Immanuel Kant: „Die Kritik der Urteilskraft“ (iii: Resümee)

Kritik der Urteilskraft von Immanuel Kant
Kritik der Urteilskraft von Immanuel Kant.

Im ersten Teil der Besprechung von Immanuel Kants Die Kritik der Urteilskraft wurde dessen Schönheitsbegriff entwickelt und zwar als das, was das freie Spiel der Erkenntniskräfte, bestehend aus Verstand und Einbildungskraft, erlaubt. Im zweiten Teil habe ich eine Art Schönheitskanon von Kant rekonstruiert, der, rein formalistisch geprägt, die Kunstwerke danach beurteilt, inwiefern sie die Erkenntniskräfte beleben, lockern, im Verbund mit Begriffen in Schwebe zu halten vermögen. Im dritten und abschließenden Teil möchte ich nun Kants Ästhetik im Zusammenhang mit der Entwicklung hin zur Moderne und Postmoderne lesen und seine Zeitgemäßheit als Paradigma einer bis in die Gegenwart hinreichenden Literatur- und auch Kunsttraditionslinie herausarbeiten:  

Die Empfänglichkeit einer Lust aus der Reflexion über die Formen der Sachen (der Natur sowohl als der Kunst) bezeichnet aber nicht allein eine Zweckmäßigkeit der Objekte in Verhältnis auf die reflektierende Urteilskraft, gemäß dem Naturbegriffe, am Subjekt, sondern auch umgekehrt des Subjekts in Ansehung der Gegenstände ihrer Form, ja selbst ihrer Unform nach, zufolge dem Freiheitsbegriffe […] 

Immanuel Kant aus: „Die Kritik der Urteilskraft“
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Immanuel Kant: „Die Kritik der Urteilskraft“ (ii: Maßstäbe)

Kritik der Urteilskraft von Immanuel Kant
Kritik der Urteilskraft von Immanuel Kant.

Nach der Rekonstruktion der ästhetischen Urteilskraft und den subjektiven Bedingungen der Möglichkeit, einen Gegenstand als schön zu erfahren, möchte ich in diesem Teil über die Bedingungen auf der Gegenstandsseite, also über ihre ästhetische Zweckmäßigkeit, Vermutungen anstellen, über die Kant so gut wie fast gar nichts in Die Kritik der Urteilskraft verlautbaren lässt. Die Frage stellt sich also dahingehend, welche Eigenschaften muss ein Gegenstand besitzen, welche darf er nicht haben, um als schön erscheinen zu können. Vor diesem Hintergrund lässt sich ein Grundzug der Kantischen Ästhetik interpolieren und mit den historisch verbürgten Beispielen von Kunstwerken plausibilisieren, die Kant gemocht hat. Sicherlich betont Kant an mehreren Stellen, hierin David Hume verwandt, dass Schönheit mehr im Urteilenden als im Beurteilten liegt:

Dasjenige Subjektive aber an einer Vorstellung, was gar kein Erkenntnisstück werden kann, ist die mit ihr verbundene Lust oder Unlust; denn durch sie erkenne ich nichts an dem Gegenstande der Vorstellung, obgleich sie wohl die Wirkung irgend einer Erkenntnis sein kann. Nun ist die Zweckmäßigkeit eines Dinges, sofern sie in der Wahrnehmung vorgestellt wird, auch keine Beschaffenheit des Objekts selbst (denn eine solche kann nicht wahrgenommen werden), ob sie gleich aus einem Erkenntnisse der Dinge gefolgert werden kann.

Immanuel Kant aus: „Die Kritik der Urteilskraft“
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Immanuel Kant: „Die Kritik der Urteilskraft“ (i: Das Schöne)

Kritik der Urteilskraft von Immanuel Kant.
Kritik der Urteilskraft von Immanuel Kant.

Aus dem weiten Feld der Ästhetik ragt neben G.W.F. Hegels Vorlesungen über die Ästhetik (1835), die einen dynamisch-organischen Schönheitsbegriff entwickeln, Theodor W. Adornos Ästhetische Theorie (1970), die der Kunst eine eigene Form von autonomer Wahrheit zugesteht, und Georg LukácsÄsthetik (1972), die das Gelingen der Kunst auf einen erzieherischen, an der Wirklichkeit gemessenen Realismus einschränkt, Immanuel Kants Die Kritik der Urteilskraft (1790) heraus, welche das Ästhetische im freien Spiel der Erkenntniskräfte sieht. Oft wird Kants Ästhetik nur systemarchitektonisch für sein Gesamtwerk gelesen, also als Vermittlung zwischen den beiden Hauptwerken Die Kritik der reinen Vernunft (1781) und Die Kritik der praktischen Vernunft (1788). Im folgenden beschränke ich mich vielmehr auf Kants Schönheitsbegriff und Geschmacksurteil desselbigen, um die Eigenart des Ästhetischen bei Kant im Vergleich zu den vorgenannten herauszuarbeiten und auch später, im dritten Teil, eine interessante Modernität zu begründen. Er fasst seine Untersuchung in der Einleitung wie folgt zusammen:

Ein solches Urteil ist ein ästhetisches Urteil über die Zweckmäßigkeit des Objekts, welches sich auf keinem vorhandenen Begriffe vom Gegenstande gründet, und keinen von ihm verschafft. Wessen Gegenstandes Form (nicht das Materielle seiner Vorstellung, als Empfindung) in der bloßen Reflexion über dieselbe (ohne Absicht auf einen von ihm zu erwerbenden Begriff) als der Grund einer Lust an der Vorstellung eines solchen Objekts beurteilt wird: mit dessen Vorstellung wird diese Lust auch als notwendig verbunden geurteilt, folglich als nicht bloß für das Subjekt, welches diese Form auffaßt, sondern für jeden Urteilenden überhaupt. Der Gegenstand heißt alsdann schön; und das Vermögen, durch eine solche Lust (folglich auch allgemeingültig) zu urteilen, der Geschmack.

Immanuel Kant aus: „Die Kritik der Urteilskraft

In diesem Zitat verbergen sich die vier grundlegende Eigenschaften, die das Geschmacksurteil kategoriell festlegen, und zwar, wie Kant dies in seiner Die Kritik der reinen Vernunft ausführt, durch seine Qualität, Quantität, Relation und seinen Modus, die im folgenden nun im Detail diskutiert werden.

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Thomas Hettche: „Liebe“

Liebe von Thomas Hettche
Liebe von Thomas Hettche. Spiegel Belletristik Bestseller 2026.

In Liebe meditiert Thomas Hettche in impressionistisch-reduktionistischer Manier über das Thema Einsamkeit im Alter und über die Sehnsucht nach Liebe in Zeiten des Krieges und der Gewalt und nimmt hiermit das Thema von Bertolt Brechts Gedicht An die Nachgeborenen auf. Liebe steht insofern einerseits im engen Zusammenhang zu Natascha Wodins Die späten Tage, Helga Schuberts Der heutige Tag oder Benjamin Myers Strandgut, als seine beiden Hauptfiguren bereits über sechzig Jahre alt sind und einen Neuanfang suchen, und andererseits durch die Sorgen über den Krieg in der Ukraine, bspw., Dmitrij Kapitelmans Russische Spezialitäten oder Lukas Rietzschels Sanditz, die sich ebenfalls explizit mit dieser Thematik auseinandersetzen. Diese sehr schroffe Gegenüberstellung, ein eher zeitloses Thema, das der Liebe, mit dem sehr zeitgebundenen, das des abgeschossenen Passagierflugzeugs der Malysia Airline 2014, gibt dem Roman von Hettche von Anfang an etwas Disparates und Dissoziiertes:

Dort, wo das Flugzeug am Dnepr abgeschossen worden war, verläuft von jeher die Grenze zur großen Steppe, die bis in die Wüsten Zentralasiens reicht. Max schien es plötzlich, als spürte er so etwas wie eine unendliche Trift, und er fühlte sich dieser riesigen Weite schutzlos ausgeliefert und furchtbar allein.
»Fick mich noch einmal«, sagte Anna in diesem Moment leise, als empfände sie dasselbe.
Noch einmal, noch einmal, dachte er und zog sie auf die Wiese neben dem Weg, schob ihr den Rock hoch und den Slip herunter. Danach lagen sie lange schweigend nebeneinander im Gras und sahen zu den Sternen hinauf. Zum ersten Mal, seit sie zusammen waren, spürte er Scham.

Thomas Hettche aus: „Liebe“
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Christian Huber: „Solange ein Streichholz brennt“

Solange ein Streichholz brennt von Christian Huber
Solange ein Streichholz brennt von Christian Huber. Spiegel Belletristik Bestseller 2026.

Solange ein Streichholz brennt heißt der vierte Roman von dem Podcaster Christian „Pokerbeats“ Huber und lässt sich in eine Reihe mit Johanna Adorjáns Ciao, Nele Pollatscheks Kleine Probleme und auch Dana von Suffrins letztem Roman Toxibaby stellen. Im Zentrum des Geschehens steht Alina Alev, eine türkisch-stämmige Fernsehjournalistin, die sich, aus etwas fadenscheinig motivierten Gründen, in eine komplizierte Beziehung mit einem Obdachlosen stürzt. Huber verhandelt hier also sowohl den Prokrastinierer Lars aus Kleine Probleme, den aus den Fugen geratenen Journalismus aus Ciao, wie auch das Männer-Retten-Element in Toxibaby, nur hier mit dem Twist, dass das Setting an die Schöne und das Biest erinnert mit dem melodramatischen Impetus eines Hans Christian Andersens Märchen aus Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern:

»Ich hab Feuer«, sagte Bohm. Zwischen Zeigefinger und Daumen der rechten Hand hielt er ein schmales Streichholz. Erstaunt beobachtete Alina, wie er mit dem Fingernagel blitzschnell darüberstrich, sodass es sich entzündete. Für den Bruchteil einer Sekunde hing Bohms Blick in der Flamme fest. Er reckte seine krumme Zigarette hinein und deutete Alina an, es ihm gleichzutun, während er das brennende Hölzchen mit der hohlen Hand abschirmte. Ohne einen Schritt zu machen, lediglich den Oberkörper nach vorn gebeugt, ließ Alina sich Feuer geben. Rauchend standen sie an einem Abfalleimer.

Christian Huber aus: „Solange ein Streichholz brennt“
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Fleur Jaeggy: „Proleterka“

Proleterka von Fleur Jaeggy
Proleterka von Fleur Jaeggy.

Proleterka (2002) gehört zu den wenigen, etwas längeren Prosaarbeiten von der schweizerischen Autorin Fleur Jaeggy (*1940), die momentan eine erhöhte Aufmerksamkeit durch eine Werkwiederauflage erfährt, u.a. durch ihre Coming-of-Age-Novelle Die seligen Jahre der Züchtigung (1989) und ihren Erzählband Die Angst vor dem Himmel (1997). Jaeggy arbeitet eher mit stillen, verdichteten, aufs höchste kondensierten literarischen Mitteln, die sich treffsicher zwischen Poesie und Prosa ansiedeln. Proleterka zeigt sich als eine Form von Vater-Tochter-Märchen, das als eigenständig vermittelte artistische Versöhnung und Synthetisierung von Ingeborg Bachmanns Malina und Max Frischs Homo Faber gelesen werden kann und zwar ästhetisch im Stile eines Robert Walsers aus Jakob von Gunten. Interessanterweise verarbeitet sie die etwas dunklen Stoffe zu einer reflexiv offenen Immunisierungsgeste, so dass Proleterka zur Stimme einer Tochter gerät, die sich durch eine selbstarbeitete Souveränität von ihren sich streitenden Eltern freispricht:

In gewisser Weise lassen manche [Kinder] ihre Empfindungen, ihre Gefühle fallen, als wären es Gegenstände. Mit Entschlossenheit, ohne Trauer. Sie werden Fremde. Manchmal Feinde. Sie sind nicht mehr die im Stich gelassenen Wesen, sondern sie selbst treten innerlich den Rückzug an. Und gehen fort. In eine finstere, fantastische und jämmerliche Welt. Und doch tragen sie manchmal Glückseligkeit zur Schau. Wie ein Seiltänzerkunststück. Die Eltern sind nicht notwendig: Wenig ist wirklich notwendig. Manche Kinder regieren sich selbst. Das Herz, ein unverderblicher Kristall.
Fleur Jaeggy aus: „Proleterka“

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Hannah Häffner: „Die Riesinnen“

Die Riesinnen von Hannah Häffner
Die Riesinnen von Hannah Häffner. Spiegel Belletristik-Bestseller 2026.

Die Riesinnen von Hannah Häffner nimmt explizit das Hexenmotiv auf, das in der Gegenwartsliteratur bereits von Olga Tokarczuk in Empusion und Jessica Lind in Mama bearbeitet wurde und stofflich seinen Niederschlag auch in Kim de l’Horizon schnell vergessenem experimentellen Text Blutbuch gefunden hat. Die Riesinnen verorteten das Geschehen wie Tokarczuk und Lind in einen alles umfassenden, alles versöhnenden Wald, in dessen Mitte ein Dorf namens Wittenmoos liegt, in welchem sich großgewachsene rothaarige Frauen gegen eine zuerst missgestimmte und abergläubische Dorfgemeinschaft durchsetzen müssen.

Keine ist größer als sie, im Dorf nicht, und auch nicht im nächsten. Die anderen Frauen sind zart und irgendwie kompakt, als hielte die Welt ihre Schätze beisammen. Nur Lieselotte hat sie auseinanderlaufen lassen, von der Erde weg, dazu die Kupferwollehaare, die wütend nach dem Himmel greifen. Wer sie sieht, weiß, wer sie ist, man weiß es sofort, und sie hasst es, hasst es, hasst es. Vielleicht hätte sie es, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, auch lieben können, aber das geht nicht, nicht hier. Hier kann sie nie etwas anderes sein als das, was sie ihr nachrufen [Satanskind], die Rotzgören, mit den verschwitzten Hemden und den grasfleckigen Knien.

Hannah Häffner aus: „Die Riesinnen“
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Dana von Suffrin: „Toxibaby“

Toxibaby von Dana von Suffrin
Toxibaby von Dana von Suffrin. Literarisches Quartett 4/2026.

Zerfahrene Beziehungskisten eignen sich für mäandernde Erzählweisen besonders gut. Ob der Verschobenheit und Unsicherheit der Gefühlslage darf sich ja alles und jedes beliebig mischen und sorgt für einen plausiblen, den Verlust, aber auch die Nähe eines Gegenübers fürchtenden Monologes, wie ihn bspw. Benjamin von Stuckrad-Barre in Soloalbum vorstellt und für die deutsche Gegenwartsliteratur quasi salonfähig gemacht hat. Mit Toxibaby legt nun Dana von Suffrin die ähnlich gelagerte Antwort aus weiblicher Sicht vor. Bei Stuckrad-Barre handelt es sich um das Auf und Ab eines Musikjournalisten mit seiner Flamme Katharina, bei Suffrin um dasselbige von einer 36jährigen Schriftstellerin zu einem 42jährigen Sozialpädagogen an einer Brennpunktschule, statt in Hamburg aber nun in München:

Hier, verehrte Zuschauerinnen, ist die Colaflasche, aus der Toxi etwa drei Wochen, bevor er mich das hundertachte Mal auf WhatsApp blockierte, getrunken hat. Der Redakteur würde die Flasche ratlos in seiner Hand drehen und sie dann abstellen. Er würde seine Empörung nicht verstecken, und auch die ganze Nation wäre auf meiner Seite: Die Fernsehzuschauer würden mit mir weinen, sie würden zornige Leserbriefe schreiben und tagelang meinen Fall diskutieren, in der Sauna, im Biergarten, im Gartencenter, an der Kasse, im Pausenraum, in Kompaktfahrzeugen und in Werkstätten, und endlich hätte ich es schwarz auf weiß: Ich war nicht schuld.
Dana von Suffrin aus: „Toxibaby“

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Tomer Gardi: „Liefern“

Liefern von Tomer Gardi
Liefern von Tomer Gardi.

Liefern heißt Tomer Gardis dritter Roman, der im Vergleich zu seinen beiden Vorgängern, Broken German und Eine runde Sache, sprachexperimentell gesehen, nunmehr konventionell geraten ist und die Lebensgeschichten von Fahrradkurieren, genauer: Essenslieferanten in Tel Aviv, Neu-Delhi, Istanbul, Berlin und Buenos Aires mit eher gemäßigten sprachlichen Mitteln nachzeichnet. Im Gegensatz zu seinen vorherigen Romanen verzichtet Gardi auf wilde Wort-Staccatos und onomatopoetische Sinngebungs- und Sinnverklausulierungsverfahren. Sein literarischer Fokus verbleibt eng auf der Ausgeliefertheit der Lieferanten und verzichtet, mit wenigen Ausnahmen, auf seine üblichen, dem Schelmenroman gemäßen Abschweifungen. Wie Salman Rushdie in Die elfte Stunde verlagert Gardi seinen Episodenroman auf viele Kontinente und erzeugt hierdurch eine flirrende, verbindende Stimmung, die dem Offenen und Dynamischen der nicht aufgebenden Figuren überzeugend entspricht:

Dort stiegen wir aus, gingen an der Moschee vorbei und fanden die Stelle, die wir mit Resul ausgemacht hatten, den Platz mit der Atatürk-Statue. Da saßen wir mit unseren rasierten, rotgesprenkelten Schädeln zu Füßen des Vaters der Türken. Ich dachte an Auerbach, wie er in einem der Häuser hier saß und zum Klang der Nebelhörner seine Mimesis schrieb, und auch zum Ruf des Muezzins, der die Gläubigen zum Gebet rief und wie im Schma Israel verkündete, dass Gott Einer ist. Ich dachte an Hazal, die schon keine Führungen mehr macht. An Aischa, die nicht Wissenschaften unterrichten wird, was sie sich so gewünscht hatte. An Resul, der nach jedem Lieferanten, den er in seinen Tod begleitet, mit schwerem Herzen ans Wasser geht und all seine Gewichte und Haken weit auswirft, sich einen Zeugen angelt, der seine Geschichte anhört. Ich dachte an mich, an meine Versuche, meine Gewichte und Haken abzuwerfen, mir meine Zeugen zu angeln.
Tomer Gardi aus: „Liefern“

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Robert Menasse: „Die Lebensentscheidung“

Die Lebensentscheidung von Robert Menasse.
Die Lebensentscheidung von Robert Menasse. SWR Bestenliste 2026.

[Keine Spoiler] Nach Die Hauptstadt und Die Erweiterung legt Robert Menasse nun ein drittes EU-Buch mit Die Lebensentscheidung vor, in welchem das Leben, Wirken und die Desillusionierung von Menschen im europäischen bürokratischen Dschungel narrativ beleuchtet wird und das möglicherweise als kontrapunktiver Abschluss von Menasses Brüsseler-Trilogie dient. Aufgrund seiner sehr explizit politischen Thematik lässt sich Menasses Novelle mit Büchern wie Antje Rávic Strubels Der Einfluss der Fasane, Gaea Schoeters‘ Das Geschenk oder Juli Zehs und Simon Urbans Zwischen Welten vergleichen. Im Gegensatz aber zu diesen durchaus diskursiv getränkten, didaktisch-stilistisch orientierten Erzählweisen zeigt sich Menasse in Die Lebensentscheidung eher ambigue, erzählfreudig und in der Tradition eines Max Frischs aus Homer Faber versetzt, mit welchem Die Lebensentscheidung überraschenderweise viele strukturelle Motive teilt. Menasses Held heißt hier Franz Fiala, stammt aus Wien und befindet sich im neunundfünfzigsten Lebensjahr und ist seines Brüsselers EU-Wirken eindeutig müde geworden:

Aber die Bauern da unten kannten und wollten keine Kompromisse. Seine Wut wuchs. Sie war eine Wut auf die Wut, auf diese dumme, herrische, aggressive, unversöhnliche Wut der Demonstranten, oder der sogenannten Protestwähler, der »Menschen da draußen«, die man »ernst nehmen« müsse, wie die Politiker so gerne betulich sagten, als wären »da draußen« nur Bauern, Rechtsextremisten, Faschisten oder Idioten, die angeblich keine Faschisten waren, sondern nur Faschisten wählten, das müsse man auseinanderhalten, und genau das war die Politik: auseinanderhalten, und dann versprechen, Brücken zu bauen, Gräben zuzuschütten.

Robert Menasse aus: „Die Lebensentscheidung“
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