agathe bleibt am Ende noch die Musik, die Kunst, sich auf ihr eigenes Leben zu konzentrieren statt sich auf andere zu verlassen. Ein nüchterner, karger, sehr ungeschminkter Roman darüber, was passiert, wenn die Eltern sich kindischer verhalten als die Kinder und diesen noch den letzten Rest an Sicherheit und Orientierung nehmen. Weniger warmherzig als Stephen Kings „Später“ und weniger lebensfroh als Claudia Durastantis „Die Fremde“, aber um einiges deutlicher und weniger geschönt als Benedict Wells „Hard land“. Empfehlenswert ob seiner Kargheit und Geradlinigkeit. Ein harter, existenzialistischer Roman, der sich wie eine Zeugenaussage liest und es wohl auch ist.

Susanne Abel: Was ich nie gesagt habe

Wer Susanne Abels ersten Gretchen-Roman „Stay away from Gretchen“ gelesen hat, weiß, was ihn erwartet. In schlichter, freundlicher Sprache erzählt Abel, wie die Welt vom Nachrichtensprecher Tom Monderath aus den Fugen gerät. Im Grunde kommt hierbei stichwortartig und schlagzeilenmäßig alles zur Sprache, wird alles kurz angerissen und angedeutet: die bundesrepublikanische Vergangenheitsbewältigung, die Debatte um Verhütung, um künstliche Befruchtung, die Familienzusammenführung, die Kriegsverbrechen und Behandlung von Kriegsverbrechern und Kriegsrückkehrern. Abel lässt sich wenig außen vor. Im Zentrum steht die Familie Greta Schönaich und ihr Gatte Konrad, genannt Conny, Monderath:

„Als Conny wieder nüchtern war, machte er Greta einen formvollendeten Heiratsantrag. Dann wurde in der elterlichen Wohnung Verlobung gefeiert. Vor den Augen der Eltern, des Großvaters und von Elise und Hermann Holloch gaben sich Greta und Conny die Hand und versprachen einander die Ehe. Erst stießen sie mit Sekt an, und nach dem Kartoffelsalat mit Würstchen wurde das Verdauungsschnäpschen auf den Tisch gestellt. Otto Schönaich kippte zwei Gläser hintereinander, und Conny sah, wie Greta die Flasche wegräumte. Wankend stand er auf und holte die Flasche zurück.“

Stilistisch handelt es sich bei „Was ich nie gesagt habe“ um einen Familienroman, der mit Schlagzeilen aus der Regenbogen-Presse zeitgeschichtlich aufgemotzt wurde. Die Kollagen hangeln sich von einem Ereignis zum nächsten. Während eine Familienkrise nach der anderen ansteht, kommen der Golfkrieg, der Vietnamkrieg, der zweite Weltkrieg, die Wiedervereinigung, die Nürnberger Prozesse, das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, Josef Mengele, die Pille, die Rassentrennung und Großplantagen in den USA, Elvis Presley, Rex Gildo, das niederländische Königshaus und vieles und viele andere bunt durcheinander gewürfelt vor. Dazwischen meldet sich ein Halbbruder bei Tom und wird die Geschichte von Toms Vater Konrad erzählt, dessen ganze Familie dem Krieg und den Maßnahmen und Folgen des Dritten Reiches zum Opfer fällt und der mit Greta einen Neuanfang versucht.

„In der Hochzeitsnacht standen sie mit einem Gläschen Rüttgers-Club in der Hand auf dem Balkon ihrer Wohnung, blickten auf das Heidelberger Schloss und den Neckar, der silbern im Schein des Vollmonds glänzte.“

Wie die Zitate zu genügend zeigen, spielen Form, Stil, ästhetische Ansprüche keine Rolle. Die Gretchen-Saga liest sich schnell, unkompliziert, in einem Zug durch. Sie ist rührend. Sie nimmt mit. Sie bedient den Wunsch nach einer heilen Welt, die die Probleme zwar nicht ausblendet, es aber doch irgendwie schafft, mit ihnen zu leben. Susanne Abel schreibt in Nachfolge von Rosamunde Pilcher und Ludwig Ganghofer. Die Projektionsfläche eines geteilten Nachrichten- und Politikkosmos bindet die Ereignisse zu einem kulturellen Unbewussten, das auf diese oder jene Weise, klischiert oder nicht, seine Wirkung erzielt. Wer sich also ungeschminkt mit dem langsam verebbenden Zeitgeist der Nachkriegsgeneration bekannt machen möchte, bekommt viel geboten, nicht sprachlich, nicht begrifflich oder literarisch, aber sentimental konkret und auf beeindruckende Weise rühr- und leutselig wie die Schlagertexte die Susanne Abel so gerne zitiert:

„Im Radio sang das Rodgers Gesangsduett: »Sei zufrieden mit dem Heute, wenn es dich auch wenig freut. Denk doch nur, wie viele Leute leben ohne jede Freud.«

Ein Buch, das aus reiner Herzensgüte heraus geschrieben worden ist.

Heinz Strunk: „Ein Sommer in Niendorf“

Heinz Strunk heißt harter Tobak, heißt Elend, Dreck, schmierige Kost, ein Abtauchen in das Elend, Torkeln, in die Abgründe der Gegenwart. Heinz Strunk heißt volle Fahrt voraus, mitten rein statt nur dabei, volle Kanone und Schluss mit Lustig. Sein neuer Roman „Ein Sommer in Niendorf“ setzt dieses Opus konsequent fort. Männliches Elend, ohne Zensur.

„Er tritt in etwas und ist sich sicher, dass es Aas war, obwohl er noch nie in Aas getreten ist. Er stolpert, fängt sich mit einer Hand ab, greift in etwas Weiches, Feuchtes; die Hand rutscht ab, und er schlägt mit voller Wucht aufs Gesicht.“

Georg Roth, promoviert, Jurist, gönnt sich eine Auszeit an der Ostsee, nahe Lübeck, um dort eine Lebensbilanz zu ziehen, und zwar in Form eines Romanes, im Gepäck vierundvierzig Tonbänder mit der Stimme seines Vaters. Das Ziel: Einen Roman wie Thomas Mann „Buddenbrooks: Verfall einer Familie“ zu schreiben. Aber aus dem Leben gerissen, zwischen Erschöpfung und Enttäuschung, dass seine Familie und Ehe in die Brüche gegangen ist, kaum Kontakt mit seiner Tochter, geschieden von seiner religiös gewordenen Frau, rutscht Roth in den Alkoholismus ab. Er weiß mit sich nichts anzufangen und säuft und säuft, was das Zeug hält.

„Wie sieht er eigentlich mittlerweile aus? Er stellt sich mit dem Gesicht an den Spiegel, bis er mit der Nasenspitze das Glas berührt. Nicht wiederzuerkennen. Er weiß nicht mehr, wer er ist. Er ist irgendetwas anderes geworden. Auf seinem dörrfruchtartigen, papierhäutigen Gesicht hat sich eine seltsame Färbung ausgebreitet, eine kranke Blässe, die Bartstoppeln sind scharf und nagelbretthart. Seine Haare stehen in alle Richtungen ab, wodurch sein Kopf aussieht wie eine Klobürste.“

Aus dem Räderwerk seines Alltags entflohen, gerät er in ein neues. Er bandelt mit seinem Vermieter Markus Breda an, sucht letzten, unalkoholisierten Kontakt zu seinen Nachbarn Herr und Frau Klippstein, verliebt sich in eine junge Bedienung in seinem Stammlokal, findet Verständnis und Ruhe bei Bredas Lebensgefährtin Simone und säuft und säuft. Mit der Literatur klappt’s nicht. Mit der Tochter auch nicht. Mit der Ex-Ehefrau schon gar nicht. Im Grunde klappt nichts.

„Als er wiederkommt, ist es dunkel. Kein Mond, keine Sterne, kein Nichts. Die Dunkelheit scheint immer dichter zu werden und sich in eine andere Art Dunkelheit zu verwandeln.“

Die Stärke dieses Romans von Strunk liegt in der dieses Mal, bis auf wenige Ausnahmen, durchgehaltenen Verfolgerperspektive. Der personale Erzähler hängt Roth auf der Schulter und lauscht diesem die Gedanken und Gefühle ab. Wertungen, voyeuristische Einsprengsel finden kaum statt. Die Erzählperspektive wird eingehalten und so ein stimmiges, brüchiges Leben vorgestellt. Ausweg: Sackgasse. Die Abwesenheit jeder Begründung stärkt den Eindruck. Es wird fast über die gesamte Zeit schlicht und schnell erzählt, über Dreckiges, Eitriges schwadroniert. Der körperliche Zerfall, der Alkoholkonsum, die vielen Dönerteller gereichen zu ekelerregenden Ausflügen zwischen Mistkäfern, Blutegeln, herausgequollenen Gedärmen und sich in ihrem Kot windenden Aasleibern.

Heinz Strunk schreibt in der Tradition von Günther Grass, dem Ekel in die Augen schauend, die hässlichsten Wörter, die es gibt, zu suchen, zu finden und anzuwenden, um das Leben in all seiner Erbärmlichkeit dem Publikum vor Augen zu führen. Dem kurzen und knappen Roman gelingt dies ganz gut. Die abrupten, stichwortartigen Beschreibungen, das einfach, in wenigen Absätzen durchgezogene Ende, die etwas Larifari herangezogenen Literatur-Zitate (Bachmann, Celan, Mann) lassen auf ein ungeduldiges Schreiben schließen, auf einen Schriftsteller, der schnell wieder ein Buch beenden möchte, der selbst keine richtige Lust hat, dem Buch den letzten Schliff zu geben.

Ein Rohdiamant ist es nicht. Aber eine lohnenswerte Lektüre über einen drohenden und sich abzeichnenden Zerfall ist es doch. Skizzenhaft ausgeführt, aus dem Ärmel geschüttelt, mit Ekligem und Abscheußlichkeiten abgeschmeckt und garniert unterhält „Ein Sommer in Niendorf“ ganz gut. Wer dasselbe Thema nur mit Tiefgang und weniger Allüren sucht, dem empfehle ich Judith Hermanns „Daheim“ oder wenn schon, denn schon Fernanda Melchor „Paradais“ voller Gewalt und Konsequenz.

Elke Engelhardt: „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“

Gedichtbände haben es heutzutage schwer. Sie drängen sich selten auf. Sie machen nicht viel Aufsehens und Aufhebens um sich. Sie flüstern im Stillen. Elke Engelhardts Buch „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“ stellt in dieser Hinsicht keine Ausnahme dar, in einer anderen schon. Selten wurde dem Wort so viel Freundlichkeit, Langsamkeit und Sichtbarkeit zugesprochen. Der Gedichtband handelt von Sprachvorsicht:

„Erst muss man die Worte erfinden,
dann kann man sich tragen lassen von der Sprache.
Eine schreibt wie die Duras
(das ist die Duras selbst)
ein anderer zwängt sich in ein zu enges Korsett.“

Die Besonderheit als Ziel muss den Vergleich mit Marguerite Duras nicht scheuen. Ein Stil kann laut, unverdrossen, unbesorgt, kämpferisch sein. Er kann aber auch durch ruhige Wasser gleiten, sich mit den Dingen befassen, sie in sich aufnehmen, um ihnen ein je sie charakterisierendes Rätsel zu entlocken. Duras schreibt hart auf die Grenze zu. Duras packt die Welt gern am Schopf. Engelhardt tastet hingegen die Grenzen der Sprache ab, ohne je diffus zu werden. Sie spürt der inneren Melodie des Sprachvermögens nach, jenem sanften Rhythmus, in welchem weder Angst noch Verzweiflung obsiegen.

„Der Boden liegt voller Scherben
Sansibar sieht sie an
Man kann sie nie mehr zusammen setzen
denkt er
Von nun an existiert dieses Ding
nur noch in der Erinnerung“

Sich dem Wandel stellen, die Zeit zu verstehen, sich ihr anzuschmiegen und aufzuheben, für Momente schwebend in Erinnerung zu bleiben, danach strebt Engelhardts Dichtung. Die Gedichte sind unterteilt in drei Kapitel, in denen es viel zu entdecken gibt, Gebete, Hoffnungen, Familienerinnerungen, Streitgespräche, Utopien, Kosmisches und Individuelles. Sie fügen sich zu einer Welt zusammen, in der für Momente die Zeit stillsteht, sie anhält, sich besinnt, die Dinge tanzen, die Reime sich verbinden und Möglichkeitsräume eröffnen. Der Stil ist knapp geführt, kurz, nicht idyllisch. Die Wortfarben schlicht. Die Figuration miniaturisiert. Engelhardts Lyrik gleicht einem Singsang mit sanftem Übergang.

„Sansibar hebt sein Glas und prostet sich zu
Auf den Tag ruft er
auf all die Wiederholungen ohne Wiedererkennungswert
auf die Zugbrücken der Angst und darauf dass
wir sie wieder nicht eingeholt haben“

Elke Engelhardts Gedichte verbreiten Zuversicht. Nie ist irgendetwas verloren. Nie ist irgendetwas vergeben. Es liegt in jedem Augenblick die Möglichkeit, ihn über seine Grenzen hin zu erfassen und wertzuschätzen. Wer Louise Glück mag, bspw. in „Winterrezepte aus dem Kollektiv“, oder Sarah Kirsch, oder Paul Valérys Studien und Poesie in „Monsieur Teste“ oder Wolfgang Schiffers „Dass die Erde einen Buckel werfe“ und/oder Henri Michaux in seinen „Dichtungen“, wird mit Elke Engelhardt eine weitere Dichterin finden und kennenlernen, die den Dingen und Bedeutungen Raum gewährt, Schönheit und Freundlichkeit zu entfalten. Eine wahre Erholung für den zeitgeistgepeitschten Geist.  


Jan Weiler: „Der Markisenmann“

Schreiben, um zu unterhalten, heißt mit einem Text zu amüsieren, zu rühren, mit Worten Bilder zu erzeugen, Situationen zu beschreiben, die mitreißen, und Figuren zu erschaffen, die interessieren. Interessieren kommt vom augenblicklichen Dabei- und Dazwischen-Sein, und Jan Weiler hat mit seinem Roman „Der Markisenmann“ genau dies getan – ein Dabei- und Dazwischen-Sein verfasst, das augenblicklich mitreißt, unterhält, ohne das geringste zu hinterlassen. In etwa wie ein Urlaub am Strand oder eben die Zeit, die die Ich-Erzählerin des Romans, Kim, bei ihrem Vater, Ronald, in Duisburg verbringt:

„Es war eben ein Urlaubsort. Ich meinte es nicht böse. Aber für Alik, der sich so sehr gewünscht hatte, dass ich bei ihm blieb, war es eine katastrophale Antwort. Denn er wohnte ja hier. Er machte keinen Urlaub. Der Schrott und die rotbraune Erde, das kniehohe Unkraut, der modrige Geruch aus dem Kanal, die schwere Luft vor einem Gewitter und das zugige Häuschen seiner Eltern waren seine Heimat. Sie war gut genug für ihn, aber offensichtlich nicht gut genug für mich.“

Die fünfzehnjährige Kim benimmt sich daneben, klaut, bleibt sitzen, ist ein Störenfried in der eigenen Familie und leistet sich ein Ding nach dem anderen, bis ihrer Mutter und ihrem Stiefvater der Geduldsfaden reißt. Statt sie nämlich mit auf den Familienurlaub nach Miami zu nehmen, verfrachten sie sie kurzerhand zu ihrem leiblichen Vater nach Meiderich in Duisburg, in eine Lagerhalle voller Markisen, die dieser im Ruhrgebiet auf Tagestouren an den Mann und die Frau zu bringen versucht. Mit mäßigem Erfolg. Auch seine Tochter ist nicht sehr beeindruckt. Zuerst.

„Aber nun verwandelte sich dieser Eindruck völliger Harmlosigkeit in eine andere Form der Zuneigung. Ich mochte, wie er mit mir war, dass er mich ernst nahm, vielleicht sogar zu ernst. Er behandelte mich gleichzeitig mit großer Zurückhaltung und echter Besorgnis. Er hatte ein Bett samt Decke und Kissen, Laken und Bezug gekauft, dazu Kinderessen und Würstchen. Mehr hatte er nicht zu bieten, und natürlich schämte er sich dafür. Vielleicht tat er deshalb so fröhlich, als er sich schließlich verabschiedete, um zu seiner Tagestour aufzubrechen.“

Die Story lässt sich kurz zusammenfassen: Tochter trifft ihren leiblichen Vater nach 15 Jahren zum ersten Mal und lernt die Geschichte ihrer Familie kennen. Diese Geschichte hat mehr Tiefen als Höhen, beginnt in der kurz vor dem Ende stehenden DDR, in Beelitz, und reicht bis in die Gegenwart nach Köln und Duisburg. Dazwischen ereignet sich allerhand, beispielsweise wird Kim geboren, trennen sich die Eltern und verheimlichen der Tochter, wer ihr leiblicher Vater gewesen ist. Am Ende fällt das ganze Kartenhaus in sich zusammen

„Ich lernte meinen Vater kennen, wenn er niedergeschlagen, aber ungebrochen von seinen einsamen Verkaufstouren kam, und wenn er heiter bis euphorisch seine Abschlüsse notierte. Am Ende kannte ich sogar die traurige Lebensgeschichte von Ronald Papen. Nur meinen Vater habe ich selten gespürt, denn diese Rolle vermochte er nicht zu spielen. Und ich denke, er wollte es auch nicht. Nach so vielen Jahren ins Leben seiner Tochter zu fallen wie ein Konzertflügel aus dem fünften Stock und nach dem Aufprall einfach dort weiterzuspielen, wo er knapp vierzehn Jahre vorher aufgehört hatte, wäre unmöglich gewesen.“

Was den Roman von Jan Weiler auszeichnet, er rührt. Was ihn nicht auszeichnet, Ideenreichtum. Die Geschichte ist platt, die Auflösung vorhersehbar und austauschbar, die Psychologie der Akteure gar nicht bis kaum vorhanden. Der liebevolle, arme, sich schuldig fühlende Vater rührt jedoch trotz und wegen aller zur Schau getragenen Simplizität. Er gibt einfach sein Bestes, der Tochter eine gute Zeit in seiner Lagerhalle zu bereiten, und seine Freunde auf dem Gewerbehof tragen alles ihnen Mögliche dazu bei, die Trinker, Rentner, Skatspieler, Schrottverwerter und Brummifahrer, wie sie wetten, feiern, trinken und sich necken.


Eva Christina Zeller: „Unterm Teppich“

Zwischen Prosa und Lyrik, zwischen Traumdeutung und Autobiographie hin und her pendelnd, verknüpft Eva Christina Zellers Unterm Teppich – Roman in 61 Bildern ihre Welt mit der aller anderen. Sie berichtet von Krankheit, Schmerz, von Liebe und Enttäuschung, von Verheißung und Freiheit und gesellt sich als verbindendes Element zwischen Helga Schuberts Vom Aufstehen und Friederike Mayröckers da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete. Formwille und Fabulierlust als Reise der eigenen Authentizität entgegen:

Ich mag keine erfundenen Geschichten. Die erlebten sind doch schon schwierig genug. Aber das ist nur eine Seite.

Eva Christina Zeller aus: „Unterm Teppich“

In Unterm Teppich gibt es viele Seiten, wiewohl der Roman vergleichsweise kurz geraten ist. In 61 Bildern durch die eigene Enttäuschung gleicht der Reise in 61 Tagen um die Welt. Das lyrische Ich widerfährt viel Schreckliches zwischen Neuseeland und Norwegen. Die allgegenwärtige Gewalt gegen Frauen, die Lügen zwischen den Menschen, die selbstauferlegten Sprachlosigkeiten, Geheimnisse, Entsagungen hinterlassen Spuren, insbesondere die tödlich verlaufenden Krankheiten von Freunden und Geliebten. Das lyrische Ich lässt sich aber nicht entmutigen. Der Formwille bricht dem Aufbruchswunsch und Lebensmut bahn:

Es sei zwar unpassend, am Bett einer Sterbenden zu essen, aber es sei auch unpassend, was hier geschehe [die Intubation]. Sie sprach mit der Mutter, ohne die Lippen zu bewegen, nur in Gedanken, und fragte sich, wie sie all das Unpassende ihres Lebens im letzten Moment noch passend machen könnte. Vielleicht gibt es kein gelingendes Leben, wir denken in falschen Kategorien von gelingend und nicht gelingend. Wer soll das beurteilen?

Zeller lässt sich nicht bange machen. Sie durchschreitet die eigenen schmerzlichen Erinnerungen, all das, was über die Jahre unter den Teppich gekehrt wurde, zieht es hervor und bestaunt es, dreht und beleuchtet es mit neuen und alten Augen, denen des Kindes, der enttäuschten Tochter und der verlassenen alleinerziehenden Mutter. Die Sprache ist geformt, entschieden gewählt. Der Stil durchgängig auf dem schmalen Grat zwischen Poesie und Prosa, in einem außerordentlichen Gleichgewicht, fast schwerelos gehalten mit spielerischer und wortgewandter Leichtigkeit.

Stiftskirche, Südseite. Von dort seh ich auf die Alb, Verheißung, Ziel der Augen, der Samstagnachmittage, wäre die Luft hier nur würzig wie dort oder würde freier schmecken, ein wenig vermischt mit dem Blick hinunter ins Land, zerpflügt, zersiedelt, zerstückelt, da war mal ein Gletscher, später die Römer. Dort oben, Dreifürstenstein, stapf ich durch den Schnee, die Wanderzeichen sind nicht zu lesen, zugeschneit. Da mach ich die Ohren zu und bin allein auf der Welt.

Eva Christina Zellers Roman leuchtet. Kein Satz zu lang. Kein Wort zu viel. Selbst die Anglizismen passen sich sanft ein. Die Sprachmelodie bindet alles zusammen, so dass nichts auseinanderfällt. Das lyrische Ich bleibt sich selbst und seiner Welt treu, geborgen in der Sprache, beheimatet in seinem Stil, findet es trotz aller Unbill stets das Gleichgewicht. Von Helga Schubert und Friederike Mayröcker abgesehen, findet sich viel von Hölderlins Hymnen, Romanen und Epos-Fragmenten wieder, aber auch von Louise Glück Winterrezepte aus dem Kollektiv und Sarah Kirschs lyrischer Prosa, irgendwo zwischen Drachensteigen und Kommt der Schnee im Sturm geflogen, allesamt Bücher also, die den Mut zur Sprache nähren.


Bettina Wilpert: „Herumtreiberinnen“

In ihrem neuen Roman, Herumtreiberinnen, ihrem zweiten, spürt Bettina Wilpert einer wildgewordenen Staatsmaschinerie nach. Anhand des Schicksals von drei Frauen: Lilo in den 1940er, Manja in den 1980er, und Robin in den 2010er Jahren zeichnet sie das schwarze Bild von Gesellschaften, in denen jeder gegen jeden kämpft und jedes Mitgefühl verloren gegangen zu sein scheint. Fokalpunkt der Betrachtungsweise ist das Tripperburg-Gebäude in der Lerchenstraße in Leipzig. Hier kreuzen sich, in parallelen Geschichtswelten, die Frauenschicksale, sammeln und verbinden sich der Horror, einer übermächtigen Staatsgewalt ausgeliefert worden zu sein: Lilo als politischer Häftling, Manja als promiskuitive Straftäterin, und Robin als orientierungslos gewordene Sozialarbeiterin.

Wir, in der Lerchenstraße Wir sind verkrustet. Manchmal träumen wir von einem unverbildeten Menschen. Wir suchen ihn in der Lerchenstraße, wir suchen dort in den sechs Gebäuden. Jeweils drei stehen in Reih und Glied zueinander, ein Dampfschornstein auf einem der mittleren. Wir sehen eine Kirche, einen Uhrenturm in der Mitte des Hofes, damit wir die Zeit nicht vergessen, alles ist getaktet und geplant, Ordnung muss sein. Wir sehen ein Pförtnerhäuschen – ein Pförtner ist einer, der den Eingang bewacht, dieser jedoch bewacht den Ausgang.

Bettina Wilpert aus: „Herumtreiberinnen“

Wilperts Stil zeichnet sich durch kurze Sätze, eine Minisemantik, aus. Rhythmisch, fast Hip-Hop-artig fliegen die kurzen, nur wenige Seiten umfassenden Kapitel umeinander. Das geheime Zentrum bildet die Tripperburg, der Ort, an dem Frauen bestraft werden für ein, im Sinne des strafenden Staates, zu freies, zu ungeplantes, zu ungehemmtes Leben. Lilo gerät in Gefangenschaft durch ihren politisch-aktiven, gegen die Nationalsozialisten agitierenden Vater; Manja wegen einer kurzen Intimität mit einem Mosambikaner; und Robin bleibt sich und den anderen ein Rätsel als Spätgeborene, die kein Platz für sich in dieser Welt findet und deshalb lieber Drogen nimmt. Was bleibt, ist die Flucht ins Weltall, in das Ungewisse, Freie, Weite:

Wir müssen eine Rakete bauen! Wir nickten. Das mussten wir! Bambule, Bambule! Wir griffen alles, was wir finden konnten, es war nicht viel, aber jedes Bettlaken und jede Lampe, jede Spielfigur, der Würfel vom Boden, war für unsere Rakete geeignet. Beim Start würde es eine große Explosion geben. Die Rakete wurde immer höher, wir waren stark und rissen die anderen Betten aus ihren Fesseln, stapelten alles aufeinander, das war die großartigste Rakete, die die Welt je gesehen hatte, wir waren unbesiegbar.

Der Roman Herumtreiberinnen bleibt jedoch unklar. Ob bewusst oder unbewusst, er unterscheidet nicht wirklich zwischen Opfern und Tätern. Opfer verraten sich, lügen, schlagen um sich, treten auf wehrlos gewordene Staatsdiener ein. Täter treten in den Hintergrund. Ein großes, diffuses Chaos baut sich in den knapp dreihundert Seiten langen Roman auf. Alles gerät in einem fort aus den Fugen. Eine geheimnisvolle Macht verhindert das Gelingen, das Aufstehen, den Aufbruch in die Freiheit. Von glühenden Momenten und intensiven Szenen einer fröhlichen Jugendfreundschaft zwischen Manja und Maxie abgesehen, entfaltet sich wenig Raum im Drangsal der Frauen. Auch sprachlich. Die Protokollsätze, die hastigen Skizzierungen, das Huschen und Wegwischen über Details, das Desinteresse an Umgebung, an Formen jenseits von Recht- und Dreiecken, an verbindlichen Kontakten, Vorhaben und Utopien lassen das Erzählgebäude unter seiner spärlichen Ausdruckskraft zusammenbrechen. Was bleibt, ist der Rausch:

Wir fanden in einem Schrank noch eine undefinierbare Flasche Alkohol, Maxie meinte, es sei Wodka, ich hatte ja keine Ahnung. Irgendwann übergab ich mich in eine Ecke des Gartens, danach schliefen wir auf der zu kleinen Couch ein, das Windrad über uns kreischte.

Bettina Wilperts Roman agitiert mit resignierter Nonchalance. Er will zu viel oder zu wenig. Jedenfalls bleibt er unentschieden. Wer sich für das Jugendleben in der DDR interessiert, bekommt in Ulrich Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W. oder in Bernhard Schlinks Die Enkelin mehr geboten. Wer sich für den Alltag im real-existierenden Sozialismus interessiert, lese Christoph Heins Der Tangospieler, Jenny Erpenbecks Kairo, oder verträumter, privatimer Katerina Poladjans Zukunftsmusik. Besonders empfehlenswert aufgrund der Darstellung der Staatssicherheitsmethoden auch Hari Kunzru Red Pill, in dessen Roman eine sehr ähnliche Geschichte zu der von Marion aus Herumtreiberinnen, nur sehr viel intensiver und weniger distanziert, erzählt wird.

Summa summarum bleibt Wilperts Roman nämlich ein leeres, unwirtliches Gebäude, in dem hier und da sehr viel ungerichtete Gewalt passiert.


Hannah Arendt: „Vita activa“

Wenige kritisieren die moderne Gesellschaft und den Strukturwandel der Öffentlichkeit so tiefgreifend und nachhaltig wie Hannah Arendt in ihrem 1958 erschienen philosophischen Hauptwerk Vita activa oder Vom tätigen Leben. In ihm wird das Fehlen des kontemplativen Lebens angeprangert. Laut Arendt verhindert der Aktionismus die Kommunikation zwischen Experten und Laien, zwischen der Wissenschaft und einer aufmerksamen bürgerlichen Öffentlichkeit. Die Welt gerät aus den Fugen, denn beide Seiten verlieren im technologischen Fortschritt jeden Sinnzusammenhang:  

Was dagegen spricht, sich in Fragen, die menschliche Angelegenheiten angehen, auf Wissenschaftler qua Wissenschaftler zu verlassen, ist nicht, dass sie sich bereitfanden, die Atombombe herzustellen […] viel schwerwiegender ist, dass sie sich überhaupt in einer Welt bewegen, in der die Sprache ihre Macht verloren hat, die der Sprache nicht mächtig ist.

Hannah Arendt aus: „Vita activa“

Die Welt, in der die Sprache ihre Macht verloren hat, ist die der modernen Wissenschaft. Nicht Ideen verändern die Welt, sondern Ereignisse, und ein solches bestand in der Entdeckung des Teleskops durch Galileo Galilei. Ähnlich wie Niklas Luhmann in Die Gesellschaft der Gesellschaft den Beginn der Neuzeit mit der Entdeckung der Buchdruckkunst durch Johann Gutenberg ab 1450 ansetzt, oder Ayn Rand in Atlas Shrugged die Steinzeit der Menschheit 1769 mit der Entdeckung der Dampfmaschine von James Watt für beendet erklärt, so verlegt Hannah Arendt die Geburt der Neuzeit auf das Jahr 1610, als Galilei die Monde des Jupiters entdeckte:

Was aber niemand vor Galilei getan hat, war, ein Gerät, das Teleskop, so zu benutzen, dass die Geheimnisse des Universums sich menschlicher Erkenntnis »mit der Gewissheit sinnlicher Wahrnehmung« offenbarten; was nichts anderes heißt, als dass er die Fassungskraft einer erdgebundenen Kreatur mit einem körperlichen Sinnesapparat so erweiterte, dass sie über sich hinauslangen kann […]

Was nämlich erfolgte, war der Siegeszug der Technologie, die jeden Lebensbereich eroberte und veränderte, auch den Bezug des Menschen zu sich und anderen. Die Beschleunigung aller Prozesse, die Vervielfachung der Informationen sprengt, so Arendt, die Fassungskraft der einzelnen und wirft diesen mehr und mehr auf Automatismen zurück. Das Verstummen ist Reaktion auf eine schlichte Überforderung gegenüber den rauschenden, sinnentleerten Ereignisabfolgen, die den Menschen auf die Existenzweise eines Tieres herabdrücken:

Ist man erst einmal so weit gediehen, so gewinnt die alte Definition des Menschen als eines Animal rationale eine wahrhaft unheimliche Stimmigkeit: wenn wir den Sinn verloren haben, durch den unsere fünf animalischen Sinne sich einer Menschenwelt fügen, die uns allen gemeinsam ist, so bleibt vom menschlichen Wesen in der Tat nicht viel mehr übrig als die Zugehörigkeit zu einer Tiergattung, die sich vor anderen Tiergattungen nur dadurch auszeichnet, dass sie es vermag, Schlussfolgerungen zu ziehen – »to reckon with consequences«.

Hannah Arendt kritisiert den ausufernden Skeptizismus der Wissenschaften, die Kurzlebigkeit der Kulturprodukte, das Fehlen von Tradition und Konsens, die Bodenlosigkeit des cogito ergo sum, das eigentlich ein dubito ergo sum ist und von Wahrheit und Verbindlichkeit nichts mehr hören will. Nur von der kontemplativen Lebensweise am Leben gehalten, schwindet so das Denken, Herstellen, das Kreieren bleibender Dinge mehr und mehr und das Begreifen und Erfassen der Platonischen Welt voller unsterblicher Ideen wird zunehmend durch eine alles durchdringende Arbeitsaktivität verunmöglicht. Diese Platonische Welt der Kulturideale unterscheidet aber den Menschen vom Tier, befreit den einzelnen aus seiner Gefangenschaft des Privaten, und stellt, wie Arendt immer wieder betont, das einzig Lebenswerte im Leben dar, denn nicht einmal Liebe, Genuss, Glück langt, so das Ergebnis ihrer Analyse, um den Menschen über die eigene Sterblichkeit hinwegzutrösten.

Vita activa lebt von den angesprochenen Dualismen: Mensch gegen Tier, Sich-Verhalten gegen Herstellen, Konsum gegen Produktion, Kultur gegen Natur, Unsterblichkeit gegen Ewigkeit, Öffentlichkeit gegen Privatheit. Die Dualismen werden jedoch leider nicht selbst hinterfragt, also keine Beschreibungsebene festgelegt. Die Begriffsarchitektur bleibt starr vollstreckt und ähnelt in vielen Urteilen der Frankfurter Schule rundum Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, aber insbesondere der Technikfrage Martin Heideggers und dem Kulturpessimismus eines Günther Anders in Die Antiquiertheit des Menschen.

Eine etwas anders gelagerte Zivilisationskritik erhält man mit Ayn Rands Atlas Shrugged oder dem bärbeißigen Ernst Jünger aus Der Waldgang und Der Arbeiter – oder wenn man von den Dualismen und Ontologie nicht viel hält, dann Gotthard Günthers Die amerikanische Apokalypse, ein durchweg optimistischer Text trotz des Titels, oder eben Richard Rortys Der Spiegel der Natur, der einem etwas von der philosophischen Last von der Schulter nimmt.


Fatma Aydemir: „Dschinns“

Gespenster einer Vergangenheit spuken in den Köpfen einer türkischen Einwandererfamilie herum, die Protagonisten in Fatma Aydemirs polyphonen, neuen Roman Dschinn. Alles dreht und windet sich um das väterliche Schweigen, seine Frau, seine vier Kinder. Die Last der Verantwortung, die Angst vor dem Versagen, ein Moloch des Kommunikationsabbruch durchfiebert Hüseyin. Plötzlich, kurz vor seinem Triumph, stirbt er an einem Herzinfarkt in seiner neuerworbenen Eigentumswohnung in Istanbul. Er greift sich an die Brust. Doch jede Rettung kommt zu spät.

Warum wolltest du gerade nach Istanbul kommen? Was weißt du schon von diesem Ort? Ist es wirklich dieser Ort, nach dem du dich sehntest, oder bloß eine Erinnerung? Eine Erinnerung an das Entkommen aus der Heimat, an den Zwischenstopp vor der Fabrik, an den Ort, an dem es nicht mehr um das Vergessen ging und noch nicht um das Arbeiten. Den Ort, an dem du zum ersten Mal atmen konntest. Du willst atmen, Hüseyin, du willst nicht sterben, nicht jetzt […]

Fatma Aydemir aus: „Dschinns“

Sein ganzes Leben lief auf diesen Augenblick zu. Mit Geld, mit Eigentum, als einfacher Bauer, als einfacher Dorfbewohner nach Deutschland ausgewandert und dann zurückzukehren in die Türkei und zwar als gemachter Mann. Kurz bevor aber seine Familie zu ihm nach Istanbul stößt, verstirbt er, und was bleibt, ist Schweigen, die Erinnerungen an ihn, die Trümmer einer Familie, der die Zukunft abhandengekommen ist. Was aber bleibt, sind die Erinnerungen, und so wird Kapitel um Kapitel die Innenansicht der Kinder und der Ehefrau beschrieben, ihre Gedanken, ihre Hoffnungen, ihre Ängste und Reue, ihre Dämonen, kurz: die Dschinns der Familiengeschichte:

Dschinns? Vielleicht heißt, sich vor den Dschinns zu fürchten, nicht unbedingt zu verstehen, was ein Dschinn ist. Ist das nicht so wie mit dem Tod? Das Vage, das Ungewisse, das Dunkle, das die Menschen verängstigt, weil es nichts Greifbares ist, weil sie es mit ihren eigenen Fantasien ausfüllen müssen und nichts erbarmungsloser ist als die eigene Fantasie?

Der Schmerz sitzt tief, und er sitzt noch viel, viel tiefer als die einzelnen Familienmitglieder ahnen, selbst Emine, die Mutter, spürt weitere, schmerzhaftere Erinnerungen zwischen sich und ihrem Ehemann, der alles mit ins Grab nimmt, das Ungewisse wie das Gewisse, das Verbrechen, das Hüseyin und sie auseinanderhielt, von Anfang an. Aydemir lässt alle Familienmitglieder sinnieren, beschreibt sie von innen heraus, in Zeitsprüngen, in Assoziationen, zwischengeschoben, im Schwerelosen, zwischen Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart hängend. Ähnlich wie Damon Galgut in Das Versprechen, oder Claude Simon in Das Gras oder Virginia Woolf in Die Wellen beschwört Aydemir die Kraft und die Hoffnung, die im Ausdruck, im Aussprechen, in der Erinnerung und im Gedächtnis liegt:

 Ja, Sevda befand sich in einer ausweglosen Lage, doch sie würde diese Lage umkehren, eine bewusste Entscheidung aus ihr machen. Sie würde aus ihrer Ohnmacht aufwachen und die Dinge selbst in die Hand nehmen. Sie würde sich Ziele setzen, sie würde Platz schaffen für Hoffnungen, auch wenn sie winzig klein waren, aber sie würde sie ernst nehmen von nun an und sie sich immer wieder ins Gedächtnis rufen.

Stilistisch in hohem Tempo, dicht, klar, präzise arbeitet Aydemir die Konflikte zwischen Ansprüchen und Wirklichkeiten, zwischen Wünschen und Hoffnungen, Traditionen und Brauchtümern heraus. Ganz anders als Orhan Pamuk in Die Nächte der Pest werden die Figuren in Dschinns so lebendig, wie die Ich-Erzählerin in Emine Sevgi Özdamars Ein von Schatten begrenzter Raum. Keine Zeile zu viel. Kein Satz zu lang, keiner zu kurz. Jede Zeile glüht vor Ausdruckslust und weist den Weg zum Licht am Ende des langen Tunnels der Selbst- und Fremdfindung.


Wolfgang Schiffer: „Dass die Erde einen Buckel werfe“

Gedichte sind nicht immer Schonkost. Oft lesen sich Gedichtbände schnell, und Wolfgang Schiffers Dass die Erde einen Buckel werfe gehört zu ihnen, aber diese fünfzig Seiten, so erfasst man schnell, haben es in sich. Die Worte und Zeilen sind aus Schrot und Korn. Das lyrische Ich erinnert, d.h. es fährt in sich, sucht und entwickelt aus der Innerlichkeit die eigene Vergangenheit:

suche ich das Dorf meiner Kindheit als Trost
im mir unübersichtlichen heute / im Schrecken des Jetzt?
gehe ich zurück / weil mir die Welt zu groß
geworden ist oder ich mir zu klein?

Wolfgang Schiffer aus: „Dass die Erde einen Buckel werfe“

Schiffers Sprache klebt nicht an Blumigkeit. Sie salbadert nichts Romantisches. Sie fühlt dem Erdverbundenen nach, den Narben, Auswürfen, den Wunden, Pusteln und schroffen Spuren auf der Walfischhaut, dem Buckelwal, der sich gegen die Wellen, das Herumgeworfen-Werden wehrt und sich vom Ballast zu befreien sucht, der das Leben und Miterleben sein kann. Weltschmerz wird großgeschrieben, aber stets mit Sog zum Boden, mit Wunsch nach Erdnahem. Stets steht in Dass die Erde einen Buckel werfe ans Essen, Wohnen, ans Arbeiten, Schlafen, ans Trinken und die Mühen des Alltags im Mittelpunkt. In mundartlicher Sprache stehen die Speisekarten der Wochentage zwischen den Gedichten und kurzen Prosa-Reminiszenzen. Unkommentiert. Wesentlich. Einfach und klar:

Wellfleisch mit Sauerkraut / Lauchgemüse / Kartoffel / Bohnen
untereinander / Stangenbohnen / Frikadelle / Panhas / Schwarzbrot / Rübenkraut

Liest sich wie folgt:

Durchwoassene Schpäck met Suurmoos / Prayjemöös / Ärpel / Bonne ongereen / Fitschbonne / Fitschbonne ongeren / Friko  / Tüüt / Schwattbruet  / Röivekruut

Die Gedichte geben zu kauen. Sie lesen sich leicht, aber bleiben zäh, widerspenstig, gegen den Zeitgeist bestehen. Sie sind nicht flüchtig. Eigenartigerweise bilden sie Chiffren einer Existenz, der nichts anhaben kann, rüstig, robust, ohne Ursprünglichkeit anzustreben, ohne Vorrangigkeit in Anspruch zu nehmen. Es geht nicht um Identität. Es geht um das Geben und Nehmen im kosmischen Miteinander.

Vieles an Schiffers Gedichtband erinnert an Bertolt Brecht, das Trockene, Geradlinige, das rundheraus Sagen und Anprangern. Manches auch an Wladimir Majakowski, das Rhythmische, Schnelle, das Hastige und Ungestüme. An Treibgut, dass an den Strand gespült, Flaschenpost aus anderen Zeiten. Wie wenige Worte weite Erinnerungsräume aufspannen, zeigt Wolfgang Schiffers Gedichtband und trotzt den hastigen Zeiten einen Tropfen und Hauch von Dauer ab.


Erwin Schrödinger: „Was ist Leben?“

Klassiker der Wissenschaftsgeschichte gibt es deren viele. Selten genug jedoch äußern sich anerkannte Wissenschaftler zu metaphysischen Fragen, die sich nicht auf einen engen Stoffumfang begrenzen lassen. Typische Wissenschaftler schrecken vor ihnen zurück. Vielleicht aus gutem Grund. Erwin Schrödinger gehört nicht zu ihnen, obwohl er die Gefahr kennt und in seinen eigenen Worten wie folgt formuliert:

Bei einem Mann der Wissenschaft darf man ein unmittelbares, durchdringendes und vollständiges Wissen in einem begrenzten Stoffgebiet voraussetzen. Darum erwartet man von ihm gewöhnlich, dass er von einem Thema, das er nicht beherrscht, die Finger lässt.

Erwin Schrödinger aus: „Was ist Leben?“

Schrödingers Buch Was ist Leben? stellt eine Ausnahme dar. In ihm versucht der Physiker, dem für die mathematische Begründung der Rydberg-Formel 1933 der Nobelpreis für Physik zugesprochen wurde, die Erkenntnisse aus der modernen Physik in den Bereich der Biologie zu übertragen. Hierfür bespricht er den Formalismus der statistischen Thermodynamik, der Brownschen Bewegung, der Quantenmechanik und kommt in der Frage „Was ist Leben?“ zu dem Schluss:

Der Kunstgriff mittels dessen ein Organismus sich stationär auf einer ziemlich hohen Ordnungsstufe (einer ziemlich tiefen Entropiestufe) hält, besteht in Wirklichkeit aus einem fortwährenden »Aufsaugen« von Ordnung aus seiner Umwelt. Dieser Satz ist gar nicht so paradox, wie er auf den ersten Blick aussieht. Man könnte ihm eher vorwerfen, er sei eine Plattheit.

Und tatsächlich, vieles von dem, was in Was ist Leben? beschrieben wird, erscheint platt und oberflächlich. Zwar wird von Chromosomen, Zellen, Zellteilung und Genen gesprochen, aber ohne darauf einzugehen, wie man auf diese Ideen experimentell kam, welche Beobachtungen Ausschlag gegeben haben, oder auf die Vielzahl und den Reichtum von Leben in all seinen Formen und Farben zu sprechen zu kommen. Schrödinger bleibt ein beherzter Theoretiker, den die Stabilität der Chromosomen mehr interessiert als Algen, Biber, Mensch und Elefanten, und diese Stabilität auf die Aperiodizität der Chromosomen und deren innere Ordnungsstruktur zurückführt. Die Ordnungsstruktur selbst scheint ihm auf ein ganz neues, überphysikalisches Gesetz hinzudeuten:

Es bedarf keiner dichterischen Vorstellungskraft, sondern nur klarer und nüchterner wissenschaftlicher Überlegung, um zu erkennen, dass die gesetzmäßige und ordnungsgemäße Abwicklung dieser Vorgänge [innerhalb einer Zelle] von einem ganz anderen »Triebwerk« bestimmt wird als vom »Wahrscheinlichkeitsmechanismus« der Physik. […] Wir müssen bereit sein, hier physikalische Gesetzte einer ganz neuen Art am Werk zu finden.

Am Ende mündet also Schrödingers Buch in die alte Frage, ob der Mensch nur eine äußerst komplizierte Maschine ist oder nicht. Schrödingers Antwort lautet klar und deutlich, auch wenn er offenkundig die Gesetze, die die Prozesse innerhalb von Zellen steuern, nicht anzugeben weiß: Ja, der Mensch unterliegt in all seinen Mechanismen und Prozessen den Naturgesetzen, und das Ich führt nur aus, was die Atome, aus denen er besteht, bereits entschieden haben.

Ob der Mensch nur ein Haufen Atome ist oder nicht, lässt sich selbstredend weder beweisen noch begründen, weder mit thermodynamischen Gesetzen noch mit Einsichten in die Upanischaden. „Was ist“-Fragen erlauben keine diesbezügliche Entscheidung, solange man sich nicht auf ein Unterscheidungsmerkmal einigt. Ein solches könnte sein, dass man kein Auto benötigt, um ein Auto zu bauen, aber noch immer ein Lebewesen, um ein Lebewesen zu zeugen. Schrödinger verbleibt jedoch lieber in der Metaphysik, als die Frage im Sinne von Percy Williams Bridgmans, seines Zeichen auch Physiknobelpreisträger, dem Raum der operationalistischen Naturwissenschaft zu überantworten.

Alles in allem enttäuscht Erwin Schrödingers Buch, sobald man seinen Begründungen und Ausführungen auf den Zahn fühlt. Mit Der Mensch als Maschine aus dem Jahr 1748 von Julien Offray de La Mettrie ist man da besser beraten, oder mit Gotthard Günthers kybernetischen Grundlagenwerk (1958) Das Bewusstsein der Maschinen, oder Norbert Wieners Mensch und Menschmaschine (1950).

Wen eine genauere Diskussion interessiert, findet unter read2write eine längere Besprechung und Untersuchung von Schrödingers Buch und einen ausführlicheren Vergleich mit La Mettries „Der Mensch als Maschine“.


Emmanuel Carrère: „Yoga“

Emmanuel Carrère verlangt es nach Ruhm und Ehre, sucht Ruhe und Gelassenheit, die innere Entspannung, die ihm zwischen Lust, Rausch, Sex und Alkohol zumeist versagt bleibt. In seinem Roman Yoga bricht er nun eine Lanze für fernöstliche Philosophien, Weisheiten, Gurus und Lebenskünstler und gibt seinem Publikum auch gleich eine Definition von Yoga mit auf dem Weg:

Das ist übrigens auch die ursprüngliche Bedeutung des Worts Yoga: zwei Pferde oder zwei Büffel in dasselbe Joch einspannen. Man wechselt von einem zum anderen, vom anderen zum einen. Wenn man versucht, seine Aufmerksamkeit auf das zu richten, was man tut, und sich bewusst zu machen, wenn auch nur ein winziges bisschen, was das Ziel der Angelegenheit ist, hat man keine Zeit, sich zu langweilen.

Emmanuel Carrère aus: „Yoga“

Er ordnet sich also unter, spannt sich in ein Joch, um der Langeweile zu entfliehen: Selbstkasteiung als Ausweg, um der inneren Krise aus dem Weg zu gehen. Der Roman, der auf dem ersten Blick kaum ein Roman ist, eher ein Sachbuch liest sich trocken, nüchtern, ja leicht wie ein Kochbuch, eine Art Reisebericht von einem Mitreisenden, der zufällig neben einem im Flugzeug sitzt und nichts Besseres zu tun hat, als von dem eigenen Lebensweg zu berichten. Im Plauderton schreibt Carrère über dieses und jenes und will sich auch nicht recht für irgendetwas entscheiden:

Letztlich fing sie [Hélène] sich wieder, dann lernte sie einen Mann kennen, François, der zufällig einer meiner ältesten Freunde ist und es läuft gut. Theoretisch gibt es keinen Grund, warum sie in dieser Erzählung weiter auftauchen sollte – doch in dieser Erzählung tauchen so viele Dinge auf und wieder auf, die ich nicht vorhergesehen und noch weniger herbeigesehnt habe …

Eigenartigerweise taucht sie auch nicht mehr auf. Die Sprache ist unterkühlt, prosaisch. Die Sätze kurz, einfach. Die Struktur nebensächlich. Carrère gibt sich keine Mühe, den Stoff zu gestalten. Er verknüpft tagespolitische Ereignisse mit den eigenen Emotionen, thematisiert den Anschlag auf Charlie Hebdo, die Flüchtlingskrise, die Smartphone-Kultur, die Angst vor dem Tod und wie ihm Yoga geholfen und nicht geholfen hat, die eigene Depression zu überwinden. Dass das Unternehmen von Anfang zum Scheitern verurteilt gewesen ist, erkennt er selbst:

Alles, was wirklich ist, ist per Definition wahr, aber manche Wahrnehmungen der Wirklichkeit haben einen höheren Wahrheitsgehalt als andere, und das sind nicht die angenehmsten. Ich glaube zum Beispiel, dass der Wahrheitsgehalt bei Dostojewski höher ist als beim Dalai Lama. Kurz, mit meinem heiteren feinsinnigen Büchlein über Yoga war ich irgendwie angeschmiert.

Leider bleibt der Humor konsequent auf der Strecke und mit dem höheren Wahrheitsgehalt ist es auch nicht weit her, wenn am Ende des Buches herauskommt, dass vieles von dem autobiographisch Erzählten erfunden und fiktional ausgestaltet wurde. Ein seltsames Zwitterwesen entsteht, dass sich nicht sagen lassen will, was es ist und nicht ist. Nur die Unzufriedenheit mit sich selbst bleibt bestehen, wenn er schreibt:

Und nun stehe ich mutterseelenallein da, ohne Frau oder impotent, wenn ich zufällig doch mal eine abschleppe, den Kragen voller Schuppen, den Schwanz voller Herpes, unfähig zu schreiben und ohne jeden Glauben an dieses Buchprojekt [Yoga], das mir einige Wochen zuvor noch so richtig, wichtig und machbar erschienen war, denn es hätte ja gereicht, erst einmal zu erzählen, was mit mir los ist.

Wer Berichte dieser Art mag, der lese von Michael Crichton Im Kreis der Welt, in welchem dieser von einer Begegnung mit einem Kaktus so unterhaltsam spricht, dass man mit dem Lesen nicht mehr aufhören möchte. Oder man lese Douglas Adams Die letzten ihrer Art, genauso melancholisch wie Yoga, doch freundlich und offen und selbstironisch. Humor nämlich fehlt Carrère durchweg. Wer es ernster mag, kann zu Henri Michaux Turbulenz im Unendlichen greifen, oder wenn die geistige Umnachtung, Zerrüttung und Selbstzerstörung Thema ist, der findet in Louis Althusser Die Zukunft hat Zeit genügend Stoff und Anlass, das Fürchten vor Selbstillusionen in der geschlossenen Station von Saint-Anne zu lernen.

Der Roman Yoga von Emmanuel Carrère ist besser als die meisten Gegenwartsromane geschrieben. Der Stil ist flüssig und freundlich. Er liest sich wie eine Reise durchs Nichts und wird dadurch selbst zu einer Form der Meditation, leider jedoch ohne, wie anfangs noch versprochen, der Langeweile zu entkommen.


Ana Marwan: „Der Kreis des Weberknechts“

Wie man freundlich und höflich, nicht zur Kenntnis nimmt, davon handelt Ana Marwans im Otto Müller Verlag erschienener Roman Der Kreis des Weberknechts. In ihm geht es um Karl und Mathilde, die sich zufällig am Flughafen kennenlernen und zueinanderfinden wollen. Mathilde hat zuerst mehr Interesse. Später Karl. Dass das mit der Liebe aber nicht so einfach, insbesondere für verkopfte Männer ist, wird von Marwan trocken und mit deutlicher Sprache zum Ausdruck gebracht:

So ist es oft. Ein Liebender möchte es genau wissen. Das, was er wissen möchte, nennt er unbescheiden ‚die Wahrheit‘, und oft fügt er noch unbescheidener das ‚nur‘ hinzu. Nur die Wahrheit, er möchte nur die Wahrheit wissen. Fairerweise muss man die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass ‚nur‘ nicht die Wahrheit mindern möchte, sondern das, was der Liebende will. Und wenn es so ist, auch wenn nicht oft, ist der Verzicht auf Liebe zugunsten der Wahrheit schon ein großes Opfer.

Ana Marwan aus: „Der Kreis Weberknechts“

Wahrheit nämlich steht für Karl Lipitsch obenan. Nichts geht im über sein ontologisches Lebenswerk, um dessen willen er sich von all seinen Mitmenschen zurückgezogen und in die Klausur begeben hat. Nur so richtig klappen, will’s mit dem philosophischen Haupt- und Lebenswerk nicht. Nach ein paar Monaten sind Karl alle Ausreden recht, nicht zu schreiben, so auch die Beerdigung des Partners einer Ex-Geliebten, den er seit fünfzehn Jahren weder gesehen noch gesprochen hat. Auf der Rückreise, am Gepäckband, sieht Mathilde an den Koffern, dass Karl und sie Nachbarn sind. Die Affäre beginnt stockend:

Mathilde meinte, es sei höchste Zeit, Lipitsch das ‚Du‘ anzubieten. Lipitsch schaute sie eine Weile an und sagte dann, er habe Angst vor ‚Du‘, ‚Du‘ verdirbt alles, ‚Du‘ überschreitet (unter dem abgedroschenen Vorwand der Ehrlichkeit) die Grenzen der Höflichkeit, die ‚Sie‘ achtet; ‚Sie‘ nimmt den Menschen, wie er ist, während ‚Du‘ ihn nach seinem Geschmack verändern möchte […]

Marwans Stil ist erbarmungslos, flüssig, schnell. Der kurze Roman macht nicht viel Aufsehens um die Gedankenausflüge Karls. Sie notiert, protokolliert sein Scheitern, seine Versuche, sein Hin- und Herdenken, das nicht aus noch ein weiß. Diese Konfusion verbirgt er unter Belesenheit, mit Zitaten, Rhetorik und ungebührlichen Auftreten, die Marwan subversiv durch den Text ziehen lässt. So ist viel von Marcel Proust, auch von Albert Camus und von Friedrich Nietzsche die Rede, aber ohne Karls Blasiertheit. Marwans Stil hemmt ihn. Souverän springt der Text zwischen den Zeiten, blendet ab und aus, was anstrengend oder peinlich wirken könnte.

Der Roman lässt die Figuren nicht auflaufen. Er stellt sie nicht bloß, macht sie nicht lächerlich wie Maxim Biller in Der falsche Gruß oder Christian Kracht in Eurotrash. Die distanzierte Form erlaubt das Nacherzählen in kaleidoskopartiger Manier und transportiert auf diese Weise, zwischen den Zeilen mehr als andere, mehr psychologisch angelegte Werke. Ein Bild ergibt sich ohnehin. Ana Marwans Roman Der Kreis des Weberknechts berauscht nicht sprachlich wie Valerie Fritschs Wintergarten. Es ist ein ruhiger, abgeklärter, unaufgeregter Roman wie Judith Hermanns Daheim, Helga Schuberts Vom Aufstehen und Daniela Kriens Der Brand, die gerade deshalb überzeugen. Wer’s jedoch ausführlicher, belastender und psychologischer möchte, der findet in Sören Kierkegaards Das Tagebuch eines Verführers genügend Anknüpfungspunkte, den Kreis des Weberknechts weiterzuspinnen.


Orhan Pamuk: „Die Nächte der Pest“

Der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk gibt einen eigenwilligen Beitrag zur Pandemiedebatte. Er schreibt über eine fiktive Insel namens Minger und ihren langsamen, durch eine Pestepidemie ermöglichten, beschwerlichen Gang zur Unabhängigkeit vom osmanischen Reich. Der Roman sieht sich selbst als ein aus den Ufern getretenes Vorwort einer Autorin, die die Briefe Pakize Sultans, ihrer eigenen Urgroßmutter, herausgibt:

Wären nicht die insgesamt zwanzig Stunden gewesen, die ich (meinen Berechnungen zufolge) in jener Woche mit meiner Uroma Pakize Sultan und meinem Uropa Damat Doktor Nuri verbrachte, so hätte ich wohl kaum die Kraft aufgebracht, den als »Vorwort« gedachten Text zu dem Buch auszuarbeiten, das Sie in Händen halten.

Man kann dem Text viel Unrecht antun. Man kann über ihn herziehen. Man kann sich über die vielen orthographischen Fehler in der Übersetzung amüsieren (wie das fehlende „den“ im obigen Zitat). Man kann sogar den für seine Übersetzertätigkeit den Celan-Preis zugesprochenen Gerhard Meier mithineinziehen und den Roman „Die Nächte der Pest“ als ein vollkommen verunglücktes Machwerk aus sowohl fehlleitender Übersetzung wie verwirrend provisorischen komponierten Inhalt bezeichnen, oder all dies nicht tun und dem Roman selbst das Wort überlassen, wie er beispielsweise beschreibt, wie Plakate mit Verhaltensregeln in griechischer und türkischer Sprache in Minger aufgehängt werden:

Zwar konnten in Minger insbesondere unter den Muslimen kaum zehn Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben, doch hatten der Gouverneur und der Quarantänedirektor dafür gesorgt, dass entsprechende Plakate in vielen Geschäften, Hotels und Restaurants sowie an manchen Gebäuden hingen.

Dieser Satz steht exemplarisch für die grammatikalischen, sehr ungelenken Wirrungen, die entweder durch die Übersetzung oder das Original zustande gekommen sind. Das „zwar“ lässt auf ein folgendes „dennoch“ schließen, jedoch nicht auf ein adversatives „doch“ – das „doch“ hat einfach nichts in dem Satz zu suchen, denn der Gouverneur hat, obwohl wenige Minger des Lesens und Schreibens mächtig sind, dennoch verfügt, entsprechende Plakate überall in der Stadt aufhängen zu lassen. Erschwerend kommt das für „Die Nächte in der Pest“ typische Aufzählen, das gar nichts dem Inhalt hinzufügt, also dass Plakate an Hotels, Restaurants, Geschäften und auch Gebäuden hingen, derweil Gebäude nur der Oberbegriff für all diese und wohl Wohnhäuser gemeint gewesen sind.

Stilistisch holprig, schlingernd, versucht der Roman die Geschichte Mingers, einer erfundenen Insel, im Jahre 1901 lebendig werden zu lassen. Mingers Geschichte findet in der üblichen Weltgeschichte statt. Bis auf Persönlichkeiten Mingers tauchen nur historisch verbürgte Persönlichkeiten wie Abdülhamit II. oder Wilhelm II auf. Insgesamt stellt der Untergang des osmanischen Reiches den Hintergrund, und die grassierende Pest auf der Insel Minger den Vordergrund der Handlung des Romans:

Pakize Sultan schreibt in ihren Briefen aufs Trefflichste über die Atmosphäre in der Stadt, über ihre Empfindungen, über den Hafen, den modrigen Meeresgeruch und das Licht der wenigen Laternen, die überhaupt noch brannten. Wer liest, wie die beiden [Pakize und ihr Ehemann] sich im Bett angstvoll aneinanderschmiegten und auf die Geräusche aus der Stadt und das Rauschen der Wellen horchten, ohne Schlaf zu finden, der begreift, was es bedeutet, in schlafloser Todesangst Tränen zu vergießen.

Pamuks Roman schreibt von einer Insel, die es nicht gibt, von eindrucksvollen Briefen, die man nicht zu Gesicht bekommt, von wunderschönen Fotos, die man nicht sieht. Seine Parabel entzieht sich jeder Verbindlichkeit. Weder hat man es mit einer Geschichtsschreibung noch mit einer Fabel noch mit einem Roman zu tun. Es ist ein Zwitter aus allem und berichtet von Mord und Todschlag im Plauderton. Das Pamuk-hafte Schelmische lässt sich hier und da durch die Zeilen erahnen, aber verquer und verquast, so dass sich manchmal kaum der Satz verstehen lässt, den man gelesen hat. Der Roman strotzt vor Wiederholungen, aneinander gereihten beliebigen Beschreibungen und Ausschweifungen, die nie an ihr Ziel gelangen.

Wer über die Türkei lesen möchte, bekommt mit Emine Sevgi Özdamars „Ein von Schatten begrenzter Raum“ historisch und in Sachen Authentizität mehr geboten. Wen ein Roman über die Pest interessiert, der lese lieber gleich Albert Camus‘ „Die Pest“, wo diese todbringende Krankheit in Oran wütet. Und wen es schlussendlich nach einer Fabel über Panik, Angst und Quarantäne verlangt, der greife zu José Saramagos Roman „Die Stadt der Blinden“. Wen aber nichts schreckt und Zeit genug hat, der lese Orhan Pamuks unausgegorenes Buch „Die Nächte der Pest“ und gleich danach dasselbige nur als Schmonzette und in Deutschland, nämlich Steffen Kopetzkys „Monschau“.


Ferdinand Schmalz: „Mein Lieblingstier heißt Winter“

Vom Angeln ohne Haken und anderen vergeblichen Sinnsuchen

Ferdinand Schmalz bietet mit „Mein Lieblingstier heißt Winter“ eine Urlaubsreise für den malträtierten Geist – einen wundervollen Text sich biegender, melodiöser Widersprüche, der Akt für Akt das Gesamtbild eines sinnvollen Daseins sprengt. Der Humor als Antithese zum Sinnversprechen. Winter gibt es nämlich nicht, nur sengende, brutzelnde Hitze und einen Helden, der keiner sein will, noch sein kann, der sich durchs Hitzeschwaden überzogene Wien mit Schädelbasisbruch kämpft, um noch den letzten Rest Verstand hinüber zum Feierabendbier zu retten.

„Am Rand der Stadt. Halbwildnis, die er wieder mal durchstreift. Brachland, durchzogen von vereinzelt hingestreuten Siedlungen. Reihenhäuser wie Gefängnisblocks. Dahinter sterile Vorgärten, in denen Plastikkinderrutschen erodieren. Dann wieder Schrottplätze und Autobahnverteiler. Dickflüssig liegt die Luft hier in den Straßen, die müde von dem Tag. Die Reifen schmatzen am glühenden Asphalt, der flimmernd sich schon aufzulösen scheint. Als würde er, der flüssige Asphalt, am Ende dieser Straße Wellen in die Luft schon schlagen.“

In sprachlich-fein ziseliertem Ideenreichtum zeichnet „Mein Lieblingstier heißt Winter“ eine österreichisch-geprägte Binnenland-Melancholie nach, die sich nach Stillstand sehnt, aber nur Gewalt, Verzweiflung, und Hoffnungslosigkeit erntet. Der Roman sprudelt an allen Ecken und Kanten über. Kleine Geschichten, Rückblicke, Reminiszenzen, fröhliche Sprachfreude, die sich in die Handlung wirft und vor lauter Details und Redseligkeit nicht mehr zu bremsen versteht. Figuren nach Figuren betreten die Bühne, eine skurriler als die andere, in passiver, aktiver, auktorialer Ausdrucksweise weht eine Art Mary Shelley-Frankenstein Romantik herüber, halb noch im Barock verankert, wo die Zeit aus den Angeln gehoben wird, schon ins Moderne schielend, wo atemloser Fortschritt herrscht, aber tief im Expressionismus verwurzelt, um die Sprachlosigkeit mit tolldreisten Neologismen zurückzudrängen.

„Und hätt man für sich dann akzeptiert, dass alles Denken und Erkennen im Grunde zum Scheitern gezwungen sei, hätt man sie als Hindernis verstanden, das man so schnell es geht zu überwinden habe, dann erst könne dieses Scheitern als Geschenk verstanden werden, als Grundvoraussetzung einer weit tieferen Erfahrung. So dringe man erst vor zum unsichtbaren, unfassbaren Kern der Wirklichkeit, den sie vor uns gekonnt verbirgt. Denn dann erst würden wir es schaffen, einen Zugang zu ihr, der sogenannten Realität, zu finden ohne den Umweg über unsren unglaublich defizitären, gärenden, gammelnden Leib.“

Schmalz stand mit dem Roman auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2021 und gewann mit Auszügen aus diesem Roman den Ingeborg-Bachmann-Preis 2017. Wer Preisen jedoch aus guten oder schlechten Gründen nicht traut, lese die ersten fünfzehn Seiten und erfreue sich an einer frischen, mutigen, fröhlichen Stimme der literarischen Gegenwart. Arthur Rimbauds „Das trunkene Schiff“ unterwandert Elfriede Jelineks „Gier“ mit Thomas Bernhards Sprachfröhlichkeit aus „Holzfällen. Eine Erregung“, garniert mit Comte de Lautreamonts Phantasmagorien aus „Die Gesänge des Maldoror“. Der Roman bezaubert und unterhält, inspiriert und entspannt und schafft es einen Erzählbogen so weit zu überspannen, dass ein guter Thriller zu einer noch besseren Literatur gerinnt.

Uneingeschränkt lesenswert. Weitere mutig-kreative Stimmen, die gegen das Eintönige anschreiben: Claudia Durastanti „Die Fremde“, Jenny Erpenbeck „Kairos“, Thomas Kunst „Zandschower Klinken“ und vor allem Iris Hanika „Echos Kammern“.


Hari Kunzru: „Red Pill“

Bedenkliche Reise durchs Labyrinth einer Selbstfindung. Ein Anti-Zauberberg.

Hari Kunzru beschreibt in „Red Pill“ den Versuch einer Selbstfindung. Verstrickt im humanistischen Erbe, hin und her gerissen zwischen Walter Benjamin und Heinrich von Kleist durchlebt der Ich-Erzähler eine Krise mit ungewissem Ausgang. Der Plot ist nebensächlich. Hauptaugenmerk liegt auf den mäandernden Selbstreflexionen um den dünnen Erzählfaden herum, wie es oft in der Literatur der Fall ist, sofern es sich nicht um bspw. einen Liebesroman oder einen Thriller handelt.

„Rilke, der durch seine eigene riesige Einsamkeit wanderte und stundenlang niemanden sah, oder Hölderlin, dessen Wahnsinn würdevoll und kanonisch war, der Goldstandard romantischer Geisteskrankheit. Goethe wäre ideal gewesen. Kleist dagegen war ein Hysteriker, der Verfasser schriller Stücke und fragmentarischer Geschichten voller Hektik, Schlachten, Erdbeben und psychischer Schocks.“

Der Ich-Erzähler ist ein halbwegs erfolgreicher Schriftsteller, der von einer Stiftung ein Stipendium zugesprochen bekommt, um in Abgeschiedenheit, am Wannsee in Berlin-Zehlendorf, sein Buch über das „lyrische Ich“ zu beenden. Die Stiftung namens „Deuter“ besitzt aber eine Philosophie. Die Stipendiaten müssen in einem gemeinsamen Raum arbeiten. Sie leben in einer gläsernen Welt. Alles wird überwacht, kommentiert, alles ist sichtbar. Der Ich-Erzähler gerät in eine Krise, magisch angezogen und abgestoßen von Heinrich von Kleists und Henriette Vogels Selbstmord an selbiger Stelle, fühlt sich eingesperrt, rebelliert, lernt in Berlin eine Ex-Stasi-Spionin kennen, einen grobschlächtigen und größenwahnsinnigen Serienproduzenten, und flieht letztlich über Paris auf eine schottische Insel, wo er von Polizisten in Gewahrsam genommen und letztlich, nach einem kurzen Aufenthalt in einer Psychiatrie, zurück nach New York gebracht wird, wo das Buch mit der US-Präsidentenwahl von 2016 endet.

„Ich hatte an einem gewissen Punkt akzeptiert, dass ich nur auf meine Weise zu kommunizieren verstand, indem ich eine Art parataktischen Sturm undurchsichtiger kultureller Verweise entfachte und meine Leser dazu einlud, zusammen mit mir durch sie hindurchzutaumeln. Das steht nicht gerade weit oben in der Beliebtheitsskala, und wenn ich auch kein Interesse daran habe, um der Unergründlichkeit willen unergründlich zu sein, habe ich doch kein Talent für das Einfache.“

Kunzrus Roman vollzieht eine bedenkliche Gratwanderung zwischen Wahnsinn und Eingebung, zwischen Wachheit und Paranoia, zwischen Angst und Poesie. „Red Pill“ lässt sich als ein Gegenstück zu Thomas Manns „Der Zauberberg“ lesen. Hans Castorp flieht in das Sanatorium, um sich vor der Welt zu verstecken, sucht die Krankheit, um sich nicht exponieren zu müssen, sieht aber am Ende ein, dass ihm nichts übrigbleibt und das Sanatorium, seinen safe place, verlassen muss. In dieser Entwicklung wird viel gesprochen, räsoniert, die üblichen Themen durchdekliniert. So auch bei Kunzru, nur dass hier die Reise weiter in den Zauberberg hineingeht. Am Ende verwebt, verschwebt, verklebt sich alles zu einer riesigen Simulation der Realitätsentrückung.

„Ich ging in einen Lebensmittelmarkt, kaufte in einem italienischen Feinkostladen simulierte Oliven, probierte ein Stück Parmesan, das mir ein simulierter Käseverkäufer anbot, schmeckte Salz und Umami und staunte über die Technologie, Ionen zu simulieren, die durch simulierte Kanäle in die Zellen von Geschmacksrezeptoren wanderten und simulierte Axone anregten, Informationen an irgendeine Art von Datenfeld oder Konnektom weiterzugeben, das mein Gehirn repräsentierte.“

Der Roman ist nichts für leichte Nerven. Viele Ängste werden geschürt. Die Sprache zieht dennoch in ihren Bann. Die Selbstreflektiertheit des Ich-Erzählers lässt Raum zum Atmen. Er bleibt in seiner Hilflosigkeit sympathisch und empathisch. Man exponiert sich gemeinsam mit ihm einer dritten Realität, die des Textes, in welchem die des Computers in Bits and Bytes thematisiert wird. Am Ende weiß man nicht mehr, wo welcher Text aufhört oder beginnt, wo die Tradition einsetzt, die Phrase beginnt, das Zitat endet, wo der Autor sucht, oder sich bereits in seinen Verweisungen und Desillusionen gefunden und verfangen hat. Sicherlich eine Art „Fänger im Roggen“ derjenigen Generation, die noch aufwuchsen ohne Computer und denen der Computer daher nicht vollends geheuer sein kann.

Viel überzeugender ist „Klara und die Sonne“ von Kazuo Ishiguro und „Echos Kammern“ von Iris Haneka. Dennoch weiß „Red Pill“ durchaus zu überzeugen und liest sich schnell, obgleich ein gewisser Schauder, eine Art Unbehagen nach dem Lesen hängen bleibt, den man so schnell nicht mehr abschütteln kann. Kein gutes Buch für zurückgezogene, einsame Lektüre.