Mein Lesejahr 2021

Für meinen Jahresrückblick hatte ich vor, die Belletristik-Bestenlisten statistisch auszuwerten, nach Themen zu ordnen, nach Erzählfiguren zu sortieren, um auf diese Weise einen Schnappschuss und eine Stilanalyse der bestverkauften Gegenwartsliteratur zu erstellen und durchzuführen. Nachdem ich kurz in mich ging, den Aufwand begriff, der auf mich zukam und wartete, schmolz dieses literatursoziologische Vorhaben dahin. Ich gebe nicht auf, aber schaffe es in diesem Jahr schlicht nicht, mich hierfür aufzuraffen, unter anderem aus dem einfachen Grund, dass die Themenvielfalt nicht sehr groß gewesen ist. Ich werde vielleicht ein andermal über die Themenwahl und Erzählpositionen, über die stilistischen Figuren und Erzähltechniken schreiben, also ein kleines Potpourri erstellen, anhand dessen viele Bestseller-Romane quergelesen werden könnten, so man dies denn wollte. Die Ähnlichkeiten nämlich zwischen ihnen sind interessanterweise nicht sehr klein.

Am Ende jedoch ist jedes Buch, auf diese oder jene Weise, trotz allem eigensinnig und einzigartig. Selbst die plattesten Plagiate, liest man nur genau, lässt man sich nur auf den Schwung und den Stil intensiv genug ein, offenbaren Einblicke und Erfahrungswelten, die überraschen, amüsieren, ja mitunter auch inspirieren können. Bei allem wohlwollenden, Benjaminschen ‚rettenden‘ Lesen haben sich dennoch einige Bücher in diesem Jahr herauskristallisiert, die mir wieder einmal bestätigt und eindrucksvoll vor Augen geführt haben, weshalb Lesen sich so sehr lohnt, und es stets eine wahre Freude ist, sich den Gedanken-, Schreib- und Erinnerungswelten anderer zu öffnen.

„Mein Lesejahr 2021“ weiterlesen

Damon Galgut: „Das Versprechen“

Eigentümlich hoffnungsvoll … Booker-Preis 2021.

Mehrere Romane in den Bestsellerlisten dieses Jahres behandeln die emotionalen, politischen, psychologischen Hinterlassenschaften der kolonialen Gewaltherrschaft. In „Das verlorene Paradies“ von Adulrazak Gurnah geht es um Tansania, um den Lebensweg eines kleinen Jungen zwischen preußischem Militär und chaotischer Häuptlingsregentschaft; in „Die Rache ist mein“ von Marie NDiaye unter anderem um die Problematik einer Flüchtlingsfamilie aus Mauritius im Gegenwartsfrankreich. In Leïla Slimanis „Das Land der Anderen“ wird die Geschichte einer Französin in Marokko erzählt und deren gewaltsame Initiation in die dort herrschende Kultur, und in „Schicksal“ beschreibt Zeruya Shalev die Ereignisse in den ersten Jahren des neugegründeten Staates Israel, das Leben, Weiterleben, Fortleben von Terror und Freiheitskampf. Damon Galguts Roman „Das Versprechen“, diesjähriger Booker-Prize Gewinner, lässt das Augenmerk auf die Südhalbkugel wandern, weit über den Mittelmeerraum hinaus auf Südafrika, Pretoria, und erzählt die Geschichte der Familie Swarts.

„Damon Galgut: „Das Versprechen““ weiterlesen

Jonathan Franzen: „Crossroads“

Die Welt aus Schall und Rauch … Spiegel Belletristik-Bestseller 40/2021

Epen in Gesangsform sind längst aus der Mode gekommen. Die Zeit wird nicht mehr in Reimen besungen. Metrische Einschübe, Assonanzen, Apostrophen dienen nicht mehr, das eigene Zeitgefühl verlautbaren zu lassen. Kein neuer Homer mit einer weiteren „Odyssee„, noch ein Dante Aligheri mit einer neuen „Göttlichen Komödie„, oder ein nächster Hölderlin auf der Spur nach einer Fortsetzung des „Hyperion„s ist in Sicht. Das Epos der Neuzeit ist der Roman, die Epopöe des Gegenwärtigen. Georg Lukacs hat es bereits vor dem Ersten Weltkrieg in seiner Theorie des Romans angekündigt. Walter Benjamin in Erfahrung und Armut analysiert. Leo Tolstoj mit Krieg und Frieden, Boris Pasternak in Doktor Schiwago bewiesen. Nun eben auch Jonathan Franzen in seinem neuen Roman „Crossroads“, den Auftakt einer Trilogie.

„Jonathan Franzen: „Crossroads““ weiterlesen

Ariane Koch: „Die Aufdrängung“

Coming-of-Age Roman der besonderen Art … „aspekte“-Literaturpreis 2021

Coming-of-Age Romane erfreuen sich stets großer Beliebtheit. Das Erwachsenwerden bildet ein noch immer universell verbindendes Thema in einer zunehmend hochspezialisierten Welt. Trotz oder gerade wegen der hohen Komplexität und Verschiedenheit der Lebensumstände eignet sich der Übergang von der Jugend in die Mündigkeit, von der Abhängigkeit in die Unabhängigkeit stets aufs Neue, um das Weltganze in seiner unmittelbaren Gesamtheit zu beleuchten und auf seinen Sinn hin zu befragen. „Die Aufdrängung“ von Ariane Koch reiht sich in diesem Sinne nahtlos in die Reihe der anderen Coming-of-Age Romane des Jahres, besitzt aber eine äußerst eigentümliche, beinahe bizarre Note und steht völlig für sich.

„Ariane Koch: „Die Aufdrängung““ weiterlesen

Abdulrazak Gurnah: „Das verlorene Paradies“

An den Abgründen vorbeigeschrieben … Nobelpreis für Literatur 2021

Wer nach der Bekanntgabe des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers nach einem Buch von diesem gesucht hat, wird nur in Glücksfällen ein Exemplar ergattert haben. Abdulrazak Gurnahs Romane und Texte sind im deutschsprachigen Raum schon lange nicht mehr aufgelegt worden und waren zu diesem Zeitpunkt selbst antiquarisch eine Seltenheit. Mit „Das verlorene Paradies“ liegt nun eine Neuauflage der Übersetzung von Inge Leipold vor, die das erste Mal 1996 erschienen ist. Der Roman behandelt die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg in Tansania. Der Protagonist ist Yusuf, dessen Aufwachsen und Erwachsenwerden zwischen Gewalt, Einsamkeit, Verzweiflung und Sprachlosigkeit beschrieben werden. Das dominierende Problem lautet Geld, und um Geld geht es auch, als Yusuf am Anfang des Romans von seinen Eltern als Pfand einem Händler namens Aziz überlassen wird. Gleich zu Anfang des Romans wird also klar, dass die Umstände wenig Raum für Besinnlichkeit, Romantik und Sanftheit lassen.

„Abdulrazak Gurnah: „Das verlorene Paradies““ weiterlesen

Marie NDiaye: „Die Rache ist mein“

Poetische Stille sanfter Verzweiflung – eindrucksvoll und nachwirkend.

Viele Gegenwartsromane behandeln Gewalt gegen Frauen. Beispielsweise Zeruya Shalev in „Schicksal“, in welcher Rachel, eine ehemalige Terroristin, mit ihrer Rolle als Mutter, als Witwe und Staatsbürgerin hadert und gegen emotionale Entfremdung kämpft; oder Leila Slimanis Roman „Das Land der Anderen“, in welchem ebenfalls Kolonisierung thematisiert wird, Befreiungskriege und -kämpfe und die gewaltsame Unterwerfung einer Frau unter die herrschenden Sitten und traditionellen Bräuchen in Marokko beschrieben werden. Beide Romane erzählen die Geschehnisse aus großer Distanz, beinahe nüchtern und kühl, journalistisch. Anders dagegen Hengameh Yaghoobifarah in „Ministerium der Träume“, das nicht nüchtern, eher wild dem Schmerz freien Ausdruck lässt und einen Staat anprangert, der junge Frauen nicht ausreichend vor sexuellen Übergriffen schützt. Zwischen hitziger Beschimpfung und sachlicher Beschreibung finden sich in der gegenwärtigen Literaturlandschaft alle möglichen Abstufungen. „Die Rache ist mein“ von Marie NDiaye lässt sich darin dennoch nicht einordnen. Der Roman verhandelt das Thema expressiv, sprachlich, weniger narrativ, inhaltlich und erschließt auf diese Weise eine eigene Schmerzzone emotionaler Gefangenschaft, vergleichbar mit der Fragment gebliebenen Romantrilogie „Todesarten“ von Ingeborg Bachmann.

„Marie NDiaye: „Die Rache ist mein““ weiterlesen