
Die nationalsozialistische Vergangenheit mit einer Flüchtlingen entgegen brandenden Fremdenfeindlichkeit parallel zu lesen, liegt auf der Hand. Heimat und Fremde werden zu Antipoden und kodieren Gegenwartsverhältnisse in Bezug auf Inklusion und Exklusion, die sprachlich zum Tragen kommen wie in Jehona Kicajs ë oder Elli Unruhs Fische im Trüben; oder familiäre Grundkonflikte überlagern wie in Dmitrij Kapitelmans Russische Spezialitäten oder Necati Öziris Vatermal. Wenige kontrastieren die Lebensschicksale und -läufe derart hart gegeneinander wie Shida Bazyar in Die Lücken. Bazyar bringt hier die Vergangenheit eines nationalsozialistischen Gaumusterdorfes namens Heimesbach in der Gegenwart iranischer Flüchtlinge zum Sprechen und zieht direkte Verbindung zu Eva Menasses Dunkelblum und Elfriede Jelineks Die Kinder der Toten. Die Lücken wird von einem kommentierenden Ich aus dem Jenseits heraus erzählt, an eine Freundin namens Lu:
„Shida Bazyar: „Die Lücken““ weiterlesenEs ist nicht schlimm Lu, es ist in Ordnung, es ist eben so gelaufen, da war ein Lkw und ich war auf einem Fahrrad, da war ein vermeidbarer Zusammenstoß und die Straße wurde über Stunden gesperrt. So war es. Nun aber, höre doch zu, ich weiß, es ist verwirrend und du willst dich nicht an diese Menschen erinnern, aber ich sehe sie, beobachte sie aus allen möglichen Winkeln und lerne sie so kennen, wie sie sich selbst nicht kennen. Das Dorf ist ihre Bühne, und das Publikum sind wir.
Shida Bazyar aus: „Die Lücken“










