Elfriede Jelinek: „Angabe der Person“

Elfriede Jelinek: "Angabe der Person"
Kommunikativ schweigen und doch schreiben …

Die Texte von Elfriede Jelinek changieren stets zwischen den Sprachwelten. Sie setzen sich aus Zitaten, Pastiches, aus den verschiedensten Quellen zusammen. Die Schreibende nimmt alles auf, hört Radio, sieht fern, liest Zeitung, Bücher, Theaterstücke, um sich Stichwörter geben zu lassen, mithilfe derer sie improvisierend, paraphrasierend den Rahmen ihrer Gesamtkonzeption füllt. Die Massenmedien taugen als Delphisches Orakel und fungieren wie das Soufflieren im Theater. Konsequenterweise verwirklicht ein solches Schreiben keine hermetische, zeitenthobene Form. Alles bleibt und wird Kommentar. Ob dieser sich als Theaterstück, Blogbeitrag oder Roman realisiert, erscheint nebensächlich. Elfriede Jelinek bricht also kein Schweigen, wenn sie nach 22-jähriger Abstinenz wieder einmal einen verlagsvertriebenen Roman vorlegt, denn auch ohne Roman gab es in dieser Zeit viel von ihr zu hören und zu lesen, bspw. im Theater oder auf ihrem Blog. In Angabe der Person greift sie nun nach langer Zeit wieder zur Prosaform:

Der eine Satz weiß nicht, was der andre zu bedeuten hat, sie hören nicht auf mich, sie hören nicht, was ich sage, sie fühlen nicht, was ich höre, die blöden Sätze, nein, umgekehrt, sie hören nicht, was ich fühle, sie sagen etwas, sie sagen etwas dagegen, doch was sie von mir wollen, das sagen sie nicht, das wissen sie.

Elfriede Jelinek aus: „Angabe der Person“
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Halldór Laxness: „Am Gletscher“

Halldór Laxness "Am Gletscher"
Unaufgeregtheit als Passion … Nobelpreis für Literatur 1955

Ewiges Eis heißen die Gebiete, wo trotz Jahreszeitenwechsel das Eis nie schmilzt. Das Polargebiet kommt einem in den Sinn, aber auch die schneeverwehten Gipfel, Grate und Kämme großer Gebirge. Der Schnee vergeht dort nicht. Das Eis bleibt, und die Gipfel erstrahlen im hellen Weiß. Nicht nur Bergspitzen, auch Gletscher trotzen der Sonne und dem Sommer und legen Zeugnis ab von längst vergangenen Zeiten. Sie halten stand und geben ihr Geheimnis nicht preis. Sie dauern auf anderen Zeitskalen. Halldór Laxness‘ Roman Am Gletscher gleicht einem solchen und zwar in mehrerer Hinsicht:

Es war einer jener Tage im Mai, wunderschön gegen Abend, an denen das Glück des Lebens einem sterblichen Menschen entgegenlächelt. An einem solchen Tag pflegten die Alten zu sagen: Vor seinem Lebensende ist niemand glücklich zu preisen. Der Gletscher, der Terrinendeckel der Welt, deckte die Geheimnisse der Erde zu. Er sah mir und der Frau still nach in der Gewißheit, wenn er sich nur um ein Quentchen rührte, bekäme er einen Riß, aus dem die Maus herausspringt.

Halldór Laxness aus: „Am Gletscher“
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Kalenderwoche 44-45. Lesebericht.

Kalenderwoche 44-45. Lesebericht.

Völlig absorbiert hat mich in den letzten beiden Wochen Friedrich Hölderlins Werk. Ich blätterte in seinen Gedichten und theoretischen Versuchen, in seinen Briefen, Fragmenten, in den verschiedenen Versionen seines Romans Hyperion und Dramas Tod des Empedokles wie in seinen Übersetzungen von Sophokles‘ Antigone und Ödipus der Tyrann. In meinem Lesebericht habe ich bereits ausführlich über Hyperion berichtet und Hölderlins Versuch, mittels enthusiastische Stilistik und poetische Lebensbejahung über alle Unterschiede hinwegzutrösten, andeutungsweise untersucht. In Tod des Empedokles schlägt er einen dramatischeren, tragischeren Ton an, der nichtsdestotrotz der Bewegung und der Lebendigkeit das Wort redet:  

Vergehn? ist doch
Das Bleiben gleich dem Strome, den der Frost
Gefesselt. Töricht Wesen! schläft und hält
Der heil’ge Lebensgeist denn irgendwo,
Daß du ihn binden möchtest, du, den Reinen?
Es ängstiget der Immerfreudige
Dir niemals in Gefängnissen sich ab
Und zaudert hoffnungslos auf seiner Stelle!
Frägst du, wohin? die Wonnen einer Welt
Muß er durchwandern und er endet nicht.

Friedrich Hölderlin aus: „Tod des Empedokles“
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Friedrich Hölderlin: „Hyperion“

Friedrich Hölderlin: „Hyperion“
Das Eine und Alles … poetisch die Unterschiede überbrücken.

Die Entstehungsgeschichte von Friedrich Hölderlins einzigem Roman Hyperion liest sich selbst wie ein Liebes- und Reiseroman. Geplant wurde der Roman von dem gerade zweiundzwanzig gewordenen Stiftstipendiaten ab Mai 1792. Eine Tübinger Fassung entstand um 1793, und einige Versionen und Umzüge, Komplettentwürfe und Fluchten von Tübingen nach Frankfurt später erschien 1794 ein Fragment von dem Roman in Friedrich Schillers Zeitschrift Neue Thalia. Auf dessen Anraten wurde nach Verwerfung der metrischen Fassung und der Jugendgeschichte der erste Band von zwei Bänden schließlich im Verlag Cotta 1797 veröffentlicht, aber nur nach vielen Kürzungen und Streichungen, und nach weiterem Herzschmerz, Reisen nach Jena, einer weiteren Flucht nach Nürtingen, Verwerfungen mit Freunden ging der zweite Band im selben Verlag 1799 in den Druck. Einen Romanentwurf oder ein Manuskript letzter Hand gibt es jedenfalls nicht. Wie das ganze Leben von Hölderlin, so blieb auch sein Roman in sich zerstritten und insbesondere der zweite Teil des zweiten Bandes ein Torso:

O Gott! und daß ich selbst nichts bin, und der gemeinste Handarbeiter sagen kann, er habe mehr getan, denn ich! daß sie sich trösten dürfen, die Geistesarmen, und lächeln und Träumer mich schelten, weil meine Taten mir nicht reiften, weil meine Arme nicht frei sind, weil meine Zeit dem wütenden Prokrustes gleicht, der Männer, die er fing, in eine Kinderwiege warf, und daß sie paßten in das kleine Bett, die Glieder ihnen abhieb.

Friedrich Hölderlin aus: „Hyperion“
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Annie Ernaux: „Das andere Mädchen“

Annie Ernaux: „Das andere Mädchen“
Von einem Leben, das aufhörte zu leben … Spiegel Belletristik-Bestseller 43/2022.

Gespenster existieren auf unterschiedliche Arten und Weisen. Unabgeschlossene Prozesse, nicht verheilte Wunden und Schmerzen sind solche Möglichkeiten. Sie hallen nach. Das Echo einer unbewältigten Vergangenheit durchzieht die Gedanken, unterminiert das Gemüt, schillert und wabert durch die Sinnbildungen hindurch. Annie Ernaux schreibt in Das andere Mädchen von einem solchen Gespenst, das einer verstorbenen, von den Eltern verschwiegenen Schwester, und verdichtet und drängt eine Erinnerungsspur bis aufs äußerste und kürzeste wortkarg gedrängt:

Ich kann ihre Erzählung nicht Wort für Wort wiedergeben, nur den Inhalt und einige Sätze, die die Jahre bis heute überdauert haben, Sätze, die wie eine kalte, lautlose Flamme über mein Kinderleben hinwegfuhr, während ich weiter neben meiner Mutter herumsprang und mich drehte, mit gesenktem Kopf, um bloß keine Aufmerksamkeit zu erregen.

Annie Ernaux aus: „Das andere Mädchen“
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Kalenderwoche 42-43. Lesebericht.

Kalenderwoche 42-43. Lesebericht.

Nun, nach der Zeitumstellung, zwitschern die Vögel morgens wieder fröhlicher und früher, selbst in Berlin. Es dauert nur wenige Tage an, aber solange die Gewöhnung noch nicht eingesetzt hat, fliegen, flattern und piepen die Vögel über den Dächern von Kreuzberg äußerst immens. Vielleicht liegt’s auch am Halbmond, oder am Wetter. Wer weiß. Nach dem Buchpreislesen beschäftigt sich mein Kalenderwoche 42-43 Lesebericht nicht so sehr mit Bestsellerbüchern, sondern mit Klassikern der Ökonomie, die u.a. die Wechselwirkungen von Subsystemen untersuchen, um der Selbstreferenzialität zu entfliehen:

Das Erstaunliche liegt in der Prätention und in dem Ausmaß, in dem es ihr doch gelingt, selbstreferentielle Zirkel zu unterbinden. Zumindest operiert das System jeweils so, also ob dies so wäre; und wenn dies eine Fiktion ist, dann eine, die funktioniert.

Niklas Luhmann aus: „Die Wirtschaft der Gesellschaft“
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Annie Ernaux: „Das Ereignis“

Annie Ernaux "Das Ereignis"
Vom Ausgeliefertsein … Nobelpreis für Literatur 2022

Nach dem von vielen, aber vor allem von der Postmoderne und dort insbesondere von Jean-François Lyotard besungenen Ende der großen Erzählungen strebt in Theorie wie Literatur, in Philosophie wie in Romanen die Sprache statt Holizität nun Authentizität an. Nicht in großen, alles umfassenden Entwürfen, vielmehr in Splittern, Miniaturen, schiefwinkligen Einblicken werden Momentaufnahmen verfasst. Die Authentizität stellt sich dem Versuch, ungeminderte Realität wiederzugeben. Wüst, schmerzhaft, gebrochen, hoffnungsvoll beschwingt oder hoffnungslos resignativ heftet sich der Blick ans Unscheinbare, an die Lücke, um die sich das Wesentliche schließt:

Draußen war plötzlich alles unwirklich. Wir liefen nebeneinanderher, mitten auf der Straße, und näherten uns dem Ende der Passage Cardinet, wo die Mauer eines Hauses die Sicht versperrte und nur einen Streifen Licht einfallen ließ. Die Szene läuft langsam ab, es wird allmählich dunkel. Nichts aus meiner Kindheit, meinem bisherigen Leben hat mich hierhergeführt.

Annie Ernaux aus: „Das Ereignis“
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Leona Stahlmann: „Diese ganzen belanglosen Wunder“

Leona Stahlmann: „Diese ganzen belanglosen Wunder“
… dem täglichen Kosmos Adieu gesagt … eingeladen zum Bachmann-Preis 2022.

Untergangsstimmung lässt sich auf mannigfaltige Weise verbreiten. Beispielsweise kurz und prägnant, frustriert oder deprimiert, leidend, wütend, bangend oder klagend – Leona Stahlmann wählt in ihrem neuesten Roman einen anderen Weg. Sie verliert sich in den Details und Bruchstücken einer verlorengegangenen Welt, ohne sie zu betrauern. Sie nimmt die Veränderung an, bleibt in Bewegung, tanzt mit. Im Zentrum ihres Buches steht deshalb auch ein großer, sich ständig verändernder Fluss, einer, der nie bleibt, was er gewesen ist. In Diese ganzen belanglosen Wunder äußert sich so auch kein Widerstandswille, vielmehr der Wunsch, dem Weltganzen sanfter und viel behutsamer auf den Pelz zu rücken, denn das Einzelne wird zum Einzelnen durch das Unnennbare:

Ich habe zum ersten Mal etwas vergessen, was Stine ausmachte, was jeden auf eine zwingende, entblößende Weise ausmacht und nie vollständig durch einen anderen ersetzt werden kann, weil es immer Abweichungen geben wird, Klafter und Spalten, in denen das Entscheidende aufbewahrt wird. Man kann nicht den Finger darauflegen und es selten benennen. Es liegt immer einen Zungenschlag neben der Sprache. Vor dem Wort, das man sucht. Hinter dem Bild, das man bemüht. Aber man kann es spüren und riechen und sich seinen Geschmack einprägen. Man kann es vergessen.

Leona Stahlmann aus: „Die ganzen belanglosen Wunder“
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Kalenderwoche 38-41. Lesebericht.

Kalenderwoche 38-41. Lesebericht.

Die letzten Wochen standen ganz im Zeichen der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Statt einer wöchentlichen Wahl aus der Spiegel Belletristik Bestseller-Liste überließ ich die Wahl der Akademie des Deutschen Buchpreises und ihrer jährlich wechselnden Jury. Sie legten mir nebst Fatma Aydemirs Dschinns und Kristine Bilkaus Nebenan, noch vier weitere Bücher ans Herz, die ich bereitwillig kaufte und widerspruchslos las. Mein Blog besteht ja überhaupt hauptsächlich aus Büchern, die ich ohne äußeren Anstoß sonst nicht lesen würde, und gerade dies führt aber zu ungeahnten Einblicken und Leseerfahrungen, die ich seitdem nicht mehr missen möchte. In meinen Lektüren versuche ich stets das Beste aus den Büchern, die sich mir aufdrängen, herauszuholen. Nicht immer jedoch gelingt’s und das gibt mir weitere ästhetische wie verwickelte dialektische Rätsel auf:

Weil ästhetische Vulgarität undialektisch die Invariante sozialer Erniedrigung nachmacht, hat sie keine Geschichte; die Graffiti feiern ihre ewige Wiederkehr. Kein Stoff dürfte je als vulgär von der Kunst tabuiert werden; Vulgarität ist ein Verhältnis zu den Stoffen und denen, an welche appelliert wird.

Theodor W. Adorno aus: „Ästhetische Theorie“
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Georg Wilhelm Friedrich Hegel: „Das unglückliche Bewusstsein“

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: „Das unglückliche Bewusstsein“
Vom jubelnden Missverständnis und anderen Bewusstseinsformen.

Hegels Die Phänomenologie des Geistes lässt sich unter vielen verschiedenen Geschichtspunkten untersuchen und lesen. Die meisten wählen einen historischen Weg und sehen in den angegebenen Bewusstseinsstufen wie sinnliche Gewissheit, Verstand, Geist und Vernunft die Weltgeschichte aus europäischer Sicht nachgezeichnet. Andere begreifen die Kapitelabfolge vor allem als erkenntniskritische Selbstreflexion auf Wissen und was zu wissen möglich ist, zumal der Text mit dem absoluten Wissen schließt. Wiederum andere lesen Hegel rein politisch oder moralphilosophisch, vor dem Hintergrund seiner späteren Rechtsphilosophie. Auf diese oder jene Weise geraten seine Texte schnell unter die alles zermalmenden Räder sehr landläufiger, nahezu verfälschender Erwägungen, die mit wenigen Begriffen universalhistorisch argumentieren und ein reiches, in sich differenzierendes Denken unter den Generalverdacht dieses oder jenes Schlagwortes subsumieren. Für Details bleibt bei dieser Textauslegung kein Platz, und sie ignoriert Hegels eigenen Versuch, im Vorwort der Phänomenologie ein solches Subsumieren zu unterbinden:

Denn statt mit der Sache sich zu befassen, ist solches Tun [das Beurteilen und Vergleichen von Resultaten] immer über sie hinaus; statt in ihr zu verweilen und sich in ihr zu vergessen, greift solches Wissen immer nach einem Anderen und bleibt vielmehr bei sich selbst, als daß es bei der Sache ist und sich ihr hingibt. – Das leichteste ist, was Gehalt und Gediegenheit hat, zu beurteilen, schwerer, es zu fassen, das schwerste, was beides vereinigt, seine Darstellung hervorzubringen.

G.W.F. Hegel aus: „Die Phänomenologie des Geistes“ (Vorrede)
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