Elfriede Jelinek: „Unter Tieren“ – Rezension

Unter Tieren von Elfriede Jelinek
Unter Tieren von Elfriede Jelinek. Literaturnobelpreis 2004.

Elfriede Jelinek hat sich von der Romanprosa seit über zwei Jahrzehnten abgewendet. Gier, im Jahr 2000 erschienen, blieb bislang der letzte, als Roman konzipierte Text, von dem Online-Projekt Neid (Privatroman) einmal abgesehen, das letztes Jahr in Buchform gebracht worden ist. Auch Unter Tieren weist sich nicht als Roman aus, und ist auch offiziell keiner, sondern die Grundlage für ein Theaterstück mit selbem Titel, wobei zwischen Buchveröffentlichung (19. Juni 2026) und Premiere (16. August 2026) etwa zwei Monate anberaumt wurden. Jelinek setzt hier auf das Erfolgskonzept von Angabe der Person, das ebenfalls vor der Theateraufführung veröffentlicht wurde (15. November 2022) und etwa einen Monat später Premiere hatte und seitdem im Spielplan verblieben ist und mehrere Preise als Theaterstück zugesprochen bekommen hat. Wie auch bei Angabe der Person steht in Unter Tieren Geld im Zentrum des Geschehens, Geld und Kapital und die Problematik, was Wert hat, wie etwas Wert bekommt:

Das Eins, das Sein, es ist nun mal Eins und gleichzeitig Vieles und werdend und vergehend, was geschaffen wurde, der Wert, er entsteht, was zurückgegeben wurde, auch ein Wert, sogar ein etwas höherer, verschwindet, so wird Geld verschwendet. Indem es verschwindet. Nach einiger Zeit taucht es dann als Kredit wieder auf, vielleicht ein andres, aber ich zum Beispiel habe es sofort wiedererkannt. Es war schon mal bei mir. Warum ist es fortgelaufen? Ich weiß es nicht. Eins und Vieles, wollen Sie es gesondert oder vermischt? Notwendig. Und indem es unähnlich wird und ähnlich, muß es doch auch gleichen und nicht gleichen? JA!

Elfriede Jelinek aus: „Unter Tieren“
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Ewald Arenz: „Fünf, sechs, sieben, acht“

Fünf, sechs, sieben, acht
Fünf, sechs, sieben, acht von Ewald Arenz. Spiegel Belletristik-Bestseller 2026.

Die Literaturgeschichte erinnert oft nicht an die erfolgreichsten Bücher einer Zeit. Sie selektiert nach stark wandelnden Kriterien akademischer Verwendbarkeit wie bspw. Vieldeutigkeit und konfligierende Bedeutungsspielräume, die von populären Titeln nachgerade vermieden werden. Die erfolgreichsten Bücher einer Zeit werden oft sehr schnell vergessen. Als Beispiele können die massiven Erfolgsromane von Hedwig Courths-Mahler (1867-1950) , von Ludwig Ganghofer (1855-1920), die Auflagen in Millionenhöhe erlebten, oder von August Lafontaine (1758-1831) dienen, wobei letzterer ein besonders krasses Beispiel für Gegenwartsruhm und späteres Vergessen gibt. Lafontaine galt in seiner Zeit, derjenigen von Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller, als auflagenstärkster Autor, der zwischen 1789 und 1822 ganze 58 umfangreiche Romane veröffentlichte und seine literarische Produktion sofort einstellte, als er 1822 durch preußische Kulturpfründe eine finanzielle Absicherung und Unabhängigkeit erfuhr. Auch wenn diese Romane von der Literaturgeschichte vergessen werden, ob zu Unrecht oder nicht sei einmal dahingestellt, fangen diese einen, oft im Vergleich zu den Klassikern authentischeren Zeitgeist ein und eignen sich hervorragend für das zeitgenössische Publikum als Projektionsfläche, Phantasie und Bedeutungsgeber sowie Problemhorizontdiskutand. Das gilt mit Sicherheit auch für Ewald Arenz, der seit geraumer Zeit jedes Jahr einen neuen Roman veröffentlicht und mit jedem seiner Romane auf großen Widerhall stößt. Sein neuester Roman heißt Fünf, sechs, sieben, acht und handelt von einem sechzigjährigen Tänzer, der gegen das Altwerden ankämpft:

Nicht darauf hören! Tanz! Jetzt, endlich, verstummten die Gedanken, und da war nur noch die Abfolge der Figuren, nur noch der Körper in der Bewegung, das Ticketitack der Platten auf dem Holz, der immer treibendere Rhythmus, die atemberaubend enge Drehung auf dem winzigen Tisch, Musik, flackerndes Licht, Tempo, der Tanz wie die zweihundert Räderpaare eines Güterzugs, der über eine Weiche jagt. Ganz zum Schluss der Sprung zurück auf den Bühnenboden, darin ein dreifaches Klacken der Heels – einen winzigen Augenblick in der Luft stehend, bevor er mit einem vierfachen Ton Tap – Heel, Tap – Heel landete. Der Dirigent gab dem Publikum eine Pause für den Applaus. Nicht tosend. Freundliche Begeisterung, aber was machte das schon?

Ewald Arenz aus: „Fünf, sechs, sieben, acht“
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Lew Tolstoi: „Anna Karenina“ (iii: Resümee)

Anna Karenina von Lew Tolstoi.
Anna Karenina von Lew Tolstoi.

Im ersten Teil der Besprechung von Lew Tolstois Roman Anna Karenina (1877) betonte ich die Inhaltsstruktur mit dem Dreh- und Angelpunkt des Fürsten „Stiwa“ Oblonski, indes ich im zweiten Teil auf den kompositorischen scharfkonturierten Dualismus zu sprechen kam, der sich durch die Böse-Gut-, Untreu-Treu- oder Ungeduldig-Geduldig-Struktur aufdrängt. Die beiden Hauptfiguren des Romans, Lewin und Anna, erweisen sich als unausgeglichen in Beschreibung und Verdichtung. Erscheint Lewin als sich entwickelnder Mann, der über sich hinauswächst und zu einem neuen Sinn und Glauben findet, so verbleibt Anna Karenina in einer Starre von Eitelkeit und Begehren, die zusammen Annas Untergang besiegeln. Im dritten Teil möchte ich nun auf das kommunikativ-literarische Resümee hinaus und bringe die verschiedenen Aspekten mit der Erzählanlage in Verbindung, die von Tolstoi kommentierend-allwissend angelegt worden ist:

Und das »Amen« des nicht sichtbaren Chores ergoß sich abermals durch die Kirche. »Der du die Getrennten zusammenführst und sie durch das unzerreißbare Band der Liebe vereinigst« – welch tiefe Bedeutung liegt doch in diesen Worten, und wie genau entsprechen sie meinen Gefühlen in diesem Augenblick, dachte Lewin. Ob sie wohl das gleiche empfindet wie ich? Er sah Kitty an und begegnete ihrem Blick. Aus ihrem Augenausdruck schloß er, daß sie alles ebenso auffasse wie er. Doch das traf nicht zu: Sie hatte den Sinn der Worte beim Gottesdienst fast gar nicht verstanden und während der Trauung selbst nicht einmal auf sie geachtet. Sie war außerstande, auf die Worte zu hören und sie zu verstehen, weil ein einziges Gefühl [endlich das Leben mit ihrem Mann zu teilen] ihre ganze Seele erfüllte und immer stärker wurde.
Lew Tolstoi aus: „Anna Karenina“

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Lew Tolstoi: „Anna Karenina“ (ii: Komposition)

Anna Karenina von Lew Tolstoi.
Anna Karenina von Lew Tolstoi.

Nach dem ersten Teil meiner Lesebesprechung von Lew Tolstois Roman Anna Karenina (1877), in welchem ich die grobe inhaltliche Struktur des Romans rekonstruiert habe, widme ich mich im zweiten Teil seinen kompositorischen Eigenschaften. Insbesondere will ich auf die Schnitt- und Montagetechnik wie auch auf den dadurch implizit kommentierenden, sich einschaltenden auktorialen Erzähler eingehen. Middlemarch (1871) von George Eliot, das ein paar Jahre früher im viktorianischen England entstand, besitzt eine ähnliche Erzählinstanz, aber eine völlig verschiedene Komposition. Im Gegensatz zu Tolstoi bemüht sich Eliot (Mary Ann Evans) um eine ausgewogene balancierte Beschreibung, wohingegen Tolstoi teilweise schon brutale Montagen und tendenziöse Gegenüberstellungen wagt, die nicht nur erzählkommentierend, sondern auch die formale fiktionale Illusionen empfindlich stören. Wie im ersten Teil der Besprechung ausgeführt, stellen Anna Arkadjewna Karenina und Konstantin Dmitritsch Lewin die Hauptfiguren. Tolstois Erzählinstanz führt Anna wie folgt ein:

Anna wirkte nicht wie eine Salondame oder Mutter eines achtjährigen Sohnes; nach der Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen, ihrer Frische und der ihrem Gesicht innewohnenden Lebhaftigkeit, die sich einmal in einem Lächeln, dann in einem Blick äußerte, hätte man sie eher für ein zwanzigjähriges junges Mädchen halten können, wenn nicht der ernste, zuweilen wehmütige Ausdruck ihrer Augen gewesen wäre, der Kitty faszinierte und anzog. Kitty fühlte, daß sich Anna völlig natürlich gab und nichts verbarg, daß es aber in ihr eine andere, höhere Welt gab, von komplizierter und poetischer Art, die Kitty nicht zugänglich war.
Lew Tolstoi aus: „Anna Karenina“

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Lew Tolstoi: „Anna Karenina“ (i: Inhalt)

Anna Karenina von Lew Tolstoi.
Anna Karenina von Lew Tolstoi.

Neben den außerordentlich zahlreichen Erzählungen, Dramen und philosophischen Texten schrieb Lew Nikolajewitsch Tolstoi (1828 – 1910) lediglich – wird die Urfassung von Krieg und Frieden (1867) als Rohform der späteren, längeren Form von 1868 betrachtet – drei Romane. Anna Karenina (1877) bildet von den dreien das Mittelstück, und die Auferstehung (1899) den Abschluss. Für viele versöhnt Tolstoi in Anna Karenina das, was in Krieg und Frieden zu breit und abstrakt, in Auferstehung zu moralisierend-predigend verkürzt wirkt: die auktorial-literarische Darstellung des Individuums im Spiegel seiner Zeit und der diversen sozioökonomischen Konflikte. Anders als in Gustave Flauberts Madame Bovary, in welchem die Exzessivität Emma Bovarys im Zentrum des Geschehens steht und den Tenor des Romans bestimmt, schickt Tolstoi die ebenfalls untreue Ehefrau Anna Arkadjewna Karenina eher als Kristallisationspunkt auf die Reise, um anhand ihres Lebens die Welt des zaristischen Russlands um das Jahr 1870 herum zu beleuchten:

Da fahre ich schon wieder in diesem Wagen! Jetzt wird mir alles wieder klar, dachte Anna, sobald sich der Wagen in Bewegung gesetzt hatte und leise schaukelnd und mit Gepolter über die kleinen Pflastersteine fuhr […] daß der Kampf ums Dasein und der Haß das einzige sind, was die Menschen miteinander verbindet … Nein, ihr bemüht euch vergeblich, wandte sie sich in Gedanken an eine Gesellschaft, die in einem Viergespann offenbar zu einem Vergnügen außerhalb der Stadt fuhr. Auch der Hund, den ihr mitgenommen habt, wird euch nicht helfen. Sich selbst kann niemand entfliehen. Als sich Pjotr dann zur Seite umdrehte und sie seinem Blick folgte, sah sie, wie ein sinnlos betrunkener Fabrikarbeiter mit hin und her schwankendem Kopf von einem Polizisten abgeführt wurde. Ja, dem ist es noch am besten gelungen, dachte sie.
Lew Nikolajewitsch Tolstoi aus: „Anna Karenina“ [Übersetzt von Hermann Asemissen]

Dem umfassenden Charakter des Werkes geschuldet, werde ich drei Blogbeiträge posten, und zwar zum Inhalt (diesen), zur Form (den nächsten) und zum kommunikativen Resümee den dann folgenden letzten.

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Georg Lukács: „Die Eigenart des Ästhetischen“ (iii: Aktualität)

Die Eigenart des Ästhetischen von Georg Lukacs.
Die Eigenart des Ästhetischen von Georg Lukacs.

Mit Lukács‘ Kunstbegriff im ersten Teil, dass die Kunst als Widerspiegelung der menschlichen Verhältnisse zur Sinnstiftung dient, und mit den Maßstäben des Gelingens im zweiten Teil, die hauptsächlich auf der Abgeschlossenheit, Organizität und dem Typischen beruhen, lässt sich nun Georg Lukács‘ Die Eigenart des Ästhetischen ob seiner Aktualität überprüfen. Es wird sich zeigen, dass sich Lukács eigentümlicherweise mit seinen Begriffen, seinem Blickwinkel und seiner Kunstvorstellung durchgesetzt hat. Dies gilt insbesondere für sein Interesse für den Alltag, das Alltägliche und die hieraus hervorgehenden zwischenmenschlichen Konflikte:

Einer der entscheidenden Grundgedanken dieses Werks besteht darin, daß alle Arten der Widerspiegelung – wir analysieren vor allem die durch das Alltagsleben, die Wissenschaft und die Kunst – stets dieselbe objektive Wirklichkeit abbilden. Dieser als selbstverständlich, ja als trivial scheinende Ausgangspunkt hat aber weittragende Konsequenzen. Da die materialistische Philosophie alle Gegenständlichkeitsformen, alle den Gegenständen und ihren Beziehungen zugehörigen Kategorien [als] eine vom Bewußtsein unabhängig existierende objektive Wirklichkeit erblickt, können sich alle Divergenzen, ja Gegensätzlichkeiten in den einzelnen Widerspiegelungsarten nur innerhalb dieser materiell und formell einheitlichen Wirklichkeit abspielen.

Georg Lukács aus: „Die Eigenart des Ästhetischen“
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Georg Lukács: „Die Eigenart des Ästhetischen“ (ii: Maßstäbe des Gelingens)

Die Eigenart des Ästhetischen von Georg Lukács.
Die Eigenart des Ästhetischen von Georg Lukács.

Nach Lukács‘ Kunstbegriff im ersten Teil der Besprechungsreihe folgt nun eine Zusammenfassung seiner Maßstäbe für das Gelingen eines Kunstwerkes, die er in Die Eigenart des Ästhetischen angibt. Lukács folgt hier klar den Spuren Hegels, aber aus der Perspektive eines gegen den Platonismus und Idealismus gerichteten Aristoteles und seiner Poetik. Insgesamt verortet er sich konsequent in einer klassizistischen Kunstauffassung und verwehrt sich gegen verspielten Humor oder hermetische Formexperimente. Wie bei Hegel steht und fällt das Gelingen eines Kunstwerkes für Lukács mit dem Grad seiner Organizität:

Das Spezifische der ästhetischen Sphäre ist, daß die Besonderheit nicht einfach als Vermittlung zwischen Allgemeinheit und Einzelheit gesetzt wird, sondern als organisierende Mitte. Das hat zur Folge, daß die die Widerspiegelung realisierende Bewegung nicht, wie in der Erkenntnis, von der Allgemeinheit zur Einzelheit und wieder zurück (oder in umgekehrter Richtung) verläuft, sondern daß die Besonderheit als Mitte Ausgang und Abschluß der entsprechenden Bewegungen ist; d.h. diese gehen den Weg einerseits von der Besonderheit zur Allgemeinheit und zurück, andererseits als entsprechende Verbindung zwischen jener und der Einzelheit.

Georg Lukács aus: „Die Eigenart des Ästhetischen“
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Georg Lukács: „Die Eigenart des Ästhetischen“ (i: Kunstbegriff)

Die Eigenart des Ästhetischen von Georg Lukacs.
Die Eigenart des Ästhetischen von Georg Lukács.

In der Reihe Ästhetik-Grundlagen fehlt nach Georg Wihelm Friedrich Hegels idealistisch-heroischer, Immanuel Kants subjektivistisch-verspielter und Theodor W. Adornos kritisch-formalistischer noch ein Repräsentant der parteilich-klassizistischen oder engagierten Kunstauffassung. Von den in Frage kommenden – Friedrich Schiller, Jean-Paul Sartre,  Aristoteles oder Georg Lukács – hat nur der letztere ein umfassendes, gründliches Begriffskompendium verfasst, nämlich das fast zweitausendseitige Buch Die Eigenart des Ästhetischen, das auch fast um die Hälfte gekürzt als Ästhetik in vier Bänden 1963 im Luchterhand Verlag erschienen ist. Bekanntlich steht Lukács in einer marxistischen Denktradition. Doch seine Ästhetik fand weder auf der einen noch auf der anderen Seite Anklang. Sie steht als eigener Begriffsrahmen ziemlich isoliert und monolithisch für eine Form der Ästhetik, die sich weitestgehend mit dem aufklärerischen Impetus identifiziert und in der Kunst den Gipfel der menschlichen Tätigkeit sieht:

So erhöht die künstlerische Form den Menschen. […] Sie ist die eigene Welt des Menschen, wie wir gezeigt haben, im subjektiven wie im objektiven Sinne, und zwar so, daß die höchsten konkreten Möglichkeiten von Mensch und Welt in sinnlich unmittelbarer Verwirklichung seiner besten Bestrebungen real und ihm zutiefst eigen vor ihm stehen.

Georg Lukács aus: „Die Eigenart des Ästhetischen“

Wie auch in den vorherigen Zusammenfassungen von Adornos, Hegels und Kants Ästhetik beginne ich die drei Teile umfassende Besprechung von Lukács‘ Ästhetik mit seinem Kunstbegriff.

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Svenja Leiber: „Nelka“

Nelka von Svenja Leiber
Nelka von Svenja Leiber. Spiegel Belletristik-Bestseller 2026.

Nelka von Svenja Leiber thematisiert ein rohes Thema, das der Kriegsgefangenschaft und Vergewaltigung im Zweiten Weltkrieg, mit märchenhaften Mitteln, die das Grauen, aber auch das Durchhaltevermögen der Figuren auszutarieren verstehen. Leibers Roman steht hiermit im Zusammenhang mit Annett Gröschners Schwebende Lasten, Susanne Abels Gretchen-Saga oder auch Elli Unruhs Fische im Trüben. All diese Romane zeichnet einen warmen Ton aus. Leicht entrückt, schillernd schwebend über dem sich ausbreitenden Schrecken ihrer von Mord und Totschlag handelnden Stoffe ruhen sie in sich als Märchen ohne unmittelbare Moral, aber mit klarer Empathie für ihre Figuren. Nelka erzählt von der gleichnamigen Tochter eines Apfelbauern aus Lwów:

Womit beginnen? Mit den Herren oder mit den Knechten? Mit den Erzählten oder den Unerzählten? Womit beginnen? Mit dem Kummer oder mit dem Trost? Es muss von allem handeln, und es muss vorn beginnen, und seinen Anfang nahm es vor vielen Jahren im armen Kronland Galizien, in der Stadt Lemberg, damals gerade polnisch Lwów, wo ein Mann namens Wendelin Lechner lebte, der aber kein Pole war, dafür ein nicht unbekannter Pomologe. Oder jedenfalls den Bauern und Pächtern bekannt, die eine Ahnung von Äpfeln hatten, diesen so selbstverständlichen und dabei so eigenartigen Früchten, verwandt mit Erdbeeren und Rosen, die angeblich einmal im Paradies wuchsen, in seiner Mitte sogar, und die doch auch das Paradies zerstörten und die Menschen lehrten, sich zu schämen, was immer Scham ist und was immer das Paradies gewesen sein mochte, eine Idee oder schon Ideologie.

Svenja Leiber aus: „Nelka“
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Christine Wunnicke: „Die Dame mit der bemalten Hand“

Die Dame mit der bemalten Hand von Christine Wunnicke
Die Dame mit der bemalten Hand von Christine Wunnicke. Georg-Büchner-Preisträgerin 2026.

Christine Wunnicke, Georg-Büchner-Preisträgerin 2026, schreibt seit geraumer Zeit, wie sie es selbst bezeichnet, Roman-Haikus, das sind kurze, knappe, weniger als zweihundert Seiten umfassende Prosatexte, die über ein Ereignis, eine historisch belegte Begebenheit lyrisch-poetisch meditieren. 2025 hat sie eine solche Begebenheit in Wachs beschrieben, wo sie die Freundschaft oder Beziehung zwischen Marie Marguerite Bihéron, Anatomikerin, und Madeleine Basseporte, Zeichnerin, im Frankreich des 18. Jahrhunderts imaginierte. Wie mit Wachs 2025, genauer hier besprochen, stand sie auch mit Die Dame mit der bemalten Hand 2020 auf der Shortlist des deutschen Buchpreises. In diesem schmalen Bändchen beschreibt sie die Begegnung zwischen Musa al-Lahuri und Carsten Niebuhr im Jahr 1764 auf der Insel Elephanta, der indischen Stadt Mumbai (Bombay) vorgelagert. Wie es dazugekommen ist, erzählt Niebuhr al-Lahuri in etwas geschwülstigen Worten:

»Es war einmal«, fiel ihm Niebuhr heftig ins Wort, »vor einer Zeit, die mir miserabel lang erscheint, in Almanya ein Mann, der meinte, dass man Gottes Wort besser begreift, wenn man in Arabien jeden Stein umdreht und schaut, was darunter ist. Dieser Mann war unser Befehlshaber und ist jetzt meiner, noch immer, nehme ich an. Er ist gelehrt und ein Scheusal. Meine Pflicht war, und ist es noch immer, nehme ich an, zu messen: die Länge und Breite und Höhe von allem und wie lang alles dauert und wo sich alles befindet und wie sich alles zueinander verhält. Die Gefährten lagen krank in Sues. Immer lagen sie krank. Unterdessen maß ich das Rote Meer, hier und dort seine Breite, und wie lang alles dauert, die Ebbe und Flut.«

Christine Wunnicke aus: „Die Dame mit der bemalten Hand“
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