Tezer Özlü: „Die kalten Nächte der Kindheit“

Die kalten Nächte der Kindheit von Tezer Özlü.
Die kalten Nächte der Kindheit von Tezer Özlü.

Tezer Özlü starb bereits 1986 sehr früh, im Alter von 42 Jahren. Sie veröffentlicht, neben Übersetzungen, vor allem zwei Arbeiten, die beide nun auf Deutsch erhältlich sind: Die kalten Nächte der Kindheit (1980) und Auf den Spuren eines Selbstmordes (1982). Die Kalten Nächte der Kindheit behandelt vorwiegend Özlüs eigene Erfahrungswelt, indes sie in Auf den Spuren eines Selbstmords bspw. dem Selbstmord des italienischen Schriftstellers Cesare Paveses nachforscht. Özlü arbeitet literarisch-grenzüberschreitend zwischen Fiktion, Lyrik und Reflexion und zeigt wie Dinçer Güçyeter in Unser Deutschlandmärchen wie Autofiktionalität sich selbst plausibilisiert, und zwar mittels eines durchweg lyrisch-gehaltenen Tons, der die Erinnerungen und Reflexionen aus dem Dokumentarischen ins Literarische versetzt:

Oft bellen dann die Straßenhunde. Und ich liege wieder in einem Haus auf dem Land oder am Waldrand. Und ich will, dass die Hunde nie aufhören zu bellen. Morgens will ich gleich nach dem Aufstehen in einen Garten treten, in die Natur. Und schreiben. Lange, lange schreiben. Ich schreibe immer in Gedanken. Ich will aufstehen. Die Spiegelung der Lichter auf dem Meer sehen. Und die schwarzen Schatten der Bäume. Die Häuser sind dunkler als in der Nacht. In einigen Fenstern brennt Licht. Doch ich wache auf, und was ich geschrieben habe, erlischt in meinem Gedächtnis.

Tezer Özlü aus: „Die kalten Nächte der Kindheit“
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Lukas Rietzschel: „Sanditz“

Sanditz von Lukas Rietzschel
Sanditz von Lukas Rietzschel. Spiegel-Belletristik Bestseller 2026.

[Keine Spoiler] Sanditz bearbeitet das Thema DDR unter dem Fokus von Männerliebe und/oder abwesenden Vätern und stellt sich als eine Art Vermittlerroman zwischen Lutz Seilers Kruso und Clemens Meyers Die Projektoren dar, und zwar unter der ästhetischen Ägide eines Uwe Tellkamp mit seinem Der Turm, von dem Rietzschel viele Motive und strukturelle Zusammenhänge aufnimmt, diese aber von der DDR-Intelligenz und Oberschicht in den Alltag der arbeitenden Bevölkerung verlegt. Sanditz, ein fiktiver Ort in der Lausitz, in Mitleidenschaft gezogen vom angrenzenden Braunkohletagebau, mehr oder weniger wirtschaftlich aktiv durch ein Flachglaswerk, wird geprägt durch eine außerordentliche Tristesse:

Streng genommen wurde alles, was die Umsiedlung wegen des Braunkohletagebaus erträglicher gemacht hätte, vernachlässigt. […] Eine Schule wollten sie wieder haben, idealerweise einen Bahnhof, und wenn schon keine alten Bäume, dann wenigstens neue, in großer Zahl, angepflanzt zu einem kleinen Park. Und eine Kirche mit Geläut. […] was hatten sie bekommen? Keine Schule, keinen Fleischer, keinen Bäcker, keinen Friedhof, keine Kirche. Von Linden oder einem Bahnhof ganz zu schweigen. Vier flache Häuser an einer Straße, das war die Entschädigung.

Lukas Rietzschel aus: „Sanditz“
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Sophokles: „Antigone“

Antigone von Sophokles.
Antigone von Sophokles.

Literarische Erzeugnisse streben danach, Geschichte zu verdichten, sie fühlbar, nacherlebbar werden zu lassen. Die Konflikte, die Träume, die Probleme erhalten eine poetische Gestalt, eine Kondensation, die jede Lektüre für sich neu entfaltet, deutet und in die Gegenwart transponiert. Wenige Texte sind derart zugänglich geblieben wie Sophokles‘ Tragödien, zu denen auch Antigone zählt. Ihr Stoff beschäftigt bis in die Gegenwart hinein die Gemüter. Für den Hegel aus Der Phänomenologie des Geistes kommt in der Tragödie der Konflikt zwischen göttlichem und menschlichem Gesetz zum Ausdruck, und Simone Weil stimmt ihm in ihren Cahiers (Februar 1942) zu. Jean Anouilh interpretiert den Konflikt in seinem Theaterstück in Bezug auf die Résistance und viele weitere im Rahmen des zivilen Ungehorsams. Von der politischen Instrumentalisierung abgesehen führt die Antigone von Sophokles eindrucksvoll vor, wie poetisch-literarische Verdichtung eines Konflikts mit nur wenigen Worten zwischen den Schwestern Ismene und Antigone gelingt:

ISMENE. Drum also bitt ich die, die drunten [im Reich des Hades] sind, mir zu verzeihn, da ich dazu gezwungen werd, und füg mich denen, die im Staat das Sagen haben. Denn zu tun, was alle Maße sprengt, hat keinen Sinn.
ANTIGONE. Ich fordre dich nicht auf, und wolltest du es irgendwann noch tun, nicht wirktest du mit mir zur Freud! Nein, denk du nur, wie’s gut dir scheint! Doch [Polyneikes] begrab ich. Schön ist mir nach solcher Tat der Tod.

Sophokles aus: „Antigone“ (Übersetzung Kurt Steinmann)
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Georg Wilhelm Friedrich Hegel: „Vorlesungen über die Ästhetik“ (iii: Ende der Kunst)

Vorlesungen über die Ästhetik von G.W.F. Hegel
Vorlesungen über die Ästhetik von G.W.F. Hegel.

Nach dem Erläutern des Kunstbegriffs als sinnliches Scheinen der Idee und den Maßstäben des Gelingens des Kunstschönen, die in der Zwecklosigkeit, in der Phantasie und der Organizität bestehen, will ich im abschließenden Teil meiner Besprechung über Hegels Vorlesungen über die Ästhetik auf die Kunstentwicklung und die für Hegel ausgezeichneten Höhepunkte und Kunstwerke als Paradigmen seiner Ästhetik zu sprechen kommen, um dann das berühmt-berüchtigte Diktum über das Ende der Kunst zu diskutieren, das, um keine falschen Hoffnungen zu wecken, lediglich die Gestalt eines besonderen Wissens in der ästhetischen Selbsterfahrung und selbstredend nicht die künstlerische Produktion schlechthin betrifft. Die Evolution der Kunst beschreibt Hegel wie folgt:

Dies wäre im allgemeinen der Charakter der symbolischen, klassischen und romantischen Kunstform als der drei Verhältnisse der Idee zu ihrer Gestalt im Gebiete der Kunst. Sie bestehen im Erstreben, Erreichen und Überschreiten des Ideals als der wahren Idee der Schönheit.

G.W.F. Hegel aus: „Vorlesungen über die Ästhetik“

In seinen Vorlesungen über die Ästhetik unterscheidet Hegel diese drei Kunstformen, die einerseits Disziplinen zugeordnet sind, andererseits Geschichtsepochen charakterisieren. Die symbolische Kunstform verwirklicht sich in der Architektur und, vorzugsweise, im alten Ägypten; die klassische in der Skulptur und im antiken Griechenland, wohingegen die romantische in der Malerei und in der Renaissance des Mittelalters zum Höhepunkt gelangt. Alle Kunstformen existieren nebeneinander in den verschiedenen Epochen, wobei die Musik und die Poesie mit der christlichen Religion und der Verwirklichung der abendländischen Philosophie in der Aufklärung und Epoche Hegels die Kunst als Erkenntnismedium ausklingen lassen.

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Georg Wilhelm Friedrich Hegel: „Vorlesungen über die Ästhetik“ (ii: Maßstäbe)

Vorlesungen über die Ästhetik von G.W.F. Hegel
Vorlesungen über die Ästhetik von G.W.F. Hegel.

Im ersten Teil von der Besprechung der Vorlesungen über die Ästhetik habe ich Hegels Kunstbegriff erläutert, der auf dem sinnlichen Erscheinen der Idee basiert. Hierunter versteht er die im Ideal verkörperte Schönheit, die auf einem gespeicherten Moment einer Inspiration basiert, einer Lebendigkeit, die durch den jeweiligen Rezeptionsakt erweckbar ist. Im zweiten Teil möchte ich nun dieses Kunstideal und Hegels Maßstäbe des artistischen Gelingens vorstellen. Der zweite Teil fragt nun, unter welchen Voraussetzungen Schönheit erscheint und wie sich das Ideal im künstlerischen Prozess verwirklicht. Im folgenden Zitat charakterisiert Hegel in Vorlesungen über die Ästhetik das Kunstwerk:

So ist denn jedes wahrhaft poetische Kunstwerk ein in sich unendlicher Organismus: gehaltreich und diesen Inhalt in entsprechender Erscheinung entfaltend; einheitsvoll, doch nicht in Form und Zweckmäßigkeit, die das Besondere abstrakt unterwirft, sondern im Einzelnen von derselben lebendigen Selbständigkeit, in welcher sich das Ganze ohne scheinbare Absicht zu vollendeter Rundung in sich zusammenschließt; mit dem Stoffe der Wirklichkeit erfüllt, doch weder zu diesem Inhalte und dessen Dasein noch zu irgendeinem Lebensgebiete im Verhältnis der Abhängigkeit, sondern frei aus sich schaffend, um den Begriff der Dinge zu seiner echten Erscheinung herauszugestalten und das äußerlich Existierende mit seinem innersten Wesen in versöhnenden Einklang zu bringen.

Georg Friedrich Hegel aus: „Vorlesungen über die Ästhetik
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Georg Wilhelm Friedrich Hegel: „Vorlesungen über die Ästhetik“ (i: Hegels Kunstbegriff)

Die Vorlesungen über die Ästhetik (1835) von Georg Wilhelm Friedrich Hegel gehören zu den maßgeblichsten Abhandlungen des ästhetischen Feldes der Neuzeit. Zusammen mit Immanuel Kants Die Kritik der Urteilskraft(1790), Theodor W. Adornos Ästhetische Theorie (1970) und Umberto Ecos Das offene Kunstwerk (1977) spannen sie einen begrifflichen sehr differenzierten Raum auf, in welchem noch die verschiedensten Gemischlagen ästhetischer Interventionen ihren Platz zu finden vermögen. Hegel selbst bricht in diesem Raum eine Lanze für das synthetisierende, harmonisch-dynamische Kunstwerk, wohingegen Kant das sittlich-statische bevorzugt und Adorno den selbstimmunisierend-autonomen und Eco dem verspielt-kaleidoskopisch postmodernen Werken das Wort redet. Im folgenden will ich in der Reihe meiner Bemühungen, das bisherige ästhetische Feld in seiner vollumfänglichen Begrifflichkeit zu umreißen, den Hegelschen Kunstbegriff vorstellen, seine Maßstäbe des artistischen Gelingens und die Stufen und Paradigmen der ästhetischen Entwicklung. Als Ausgangspunkt nehme folgendes Zitat aus Hegels Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1830):

Die Gestalt dieses Wissens [das der Kunst] ist als unmittelbar (das Moment der Endlichkeit der Kunst) einerseits ein Zerfallen in ein Werk von äußerlichem gemeinen Dasein, in das dasselbe produzierende und in das anschauende und verehrende Subjekt; andererseits ist sie die konkrete Anschauung und Vorstellung des an sich absoluten Geistes als des Ideals, – der aus dem subjektiven Geiste geborenen konkreten Gestalt, in welcher die natürliche Unmittelbarkeit nur Zeichen der Idee [ist], zu deren Ausdruck so durch den einbildenden Geist verklärt ist, daß die Gestalt sonst nichts anderes an ihr zeigt; – die Gestalt der Schönheit.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel aus: „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse“
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Leipziger Buchmesse Preis 2026: Die Shortlist. Mein Fazit.

Als ich meinen Blog begann, im Frühjahr 2021, bekam Iris Hanika mit Echos Kammern den Preis der Leipziger Buchmesse zugesprochen. Es hat mich damals fröhlich gestimmt, ein solch buntes, lebenslustiges, verspieltes, verschrobenes Werk so geehrt zu finden. Zu diesem Zeitpunkt bin ich in Sachen Gegenwartsliteratur ziemlich unbewandert gewesen, wenn nicht sozusagen völlig ahnungslos. Iris Hanika, Clauda Durastanti mit Die Fremde, und Helga Schuberts Vom Aufstehen motivierten mich daraufhin, tiefer in die Tiefen und Untiefen des literarischen Gegenwärtigen einzutauchen, und seitdem lese ich die jeweiligen Shortlist-Titel des Georg-Büchner-Preises, des Preises des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, des Literaturnobelpreises und auch die des Leipziger Buchmesse-Preises mit lebendig sich hebendem und veränderndem Interesse.

Was hat also der Leipziger Buchmesse-Preis 2026 zu bieten?

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Helene Bukowski: „Wer möchte nicht im Leben bleiben“

Wer möchte nicht im Leben bleiben
von Helene Bukowski
Wer möchte nicht im Leben bleiben
von Helene Bukowski. Shortlist des Leipziger Buchmesse-Preises 2026

Shortlist des Leipziger Buchmesse-Preises 2026: Jugend in der DDR, Coming-of-Age im sozialistischen Korsett taucht in der Gegenwartsliteratur in verschiedensten Konnotationen auf: im Zusammenhang mit der Staatssicherheit in Charlotte Gneuß‘ Gittersee; in der Auseinandersetzung mit der als gewalttätig empfundenen Großelterngeneration in Anne Rabes Die Möglichkeit von Glück; oder als Rebellion gegen die strikten Sexualmoralen in Bettina Wilperts Herumtreiberinnen. Diese Beispiele zehren von den wegbereitenden Romanen von Ulrich Plenzdorf mit Die Leiden des jungen W. oder von Brigitte Reimann mit Franziska Linkerhand. Helene Bukowski amalgamiert in ihrem Wer möchte nicht im Leben bleiben die Stimmung von Reimann mit dem Stoff eines Christoph Heins aus Der Tangospieler, indem sie eine junge Pianistin in ihrem Werdegang durch die Jugendjahre in Neubrandenburg und nach Moskau hin verfolgt:

Du sitzt auf den kalten Dielen in der Wohnung deiner Eltern und schaust dabei zu, wie sie alles, was sich in den Räumen befindet, zusammensuchen und verpacken. Fünf Jahre alt bist du, als ihr aus Leipzig fortzieht. Dein Vater litt wieder an seinem Magenleiden. Er aß kaum noch. Man hatte ihm an der Oper gekündigt. Zu oft hatte er bei den Proben aufbegehrt, mehr Lohn gefordert, weniger Arbeitszeit. Jetzt war ihm eine Stelle als stellvertretender Direktor und Gesangslehrer an der Musikschule in Neubrandenburg angeboten worden.

Helene Bukowski aus: „Wer möchte nicht im Leben bleiben“
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Anja Kampmann: „Die Wut ist ein heller Stern“

Die Wut ist ein heller Stern von Anja Kampmann.  Shortlist des Leipziger Buchmesse-Preises 2026

Shortlist des Leipziger Buchmesse-Preises 2026: Über das Rotlichtmilieu der Weimarer Zeit existieren einige namhafte Romane, bspw. Alfred Döblins Berlin-Alexanderplatz oder Vicki Baums Menschen im Hotel in Berlin oder wie Hans Falladas Wer einmal aus dem Blechnapf frißt und Klaus Manns Mephisto teilweise auf der Reeperbahn in Hamburg spielen. Anja Kampmann fügt nun mit Die Wut ist ein heller Stern einen weiteren hinzu, der in St. Pauli spielt und die Auswirkungen der Machtergreifung im Jahr 1933 auf die Verhältnisse der Hamburger Unterwelt beforscht. Im Zentrum des Geschehens steht das Varieté Alkazar, geleitet von einem Arthur Wittkowski, dessen eine Hauptattraktion Edda Récord heißt, die mit ihrem unerschrockenen Sturz hinab zu einem Paar fauchender, hungriger Kaimane in ihren Bann reißt:

Von hier oben starre ich hinunter wie in einen dunklen Sumpf, ein Wirbel auf der Trommel, der lauter wird. Langsam lasse ich mich einmal herunter, halte inne, unten die Kaimane, das Publikum, sie sehen meinen Hals, die Arme, dann lasse ich mich fallen, die Drehung, rasch, auf sie zu, ich wirbele herum, rum, bleibe über ihnen waagerecht in der Luft, die Arme gestreckt bis in die Fingerspitzen. Applaus, die Dschungelnacht, das Mädchen läuft das Seil wieder hinauf, dreht sich, ich drehe mich, alles ist ganz leicht.
Anja Kampmann aus: „Die Wut ist ein heller Stern“

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Norbert Gstrein: „Im ersten Licht“

Im ersten Licht von Norbert Gstrein
Im ersten Licht von Norbert Gstrein. Shortlist des Leipziger Buchmesse-Preises 2026

Shortlist des Leipziger Buchmesse-Preises 2026: Im ersten Licht von Norbert Gstrein erzählt die Geschichte eines 1901 geborenen Mannes, der zwei Weltkriege und das Ende des Kalten Krieges erlebt und bis 1988 wartet, jemandem von seinen Erinnerungen zu erzählen. Sein Name lautet Adrian Reiter, begeisterter Kriegshistoriker und Kavallerie-Forscher, und erinnert von den Lebensumständen her betrachtet an John Williams Stoner oder auch an den Butler Mr. Stevens aus Kazuo Ishiguros Was vom Tage übrigblieb. Es handelt sich eher um stille, sich zurücknehmende männliche Charaktere, die sich ihrer jeweiligen Umwelt anpassen oder anpassen müssen und so stets im Hintergrund zu versinken drohen. Als Archetyp können solche Figuren von Harry Haller, der Hauptfigur aus Hermann Hesses Der Steppenwolf (1927), zehren. Adrian Reiter zeichnet im Gegensatz zu den genannten jedoch eine gewisse Kriegs- oder Kavallerie-Begeisterung aus:

Adrian hätte an diesem Tag selbst gern mitgespielt. Er war nicht im Krieg gewesen, aber [die Kriegsversehrten] waren alle fast gleich alt wie er, nur wenige Jahre älter, und er fühlte sich ihnen in einer paradoxen Sehnsucht zugehörig und hätte noch Jahre später im Schlaf ihre Namen aufsagen können, kaum dass er sie einmal gehört hatte, natürlich bloß die Nachnamen, wie es beim Militär üblich war, sechs an der Zahl […] War es Loyalität? War es bloß sein schlechtes Gewissen? War es Begeisterung? Ein jeder von ihnen hatte seine Schreckensgeschichte, die Adrian erspart geblieben war, und er konnte nicht sagen, warum er jeden einzelnen als seinen Bruder empfand.
Norbert Gstrein aus: „Im ersten Licht“

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