Sophokles: „Antigone“

Antigone von Sophokles.
Antigone von Sophokles.

Literarische Erzeugnisse streben danach, Geschichte zu verdichten, sie fühlbar, nacherlebbar werden zu lassen. Die Konflikte, die Träume, die Probleme erhalten eine poetische Gestalt, eine Kondensation, die jede Lektüre für sich neu entfaltet, deutet und in die Gegenwart transponiert. Wenige Texte sind derart zugänglich geblieben wie Sophokles‘ Tragödien, zu denen auch Antigone zählt. Ihr Stoff beschäftigt bis in die Gegenwart hinein die Gemüter. Für den Hegel aus Der Phänomenologie des Geistes kommt in der Tragödie der Konflikt zwischen göttlichem und menschlichem Gesetz zum Ausdruck, und Simone Weil stimmt ihm in ihren Cahiers (Februar 1942) zu. Jean Anouilh interpretiert den Konflikt in seinem Theaterstück in Bezug auf die Résistance und viele weitere im Rahmen des zivilen Ungehorsams. Von der politischen Instrumentalisierung abgesehen führt die Antigone von Sophokles eindrucksvoll vor, wie poetisch-literarische Verdichtung eines Konflikts mit nur wenigen Worten zwischen den Schwestern Ismene und Antigone gelingt:

ISMENE. Drum also bitt ich die, die drunten [im Reich des Hades] sind, mir zu verzeihn, da ich dazu gezwungen werd, und füg mich denen, die im Staat das Sagen haben. Denn zu tun, was alle Maße sprengt, hat keinen Sinn.
ANTIGONE. Ich fordre dich nicht auf, und wolltest du es irgendwann noch tun, nicht wirktest du mit mir zur Freud! Nein, denk du nur, wie’s gut dir scheint! Doch [Polyneikes] begrab ich. Schön ist mir nach solcher Tat der Tod.

Sophokles aus: „Antigone“ (Übersetzung Kurt Steinmann)
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Georg Wilhelm Friedrich Hegel: „Vorlesungen über die Ästhetik“ (iii: Ende der Kunst)

Vorlesungen über die Ästhetik von G.W.F. Hegel
Vorlesungen über die Ästhetik von G.W.F. Hegel.

Nach dem Erläutern des Kunstbegriffs als sinnliches Scheinen der Idee und den Maßstäben des Gelingens des Kunstschönen, die in der Zwecklosigkeit, in der Phantasie und der Organizität bestehen, will ich im abschließenden Teil meiner Besprechung über Hegels Vorlesungen über die Ästhetik auf die Kunstentwicklung und die für Hegel ausgezeichneten Höhepunkte und Kunstwerke als Paradigmen seiner Ästhetik zu sprechen kommen, um dann das berühmt-berüchtigte Diktum über das Ende der Kunst zu diskutieren, das, um keine falschen Hoffnungen zu wecken, lediglich die Gestalt eines besonderen Wissens in der ästhetischen Selbsterfahrung und selbstredend nicht die künstlerische Produktion schlechthin betrifft. Die Evolution der Kunst beschreibt Hegel wie folgt:

Dies wäre im allgemeinen der Charakter der symbolischen, klassischen und romantischen Kunstform als der drei Verhältnisse der Idee zu ihrer Gestalt im Gebiete der Kunst. Sie bestehen im Erstreben, Erreichen und Überschreiten des Ideals als der wahren Idee der Schönheit.

G.W.F. Hegel aus: „Vorlesungen über die Ästhetik“

In seinen Vorlesungen über die Ästhetik unterscheidet Hegel diese drei Kunstformen, die einerseits Disziplinen zugeordnet sind, andererseits Geschichtsepochen charakterisieren. Die symbolische Kunstform verwirklicht sich in der Architektur und, vorzugsweise, im alten Ägypten; die klassische in der Skulptur und im antiken Griechenland, wohingegen die romantische in der Malerei und in der Renaissance des Mittelalters zum Höhepunkt gelangt. Alle Kunstformen existieren nebeneinander in den verschiedenen Epochen, wobei die Musik und die Poesie mit der christlichen Religion und der Verwirklichung der abendländischen Philosophie in der Aufklärung und Epoche Hegels die Kunst als Erkenntnismedium ausklingen lassen.

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Georg Wilhelm Friedrich Hegel: „Vorlesungen über die Ästhetik“ (ii: Maßstäbe)

Vorlesungen über die Ästhetik von G.W.F. Hegel
Vorlesungen über die Ästhetik von G.W.F. Hegel.

Im ersten Teil von der Besprechung der Vorlesungen über die Ästhetik habe ich Hegels Kunstbegriff erläutert, der auf dem sinnlichen Erscheinen der Idee basiert. Hierunter versteht er die im Ideal verkörperte Schönheit, die auf einem gespeicherten Moment einer Inspiration basiert, einer Lebendigkeit, die durch den jeweiligen Rezeptionsakt erweckbar ist. Im zweiten Teil möchte ich nun dieses Kunstideal und Hegels Maßstäbe des artistischen Gelingens vorstellen. Der zweite Teil fragt nun, unter welchen Voraussetzungen Schönheit erscheint und wie sich das Ideal im künstlerischen Prozess verwirklicht. Im folgenden Zitat charakterisiert Hegel in Vorlesungen über die Ästhetik das Kunstwerk:

So ist denn jedes wahrhaft poetische Kunstwerk ein in sich unendlicher Organismus: gehaltreich und diesen Inhalt in entsprechender Erscheinung entfaltend; einheitsvoll, doch nicht in Form und Zweckmäßigkeit, die das Besondere abstrakt unterwirft, sondern im Einzelnen von derselben lebendigen Selbständigkeit, in welcher sich das Ganze ohne scheinbare Absicht zu vollendeter Rundung in sich zusammenschließt; mit dem Stoffe der Wirklichkeit erfüllt, doch weder zu diesem Inhalte und dessen Dasein noch zu irgendeinem Lebensgebiete im Verhältnis der Abhängigkeit, sondern frei aus sich schaffend, um den Begriff der Dinge zu seiner echten Erscheinung herauszugestalten und das äußerlich Existierende mit seinem innersten Wesen in versöhnenden Einklang zu bringen.

Georg Friedrich Hegel aus: „Vorlesungen über die Ästhetik
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Georg Wilhelm Friedrich Hegel: „Vorlesungen über die Ästhetik“ (i: Hegels Kunstbegriff)

Die Vorlesungen über die Ästhetik (1835) von Georg Wilhelm Friedrich Hegel gehören zu den maßgeblichsten Abhandlungen des ästhetischen Feldes der Neuzeit. Zusammen mit Immanuel Kants Die Kritik der Urteilskraft(1790), Theodor W. Adornos Ästhetische Theorie (1970) und Umberto Ecos Das offene Kunstwerk (1977) spannen sie einen begrifflichen sehr differenzierten Raum auf, in welchem noch die verschiedensten Gemischlagen ästhetischer Interventionen ihren Platz zu finden vermögen. Hegel selbst bricht in diesem Raum eine Lanze für das synthetisierende, harmonisch-dynamische Kunstwerk, wohingegen Kant das sittlich-statische bevorzugt und Adorno den selbstimmunisierend-autonomen und Eco dem verspielt-kaleidoskopisch postmodernen Werken das Wort redet. Im folgenden will ich in der Reihe meiner Bemühungen, das bisherige ästhetische Feld in seiner vollumfänglichen Begrifflichkeit zu umreißen, den Hegelschen Kunstbegriff vorstellen, seine Maßstäbe des artistischen Gelingens und die Stufen und Paradigmen der ästhetischen Entwicklung. Als Ausgangspunkt nehme folgendes Zitat aus Hegels Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1830):

Die Gestalt dieses Wissens [das der Kunst] ist als unmittelbar (das Moment der Endlichkeit der Kunst) einerseits ein Zerfallen in ein Werk von äußerlichem gemeinen Dasein, in das dasselbe produzierende und in das anschauende und verehrende Subjekt; andererseits ist sie die konkrete Anschauung und Vorstellung des an sich absoluten Geistes als des Ideals, – der aus dem subjektiven Geiste geborenen konkreten Gestalt, in welcher die natürliche Unmittelbarkeit nur Zeichen der Idee [ist], zu deren Ausdruck so durch den einbildenden Geist verklärt ist, daß die Gestalt sonst nichts anderes an ihr zeigt; – die Gestalt der Schönheit.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel aus: „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse“
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Leipziger Buchmesse Preis 2026: Die Shortlist. Mein Fazit.

Als ich meinen Blog begann, im Frühjahr 2021, bekam Iris Hanika mit Echos Kammern den Preis der Leipziger Buchmesse zugesprochen. Es hat mich damals fröhlich gestimmt, ein solch buntes, lebenslustiges, verspieltes, verschrobenes Werk so geehrt zu finden. Zu diesem Zeitpunkt bin ich in Sachen Gegenwartsliteratur ziemlich unbewandert gewesen, wenn nicht sozusagen völlig ahnungslos. Iris Hanika, Clauda Durastanti mit Die Fremde, und Helga Schuberts Vom Aufstehen motivierten mich daraufhin, tiefer in die Tiefen und Untiefen des literarischen Gegenwärtigen einzutauchen, und seitdem lese ich die jeweiligen Shortlist-Titel des Georg-Büchner-Preises, des Preises des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, des Literaturnobelpreises und auch die des Leipziger Buchmesse-Preises mit lebendig sich hebendem und veränderndem Interesse.

Was hat also der Leipziger Buchmesse-Preis 2026 zu bieten?

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Helene Bukowski: „Wer möchte nicht im Leben bleiben“

Wer möchte nicht im Leben bleiben
von Helene Bukowski
Wer möchte nicht im Leben bleiben
von Helene Bukowski. Shortlist des Leipziger Buchmesse-Preises 2026

Shortlist des Leipziger Buchmesse-Preises 2026: Jugend in der DDR, Coming-of-Age im sozialistischen Korsett taucht in der Gegenwartsliteratur in verschiedensten Konnotationen auf: im Zusammenhang mit der Staatssicherheit in Charlotte Gneuß‘ Gittersee; in der Auseinandersetzung mit der als gewalttätig empfundenen Großelterngeneration in Anne Rabes Die Möglichkeit von Glück; oder als Rebellion gegen die strikten Sexualmoralen in Bettina Wilperts Herumtreiberinnen. Diese Beispiele zehren von den wegbereitenden Romanen von Ulrich Plenzdorf mit Die Leiden des jungen W. oder von Brigitte Reimann mit Franziska Linkerhand. Helene Bukowski amalgamiert in ihrem Wer möchte nicht im Leben bleiben die Stimmung von Reimann mit dem Stoff eines Christoph Heins aus Der Tangospieler, indem sie eine junge Pianistin in ihrem Werdegang durch die Jugendjahre in Neubrandenburg und nach Moskau hin verfolgt:

Du sitzt auf den kalten Dielen in der Wohnung deiner Eltern und schaust dabei zu, wie sie alles, was sich in den Räumen befindet, zusammensuchen und verpacken. Fünf Jahre alt bist du, als ihr aus Leipzig fortzieht. Dein Vater litt wieder an seinem Magenleiden. Er aß kaum noch. Man hatte ihm an der Oper gekündigt. Zu oft hatte er bei den Proben aufbegehrt, mehr Lohn gefordert, weniger Arbeitszeit. Jetzt war ihm eine Stelle als stellvertretender Direktor und Gesangslehrer an der Musikschule in Neubrandenburg angeboten worden.

Helene Bukowski aus: „Wer möchte nicht im Leben bleiben“
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Anja Kampmann: „Die Wut ist ein heller Stern“

Die Wut ist ein heller Stern von Anja Kampmann.  Shortlist des Leipziger Buchmesse-Preises 2026

Shortlist des Leipziger Buchmesse-Preises 2026: Über das Rotlichtmilieu der Weimarer Zeit existieren einige namhafte Romane, bspw. Alfred Döblins Berlin-Alexanderplatz oder Vicki Baums Menschen im Hotel in Berlin oder wie Hans Falladas Wer einmal aus dem Blechnapf frißt und Klaus Manns Mephisto teilweise auf der Reeperbahn in Hamburg spielen. Anja Kampmann fügt nun mit Die Wut ist ein heller Stern einen weiteren hinzu, der in St. Pauli spielt und die Auswirkungen der Machtergreifung im Jahr 1933 auf die Verhältnisse der Hamburger Unterwelt beforscht. Im Zentrum des Geschehens steht das Varieté Alkazar, geleitet von einem Arthur Wittkowski, dessen eine Hauptattraktion Edda Récord heißt, die mit ihrem unerschrockenen Sturz hinab zu einem Paar fauchender, hungriger Kaimane in ihren Bann reißt:

Von hier oben starre ich hinunter wie in einen dunklen Sumpf, ein Wirbel auf der Trommel, der lauter wird. Langsam lasse ich mich einmal herunter, halte inne, unten die Kaimane, das Publikum, sie sehen meinen Hals, die Arme, dann lasse ich mich fallen, die Drehung, rasch, auf sie zu, ich wirbele herum, rum, bleibe über ihnen waagerecht in der Luft, die Arme gestreckt bis in die Fingerspitzen. Applaus, die Dschungelnacht, das Mädchen läuft das Seil wieder hinauf, dreht sich, ich drehe mich, alles ist ganz leicht.
Anja Kampmann aus: „Die Wut ist ein heller Stern“

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Norbert Gstrein: „Im ersten Licht“

Im ersten Licht von Norbert Gstrein
Im ersten Licht von Norbert Gstrein. Shortlist des Leipziger Buchmesse-Preises 2026

Shortlist des Leipziger Buchmesse-Preises 2026: Im ersten Licht von Norbert Gstrein erzählt die Geschichte eines 1901 geborenen Mannes, der zwei Weltkriege und das Ende des Kalten Krieges erlebt und bis 1988 wartet, jemandem von seinen Erinnerungen zu erzählen. Sein Name lautet Adrian Reiter, begeisterter Kriegshistoriker und Kavallerie-Forscher, und erinnert von den Lebensumständen her betrachtet an John Williams Stoner oder auch an den Butler Mr. Stevens aus Kazuo Ishiguros Was vom Tage übrigblieb. Es handelt sich eher um stille, sich zurücknehmende männliche Charaktere, die sich ihrer jeweiligen Umwelt anpassen oder anpassen müssen und so stets im Hintergrund zu versinken drohen. Als Archetyp können solche Figuren von Harry Haller, der Hauptfigur aus Hermann Hesses Der Steppenwolf (1927), zehren. Adrian Reiter zeichnet im Gegensatz zu den genannten jedoch eine gewisse Kriegs- oder Kavallerie-Begeisterung aus:

Adrian hätte an diesem Tag selbst gern mitgespielt. Er war nicht im Krieg gewesen, aber [die Kriegsversehrten] waren alle fast gleich alt wie er, nur wenige Jahre älter, und er fühlte sich ihnen in einer paradoxen Sehnsucht zugehörig und hätte noch Jahre später im Schlaf ihre Namen aufsagen können, kaum dass er sie einmal gehört hatte, natürlich bloß die Nachnamen, wie es beim Militär üblich war, sechs an der Zahl […] War es Loyalität? War es bloß sein schlechtes Gewissen? War es Begeisterung? Ein jeder von ihnen hatte seine Schreckensgeschichte, die Adrian erspart geblieben war, und er konnte nicht sagen, warum er jeden einzelnen als seinen Bruder empfand.
Norbert Gstrein aus: „Im ersten Licht“

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Elli Unruh: „Fische im Trüben“

Fische im Trüben von Elli Unruh.
Fische im Trüben von Elli Unruh. Shortlist Leipziger Buchmessepreis 2026.

Shortlist des Leipziger Buchmesse-Preises 2026: Fische im Trüben behandelt das Thema Umsiedlung, Heimatverlust und Vertreibung anhand einer aus der Ukraine vertriebenen Familiengeschichte von (mennonitischen) Russlanddeutschen, die sich nach Bürger- und Weltkriegswirren im entfernten Kirgisien der1950er Jahre wiederfinden. Der Debütroman von Elli Unruh spannt einen Erinnerungsraum in der Weite und Breite der kirgisischen Steppe auf und schließt sich Werken wie Birobidschan eines Tomer Dotan-Dreyfus oder Herta Müllers Atemschaukel an, aber geht auch den Spuren eines Siegfried Lenz aus Heimatmuseum nach, indem die Erinnerung, das museales Verarbeiten, das Festhalten am Brauchtum in diesen Romanen selbst problematisch, fast zu einer Drangsal werden. Unruhs Roman lebt jedensfalls vor allem und zuvörderst von der beschriebenen Leere und Weite der Landschaft vor dem über 7000 Meter hohen Tian Shan:

Zuletzt im Sommer, wenn die Steppe wie das Fell einer Saiga [Antilope] im tiefen Licht der Sonne steht und im Osten das Tian Shan-Gebirge mit langgestreckten Hängen, Gletscherfirst und wind- und eisgeschärften Kämmen jeden Tag eher in der Dunkelheit versinkt, neigen sich, von Äpfeln beladen, die Äste der Bäume im Gärtchen Almaly [Apfel] schon fast bis zum Boden. Wenn nicht bald jemand zur Ernte kommt, brechen sie ab, dann war alles umsonst.
Elli Unruh aus: „Fische im Trüben“

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Emily Brontë: „Sturmhöhe“

Sturmhöhe von Emily Brontë
Sturmhöhe von Emily Brontë. Aktuelle Kino-Verfilmung (2026).

Sturmhöhe (Wuthering Heights) von Emily Brontë erschien 1847 unter dem Pseudonym Ellis Bell und gilt insbesondere aufgrund seiner Erzähltechnik als ein Schlüsselroman der englischsprachigen Literaturentwicklung, setzt es sich doch ästhetisch von dem gehobenem Ton einer Jane Austen bspw. in Emma (1814) oder vom dynamisch-sprengenden Abenteuererzählstil ihrer Schwester Charlotte Brontë in Jane Eyre (1847) ab. Sturmhöhe weist statt dessen vielmehr auf Romane wie Das Schloß von Franz Kafka oder die Werke aus dem französischen Existentialismus bspw. auf die von Albert Camus, allen voran aber auf die brüchigen, aus den Angeln gehobenen psychodramatischen Strukturen von Fjodor Michailowitsch Dostojewskis u.a. in Die Brüder Karamasoff voraus. In dieser Literaturtradition wird nicht die Welt zum Problem, zum Abenteuer, sondern die eigene innere instabile Persönlichkeit bricht durch:

›O, ich verglühe! Ich wollte, ich wäre droben auf den Hügeln von Wuthering Heights! Ich wollte, ich wäre wieder ein Mädchen, verwildert und wetterhart und frei und könnte über Kränkungen lachen, statt darüber rasend zu werden. Warum bin ich so verändert? Warum können ein paar Worte mich so aufregen? Ach, wäre ich nur einmal wieder in der Heide auf den Hügeln drüben – ich würde mich gewiß wiederfinden! Mach noch einmal das Fenster auf; weit! Laß es auf! Schnell, warum rührst du dich nicht?‹
›Weil ich Ihnen nicht den Tod geben möchte‹, entgegnete [Ellen Dean].
›Du meinst, du willst mir keine Möglichkeit zum Leben geben!‹ sagte [Catherine] trotzig. ›Nun, noch bin ich nicht hilflos; ich werde es selbst öffnen!‹

Emily Brontë aus: „Sturmhöhe“

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