
Die Altphilologin Anne Carson, Literaturnobelpreisträgerin 2026, lässt antike Stoffe in neuen Zusammenhängen erscheinen, bspw. Sapphos Gedichte in Der bittersüße Eros oder eben Stesichoros‘ Geryoneis in Die Autobiographie von Rot. Diese Genre-übergreifenden Texte, die sich schillernd zwischen Essays, Lyrik und Prosa bewegen, stehen in der Literaturtradition des Avantgardismus, die Adorno in ästhetische Begriffe übersetzt hat. Als eine der Gründungstexte versteht sich Carl Einsteins Roman der absoluten Prosa Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders aus dem Jahr 1912. Carson selbst bezieht sich eher auf Gertrude Steins Form dieser Prosa, die mit The Making of the American, geschrieben von 1903 bis 1911, erschienen 1925, den avantgardistischen Familienroman schlechthin vorgelegt hat und zurecht neben James Joyces Ulysses (1922) als literaturhistorischer Wendepunkt gesehen wird. Entsprechend beginnt Carson Die Autobiographie von Rot, indem sie sich auf Stesichoros bezieht:
„Anne Carson: „Rot“ – Rezension“ weiterlesenEr kam zwischen Homer und Gertrude Stein, keine leichte Periode für einen Dichter. Um 650 v. Chr. wurde er in einer Stadt namens Himera an der Nordküste Siziliens geboren. […] »Sein genialer Gebrauch von Adjektiven bezaubert!« ergänzt Hermogenes. Damit rühren wir an den Kern der Frage »Was wurde mit Stesichoros anders?« Ein Vergleich könnte hier hilfreich sein. Als Gertrude Stein Picasso charakterisieren sollte, sagte sie, »Der hat gearbeitet.« Sagen wir also über Stesichoros, »Der hat Adjektive gebildet.«
Anne Carson aus: „Die Autobiographie von Rot“










