Daniela Dröscher: „Lügen über meine Mutter“

Daniela Dröscher: „Lügen über meine Mutter“
Ein doppelzüngiger Bericht … Spiegel Belletristik-Bestseller (37/2022)

Was zeichnet eigentlich einen Roman aus? Ist er nur eine verschriftlichte lange Rede, ein transkribiertes Gespräch, ein überlanger Monolog einer einzelnen Person? Oder gehört zum Roman eine Art eigene Sprache, die dem Alltagsgespräch eine andere, nicht unbedingt neue, dennoch weitere Dimension verleiht? Diese Fragen werfen ein Licht auf das, was gemeinhin die Authentizität des Erzählens genannt wird. Daniela Dröschers neuer Roman Lügen über meine Mutter stellt mit dem Titel ebenfalls die Frage nach Wahrheit und Wirklichkeit in Abgrenzung zur Lüge und Fiktion. Der Roman beginnt zudem mit einem dazu passenden Zitat von Emily Dickinson:

»Sag Wahrheit ganz
doch sag sie schräg
Erfolg liegt im Umkreisen
Zu strahlend tagt der
Wahrheit Schock
Unserem Begreifen
Wie Blitz durch freundliche Erklärung
Gelindert wird
dem Kind
Muss Wahrheit sachte blenden
Sonst würde jeder blind.«

Emily Dickinson aus: „Sämtliche Gedichte“ (Hrsg. G. Kübler, 1872, 1263, S. 998)
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Kalenderwoche 36/37. Lesebericht.

Kalenderwoche 36/37. Lesebericht.

Zwei Wochen Urlaub, nochmal Sonne, nochmal Meer, frische Luft und eine fröhliche Atempause stehen im eigentlichen Zentrum meines Kalenderwoche 36/37 Leseberichtes. Ich habe auf die Kurzreise nur zwei Bücher mitgenommen. Da wäre zum einen Albert Vigoleis Thelens Die Insel des zweiten Gesichts – Aus den angewandten Erinnerungen des Vigoleis, und zum anderen, quasi als Reserve, falls ich die Erstlektüre schneller als geplant beendet hätte, Lukrez Die Welt aus Atomen. Die Sonne und die Wanderungen und das Meer waren aber viel zu schön, um sehr viel Zeit mit Lesen zu verbringen, also reichte Thelens dicker Schmöker völlig aus, den ich auch nur zu einem Viertel ausgelesen habe:

Die Straße, in der uns die Limousine abgesetzt hatte, war die Calle de la Soledad. Soledad heißt Einsamkeit, Vereinsamung, Öde; aber auch Heimweh, Verlangen, Trauer und Klage kann es bedeuten – ein in der iberischen Mystik erheblicher Begriff. Auf dem spanischen Lebenswege des Vigoleis wurde sie die erste Anlände. Sie sollte es nicht lange bleiben. Der Grund war nicht ankerfest, und sein Lebensschifflein bekam wieder die Trift, und unkundig der Untiefen in den fremden Gewässern strandete es abermals.

Albert Vigoleis Thelens: „Die Insel des zweiten Gesichts“
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Platon: „Das Höhlengleichnis“

Platon: „Das Höhlengleichnis“
Allegorische Schattenspiele aus der Antike.

Das Höhlengleichnis von Platon befindet sich im 7. Buch von seinem Hauptwerk Der Staat [Politeia], das ungefähr vor 2400 Jahren niedergeschrieben worden ist. Das Gleichnis gilt als einer der Schlüsseltexte der abendländischen Philosophie und dient oft als vermeintlich einfache Einführung in die philosophische Erkenntnistheorie der Antike oder gar in die Philosophie überhaupt. Zu diesem Zwecke wird es oft als alleinstehende Allegorie auf das menschliche Dasein, vom Wissen und Nichtwissen, Sein und Schein herangezogen. Im Folgenden nun der Versuch zu zeigen, dass das Höhlengleichnis ganz und gar nicht einfach ist. Die Bildsprache erzeugt ein in sich widersprüchliches Bild, das den Unterschied zwischen abstrakter und konkreter Begriffsbildung eher verschleiert als aufklärt.

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Kalenderwoche 34/35. Lesebericht.

Viel Platon gelesen, mich mit Kummer aller Art von Mariana Leky amüsiert und Ferdinand von Schirach zur Kenntnis genommen. Die Mühe mit Platon hat sich jedenfalls gelohnt. Im Gegensatz zu den kürzeren Dialogen spannte Der Staat eine ganze Bandbreite an Problemen auf und bearbeitete sie über Hunderte von Seiten immer wieder aus mehreren Perspektiven aus. Hierdurch entstand ein sehr lebendiger Eindruck von Platons Metaphysik, der ich schriftlich noch diese Woche etwas nachgehen und nachspüren möchte. Die Zahlenmystik der Pythagoreer hat mich etwas abgehängt – die Verhältnisse von Rechtecken, von platonischen Zahlen, das Oblong sind mir ein Rätsel geblieben. Wahrscheinlich werde ich nach Der Staat nun auch noch einmal Lukrez Die Welt aus Atomen zur Hand nehmen. Warum ich aber plötzlich in die antike Philosophie gerutscht bin, weiß ich nicht. Lukrez schlägt jedenfalls einen viel fröhlicheren Ton an als der etwas resignative Platon:

Aber an keinem Teil dagegen kann und zu keiner
Zeit das stofflose Leere ertragen irgend etwas nur,
ohne, was seine Natur verlangt, ihm [dem Wasser] weiter zu weichen.
Darum muss auch alles hindurch durch das ruhige Leere
gleichschnell, obschon mit Gewichten die ungleich, erregt sich bewegen.

Lukrez aus: „De rerum natura – Welt aus Atomen“
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Ferdinand von Schirach: „Nachmittage“

Ferdinand von Schirach "Nachmittage"
Zwischen Hotelzimmern und Selbstflucht … Spiegel Belletristik-Bestseller (36/2022)

Der schmale Band Nachmittage zusammengestellt von Ferdinand von Schirach präsentiert sich im schlichten Cover: Ein Schwarzweiß-Bild, überbelichtet, auf dem ein einsames Ruderboot ohne Ruder und Ruderer im Nebel schwimmt, nur andeutungsweise in der Nähe eines Ufers, Gekräusel, das auf Schilf schließen lässt. Das Inhaltsverzeichnis bleibt ebenso schlicht. Die Kapitel heißen: „Eins“, „Zwei“ … bis „Sechsundzwanzig“, ausgeschriebene Zahlen. Die Zahl Sechsundzwanzig zieht ebenso keine besondere Aufmerksamkeit auf sich. Weder handelt es sich um eine Primzahl, noch um eine hochsymmetrische Zahl wie Vierundzwanzig oder eine Quadratzahl wie Fünfundzwanzig oder eine Kubikzahl wie Siebenundzwanzig. Sechsundzwanzig zählt lediglich die Buchstaben des lateinischen Alphabets, so dass Schirach die Kapitel seines Buches auch als ABC verstanden haben könnte. Enzyklopädisch, lexikalisch, scheinbar ohne spezifische Anordnung fasst er den Stand der Welt in abgeschlossenen, anders als bei Mariana Leky in Kummer aller Art nicht miteinander in Verbindung stehenden Kurztexten oder Berichten zusammen:

Natürlich, unser Leben ist absurd, weil der Tod es beendet. Wir müssen scheitern, es geht nicht anders. Aber es gibt noch die andere Wahrheit, die Wahrheit der Frau auf dem Wagen: Jetzt, dieser Moment, dieser Nachmittag, der nächste Morgen, der Blütenschimmer im Frühling, der Wind, der durch die Felder geht, die lautlose Schwüle im Hochsommer und das nasse Laub auf den Straßen im Herbst – das alles bedeutet nichts ohne den anderen Menschen. Wir stehen nackt in dieser Welt, die Erde ist ein kaum sichtbarer blassblauer Punkt im All, die Natur ist kalt und feindlich. Aber wir sind Menschen, wir teilen diese Einsamkeit, sie ist es, die uns verbindet. »Wir wissen voneinander«, hat sie gesagt.

Ferdinand von Schirach aus: „Nachmittage“
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