Kalenderwoche 20: Lesebericht.

Kalenderwoche 20: Lesebericht.

Diese Woche stand ganz im Zeichen von Ágota Kristóf, Sibylle Berg und Gotthard Günther. Eine seltsame Mischung: Kristóf ganz versunken im Weltwahrnehmungs-Jetzt, Günther über die Zukunft einer transplanetarischen, kybernetischen Kultur schwadronierend, während Berg mit Semantik und Sinnstiftung kurzen Prozess mit Vergangenheit und Zukunft macht. Die Fetzen flogen auf dem Schreibtisch. Trotzdem haben sie sich irgendwie verstanden. Oft stelle ich mir ein lebhaftes Gespräch zwischen den Autoren und Autorinnen, die ich gerade lese, vor, wie sie voreinander sitzen und sich geduldig zuhören, den Kopf nicken, hier und da inspiriert, dann und wann verdattert. Kristóf war von allen die offenste und interessierteste.

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Ágota Kristóf: „Das große Heft“

Cover von Ágota Kristóf: "Das große Heft"
Vom Leben und Überleben …

finbarsgift lenkte in einem Kommentar meine Aufmerksamkeit auf die stilistisch-sprachlichen Ähnlichkeiten zwischen Fräulein Smillas Gespür für Schnee von Peter Høeg und den Romanen von Ágota Kristóf. Neugierig geworden entschied ich mich für Kristófs Roman Das große Heft. Es lässt sich als der Auftaktband einer Trilogie begreifen, steht aber in minimalistischer Wucht auch für sich allein und behandelt eine Welt, die völlig aus den Fugen geraten ist:

Er öffnet die Tür [zum Luftschutzraum] und stößt uns hinein. Es herrscht völlige Stille. Die Frauen drücken ihre Kinder an sich. Plötzlich explodieren irgendwo Bomben. Die Explosionen kommen immer näher. Der Mann, der uns in den Keller gebracht hat, wirft sich auf den Kohlenhaufen, der sich in einer Ecke befindet, und versucht sich darin zu vergraben. Ein paar Frauen lachen verächtlich. Eine ältere Frau sagt – Seine Nerven sind zerrüttet. Er hat Urlaub deswegen.

Ágota Kristóf aus: „Das große Heft“
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Kalenderwoche 19: Lesebericht.

Frühmorgens, wenn man in Berlin selbst die Vögel hört, lässt sich der Tag gut an. Wenig Regen in Berlin, dezente Straßengeräusche, viel weniger Sirenen. Neben der alltäglichen Arbeit glücklicherweise Zeit gefunden, Gotthard Günthers Geschichts-Rundumwasch zu lesen, dies mit Gustave Flauberts Briefen und Brigitte Reimanns Franziska Linkerhand zu garnieren, und mir zum Nachtisch die transzendentale Analytik Kants zu Gemüte zu führen. Insbesondere das Amphibolie-Kapitel hat sehr viel Zeit gefressen, da ich es gleich vier Mal lesen musste, um das gespannte Verhältnis zu Leibniz zu beruhigen. Nun aber die drei Kategorien: Gekauft, an- und weitergelesen, ausgelesen.

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Immanuel Kant: „Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe“

Von Amphibolien und anderen Dämonen.

Wenige, nur einige Seiten lange Kapitel kondensieren so sehr Geistes- und Denkbemühungsgeschichte wie Immanuel Kants Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe. Dieser Anhang samt seinen Anmerkungen beschließt die erste Abteilung der transzendentalen Analytik in der Kritik der reinen Vernunft und markiert ein atemloses Abwägen, eine Gratwanderung zwischen Tautologie und Ontologie mit schillernden Konsequenzen. Hier verdichtet sich eine Zeit und sattelt um. Gleich einer Schubumkehr wandelt die Leibniz-Wolffsche Philosophie ihr Gesicht und dankt ab, um dem Neuen und Offenen unverminderte Einkehr in das argumentative Denken zu verschaffen. Genau gelesen befindet sich das Amphibolie-Kapitel nämlich in einem Schwebezustand. Es herrscht bereits ein beschwingtes Nicht-Mehr, aber zugleich auch ein banges, unentschiedenes Noch-Nicht. Im Folgenden ein Nachvollzug dieser intellektuellen Implosion und hierfür, vorangestellt, eine kurze Einbettung des janusköpfigen Amphibolie-Kapitels.

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Kristine Bilkau: „Nebenan“

Auf der Suche nach Verbindlichkeit … Spiegel Belletristik-Bestseller (15/2022)

Der Roman „Nebenan“ spielt am Nord-Ostsee-Kanal in der Nähe von Hamburg. Er ist ganz in Blau gehalten. Blau bestimmt seine Stimmung, die Atmosphäre, das Licht und das Cover. Es hüllt die Figuren, die Handlungen, die Geheimnisse am Ufer des Kanals ein und hält die Zeit in der Schwebe. Sie vergeht langsam, bleibt hier und da beinahe stehen, nur um dann aber abrupt und spürbar zu springen, vom Winter in den Frühling, vom Frühling über Ostern in den Sommer.

Sie weiß nicht, was in ihm vorgeht, aber sie sind hier, schwerelos unter Wasser, es ist seltsam und schön. Sie wünschte, es könnte länger dauern. Sie weiß, dieser Moment lässt sich nicht wiederholen, es ist nicht möglich, dieses Erstaunen, über sie beide, über sich selbst, über den Lauf der Dinge, über das Gute, das sich darin verbirgt, noch einmal genau so zu empfinden.

Kristine Bilkau aus: „Nebenan“
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Kalenderwoche 18: Lesebericht.

Lesen in der Sonne.

Die Sonne macht es einem leichter am Fenster zu lesen. In dieser Woche habe ich mich vor allem mit Gotthard Günthers Die Amerikanische Apokalypse beschäftigt und in Hannah Arendts Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft gelesen. Günther hat eine gewisse Leichtigkeit der Geschichte gegenüber, fast schwadronierend, leichtfertig, unbesonnen, die gut Arendts zum Schwermut tendierenden, die Reflexionszonen des Soziologischen und Historischen aussondierenden Stil ausgleicht. Eigentlich hatte ich noch Ulrich Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W. erneut lesen wollen. Aber es klappte wieder nicht (obwohl die Sonne schien). Jean Paul schrieb zwar:

„Ein Buch, das nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, ist auch nicht wert, dass man’s einmal liest.“

Jean Paul aus: „Siebenkäs“ – Vorrede

Doch es gibt so viele Bücher, dass es kaum möglich ist, die bereits gelesenen nochmals zu lesen, obwohl sie es verdient hätten. Plenzdorf gehört dazu. Nun zu meiner dreigliedrigen Liste – gekauft, angelesen, ausgelesen:

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Eva Christina Zeller: „Unterm Teppich”

Mit Hölderlins Turm im Rücken … Mut zur Sprache.

Das Cover von Eva Christina Zellers Roman in 61 Bildern Unterm Teppich zeigt Türen in verschiedenen Farben, Türen zu Kammern, doppelflügelig oder einflügelig, jeweils hinter einem Geländer, dreistöckig. Die Farbreihenfolge zeigt kein offensichtliches Muster. Unterbrochen wird das Muster durch eine dunkelblaue, verschlossene Tür, im Schatten und kaum erleuchtet:

Sie wusste, Frauen leben in einem Krieg, wenn sie in die Welt hinaus wollen, aber darüber spricht man nicht. Wenn man dies sagte, wurde man einer Plattitüde bezichtigt, oder als Feministin abgekanzelt. Da war sie wieder, die Kanzel.

Eva Christina Zeller aus: „Unterm Teppich“
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Bettina Wilpert: „Herumtreiberinnen“

Wortkarg und desillusioniert über Leipziger Gewaltwelten

Institutionelle Gewalt in Romanen darzustellen ist nicht leicht. Die Sprache selbst, die Bewegung des Geschehens, ist ohne Bezugspunkt nicht zu denken. Dieser Bezugspunkt ist der Beobachter, die Beobachterin, die Ereignisse wiedergibt, Handlungen von Menschen an und gegen Menschen nacherzählt. Mit anderen Worten, die institutionelle Gewalt tritt hinter das Handeln. Die Machtstruktur, das was Michel Foucault das Dispositiv nennt, wird unsichtbar. Nur die Figuren treten auf, nicht die eingefahrenen Handlungsmuster, nicht die abgehärteten, kalten, toten Aktionen im Namen eines Prinzips, dem einzelne zum Opfer fallen. Bettina Wilpert versucht in Herumtreiberinnen die Konsequenz aus dieser Einsicht zu ziehen. Ihre Hauptfigur ist ein Gebäude, die Tripperburg in der Lerchenstraße in Leipzig, der Dreh- und Angelpunkt ihres neuen Romans:

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Kalenderwoche 17: Lesebericht.

In meinem Lesebericht notiere ich die gekauften Bücher, die ersten Eindrücke, und die Bücher, die ich gelesen habe. Für Kommentare, Anmerkungen, Tipps für weiterführende Lektüren bin ich dankbar.

Die folgenden Stichworte, Zitate und Anmerkungen sind vorläufig. Sie stellen kurze Leseberichte und Eindrücke dar, die aus völligem Missverständnis heraus entstanden sein können.

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Hannah Arendt: „Vita activa“

Von ewigen Platonischen Ideen und anderen Utopien.

Das philosophische Hauptwerk von Hannah Arendt Vita activa oder Vom tätigen Leben ist anlässlich der Studienausgabe von Arendts Schriften 2020 neu aufgelegt worden. Es erschien erstmals 1958 und reiht sich in jene zivilisationskritischen Werke der Nachkriegszeit ein, die allesamt unter den Eindrücken des Zweiten Weltkrieges, des Faschismus und des Kalten Krieges stehen und den vormalig aufklärerischen Impetus nicht mehr so recht teilen können. Zu diesen Texten gehören unter anderem Ernst Jüngers Der Waldgang von 1951, Die Antiquiertheit des Menschen von Günther Anders (Arendts Ex-Ehemann), Ayn Rands Atlas Shrugged von 1957 oder auch Emile Ciorans, von Paul Celan 1953 übersetzte, Die Lehre vom Zerfall. Gemeinsam ist all diesen Texten ein explizit ausgesprochener Katastrophenhorizont. Arendt fasst das Problem verdichtend zusammen:

Es ist durchaus denkbar, dass die Neuzeit, die mit einer so unerhörten und unerhört vielversprechenden Aktivierung aller menschlichen Vermögen und Tätigkeiten begonnen hat, schließlich in der tödlichsten, sterilsten Passivität enden wird, die die Geschichte je gekannt hat.

Hannah Arendt aus: „Vita activa“
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