Immanuel Kant: „Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe“

Von Amphibolien und anderen Dämonen.

Wenige, nur einige Seiten lange Kapitel kondensieren so sehr Geistes- und Denkbemühungsgeschichte wie Immanuel Kants Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe. Dieser Anhang samt seinen Anmerkungen beschließt die erste Abteilung der transzendentalen Analytik in der Kritik der reinen Vernunft und markiert ein atemloses Abwägen, eine Gratwanderung zwischen Tautologie und Ontologie mit schillernden Konsequenzen. Hier verdichtet sich eine Zeit und sattelt um. Gleich einer Schubumkehr wandelt die Leibniz-Wolffsche Philosophie ihr Gesicht und dankt ab, um dem Neuen und Offenen unverminderte Einkehr in das argumentative Denken zu verschaffen. Genau gelesen befindet sich das Amphibolie-Kapitel nämlich in einem Schwebezustand. Es herrscht bereits ein beschwingtes Nicht-Mehr, aber zugleich auch ein banges, unentschiedenes Noch-Nicht. Im Folgenden ein Nachvollzug dieser intellektuellen Implosion und hierfür, vorangestellt, eine kurze Einbettung des janusköpfigen Amphibolie-Kapitels.

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Kristine Bilkau: „Nebenan“

Auf der Suche nach Verbindlichkeit … Spiegel Belletristik-Bestseller (15/2022)

Der Roman „Nebenan“ spielt am Nord-Ostsee-Kanal in der Nähe von Hamburg. Er ist ganz in Blau gehalten. Blau bestimmt seine Stimmung, die Atmosphäre, das Licht und das Cover. Es hüllt die Figuren, die Handlungen, die Geheimnisse am Ufer des Kanals ein und hält die Zeit in der Schwebe. Sie vergeht langsam, bleibt hier und da beinahe stehen, nur um dann aber abrupt und spürbar zu springen, vom Winter in den Frühling, vom Frühling über Ostern in den Sommer.

Sie weiß nicht, was in ihm vorgeht, aber sie sind hier, schwerelos unter Wasser, es ist seltsam und schön. Sie wünschte, es könnte länger dauern. Sie weiß, dieser Moment lässt sich nicht wiederholen, es ist nicht möglich, dieses Erstaunen, über sie beide, über sich selbst, über den Lauf der Dinge, über das Gute, das sich darin verbirgt, noch einmal genau so zu empfinden.

Kristine Bilkau aus: „Nebenan“
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Kalenderwoche 18: Lesebericht.

Lesen in der Sonne.

Die Sonne macht es einem leichter am Fenster zu lesen. In dieser Woche habe ich mich vor allem mit Gotthard Günthers Die Amerikanische Apokalypse beschäftigt und in Hannah Arendts Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft gelesen. Günther hat eine gewisse Leichtigkeit der Geschichte gegenüber, fast schwadronierend, leichtfertig, unbesonnen, die gut Arendts zum Schwermut tendierenden, die Reflexionszonen des Soziologischen und Historischen aussondierenden Stil ausgleicht. Eigentlich hatte ich noch Ulrich Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W. erneut lesen wollen. Aber es klappte wieder nicht (obwohl die Sonne schien). Jean Paul schrieb zwar:

„Ein Buch, das nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, ist auch nicht wert, dass man’s einmal liest.“

Jean Paul aus: „Siebenkäs“ – Vorrede

Doch es gibt so viele Bücher, dass es kaum möglich ist, die bereits gelesenen nochmals zu lesen, obwohl sie es verdient hätten. Plenzdorf gehört dazu. Nun zu meiner dreigliedrigen Liste – gekauft, angelesen, ausgelesen:

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Eva Christina Zeller: „Unterm Teppich”

Mit Hölderlins Turm im Rücken … Mut zur Sprache.

Das Cover von Eva Christina Zellers Roman in 61 Bildern Unterm Teppich zeigt Türen in verschiedenen Farben, Türen zu Kammern, doppelflügelig oder einflügelig, jeweils hinter einem Geländer, dreistöckig. Die Farbreihenfolge zeigt kein offensichtliches Muster. Unterbrochen wird das Muster durch eine dunkelblaue, verschlossene Tür, im Schatten und kaum erleuchtet:

Sie wusste, Frauen leben in einem Krieg, wenn sie in die Welt hinaus wollen, aber darüber spricht man nicht. Wenn man dies sagte, wurde man einer Plattitüde bezichtigt, oder als Feministin abgekanzelt. Da war sie wieder, die Kanzel.

Eva Christina Zeller aus: „Unterm Teppich“
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Bettina Wilpert: „Herumtreiberinnen“

Wortkarg und desillusioniert über Leipziger Gewaltwelten

Institutionelle Gewalt in Romanen darzustellen ist nicht leicht. Die Sprache selbst, die Bewegung des Geschehens, ist ohne Bezugspunkt nicht zu denken. Dieser Bezugspunkt ist der Beobachter, die Beobachterin, die Ereignisse wiedergibt, Handlungen von Menschen an und gegen Menschen nacherzählt. Mit anderen Worten, die institutionelle Gewalt tritt hinter das Handeln. Die Machtstruktur, das was Michel Foucault das Dispositiv nennt, wird unsichtbar. Nur die Figuren treten auf, nicht die eingefahrenen Handlungsmuster, nicht die abgehärteten, kalten, toten Aktionen im Namen eines Prinzips, dem einzelne zum Opfer fallen. Bettina Wilpert versucht in Herumtreiberinnen die Konsequenz aus dieser Einsicht zu ziehen. Ihre Hauptfigur ist ein Gebäude, die Tripperburg in der Lerchenstraße in Leipzig, der Dreh- und Angelpunkt ihres neuen Romans:

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Kalenderwoche 17: Lesebericht.

In meinem Lesebericht notiere ich die gekauften Bücher, die ersten Eindrücke, und die Bücher, die ich gelesen habe. Für Kommentare, Anmerkungen, Tipps für weiterführende Lektüren bin ich dankbar.

Die folgenden Stichworte, Zitate und Anmerkungen sind vorläufig. Sie stellen kurze Leseberichte und Eindrücke dar, die aus völligem Missverständnis heraus entstanden sein können.

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Hannah Arendt: „Vita activa“

Von ewigen Platonischen Ideen und anderen Utopien.

Das philosophische Hauptwerk von Hannah Arendt Vita activa oder Vom tätigen Leben ist anlässlich der Studienausgabe von Arendts Schriften 2020 neu aufgelegt worden. Es erschien erstmals 1958 und reiht sich in jene zivilisationskritischen Werke der Nachkriegszeit ein, die allesamt unter den Eindrücken des Zweiten Weltkrieges, des Faschismus und des Kalten Krieges stehen und den vormalig aufklärerischen Impetus nicht mehr so recht teilen können. Zu diesen Texten gehören unter anderem Ernst Jüngers Der Waldgang von 1951, Die Antiquiertheit des Menschen von Günther Anders (Arendts Ex-Ehemann), Ayn Rands Atlas Shrugged von 1957 oder auch Emile Ciorans, von Paul Celan 1953 übersetzte, Die Lehre vom Zerfall. Gemeinsam ist all diesen Texten ein explizit ausgesprochener Katastrophenhorizont. Arendt fasst das Problem verdichtend zusammen:

Es ist durchaus denkbar, dass die Neuzeit, die mit einer so unerhörten und unerhört vielversprechenden Aktivierung aller menschlichen Vermögen und Tätigkeiten begonnen hat, schließlich in der tödlichsten, sterilsten Passivität enden wird, die die Geschichte je gekannt hat.

Hannah Arendt aus: „Vita activa“
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Fatma Aydemir: „Dschinns“

Von den Trümmern einer offenen Zukunft … Spiegel Belletristik-Bestseller (17/2022)

Generationenkonflikte entstehen durch verschiedene Erfahrungsräume. Die jeweils sehr unterschiedlichen Erlebnisstrukturen spannen andere Bedeutungs- und Erwartungshorizonte auf. Dieselben Wörter und Gesten verweisen plötzlich, ohne dass die Beteiligten dies verstehen, auf Verschiedenes. Was früher „Arbeit“ gewesen ist, ist heute vielleicht keine mehr. Was früher „normal“ war, ist plötzlich fremd. Wie trotzdem Generationen zusammenleben und sich zusammenraufen, beschreiben Familienromane. Fatma AydemirDschinns erzählt von einer türkischen Familie, die aus Emine, der Mutter, Hüseyin, dem Vater und den vier Kindern Ümit, Peri, Sevda und Hakan besteht.

Vielleicht ist Familie ja nichts anderes als das, ein Gebilde aus Geschichten und Geschichten und Geschichten. Aber was bedeuten dann die Leerstellen in ihnen, das Schweigen? Sind sie die Lücken, die das ganze Konstrukt am Ende zum Einsturz bringen werden? Oder sind sie die Luft, die wir zum Atmen brauchen, weil die Wahrheit, die ganze Wahrheit, unmöglich zu ertragen wäre?

Fatma Aydemir aus: „Dschinns“
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Kalenderwoche 16: Lesebericht.

Kommunikativ lesen.

Ich habe mich entschlossen, einen wöchentlichen Lesebericht über meine gekauften, angelesenen und beendeten Bücher zu verfassen, um einerseits selbst einen Überblick zu behalten, andererseits bereits vorhandene Leseeindrücke zu geben, und zuletzt und möglicherweise insbesondere, um durch etwaige Kommentare, Vorschläge, Widersprüche, Anmerkungen und Assoziationen zum Mehrlesen und Anderslesen und Neulesen inspiriert zu werden. Manche Bücher lesen sich kommunikativ einfacher als in selbstgewählter Klausur.

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Wolfgang Schiffer: „Dass die Erde einen Buckel werfe“

Ein Hauch von Dauer in hastiger Zeit …

Gedichte zu definieren als Texte, die viel Rand und weißen Platz auf einer Seite lassen, wie es die Strukturalisten einst versuchten, scheitert im Zeitalter des digitalen Lesens ohnehin. Die Darstellung von Gedichten hängt neuerdings vom Medium ab, bleibt nicht forminvariant in seiner Setzung und materialisiert häufig genug kein festgelegtes Buchstaben- und Wortbild mehr. Wolfgang Schiffers Gedichtband Dass die Erde einen Buckel werfe wirkt diesem durch eine immanente Fluidität entgegen. Er besteht aus Prosatexten (ohne gewollten Zeilenumbruch), Tabellen (Speisekarten) und rhythmisierten Gedichten mit angedeuteten (Schrägstrich) Atempausen und syntaktisch vollzogenem (tatsächlichen) Zeilenumbruch:

ach / gäbe es doch das Wort / das eine neue Weltenordnung schüfe /
ein Wort nur / das / gesprochen wie ein Zauberwort / uns leben ließe

Wolfgang Schiffer aus: „Dass die Erde einen Buckel werfe“
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