
Lieblos, dahinskizzierte Fingerübung um eines Skandals willen.
Inhalt: 1/5 Sterne (menage à trois)
Form: 2/5 Sterne (langweilig, einfallslos)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (unreflektiert-personal)
Komposition: 1/5 Sterne (unbalanciert)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (unaufregender Kitsch)
Sagan gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen überhaupt. In der Nachkriegszeit, nach ihrem Debütroman Bonjour tristesse hat sie viele Bestseller geschrieben, von denen auch viele verfilmt wurden. Lieben Sie Brahms… gehört zu den erfolgreichsten. Der Roman erzählt von der Liebe einer 39jährigen Frau zu einem 25jährigen Tunichtsgut:
»Ich mache mich nicht über Sie lustig, sondern über die Rollen, die Sie spielen …«
[Simon] hatte [Paule] losgelassen, er sah plötzlich müde aus.
»Es stimmt, ich spiele«, sagte er. »Ihnen habe ich den jungen und glänzenden Anwalt vorgespielt und den zaghaften Liebhaber und das verwöhnte Kind, und Gott weiß was alles. Aber seitdem ich Sie kenne, spiele ich alle meine Rollen für Sie. Glauben Sie nicht, daß das Liebe ist?«
»Es ist eine ganz gute Definition der Liebe«, sagte sie lächelnd.
Sagans Roman Lieben Sie Brahms… plätschert in beliebig-episodenhafter Erzählmanier vor sich her und präsentiert das amouröse Wiederkehren des immergleichen Eros-Problems: der Widerstand, die Unmöglichkeit lassen eine Beziehung erst attraktiv erscheinen, die plötzlich, sobald sie im Fahrwasser des Normalen einläuft, unattraktiv, ja lächerlich wirkt. Paule kämpft gegen die öffentliche Meinung, die ihr nicht erlaubt, einen jüngeren Liebhaber zu haben. Simon fühlt sich von Roger, dem älteren Mann herausgefordert, Paule zu erobern, und Roger will sich von einem jüngeren die Frau nicht ausspannen lassen. So richtig glücklich wird niemand von ihnen:
»Ich würde lieber selber leiden«, sagte Simon und vergrub sein Gesicht an Paules Hals.
Als sie am Abend wieder nach Hause kam, hatte er drei Viertel einer Whiskyflasche ausgetrunken und war gar nicht mehr ausgegangen. Er erklärte mit großer Würde, daß er private Sorgen gehabt habe, improvisierte eine Rede über die Schwierigkeiten des Seins und schlief auf dem Bett ein, während sie ihm die Schuhe auszog. Halb gerührt, halb erschrocken.
In der Einfalt und Naivität des Erzählens von Lieben Sie Brahms… schimmert eine glänzende Zeitkritik heraus, die aber in Bonjour tristesse viel besser gelingt, da dort die Komposition entschiedener, der Ton melodischer, die Intensität austarierter bleibt. Hier duftet doch alles zu sehr nach Seifenoper. Sagans Stil verfliegt zwischen den halb gestalteten Figuren. Zu viel, zu wenig, zu schnell, zu beliebig. Leider. Simone de Beauvoirs Die Welt der schönen Bilder trifft das Ambiente mehr ins Herz, und Marguerite Duras in Der Liebhaber , mit verteilten Rollen, sowieso. Lieben Sie Brahms … erscheint wie eine lieblose Fingerübung um des Skandals willen. Mehr nicht.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: ● Hauptfiguren in Lieben Sie Brahms…:
Paule, 39 Jahre alt, Innenarchitektin, lebt mit Roger Ferttet zusammen, der ein ähnliches Alter besitzt.
Simon Van den Besh, 25 Jahre, Jura-Assessor, Sohn von Teresa, einer Klientin von Paule, der sich in Paule verliebt.
● Kurzzusammenfassung/Inhaltsangabe: Paule, in einer offenen Beziehung mit Roger, fühlt sich einsam, trifft per Zufall auf den herumlungernden Simon, der sich in sie Hals über Kopf verliebt, und beginnt mit diesem eine Affäre, die zwei, drei Jahre hält, bevor sie wieder mit Roger zusammenkommt, der sie dann wieder vernachlässigt.
● Detaillierte Inhaltsangabe/Zusammenfassung von Lieben Sie Brahms…: 1.) Paule (P) und Roger (R) leben in einer offenen Beziehung, die insbesondere R nutzt, und zwar mit einer Schauspielerin namens Maisy. P fühlt sich einsam und vernachlässigt, außerdem haben P und R Geldsorgen, denn das Geschäft von R läuft nicht so gut. Eine US-amerikanische Kundin verspricht einen guten Verdienst, eine Madam Van den Besh. 2.) Bei ihrer Kundin lernt Paule deren Sohn Simon (S) kennen, der sich sofort in P verguckt. 3.) S fühlt sich und sein Leben entleert, fühlt sich von der Ernsthaftigkeit Ps angezogen, fragt sie nach einem Date, aber sie schlägt aus. Später treffen R und P S in einem Lokal und verbringen den Abend zusammen. 4.) S lauert P bei der Arbeit auf (Schaufensterdekoration), und sie verbringen einen Nachmittag gemeinsam. 5.) R schiebt Arbeit vor, um mit Maisy das Wochenende zu verbringen, lügt P an, die die Lüge merkt. P will das Wochenende nicht alleine mit einem Buch verbringen, besucht ihre Klientin, die ihr Fotos von S zeigt. P schwankt zwischen Fürsorge und Interesse für S. Mutter erzählt ihr von S latentem Alkoholismus. 6.) S lädt sie zu einem Brahms-Konzert ein und fragt sie, ob sie Brahms mag. Die Frage erinnert P daran, dass auch ihre Wünsche zählen. S fühlt sich hingezogen zu P, will sie beschützen, auch hat er R mit Maisy in der Gegend von Paris gesehen, verrät es aber P nicht. 7.) R hat ein schlechtes Gewissen wegen seiner Untreue und Lüge, außerdem ist er eifersüchtig auf S. 8.) S schreibt P einen Liebesbrief. P ungehalten mit R. Sie antwortet S, der daraufhin so schnell wie möglich von einer Geschäftsreise mit seinem Anwaltschef zurückkommt. Melancholisch und aufgeregt. 9.) P und S verbringen eine Zeit im Bois de Bologne, betrachten einen sich mühenden Ruderer. P lehrt S Impulskontrolle, küsst ihn auf dem Rückweg. 10.) R intensiviert seine Affäre mit Maisy. Auf einer Dinerparty fühlt sich R wie ein wildes Tier gegen S und P, die kultiviert über Vernissagen, Ausstellungen und Konzerte sprechen. 11.) Ein Besuch bei einer Jazzsängerin motiviert S P aufzusuchen. Nachdem die Aussprache mit R misslungen ist, fühlt sich P nun berechtigt, sich S hinzugeben. Sie verbringen die Nacht miteinander. 12.) S nun vollends verliebt, wird zum Taugenichts, und lässt alles schleifen und trinkt zu viel. R lebt seine Affäre aus, ekelt sich aber vor sich selbst, kehrt zurück, aber traut sich nicht in die Wohnung von P. 13.) Aussprache zwischen R und P. Sie stürzt weinend nach Hause. S eifersüchtig, beginnt zu trinken. 14.) S verfällt mehr und mehr dem Trinken, da er die Wirkung, die R auf P hat, nicht aushält. Er verlottert. 15.) R lädt P zur Skiurlaub ein, sie schlägt aus. S und P gehen Tanzen. Sie hören Kommentare darüber, wie P für S zu alt erscheint. Sie ist gekränkt. S versucht sie umzustimmen. 16.) Das Alter steht zwischen ihnen, das einerseits die Beziehung bremst und andererseits befeuert. 17.) Zeitsprung: R allein im Zimmer, zwei, drei Jahre später, unglücklich. 18.) Sie treffen sich zu viert zufällig in einem Loka, P und S und R und seine schwarze Tanzpartnerin. R und P sehen sich an und kommen wieder zusammen. Am ersten Abend versetzt R P wieder. P weiß, sie ist nun wirklich alt.
… vgl. Annie Ernaux „Der junge Mann“, Simone de Beauvoir „Die Mandarins von Paris“ und „Die Welt der schönen Dinge“ sowie James Baldwin „Giovannis Zimmer“. Nur bei Sagen, ehrlich, unverkopft, oberflächlich, schnell abgehandelt, die Wiederkehr des Immergleichen, nur in der Beziehung, zwischen den Reichen und Schönen, die im Grunde leer und unglücklich sind. Kein Vergleich zu Marguerite Duras „Der Liebhaber“. Besitzt keine einheitliche Atmosphäre, zu gekünstelt … Beziehung erscheint nicht spannend, nicht inhaltlich motiviert. Eher ein Dandyroman. Viel zu klischeehafte Männer so-Frauen so-Gespräche, Dialoge. –> 1 Stern
Form: Gleitende, fließende, hier aber nichtssagende Sprache, die nicht einmal versucht, in die Innerlichkeit der Dinge zu gelangen. Unaufgeregt, unärgerlich, aber nicht intensiv. –> 2 Sterne
Erzählstimme: Episodenhaftes Erzählen, jeweils, pro Szene personal. Insofern unreflektierter auktorialer Erzähler, der nicht in Erscheinung tritt. Wirkt leider aufgesetzt, hätte aus Paules Sicht erzählt werden sollen, nicht auch noch aus Simons, Maisys und Rogers. –> 1 Sterne
Komposition: Wirklich befremdend, das schnelle Ende – der Zeitsprung von zwei, drei Jahren im letzten Kapitel, unmotiviert, angekündigt, unausgetragen, auch der Alkoholismus nicht, keine erwähnenswerte Struktur. –> 1 Stern
Leseerlebnis: Vor sich hinplätscherndes Leseerlebnis, kein Vergleich zu „Bonjour Tristesse“, eher ein Abklatsch, besonders durch die unaustarierte Verdichtung und Komposition, die fehlende Einheit von Zeit und Raum und Person, die gar kein Drama aufkommen lässt. Langweiliger, unaufgeregter Kitsch-Roman. –> 2 Sterne

