
[Keine Spoiler] In ihrem letzten Buch Zur See hat Dörte Hansen über eine Nordseeinsel geschrieben und die Familie Sander durch ihre Höhen und Tiefen begleitet. In Broder greift sie auf ein ähnliches Prinzip zurück, indem sie aus Sicht der Natur, der Gezeiten, der wechselnden Jahreszeiten schreibt, also die Vorgänge im menschlichen Leben mit natürlichen Prozessen, mit Werden und Vergehen vermittelt, nur dieses Mal auf einem Dorf mit Bauernhöfen, von denen derjenige der Familie Bahnsen heraussticht. Hansens Ästhetik bewegt sich eigentümlich zwischen stoisch-gebändigtem Assoziationismus und elegisch-lakonischem Heroismus, die sich beide die Waage halten und eine gewisse Leichtfüßigkeit der Erzählweise erlauben. In der Tradition steht sie klar in der Reihe von Erbauungsbüchern, also in der Nachfolge von Adalbert Stifters Der Nachsommer oder, die Gegenwartsliteratur betreffend, Helga Schuberts Der heutige Tag oder Vom Aufstehen. Vom Setting Norddeutschland und der Problematik der technischen Innovation, die in Konflikt mit Brauchtum und Tradition gerät, knüpft Hansen hingegen deutlich an Theodor Storms Der Schimmelreiter an, das eher in die tragische Kategorie gehört. In Broder entzündet sich dieser Konflikt nicht bei einem Deichbau. Vielmehr steht der Familienhof in Frage, wie er sich in Zukunft ausrichten soll: alternativer und tierfreundlicher, wie es Broder vorhat, oder mittels Robotern und KI-Technik auf Maximalisierung getrimmt, wie es sein Zwillingsbruder Henning plant:
„Dörte Hansen: „Broder“ – Rezension“ weiterlesenMan konnte sich mit Broder gut vertragen. Er ist von allen Bahnsens immer schon der freundlichste gewesen, ruhiger als der Rest. Er kam nur immer öfter an mit seltsamen Ideen. Auf einmal sprach er von ganz anderen Methoden in der Landwirtschaft. Von Kreislaufwirtschaft ohne Pestizid und Kälberaufzucht mit der Mutterkuh. Und jedes zweite Wort war irgendwann alternativ. [… Henning dagegen] sah so aus, wie man sich einen Bauern bei den Bahnsens vorstellt. Und hatte einen Plan für einen Milchbetrieb der Zukunft. Ein Sohn, der von Maschinen und moderner Technik Ahnung hatte und den Betrieb nach vorne bringen wollte. Stark und vernünftig. Mit Frisur. Der gut begründen konnte, dass sich ein Milchbetrieb allein mit Kuhverstand und Züchtergeist und Freude an der Herde nicht mehr führen lässt.
Dörte Hansen aus: „Broder“










