Leïla Slimani: „Trag das Feuer weiter“

Trag das Feuer weiter von Leïla Slimani
Trag das Feuer weiter von Leïla Slimani. Spiegel Belletristik-Bestseller 2026.

Trag das Feuer weiter beendet die von Leïla Slimani großangelegte Trilogie der Familie Belhaj, die im Roman Das Land der anderen mit der Geschichte des Marokkaners Amine und der Elsässerin Mathilde begonnen hat. Wird im zweiten Buch, Schaut, wie wir tanzen, hauptsächlich von deren Kindern, Selim und Aïcha, erzählt, beschließen nun die ersten Schritte ihrer Enkelkinder ins Erwachsenenleben, Mia und Inès, die Familiensaga. Mit den Enkeln schließt sich auch geographisch der Kreis, denn sowohl Mia wie Inès leben wie einst ihre Großmutter Mathilde in Frankreich und nicht in Marokko. Die Erzählgegenwart schreibt das Jahr 2022. Marokko spielt im Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft gegen Frankreich:

Hakim hat mir eine Nachricht geschrieben: »Ich bin so glücklich. Ist dir bewusst, dass es zum ersten Mal seit zwanzig Jahren wieder eine positive Nachricht im Zusammenhang mit Muslimen gibt?« Ich habe ihm nicht geantwortet. Heute Abend wird er in seiner Pariser Wohnung das WM-Halbfinale zwischen Frankreich und Marokko schauen, er und Inès werden ihren Kindern mit Schminke den grünen Stern des Königreichs auf eine Wange und den französischen Hahn auf die andere malen. Sie werden sagen: »Möge der Bessere gewinnen. Egal, wie es ausgeht, wir freuen uns.«
Leïla Slimani aus: „Trag das Feuer weiter“

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Bodo Kirchhoff: „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“

Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt von Bodo Kirchhoff
Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt von Bodo Kirchhoff. Spiegel Belletristik-Bestseller 2026.

In seinem neuesten Roman Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt beschäftigt sich Bodo Kirchhoff mit der zunehmenden Desintegration des Leben- und Liebesraumes einer siebzigjährigen Psychotherapeutin auf ehelichen Abwegen. Kirchhoff verschmelzt hier zwei beliebte Stoffe: das Alter und die Liebe, und nimmt die Erzählfäden eines Bernhard Schlinks aus Das späte Leben, Martin Mosebach Krass oder Natascha Wodin in Die späten Tage auf, die ebenfalls prekäre Liebesverhältnisse, Beziehungen und Herausforderungen im Alter behandeln. Das archetypische Alt liebt jung münzt Kirchhoff mal zur Abwechslung nach Seit er sein Leben mit einem Tier teilt auf seine Protagonistin Terese, die sich in einen ungefähr zwanzig Jahre jüngeren Inder namens Rana Walter Panjabi verliebt:

Ein Kuss war das von seiner Seite noch nicht, und ihre Augen, die blieben auf, sie sah leicht verschwommen seine Nase und für einen Mann erstaunliche Wimpern und hörte ihr Herz oder glaubte es zu hören, sein Arbeiten für und gegen sie. Und bei dem Gedanken daran fällt ihr der Begriff für ihre Rolle bei den Sitzungen mit jungen Therapeutinnen ein, die von ihren Fällen erzählen: teilnehmende Beobachterin. So war es auch bei diesem Probekuss mit der Zimmertür im Rücken, die hat sie selbst mit dem Fuß zugedrückt, ihr erster Beitrag zu dem Ganzen.
Bodo Kirchhoff aus: „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“

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Cees Nooteboom: „Rituale“

Rituale von Cees Nooteboom
Rituale von Cees Nooteboom. Eine Trauerüberwindung?

Anlässlich seines Todes am 11. Februar diesen Jahres, bespreche ich den ersten seiner drei größeren Romane, neben Die folgende Geschichte und Allerseelen, den Roman Rituale, der gemeinhin als sein Durchbruchswerk gilt. Sigmund Freud analysiert in seinem Aufsatz Trauer und Melancholie die letztere als eine Herabsetzung des Selbstgefühls, die auf Suizidgefährdung hinausläuft. Sie gilt auch als eine Art Mönchskrankheit, verwandt mit der Acedia, die laut Rufus von Ephesos aus einer übersteigerten Beschäftigung mit abstrakten Dingen herrührt und zu einem Sinnverlust, einem fehlenden Interesse an der Außenwelt führt. Cees Nooteboom exploriert dieses Gefühl in seinem dritten, 1980 erschienen Roman Rituale:

Ihm war, als kotze er seinen ganzen Körper aus […] Der ganze große Kramladen voller Erinnerungen und Demütigungen, seine schwachsinnige Einsamkeit, alles mußte hinein in die dunkle Höhle des Gartens, alles mußte verschwinden, unsichtbar werden, alles mußte wie eine saure, bösartige Masse nach draußen geschleudert werden, wo es sich ein für allemal auflösen würde – zusammen mit ihm. Er wollte nicht mehr existieren.
Cees Nooteboom aus: „Rituale“

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Jennette McCurdy: „Half his age“

Half his age von Jennette McCurdy
Half his age von Jennette McCurdy. New York Times #1 Bestseller.

Half his age heißt der Debütroman von Jennette McCurdy, die bereits mit ihren Kindheitsmemoiren I’m glad my mom died auch im deutschsprachigen Raum in Erscheinung getreten ist. Reflektiert sie in ihren Memoiren über ihr offenkundig eher problematisches Verhältnis zur eigenen Mutter, die sie wohl in die Rolle eines Kinderstars gedrängt hat, arbeitet sie in Half his age eher das Erwachen des Selbstbewusstseins einer Jugendlichen auf, der siebzehnjährigen Waldo, die in Anchorage lebt und dort ein normales Dasein als weißes Unterschichtskind führt. Half his age wird durch die Beziehung Waldos zu einem über vierzig Jahre alten Kreatives-Schreiben-Lehrer skandalträchtig rezipiert und in die Nähe von Vladimir Nabokovs Lolita gerückt. Die genauere Lektüre zeigt diese Parallele einer invertierten Lolita-Situation aber als fehlgeleitet. Weder fühlt sich Waldo als Opfer noch objektiviert sie ihren Lehrer noch wird irgendjemand fürs Leben gezeichnet, entführt oder getötet. Waldo verknallt sich einfach:

Nein, hier steht jemand, der der enttäuschenden Wahrheit, wie sein Leben verlaufen ist, direkt ins Auge gesehen hat und der bereit ist, das offen und verletzlich zuzugeben. Ich mustere Mr. Korgys dünner werdendes Haar und die Poren auf seiner Nase. Die geplatzten Blutgefäße, die um seine Nasenlöcher herum aufblühen, die weiche Kontur seines Kiefers und die Falten um seine Augen. Seine sogenannten unattraktiven Eigenheiten, die mich aber so anziehen. Und es ist die reine Folter. Es ist berauschend. Unvermeidlich. Diese Art von Anziehung ist es. Die Art, bei der man sich völlig sicher ist, dass es dazu kommen wird, nur weiß man noch nicht, wie.
Jennette McCurdy aus: „Half his age“

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Jean Paul: „Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs“

Siebenkäs von Jean Paul
Siebenkäs von Jean Paul.

Jean Paul (1763-1825) gilt zurecht als ein Solitär der Literaturgeschichte, vergleichbar höchstens mit einem François Rabelais (1483-1553) oder François Villon (1431-1463). Wenige haben seinen Stil fortgesetzt. Im deutschsprachigen Raum können da Albert Vigoleis Thelen mit Die Insel des zweiten Gesichts oder das Werk von Arno Schmidt genannt werden. Von Jean Pauls breitem Gesamtwerk sticht nach mehr als zwei Jahrhunderten noch immer Siebenkäs heraus, der weniger auf zeitgenössische Diskurse Bezug nimmt, als sich um poetische Bewältigung der elementarsten Erfahrungen der menschlichen Existenz bemüht: den Tod, die Ehe und die prekäre Sicherheit der sozialen Existenz. All dies versammelte Jean Paul ungewöhnlich kondensiert im länglichen Titel seines Romans, der mit vollständigem Titel Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs heißt. Er beginnt mit der Hochzeit von Firmian Siebenkäs und Wendeline Lenette Egelkraut:

Droben [hinter der Liedertafel des Chors in der Kirche] guckt nämlich herunter – und wir sehen alle in der Kirche hinauf – Siebenkäsens Geist, wie der Pöbel sagt, d.h. sein Körper, wie er sagen sollte. Wenn der Bräutigam hinauf schauet: so kann er erblassen und denken, er sehe sich selber. – – Die Welt irrt; rot wurd‘ er bloß. Sein Freund Leibgeber stand droben, der schon seit vielen Jahren ihm geschworen hatte, auf seinen Hochzeittag zu reisen, bloß um ihn zwölf Stunden lang auszulachen. Einen solchen Fürstenbund zweier seltsamen Seelen gab es nicht oft.
Jean Paul aus: „Siebenkäs“

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Slata Roschal: „Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt“

Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt von Slata Roschal
Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt von Slata Roschal

Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt heißt das neue Buch von Slata Roschal. Im Anschluss an zwei Prosatexte, die nur mit Mühe Roman genannt werden können, namentlich 153 Formen des Nichtseins und Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten, legt sie nun eine lyrische Arbeit vor, die formal gesehen der Thematik ihres Gegenstandes viel eher entspricht. Roschal zeigt sich als dadaistische Poetin, die die fragmentierten Sinngehalte ihres Lebensraumes mit Wortakrobatik zu bannen sucht und zeigt, wie Autofiktion viel eher als lyrische Grundstimmung, denn als prosaische Selbstbetrachtung umgesetzt werden kann.

Ich brauche einen Waffenschein ein neues
Bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt
Wen kann ich tragen mit wem soll ich mich verbinden
Mach deinen Liebsten eine Freude sagt der Gärtner
Begrab dich selbst und leg dir deutsche gelbe
Stiefmütterchen zur Hand oder rote Plastiknelken
Dieser Tag macht keinen Sinn er sollte
Als Ordnungswidrigkeit behandelt und verboten werden
Slata Roschal aus: „Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm …“

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