Mein Lesejahr 2023

Wie 2021 und 2022 habe ich die Zeit zwischen den Jahren genutzt, um mein Lesejahr 2023 Revue passieren zu lassen. Ich verlasse 2023 mit gemischten Gefühlen, da sich die Gegenwartsliteratur in diesem Jahr sehr spröde gegen meine Leseentfaltungsversuche gezeigt hat. Viele Bücher, die ich 2023 gelesen habe, verweigerten schlicht und einfach eine kommunikativ sich bereichernde Lektüre und trumpften eher mit Stichworten, Schlagworten und Szenenskizzen auf, so dass ich mich gegen Mitte des Jahres gezwungen sah, neue Lese-, Verständnis- und Auslegungswege einzuschlagen.

Überschaue ich die etwas mehr als 108 gelesenen Bücher, so dominierten die Themen DDR, Drogen, Italien und Kulturdimensionen der Annäherung. Trotz mancher Tiefschläge gab es dennoch einige Highlights. Ich küre für jede Kategorie das eine:

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Peter Handke: „Die Ballade des letzten Gastes“

Die Ballade des letzten Gastes
Die Ballade des letzten Gastes … ein etwas anderer Erlenkönig

In Peter Handkes Die Ballade des letzten Gastes kehrt ein verlorener Sohn heim. Das Thema der Rückkehr, die Odyssee, die ihren Abschluss findet und einen Neuanfang erlaubt, verknüpft Handkes Text, der nicht als Roman ausgewiesen ist, mit Birgit Birnbachers Wovon wir leben und mit Thomas Hettches Sinkende Sterne, der ebenfalls explizit auf Homer eingeht. Handkes Ballade beginnt mit dem Motto:

… Wohin nur könnte ich hinab-hinaus-voranflüchten?
[bei Johann Heinrich Voß übersetzt als: „Wo entflieh ich alsdann?“]

Homer aus: „Odyssee“ [20/43]
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Lutz Seiler: „Kruso“

Kruso
Kruso von Lutz Seiler … Georg-Büchner-Preis 2023

Der poetische Wiedergänger von Christoph Hein heißt Lutz Seiler. Wo Hein nüchtern, karg, zurückhaltend schreibt, poetisiert Seiler, spielt mit der Sprache, experimentiert mit Phrasen und ornamental ausgeschmückten Prosastanzen. Beide verbindet das Thema: Die DDR. In seinem Roman-Debüt Kruso nimmt Seiler direkt Bezug auf Heins Der Tangospieler und moduliert, paraphrasiert, improvisiert über den angegebenen Rahmen und zwar lyrisch. Beide Protagonisten ziehen aus, um Ruhe zu finden, ziehen für einen Sommer auf die Insel Hiddensee, in eine Höhle und arbeiten dort in einer Gaststätte namens „Zum Klausner“:

Vom Schiff her zog sich eine gepflasterte Terrasse mit Tischen und Biergartenstühlen fast bis an den Steilhang heran. Die äußeren Reihen der Tische waren überdacht und ähnelten Futterkrippen für die Tiere des Waldes. Auf der Schiefertafel neben dem Eingang stand mit schwungvoller Schrift etwas geschrieben, aber Ed war noch zu weit entfernt. Links vom Eingang, über einem Schiebefenster des hölzernen Vorbaus, der zum Radkasten des Dampfers gehörte, hing eine kleine, steife Fahne mit der Aufschrift EIS. Rechts davon, in der Mitte des Vorbaus, war ein handgefertigtes Schild aufgeschraubt: ZUM KLAUSNER.

Lutz Seiler aus: „Kruso“
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Joshua Groß: „Prana Extrem“

Prana Extrem
Prana Extrem von Joshua Groß … Shortlist des Leipziger Buchmessepreises (2023).

Erweckungsliteratur entspringt dem Bedürfnis, einer ersehnten und erlangten Form des Bewusstseins Öffentlichkeit zu verschaffen. Sie entstammt meist mythischen, politischen oder esoterischen Inspirationen. Werden sie institutionell gebündelt, also zu einer Religion gefasst, heißt diese Form des Textes Erbauungsliteratur und hat die Literaturgeschichte seit je begleitet. Literarisch und konfessionell divergente Formen subsumieren sich neuerding unter dem Begriff des New Age und verbindet so unterschiedliche Schriftsteller wie Robert M. Pirsigs Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten mit Hunter S. Thompsons Angst und Schrecken in Las Vegas, Carlos Castanedas Die Kunst des Pirschens oder, bis hin zu Vertretern der Gegenwartsliteratur, mit Paulo Coelhos Der Alchimist und eben Joshua Groß‘ Prana Extrem:

Es gibt einen Ort für uns. Wir erschaffen ihn gemeinsam, durch unsere Offenheit und durch unseren Hustle, durch unseren Humor und durch die wahnwitzigen und wunderbaren Wiederholungen. Wir kontaminieren uns gegenseitig, immerzu; es ist eine Verunreinigung, die elektrisierend ist, weil sie aus unseren Gedanken, unseren Körperflüssigkeiten und unserem Lachen besteht. Wir befinden uns in einem subatomaren Zueinanderfinden; ein Zueinanderfinden, in dem wir beide luxurieren als zwei.

Joshua Groß aus: „Prana Extrem“
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Knut Hamsun: „Hunger“

Hunger
Hunger von Knut Hamsun. Ein Selbstexperiment auf Abwegen … Literaturnobelpreis von 1920.

Typischerweise gilt Knut Hamsun, Literaturnobelpreisträger von 1920, als Wegbereiter für die literarische Moderne. Rhetorisch verklärt heißt es, dass er mit seinem 1890 erschienenen Debütroman eine ganz neue Form des Erzählens, eine völlig auf sich bezogene, sich und seinen eigenen Assoziationen überlassene Erzählfigur antizipiere, die im inneren Monolog und Zwiegespräch, in einer sich selbst beobachtenden Art und Weise die Welt erlebt und von diesem Erleben berichtet. Je nach Perspektive gilt dies aber bereits für den Minnegesang eines Walter von der Vogelweides des Mittelalters (um 1200), für Friedrich Hölderlins Hyperion in der Frühromantik (1797) oder für Die Gesänge des Maldoror von Lautréamont (1874). Horizonterweiternd jedoch erweist sich Hamsuns detaillierte, an die Übelkeit angrenzende physiologische Betrachtungsweise psychischer Vorgänge:

[Der Knochen] schmeckte nach nichts; ein erstickender Geruch von altem Blut stieg von ihm auf, und ich mußte mich sofort erbrechen. Ich versuchte es wieder. Wenn ich es nur bei mir behalten könnte, würde es wohl seine Wirkung tun; es galt, den Magen zu beruhigen. Ich erbrach mich wieder. Ich wurde zornig, biß heftig in das Fleisch, zerrte ein Stückchen ab und würgte es mit Gewalt hinunter. Und es nützte doch nichts; sobald die kleinen Fleischbrocken im Magen warm geworden waren, kamen sie wieder herauf. Wahnsinnig ballte ich die Hände, war vor Hilflosigkeit dem Weinen nahe und nagte wie ein Besessener; ich weinte, daß der Knochen naß und schmutzig wurde von den Tränen, erbrach mich, fluchte und nagte wieder, weinte, als wollte mir das Herz brechen, und übergab mich abermals.

Knut Hamsun aus: „Hunger“ [Übersetzung: Julius Sandmeier]
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