Christoph Hein: „Guldenberg“

Ein besorgter Bürger bemüht sich redlich … (Spiegel Belletristik-Bestseller 17/21)

Christoph Hein verarbeitet mit seinem Roman „Guldenberg“ gegenwärtige politische Diskurse über Abwrackprämien, Altersarmut, über Migranten, Fremdenfeindlichkeit, über Karrierewahn in den öffentlichen Institutionen und die seiner Meinung nach zu bedauernde Beschleunigung in allen Bereichen der Gesellschaft. Sein Städtchen Guldenberg dient als Kondensationspunkt vieler Probleme, die einzelne beklagen und derer sie sich ausgeliefert fühlen. Niemand hört auf irgendwen. Der Unternehmer betrügt und wird betrogen. Der Politiker wirbt und wird umworben. Der ‚kleine Mann‘ schimpft und wird beschimpft. Die Migranten beleidigen und werden beleidigt. Das ganze Städtchen ist ein einziges, heilloses Durcheinander von Opfern und Tätern, von Missverstandenen für sich selbst und denen, die andere in die Pfanne hauen, ohne mit der Wimper zu zucken. Niemand gönnt irgendwen irgendetwas, und niemand traut irgendwem eigentlich über den Weg. Mit anderen Worten, Hein beschreibt trocken und teilnahmslos ein soziales System kurz vor dem Kollaps:

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Iris Hanika: „Echos Kammern“

Selbstbefreiende Mythen und von anderen Irrungen und Wirrungen … (Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmessenpreis 2021)

Iris Hanikas Roman handelt von zwei Frauen und zwei Städten, von Sophonisbe und Roxana, Dichterin und Ratgeberschreiberin, und von Berlin und New York, Kreuzberg und Manhattan. Es geht um Sinn, Enttäuschung, Liebe, Karriere, Beruf und Freundschaften. Es geht ums Reisen, um Partys, um Apple-Computer und das „Ingwer-Net“, um Gentrifizierung von Innenstädten, um Veränderungen und den gleichbleibenden Wechseln; vor allem jedoch geht es um den Versuch, seinen Platz in der Welt zu finden, um seinen Beobachtungsstandort zu kennzeichnen, ja, mittels eines solchen, eine Sprache zu finden und zu etablieren, auf dass die Dinge nicht sofort beliebig erscheinen, bar jeder Bedeutung des Inhalts beraubt und entleert werden.

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Sebastian Fitzek: „Der erste letzte Tag“

Hermeneutik, Literaturwissenschaft, Exegesen, Soziologie, Philosophie behandeln immerzu die selbst gestellte Frage, das eigenst erfundene Problem, was denn Literatur von einer Gebrauchsanleitung, ein Gedicht von Prosa, Belletristik von Romanen, Unterhaltung von Kunst unterscheidet, Kitsch von Tiefe, Avantgarde von Brauchtum, Innovation von Reproduktion, Tradition, Bildung von Verblendung und Kulturindustrie. Sie bemühen Kriterien, erheben Anspruch vor Wirklichkeit, den ästhetischen Schein zum Prinzip, übergehen einen Strukturwandel der Öffentlichkeit, voller Sympathie für das Einfache, und doch in rückhaltloser Parteilichkeit für das Differenzierte, Schwierige, ins Tiefe Zielende.

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Bernardine Evaristo: „Mädchen, Frau etc.“

Eine unpathetische Hymne auf die Vielfalt … (Spiegel Belletristik Bestseller 15/21)

Bernardine Evaristo bietet mit ihrem Roman „Mädchen, Frau etc.“ eine eigenartige und bemerkenswerte Kommunikation an. Ihr Roman handelt von zwölf Frauen, verwoben, fern wie nah, verwandt, über mehrere Ecken befreundet, bekannt mit einer Theatermacherin namens Amma, die über ihren rebellischen Schatten springt und ein Theaterstück namens „Die letzte Amazone von Dahomey“ im National Theatre in London inszeniert. Dieses Theaterstück verbindet all diese Schicksale auf vielfältige Weise, bringt jene zusammen, die sich sonst nie kennenlernen oder über den Weg rennen würden: hochtrabende Intellektuelle, miesepetrige Lehrerinnen, drogensüchtige Eventmanagerinnen, abenteuersüchtige Teenager, karriere- und geldorientierte Bänkerinnen, alte wie junge Frauen und Männer aus den verschiedensten Lebenssituationen bunt zusammengewürfelt. Der Text ist so überladen, lang, in sich verknotet und verschlungen, dass er zu einer Momentaufnahme, ein Blitzlicht wird, ein kurzes Photo, ein post in einer langen Reihe von posts, eine story in der story, Gedankeneskapaden inmitten von vielen, anderen, gleichartigen, anderen, ähnlichen Erinnerungen, Eingebungen, Phantasien und Projektionen.  

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Judith Hermann: „Daheim“

Die Selbstvergessenheit als Utopie ….  (Spiegel Belletristik-Bestseller 15/21)

„Daheim“ von Judith Hermann erzählt Geschehnisse an einem Küstendorf oder -städtchen, in das eine Frau um die Vierzig zieht. Sie lebt allein in einem abseitsgelegenen Haus, arbeitet bei ihrem Bruder (Sascha), der eine der Dorfkneipen führt und eine Beziehung mit einem verrückten Partygirl namens Nike führt, die über drei Jahrzehnte jünger als er ist. Nach einem sehr einsamen Winter zieht eine Künstlerin (Mimi) auf das Nachbargrundstück und eine Freundschaft beginnt. Die Geschehnisse drehen sich um Beziehungs- und Elternprobleme, um Missverständnisse und darum, wie man einen Marder fängt, der sich ins Dachgebälk eingenistet hat. Statt jedoch des Marders fängt die Protagonistin mit der Falle des Bruders ihrer Nachbarin (Arild) Katzen und Vögel, lernt aber dadurch diesen Bruder kennen und beginnt eine Affäre. Es passiert also oberflächlich gesehen nicht viel. Hintergründig jedoch behandelt Hermanns Text die Frage, wie überhaupt so etwas wie Wurzeln, ein Zuhause, wie Vertrauen, ein gefühlsmäßiges Koordinatensystem denkbar sind. Leitmotiv von „Daheim“ ist das Reisen und der Wunsch nach der Möglichkeit, anzukommen.

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