Friederike Mayröcker: „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“

Ein ewigwährender literarischer Frühling … nominiert für den Preis der Leipziger Buchchmesse 2021

Friederike Mayröcker legt mit „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ einen erstaunlichen, überraschenden, in seiner Breite und Tiefe einzigartigen Text vor. Zusammenfassend lässt es sich als poetisches Tagebuch begreifen. Es beginnt am 22.9.2017 und hört am 03.11.2019 auf. In unterschiedlichen Längen und Formaten reflektiert Mayröcker ihr Dasein, das Leben zwischen öffentlich und privat, zwischen berühmten Kollegen und unbekannten Freuden, in intimen Momenten und schmerzhaften Augenblicken. Der Text unterläuft die Einordnung Prosa und Lyrik, und deshalb nennt es die Autorin „ein Proem“ – diese Zwischenform erlaubt eine ungeahnte Freiheit, die abschrecken oder anziehen kann.

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Zeruya Shalev: „Schicksal“

Das Leiden im Vergeben … Spiegel Belletristik-Bestseller 24/2021

Zeruya Shalevs Roman „Schicksal“ handelt von dem Leben und den Beziehungen zweier Frauen mittleren Alters in Israel der Gegenwart, von Atara and Rachel. Atara ist Architektin, 50 Jahre alt, und kümmert sich um Sanierungen von alten Häusern, und Rachel ist eine ehemalige Terroristin, die nach dem zweiten Weltkrieg die britische Besetzung mit Gewalt vertreiben wollte, und danach ein Leben in der Zurückgezogenheit verbracht hat, als Hausfrau und Mutter von zwei Söhnen, der eine gegen alles Israelische eingestellt, der andere dem orthodoxen Glauben beigetreten. Atara ist Mutter von einer Tochter, die in den USA studiert, und von einem Sohn, der Elitesoldat im israelischen Militär geworden ist.

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Leïla Slimani: „Das Land der Anderen“

Der Versuch einer Verarbeitung der Vergangenheit … (Spiegel Belletristik-Bestseller 23/2021)

Leïla Slimani beschreibt in ihrem Roman „Das Land der Anderen“ Ereignisse rund um eine Familie in Marokko kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Es ist schwierig, in diesem polyphonen Roman Hauptfiguren zu sondieren. Auf dem ersten Blick fällt diese Rolle Mathilde und Amine zu. Mathilde stammt aus dem elsässischen Frankreich, und Amine aus Meknès in Marokko. Sie verlieben sich ineinander, heiraten und ziehen gemeinsam nach Marokko. Zuerst wohnen sie bei Amines Mutter, wo auch sein Bruder und seine Schwester leben. Bald schon siedeln sie über zum Farmland des Erbes, bekommen Nachwuchs, und Amine beschließt, Olivenbaumzüchter zu werden. Die Ereignisse in Marokko beginnen sich zu überschlagen und das Buch endet dort, wo die Unabhängigkeitsbestrebungen beginnen oder ihren Abschluss finden.  

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Constantin Schreiber: „Die Kandidatin“

Wortsalat eines Augenblicksgedächtnisses … (Spiegel Belletristik-Bestseller 18/21)

In „Die Kandidatin“ von Constantin Schreiber wird eine Zukunftsvision der Bundesrepublik Deutschland im Gewande ihrer Gegenwart entworfen. Weit entfernt davon visionär zu sein, werden mit neuen Namen alte Sachverhalte in noch ältere Schläuche gegossen, und herauskommt eine Rhapsodie aneinander gereihter Wörter, die eher an einen Raptext erinnern als an einen Roman. Die Geschichte lässt sich nur als Szenerie wiedergeben: Eine muslimische Kanzlerkandidatin steht kurz vor ihrer Wahl und tritt vehement für das feministische Recht ein, einen Hijab tragen zu dürfen. Sie wird gefeiert und bekämpft. Sie reist nach China, ein Attentat auf sie findet statt, und am Ende läuft sie Gefahr, alles wegen eines schmutzigen kleinen Geheimnisses zu verlieren. Was in dem Roman über die Kanzlerkandidatin Sabah Hussein gesagt wird, gilt vor allem für den Roman selbst:

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