
Glaszeit von Lei-Wei Liao bearbeitet assoziativ-schweifend eine problematisch gewordene Mutter-Tochter-Beziehung. Der Roman steht durch seinen Stil in einer Reihe mit anderen Gegenwartsliteraturen, die eine ähnliche schwebende-impressionistische Erzählweise anstimmen. Zu diesen Texten gehören Joshua Groß‘ Prana Extrem, Maren Kames‘ Hasenprosa, oder Kaleb Erdmanns Die Ausweichschule. In dieser Formsprache stehen das überraschende Detail und die außergewöhnlich differenzierte Selbstbeobachtung der Hauptfiguren im Vordergrund, die noch jeder Regung körperlich und psychologisch in sich nachfühlen und die insofern als Hypersensibilismus bezeichnet werden könnte, als eine reizoffene, überfeinerte, dauerreflexive Haltung der Erzählwelt gegenüber. In Glaszeit steht eine in der Bundesrepublik geborene und aufgewachsene Intensivstationsärztin namens Novana im Zentrum des Geschehens, die mit dreißig Jahren zurück in das Geburtsland ihrer Mutter zieht, nach Taiwan, denn in Deutschland hat sie sich, auch durch ihre Mutter M., nie so richtig wohl gefühlt:
„Leh-Wei Liao: „Glaszeit““ weiterlesenM. sagte, die Deutschen seien fantasielos. Sie hielten sich an Regeln, und die Fantasielosigkeit würde man bereits an der Pünktlichkeit erkennen. M. machte chhhh und ckkkk und regte sich über die Umständlichkeit in der deutschen Grammatik auf, die gesprochene Bürokratie. Das sei, weil sie keine Subtext-Sprache hätten, sagte M., keine Wörter, die alles Mögliche bedeuten könnten und Menschen zu einer feinen Wahrnehmung für Zwischentöne erziehe. M. sagte, die Deutschen seien viel zu ernst. Das kalte Essen mache sie innerlich kalt. M. sagte, von Brot werde man dumm. All ihre Sätze machten es schwer, mich in Theos Familie wohlzufühlen. Es fühlte sich an, als würde ich M. verraten, wenn ich Brot aß, und so lernte ich nie, es zu schneiden, eine einzelne, kleine Loyalitätsbekundung.
Leh-Wei Liao aus: „Glaszeit“








