Louise Glück: „Winterrezepte aus dem Kollektiv“

Rezension. Louise Glück: "Winterrezepte aus dem Kollektiv"
Weder zu laut noch zu leise, eine Poesie des Zwischenraumes … Nobelpreis für Literatur 2020.

Der Gedichtband von Louise Glück: „Winterrezepte aus dem Kollektiv“, Nobelpreisträgerin für Literatur aus dem Jahre 2020, erzählt von einer fernöstlichen Ding- und Sprachsanftheit. Die Gedichte werden im Zusammenhang mit dem „Tao-Tê-King“ von Laotse, mit Karl Kraus‘ Text „Die Sprache“ und Bertolt Brechts „Svendborger Gedichte“ gelesen und besprochen. Weder schweigen noch schreien, sondern sagen und hören scheint die poetologische Devise von Glück zu sein.  

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Jessica Lind: „Mama“

Vom Fürchten und anderen existenziellen Ängsten … auf der Shortlist des Bloggerdebütpreis

Eine Hütte, verlassen im Wald, ohne Kontakt zur Außenwelt, ein Pärchen auf den Spuren der Vergangenheit – aus diesem Stoff werden für gewöhnlich Horror-Romane gezimmert. Keine Hilfe weit und breit, auf sich allein gestellt, mit den eigenen Urängsten, Schwächen und Hoffnungen konfrontiert, gerät für die Figuren in diesen Machwerken schnell alles außer Kontrolle. Ein bekanntes Beispiel stellt Stephen Kings „Shining“ (Hotel statt Hütte) und „Das Spiel“ dar, die nichts für zartbesaitete Gemüter sind. Jessica Linds Roman „Mama“ ist es auch nicht. Nur aus andersgearteten Gründen. Verbreitet Stephen King in seinen erbarmungslosen Schockern, die noch nach Jahren Gänsehaut der unangenehmen Sorte erzeugen, mit etwas billigen, aber wirksamen literarischen Mitteln Horror, gelingt Lind dies ohne jedwede Abartigkeiten. Lind schreitet vielmehr den schmalen Grat der eigenen Zivilisiertheit ab, gerät aber hier und da aus dem Gleichgewicht und lässt einen teilweise übers Unheimliche und Bodenlose taumeln, mit rudernden, ausgebreiteten Armen einer sinnlos gewordenen Sinnsuche. Lesend bleibt man in ständiger Angst um Josef und Amira und ihre Tochter Luise befangen, um jene Familie, die sich in der besagten Hütte von ihrem Stadtleben zu erholen sucht.

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Fernanda Melchor: „Paradais“

Von jungen Wilden und ihrer Sprachlosigkeit … Blick in den Abgrund

Bücher, die im Grunde aus Rhythmus, Sprachfreude und einem bandwurmartigen Formexperiment bestehen, lassen sich nur mit Mühe herkömmlichen Kategorien zuordnen. „Paradais“ von Fernanda Melchor gehört zu diesen Texten und lässt sich, beinahe, in einem Atemzug mit einer Lesezeit von etwa 90 Minuten durchlesen, in etwa einer Spielfilmlänge. Ist es also ein Film als Buch? Ein mexikanischer Coming-of-Age-Roman, ein Splatter-Machwerk, Thriller, eine Quentin Tarantino-Variante, bestehend aus Schimpfwörtern, Obszönitäten, ordinären Tiraden, durchsetzt von Fäkalien- und Sexmanierismen? Oder einfach der Versuch, den Dschungel spätpubertärer Jünglingsallüren mal ungeschönt und unverharmlost, nicht wie in Hermann Hesses „Demian“, in Worte zu gießen, der Gefahr der rasenden Ungeduld nackt ins furchterregende Auge zu sehen, um eine Rettung zu erahnen, wie der Ich-Erzähler in Edgar Allan Poes „Hinab in den Malstrom“?

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Michel Houellebecq: „Vernichten“

Gefangen zwischen Sentimentalität und Selbstverdruss … Spiegel Belletristik-Bestseller 03/2022

Typische Männerliteratur schwadroniert schnell zwischen Anklage und Selbstmitleid, zwischen der Sentimentalität der guten alten Zeit und Aggression gegen die neue, schnelllebige. Politik steht im Zentrum von ihnen allen. Max Billers „Der falsche Gruß“ verknüpft Geschichtsklitterung mit pubertärer Gefallsucht. „Es ist immer so schön mit dir“ von Heinz Strunk geht aufs Ganze und verliert sich durch Selbst- und Publikumsbeschimpfung ins Bodenlose. Oder die Persiflage „Es war einmal in Hollywood“ eines Quentin Tarantinos zelebriert ein nebulöses „Ach, wie schön war es“ einer gesetzlosen, unkontrollierten Film- und Schauspielerwelt der Gewalt- und Sexexzesse. Nahtlos reiht sich Michel Houellebecqs Roman „Vernichten“ ein.  

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Stefanie vor Schulte – Junge mit schwarzem Hahn

Von eigensinniger Tapferkeit in einer Welt des Grauens … auf der Shortlist des Bloggerdebütpreis

Selten tauchen Romane in der Gegenwart auf, die vom ersten Wort an, Eigensinn und Eigengesetzlichkeit beanspruchen. Sie wehren sich des Vergleichs und sprengen eine eigenartige Form von Zeitlichkeit. Stefanie vor Schultes Roman „Junge mit schwarzem Hahn“ gehört zu diesen Werken. Äußerlich eine Art Märchen, inhaltlich eine Fabel auf Widerständigkeit, rhythmisch eine Parabel aufs Erzählen, und doch sonderbar romantisch in seiner poetischen Vermittlung des Hässlichen mit dem Schönen.

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Kim Young-Ha: „Aufzeichnungen eines Serienmörders“

Zwanghaftes Vergessen … Spiegel Belletristik-Bestseller 07/2020

Dass Literaturkategorien höchstens zur sehr groben Orientierung dienen, beweist der Roman „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ von Kim Young-Ha. Dieser rangiert unter Krimis. Wurde 2020 mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichnet, belegte Platz 1 der Krimbestenliste und Platz 1 der besten Krimis der Saison, ebenfalls 2020. Wer nun meint, er bekomme den nächsten Simon Beckett oder Sebastian Fitzek geboten, oder einen Brunetti-Roman von Donna Leon, der täuscht sich. Er bekommt etwas geboten, und zwar eine polithistorische Parabel auf Gewalt, Vergessen, Schuld und Sühne in einem heimgesuchten Land, das genug Tote für viele weitere Generationen gesehen hat: Südkorea. Es handelt sich also um einen Fall, der sich nicht so leicht lösen lässt. Der Roman handelt von einem an Alzheimer erkrankten Serienmörder, Byongsu Kim.

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