Patrick Modiano: „Die Tänzerin“

Die Tänzerin von Patrick Modiano
Die Tänzerin von Patrick Modiano. Literatur-Nobelpreis 2014.

Patrick Modiano, Literatur-Nobelpreisträger von 2014, schreibt um einen Erinnerungskern herum, den er aktiv am Schweben hält. Seine Ich-Erzählweise schließt sich klar einer Miniaturform von Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit an und viele Motive, die in seinem neuesten Roman Die Tänzerin vorkommen, hat er bereits in früheren behandelt, beispielsweise die Pariser Bahnhöfe wie den Gare de Saint-Lazare, den er in Eine Jugend (1981) als „eine Senke, eine Art Trichter, in den alle schließlich hineinrutschen“ bezeichnet. In Die Tänzerin übernimmt diese Rolle der Gare d’Austerlitz, als sie Pierre, den Sohn der Tänzerin, abholen:

Und doch erinnerte mich diese Halle ohne Reisende an die Gare d’Austerlitz, an jenem Abend, als wir, die Tänzerin, Hovine und ich, auf Pierres Zug warteten. Ja, in einer sehr fernen Zeit hatten sich in der Halle der Gare d’Orsay noch Menschen gedrängt, und drei Personen — eine Frau und zwei Männer — waren ein Kind abholen gekommen, und wie wir standen sie am Kopf des Bahnsteigs und versuchten es im Strom der Reisenden zu entdecken. Dann waren sie den Bahnsteig entlanggegangen und hatten gesehen, wie es mit seinem Koffer aus einem der letzten Wagen stieg. Und am Ende war ich überzeugt, das seien wir, denn die gleichen Situationen, die gleichen Schritte, die gleichen Gesten wiederholen sich über die Zeit hinweg. Und sie sind nicht verloren, sondern auf alle Ewigkeit eingeschrieben in die Trottoirs, Mauern und Bahnhofshallen dieser Stadt. Die ewige Wiederkehr des Gleichen.
Patrick Modiano aus: „Die Tänzerin“

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Antje Rávik Strubel: „Der Einfluss der Fasane“

Der Einfluss der Fasane
Der Einfluss der Fasane von Antje Rávik Strubel. SWR Bestenliste 05/2025.

Der Einfluss der Fasane spielt im Berliner Journalismus- und Kulturbetrieb und thematisiert das problematische Wechselspiel von Macht, Einflussnahme, Ruhm und Aufmerksamkeitsgier in diesen Bereichen. Antje Rávik Strubels Roman behandelt den Stoff Öffentliches Miteinander und als Plot Umgarnte Machtmenschen. Er steht hiermit im engen Zusammenhang zu Heinrich Bölls Die verlorene Ehre der Katharina Blum, Alfred Anderschs Efraim und Tom Wolfes Fegefeuer der Eitelkeiten. Strubels Trubel findet in Berlin statt. Die Hauptfigur heißt Hella Renata Karl:

Im Mittelpunkt zu stehen; diesen Ehrgeiz hatte Hella nie besessen. […] Aber sie hatte, da war sie ehrlich, eine satte Niederlage [durch Kai Hochwerth] eingesteckt. Die Demütigung empfand sie hinterher noch stärker. Und als das Gefühl der Demütigung nachließ, begehrte sie auf. Sie beschloss, sich dieses Verhalten abzuschauen und es gelegentlich zu nutzen. Denn so war sie, Hella Renata Karl. Sie ließ sich von niemandem unterbuttern. Ein solches Ausagieren von Macht, so viel hatte sie verstanden, vergrößerte die Macht.
Antje Rávik Strubel aus: „Der Einfluss der Fasane“

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Erich Kästner: „Fabian“

Fabian
Moralisch geht die Welt zugrunde … Georg-Büchner-Preis 1957

Neben seinen Gedichten und Kinderbüchern wie Pünktchen und Anton und Emil und die Detektive verfasste Erich Kästner auch herkömmliche Romane mit Erwachsenen als Zielpublikum. Unter denen erregte Fabian. Die Geschichte eines Moralisten besonderes Aufsehen durch seine sexuelle Freizügigkeit, vergleichbar in neuerer Zeit bspw. mit Charlotte Roches Feuchtgebiete. Im Gegensatz aber zu Roche, deren Schreibweise individualpsychologische Traumabewältigung anvisiert und weniger einen Zeitgeist auf die Schippe zu nehmen versucht, lässt sich Kästners Roman Fabian, der eigentlich Der Gang vor die Hunde hätte heißen sollen und 2013 in Neuauflage auch unter diesem Titel erschienen ist, nur als Parodie auf die Zeit seines Entstehens verstehen, das Ende 1920er Jahre in Berlin:

Soweit diese riesige Stadt aus Stein besteht, ist sie fast noch wie einst. Hinsichtlich der Bewohner gleicht sie längst einem Irrenhaus. Im Osten residiert das Verbrechen, im Zentrum die Gaunerei, im Norden das Elend, im Westen die Unzucht, und in allen Himmelsrichtungen wohnt der Untergang.

Erich Kästner aus: „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“
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Christoph Hein: „Das Narrenschiff“

Das Narrenschiff von Christoph Hein
Das Narrenschiff von Christoph Hein. Spiegel Belletristik Bestseller und SWR Bestenliste 05/2025.

Das Thema DDR beschäftigt die Gegenwartsliteratur noch immer intensiv. Insbesondere die Vorwende- und Wendezeit steht oft im Fokus, bspw. in Werken wie Der Tangospieler von Christoph Hein oder Uwe Tellkamps Der Turm. Seltener werden die 1950er Jahre behandelt wie in Werner Bräunigs Rummelplatz oder Stefan Heyms 5 Tage im August. Die 1960er könnten mit Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann, und die 1970er von Ulrich Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W. abgedeckt werden. Seltener wird aber die gesamte Dauer der DDR als Stoff genommen. Hier seien Helga Schuberts Vom Aufstehen genannt, und nun auch Christoph Heins neuester Roman Das Narrenschiff, mit welchem er den ersten belletristischen deutschsprachigen Bestseller der Frühneuhochzeit zitiert, Sebastian Brants Das Narrenschiff (1494). Wie sein Vorbild schreibt Hein auch in über hundert Kurzkapiteln über das Narrentum, nur nicht allgemein, sondern auf die DDR bezogen:

»Eine richtige Seite, eine Seite, auf der man, ohne schamrot zu werden, stehen konnte, gab es in meiner Lebenszeit nicht, wird es wohl nicht mehr geben. Und wo ich heute stehe, Rita, das weiß ich nicht. Weiß ich nicht mehr. Vielleicht auf dem Deck eines Narrenschiffs … Und wieder schweige ich. Schweige wie damals. Ich habe an der Hochschule, im Politbüro über diese Verwirrung, diese heftigen Zweifel, diese große Scham nie gesprochen, niemals, denn die Genossen dort wähnen sich immer noch auf der richtigen Seite, auf der Seite der Sieger der Geschichte, und wären hell empört über mich. – Aber ich [Karsten Emster] halte dich auf. Du musst losgehen.«
Christoph Hein aus: „Das Narrenschiff“

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Christoph Hein: „Der Tangospieler“

Der Tangospieler

Viele DDR-Romane thematisieren den Konflikt zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen. Das Öffentliche dringt in die Wohnungen ein. Unerwarteter Besuch steht vor der Tür. Fremde Personen suchen Zugang, stellen Fragen. Brigitte Reimann wählt in Franziska Linkerhand die Architektur als Rahmen, wie Planung Privates strukturiert, wie Abstraktes über konkrete Lebenslagen unabsehbare Entscheidungen trifft, und Werner Bräunig lässt in Rummelplatz die Arbeit und das Familienleben ineinander übergehen, wie der Tagebau der Wismut die sozialen, freundschaftlichen und romantischen Verhältnisse prägt und umschreibt. Bescheidener, sprachlich und vom Umfang her, jedoch intensiv und mit selbiger Thematik fängt Christoph Hein in seiner romanlangen Erzählung Der Tangospieler aus dem Jahr 1989 eine ähnliche Endzeitstimmung ein:

Er war nicht in die Stadt zurückgekehrt, die er damals, vor zwei Jahren, verlassen hatte. Es war eine fremde Stadt mit für ihn fremden Menschen, und es gab für ihn, der nicht bereit war, an sein früheres Leben anzuknüpfen, keine Möglichkeit, in diese alte Stadt zurückzukehren.

Christoph Hein aus: „Der Tangospieler“
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Lew Tolstoi: „Krieg und Frieden“ (iii: Resümee)

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi
Krieg und Frieden von Lew Tolstoi.

Inhaltlich bietet Krieg und Frieden die Entwicklungsläufe verschiedener Figuren, die summarisch darauf hinauslaufen, dass der Altadel bestehen bleibt, der Stadtadel ausgetauscht wird, und die Schönen charakterschwach (Hélène und Anatol) und die Unschönen charakterstark (Marja und Pierre) gezeichnet werden. Reflektorisch behandelt Tolstoi die verschiedenen Formen der Geschichtsphilosophie und kam zu dem entschiedenen Schluss:

Ursachen für historische Ereignisse gibt es nicht und kann es auch nicht geben, außer der einzigen Ursache aller Ursachen. Aber es gibt Gesetze, die die Ereignisse steuern, teils unbekannte, teils von uns zu entdeckende. Die Entdeckung dieser Gesetze ist nur dann möglich, wenn wir uns vollständig davon frei machen, nach den Ursachen im Willen eines einzelnen zu suchen, genauso wie die Entdeckung der Gesetze der Planetenbewegung erst dann möglich wurde, als die Menschen die Vorstellung aufgegeben hatten, die Erde stehe still.
Lew N. Tolstoi aus: „Krieg und Frieden“ [übers. von Barbara Conrad]

Im letzten und abschließenden Teil möchte ich die Fäden zu einem literarisch-kommunikativen Resümee zusammenführen, das die sehr radikale Desillusionierung nachzeichnet, die in Krieg und Frieden ihre Darstellung findet, die öffentliche Welt als heilloses Chaos von Intrigen und Eitelkeiten, das nur im Stillen und Privaten seine Läuterung erfahren kann, nämlich im Stoizismus eines unerschütterlichen Gottesglauben.

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Lew Tolstoi: „Krieg und Frieden“ (ii: Chronik)

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi.
Krieg und Frieden von Lew Tolstoi.

Im ersten Teil meiner Besprechung von Lew Tolstois Krieg und Frieden habe ich die latente dynastische Struktur herausgearbeitet, dass unter Krieg insbesondere die Schwächsten und Ärmsten zu leiden haben und wie dies Tolstoi durch die Verschiebungen im aristokratischen Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel von Krieg und Frieden gnadenlos dargestellt hat. Diese moralisch-gestützte Anti-Kriegshaltung sticht aus jeder Facette seines Romanganzen heraus, in welchem der auktoriale Erzähler am Krieg gar nichts finden, schon gar nichts Heroisches oder Fortschrittliches erkennen kann:

Unmöglich zu verstehen, was diese [politischen] Umstände mit dem eigentlichen Faktum des Tötens und der Gewalt zu tun haben; weshalb Tausende Menschen vom anderen Ende Europas, nur weil der Herzog [von Oldenburg] beleidigt war, die Menschen in den Gouvernements Smolensk und Moskau totschlugen und zugrunde richteten und von ihnen totgeschlagen wurden. […] Es mussten Millionen Menschen ihre menschlichen Gefühle und ihre Vernunft verleugnen und von West nach Ost ziehen, um ihresgleichen totzuschlagen, genauso wie einige Jahrhunderte zuvor Massen von Menschen von Ost nach West gezogen waren, um ihresgleichen zu töten.
Lew N. Tolstoi aus: „Krieg und Frieden“

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Lew Tolstoi: „Krieg und Frieden“ (i: Inhalt)

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi
Krieg und Frieden von Lew Tolstoi. Leipziger Buchpreis 2011: Übersetzung.

Wenige Bücher besitzen so sehr den Nimbus eines Monumentalwerkes wie Lew Tolstois Krieg und Frieden. Die sogenannte Urfassung wurde 1863 fertiggestellt und teilweise unter dem Namen 1805 veröffentlicht. Tolstoi schien aber nicht sehr zufrieden mit dieser gewesen zu sein, arbeitete die Fassung um, sodass 1869 die vollständige, erweiterte Version unter dem bekannten Titel Krieg und Frieden vorlag. Im Zentrum des Geschehens stehen die beiden russischen Städte Moskau und St. Petersburg und die jeweiligen Adelsfamilien, die sich regelmäßig in Salons und auf Bällen wiedertreffen, bspw. hier zu Silvester:

»Das ist der Bruder der Besuchowa, Anatole Kuragin«, sagte [die Peronskaja zu Natascha] und zeigte auf den hübschen Gardekavallerieoffizier, der an ihnen vorbeiging und dabei hocherhobenen Hauptes über die Damen hinweg irgendwohin blickte. »Wie schön er ist, nicht wahr? Man will ihn angeblich mit dieser Reichen verheiraten. Auch Ihr Cousin, Drubezkoi, schwänzelt um sie herum. Die Rede ist von Millionen. […] Und der da, der Dicke mit der Brille, ein friedliebender Freimaurer«, sagte die Peronskaja, während sie auf [Pierre] Besuchow zeigte. »Stellen Sie sich den nur neben seiner Frau [Hélène] vor: so ein närrischer Kauz!« Pierre ging, watschelte mit seinem dicken Körper, schob die Menge auseinander, grüßte nach rechts und links [… und blieb] neben einem nicht großen, sehr hübschen Brünetten in weißer Uniform stehen [… Natascha erkannte ihn] sofort: das war Bolkonski, der ihr sehr viel jünger, fröhlicher und hübscher geworden schien. »Da ist noch ein Bekannter, Bolkonski, sehen Sie, Mama?« sagte Natascha und zeigte auf Fürst Andrej.
Lew Tolstoi aus: „Krieg und Frieden

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