Friedrich Dürrenmatt: „Der Besuch der alten Dame“

Tragisch-antikische Intensität durchmischt mit dümmlichem Klamauk
Inhalt: 4/5 Sterne (intensives Rachedrama)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (mitreißend, an Stellen seicht)
Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame beforscht das Thema Rache, Vergeltung und Korruption mit schlichter, fokussierter Intensität. Eine aus der Kleinstadt Güllen in Unehren verjagte Frau, Claire Zachanassian alias Klärchen Wäscher, kehrt zurück als schwerreiche Dame von Welt und stellt eine Milliarde in Aussicht unter der Bedingung, dass ihre Jugendliebe, Alfred Ill, der Schuld an ihrem anfänglichen Unglück trägt, getötet wird. Empört lehnt die Bevölkerung dieses unmoralische Angebot ab und verschafft Alfred Ill so seine schönste Stunde im Leben:
[Claire] hat sich verrechnet. Ich bin ein alter Sünder, Hofbauer, wer ist dies nicht. Es war ein böser Jugendstreich, den ich ihr spielte, doch wie da alle den Antrag abgelehnt haben, die Güllener im ›Goldenen Apostel‹, einmütig, trotz dem Elend, war’s die schönste Stunde in meinem Leben.
Aber hält diese Stimmung in der Kleinstadt? Hierum dreht sich vordergründig das Stück von Friedrich Dürrenmatt, das seit siebzig Jahren weltweit auf den Theaterbühnen der Welt rauf und runter gespielt wird. Die Rachegeschichte zieht. Sie wird aufgepeppt mit theaterwirksamen Szenen, bspw. ein entlaufener schwarzer Panther, oder ein siebter, achter, neunter dümmlicher Ehemann Claire Zachanassians, die in Windeseile heiratet und sich scheiden lässt, als gäbe es kein Morgen. Diese Szenen nehmen dem Stück leider stellenweise allen Ernst, wie auch die Namen der Diener: Toby, Roby, Koby, Loby, die sowieso niemand wirklich ernsthaft auseinanderhalten will. Heimlicher Höhepunkt bleibt aber das Ende des zweiten Aktes:
Ill fällt auf die Knie.
ILL Warum seid ihr so nah bei mir!
DER ARZT Der Mann ist verrückt geworden.
ILL Ihr wollt mich zurückhalten.
DER BÜRGERMEISTER Steigen Sie doch ein!
ALLE Steigen Sie doch ein! Steigen Sie doch ein!
Schweigen.
ILL leise Einer wird mich zurückhalten, wenn ich den Zug besteige.
ALLE beteuernd Niemand! Niemand!
ILL Ich weiß es. […] Ich bin verloren.
Interessanterweise, und still, durch die Hintertür eingeführt, verhandelt Dürrenmatt ein viel komplexeres Schuld- und Sühneverständnis. Ja, Güllen erscheint korrumpierbar, aber wieso flieht Ill nicht? Er flieht nicht, weil er die Vorstellung nicht erträgt, dass seine Mitmenschen sind, wie sie sind. Er hofft auf eine Kehrwendung, auch wenn diese seinen Untergang bedeutet. Er hofft, dass sie sich nicht verleiten lassen. Er muss dies hoffen, denn die Widerspiegelung, das Sehen und Gesehen-Werden durch den anderen auf sich selbst erscheint als leitende Kraft in seinem Leben, denn genau deshalb hat er damals die reiche Krämertochter Mathilde geheiratet und nicht die arme Klärchen, die er liebte. Und genau deshalb, als Klärchen als schwerreiche Claire zurückkommt, kann er nicht fliehen, sich in Sicherheit bringen. Er harrt der Dinge. Er hofft, und die Tragik nimmt als selbstverschuldeter Eingang in die Unmündigkeit seinen Lauf. Ein viel zu oft oberflächliches gelesenes Theaterstück, das nur durch seine dümmlich theatralen Beckettschen, Jean Anouilh-Reminiszenzen stellenweise irreparabel in der Dynamik geschädigt wird.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Alfred Ill (AI), 62 Jahre alt, mittelloser Krämerladenbesitzer. Claire Zachanassian (CZ), ebenfalls 62, schwerreiche Multimilliardärin.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. Akt: Rückkehr von CZ. Sie wirkt alt und gebrechlich. Sie ist bekannt, große Spenden, als Wohltäterin zu wirken. Sie wird empfangen und verspricht eine Milliarde unter der Bedingung, dass AI, Bürgermeisterkandidat, getötet wird. AI hat CZ als junger Mann geschwängert, dann aber vor Gericht gelogen, zwei Zeugen gekauft, und sie als Hure darstellen lassen. Die Bevölkerung lehnt das Angebot empört ab. CZ sagt nur, sie warte.
2. Akt: AI zufrieden, dass die Bevölkerung hinter ihm gestanden hat (schönste Stunde im Leben). Die Stimmung in der Stadt beginnt sich aber langsam gegen AI zu wenden. Viele beginnen Dinge auf Kredit zu kaufen. CZ hat eine schwarzen Panther mit sich, der ausbüchst und gejagt wird (AI wurde damals von CZ „schwarzer Panther“ genannt) – Jagd erinnert an Instinkte, Jagdfieber wird angeheizt, desublimiert die Kleinstadt. AI fühlt sich bedroht, sucht Schutz bei der Polizei, die wehrt ab. Er will sich mit dem Lehrer, Bürgermeister und dem Pfarrer aussprechen, aber sie wirken ausweichend. Selbst der Pfarrer hat nun ein Gewehr. Er geht zu CZ, bedroht sie, sie bleibt aber unnachgiebig. Er geht zum Bahnhof, um zu fliehen. Dort versammeln sich die Bürger, ohne ihn aufzuhalten. AI schafft es nicht, Güllen zu verlassen. Er bleibt aus Resignation. Die Stimmung wendet sich nun klar gegen ihn. Er steht als Schuldiger gegen CZ da.
3. Akt: Es kommt raus, dass CZ die Industrie Güllens mit Absicht zerstört hat. Sie lässt sich auf keine Lösung, keine Anlagestrategie ein. Sie will Rache. Die Presse erscheint. Der Lehrer wird wankelmütig. AI beginnt sich zunehmend schuldig zu fühlen, stellt sich aber nicht der Presse. Bürgermeister wünscht sich, dass AI Selbstmord begeht. Er lehnt ab, fährt mit seiner Familie Auto, lässt sich von ihnen im Wald absetzen, während diese ins Kino nach Kalberstadt fährt. AI nimmt sein Schicksal an. Es herrscht Kälte und Entfremdung in seiner Familie. Er trifft CZ. Sie unterhalten sich. Sie erzählt von ihrer gemeinsamen Tochter, die nach einem Jahr starb. Es ist klar, dass es kein Zurück mehr gibt. Auf der Gemeindeversammlung werden große Reden über die Moral und die Gerechtigkeit geschwungen, anschließend stirbt AI bei einem Menschenauflauf im Saal. Sie erhalten die Milliarden.
●Kurzfassung: CZ kehrt nach Güllen zurück, nach über 45 Jahren. Sie hat als schwerreiche Millionärserbin dafür gesorgt, dass die Kleinstadt den Bach runtergeht. Die wenige Industrie hat sie aufgekauft: die Güllenbahn, die Wagnerwerke und das Bockmannsche Werk. Nun hofft die Bevölkerung auf eine große Spende durch ihre einstige Bewohnerin Klärchen Wäscher, aus der Unterschicht. Alfred Ill, ihr einstiger Geliebte, als sie siebzehn Jahre alt waren, soll dabei helfen. Es zeigt sich, dass CZ an AI Rache nehmen will für seinen Verrat. Er hat sie öffentlich verleumdet, sie habe mit vielen geschlafen, CZs Schwangerschaft sei nicht durch ihn bewirkt worden, und zudem hat er diese Lüge richterlich per Meineid bezeugen lassen. Nun will sie seinen Kopf und stellt der Kleinstadt eine Milliarde in Aussicht. Zuerst geben sich alle empört, aber nach und nach gewöhnt sich die Bevölkerung an den Gedanken, zumal AI ihnen von Tag zu Tag schuldiger vorkommt. Am Ende kommt es zu einem Prozess, zu einer Gemeindeversammlung. Er wird schuldig gesprochen und stirbt bei einem Auflauf aus unklaren Gründen. Die Stadt bekommt ihre Milliarde.
… eigenartig wirkt die Sache, dass AI nicht flieht, nicht den Zug nimmt nach Kalberstadt, obwohl alle ihm irgendwie zureden, dies zu tun, ihn nicht wirklich aufhalten. Hier steckt eine Angst vor sich selbst, eine Angst der Stadt, zu erkennen, wie weit sie für das Geld gehen. Sie wollen vielleicht sogar, dass er flieht, um dieser Entscheidung enthoben zu sein.
… auch eigenartig, wie AI stirbt. Es scheint fast so, als würde er an einem Infarkt sterben, herbeigeführt durch den Menschenauflauf, aber auch ein Tuch wird über ihn gelegt, als würde ein Stichwunde versteckt werden, etc …
… wichtig ist die Asymmetrie in dem Stück zwischen Tat und Vergeltung. AI hat gelogen, hat Claire sozial geächtet, aber sie nicht physisch verletzt. Auch trägt er nicht Schuld am Tod des Kindes, nur indirekt, indem er es nicht anerkannt und somit auch der sozialen Ächtung anheim gegeben hat. Claire will nun seinen physischen Tod. Gerechtigkeit erscheint hier ein sehr dehnbarer Begriff.
… die Parallele mit „schwarzer Panther“ so, dass sich die Menschen auf die Jagd vorbereiten, wirkt etwas gewollt (erinnert auch an Karl Mays „Der Schatz im Silbersee“).
… diese Sache mit den Ehemännern trägt nichts bei, purer Klamauk, wie auch die Sache mit den Dienern. Völlig überflüssig.
●Diskurs: Fortschritt, Kapitalismus, Korruption.
–> 4 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein
●Geärgert: ein paar Stellen diffus, unnötig
●Amüsiert: schon
–> 4 Sterne
Martin Suter: „Wut und Liebe“

Gute Erzählidee – absurd nachlässig umgesetzt. Völlig verkocht und verpampt.
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 3/5 Sterne (unerwartete Wendungen, ok)
Form: 1/5 Sterne (nein)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (diffus)
Komposition: 1/5 Sterne (fast nur Füllmaterial)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (keine Dramatik)
An Plotideen mangelt es Martin Suter bestimmt nicht, und sie besitzen stets die unerwarteten Wendungen, die verhindern, dass seine Erzählungen im Nichts verebben. Schon bei Melody stand Umsetzung und Erzählidee in einem absurdem Missverhältnis. In Wut und Liebe setzt er auf seine Weise noch einen drauf, indem er Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame würzig weiterdreht und doch leider literarisch-sprachlich-kompositorisch völlig versiebt:
Camilla zögerte nur kurz. »Ich will ein Leben ohne finanzielle Sorgen. Kein Luxusleben – wobei, da hätte ich auch nichts dagegen –, aber ein Leben, in dem ich nicht immer überlege, worauf ich verzichten muss, um mir das oder das zu leisten. Ein Leben, das ich mir nicht verdienen muss mit einer Arbeit, die ich hasse –«
Im Klartext, Noah und Camilla, ein Paar irgendwo Mitte/Anfang dreißig besitzen zu wenig Geld, um das Leben wirklich zu genießen. Statt jedoch etwas zum Haushaltsgeld beizutragen, verdaddelt Noah seine Zeit auch noch mit dem Malen von Bildern, die niemand kaufen möchte, was Camilla auf Dauer frustriert, zumal es offenbar nicht einmal Noahs Berufung scheint, Künstler sein zu müssen. Sie saufen und haben Sex, und Camilla findet es unfair, nicht nur saufen und Sex haben zu können, sondern im Gegensatz zu Noah noch arbeiten gehen zu müssen, also beschließt sie eine Trophy Wife zu werden. Noah ist entsetzt und muss nun die Mittel heranschaffen, sich eine Trophy Wife leisten zu können. Er nennt das Liebe:
Noah fuhr weiter: »Sie sagt, sie wolle nicht auf die Dauer einen Beruf ausüben, den sie hasst, nur damit jemand anderer einen ausüben kann, in dem er aufgeht. Auch wenn sie den noch so liebe. Und dazu weinte sie, als würde sie von mir verlassen.«
»Eine besondere Frau«, sagte Bernard.
»Ja. Deswegen will ich sie auch nicht verlieren.«
Das, was sich wie eine Realsatire anhört, ist es auch. In plumper Sprache wird nun die Story im Dreischritt runtergekeilt und dann, weil es doch, möglicherweise, ein wenig zu dürre schien, mit Nebensträngen aufgeplustert, die gar nichts zur Story beitragen: Unternehmungsgründung von Camilla, Noahs halbseidenes Leben im Kunstbetrieb, irrelevante Familienhintergründe, um nur einige zu nennen. Die Story lautet nämlich: eine alte Frau will Rache und stellt hierfür das Leben in Saus und Braus in Aussicht. Gut, dass wie bei Dürrenmatt dann auch alle fleißig mitmachen und selbst vor Mord nicht zurückschrecken – warum auch nicht? Wer würde nicht jemandem umbringen, um seiner Geliebten einen Mojito ausgeben zu können?
»Und das Gute ist: Du bist absolut frei in Stil, Motiv und Technik. Am Schluss fällt einfach sanft der Herbstnebel darüber. Das musst du nicht einmal mehr signieren. Der Nebel ist deine Signatur.«
Die Benebelung fasst Wut und Liebe gut zusammen. Immerhin endet das Ding inhaltlich rund und befriedigend und dreht Dürrenmatts Moralzynismus einen Schritt weiter. Leider hätte es dazu 80% des Buches gar nicht bedurft, und das hinterlässt nach der Lektüre von Wut und Liebe einen faulen Geschmack im Mund zurück: Gutes Rezept, aber schlechter Koch?
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Noah Bach, 33 Jahre alt, Graphiker, nun aber unerfolgreicher Künstler, der sein Leben nicht selbst zu finanzieren vermag. Camilla da Silva, etwa gleiches Alter, Buchhalterin.
●Charaktere: (rund/flach) sehr flach
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Camilla (C) verlässt Noah (N), weil sie ein bequemeres, luxuriöseres Leben führen möchte, das ihr N nicht finanzieren kann. Sie fängt eine Affäre mit Carl an, und N sucht nun Möglichkeiten, reich zu werden. Zufällig trifft er in einer Bar, Die blaue Tulpe, Betty Hasler, die schwer herzkrank ist und sich an dem Geschäftspartner ihres verstorbenen Mannes rächen möchte. Sie verspricht eine Belohnung von einer Millionen für denjenigen, der Peter W. Zaugg ermordet, da dieser Schuld an dem frühen Tod ihres Mannes Patrick trage. Zuerst aber versucht N über die angesetzte Vernissage an Geld zu kommen, was aber misslingt, und beginnt aus Verzweiflung über die Trennung viele Gemälde von Camilla zu malen (Ende erster Teil). Er nimmt nun doch Bettys Angebot an, aber der Versuch, PZ mit einem Scharfschussgewehr zu töten, scheitert in letzter Sekunde an einer Hundebesitzerin, deren Hund Susi Ns Versteck auffliegen lässt. Cs Affäre mit Carl scheitert nun, da dieser sich nicht von seiner Frau trennen will, und die Bilder von Camilla, die N gemalt hat, geben nun Anlass zur Hoffnung, dass er zu der erfolgreichen Agentur Gebert&Lüthi wechseln könnte. C und N kommen wieder zusammen. C spricht sich gegen eine direkte Ermordung von PZ aus und wählt einen indirekten Weg (Ende zweiter Teil). Sie beginnt in der Unternehmungsberatung Zaugg und Partner und deckt dort Geldwäscherei über eine Tochterfirma Consiagona auf. PZ gerät ins öffentliche Kreuzfeuer, trinkt Whiskey und erfriert im Wald. C und N erhalten die Millionen über eine Schenkung in freier Übergabe. Betty, überglücklich ihre Rache erhalten zu haben, feiert den Tod von PZ, was dessen ehemalige Sekretärin und beste Freundin von Betty Rosalie provoziert. Als sie nicht aufhört, PZ lächerlich und für den Tod ihres Mannes schuldig zu machen, lüftet Rosalie ein langgehegtes Geheimnis: Patrick habe sich nicht für PZ tot gearbeitet, sondern hat ein Doppelleben geführt, das ihn energetisch überfordert habe. Er hatte eine Zweitfamilie, einen Sohn Otto und Gerda, für die er auch die Geldwäscherei betrieben habe. Die herzkranke Betty stirbt daraufhin an dem Schock, als sie von Patricks Sohn Otto berichtet. Bei der Testamentsvollstreckung kommt heraus, dass die Schenkung an N und C ungültig, da in freier Übertragung ist. N und C bleiben also arm, aber am Ende sind sie zusammen und C teilt ihm ihre Schwangerschaft mit.
— In dieser Zusammenfassung spielt die Freundschaft mit Liz und das gemeinsame Unternehmen Young&Beautiful keine Rolle. Liz will mit ihrer Mode groß rauskommen und bittet Camilla einzusteigen. Camilla holt sich Geld von Carl, aber das Unternehmen geht pleite, weil Liz nicht gut genug haushaltet. Nun steht Camilla bei Carl in der Kreide, aber zum Glück kann Noah das Geld seiner Mäzenin Betty dafür hergeben. Sie hat ihm 50 000 SFR gegeben.
— In dieser Zusammenfassung spielt auch die Kunstwelt keine Rolle. Noah kann aus x-beliebigen Gründen zu wenig Geld haben, bspw. durch Faulheit, das würde reichen. Die ganze Malerei und Triptychon-Story fällt in sich zusammen und trägt nichts zur Erzählung bei. Sie lautet: Noah lernt PZ auf seiner Vernissage kennen und sieht dort ein Triptychon, das er daraufhin kaufen will. Betty hat es Noah aber vorher bereits abgekauft, so dass Noah tricksen muss und ein anderes Triptychon zusammenstellt. Er belügt, betrügt PZ also. Später kommt heraus, dass Betty dahinter steckt. Sie hat PZ ermuntert, das Bild zu kaufen, und sie hat damit provoziert, dass Noah trickst und sich auch auf diese Weise schuldig macht.
— Auch keine Rolle spielt die ganze Agentur-Sache mit dem besten Freund Noahs, Bernard, der versucht nämlich seinen Kumpel in die bessere Agentur Gebert&Lüthi unterzubringen. Hierbei geschieht aber, dass ein anderer Noahs Idee klaut, und wie sich herausstellt, steckt auch hier Betty dahinter. Sie hat dem erfolglosen Scotti die Idee verraten.
-Auch keine Rolle spielt die Affäre mit der Künstlerin Katy. Diese Nebenpfade illustrieren nicht einmal die Charakterschwächen und -stärken der Hauptfiguren, da die Handlung schon aussagekräftig genug sind (überhaupt in Erwägung zu ziehen, jemanden umzubringen).
●Kurzfassung: Aufs Essentielle reduziert ergibt sich: Noah und Camilla sind glücklich aber arm, was insbesondere Camilla stört. Noah trifft zufällig eine reiche Witwe, Betty, die ihm eine Millionen in Aussicht stellt, sollte er den Geschäftspartner ihres verstorbenen Mannes beseitigen, der Schuld an dessen Tod trage. Noah und Camilla haben Skrupel, Gewalt anzuwenden, und Camilla findet einen Weg, indem sie das Unternehmen des Geschäftspartners wegen Geldwäscherei auffliegen lässt. Hierbei kommt raus, dass der verstorbene Ehemann Bettys ein Doppelleben geführt und sich eben nicht fürs Geschäft totgearbeitet hat. Noah und Camilla bekommen weder die Millionen noch sonst irgendeine Belohnung. Sie stehen da wie vorher, nur zusätzlich tragen sie nun sogar Schuld an dem Tod eines unschuldigen Mannes.
●Diskurs: Lifestyle.
… Problem: die Hauptfigur Noah lügt die eigene Freundin an (als er behauptet, er wäre schon in der neuen Galerie), er ist bereit zum Mord (um für seine Freundin Geld zu haben), er betrügt den Galeristen um seinen Anteil (beim Verkauf des Triptychons an Betty), und er ist ein Stalker (den Camilla zeitweise blockt). In diesem Sinne wahrlich ein Antiheld, der das ganze Buch hinüber nichts hinbekommt.
… Problem bei Suter liegt nicht im Fehlen von unerwarteten Wendungen, die gibt es. Seine banalen Stories plätschern nicht einfach vor sich hin. Sie erhalten Kontur und so auch Relief. Auch hier, wie auch, dort noch überraschender, bei Melody. Dennoch liest es sich oft zu arg nach Lifestyle-Magazin, und es wiederholt sich zu viel. Die Charaktere wirken holzschnittartig. Camilla wirkt noch am komplexesten, die sich selbst als „Bitch“ bezeichnet, aber Selbstbewusstsein ausstrahlt.
–> 3 Sterne
Form:
●Wortschatz: rudimentär, Lifestyle, Instagram-mäßig, die 1000 häufigsten Wörter machen über 81% des Textes aus, bei typischen belletristischen Romanen beträgt der Anteil um die 75% und weniger (Thomas Mann bei 65%).
●Stimmige Wortfelder: das zumindest, kaum Abstraktionen, Kategorien. 25 Songs werden erwähnt, und 134 Gerichte aller Art.
●Satzstrukturen: die durchschnittliche Satzlänge beträgt 13 Wörter pro Satz und liegt noch unterhalb von Journalismus simulierenden Texten wie Bölls „Katharina Blum“ (16), oder klassisch-literarischen wie Musils „Mann ohne Eigenschaften“ (+30).
●Wiederkehrende Motive/Tropen: Ja, es wird gegessen, getrunken.
●Innovation: Fehlanzeige.
–> 1 Sterne
Erzählstimme:
●Reflektiert: unreflektiert
●Situiert: personal, nicht immer klar, aber selektiv.
●Perspektiviert: ein wenig, mit Unbestimmtheiten
●Erzählform: Er/Sie/Es – hauptsächlich zwischen Camilla und Noah
●Erzählstandort: räumlich wie zeitlich, mit den Figuren, sehr lokalisiert, fast keine Erinnerungen
●Erzählsicht: mit Innenperspektive
●Erzählverhalten: eher neutral, obgleich auch tendenziös, aber nicht aufdringlich
●Erzählhaltung: distanzierend, ironisch, neutral, herablassend
●Erzählverfahren: fast ausschließlich szenisch, direkte Reden.
●Erzählstil: nivellierend
… keine inhaltliche Bündelung, eher auseinander geflogen, eher chaotisch, nebensächlich, fast mehr eine Art Bühnenstück, deshalb kein Ineinanderspielen von Gedankenstrukturen, erzählstimmlich gesehen passiert gar nichts, es assoziiert, irgendetwas.
–> 1 Sterne
Komposition:
●Verhältnis Dialog/Beschreibung: mehrheitlich Dialog, kaum Beschreibung, die Räume sind fast gar nicht existiert, befinden sich freien Fall, weißgetüncht, irgendwo zwischen Venedig und Stockholm
●Tempiwechsel: kaum, keine wirkliche Dynamik auf dieser Ebene
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: sehr, sehr viele, fast alles im Text steht in keinem wirklichen Kontakt zum Plot.
●Reliefbildung: dynamische Beschleunigung, hier und da, ja, aber nicht ausreichend genug, der Text lebt von der Textidee alleine
–> 1 Stern
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: ein wenig
●Geärgert: leider nicht
●Amüsiert: auch nicht
… 1 Stern wirkt hart, aber bezieht sich darauf, dass die Figuren nicht lebendig genug wirkten, und deren Problem nicht immersiv genug gestaltet wurde. Was sämtlich fehlt, in dem Roman, ist eine Plausibilisierung: warum lieben sich Camilla und Noah, was haben sie einander, was ist besonderes an ihrer Liebe? Was stellt sich Camilla unter dem besseren Leben vor? Warum will Noah überhaupt Kunst machen? Was will er ausdrücken? Worunter leidet er, dass er nicht seine Zeit nutzen möchte, um für Camilla Geld zu verdienen? Die Figuren erscheinen platt, die Story darum beliebig. Die Figuren wirken alle so, als würden sie sich in ihrem Leben langweilen.
–> 1 Stern
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Wolfgang Schiffer und Dinçer Güçyeter (Hrsg.): „Die Backstage eines Buches“

Schreiben um die Leere herum: Eine Reportage
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
In dieser Aufsatzsammlung aus dem Elif Verlag kommen 21 Autoren und Autorinnen zu Wort, die auf ihre Weise repräsentativ für den gegenwärtigen deutschsprachigen Literaturbetrieb stehen. Alte Hasen, junge Wilde, politisch, poetisch ambitioniert spreizt sich ein kunterbuntes Wortgemisch auf:
Anne Rabe: Mittelknappheit und Wohnraumenge
Lukas Bärfuss: Sterblichkeit und maschinelle Finalität
Berit Glanz: Twitter und die Aufmerksamkeitsmasche
Alena Schröder: Roman aus Informationsmangel
Marcel Beyer: Schreiben, um weiterzuschreiben
Ulrike Anna Bleier: Wissenschaftsschreibweisen
Saša Stanišić: Salatblatt und Schwanenhälse
Monika Rinck: semantisches Selbstbewusstsein
Ilija Trojanow: wo ist die Utopie
Theres Essmann: nur reale Figuren erzählen
Elke Engelhardt: Kunstfiguren befreien
Karin Peschka: kein Interesse am Literaturbetrieb
Daniela Dröscher: Autofiktion als einzig mögliche Geschichte
Jayne Ann Igel: sich selbst überraschen
Behzad Karim Khani: Fuck you, Öffentlichkeit
Mesut Bayraktar: Corona vom Klassenstandpunkt aus
Ralph Tharayil: Mehrzahl von Wein lautet Weinen
Shida Bazyar: Suche nach Heimat
Yael Inokai: nur der Ton entscheidet
Ulrich Peltzer: Hongkong who are you?
Anne Weber: Puppentrauerspiel der Autofiktion
Die Abschnitte sind kurz, formlos, fröhlich, direkt gehalten und sprechen das Publikum direkt an, provozieren, entlarven, beleidigen, beziehen Stellung oder entziehen sich. Von Literatur, Literaturtradition, von Vorbildern, von Anschlusskommunikationen, von Weiterentwickeln findet sich kaum etwas. Die Gegenwart befindet sich im freien Fall. Sie schwebt irgendwo im Nirgendwo zwischen Gestern und Morgen und dreht sich um sich selbst. Das gnadenlos zu zeigen, quasi an einer Sprachverlustgrenze entlang, darin liegt der Verdienst von Dinçer Güçyeter und Wolfgang Schiffer mit ihrer Kompilation. In der Ballung der Autoren und Autorinnen wird klar, das etwas fehlt. Es herrscht eine Leere und Lücke um sie und um sie herum, in dem von Güçyeter und Schiffer sogenannten „Maschinenraum des Literaturschaffens“.
Philip Roth: „Portnoys Beschwerden“

Furioser Start mit Verve und Witz, bis sich alles im Sande verläuft und gewollt allegorisch-problematisch wird.
Inhalt: 2/5 Sterne (etwas inhaltsarm)
Form: 3/5 Sterne (authentisch)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (gehetztes Ich)
Komposition: 1/5 Sterne (unschlüssiger Abschluss)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (gemischt, lustig bis ärgerlich)
Portnoys Beschwerden steht in der Tradition eines Henry Miller und seiner Wendekreis–Romane, spielt mit Tabubrüchen wie Jean Genet Tagebuch Eines Diebes und kreist um eine Ästhetik der Obszönität wie George Bataille in Das obszöne Werk. Im Gegensatz aber zu den genannten, unterminiert Roth seine Erzählinstanz ins Satirische und zielt vor allem auf den kulturellen Hintergrund des Ich-Erzählers ab:
Der Sozialismus existiert, aber das tun Spirochäten auch, meine Liebe! Jetzt wirst du die schleimigere Seite der Dinge kennenlernen. Runter, runter mit diesen patriotischen Khakishorts, mach die Beine breit, Blut von meinem Blut, öffne die Festung deiner Schenkel, reiß es auf, dein messianisches jüdisches Loch! Mach dich bereit, Naomi, jetzt gilt’s die Vergiftung deiner Fortpflanzungsorgane! Ich werde die Zukunft der Rasse verändern! Aber ich konnte natürlich nicht. […] »Es hat keinen Zweck«, sagte ich. »In diesem Land [Israel] kriege ich keinen hoch.«
Alexander Portnoy, Mitte Dreißig, befindet sich in einer Therapiesitzung und lässt seine Lebensgeschichte mehr oder weniger geordnet vom Stapel. Er redet über seine Eltern, über den Vater, der an Verstopfung leidet, über seine Mutter, die kontrollsüchtige Verhaltensweisen an den Tag legt, und von seinem schlechten Gewissen seiner Schwester gegenüber, wenn er mal wieder ihren Schokoladenpudding verspachtelt hat. Soweit die Kindheit, dann aber kommt Alexander in die Pubertät und alles dreht sich nur noch um „Schicksen“, also nichtjüdische Frauen, die ihn sexuell reizen. Und tatsächlich lernt er die Frau seiner Träume kennen, Mary Jane Reed, aber wie so oft ist er nicht darauf vorbereitet, seine eigene Phantasie auszuleben:
In wessen Loch welche Art Loch ich meine Ladung loswurde, kann ich nur mutmaß Es ist durchaus möglich, daß ich zu guter Letzt ein feuchtes, scharf riechendes Quodlibet aus tropfnassem italienischem Schamhaar, glitschigen amerikanischen Hinterbacken und völlig versauten Bettlaken fickte. Dann stand ich auf, ging ins Badezimmer und – das wird jedermann erfreuen – gab mein Abendessen von mir. Meine kischkas, Mutter – ich erbrach sie in die Klosettschüssel. Ist das nicht brav?
Gehetzt, mit einfallsreicher Syntax, mit viel Rhythmus, Drive und Verve dekliniert der Ich-Erzähler seine Macken, Ängste, Komplexe und tiefsitzenden Wünsche durch, bis der Erzählweise ab etwa zwei Drittel die Luft ausgeht, alles sich wiederholt, und, da das Wiederholen dem Erzählen auffällt, eine Tabubruch nach dem anderen sucht, was dem harmlosen, fröhlichen selbstkritischen Anfang nicht zuträglich ist. Der Roman kippt ins Gewollte und Sardonische und auch leider maßlos Unglaubwürdige.
Die Satire dekonstruiert sich, auch von den irrealen holzschnittartigen Frauenfiguren abgesehen, ins Artifizielle. Den männlichen Selbstzersetzungsdiskurs praktizieren andere konsequenter, nämlich von Anfang an und fröhlich ungeniert wie Michel Houellebecq in Vernichten , Martin Walser in Die Gallistl’sche Krankheit oder Heinz Strunk, zuletzt in Zauberberg 2 .
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Alexander Portnoy (AP), Sohn von Jack und Sophie, Bruder von Hannah, Neffe von Hymie, Bruder des Vaters. Alexander ist 33 Jahre alt. Erzählgegenwart etwa 1968.
●Charaktere: (rund/flach) – bis auf AP eher flach.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: AP sitzt bei einem Therapeuten und lässt sein Leben Revue passieren. Seine Erzählung arbeitet sich langsam von Kindheit über Jugend zum Erwachsenenalter heran. In der Erzählgegenwart hat er sich von seiner Freundin Mary Jane Reed getrennt und ist von einer Israelreise zurückkehrt.
Kindheit: Vater leidet an Verstopfung, leidet unter der Arbeit als Lebensversicherungsvertreter in Armenviertel; AP wird von Mutter mit Messer bedroht, wenn er sich zu essen weigert, eskalierende Streitereien. Er wird vor die Tür gesetzt.
Jugend: Besessen von Selbstbefriedigung ab dem 13. Lebensjahr; Szene: Vater muss auf Toilette, während Sohn sich auf Toilette selbstbefriedigt und vorgibt, an Durchfall zu leiden, während die Mutter durch die Tür auf ihn einredet. Vater spricht in Phrasen „draußen im Regen“, „über meinen Horizont“. Besucht mit Vater eine Sauna, Herde amphibischer Juden; Geschichte von Alice, eine Nichtjüdin, goj, und Heshie. Beziehung wird bewusst zerstört durch Lüge, dass Heshie an einer unheilbaren Blutkrankheit leide. Hymie gab Alice zudem noch 100 Dollar. Heshie heuerte beim Militär an und fiel im Krieg. Mit 14 Jahren, Gespräch über Gott, an den AP nicht glaubt, Digression über Rabbi Warshaw; Vermutungen über eine mögliche Affäre seines Vaters mit Anne McCaffrey (Nichtjüdin). Erinnerung ans Schlittschuhlaufen. Nasenkomplex. Schlittschuhunfall, Oskar-Schlotter-Bein.
Erwachsenenalter: AP Musterschüler und Hochleister, geht zur Eliteuniversität. Viele Affären, will sich nicht binden, beschränken, macht Karriere als Stellvertretender Vorsitzenden der New Yorker Städtischen Kommission für Soziale Gerechtigkeit. Eltern wollen, dass er eine Familie gründet. Onaniert öffentlich. Besuch des Stripclubs Empire. Sex mit roher Leber. Lernt Mary Jane Reed (Nichtjüdin) kennen, während sie ein Taxi heranwinkt. Er spricht sie an, indem er ihr Oralverkehr anbietet. Sie nimmt an. Eine wilde Affäre beginnt. War mit einem französischen Industriellen verheiratet, der ihr zu pervers wurde (bezahlte Frauen, um sie beim Defäkieren zu beobachten), Schauspielerin. Fährt mit ihr im Cabriolet nach Vermont. Eine Bildungskluft herrscht zwischen ihnen. AP beginnt sich Sorgen um sein Ansehen zu machen, da die Beziehung mit Mary Jane seine Prioritäten offenlegt. Reist mit ihr nach Europa, nach Rom, dort leben sie eine Phantasie aus, eine ménage à trois mit der Prostituierten Lina, mit der sie sich beinahe befreunden. MJ schämt sich. Sie streiten sich in Athen, wo sie sich droht vom Balkon zu stürzen, wenn er sie nicht heiratet. Resümiert Ex-Freundinnen wie Kay Campbell (wollte nicht Jüdin werden), Sarah Abbot Maulsby, wollte keinen Oralsex, jagte gerne. Nach Trennung in Athen, Flug nach Tel Aviv. Gewissensbisse MJ gegenüber. In Tel Aviv, lernt einen weiblichen Leutnant kennen, AP hat aber Erektionsprobleme; lernt Naomi kennen, die jüdische Variante von Kay Campbell (der Kürbis), die wie seine Mutter aussieht, im Kibbuz arbeitet. Streit, als er Sex mit ihr haben will. AP versucht sie zu vergewaltigen, nachdem sie ihn als Ghettojuden bezeichnet hat, der sich nicht zu wehren gelernt hat, sich selbst hasst, aber seine Erektionsprobleme verhindern Schlimmeres. Sie tritt ihn.
… vgl. vom Ton her, ein wenig Thomas Bernhard Auslöschung und J.D. Salingers Der Fänger im Roggen.
●Kurzfassung: Alexander Portnoy wächst als Vorzeigesohn auf, kann sich aber nicht mit seiner jüdischen Herkunft abfinden, sucht Ablenkung in sexuellen Abenteuern, findet die Frau seines Lebens, mit der er seine Phantasien auslebt, was ihn ängstigt, lässt sie sitzen, fährt nach Israel, versucht dort eine Jüdin, die aussieht wie seine Mutter, zu vergewaltigen, scheitert aber und wird von ihr getreten, kehrt zurück in die USA und redet mit einem Therapeuten.
●Diskurs: Judentum; Sex, was „Männer“ wollen, Leben in der Diaspora, heftige Holocaust-Pointe, Ghettojudentum, Beziehungsängste, Psychotherapie, 1968er-Vorläufer.
… im ersten Drittel sehr komisch, im zweiten Drittel dramatisch, im letzten Drittel gewollt und blöd, zu viel auf einmal. Die Kindheitsbeschreibung im Trubel des Familienlebens interessant und lebendig. Hannah, die Schwester, verschwindet völlig von der Bildfläche nachher, die Zusammenhänge, die Arbeit des Vaters, alles sehr dicht und nachvollziehbar, auch die Beziehung mit Mary Jane, die aber ebenfalls zu wenig ausgestaltet wird, wie überhaupt die Frauenfiguren. Etwas dröge zum Ende hin, langweilig, von der Story her.
–> 2 Sterne
Form:
●Wortschatz: Sehr alltagssprachlich, da Therapeutengespräch, eher mündliche Schreibform, wenig Innovativ, wenig poetisch, nicht literarisch per se.
●Stimmige Wortfelder: ja, stimmig und passend, vulgär, obszön, verzweifelt.
●Satzstrukturen: Schöne, gewundene, digressive Satzformen, interessant, mit viel Sinn für Rhythmik, dennoch irgendwann ermüdend, da die Motivik, die Abwechslung irgendwann fehlt.
●Wiederkehrende Motive/Tropen: Sexbessenheit, Phrasen des Vaters.
●Innovation: Nicht wirklich.
–> 3 Sterne
Erzählstimme:
●Reflektiert: Ja, reflektiert, borniert.
●Situiert: Ja, beim Therapeuten, der angeredet wird.
●Perspektiviert: Ja, in Bezug auf sein Problem, mit der Welt, mit seinem Überich, mit seinen Eltern, mit der Unmöglichkeit, sich zu binden, sich einzuordnen, wildwuchernd.
●Erzählform: konsequente Ich-Erzählweise
●Erzählstandort: räumlich wie zeitlich, indirekt Ende 1960er, Anfang der 1970er
●Erzählsicht: mit Innenperspektive, ein sich entfaltendes Ich
●Erzählverhalten: kommentierend (auktorial)
●Erzählhaltung: echauffiert
●Erzählverfahren: wenig szenische Beschreibung, mündliche Rede
●Erzählstil: innerer Monolog, der nach außen gebracht wird
●Reliefbildung: wenig Abwechslung, sehr starr, sehr monoton
–> 3 Sterne
Komposition:
●Verhältnis Dialog/Beschreibung: nur Monolog, sehr wenig Mühe mit Orten, mit Menschen, mit Szenerien, stehen einem kaum vor Augen, zu wirr
●Tempiwechsel: leider nicht, sehr gehetzt, das ganze Buch hindurch
●Extradiegetische Abschnitte: nein, keinerlei
●Lose Versatzstücke: die Baseball-, Softball-Szenen spielen keine Rolle
… die Komposition geht bei diesem Buch in die Hose, da alles zu gerafft, zu wirr, zu beliebig wirkt am Ende, was ist mit Mary Jane passiert, was genau ist nach Tel Aviv passiert, insbesondere aber die Vergewaltigung wirkt abrupt, banal und idiotisch und charakterlich nicht schlüssig.
–> 1 Stern
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: bei den letzten 50%, ja
●Geärgert: bei den letzten 10%, ja
●Amüsiert: in den ersten 50%, ja
–> 2 Sterne
Patrick Modiano: „Die Tänzerin“

Beeindruckend schwebend-leichtes Erinnerungserzählen, aber etwas kurz und ereignislos – eine Erzählskizze.
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 3/5 Sterne (leicht, aber relieflos)
Form: 5/5 Sterne (musikalisch-schwebend)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (reflektiertes Ich)
Komposition: 4/5 Sterne (verschlungen-geheimnisvoll)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (atmosphärisch-dicht)
Der neue Roman von dem Literatur-Nobelpreisträger aus dem Jahr 2014 Die Tänzerin reiht sich ein in die Kategorie der Prosaskizzen, die nun häufig auf dem Markt kommen: Kurze, hoch verdichtete Kleinprosa, die sich an einem Tag auslesen lässt und kompositorisch den Schwierigkeiten aus dem Wege gehen, das Publikum durch einen langen, sinnerzeugenden Erzählfluss zu halten. Hier zu gehören bspw. Han Kang in Griechischstunden oder Sylvie Schenks Maman, die auch inhaltlich zu Modianos Die Tänzerin passen. Es geht um die Nachkriegszeit wie bei Schenk und um Sprachlosigkeit, Zurückgezogenheit, Ängstlichkeit wie bei Kang. Im Zentrum des Textes steht eine namenlos bleibende Tänzerin im Paris Ende der 1950er:
Das Ballett hieß Der Rosenzug, ein Stück, das sie besonders mochte. All diese Anstrengung, um leichter zu sein, all diese Arbeit, um »den Ellbogen zu brechen«, wie Kniaseff sagte, und den Armen eine fast immaterielle Geschmeidigkeit und Zartheit zu verleihen … Vielleicht würde sie schließlich davonfliegen, durch Wände und Decken stoßen und an die freie Luft gelangen, hinaus auf den Boulevard.
Tanzen rettet die Hauptfigur, von der ein namenloser Ich-Erzähler berichtet, der sich mit ihr befreundet, der ihr zur Seite steht und auch bei der Betreuung ihres Sohnes Pierres hilft. Die Tänzerin wirkt verletzlich, bedroht, und in der Tat lauern Gefahren auf sie. Gegen diese Enge, die Rohheit, gegen das Aufdrängen hilft ihr der Tanz, denn in diesem schafft sie eine rhythmisch-melodische fließend harmonische Ordnung, die gegen die Rohheit und Verstiegenheit der Welt aufbegehrt.
Kniaseff zufolge musste der Körper sich erst einmal erschöpfen, um dann zur Leichtigkeit und Geschmeidigkeit der Bewegungen von Beinen und Armen zu gelangen. Und das Wort »sich erschöpfen«, dass er in russischer Manier aussprach, war ihr nicht auf Anhieb verständlich. Als er eines Tages mit ihr allein war, hatte er den Sinn erklärt: Ja, es ging darum, durch ständige Übungen »die Knoten zu entknoten«, und das tat weh, doch waren sie einmal »entknotet«, verspürte man Erleichterung, man war befreit von den Gesetzen der Schwerkraft, genau wie in Träumen, wo der eigene Körper in der Luft schwebt oder im leeren Raum.
In kompositorisch-musikalischer Verdichtung kreiert Modianos Erzählinstanz ein atmosphärisches Paris, das aus der Leere der Erinnerung in die Fülle eines Erlebnisses hinüber wechselt, Schemen, Gestalten, Spuren tauchen auf, verknüpfen sich, lösen und überlagern sich so, dass ein sinnlich-greifbarer Bedeutungsfluss in Bewegung gesetzt wird, durch eine Vergangenheit hindurch, die einen erloschenen Stern wieder zum Leuchten bringt: die Tänzerin. Der Text steht als Memento gegen das Vergessen. Die Tänzerin stellt sich atmosphärisch direkt neben James Baldwins Giovannis Zimmer, ebenfalls melancholisch, aber nicht trist. Bei Modiano herrscht die Leichtigkeit, die bei Baldwin durch die Lüge verlorengeht, in die Die Tänzerin aber durch Musikalität und das Ballett stets wiedergewonnen wird.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Ein Ich-Erzähler, verdient sein Geld als Chansontexter, später als Literaturlektor im Olympia-Verlag (Erstveröffentlichungsort von Nabokovs „Lolita“), Zeitpunkt der Handlung Anfang zwanzig; die Tänzerin, namenlos, Mutter von Pierre, aufgewachsen in Saint-Leu-la-Forêt, früh auf sich alleine gestellt; Serge Verzini, ein halbseidener Vermieter, kennt Vater von Pierre, kennt Mutter von der Tänzerin, hilft ihr und vermietet dem Ich-Erzähler auch ein Zimmer.
●Charaktere: (rund/flach) – die Charaktere sind alle geheimnisvoll angelegt, keine Klischees, die Nebenfiguren wie Pola Hubersen und Georges Starass wirken etwas holzschnittartig, aber sie stellen nur einen winzigen Handlungsausschnitt dar.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Der Ich-Erzähler sucht in Paris Mitte der 1970er eine Wohnung über einen Makler, lernt Verzini kennen und erhält ein Mansardenzimmer. Verzini lädt ihn in seine Bar ein „La Boîte à Magie“. Nachdem er einige Zeit vergehen lässt, schnappt ihn Verzini eines Tages und nimmt ihn mit. Dort lernt er die Tänzerin kennen. Sie verstehen sich auf Anhieb gut. Er begleitet sie durchs nächtliche Paris und eine Freundschaft beginnt. Sie gehen spazieren. Er begleitet zu ihren Proben ins Studio Wacker. Eines Tages holen sie ihren Sohn am Gare d’Austerlitz ab, Pierre. Ein alter Bekannter von der Tänzerin lauert ihr auf, André Barise, der sich der Tänzerin aufdrängt. Sie stößt ihn weg, bittet Verzini um Hilfe. Sie zieht mit seiner Hilfe um. Der Ich-Erzähler lernt die Mäzenin Pola Hubersen kennen. Es gibt eine Aufführung „Der Rosenzug“ mit Georges Starass, mit dem die Tänzerin auch ein Verhältnis hat. Nach der Aufführung geht die Tänzerin mit Pierre und dem Ich-Erzählerin in eine Weihnachtsmesse und tanzt mit Pierre den Pas de deux. Verzini besucht den Ich-Erzähler und erzählt von der Vergangenheit der Tänzerin, vom Verschwinden des Vaters, von den stalkenden Barise-Brüdern. Als er Verzini 50 (also 2023) Jahre später wiedersieht, erinnert sich dieser kaum und leugnet auch zuerst, Verzini zu sein.
●Kurzfassung: —
●Diskurs: Tanzen, Ballett, körperliche Disziplin; Mutter-Sohn-Dynamik; Leben als Schriftsteller, Übersetzer, Lektor
… insgesamt hat mich das Buch sehr an James Baldwins „Giovannis Zimmer“ erinnert, vom Ton her, getragen, düster, geheimnisvoll, libidinös aufgeladen; ein wenig dunkel, undurchschaubar, prekär. Betonung des Körperlichen, des Erotischen, aber ohne Obszönität, Freundschaft zwischen der Tänzerin und dem Ich-Erzähler. Wahlfamilie zwischen Verzini und der Tänzerin, Patchwork-Familien nach dem Krieg, der Zerrüttungen durch den zweiten Weltkrieg. Durch die Spannung und Atmosphäre mitreißend, dennoch etwas kurz, und dem Text fehlt eine gewisse Pointe, ein gewisser Erzählanlass, der über das Wiedertreffen Verzinis auf der Straße hinausgeht. Wirkt dadurch etwas wie eine Fingerübung.
–> 3 Sterne
Form:
●Wortschatz: keine auffallenden Wörter, sehr diaphan, sehr bescheiden, sehr zurückhaltend.
●Stimmige Wortfelder: sehr stimmig, keine Ausreißer, keine Mischungen, keine seltsamen Abstraktionsbrüche
●Satzstrukturen: gleitend, fließend, rhythmisch, sehr schillernd, sanft oszillierend, musikalisch, obertonhaft.
●Wiederkehrende Motive/Tropen: erloschener Stern, Ordnung, Treibenlassen. Flanieren. Promenieren.
●Innovation: Durch die Musikalität, eine enorme Entsemantisierung der Sprache. Erstaunlich.
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Reflektiert: ja, vorsichtig,
●Situiert: ja, es gibt eine Erzählgegenwart, ein Treffen Verzinis auf der Straße, eine zeitliche Einordnung in das Paris 2023
●Perspektiviert: ja, als Erinnerung und klar nur aus der Sicht des Ich-Erzählers gehalten
●Erzählform: Ich-Form
●Erzählstandort: räumlich wie zeitlich – retrospektiv, klar situiert, persönlich
●Erzählsicht: mit Innenperspektive als Ich
●Erzählverhalten: kommentierend (auktorial), aber als erinnerndes Ich
●Erzählhaltung: sanft, vorsichtig
●Erzählverfahren: hauptsächlich indirekt
●Erzählstil: Ich-Monolog
●Reliefbildung: dynamische Ortswechsel, Akzente, Strukturbildnisse, Motive ja
–> 5 Sterne
Komposition:
●Verhältnis Dialog/Beschreibung: wenig Dialoge, wenig szenische Passagen, mnemotisch
●Tempiwechsel: ja, von der Gegenwart, verlangsamend, sehr rhythmisch
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nein
… dennoch verliert sich der Text etwas ins Nichts der Erinnerung als Möglichkeitsform, als Textstruktur eindrücklich gearbeitet, nichtsdestotrotz
–> 4 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein
●Geärgert: nein
●Amüsiert: nein
… stark berührt von der Atmosphäre, von den Schemen, von der Erinnerung an ein Leben, eine Lebensphase, die vorüber ist, aber noch nachwirkt
–> 5 Sterne
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Heinrich Böll: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“

Messerscharfe Medienkritik auf den Punkt hin kondensiert und inszeniert: ruhig, gelassen und mit vernichtendem Humor.
Inhalt: 4/5 Sterne (mediale Hetzjagd)
Form: 2/5 Sterne (schlicht)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (unaufgeregt-souverän)
Komposition: 5/5 Sterne (montiert, abwechslungsreich)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (scharfzüngig, dennoch deeskalierend)
1974 erschien Heinrich Bölls Mediensatire Die verlorene Ehre der Katharina Blum anlässlich des Sensationsjournalismus rundum die Berichterstattung über die Rote Armee Fraktion. Böll hat ihr den Untertitel verliehen: „Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“ und kontextualisiert hiermit auch eine Form von Rache gegen sexuelle Übergriffe, die schließlich dazu führt, wie auf den ersten Seiten der Erzählung klar wird, dass Katharina Blum einen Reporter namens Werner Tötges erschießt:
Die Tatsachen, die man vielleicht zunächst einmal darbieten sollte, sind brutal: am Mittwoch, dem 20. 2. 1974, am Vorabend von Weiberfastnacht, verlässt in einer Stadt eine junge Frau von siebenundzwanzig Jahren abends gegen 18.45 Uhr ihre Wohnung, um an einem privaten Tanzvergnügen teilzunehmen. Vier Tage später, nach einer […] dramatischen Entwicklung […] klingelt sie an der Wohnungstür des Kriminalkommissars Walter Moeding […] und gibt dem erschrockenen Moeding zu Protokoll, sie habe mittags gegen 12.15 in ihrer Wohnung den Journalisten Werner Tötges erschossen […]
In Reportstil, schnell, kompromisslos, zwischen direkter, indirekter Rede wechselnd, wenig deskriptiv, ganz auf die Abfolge der Ereignisse konzentriert, berichtet eine Erzählinstanz über diese vier Tage, in denen Katharina Blum zur Mörderin wird, ohne die Tat im geringsten zu bereuen. Ohne Psychologisierung, nur unter vorausblickender, und rückblickender Rekonstruktion wird, teilweise süffisant, teilweise entsetzt darüber Protokoll gehalten, wie die Menschen sich von Pressemitteilungen und Sensationsjournalismus beeindrucken lassen und urteilen, ohne nachzudenken:
Als [Hubert] Blorna Freitag früh gegen halb zehn mürrisch zum Frühstück kam, hielt Trude ihm schon die ZEITUNG entgegen. Katharina auf der Titelseite. Riesenfoto, Riesenlettern. RÄUBERLIEBCHEN KATHARINA BLUM VERWEIGERT AUSSAGE ÜBER HERRENBESUCHE. Der seit eineinhalb Jahren gesuchte Bandit und Mörder Ludwig Götten hätte gestern verhaftet werden können, hätte nicht seine Geliebte, die Hausangestellte Katharina Blum, seine Spuren verwischt und seine Flucht gedeckt. [… Weiterhin] las er dann, dass die ZEITUNG aus seiner Äußerung, Katharina sei klug und kühl, “eiskalt und berechnend” gemacht hatte und aus seiner generellen Äußerung über Kriminalität, dass sie “durchaus eines Verbrechens fähig sei”.
Eindrucksvoll montiert Böll in seiner Erzählung Die verlorene Ehre der Katharina Blum Einbildung, Faktentreue, rekapitulierende Schmach, Diffusion und gehässige Nachrede zu einem gelungenen Stimmungsbild einer Gesellschaft, die große Lust daraus bezieht, andere an den Pranger zu stellen. Mit hohem Tempo, sich überlagernden Kommentaren, Reflexionen und distanzierenden Einwürfen deeskaliert die Erzählinstanz diese sich auf ein Urteil kaprizierende Kommunikationssackgassen und entfaltet durch syntaktische Innovationen neue Sprachräume und Zweifel an Über-Klarheiten. Hierzu dient eine souverän ihre Montage betreibende Erzählinstanz, die den Schlüssel zu den Ereignissen erst nach und nach freigibt und so stilistisch und formal die Aussage unterstreicht, dass Klarheit und Eindeutigkeit sich stets erst im Nachhinein, wenn überhaupt, einstellt, aber sicherlich nicht im laufenden Prozess, denn: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Katharina Blum, Anfang 20, Wirtschafterin, geschieden. Hubert und Trude Blorna, Ehepaar, Hubert Rechtsanwalt, Trude Architektin, Klienten von Katharina Blum.
●Charaktere: (rund/flach) – nicht entscheidbar, da äußerliche Erzählweise, abstrakt.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
-Katharina Blum (KB) geht zu einer privaten Tanzfeier, von Else Woltersheim. KB arbeitet viel, spart viel, hat einen Kredit für eine Eigentumswohnung aufgenommen, mit Hilfe des Ehepaares Blorna. Ihr erster Mann hat sich ihr sexuell aufgedrängt. Sie ist distanziert, aber einsam. Auf der Feier lernt sie einen jungen Mann kennen, Ludwig Götte, der sie nach Hause fährt und mit dem sie eine Nacht verbringt. Er beichtet ihr, ein Bundeswehrdeserteur zu sein, und sie hilft ihm, sich klammheimlich aus dem Haus davonzustehlen.
-Am nächsten Morgen, LG ist verschwunden, wird KBs Wohnung von Polizisten gestürmt und KB festgenommen. Sie erfährt, dass LG unter Verdacht steht, eine Bank ausgeraubt, sogar einen Mord begangen zu haben. Sie wird verhört, ergebnislos. KB glaubt den Vorwürfen nicht, muss ihre hohen Benzinkosten (einsame Autofahrten) und den Besitz eines sehr teuren Ringes erklären, ihre Finanzen (wegen der Eigentumswohnung) offenlegen und den Namen des Herren nennen, den die Nachbarn häufiger bei ihr gesehen haben. Den Namen des Herren und die Herkunft des Ringes will sie ungenannt lassen, weil sie Komplikationen befürchtet.
-Die Presse in Person von Werner Tötges bekommt Wind davon und schreibt einen Artikel gegen sie als „Räuberliebchen“, der sie als Teil einer terroristischen Verschwörung verleumdet, sie als eiskalt und berechnend hinstellt, die Eigentumswohnung durch Bankraub finanziert sei, und die Herrenbesuche als Hinweis darstellt, dass ihre Wohnung als ein Waffenumschlagsplatz diene. Der zuständige Reporter Tötges besucht die Menschen aus KBs Umgebung und konfrontiert sie mit diesen Verdächtigungen. KB liest fassungslos diese Artikel und wird wütend.
-Nun meldet sich Alois Sträubleder (AS), ein wichtiger Klient, bei den Blornas und verlangt von ihnen, dass sie sich um die heikle Angelegenheit mit seinem Zweithaus kümmern. Hierbei kommt heraus, dass er hinter den Herrenbesuche steht, KB den Ring geschenkt hat. HB wird wütend auf AS, zumal er sich selbst etwas in KB verguckt hat. Bevor HB aber weitere Schritte unternommen werden können, wurde LG bereits gefangengenommen, und auch die Nachricht trifft ein, dass KBs Mutter nach dem Interview mit dem Reporter gestorben ist. Die Ärzte hatte dem Reporter untersagt, sie zu stören, aber der Reporter hat ihr trotzdem Lügengeschichten über ihre Tochter erzählt.
-KB hört, dass LG gefangengenommen wurde und ihre Mutter gestorben ist. In der Sonntagsausgabe verdreht nun die Zeitung auf Betreiben des Reporters Tötges die ganze Angelegenheit, behauptet, KBs linksterroristische Unternehmungen hätten ihre Mutter in den Tod getrieben, sie hätte eine „nuttige“ Art, und sie habe sich AS aufgedrängt, um seine Karriere zu zerstören und den Schlüssel der Villa entwendet, in welchem sie LG versteckt habe, die Blornas zudem seien auch kommunistisch, Frau Blorna bekannt als die „rote Trude“.
-KB lässt sich eine Pistole geben, trifft sich mit dem Reporter Tötges zu einem Interview, um ihm auf den Zahn zu fühlen, als dieser sich aber frech an sie heranmachte, er sich ihr aufdrängte, erschoss sie ihn kurzerhand und stellte sich ein paar Stunden später der Polizei.
-Im Nachgang kommt heraus, dass LG lediglich Bundeswehrdeserteur ist und dort, nach Bilanzfälschung, Geld aus einem Safe gestohlen hat. Er hat keinen Mord begangen und ist in keine terroristische Angelegenheit verwickelt. AS und die Blornas streiten und prügeln und entzweien sich. LG und KB drohen eine Haftstrafe bis zu 10 Jahren, die Blornas geraten in finanzielle Nöte. AS passiert nichts. Blornas versuchen, Licht in die Angelegenheit zu bringen, aber beißen auf Granit.
●Kurzfassung: Die Berichterstattung einer Boulevardzeitung hetzt die Polizei gegen Ludwig Götte auf, der Katharina Blum zufällig kennenlernt. Sie hilft ihm, sich zu verstecken, da er lediglich aus der Bundeswehr desertiert ist. Am nächsten Morgen wird ihre Wohnung gestürmt und eine Hetzkampagne gegen sie findet statt, in der die Tatsachen so verdreht werden, dass sie und Ludwig plötzlich als staatsgefährliche Terroristen dastehen. In Folge der Berichterstattung stirbt Katharinas Mutter. Katharina erschießt den Reporter, als dieser ihr bei einem Interview an die Wäsche will. Sie stellt sich daraufhin.
●Diskurs: Sensationspresse, Angst vor Linksterrorismus, damals RAF. Ehe-Eskapaden, Eifersuchtsdrama.
… sehr spannend inszeniert, in Ticker-Manier, stets Häppchenweise die Handlung vorantreiben, interessant, verdichtet, raffend. Leider mit sehr typisierten Figuren und Charakteren.
–> 5 Sterne
Form:
●Wortschatz: angemessen, mit vielen reißerischen Untertönen und Sarkasmus
●Stimmige Wortfelder: ja, aber langweilig
●Satzstrukturen: interessante Überblendungen, Verkürzungen, Halb- oder Fastsätze, um Geschwindigkeit und Wirrnis zu simulieren.
●Wiederkehrende Motive/Tropen: die „ZEITUNG“ wird großgeschrieben, getaktetes Textbild.
●Innovation: nicht in der Sprache, die sehr alltäglich wirkt.
–> 2 Sterne
Erzählstimme:
●Reflektiert: ja, stellt sich selbst in Frage, rekapituliert das Geschehen, luzide
●Situiert: nein, schwebt über den Dingen, im Rückblick, aber unklare Instanz
●Perspektiviert: ja, aber bewusst selegierend, gibt nur nach und nach die Information preis, auktorial.
●Erzählform: Auktorial
●Erzählstandort: räumlich wie zeitlich frei schwebend, aber nach dem Geschehen, rückblickend
●Erzählsicht: nur von außen, rein deskriptiv, reine Quellenanalyse
●Erzählverhalten: kommentierend (auktorial)
●Erzählhaltung: ironisch, satirisch, die Techniken der Presse als lächerlich darstellend
●Erzählverfahren: direkte, indirekte, erlebte Rede, Bericht, Dialoge – alles zusammen.
●Erzählstil: eher nivellierend
●Reliefbildung: dynamische Ortswechsel, Akzente, Strukturbildnisse, Motive, ja schnelle, verschieden perspektivierte Abschnitte.
… passt sehr gut, das nüchterne, halb abgeklärte, desillusionierte, ironische Berichten und Wiedergeben, was geschehen ist. Unaufgeregt, und daher glaubwürdig, selbstreflexiv Vertrauen schaffend.
–> 5 Sterne
Komposition:
●Verhältnis Dialog/Beschreibung: wenig Beschreibung, viele Dialoge, erlebte Reden…
●Tempiwechsel: nicht wirklich, sehr hohes Tempo insgesamt, auch sehr kurz
●Extradiegetische Abschnitte: nein, nur die Welt der Erzählung wird beschrieben
●Lose Versatzstücke: nein
… aufs äußerste konstruiert, sehr gelungen montiert, mit Vorausblicken, Rückblicken, und Sicherheit verleihenden Kommentaren. Keine unklaren Gesten, kein Herumgeplauder, auf den Punkt hin erzählt, berichtet, ohne jedweden Sensationalismus.
–> 5 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein
●Geärgert: nein
●Amüsiert: ja, stellenweise sehr lustig.
–> 5 Sterne
Antje Rávic Strubel: „Der Einfluss der Fasane“

Zu viel und zu wenig: Symbolisch-moralische Überfülle erdrückt die Erzählung.
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 2/5 Sterne (Machtmenschen unter sich)
Form: 3/5 Sterne (einfallsreiche Syntax, aber Wortentgleisungen)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (unentschieden-feige)
Komposition: 1/5 Sterne (inkohärent-überlagert)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (Lästerexzess)
Nach Blaue Frau im Jahr 2021, mit welchem Strubel den Preis des Börsenvereins des deutschen Buchhandels gewonnen hat, und nachfolgenden Essaybänden legt sie nun mit Der Einfluss der Fasane den nächsten Roman vor. Der Roman greift die Problematik von Toxizität im Kulturbetrieb auf und greift hiermit die Thematik eines Benjamin v. Stuckrad-Barre in Noch wach?,CiaoJohanna Adorján in Ciao oder Joachim Meyerhoff in Man kann auch in die Höhe fallen auf. In Strubels Version steht der Selbstmord des Theaterintendanten Kai Hochwerth im Zentrum des Geschehens:
Die Premiere an Hochwerths Haus. Der Schneesturm, der über den Dächern niedergegangen war. Das viele Blut auf der Bühne. [Hella Renata Karl] war versucht, diesen Abend noch einmal Schritt für Schritt durchzugehen, soweit das möglich war nach sieben Jahren, sieben Jahre und vier Monate, um genau zu sein. Damals hatte ihre Geschichte mit Hochwerth begonnen, die nun unweigerlich zu Ende war. Die sie zu Ende gebracht hatte. Ein Ende mit Schrecken, gestand sie sich nach den ersten Schlucken ein, denn sie hatte die Schlagzeile ins Blatt gesetzt. Intendant zwingt Schauspielerin zur Abtreibung.
Hella, Cheffeuilletonistin, hat, um Auflagenstärke zu generieren, Klatsch und Tratsch betrieben, der zur Entlassung des besagten Kai Hochwerth führte. Nun, nach seinem Selbstmord, steht sie plötzlich selbst im Visier der Medien, nämlich wegen übler Nachrede. Es verbindet sie mehr mit Kai Hochwerth, als sie wahrhaben möchte, bspw. die sozialschwache Herkunft, das imposant, lautstarke Auftreten, der unbedingte Wille wirken und beeinflussen zu wollen.
Hochwerth kam aus derselben Liga. Er hatte als Kartenabreißer begonnen, sein Englisch war keinen Deut besser als ihres. Und hier lag der Grund für ihre Wut, das war es, warum sie ihm seine Missachtung bis in den Tod hinein übelnahm: der absolute Mangel an Solidarität. Die totale Verweigerung von Kameradschaft.
Wie die Zitate zeigen, hat Strubel Der Einfluss der Fasane in einem reißerischen Stil verpackt, der teilweise ornamental-unklare Züge des Indirekten erhält, wie sie Martin Mosebachs Stil der erzählkommentierenden, erleben Rede auszeichnen, um bloß nicht das Kind beim Namen zu nennen. Es geht hoch her und auch irgendwie nicht. Die ganze Nebelbombe kreist um Rufmord, Untreue, um Ellbogenmentalitäten und Aufmerksamkeitsgier. Hier schließt Strubel an Maxim Billers Satire Der falsche Gruß an. Mit heftigster Herablassung wird das Bild einer narzisstischen Figur namens Hella skizziert, die alles aus ihrem Weg räumen will, um an die Spitze zu gelangen.
Dabei hatten Sie [Frau Bundeskanzlerin] es nicht leicht. Sie kamen von woanders, von drüben, von unten, wenn wir ehrlich sind. Aber Sie haben sich gegen alle Widrigkeiten zur Wehr gesetzt. Sie haben sich durchgebissen. Auf weise Weise. Wie eine Wölfin! Eine Walküre. Eine wackere Weltenwandlerin. Eine wehrhafte Wespe. Eine whitch [*]. Eine Www–«
Der Einfluss der Fasane handelt davon, wie die friedlichen Fasane den unfriedlichen den Schutz entziehen, sie isolieren, exponieren, auf dass die unfriedlichen Fasane sich gegenseitig bekriegen (Hella/Kai) und unschädlich machen. Der „Einfluss“ ist ein indirekter. Die aggressiven Figuren werden verlassen und ins Abseits gedrängt. Die Fasane wirken als janusköpfiges Mahnen, als Hintergrundrauschen, als Krächzen, Schatten im Unterholz des schlechten Gewissens. Leider besitzt Der Einfluss der Fasane keine symbolische Tiefe noch narrative Breite, um diese indirekte Form der semantischen Autoimmunisierung umzusetzen. Der Stil verbleibt in einem beinharten Lästern, das unter seinem eigenen Anspruch und seiner sich selbstauferlegten Bedeutungsschwere erstickt.
[*] Strubel schreibt tatsächlich „whitch“ – ob sie Hella lächerlich machen will damit, weiß ich nicht.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Hella Renata Karl, jenseits der vierzig, Feuilletonchefin einer Berliner Tageszeitung. Unverheiratet, ohne Kinder, lebt mit Partner T zusammen in Potsdam, ein Architekt. Beziehung sechs Jahre, sie befinden sich im verflixten siebten.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Kapitel 1: Kai Hochwerth (K), 54 Jahre, gefeierter, dann gefeuerter Theaterintendant, bringt sich in Sidney am 7. Mai um, wo seine Frau Patricia Mingo als Opernsängerin wirkt. Hella (H), die den Tag mit T verbringen wollte, fährt dennoch in die Redaktion, um Nachforschungen zu betreiben und einen Nachruf auf K zu verfassen.
Kapitel 2: Nächster Tag, H hatte befriedigend Sex mit T, Erinnerung an K. H gibt problematisches Interview. Sie spricht von „kopfloser Presse“. Sie wird in den Zusammenhang mit Ks Tod gebracht, denn H hat einen Artikel über ihn geschrieben, wie er einer Schauspielerin zur Abtreibung rät: „Intendant zwingt Schauspielerin zur Abtreibung.“ Robert Heinze, ein Schauspieler des Theaters, das K wegen der Affäre gefeuert hat, hetzt gegen H. Ehefrau gibt Medien ebenfalls die Schuld.
Kapitel 3: Nächster Tag. H wird von ihrer Chefin beurlaubt, Sibylle Schmück. Erfolgsstory von K. Gedanken zu Ks Herkunft, ähnlich wie Hs, aus einfachen Verhältnissen. H trifft sich mit Kollegen Kranzel und Sunder.
Kapitel 4: T unzugänglich, H masturbiert. H geht Bouldern. Besuch bei den Mantaus, reich und vermögend, mit Villa. Sie wird zu einem elitären Treffen eingeladen.
Kapitel 5: Mittlerweile geht die Kampagne gegen H hoch her. Sie geht ins Theater, um sich dort zu entschuldigen. Eine muskelbepackte Frau zeigt ihr ein Geheimzimmer im Theater, wo eine Plastikbüste von K steht. Erinnerung an Ks Anekdote über die Frau mit dem roten Lada. Konfrontation mit Robert Heinze. Er beschimpft sie. Als sie einen forschen Schritt auf ihn zu macht, hebt er schützend seine Hände vors Gesicht. Mit den Nerven am Ende ruft sie aus dem Auto T an, der sich kurz angebunden gibt. Sie müssten reden. Sie hat eine Affäre in Verdacht. Zuhause findet sie die Einladung zu einem Bundeskanzlerinempfang. Sie geht hin. Sie spricht mit Kanzlerin, dann mit Literatin, die ihr bescheinigt, eine gute Journalistin zu sein.
Kapitel 6: Konfrontation mit T, der seine religiöse Seite gefunden hat und in ein Zisterzienserkloster gehen will. Sie trennen sich. Plötzlich erinnert sie sich an das Interview mit der Restaurantchefin in Sidney, die über einen Bariton an der Seite Patricia Mingos gesprochen hat. H wittert ein Beziehungsdrama als Grund von Ks Selbstmord. H setzt ihre Kollegin Edith auf die Recherche an. Sie geht auf den Markt, um sich Schnitzel zu kaufen. Sie wird vom Nachbarn ermahnt, ihren Müll nicht herumliegen zu lassen. Tage später findet die Beerdigung statt. Eine Theaterschauspielerin lobt sie, sich gegen K gestellt zu haben, spricht von der Büste, der Wachsfigur, die die Schauspielerinnen küssen mussten. Übermutig fährt sie statt direkt nach Hause in Potsdam umher. Plötzlich steht ein Fasan auf der Straße, sie weicht aus.
Kapitel 7: „Aber die Sonne scheint immer wieder.“
●Kurzfassung: Hella, Feuilletonchefin, nutzt die Möglichkeit, die Auflagenhöhe ihrer Zeitung zu stärken, indem sie den Theaterintendanten Kai bloßstellt, der Schauspielerinnen zwingt, seine Büste zu küssen und einer Schauspielerin angeraten hat, abzutreiben. Nachdem dieser gefeuert wird, geht er mit seiner Frau, einer Opernsängerinnen, auf Tournee. In Sydney bringt er sich um. Manche denken, wegen der medialen Hexenjagt, Hella hat ein Beziehungsdrama in Verdacht.
●Diskurs: Presse, Veganismus, Politik, Kunst- und Kulturbetrieb, Macht und soziale Medien, Übergriffigkeit und Geschlechteridentitäten, Sex.
●Deutung des Titels: Der Roman heißt „Der Einfluss der Fasane“ – Männliche Fasane protzen mit ihrem Aussehen, stolzieren umher und sammeln einen Harem um sich. Sie besitzen eine enorm große Geschlechtsdismorphie. Das Wort taucht 8x mal: 2x im Kontext mit dem Krächzen der Pumpe auf dem Hof der Großeltern; 1x als Beunruhigung im seelischen Unterholz; 2x als ein Trupp weibliche Fasane nach Essbarem suchen; 1x kopulierende Fasane; 1x durch Maschendraht Hella anblickend; 1x aus dem Nichts auf der Straße auftauchend.
unklar, ob der Titel männliche oder weibliche Fasane meint. Fasane lungern um das Haus von Hella herum, in Potsdam.
klar: Kai Hochwerth ist laut, dominant, spielt sich in den Vordergrund und wird schließlich zu Fall gebracht (von Hella); als Hella aufdreht und übermütig durch die Gegend fährt, bringt sie ein anderer männlicher Fasan zu Fall. D.h. die männlichen Fasane eliminieren sich gegenseitig, die weiblichen Fasane, die Partner, ziehen sich zurück (T von Hella, Patricia von Kai). Die weiblichen Fasane stehen für das Nahrungssuchen, für den Hof der Großeltern, für das einfache Leben, und die männlichen für das laute Prunkgehabe, das Vorlaute, das sich in den Vordergrund Schieben. Wenn also vom „Einfluss der Fasane“ im Buch die Rede ist, dann auf zweierlei Weise, einmal von dem sehr kurzfristigen Einfluss der männlichen Fasane, der aber ins Nichts verpufft, weil ein anderer männlicher Fasan auftritt; und dann der langfristige Einfluss der weiblichen Fasane, die sich von den männlichen zurückziehen, das System stabilisieren, die aggressiven isolieren, um sie zu exponieren, auf dass andere männliche Fasane sie zu Fall bringen.
„Der Einfluss der Fasane“ bedeutet: den Lauten wird der Schutz entzogen, und hierdurch gehen sie zugrunde, und hierdurch bleibt alles gleich. Am Ende, Kapitel 7, Abwandlung von Sophie Scholls „Die Sonne scheint noch“, bekannt durch den Film (2005), zeigt, dass der Widerstand gegen die Lauten, gegen den Faschismus, ein Anliegen des Buches ist.
… das Buch will zu viel auf zu engem Raum. Es bleibt alles zu schwammig.
… zu viel bleibt nur angedeutet, zu schwammig, nicht pointiert genug, nicht klar genug für eine Thrillergeschichte, nicht breit genug, um ein soziales Ambiente zu schildern. Viel zu unklar. Figuren bleiben sehr unscharf. Keine Charakterstudie. Keine szenische Darstellung von Konflikten, bis auf die Konfrontation Heinze und Hella.
… vgl. Maxim Biller „Der falsche Gruß“ … insgesamt eine gehässige Geschichte über eine als sehr eitel und langweilig dargestellte Feuilletonchefin.
–> 2 Sterne
Form:
●Wortschatz: abwechslungsreich, leider Wortfeldmischungen, leider Obszönitäten, die gar nicht in die sonstige Schreibweise passt, etwas holterdiepolter Sex-Talk, wirkt gewollt.
●Satzstrukturen: lange, interessante Sätze, gute Mischung, flüssig. Teilweise zu viele Paraphrasen ein und desselben.
●Innovation: nicht sehr poetisch, eher diskursiv, abstrakt, assoziierend gewollt.
–> 3 Sterne
Erzählstimme:
●Reflektiert: nein, keine Selbstbezüglichkeit, offensiv.
●Situiert: nein, Erzählgegenwart unklar.
●Perspektiviert: auktorial-personal im Wechsel. Oft unklar, ob eine Person etwas denkt, oder die Erzählinstanz spricht. Gedanken von Hella in kursiv gesetzt. Aber auch hier oft unklar. Ein wenig innerer Monolog.
●Erzählform: Sie.
●Erzählstandort: räumlich wie zeitlich freischwebend.
●Erzählsicht: mit Innenperspektive, die „wahren“ Begebenheiten werden nicht aufgedeckt. Alles aus Sicht von Hella. Erzählinstanz kommentiert nur Hellas Erleben.
●Erzählverhalten: Keine wirklichen Kommentare, eher fließend mit Hellas Gedanken überblendend.
●Erzählhaltung: distanzierend, ironisch, herablassend. Verhöhnend, Hella wird entblößt, dem satirischen Blick freigegeben und dargeboten.
●Erzählverfahren: direkte, indirekte, erlebte Rede, Bericht, Dialoge. Alles zusammen.
●Erzählstil: nivellierend auf Hellas Erleben hin. Mit ein paar dialektale Einschläge, Frau im Theater. Robert Heinze.
●Reliefbildung: Sehr wenig Relief, sehr wenig Akzente, eher ein langsames vor sich Hindümpeln. Beginnt im epischen Präsens. Wechselt in Präteritum. Innerer Monolog, Präsens. Viele Dialoge, sehr szenisch.
… die Erzählinstanz versteckt sich, stellt Hella, die Figur bloß, was eher feige wirkt, unentschlossen und unentschieden … vgl. Martin Mosebach „Die Richtige“ … vom Tonfall sehr moralisch, urteilend und mit geschlossener Wahrnehmung.
–> 1 Stern
Komposition:
●Lose Versatzstücke: Sehr viele Szenen überflüssig: Schnitzel kaufen auf dem Markt; Bundeskanzleramtsempfang, Villa der Mantaus, das Bouldern fallen aus dem Rahmen, der klar von Zuhause, zur Redaktion, wieder nach Hause, zum Theater, zur Redaktion, nach Hause, zur Beerdigung, nach Hause geht. Dadurch erhält der Text etwas Loses und Unverbindliches. Leider geht das nicht mit dem Gegenstand der Erzählung auf – da dieser sehr trivial und einfach erscheint, und keineswegs einer komplexen Narration bedarf.
… wirkt ein wenig wie ein schwacher Nouveau Roman.
–> 1 Stern
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: ziemlich
●Geärgert: über die Wortfeldmischung und unangebrachten Obszönitäten
●Amüsiert: nein
… leider eine sehr herablassende Erzählweise, die die Figur, Hella, zum Witz abstempelt, sie vorführt und auflaufen lässt, insofern sardonisch, fies und etwas billig, da die Figur ja erfunden ist. Ich habe kein Verständnis für diese Art des moralischen Fingerzeigs: Sich eine Figur zu zeichnen, um sie zu vernichten …
–> 1 Sterne
Anne de Marcken: „Es währt für immer und dann ist es vorbei“

Ornamentalisierte Pilgerfahrt ins körperbefreite Wissen: Von Schuld und Sühne.
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 3/5 Sterne (Buß- und Pilgerfahrt)
Form: 3/5 Sterne (intensiv-unausgewogen)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (unpersönliches Ich an Du)
Komposition: 5/5 Sterne (Durchschreiten eines Verlustes)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (zu abstrakt)
Anne de Marcken schreibt in Es währt für immer und dann ist es vorbei eine symbolisch-dystopische Reise einer Zombiefrau durch ein Ödland, in welchem einerseits die Lebenden schlafen, sterben und gebären, die Toten reflektieren, hungern und zu morden drohen. Der Hunger jedenfalls treibt die Ich-Erzählerin aus ihrem Versteck heraus. Sie jagt widerwillig, dennoch unerbittlich:
Dann ist alles still. Ich liege im Zentrum des Hungers, der eigentlich Trauer ist, und meine Hand umklammert immer noch den Griff des Messers, der immer noch in dem toten Mädchen steckt, das immer noch auf seinem Geliebten hockt, der immer noch am Leben ist, aber ohnmächtig – oder gelähmt vor Entsetzen. Alles ganz still. Die Lebenden, die Toten und die Untoten. Ich drücke meine Wange an den Rücken des toten Mädchens, als wären es kühle Badezimmerfliesen. Als könnte mich das besänftigen. Aber die Haut ist klebrig vom Blut, und ich wende ihr mein Gesicht zu und beginne zu lecken. Du hast mich immer für untröstbar gehalten.
Tragik-komisch erzählt, lapidar in den Nuancen, aber streng-rigide komponiert de Marcken eine typische Büßergeschichte, die sich um den Verlust eines Babys dreht und um die Angst vor dem Fressen und dem Gefressen-Werden, die Grundlage einer jeden Gemeinschaft zu sein scheint. Hier nähert sich der Text an Han Kangs Die Vegetarierin an, ohne jedoch dessen intensive Charakterführung zu erreichen. Das Nichts, ein Loch, erinnert an den gleichnamigen Roman von Hiroko Oyamada. Auch in Es währt für immer und dann ist es vorbei strebt die weibliche Figur eine Emanzipation an, hier nur unter der Ägide einer stark christlich geprägten Leib-Seele-Dichotomie gelegt:
Ich weine sogar, während ich über das Weinen nachdenke. Das bleibt also vom schwarz glänzenden Schwarm übrig, denke ich. Die Leere selbst. Die Leere einer Kirche, nicht die Leere eines leeren Zuhauses. Groß und hochgewölbt und mit nichts darin, das nur mir gehört. Und als mir dieser Gedanke kommt, fühle ich einen Stromstoß aus Angst. Angst vor all der Traurigkeit, die noch auf mich wartet. Und ich höre auf zu weinen.
Die Lebensgeschichte der Ich-Erzählerin zentriert sich um Verlust, den Versuch, diesen zu ersetzen (durch ein Surrogat, eine Krähe), durch das Scheitern dieses Verlustes und die Wut, die in einem Mord kulminiert und die Flucht vor der materiellen Spur, die in einer Bestrafung endet. Am Ende steht die Erkenntnis, das Sehen, dass nichts einfach vergeht, dass alles bleibt und sich alles in das Gewebe der Welt einschreibt:
Hinterher liege ich da, mit dem Kopf in ihrem Schoß, und sage: »Wir wollten damals ein Baby.« Sie streichelt mit ihren Fingern über mein neues Fell, als bestünde ich aus sauberem, trockenen Sand. »Aber dann hatte ich eine Fehlgeburt«, sage ich.
»Katzen können ihre toten Babys im Uterus reabsorbieren.«
Ich sage: »Ich glaube, unser Hunger ist das, was uns geblieben ist anstelle all dessen, was wir verloren haben.«
»Nichts von alldem ist real«, sagt sie. Ich möchte nicht, dass sie mit den Liebkosungen meiner Kopfhaut aufhört, also halte ich still und sage nichts. »Manches ist real.«
In ungewöhnlicher Konsequenz wird eine fast mittelalterliche Ornamentalik des Büßertums geschildert, die ihren Höhepunkt in der Gotteserkenntnis erreicht. Seltsam anachronistisch, leider teilweise sehr verkürzt und mit störend-modernen Bezügen (Netflix-Serien wie „Madame Secretary“), die nicht so recht in die Stimmung einer aus den Fugen und sich gegenseitig fressenden mittelalterlichen Welt passen wollen, verspielt Anne de Marcken das Geheimnis durch allzu illustrative Symbolik und lässt eine mysteriös angelegte Figur gesichtslos im Meer untergehen.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Eine Ich-Erzählerin an ein „Du“ aus der Vergangenheit.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. Kapitel: Im Hotel. Arm verloren. Jemand predigt zu Untoten. Protagonistin hat Hunger. Fühlt sich distanziert vom Schmerz, vom Töten. Streicht durch die Gegend, findet eine tote Krähe. Der Arm wird verbrannt. Platz für die Krähe im Körper ausgekratzt, um sie dort einzunisten. Mitchem hat Penis, Marguerite die Brüste, Janice 2 den kleinen Finger verloren.
2. Kapitel: Trägt die Krähe im Leib mit sich herum. Philosophien über das Untotsein. Erinnerung an eine Zeit vor der Katastrophe: Columbia Street, Gingko-Bäume. Voller Hunger verlässt sie das Hotel und streift durch die Gegend. Die Krähe spricht. Sie gelangt an einen Golfplatz. Erwischt zwei Jugendliche beim Sex, tötet das Mädchen, der Junge entkommt, sie sticht der Leiche des Mädchens in die Brust, beschließt nie wieder zu essen. Sie bringt Leichenteile zurück ins Hotel. Sie lässt sich von Marguerite die Haare schneiden. Marguerite verstümmelt ihre Brüste und lässt sich verbrennen. Sonnenfinsternis ähnliche Atmosphäre. Die Protagonistin flieht.
3. Sie rennt über den Highway. Sie hat Hunger, verlassene Städte. Hunger wie ein Kind, sie würde auch im Hunger ein Baby essen.
4. Erinnerung an Strandurlaub.
5. Erreicht ein Baseball-Piratencamp-Pappelplantage. Bezeichnen sich nur mit Nummern. Sie entdeckt ein Loch, das sie anzieht. Sie wirft alles hinein, auch die Krähe. Erinnerung an Strandtag, an Heidenbeerensammeln. Trifft einige aus dem Hotel wieder. Marguerite, Carlos, Janice. Marguerite gibt ihr als Hostie einen flachen Stein, den sie ihr auf die Zunge legt.
6. Trifft eine alte Frau, die mit ihrem Arm ein Kind im Schuppen füttert. Zwei Pferde haben Sex. Ein Aufstand, bedrohlich, eine Frau im Carhartt-Arbeitsoverall köpft sie. Sie wird gekreuzigt, und der Kopf in ein Gemüsenetz an ihren Leichnam gehängt. Die alte Frau tritt an eine andere Gekreuzigte, befreit die Protagonistin. Sie weint. Sie gehen die Eisenbahngleise entlang. Die Frau spießt den Kopf der Protagonistin auf einen Gehstock, so dass diese leichter wandern kann. Sie verabschieden sich.
7. Sie wandert zum Meer. Sie zieht ihre Schuhe aus, steckt den Stock mit dem Kopf in den Sand und geht ins Meer. Sie schaut sich selbst zu, wie sie ins Wasser geht. Der Körper entfernt sich. Eine Krähe kommt. Sie spuckt den Stein aus, bietet der Krähe ihre Augen an, aber die Krähe nimmt nur den Stein und fliegt weg.
●Kurzfassung: In einer Zombieapocalypse will ein weiblicher Zombie gegen seinen Hunger ankämpfen, flieht vor ihn und gerät in die Hände eines Lynchmops und wird geköpft und gekreuzigt. Der Kopf und der Leib bleiben getrennt. Sie wird von einer alten Frau befreit. Die Protagonistin gelangt ans Meer und sieht, wie ihr Leib ins Wasser geht.
● Deutung: Meine Deutung des Textes lautet: Es handelt sich klar um eine Verlustgeschichte. Sie erinnert sich an ein „Du“, das sie verloren hat. Dieses Du steht im Zusammenhang mit einem anderen Verlust, den eines Babys, das nicht kam, eine Fehlgeburt. Das Baby steht für etwas, das sie als Frau verzehrt, aber auch beglückt, der Hunger geht auf Kosten anderer, aber verbindet auch. Die Frau steht als Ernährerin im Vordergrund. Die Protagonistin leidet unter dem Verlust, ersticht ein Mädchen, konzentriert sich auf die Brüste und den Bauch, zerschneidet sie in Projektion, gerät aber in Wut vor sich selbst und beschließt nicht mehr zu essen, sondern zu büßen. Also pilgert sie los, und sie pilgert und büßt, nachdem sie bei einer Art Abendmahl als Hostie einen Stein in den Mund gelegt bekommt. Sie wird geköpft und gekreuzigt, erst jetzt trennt sich Seele von Leib, Kopf und Körper. Sie sind getrennt, in Erinnerung an sich, aber nie mehr versöhnbar, denn ihr Geist hat verstanden, dass ein Teil des Lebens Verzehren und Blut und gegenseitiges Essen ist. Sie will das vergessen, kann aber die Erfahrung nicht verdrängen und lässt, als materielle Spur, ihren Körper im Meer verschwinden. Als sie der Krähe ihre Augen anbietet, die Erkenntnis, verschont die Krähe die Augen des Kopfes, das Wissen, und nimmt statt dessen den letzten Leib, den Stein, den die Protagonistin ausspuckt. Sie weiß und wird weiterhin wissen, als Zeuge, dass das Gemeinsame auch auf Kosten anderer geschieht, Leben also Leben verzehrt.
●Diskurs: Frauen, Schwangerschaft, Hunger, das Leben sich von Leben ernährt, die kannibalistische Dimension der Mutterschaft, das Wehren dagegen und das Sehnen danach. Erkenntnis, Religion, Blutopfer.
… gut gefallen hat mir das surrealistisch überzogene Trennen von Kopf und Leib, heftige Allegorien, stark an Hiroko Oyamada „Das Loch“ und Han Kangs „Die Vegetarierin“, offensichtliche Anleihen bei Edgar Allan Poes „Der Rabe“ … von der Endzeitstimmung auch viel von Christian Krachts „Air“.
… leider zu verdichtet, zu gedrängt, zu verkürzt, nicht lang genug bei den Figuren ausgehalten, die Stereotypien nicht ausgenutzt, die Ornamentale nicht gestaltet, viel zu angedeutet, dennoch mit ein paar Schockern und klaren inhaltlichen, Ich-entwicklungspsychologischen Zug.
–> 3 Sterne
Form:
●Wortschatz: Leider viele inkohärente Wortfelder, gemischte Abstraktionsniveau, zu viel akademisches Sprech drin, zu viele gewollte Assoziationen, Intellektualitäten und innerliterarische Referenzen. Nicht langweilig, aber etwas gewollt, und die Vergleiche entwickeln keine zusätzliche Narrationsebene, wirken illustrativ.
●Satzstrukturen: okay, nicht erwähnenswert.
●Innovation: Innovationen sind die Motive und das Extreme
–> 3 Sterne
Erzählstimme:
●Reflektiert: nicht-wirklich, als Untote, kaum Verbindung
●Situiert: ja, als denkender, sprechender Kopf am Strand auf einem Stock
●Perspektiviert: Ich-Erzählung, kein Bruch
●Erzählform: Ich
●Erzählstandort: in Präsens, lediglich im erinnernden und erlebenden Ich zentriert
●Erzählsicht: nur von Innen durch die Augen der Ich-Erzählerin
●Erzählverhalten: melancholisch, nachdenklich, zerfahren
●Erzählhaltung: abstrakt, distanziert
●Erzählverfahren: nur direkte Rede, Gedanken des Ich
●Erzählstil: ornamental, symbolisch, künstlich-künstlerisch
●Reliefbildung: leider kaum Strukturdynamik, keine Abwechslung, sehr kurz, fast ein Gedankenbild
… die Ich-Erzählerin findet kein wirkliches Tempo. Sie zerfließt förmlich vor Ornamentalik. Hierdurch verliert die Figur an Plastizität. Sie wirkt zu abstrakt, wie auch „Janice 3“ und „Carlos 2“ und so weiter. Keine dynamische Erzählstimme, insbesondere durch die Leere und Leerformel des „Du“, das sich nicht präzisiert.
–> 2 Sterne
Komposition:
●Lose Versatzstücke: keine wirklichen, vielleicht die initialen Hotelgespräche, die kontextlos wirken.
… die Stärke des Textes, sehr eindeutig die Situation der Trauer, aus ihr der Versuch des Surrogats (die Krähe), die Verzweiflung, dass das nicht hilft, den Hunger zu bändigen, der Mord an dem Mädchen, danach der Wunsch nach Selbstzerstörung (Marguerite) oder Büßen, die Pilgerfahrt, die Hostie, das Trennen von Kopf und Körper, die Kreuzigung, die Rettung durch die alte Frau, am Ende das Sitzen am Strand, die vollendete Entzweiung, die nur das Wissen, das Sehen übriglässt.
–> 5 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: ein bisschen
●Geärgert: nein
●Amüsiert: nein
… vielleicht zu gewollt in der Symbolik, für mich, zu stark aufgestrichen, nicht persönlich-figuresk genug, mir haben glaubhafte Persönlichkeiten gefehlt. Es fehlte dem Ganzen Personalität in jeder Hinsicht. Zu abstrakt.
–> 2 Sterne
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Jürgen H. Petersen: „Erzählsysteme“

Differenzierte, offene, dynamische Erzähltheorie statt starrer Idealtypen
In der Vielzahl der Erzähltheorien stechen insbesondere drei Namen heraus: Gérard Genette, Franz K. Stanzl und Käte Hamburger. Peterson, der eigenartigerweise Genette nicht zur Kenntnis genommen hat (was an der späten Erscheinung auf Deutsch liegen kann), wiederholt die Diskussion und kommt zu ähnlichen Schlüssen wie dieser: feste, starre Erzählperspektiven beschreiben die dynamische Erzähltektonik von Romanen nicht genau genug, bspw. ist ein auktorialer Ich-Erzähler durchaus möglich (siehe Thomas Manns Doktor Faustus).
● In Erzählsysteme legt Petersen einerseits den Raum der Fiktionalität zugrunde, der einen Roman zu einem Bereich absoluten Wissens werden lässt (jenseits von Falsifikation und Verifikation). Er besteht darauf, dass genügend Anzeichen existieren, die den Roman als realitätssuspendierend kennzeichnen und von Wirklichkeitsaussagen unterscheiden. Hier argumentiert er vor allem gegen Käte Hamburgers Logik der Dichtung und ihre Vorstellung von der Ich-Erzählung als ‚fingierte Wirklichkeitsaussage‘.
● Als nächstes erweitert er Hamburgers Begriff des epischen Präteritum und des historischen Präsens, indem er aufzeigt, dass die spezifische Zeitlosigkeit des Epischen für jedes Tempus gilt: Ein Roman liest sich gleich, ob in Präsens oder in Präteritum erzählt. Die Wahl der Tempi spielt nur innerhalb des Textes, also selbstreferenziell eine Rolle, bspw. im Falle eines Ich-Erzählers, der in Präsens aus der Erzählgegenwart über die Erzählvergangenheit berichtet und möglicherweise einen Lernprozess reflektiert.
● Schließlich polemisiert Petersen lang und breit über Stanzls Typologie und stellt eigene Kategorienliste vor, die im Grunde derjenigen Genettes entspricht:
1.) Erzählform: Ich-, Du-, Er/Sie/Es-Erzählungen sowie Mischungen Ich-Er-Erzählung („Doktor Faustus).
2.) Erzählstandort: räumlich wie zeitlich, wie weit entfernt, wie dicht, allwissend in Bezug auf Vorgeschichte, Auswirkungen etc…
3.) Erzählsicht: nur von außen oder mit Innenperspektive oder Bewusstseinsprozesse
4.) Erzählverhalten: kommentierend (auktorial), neutral, personal
5.) Erzählhaltung: distanzierend, ironisch, neutral, herablassend
6.) Erzählverfahren: direkte, indirekte, erlebte Rede, Bericht, Dialoge
7.) Erzählstil: dialektal, nivellierend, Jargon
8.) Reliefbildung: dynamische Ortswechsel, Akzente, Strukturbildnisse, Motive
● Mittels dieser Kategorien lassen sich narrative Texte hinsichtlich ihrer Stabilität überprüfen und beschreiben:
– Stabile Erzählsysteme: u.a. Theodor Fontane: „Effi Briest“ oder Joseph von Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“
– Instabile Erzählsysteme: Max Frisch „Mein Name sei Gantenbein“ oder Jurek Becker „Jakob der Lügner“
– Inkohärente Erzählsysteme: Gerold Späth „Commedia“ oder Arno Schmidts „Zettels Traum“
Petersen bleibt hier ebenfalls dynamisch in der Deskription, indem er betont, dass der Verlust der Personalität des Erzählmediums zur Irritation führt, also nicht das Präsens, nicht die Sprünge, nicht einmal der Montagecharakter eines Werkes (den es bereits bei Goethe in Wilhelm Meisters Wanderjahre gibt. Es spielt eine Rolle, ob die Erzählinstanz selbst unsituiert eingreift und den Verlauf der Erzählung erschüttert und zwar aus dem Off heraus (also willkürlich und nicht im Erzählvorgang eingebettet).
In Erzählsysteme erreicht Petersen eine sehr luzide Kategorienvielfalt, die erhellend beim Lesen wirkt, vor allem durch den selbstreferenziellen, dynamischen Beschreibungsaspekt, der von starren Signifikanten absieht (nicht jede Präsens-Erzählung bricht mit der Erzähltradition; nicht jeder Montageroman zerstört die Fiktionalität). Insbesondere sein Begriff vom „Erzählrelief“, inwiefern eine dynamische, strukturbildende Kraft einen Text durchzieht, lohnt der Überprüfung. Insgesamt ein sehr hilfreicher Text, sehr erhellend und differenziert, wie Gérard Genettes Die Erzählung nur hier, statt mit Augenmerk auf Proust und Erzähltempi, mehr auf die Ironie und die Mehrsträngigkeit und Multidimensionalität des Erzählvorganges selbst fokussiert. Mir hat etwas die Diskussion um Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit wiewohl Geschlossenheit gefehlt.
Alain Robbe-Grillet: „Projekt für eine Revolution in New York“

Avantgardeliteratur als Sackgassenschreiben mit ein paar Tabuszenen garniert.
Inhalt: 1/5 Sterne (enttabuisierte Inkohärenz)
Form: 2/5 Sterne (abstrakt)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (völlig wirr)
Komposition: 2/5 Sterne (keine)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (ätzend-langweilig-lang)
(1970) lässt sich als Mittelteil einer Städtetrilogie lesen, begonnen mit Die blaue Villa in Hongkong (1966) und beendet mit Topologie einer Geisterstadt (1977). In dieser, inoffiziellen, Trilogie radikalisiert Robbe-Grillet seine Poetik, indem von einem atmosphärischen, cineastischen Erzählen am Ende nur noch Schnitttechniken und Überblendungen und Verwirrungen übrigbleiben, die kaum noch von den an den Haaren herbeigezogenen Schockszenen zusammengehalten werden:
»Sie haben gleichzeitig zwei Geschichten begonnen und sie grundlos nacheinander abgebrochen. Einerseits die Schwarze Messe, bei der Sie die zwölf Erstkommu-nikantinnen geopfert haben, und den Gebrauch, der an jenem Tage von den Kreuzen, den Hostien, den Kerzen und den großen Kerzenleuchtern mit den Ei-senspitzen zum Aufspießen der Mädchen gemacht worden ist. Andererseits ist die Geschichte, wie Sarah, das schöne Halbblut, von Doktor Morgan mit Sperma der weißen Rasse befruchtet wurde, das Joan dem alten Goldstücker abgezapft hat. Übrigens zeigt sich in diesem Punkt ein Widerspruch in Ihrer Erzählung: Sie sagen einmal, die Patientin sei nackt gewesen, und ein anderes Mal, sie habe ein rotes Kleid getragen.«
Von einem Plot bleibt in Projekt für eine Revolution in New York nicht viel übrig, vielleicht anleihen an Marquis de Sade und Anthony Burgess Uhrwerk Orange, wo es um Folter, Brutalität und Jugendexzesse auf den Straßen geht. Hier steht ein Agent vor einem Haus, das mal in Brand steht, mal nicht, mal den Ort einer Folterung, eines Gefängnisses, eines Schutzraumes markiert, mal nicht, mal eine geschlossene, mal eine geöffnete Haustür besitzt, durch die mal der eine, mal der andere hindurchmarschiert. Stimmte in Die blaue Villa in Hongkong noch Setting, Atmosphäre, Verdichtung der Bilder, Geheimnis, Verlorenheit, Desillusion und Entwurzelung mit der Schreib- und Erzählweise überein, stiebt in Projekt für eine Revolution in New York alles auseinander:
»In welcher Hinsicht sollte [die Beschreibung] übertrieben sein?«
»In lexikologischer Hinsicht.«
»Sie behaupten, es handle sich um Unrichtigkeiten?«
»Nein, ganz und gar nicht.«
»Sachliche Fehler?«
»Darum geht es nicht.«
»Also Lügen?«
»Noch weniger!«
»Dann muß ich gestehen, daß ich nicht weiß, was Sie meinen. Ich mache meinen Bericht, und basta. Der Text ist korrekt und nichts wird dem Zufall überlas-sen, man muis ihn so nehmen, wie er ist.«
Hier passt gar nichts zusammen. Was bei Claude Simon, bspw. in Jardin des Plantes und andere wie Leitkörper , stets atmosphärisch, inhaltlich, mnemotechnisch gebunden bleibt, klingt beim sadomasochistischen Setting Alain Robbe-Grillets einfach aus. Langweilig, uninnovativ, ein Sackgassenschreiben, das keine Figuren, keine Szenen, keinerlei literarische Intensität erzeugt.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Der wechselnde Ich-Erzähler, Dr. Morgan, Laura in vielen Varianten, JR – Joan Robertson, Ben Said, Frank, Edouard Goldstücker
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Wichtige Szenen, aus denen sich der Gesamttext zusammenbaut. Ein Haus, dessen Tür versperrt. Ein Schlosser schaut hindurch. Eine Folterszene spielt sich ab. Immer wieder Szenen, in denen eine Frau gefesselt, gequält wird, mit Messer, Kreissägen verletzt, Spritzen mit Seren, Tiere, die sie beißen, Vergewaltigungen von Minderjährigen, blutrünstige Opfer an einer Schar Schulmädchen … in diesem Haus lebt auch ein Bruder mit seiner Schwester Laura … zudem gibt es noch eine Bande, an deren Spitze Laura fungiert und in U-Bahnen Passagiere belästigt … es gibt auch noch ein Hinterhof, zerfallen, mit einigen Überbleibseln der Zivilisation, auf denen Gewaltakte, Morde begangen werden … es gibt auch eine Psychoanalytiker-Praxis in einem Tunnelgewölbe, und Polizisten, die mit Maschinenpistolen durch die Straße marschieren, und es gibt einen Geheimagenten, mal der wahre, mal der falsche Ben Said, der einen Wachstuchmantel trägt und einen Hut … es gibt auch eine Terroristenvereinigung, die Geld von Millionären erpresst, u.a. von einem Edouard Goldstücker, auf diesen wird JR, Joan Robertson angesetzt, die als Kindermädchen und Prostituierte fungiert, für eine Laura, die mehr oder weniger mit Goldstücker verwandt ist, vielleicht das Produkt einer künstlichen Befruchtung … und ein brennendes Haus, aus dem ein Ich-Erzähler flieht … Beobachten einer Szene, in denen Frank, Ben Said und der Erzähler Drogen in Büschen zusammensuchen … JR lässt Bügeleisen fallen, vielleicht deshalb der Brand … die Szene, die der Schlosser sieht, könnte auch das Cover eines Schmuddelheftes sein … Laure mglw. im Besitz von geheimen Informationen, die Dr. Morgen mittels eines Wahrheitsserums aus ihr herauspressen möchte, und Folterungen … Zitate aus dem Schmuddelheft … JR, Joan, Schwarze aus Puertorico … der echte Ben Said trägt gelben Kamelhaarmantel … der Vampir der U-Bahn, der reiche Töchter tötet und brutal foltert … Parellelszene in U-Bahn mit Laura und Laura im verlassenen Mehrfamilienhaus .. wiederkehrendes Motiv: Werbeplakat mit einer Frau, mit verbundenen Augen und halbgeöffneten Mund … Selbstreflexion, Verteidigung, Rechtfertigung über die Deskriptivität des Inhalts … dann plötzlich noch eine Sarah, auch Farbige, aber native Amerikanerin, schwarzes Haar, blaue Augen, wird von Schwarzer Witwe, die haarig und auch manchmal eine Vogelspinne ist, gebissen. Stirbt.
●Kurzfassung: New York, U-Bahn, Terroristen, Spione, Mafia. Viele sadistische Szenen, nirgends Konsens, kein Spiel, keine Verspieltheit. Brennendes Haus, Erschießungskommandos, Doppelgänger, und Wiederaufnahme von „Clockwork Orange“.
●Diskurs: Brutalität, Pornographie, Tabus in der Kunst; Kapitalismus, Terrorismus, Anarchismus, hohe, niedrige Kunst etc
… keine einheitliche Stimmung, kein einheitliches Atmosphärenkonstrukt wie in „Die blaue Villa von Hongkong“, zerfahren, einzig das Bild dieser New Yorker Harlemer Häuser, schmal, aber auch mit Treppen, die zur Haustür führen. Insgesamt unergiebig, langweilig, inkohärent. Abstoßend und völlig überflüssig die Gewaltexzesse, die sadistischen, gegen Frauen gewendete Praxen, die hier nicht in einem erweiterten sozialen Kontext geschehen wie in dem Bordel in Hongkong, sondern einfach nur situationistisch, individualistisch grausam zelebriert werden.
–> 1 Stern
Form:
●Wortschatz: in Ordnung, bemüht um Ausgewogenheit
●Satzstrukturen: interessant, aber eintönig, da semantisch unzusammenhängend
●Innovation: keine, höchstens in der Schnitttechnik, im Wiederaufnehmen, in der Parallelführung, funktioniert aber nicht, da hölzern, abstrakt –> 2 Sterne
Erzählstimme:
●Reflektiert: rechtfertigt sich, aber inkonsistent
●Situiert: nein
●Perspektiviert: nein, völlig beliebiges Potpourri
–> 1 Sterne
Komposition:
●Lose Versatzstücke: ausschließlich, keine Einheitlichkeit, kein Bild.
–> 1 Stern
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: ja
●Geärgert: ein bisschen
●Amüsiert: nein
… fürchterliches Leseerlebnis, dröge, sadistisch, völlig unatmosphärisch, inkohärent, beliebig, bis auf die Spitze getriebene Irrationalität. Was bleibt von diesem Buch: im Grunde nichts, ein bisschen Labyrinth, Versteckspiel, Schmuddelliteratur, ohne Dynamik, völlige Starre, kaum Überblendungen, interessante Überlagerungen, reinster Voyeurismus, der plump ins Pornographisch-Snuffige abdriftet, mit Gewaltexzessen, Gewaltphantasien, völlig unzureichenden Dummheiten: wie Bisse von Spinnen, am lebendigen Leibe von Ratten Gefressen Werden … American Psycho für Arme, dazu ärgerlich mit Minderjährigen, mit diesem dummen Schulmädchenspiel … nee, kein Spaß, ekelhaft.
–> 1 Sterne
Christoph Hein: „Das Narrenschiff“

Schweigendes Schreiben über ein gähnendes Nichts: Grauer Alltag von Funktionären.
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 1/5 Sterne (unerhebliche Wiederaufnahmen)
Form: 3/5 Sterne (flüssig, langweilig)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (inkohärent)
Komposition: 1/5 Sterne (reihende Chronik)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (langweilig)
Christoph Heins letzte Romane und spannen bereits ein breites Spektrum zwischen agitorisch-pädagogischer Aufklärungsliteratur mit Guldenberg und nostalgisches Erinnerungsprosa in Unterm Staub der Zeit . Mit Das Narrenschiff verknüpft er nun beide Stränge und stellt den unaufhaltsamen Aufstieg und Abstieg des DDR-Regimes als Chronik dar: In 115 Kurzkapiteln und Schlaglichtern, fast stichwortartig-narrativem Flickwerkteppich berichtet ein unbeteiligt lakonisches Erzählmedium von den Lebenswege mehrerer Funktionäre der dritten oder vierten Ebene:
Die Sperrstunde hatte begonnen, er öffnete sein Fenster, um die Straße zu beobachten. Ein Jeep fuhr langsam die Straße entlang, ansonsten war nichts und niemand zu sehen. Er setzte sich in die kleine Küche, aß Zwieback und goss sich Wodka in ein Weinglas. Er war beunruhigt und verzweifelt, und er fragte sich immer wieder, ob sein Entschluss, in das andere Deutschland zu gehen, richtig gewesen war oder ein Fehler, eine dumme und fatale Entscheidung. Etwas in diesem Staat war faul, war oberfaul, und es musste mehr dahinterstecken, als dass die Bevölkerung lediglich gegen eine geplante Normerhöhung protestierte.
Das Problem von Das Narrenschiff besteht in dem Umstand, dass die politischen Ereignisse (Juni-Aufstand, Chruschtschows Geheimrede, Mauerbau, Prager Frühling, Perestroika, Wiedervereinigung) nicht nur einzig im Hintergrund stattfinden, nicht nur nicht weiter ergänzt, sondern sogar lediglich aus völlig unpolitischen, desinteressierten, unengagierten, nur auf ihr Leib- und Magenwohl fokussierten Figurenaugen erzählt werden. Die Erzählsprünge und Erzählschnitte, das Hin-und-Her des personalen Erzählens, das nüchterne Abhandeln, lakonische Runterrasseln, die teilnahmslose Aufzählung weltbewegender Ereignisse im Litaneiverfahren erzeugen fast eine aufsehenerregende Deeskalation:
Die Kriegsjahre in der Sowjetunion und die damals heftigen Kursveränderungen, die für einige Genossen zu fatalen und sogar tödlichen Folgen führten, hatten sich ihm eingeprägt, waren unvergesslich für ihn, bestimmten seitdem seine Haltung, seine Weltsicht, sein Leben. Diese Jahre in Moskau hatten ihn gelehrt, sorgfältig zu überdenken, was man zu sagen hatte, und zu wissen, wann es besser war zu schweigen. Dieses Schweigen hatten viele seiner Genossen nie gelernt, und sie schwiegen daher und lange vor ihrer Zeit in einem kalten Grab.
Reden ist Blech, Schreiben ist Silber, Schweigen aber Gold? Nach Das Narrenschiff bestand die mittlere Führungsriege der DDR nur aus Opportunisten, die sich mehr oder weniger zu Tode gesoffen und gegessen haben, während sie schwiegen und alles abnickten. Hier reiht sich Christoph Hein ein in die Riege der zurückblickenden DDR-Kritik, bspw. Anne Rabe Die Möglichkeit von Glück oder Helga Schuberts Vom Aufstehen oder eben Uwe Tellamps Der Turm. Alles Bücher aus der Sicht der Funktionärsfamilien, deren ohnehin schon langweiliges Leben in Das Narrenschiff eine Ode der Leerheit und Hohlheit erhalten hat. Leider in jeder Hinsicht.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Kathinka, geboren 1943, verliert Vater Jonathan, der vor den Nazi fliehen musste, alleinerziehende Mutter Yvonne, die später Johannes Goretzka heiratet, der Kathinka aber nicht mag. Kathinka stets Musterschülerin, heiratet Mathematiker Rudolf, zwei Kinder, arbeitet bei der Edition Leipzig, nach der Wende für den Bertelsmann Verlag, reist am Ende nach Lund, ihren Sohn Jonathan zu besuchen. Rahmenhandlung: wie sie neben Walter Pieck sitzt, am Ende zerreißt sie das Foto.
Yvonne, verliert Ehemann, heiratet aus Opportunismus den älteren, Kriegsinvaliden, Johannes, bekommt mit ihm Heinrich, leitet Jugendhaus, dann als Vize die Abteilung Jugendfilm mit Benaja Kuckuck, unglücklich in der Ehe, hat drei Affären, mit Schuhverkäufer Karl Urban, mit Ryszard Charpentier, mit Henry, dem Kneipier. Beginnt zu trinken und Frust zu essen, am Ende Teleshopping süchtig, stirbt nach Wende aufgrund ihres Alkoholismus.
Benaja Kuckuck, Anglizist, hatte Stelle in Sheffield, radikalisierte sich im Rahmen des Spanischen Bürgerkrieges, Beitritt zur Partei, nach Kriegsende kann er nur in die sowjetische Besatzungszone, dort findet sich aber keine Stelle für ihn. Er wird in die Abteilung Jugendfilm versetzt, muss dort die politische Linientreue mit Yvonne überprüfen. Homosexuell, mehrere Affären, am Ende mit Kameramann Friedhelm Böttiger. Nach Pensionierung übernimmt er den Chefredakteursposten beim „Sonntag“, wird vom Ex-Kollegen gefragt, ob er die DDR ausspitzeln könnte, erkrankt an Alzheimer, stirbt am 3. August, nach der Wende.
Karsten Emser, reist aus Moskau noch während des Weltkrieges an, wird Mitglied des Zentralkomitees, Professor für Ökonomie, kann sich nicht durchsetzen, fördert seine Frau Rita, hilft, aber wird nur geduldet, niemand hört auf ihn, will ein Manuskript fertig schreiben, schafft er nicht, Opportunist ein Leben lang, der große Schweiger, stirbt, als er wieder einen Plan für sein Manuskript gefasst hat, an Krebs.
Johannes Goretzka, ehemals überzeugter Nationalsozialist, dann überzeugter Stalinist, Karrierist der fünften Reihe, verleugnet christliche Eltern, will sich hocharbeiten, aber wird nicht befördert, muss zur Schwermetallurgie, widersetzt sich gegen eine Weisung des ZK, entkommt durch Karsten Emser knapp dem Parteiausschluss, muss sich nacherziehen lassen, kehrt in geringerer Position nach Potsdam zurück, stürzt Anfang der 1980er, gerät in Koma und stirbt, ungeliebt.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe (lang):
Erstes Buch: DDR-Gründung, Unruhen 1953
- Kathinka (K) sitzt neben dem Präsidenten (Wilhelm Pieck?) als Klassenbeste. Pieck macht Witze.
- 1945: Karsten Emser (KE) Rückflug aus Moskau, versöhnt sich mit ein paar Kameraden. Ulbricht ein Tag zuvor gelandet, am Tag als Hitler Selbstmord beging. Bekommt das Wirtschaftsressort zugewiesen, um den dringlichsten Bedarf der Bevölkerung in Berlin sicherzustellen.
- Jonathan Schwarz und Jakub Silbergstein wollen aus Berlin fliehen, weil sie Deportation befürchten. Jonathan lässt Yvonne (Y) und K zurück. Jonathan ist verschollen. Jakub kehrt zurück. Eltern von Jonathan unterstellen Jakub Verrat, der aber einige Wochen später selbst deportiert wird.
- 1945: Jonathans Mutter beansprucht K, 2 Jahre alt, Yvonne empört, bricht jeden Kontakt ab.
- 1947: Johannes Goretzka (JG), kriegsversehrt, viel älter als Y, ehemals Nazi, nun überzeugter Stalinist, trifft sich mit Y. Sie heiraten.
- Hochzeit und Umzug von Y und K und JG nach Pankow.
- Y wird auf Betreiben JGs Chefin eines Kulturhauses. Muss aber in die Partei eintreten.
- Eröffnung des Kulturhauses, Rita Emser (RE), Stellvertretende Bürgermeisterin, Frau von KE, geschockt von Ys Eröffnung, dass sie kein Interesse an Politik habe.
- Um ihren Posten zu behalten, tritt Y doch ein und besucht Lehrgänge. Versöhnt sich mit RE.
- 1949: Sohn Heinrich (H) wird geboren, Juli 1951, K sechs Jahre alt (1943 geboren).
- 1949: Festakt. K in erster Klasse, sitzt neben Wilhelm Pieck à1.
- Beschließung der Oder-Neiße-Grenze, Y empfindet die Strafe als gerecht, die meisten aber nicht.
- 1951: H nun zwei Jahre, JG nach Moskau abkommandiert, Y gönnt sich Schuhe, beklagt Lieblosigkeit.
- Freundschaft mit RE, die ihr zum Seitensprung rät, sie ist auch mit dem viel älteren KE zusammen.
- JGs Mutter, Therese zu Besuch. JGs Nazivergangenheit wird belegt. Y schockiert, entschließt sich aber JG nichts zu sagen und die Mutter vor den Kindern, obwohl sie sie getroffen haben, als Verrückte zu verleugnen.
- 1953: Juni-Aufstand.
- JG sagt auf Rückfragen von Y nichts über seine Vergangenheit und seine Eltern.
- Y bandelt mit einem Schuhverkäufer namens Kurt Urban an (KU). Nach vier Schäferstündchen beendete sie die Affäre.
- JG kehrt aus Moskau zurück. Erfährt Degradierung, erhält keine Position im Zentralkomitee. Nimmt Posten in der Schwermetallurgie in Potsdam an.
- KE holt Manuskript aus Kassel ab, illegalerweise, ohne Erlaubnis. Bleibt aber ohne Folgen.
- Y wird befördert. RE verhilft ihr zu einem Job als zweite Hand von Benaja Kuckuck (BK), der die Produktion von Kinder- und Jugendfilmen beaufsichtigen soll.
- Lebensgeschichte BK. Anglizist, Shakespeare-Experte, wegen Franco radikalisiert, homosexuell, dicklich, untersetzt.
- 1953: BK erlebt die Unruhen. Zweifelt an seiner Entscheidung, in die DDR gegangen zu sein. Seine Berufung zieht sich hin.
Zweites Buch: XX. Parteitag
- BK merkt, dass es keine Professorenstelle für ihn gibt, und bewirbt sich in der Schweiz und in Österreich, vergeblich. Als Kommunist zu verdächtig.
- BK trifft an der Ostsee Antiquar. Kurze Affäre, Gespräch über Joyce.
- BK wird gezwungen, die Abteilung Jugendfilm zu übernehmen, oder er droht zu verarmen.
- BK nur aus Opportunismus Zensor. Y und BK beginnen ihre Arbeit in der Kulturbehörde.
- Gemeinsame Treffen von JG, Y und KE, RE und BK. H wird eingeschult, interessiert sich aber nur für Tiere, nicht für den Schulstoff.
- 1954: JG wehrt sich gegen die Wirtschaftsmaßnahmen, mehr in die Konsumgüterindustrie zu investieren als in die Investitionsgüterindustrie. Hält sich nicht an Vorgaben, wird versetzt, dann gekündigt 1954, Parteiausschluss droht.
- KE setzt sich für JG ein, der den Status Kandidat erhält und zu einer Schulung muss.
- Y trifft KU, aber sie hält sich von ihm fern. JG arbeitet im Archiv über Lassalle, um die Zeit bis zur Parteischulung zu überbrücken.
- BK kritisiert ein Märchendrehbuch als zu parteigetreu, dennoch wird es so verabschiedet, danach trifft ihn die Kritik, er habe ein zu parteibuchgetreues Märchen produzieren lassen. Er soll die Kröte schlucken. BK und Y harsch kritisiert.
- 1954 BK nach Ballenstedt. Trifft dort Ludewig Kreischler, einbeinig, Zimmergenosse.
- Y nutzt Zeit ohne JG für sich, geht tanzen, shoppen.
- BK auf Reisen, Schäferstündchen in Polen. Homosexualität im Ostblock.
- K lässt sich von BK erklären, was Kalter Krieg bedeutet. Beginn: Paulus‘ Niederlage in Stalingrad.
- 1955: Rückkehr von JG , kehrt zum ehemaligen Posten, nur als Untergeordneter zurück. Gebrochen.
- RE schlägt Y vor, eine Affäre zu haben. (Erzählbruch: Y überrascht, dabei hat ihr das RE schon einmal vorgeschlagen). Sie gehen tanzen. JG ein wenig eifersüchtig.
- 1956: Entwicklung des Trabis, von KE nicht unterstützt. KE zu krank, um zu Stalins Beerdigung zu fahren, und auch zum 20. Parteitag der KPdSU. (14.2.-25.2.1956).
- Y trifft Ryszard Charpentier (RC), Romanist, Witwer, Dozent an der HU kennen. Sie beginnen eine Affäre.
- 20. Parteitag, die Frage Stalin, große Unsicherheit.
- Geheimrede Chruschtschows verändert die politische Landschaft. Stalin nun an den Pranger gestellt. K Vorzeigepionierin 5. Klasse, H verträumt, faul.
- KE berichtet den Freunden von Geheimrede. KE hat das meiste schon gewusst.
- KE erinnert sich an seinen Opportunismus, an seinen besten Freund Gerhard, der im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts dem Naziregime ausgeliefert werden musste. Erinnerung an Moskau.
- KE fühlt sich wie auf dem Deck eines Narrenschiffs.
- Künstlergespräche über Geheimrede, Hoffnung auf Lockerung.
- Y bleibt hart gegen JGs Mutter, die ihren Enkel wiedersehen will.
- BKs ehemaliger Kollege, Fred Unger, will ihn für den BND akquirieren.
- Gespräch zwischen Y und BK über das Platzen der Träume, zunehmende Abwanderung in den Westen problematisch für die DDR.
- Bildhauer beklagt sich bei BK, das wegen Verbot des Personenkults keine Aufträge mehr reinkommen.
- 1957: H gut in Handarbeit, Ks beste Freundin Mary, beide in 7. Klasse.
- KE leidet unter seiner Tätigkeit, muss aber im Zentralkomitee bleiben.
- 1957: „Aktion Blitz“ um Schwarzgeldbesitzer zu bestrafen und neue Geldscheine einzuführen. BK tauscht Geld für Kollegen ein.
- Kapitel über Beate, Tochter Ulbrichts, mit Erzählkommentar vorausgeschickt. Beate unbeliebt von allen Seiten, selbst mit bäurischen Wesen.
- K will Dokumentarfilmerin werden, trifft einen Studenten der FU Berlin (West), Slawistik, Heiner Wosnenski.
Drittes Buch: Mauerbau – Prager Frühling
- 1961: Mauerbau. Freude bei denen, die nun nicht mehr so leicht verfolgt werden konnten und bereits im Westen leben.
- Hintergrund des Mauerbaus. KE berichtet. Kennedy heißt Mauerbau gut, da Zuzug aus dem Osten auch problematisch für die Stabilität des Westens.
- Y und RC streiten über den Mauerbau. RC spricht sich für Gott und die natürliche Ordnung aus, mag das System nicht. Y verteidigt es.
- BK lernt 20 Jahre jüngeren Kameramann Friedhelm Böttiger (FB). FB wollte eigentlich fliehen, verschob die Flucht für ein paar Tage, dann kam der Mauerbau.
- K und Heiner leiden unter Mauerbau. Affäre schwierig. K streitet sich mit JG.
- Kathinka und das PrenzlBerg-Theater, motivierte Spartakisten übertreiben ihre Forderungen. Es hagelt Auftrittsverbot.
- 1965: Kahlschlagplenum. FB schlägt den angezählten BK vor, alles niederzulegen und Geld mit Schreiben zu verdienen.
- KE, der Schweigende, sitzt zwischen allen Stühlen. Ulbrichts große Säuberung.
- Selbstmord in einer Planungsgruppe führt zu einem völligen Rückzug von KE. Zerfall der kleinen Gesprächsgruppe: RE, KE, YG, JG und BK.
- RC trennt sich von YG aus politischen Gründen.
- JG erbt von seinen Eltern. Am Ende verbleiben 6000DM von 48000DM. YG erzählt ihm vom Besuch seiner Mutter, von ihrem Wissen um seine NS-Vergangenheit.
- BK und FB kochen und leben gemeinsam. Judentum als Diskurs.
- K und ihre Jugendliebe trennen sich. K erfährt Absage aus Babelsberg. Dort wollte sie Dokumentarfilm studieren.
- 1965: K wird Kranfahrerin, lernt unpolitische Arbeiter kennen. H in 8. Klasse
- RE und KE auf Urlaub auf Vilm, alle schweigen.
- 1967 H in 11. Klasse. Wechsel der Schule. Gründet Band.
- K lernt Magnus kennen. Sohn eines Drehers.
- 1970: Ulbricht entmachtet Honecker und muss ihn 6 Tages später wieder einsetzen. Ulbricht will stärker mit BRD Handel treiben. Honecker richtet sich zur UdSSR aus.
- 1973 H im Biologiestudium, liebt Kröten. Wohnt noch bei den Eltern.
- K lernt Rudolf kennen, Mathematiker, Sohn eines Theologen.
- Hochzeit von K und R.
- Umzug nach Leipzig in ein Abrisshaus.
- H tritt in die Bauernpartei ein, um Forschungsreisen unternehmen zu können.
- 1968: Prager Frühling.
- BK und Y treffen sich. Keine deutschen Soldaten in Prag.
- BK übernimmt Chefredakteursposition beim „Sonntag“.
- YG dick geworfen, schläft mit Kneipier in Hs Wohnung.
Viertes Buch: Machtübernahme Honeckers. Ende der DDR.
K arbeitslos, arbeitet dann für den Bertelsmann Verlag, Rudolf Mathematikprofessor, und Jonathan glücklich in Schweden, und Picar Au-Pair-Mädchen in Toronto. K und R reisen nach Lund, Jonathan zu besuchen.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: 4 Bücher mit sehr vielen Kapiteln.
1.) Gründung der DDR 1949, Juni-Aufstand 1953;
2.) XX. Parteitag der KPdSU, Entstalinisierung, Entwicklung des Trabbis, Aktion Blitz.
3.) Mauerbau, Machtkampf innerhalb der SED zwischen Ulbricht und Honecker, Prager Frühling.
4.) Machtübernahme Honeckers, Ende der DDR, Wiedervereinigung.
●Diskurs: Mehr oder weniger alles um die politische Nachkriegszeit, insbesondere Westanbindung, Reparationszahlungen.
… anhand von Einzelschicksalen der dritten Funktionärsreihe wird das Alltagsleben der DDR lakonisch beschrieben, völlig emotionslos, mit unbegründeten Sprüngen, seltsamen Akzentsetzungen, irritierenden Details, kein Fokus, ein reines Potpourri aus einzelnen, nicht zusammenhängenden Erinnerungen, Figuren bleiben blass, gehen in der Erzählung unter, bspw. Kathinka taucht am Ende fast gar nicht mehr auf. Völlige Konfliktlosigkeit. Keine Streitgespräche. Keine Dynamik. Dümpeln. Schwache Allegorien wie Karsten Emsers vermeintliche Gesundheit, doch wucherte schon der Krebs in ihm – schlagartiger Tod, wie bei der DDR, die auch wirtschaftlich krank gewesen ist. Eigentlich nur eine Materialsammlung eines noch zu schreibenden Buches. Und das Material ist nicht einmal spezifisch interessant, aufsehenerregend, innovativ. Ärgerlich: von Reden zu schreiben, die dann nicht gehalten werden. Beschreibendes Beschreiben.
–> 1 Stern
1971 Machtübernahme Honeckers. Stunde des Minotaurus.
BK spricht mit Künstler. Bildhauer fertigt Mariaskulpturen an.
YG lässt sich gehen. Kneipier macht Schluss. Sie säuft.
KE wird von Markus Fuchs (Markus Wolf) angesprochen, hält RE aus dem Visier.
Buchmesse. BK erfährt von Entmachtung Ulbrichts. Ahnt Schlimmes mit Honecker am Ruder.
Absetzung Ulbrichts mit bewaffneter Horde.
KE über Ulbricht, wollte nie selbst die Macht, schreibt seine Memorien.
FB wird von Stasi-Leuten angesprochen. Honecker bekannt für scharfe Gangart gegen den Kulturbetrieb. BK bittet KE um Hilfe, der ruft MF an, der verspricht, dass FB in Ruhe gelassen wird. Sie überlegen die Gesprächsrunde wieder aufleben zu lassen. RE als Gastgeberin.
K und R bekommen nun Tochter, Prisca, und K wird empfohlen noch zu promovieren, in Philosophie; in Leipzig unterrichtet Rudolf, Verhältnis zu Schwiegereltern schwierig. Sie ziehen in eine Drei-Zimmer-Wohnung.
Sabinin stellt Ausreiseantrag, BK wird verhört. Freunde zweifeln, dass Sabinin sich im Westen durchsetzen kann.
H wird kurzerhand zum Vorsitzenden der Bauernpartei ernannt.
8. Wahl der Volkskammer, also 1981. JG wird pensioniert, 69 Jahre, nicht sehr beliebt, da immer noch Stalinist.
Sabinins Frau wird entlassen, Ausreiseantragssteller kriminalisiert. Noch besteht Hoffnung, dass die Ausreise des bekannten Künstlers genehmigt wird, sagt BK.
KE und JG über den Lauf der Welt, JG sieht Sittenverfall, KE sagt, dass das ständig passiere.
Sabinins dürfen ausreisen.
JG 82, stürzt, liegt im Koma. Rudolf sieht, dass niemand JG liebt. Der kleine Johannes, Ys und Rs Sohn bereits Abiturierent.
In Auerbachs Keller, danach bekommt K Angebot für die Edition Leipzig zu arbeiten, als Archiv-Detektivin.
JG stirbt drei Tage später, Priska 15, Johannes Abiturient, Krankenpfleger, hofft auf Medizinstudium, KE 85 Jahre alt.
K schlägt im Lutherjahr ein sündhaft teures Episkolar vor, das den Verlag fast in den Ruin treibt.
BK wird ermahnt, wegen des Sonntags, beide, auch der Sputnik könnten verboten werden. Sie seien zu sehr auf Linie Gorbatschow. Die Redaktion bleibt unschlüssig, gibt etwas Historisches heraus.
JGs Testament, er vererbt Y eine Mietwohnung, seinem Sohn H alles, und K nichts.
KE arbeitet an seinem Manuskript weiter, und kontaktiert Unternehmer, um die Thesen zu prüfen.
Besuch des Ingenieurs. Zehn-zu-Eins-Devise, völliger Ausverkauf der Volkswirtschaft (1 DM für 10 Ostmark). Der Traum ist geplatzt. ß Schnaps, Wein, Wodka zählen
Rudolf will Professor werden, hat sich aber einem regierungsfeindlichen Lektürekreis in Wittenberg angeschlossen. Die Professur hängt davon ab, ob er sich von ihnen distanziert.
BK hat Alzheimer, kann dem Chefredakteur nicht helfen bei der Entscheidung, ob der Sonntag die Opposition wagen soll. FB noch bei ihm.
Jonathan, Pfleger, von allen Krankenschwestern verehrt, bekommt nach hervorragenden Ausbildungsleistungen doch noch einen Medizinstudiumsplatz, in Rostock.
1988. Prisca fliegt kurz vor dem Abitur von der Schule, weil sie bei den Montagsdemonstrationen teilgenommen hat. K interveniert, P muss Schule wechseln, kann aber das Abitur weiter anstreben.
Montagsdemonstration bleibt friedlich, trotz Honeckers Lob an Chinas Vorgehen auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Weitere Demonstrationen folgten. 4. Oktober 1989.
KE fällt, kommt ins Krankenhaus, dabei werden Verfärbungen festgestellt, Pankreaskarzinom. Unheilbar, nur noch wenige Wochen zu leben ß Hinsiechen des Staates der DDR, bis alles zerstört, genau wie KE, der sich noch gut fühlte ß Allegorie, wie die Ehe von Y und JG, DDR und BRD, die sich nichts mehr sagen, koexistieren, aber nicht mehr lieben. 88 Jahre.
KE sagt seiner Frau nichts von der Diagnose, meckert über Egon Krenz und Gorbatschow.
KE stirbt an Embolie.
BK reißt aus, kann nicht mehr ohne Rundumbetreuung bleiben. FB organisiert ein Platz im Pflegeheim. Alexanderplatz-Demonstration.
KE wird begraben. Einige Tage später, Fall der Mauer.
Grenzen offen, erste Arbeitslosigkeiten, K macht sich Sorgen um ihre Zukunft. Verlag Edition Leipzig droht Pleite zu gehen. Rudolf organisiert weiter den Wittenberger Kreis, wollen eine Partei gründen.
Zeitsprung. Wiedervereinigung. RE verliert ihr Haus, das Grundbuch entscheidet. Sie zieht um. 7. Oktober, Treffen mit Yvonne.
Y wird teleshopping süchtig, säuft Korn, und stirbt, viele ungeöffnete Pakete in der Wohnung.
H wird nicht Tierparkdirektor, sondern einer aus dem Westen, und er muss die geerbten Grundstücke besenrein übergeben, sodass das Erbe ihn teuer zu stehen kommt.
Form:
●Wortschatz: sehr karges Beschreiben
●Satzstrukturen: ordentlich
●Innovation: keine
–> 2 Sterne
Erzählstimme:
●Reflektiert: nein (bis auf eine Stelle)
●Situiert: nein (zurückhaltend, allwissend)
●Perspektiviert: nein
… „Das Narrenschiff“ wird gemischt, wirr erzählt; seltsame Mischung aus direkter, erlebter und indirekter Rede, Mischmasch aus Dialogen.
–> 1 Sterne
Komposition:
●Lose Versatzstücke: fast ausschließlich, reine Chronik, ohne jeden anderen Zusammenhang als die historischen Leitereignisse –> 1 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: ja
●Geärgert: nicht wirklich
●Amüsiert: nie
… unerträglich zäh, zwar hier und da flüssig geschrieben, aber niemals bei den Figuren, niemals mit irgendeiner Verve, einfach nur runtergeleiert.
–> 1 Stern
Alain Robbe-Grillet: „Die Blaue Villa In Hongkong“

Kompositorisch und inhaltlich ein Lesefest, leider mit Mängeln in stupid-bedientem Voyeurismus
Inhalt: 4/5 Sterne (Rotlichtmilieu-Studie, teils flach)
Form: 4/5 Sterne (syntaktisch-fließend)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (beliebig, unsituiert, unperspektiviert)
Komposition: 5/5 Sterne (ästhetisch plausibilisierte Inkonsistenz)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (atemlos immersiv)
Im Vergleich zu seinen ersten Werken in den 1950er Jahren, bspw. Die Jalousie oder Der Augenzeuge., beginnt in den 1960er und vor allem mit Die blaue Villa in Hongkong eine radikalisierte Selbstbezüglichkeit des Schreibens bei Alain Robbe-Grillet. Anfänglich konzentrierte er sich auf den Kamerablick, auf die Entpsychologisierung des Erzählvorganges selbst. Hiermit betrat er Neuland, nämlich mit Ich-Erzählungen, die keinen reflektierten Bewusstseinsvorgang mehr beschreiben, sondern nur noch registrieren. Hier gibt es jedoch immer noch einen Vorgang, den er mit Werken wie Die blaue Villa in Hongkong und Project for a Revolution in New York eliminiert:
[…]wenn das Versteck sich im Zimmer selbst befände, dann wäre es schon lange in Sicherheit gebracht worden, hat die Dienerin [Kim oder Lucky] gedacht, denkt Lady Ava, sagt der Erzähler mit dem roten Gesicht, der die Geschichte gerade im Zuschauerraum des kleinen Theaters seinem Nachbarn erzählt. Aber Johnson, der andere Dinge im Kopf hat, hört nur zerstreut auf seine unwahrscheinlichen Reiseberichte aus dem Orient, in denen kupplerische Antiquare, Mädchenhandel, allzugeschickte Hunde, Bordelle für Wahnsinnige, Rauschgifthandel und geheimnisvolle Morde eine Rolle spielen.
Johnson heißt die „Hauptfigur“ dieses atmosphärischen Textes, der in Hongkong unter britischer Herrschaft, also wahrscheinlich in den 1950er Jahren spielt (fehlender Bezug auf den zweiten Weltkrieg, Taiwan existiert bereits, noch stark dekadente Kolonialzeit). Im Brennpunkt der Ereignisse stehen sein überhasteter Versuch, sich nach Macao zu retten, und die Ermordung eines dubiosen Rauschgiftsüchtigen und Geschäftsmannes namens Edouard Manneret. Beide stehen mit einer Lady Ava in Verbindung, die einen Club führt, in welchem alles passiert, was die Herren der Garde sich so wünschen.
Ich nähere mich meinerseits der Hausherrin und verbeuge mich, während sie mir die Spitzen ihrer langen Finger mit den ein wenig zu roten Nägeln zum Kuß reicht. Sie erneuert so die Geste, die sie soeben für meinen Vorgänger vollführte, und ich neige mich zeremoniell genau wie er, und ich nehme ihre Hand um sie zu stützen, während ich sie zart mit den Lippen streife, so daß die ganze Szene sich präzise bis in die kleinsten Details wiederholt.
Das Dekadente, Voyeuristische, auch Makabere, in vielen Büchern von Alain Robbe-Grillet Degradierende, Sexuell-Ausschlachtende, stört auch in Die blaue Villa in Hongkong. Der Text aber bedient diese Interessen mit einer kompositorischen Tour de Force, die es in sich hat. Er inszeniert einen atmosphärischen Großstadtdschungelroman mit Mitteln, die nur in der Literatur möglich sind: nämlich das Ineinandergleiten von Zeit und Raum und von Stillstand und Dynamik in permanenter gegenseitiger Durchdringung, wenn bspw. eine Szene beschrieben wird, und es nicht klar ist, ob ein narratives Ereignis stattfindet oder ein Bild beschrieben wird.
Das Ineinanderübergehen von showing und telling, von Mimesis und Diegesis in Die blaue Villa in Hongkong sucht seinesgleichen. Hieraus entsteht eine literarische Spannung, die ohne Plot auskommt, sich nur von Ereignis, Impression, Szene und Möglichkeitsraum speist. Eindrucksvoll. Von der Literarizität her vergleichbar mit Claude Simon Das Gras und Marguerite Duras Der Liebhaber, stofflich verwandt mit Francoise Sagan Bonjour tristesse .
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en):
Edouard Manneret existiert als Figur in einem Theaterstück „Der Tod des Edouard Manneret“ innerhalb der Erzählung und als Figur der Erzählung selbst. Im Theaterstück stirbt er ohne Gewalteinwirkung. Auf der Erzählebene besitzt er ein Büro auf Kowloon, wo sich auch das Hotel Victoria befindet. Er nimmt Drogen und erkennt seinen Gast, Ralph Johnson, nicht. Er steht mit Lady Ava in Verbindung. Er ist der Vater von Lucky und Kim, den Zwillingen, die für Lady Ava arbeiten und als Geld- und Drogenkuriere dienen und auch bei SM-Veranstaltungen mitwirken. Er stirbt durch einen Hund, der ihn in den Nacken beißt und diesen dabei bricht. Er ist also verwickelt in Drogenexperimenten mit Prostituierten, deren Leichen er zum Verzehr verkauft. Er stirbt durch ein vergiftetes Stiletto, und der Mord wird dann als Unfall getarnt, indem ihm ein Champagnerglasstiel in den Hals gesteckt wird, was durch ein Sturz passiert sein hätte können. Er stirbt auch durch fünf Schüsse aus Ralph Johnsons Pistole, und nachher wird gemutmaßt, dass er von Kommunisten ermordet worden wäre.
Ralph Johnson, genannt der Amerikaner, oder Sir Ralph, hat sich in Lauren verliebt. Lady Ava nutzt seine Besessenheit aus und fordert für die Stunden mit Lauren hohe Preise. Er will sie freikaufen. Lauren will erst nicht, nennt dann aber einen enormen Preis, den er bis zum Morgengrauen auftreiben muss. Es gelingt ihm nicht. Manneret rückt nicht mit dem Geld heraus. Er erschießt Manneret und muss nach Macao fliehen, weil er wegen vermeintlichen Drogengeschäften gesucht wird, zuvor geht er aber noch in die blaue Villa, um Lauren zu überzeugen, doch mit ihm zu kommen, obwohl er kein Geld hat. Sie hat ihn aber an die Polizei verraten.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Der Club von Lady Ava, Eva Bergmann, wird von Polizisten gestürmt wegen Drogen, Prostitution, und möglicherweise Spionage für die in Süd-Hongkong operierenden Kommunisten. Im Club findet eine Aufführung statt und eine gewisse Lauren spielt mit. Diese Lauren hat ihren Ex-Verlobten verlassen und verdingt sich seitdem als Prostituierte bei Lady Ava. Unklar: inwiefern die Machenschaften ihres Ex-Verlobten Georges Marchat oder Marchant, ein niederländischer Geschäftsmann, eine Rolle spielt, der in dubiose Geschäfte mit Drogen und Menschenexperimenten und -handel unter anderem mit Edouard Manneret und Ralph Johnson verstrickt ist.
●Kurzfassung: Inhaltliche Rekonstruktion: Ralph und Georges haben mit Manneret und Lady Ava dubiose Geschäfte am Laufen, bei denen Politik als Deckmantel eine Rolle spielt, hauptsächlich aber Rauschgift und Prostitution betrieben werden. Zusätzlich gibt es eine Dreiecksgeschichte zwischen Ralph, Georges und Georges Verlobte Lauren, in die Lady Ava zugunsten von Ralph eintritt, um ihn auszunehmen, und Georges den letzten Lebensfunken nimmt, der daraufhin volltrunken durch die Stadt fährt und mit einer geladenen Pistole am Hafen einschläft, und irgendwann tot aufgefunden wird. Ralph muss die Stadt verlassen, weil ihm die Polizei auf den Fersen – das hat mit Rauschgifthandel zu tun, in den Lady Ava, Manneret und er verstrickt sind, unter anderem ist ein Heroinlabor aufgeflogen. Er benötigt aber Geld, um von Lady Ava Lauren freizukaufen. Er schafft es, das Geld aufzutreiben, erschießt Manneret, und tappt in die Falle, die ihn Lauren mit der Polizei zusammenstellt.
●Diskurs: kein wirklicher. Inhaltlich wird nichts verhandelt. Alles Handlung und Kriminalroman. Wenn überhaupt, dann sexuelle Ausbeutung und Menschenhandlung und Rauschgiftprobleme.
… spielt mit Tabus, Perversion, Rotlichtmilieu, erhält dadurch aber, weil es um Mord- und Totschlag und Sex geht, Intensität und verläuft sich nicht. Die Atmosphäre, schwül, dunkel, undurchschaubar transportiert sich, der Regen, die Spaziergänge durch das schwülneblige Kowloon, diese Enge, die Gerüche, das Miefige, Unkontrollierbare der Stadt drückt sich durch. Als Großstadtroman, völlig unübersichtlich gestaltet, mit vielen fehlenden Verbindungen, erzeugt es einen überzeugenden Flickenteppich
… erinnert an Claude Simon, aber noch klarer als Simon, der in der Erinnerungsstruktur allein verbleibt, vermag Robbe-Grillet eine Eigenschaft der Literatur zu nutzen, die in anderen Medien nicht möglich ist: Beispiel ist eine Szene ein Bild oder eine Begebenheit, findet die Szene dargestellt auf einem Ring statt, oder ist sie eine Gravur, betrachte ich ein Bild, oder handelt es sich um Skulpturen, oder um ein Theaterstück, oder um ein narratives Folgeereignis? Wegen dummer voyeuristischer Szene (die uneingebunden und unmotiviert bleiben: bspw. Hund zerreißt vor johlenden Männern einem Mädchen die Kleidung) ein Stern Abzug.
–> 5-1 Sterne
Form:
●Wortschatz: einfach, aber nicht langweilig, wohlkomponiert, ideenreich, nicht poetisch, aber eindringlich, schriftsprachlich
●Satzstrukturen: aufwendig, interessant, rhythmisiert, nicht vorhersehbar, variable Länge, niemals abgedroschen, rund und flüssig, interessant
●Innovation: keine wirklich in der Form, also in der Sprachverwendung. Hier: eher konservativ
–> 4 Sterne
Erzählstimme:
●Reflektiert: ja, Erzählstimme selbst reflektiert Wissen und Nichtwissen und stellt es in Frage, auch im Rückblick, in der Unwägbarkeit
●Situiert: nein, die Erzählerfigur existiert nur als freischwebendes Etwas
●Perspektiviert: nein, es gibt Präsenserzählung, personales Präteritum, und aus dem Ich-Erzähler wird plötzlich eine Er-Figur, keinerlei Konsistenz
… von der Erzählperspektive her handelt sich bei dem Text um die Inkonsistenz per se, nicht nur korrigiert sich der Erzähler selbst, nicht nur wird aus der Ich-Erzählung plötzlich eine Er-Zählung. Beispiel: Johnson wird aus der dritten Perspektive berichtet, aber das Buch beginnt mit einer Episode in der Ich-Erzählung, die nachher von Johnson selbst stammt. D.h. die Er- und Ich-Perspektive werden inkohärent gemischt. Es ist einfach nicht klar, wer was erzählt. Es handelt sich um einen Mischmach aus Stimmen und Zeitebenen.
–> 3 Sterne
Komposition:
●Lose Versatzstücke: Ja, die Szene mit Kito, mit dem Hund, der Kito die Kleidung vom Leib reißt, überhaupt die Dienstmädchenzwillinge Lucky und Kim erscheinen völlig überflüssig, sowohl inhaltlich wie kompositorisch. Das ist ein klarer Mangel, auch Tschang, der Menschenhändler, erscheint unnötig. Es reichen Georges, Lady Ava, Manneret, Lauren und Ralph. Lucky, Kim und Kito dienen nur einem gewissen, sehr billigen Voyeurismus. Auch: die politischen Anspielungen erscheinen als völlig überflüssig, der Spionageteil, der gar keine Rolle spielt, der nur konstruiert wirkt und dem Text überhaupt keine eigene Dimension verleiht.
… aber: kompositorisch, von der Schwäche der losen Versatzstücke abgesehen, bleibt das Buch atmosphärisch, dicht, ein Puzzle, alles im Dienste der Undurchschaubarkeit des Lebens in diesem Milieu, alles auf Messers Schneide, alles ständig in Gefahr, Drogen, Menschenhandel, Amüsement, Gewalt, Mord, Vergiftung.
… kompositorisch eindrucksvoll: die Wiederaufnahme der Motive (Gang durch die Stadt, das Etuikleid, die Sandalen, der Mord an Manneret), nahezu exakte Rückbezüglichkeiten auf den Text, der als windschief konzipiertes Ganzes atmosphärisch als Rotlichtmilieu-Darstellung Hongkongs überzeugt. Spannend, verwirrend, aber aus der Sache selbst, aus der Inkohärenz der handelnden, lügenden Figuren. Die Inkonsistenz im Inhalt (mehrere mögliche Todesarten von Manneret) und die Inkonsistenz in der Erzählperspektive (der Wechsel in Sachen Johnsons vom Ich- zum Er und zu einer freischwebenden Kamera) schließen konsistent in der Komposition sinnstiftend zusammen: nämlich die Unzuverlässigkeit der Realität in einem solchen Milieu überhaupt, was Wahn, was Wahrheit ist; was gespielt, was gefühlt, was gewollt, was erzwungen ist. All das freischwebend, inkonsistent, unsystemisch, hier aber als Text so, dass die Komposition, die Wiederholung, die Motive, die einzelnen Einstellungen, die immer wiederkehrenden Themen, das Kreisen dem Text Einheit verleihen – durch Wiederholung, Insistenz. Deshalb (trotz dumm-voyeuristischer Versatzstücke):
–> 4+1 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein.
●Geärgert: nein.
●Amüsiert: nein.
… spannend, atmosphärisch, nebulös, fast dokumentarisch, filmisch immersiv
–> 5 Sterne
Jochen Vogt: „Aspekte erzählender Prosa“

Informatives Handbuch, um den groben Stand der Diskussion nachzuvollziehen.
Statt einer summarischen Besprechung lohnt es sich, ein paar Begriffe und Rekonstruktionen und Kategorien aufzuzählen, die Jochen Vogt in Aspekte erzählender Prosa veranschaulicht, und zwar indem er ausführliche Beispiele zitiert, meistens Thomas Mann aus Der Zauberberg und Buddenbrooks und Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull.
1. Teil: Erzählung als Fiktion:
Unterscheidung: Historiker beschreibt, was geschehen ist; der Dichter, was geschehen könnte.
Abschnitt diskutiert über weite Strecken Käte Hamburgers Die Logik der Dichtung , die insbesondere darauf beharrt, dass Fiktion sich dadurch auszeichnet, dass nur in diesem Medium das Bewusstsein eines anderen erscheinen kann, also das Bewusstsein im Sprech-Erzähl-Schreibakt transparent wird. Hamburger bezweifelt daher die Existenz einer Erzählinstanz, die Franz Stanzel gerade hervorhebt. Alles ist Erzählung, was sich als „Roman“ oder „Erzählung“ bezeichnet, und innerhalb dessen gibt es verschiedene Weisen, das zu Erzählende zu illustrieren.
Hamburger präzisiert einige Eigenschaften des Erzählaktes: das Präteritum verliert seine Vergangenheits- und Deikta („jetzt“, „hier“) ihre Zeigefunktion. Für Hamburger stellt das Kriterium nur, ob eine glaubwürdige fiktive (zeit- und raumlose) Welt gesetzt wird.
2. Erzählperspektiven:
Im wesentlichen vier an der Zahl:
● Neutrale, die Erzählinstanz weiß weniger als die Figur, wie eine Kamera: Alain Robbe-Grillet „Die Jalousie“, Dashiell Hammett „Die rote Ernte“, Albert Camus „Der Fremde“ – Paradigma: Ernest Hemingways Shortstory „Die Killer“
● Ich-Erzählung, die Erzählinstanz weiß so viel wie die Figur: Gottfried Kellers „Der grüne Heinrich“ – Paradigma: Thomas Manns „Felix Krull“.
● Personales Erzählen, die Erzählinstanz weiß mehr als die Figur: Franz Kafka „Das Schloß“, Thomas Mann „Der Tod in Venedig“ – Paradigma: James Joyce „Das Porträt des Künstlers als junger Mann“.
● Auktoriales Erzählen, die Erzählinstanz weiß potentiell alles: Thomas Mann „Der Zauberberg“ – Paradigma: Lew Tolstois „Anna Karenina“.
Begriff: Konsonante Ich-Erzählung (Knut Hamsun „Hunger“ – in Echtzeit erlebt) und dissonante Ich-Erzählung (Thomas Mann „Felix Krull“ – Abstand zwischen erzählenden Ich und erzähltem Ich).
3. Zeit der Erzählung:
Vogt bespricht die Techniken der Raffung, Dehnung, der Aussparung, Ausweitung und Verengung des Erzählwinkels, Analepsen (Rückblicke), Prolepsen (Vorausblicke), und wiederkehrende Motive.
Begriff: synthetische vs. analytische Romane. Synthetische Romane setzen im Nachhinein zusammen; analytische in der erzählten Zeit selbst. Im wesentlichen werden hier Gérard Genettes Unterscheidungen rekapituliert aus „Die Erzählung“.
4. Personenrede:
Begriff: monologischer (Goethe) vs. polyphoner Roman (Dostojewski), basierend auf Bachtin.
Begriff: Vier Formen der Erzählerrede: Berichten, szenisches Darstellen, Beschreibung, Erörterung.
Diskussion: Platon gegen ungehemmte Mimesis, bspw. soll ein Verbrecher nicht in direkter Rede dargestellt werden.
Begriff: Nachahmung, Dialoge (Mimesis – showing) vs Erzählen, Beschreiben (telling).
Unterscheidung der Personenrede:
● direkte Rede (mimetisch): Plötzlich, beim Mittagessen, sagte er laut: „Ich will meine Mutter besuchen. Das Frühjahr ist fast zu Ende und damit das dritte Jahr seit dem letzten Mal.“ – szenische, mimetische Darstellung, die Platon bei moralisch-verwerflichen Figuren kritisiert.
● indirekte Rede (diegetisch): Plötzlich, beim Mittagessen, fiel ihm ein, er wolle seine Mutter besuchen. Es fiel ihm nämlich auf, dass nun das Frühjahr fast zu Ende sei und damit das dritte Jahr, seitdem er sie nicht gesehen habe. – Indirekte Rede stellt quasi hinter der Äußerung ein unsichtbares Fragezeichen.
● Erlebte Rede. Zitat aus Kafkas „Der Prozeß“: Plötzlich, beim Mittagessen, fiel ihm ein, er wolle seine Mutter besuchen. Nun war schon das Frühjahr fast zu Ende und damit das dritte Jahr, seitdem er sie nicht gesehen hatte. – Figuren- und Erzählerrede werden durchlässig und blenden ineinander über. Figuren untereinander und Erzählinstanz mischen sich. Konjunktiv und Indikativ auch.
● Innerer Monolog: Plötzlich, beim Mittagessen, wurde ihm bewusst. Ich will meine Mutter besuchen. Das Frühjahr ist fast zu Ende, damit das dritte Jahr, seitdem ich sie das letzte Mal gesehen habe. – Im Präsens und Indikativ. (Edouard Dujardin – Monologerzählung).
Begriff: Aktstruktur (mehr handlungsbezogen, klassisch) vs. Aussagenstruktur (mehr psycho-narration).
5. Aspekte einer Theorie des Romans
Er handelt ab:
● Hegels Romantheorie: im prosaischen Weltzustand ist kein Epos mehr möglich
● Lukács Theorie des Romans: die transzendentale Obdachlosigkeit, mit Ironie als Selbstkorrektur der Brüchigkeit der epischen Welt
● Walter Benjamins Erzähler: der Verlust der Oralität in der Moderne, und Erfahrungsarmut.
● Adornos Standort des Erzählers und Bestehen auf dem Avantgardismus
● Bachtins polyphoner Roman als das Medium der ewigen Suche
6. Geschichte des Romans
● Schelmenroman (Don Quijote, Grimmelshausen)
● Briefroman (Goethes Werther)
● Entwicklungsroman (Flaubert, Goethe, Keller)
● Gesellschaftsroman (George Eliot, Austen)
● Kolportageroman (Sue, Zola, Balzac)
● Historischer Roman (Scott)
● Kriminalroman (Poe, Conan Doyle, Hammett)
● Dekadenzroman (Huysmans)
● Reflexionsroman (Musil, Joyce, Proust)
● Montageroman (Döblin, Dos Passos, Seghers)
● Experimentalroman (Gide, Robbe-Grillet, Simon)
Hermann Hesse: „Klingsors letzter Sommer“

Trunksüchtige Lebensbejahung ohne Sinn und Verstand: Hesse als Surrealist.
Klingsors letzter Sommer bedeutete Hermann Hesse so viel, dass er die Erzählung aus dem Jahr 1919 nach 32 Jahren wieder auflegen ließ. Sie markiert auch, im Zusammenhang mit Das Glasperlenspiel gelesen, eine Schubumkehr der Triebkräfte. Im Gegensatz zum letzteren steht nicht das Leben, sondern der Tod im Zentrum des Geschehens, ähnlich wie bei Narziß und Goldmund , als ein Gegner, eine Herausforderung, die das Schöpferische annimmt und in Kunst ummünzt. Aus Josef Knecht wird Klingsor und er feiert das Leben:
»Inwendig«, sang er, »bin ich wie eine Kugel von Gold, wie die Kuppel eines Domes, man kniet darin, man betet, Gold strahlt von der Wand, auf altem Bilde blutet der Heiland, blutet das Herz der Maria. Wir bluten auch, wir Anderen, wir Irrgegangenen, wir Sterne und Kometen, sieben und vierzehn Schwerter gehn durch unsre selige Brust. Ich liebe dich, blonde und schwarze Frau, ich liebe alle, auch die Philister; ihr seid arme Teufel wie ich, ihr seid arme Kinder und fehlgeratene Halbgötter wie der betrunkne Klingsor. Sei mir gegrüßt, geliebtes Leben! Sei mir gegrüßt, geliebter Tod!«
Untypisch für Hesse erzählt Klingsors letzter Sommer lose aneinandergereiht ein paar Episoden, die sich eher zu einem lyrischen Prosatext zusammenschließen, ein Gedicht für und mit dem Leben, den Tod im Rücken. Klingsor säuft und feiert, er liebt, er dichtet, er malt und schreitet explosiv, zufrieden-unzufrieden im Rausch durchs Leben. Sein überborderndes Naturell kennt keine festen Grenzen. All Grenzen dienen der Transzendenz, dienen als Pol der Drehung-Herauswindung und Herausforderung, noch aus den letzten Momenten und Augenblicken des Lebens die sattsam intensivste Glückseligkeit zu ziehen:
»Ich werde doch wieder malen«, sagte Klingsor, »schon morgen. Aber nicht mehr diese Häuser und Leute und Bäume. Ich male Krokodile und Seesterne, Drachen und Purpurschlangen, und alles im Werden, alles in der Wandlung, voll Sehnsucht, Mensch zu werden, voll Sehnsucht, Stern zu werden, voll Geburt, voll Verwesung, voll Gott und Tod.«
Mitten durch seine leisen Worte und durch die aufgewühlte trunkne Stunde klang tief und klar Ersilias Stimme, still sang sie das Lied vom bel mazzo di fiori vor sich hin, Friede strömte von ihrem Liede aus, Klingsor hörte es wie von einer fernen schwimmenden Insel über Meere von Zeit und Einsamkeit herüber.
Klingsors letzter Sommer steht einem Text wie François Villons Das Kleine und das Große Testament sehr nahe. Hesse schreibt hier wie ein trunksüchtiger Minnesänger, mit einem Fuß im Himmel, mit dem anderen in der Hölle. Das Gemälde, das er malt, bleibt unvollendet. Es bildet nichts ab. Es bleibt monströs, ungeschieden, größenwahnsinnig. Er gibt auf, atmet durch, schreitet weiter. Das Malen und Dichten stehen hier als Lebensbejahung, als Triebfeder der Existenz, die sich nicht bescheiden noch möchte. Schade nur, dass es eher eine Art Écriture automatique, ein wüstes Drauflosschreiben, ein wirres Spiel mit Farben, Geschehnissen, Zitaten darstellt, und sehr wenig Komposition, Rahmenwirkung und narrative Spannung enthält. Ein Text also, der näher an André Bretons Nadja heranreicht als bspw. an das janusköpfige, zwischen Bürgerlichkeit und Bohème pendelndes Thomas Mannsches Tonio Kröger .
Martin Mosebach: „Die Richtige“

Allegorisch-intensives, teils unzugängliches Ehedrama mit dürftig blassem Verführer
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 4/5 Sterne (intensiv, Figuren unnahbar)
Form: 5/5 Sterne (einfallsreich-sicher)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (unreflektiert-auktorial)
Komposition: 2/5 Sterne (nervig-kleinteilig-hiatisch)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (Auf und Ab, mit intensiven Stellen)
Martin Mosebach thematisiert in Die Richtige ein bürgerliches Kabinettstückchen, die Vermählung des widerborstigen Dietrich Rupps mit der singenden, edel-blassen Astrid Thorblén. Gegensätze treffen hier aufeinander: Der fleißige, scheue, unbekümmerte Dietrich, der ein international agierendes Unternehmen für Hebebühnen erfolgreich führt und als Hobby Wildschweine erlegt, soll endlich unter die Haube gebracht werden. Beate, Gattin seines Bruders Rudolf, hat die Richtige gefunden:
Rudolf neigte sich soeben zu einer jungen blonden Frau mit etwas unordentlichem Haar, die, was er sagte, mit beweglicher Miene aufnahm, den Ausdruck ständig ändernd. Er brachte sie offenbar zum Lachen, wobei Louis Creutz unwillkürlich die Vorstellung hatte, daß diese Frau auch ohne Anlaß lachbereit sei. Einen Augenblick öffnete sich die Menschenmauer, und er sah sie ganz, schlank, in vorzüglicher Haltung, Gesicht, Hals und Arme sehr hellhäutig, ein nordischer Typ, aber von den Lippen her rosig erwärmt. Beate trat hinzu, stellte sich zu den beiden, ohne sich an dem Gespräch zu beteiligen, die junge Frau jedoch aufmerksam musternd.
Das Projekt „Astrid“ beginnt, und hierzu beordert Beate ihren alten Freund Louis Creutz, seines Zeichen bildender Künstler, bekannt für Aktmalereien, dazu, sie nach Venedig zu begleiten, um Beate beim Psychologischen des Verkupplungsvorganges zu unterstützen. Leider bleibt Dietrich behäbig und zurückhaltend, mehr beobachtend, indes sich Louis ins Zeug legt, Astrid eine gute Zeit zu verschaffen:
Die kleinen Füße röteten sich, Louis Creutz meinte, sie bläulich werden zu sehen. Der Miene der Frau war aber keinerlei Unbehagen anzumerken. Klappernd stieg sie die zahllosen Brücken hinauf und hinab […] Auch die Frau mußte [letztlich] zugeben, kalte Füße zu haben, sie legte den linken Unterschenkel auf den rechten Oberschenkel und massierte ihre Zehen. Die Füße sahen wirklich mißhandelt aus, der Maler nahm seinen Kaschmirschal ab, beugte sich zu Boden und wickelte ihn um ihren rechten Knöchel.
Mosebach siedelt seinen Roman Die Richtige im Kunstbetrieb an. Louis Creutz, der Verführer, stellt das Luziferische dar, verführt und inspiriert die reichen Damen und Herren aus der höheren Gesellschaft, die als seine Mäzene fungieren. Er selbst bezieht seine Inspiration aus nächtlichen Trink-, Spiel- und wahrscheinlich Sexgelagen mit dem kleinkriminellen Ed Weiß, den er noch aus der Schulzeit kennt. Hineingewirkt erscheint noch eine Landstreicherin namens Flora und zur Erzählzeit bereits beendeten Ehegeschichte von Louis mit der iratischen Irene Zetzsche.
Im gebrochen, rudimentär-hiatusartigen Stil, mit vielen winzigen Kapiteln voller Ornamentalik, Symbolik und überbordernd sprießend verdammender Allegorese zieht Mosebach das Drama „Mann sucht Frau“ auf, um bürgerlich-ästhetische Klischees zu ironisieren. Es gelingt. Der Böse blickt obsiegt. Das Bild erstarrt, und am Ende verzieht sich in Form von Tauben der Heilige Geist ins heilige Schlafgemach. Zu gewollt. Kein Vergleich zu Gustav Flauberts Madame Bovary , eher von der Klasse La noia eines semi-gebremsten Alberto Moravia.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Louis Creutz (L), bildender Künstler, Aktmaler, wahrscheinlich um die 50 Jahre alt; Astrid Thorblén (A), gescheiterte Opernsängerin, Opernangestellte, 35 Jahre alt; 15 Jahre jünger als L; Rudolf (R), Beate (B) Rupp, Ehepaar, Unternehmerfamilie. Dietrich (D), Bruder von Rudolf, erfolgreicher Geschäftsmann, ledig, macht die meiste Arbeit. Flora Ortiz (F), Landstreicherin, ehemals Theaterschauspielerin.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) Beginnt vor einer Vernissage, L nicht allzu aufgeregt, trifft seine Bekannten B und R, bleibt aber nicht lange, hört sich die Rede auch nicht an, sondern verbringt den Restabend mit Ed Weiss in einem halblegalen Spielclub, den er noch aus der Schule kennt. Am morgen danach hört er von B, dass sie eine Frau für D gefunden habe, L soll bei der Verkupplung helfen. Sie fahren nach Venedig.
2.) In Venedig, sie gehen zu viert umher. L bemüht sich um A, D bleibt schweigsam. A trägt keine Socken. Es ist kalt. L legt ihr seinen Kaschmirschal um den rechten Knöchel.
3.) Venedig: L doziert B gegenüber von materiellen Ursprüngen des Stils, schauen sich Deckengemälde von Tizian und Tintoretto an. L und B verlieren A, R und D aus den Augen. Sie schauen sich Säuberungen in der Kirche an.
4.) A erinnert sich an einen Vogel in einem Wirtshaus in Trient, der durch ein Gewicht, durch ein Loch eingelassen, festgehalten wurde. Philosophieren über die Fähigkeitsfesseln.
5.) Osteria an den Fondamenta Nuove, A singt im Restaurant laut, Gerschwins Summertime. A wirkt wie verändert auf L.
6.) B spricht über ihre neueste Handtasche.
7.) D und L sprechen noch an der Bar, D über das Unternehmen für Hebebühnen. L spricht D Mut zu, A zu erobern.
8.) D erinnert sich an die Kindheit, an die Haushaltshilfe Fräulein Krause, seine eigentliche Mutter.
9.) Ein gewisser Dr. Rucktäschel soll eine Werkbiographie über L schreiben. Recherchiert über Ls Hintergrund, gescheiterte Ehe mit Ira, die an Krebs verstorben ist. Noch während der Trennung kurze Affäre mit Mitbewohnerin Iras. L schläft mit ihr, obwohl die Gefahr besteht, dass Ira dadurch noch den letzten Rest Mitleid verliert, der sie dazu bewegen könnte, ihm das heißgeliebte Atelier zu überlassen. Angstlust.
10.) L und D treffen sich, D lädt L zur Jagd ein, in Nordhessen. L fühlt sich fremd unter Jägern, reflektiert über Kälte, Lyrik und sonstige Übel. D erlegt vor seinen Augen einen Keiler und nimmt ihn aus.
11.) Rückfahrt von der Jagd, Gedanken an seinen kriminellen Freund Ed Weiss, selbstsichere Fassadenmännlichkeit gegen schweigende Tatmännlichkeit Ds. L spricht wieder über A.
12.) Treffen bei B und R, D auch dabei. Wird aber nicht aktiv. L bringt A nach Hause. L spricht ihr gut zu, dass sie D zum Mann nimmt, um den Moment der sistemazione nicht zu verpassen. L fragt sich danach, warum er sich eigentlich bemüht.
13.) Elektronisches Notizbuch. L über 50, knapp.
14.) Hochzeit zwischen A und D.
15.) D beginnt Geschäftsbeziehung mit China, viel auf Reisen. L reflektiert über verschwundene Ländergrenzen, Sehnsucht: Archaik. „Drachenschwanz“.
16.) Besuch von A in Ls Atelier. Er will sie malen.
17.) Flora Ortiz sucht sich einen Platz zum Schlafen in einer Laubenkolonie.
18.) Dialektik von Sein und Schein in der bildenden Kunst. L bemüht sich um A, schreibt ihr Nachrichten.
19.) A und F treffen sich im Atelier.
20.) A wieder auf dem Weg ins Atelier. L schenkt A Moselwein ein, mit Firnis. Es geht ihm bei der Malerei ums Inkarnat, um die Haut, um die Maske. Sie willigt ein, ihm Modell zu stehen.
21.) L schreibt A über Azaleenbäumchen und Geduld.
22.) A sitzt ihm Modell.
23.) Eheleben von A und D, trockener Humor. D schüchtern, nicht besitzergreifend. A sagt nicht, als D den Wunsch äußerst, sie könne L Modell stehen, dass sie das bereits tut.
24.) F wird beim Schwarzfahren erwischt, sagt, sie sei auf dem Weg zu L.
25.) Kurzer Moment, in welchem A der Zwangslage entkommen hätte können, aber sie gibt nach und betrügt D mit L.
26.) L in Paris, schreibt über das Hotelfrühstück.
27.) Rucktäschel hackt Ls Tablet, das L in die Galerie schickt, weil es nicht funktioniert.
28.) Modellstehen, Anstarren wie eine Kuh. Streit zwischen A und L wegen Ls Dankesbrief an D für die Unterstützung. L wird bezahlt von D, während A mit ihm schläft. Er schlägt ihr vor, sich auch als Mäzenin zu betrachten. A wütend, beendet das Modellstehen. L flieht aus eigenem Atelier.
29.) L auf dem Weg ins Gefängnis, um Ed zu besuchen, dazwischen vorheriges Gespräch mit Anwalt. L muss Ed ein Alibi gegeben. Er gibt es.
30.) L bringt die Wut in Frauen hervor. L meldet sich bei A nach einiger Zeit. A immer noch verärgert. Sie sagt ihm, dass sie schwanger ist. Er wirkt eifersüchtig. Sie rastet aus, dabei reißt etwas in ihr. Sie muss eine Nacht im Hospital wegen einer internen Fehde auf den Doktor warten, und es kommt zu einer Fehlgeburt.
31.) L ist A aus dem Weg gegangen, betrachtet nun das unvollendet gebliebene Gemälde und verunstaltet es.
32.) F frisst eine Pizza aus dem Mülleimer, legt sich am Ufer auf eine Bank und wird mit Benzin übergossen und angezündet. Sie wird ins Krankenhaus eingeliefert und liegt dort neben A.
33.) Briefe vom Galeristen. Großer Erfolg von L. Begeisterung von dem Bild der gefolterten Frau. Briefe zwischen D und A, A gesteht den Seitensprung nicht ein. Ihre Verwirrung wird auf die Hormone geschoben, nicht auf ihr Schuldgefühl.
Der Roman endet mit sechs Briefen. i) Brief von Hillmann an Galerie-Besitzer Grünhaus, in welchem von Ls Erfolg geredet wird, eine Wende, etwas Neues, dieses Gemälde mit „der gekreuzigten Frau“; ii) Brief von Beate an Rudolf, die bei der Vernissage in Paris dabei war, und das neue Gemälde unpassend für den Kopfmenschen L empfindet, freut sich Christian Bernoult kennengelernt zu haben; iii) Rudolf an Beate, der meint, sie sei zu streng zu Astrid, die er gesehen hat, vor ihrer Abfahrt zum Starnberger See, sie sähe völlig mitgenommen aus, Dietrich mache sich Sorgen, und der sich größeren Abstand zu L wünscht, nachdem diese Sache mit Ed Weiss herausgekommen ist und eine Leiche im Spiel sei; iv) Brief von Astrid an Dietrich, in welchem sie gesteht, vor D mit 19 Männern geschlafen zu haben, Rachegefühle gegen Schwester Annemarie und Desinteresse an L und seinem Katalog, und die Andeutung, dass von Anfang zwischen D und A etwas Giftiges beigemischt gewesen sei (L); v) D an A, der gegen ihre Selbstanklagen wettert und den Hormonen die Schuld gibt und ihr seine Liebe gesteht; vi) L in seinem elektronischen Tagebuch über sechs Tauben in einem Taubenhaus über den Dächern von Paris.
●Kurzfassung: Ein Künstler lernt eine Opernangestellte kennen. Sie flirten. Er verhilft ihr zu einer guten Partie und schafft es, sie zu verführen. Als sie erfährt, dass er Geld von ihrem Ehemann bekommt, ist für sie eine Grenze überschritten, und sie trennt sich von ihm. Sie wird schwanger und nach einem Streit mit ihm, erleidet sie eine Fehlgeburt. Der Künstler zerstört das Gemälde mit wilden Pinselstrichen, und das Gemälde wird ein Erfolg.
●Diskurs: Malerei, Aktenmalerei, Tintoretto, Galerie, Kunstmarkt, Ehe, Untreue.
… auffällig, alles wird eher implizit besprochen, als Erzählhaltung genau das Gegenteil von Aktmalerei. Kaum etwas wird explizit gesagt, explizit thematisiert, weder in Sachen Sex noch Geld. Bspw. wird nichts über die Nächte mit Ed Weiss genauer berichtet. Auch nicht, was mit Flora geschehen ist.
… Flora erinnert an André Bretons „Nadja“ und Terézia Mora und „Das Ungeheuer“.
… „Louis Creutz“ eine Luzifergestalt, religiöse Motive … insgesamt ein wenig plakativ, ein wenig zu beliebig, das Aktstehen, die Nacktheit, brutal das Ausnehmen des Wildschweins, die etwas abfälligen Bemerkungen, etwas harte Diktion. Rahmenwirkung mit den Vögel in Ls Atelier und den Tauben oberhalb von Picassos Atelier.
… es gibt einen Plot, der Künstler, der sich seine Inspiration holt, der sein Leben mit einer parasitären Existenz finanziert, halb der Unterwelt angehört, halb der Geschäftswelt, dem Establishment, ein Zwitter, ein Januskopf, der Ed Weiss ein Alibi verschafft, eine Affäre mit Astrid hat, erfolgreich in Paris wird, als Figur sehr schillernd und dubios. Das Buch lebt dennoch von den sehr eindrücklichen Stellen: die Jagd, die Handtaschenszene in Venedig von Beate, Floras Streifzüge durch die Stadt, die Affäre mit der Mitbewohnerin seiner Exfrau, die Situation von Astrid, als sie eine Fehlgeburt hat. Die Szenen leben, stark plastisch. Der Zusammenhäng geht etwas verloren, durch die Unnahbarkeit der Figuren, die Distanz lässt eine gewisse Intensität nicht zu.
–> 4 Sterne
Form: Schreibweise hier sehr stokelig, unrhythmisch, gewollt verunklarend, gerade obszön undeutlich, verschwommen.
●Wortschatz: breit, interessant, altmodisch, alte Rechtschreibung.
●Satzstrukturen: gestelzt, gewollt, oft mit unvorhersehbaren Wortstellungen, schwierig zu lesen, ornamental, barocken.
●Innovation: nicht wirklich innovativ, aber stilistisch eigenwillig.
–> 5 Sterne
Erzählstimme: Erzähler steht über der Figur, distanziert, immersiv, wechselnd. Übergriffig selbst im Brief (Stelle aus Hillmanns Brief an Grünhaus).
●Reflektiert: nein.
●Situiert: nein.
●Perspektiviert: nein.
… die Erzählstimme ist auktorial, unkontrolliert, freischwebend, also in diesem Sinne nicht selektiv, nicht verbindlich, sogar alles in allem entfernt und unzugänglich. Die Reflektorfigur Rucktäschel taugt nichts, der olympische Blick überzeugt hier nicht, da das Thema nicht weitgefächert genug. Konsequent ist jede auktoriale Perspektive, sie muss sich selbst fokussieren, das gelingt hier nicht. Die Stadt als Sündenpfuhl ist zu wenig verbindend. Streng personal erzählt wäre besser gewesen.
–> 3 Sterne
Komposition:
●Lose Versatzstücke: Dr. Rucktäschel, überflüssig, Handtaschen-Szene mit Beate, überhaupt Beate unwichtig, Floras Rolle unwichtig.
… es gibt Rahmenwirkungen, eine Allegorie, einen gewissen Spannungsaufbau bis zur Affäre, die Jagdszene, alles sehr überladen. Was am meisten aber gestört hat, die allzu kurzen Kapitel, fast ein Hiatus, kein Verweilen, nur Versatzstücke, fast eine Skizze. Sehr rumpelig.
–> 2 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein
●Geärgert: nein, bis auf manche unklare Stellen
●Amüsiert: nein
… beschwerliches, teilweises Rätselraten mit Höhepunkten, und tatsächlich aufgehender Symbolik, der Höllenblick, der Sündenpfuhl, die Perversion. Leider keine wirkliche Dynamik.
–> 4 Sterne
Anna Seghers: „Das siebte Kreuz“

Formalästhetisch ein Horror, aber narrativ-kompositorisch beeindruckend: Zeitgeschichte in Sprache gebannt.
Inhalt: 4/5 Sterne (zeitgebundene Verfolgungsjagd)
Form: 2/5 Sterne (gebrochen-zerstört)
Erzählstimme: (5+2)/5 Sterne (selektiv-antikischer Chorgesang)
Komposition: (5+2)/5 Sterne (multiperspektivisch verdichtend)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (schwierig, verstörend, mitreißend)
Seghers schrieb Das siebte Kreuz von 1938-39 im Exil, über weite Strecken in Paris, dann in Mexiko. Es erschien 1942 zuerst in englischsprachiger Übersetzung und wurde ein großer Erfolg. Mit antifaschistischer Verve, klar gegen das autoritäre Regime des Nationalsozialismus gemünzt, stellt das Buch ein Paradebeispiel für Engagierte Literatur im Rahmen des Sozialistischen Realismus dar, ohne aber den ästhetischen Kriterien zu entsprechen. Seghers wählt nämlich eine moderne, multiperspektivische, zeitraum-raffende Erzählweise, die noch die Welt als ganzes im Blick behält:
Von der Straße her kam das Rollen von Fässern und das uralte Abzähllied von den taufrischen Stimmen junger Kinder. Maikäfer flieg – Der Vater is im Krieg – Die Mutter is im Pommerland – Pommerland is abgebrannt. – Wann war das doch gewesen, daß er [Georg] sich bitter danach gesehnt hatte, hinter einem gewöhnlichen Fenster lieber Gast zu sein? In einer dunklen Torfahrt war er gestanden, in Oppenheim am Rhein, hatte auf den Fahrer gewartet, der ihn nachher herunterwarf. – Nebenan klopfte die Liesel die Betten, schimpfte einen der Knaben, lehrte den anderen bis zehn zählen, zog eine Naht auf der Nähmaschine, sang, füllte eine Kanne, tröstete ein Geschluchze, verlor ihre Geduld in zehn Minuten zehnmal beinahe, schöpfte sie aber doch immer wieder zehnmal aus welchen unerschöpflichen Brunnen? – Wer glaubt, hat Geduld. Aber an was glaubt die Liesel? Nun, an das, worauf’s ankommt. Daß, was sie tut, seinen Sinn hat.
Die Wirkung des Textes lässt sich schwierig durch Zitate einfangen, denn das Gleitende, alles Vereinigende, das traumatisch Fließende des Textes, in welchem von der Flucht Georgs aus dem Konzentrationslager Westhofen berichtet wird, kennt keine inneren wie äußeren narrativen Grenzen. Die Welt als ganzes steht in Frage. Sie liegt in Scherben. Einzelne Facetten werden aufgelesen, Bruchstücke von Sinn, Glauben, Hoffnungen, die nah an den Wahnsinn grenzen. Schafft Georg es, der SA zu entkommen? Darum dreht sich Das siebte Kreuz als Plot. Die Region steht nach dem Ausbruch der sieben Häftlinge in Aufruhr, neutrale, gehässige, wütende, kollaborierende, mitleidende, empathische Figuren tauchen auf. Nichts ist sicher.
Halb bewußtlos von den furchtbaren Schlägen, mit denen man ihn [Heinrich Kübler] sofort überwältigt hatte, mit zusammengeschlossenen Handgelenken, stumpf, unfähig, irgendeine Erklärung für seinen eigenen Zustand zu finden, war er während der Fahrt wie ein Sack über den Knien und Armen seiner Wächter herumgetorkelt[…] Einen Augenblick war es völlig still, da kam ganz kurz das tiefe Brummen, insektenartig, das immer vorher kommt, dann kam der helle Aufschrei des einzelnen Mannes, dann minutenlanges Getobe, dann vielleicht wieder Stille, darum »vielleicht«, weil nie noch jemand dabei war, nie jemand das genau beschreiben konnte, ohne den unausgesetzten wilden Lärm, den sein eigenes Herz dabei schlug.
Was literarisch in Das siebte Kreuz passiert, lässt sich nur als fremdinduzierte Traumatisierung beschreiben. Die Sprache wird von der Erzählinstanz so lange gewürgt, zertreten, gebrochen, niedergestampft, bis sie nur noch reines Vehikel für den informativen Austausch im Fluchtvorgang und Widerstand wird. Es geht um das schlichte „Ja“, die schlichte Handlung, die hilft, das Verstecken, das letzte Hemd, das geteilt wird, der sichere Winkel, in der die Figur Georg kurz verschnaufen darf. Ein Horror, der nachhallt und bleibt.
Dass Anna Seghers sich gar keine Mühe gibt, die Hintergründe, die politischen Verhältnisse, die zeitlichen Umstände zu benennen, erschwert die Dechiffrierung, erhöht aber das Traumatisch-Chaotische, das zur Widerstandsgeste provoziert. Es heißt auch, es kann immer wieder passieren, und hierin liegt das Bedrückende und Unheimliche dieser literarisch makabren Tour de Force. Für mich, auf abstrakt-performative Weise, vergleichbar mit Toni Morrisons Menschenkind und Peter Weiss Die Ästhetik des Widerstands .
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
1. Kapitel (Montag): Prolog: Rahmenhandlung, in einem KZ, Westerhofen. Sieben Platanen, die bereits geköpft worden waren, mit einem Querbrett versehen, werden nun gänzlich gefällt. Die Gefangenen sehen des Nachts ins Feuer und fragen sich, wo der Jüngste abgeblieben ist. Beginn der Geschichte, die nacherzählt, rekonstruiert wird.
Franz (F) Martnet fährt zur Arbeit in der Stadt Höchst und erfährt von einem Lageraufstand und der Flucht von sieben Häftlingen aus Westhofen. Georg (G) Heisler, ein alter Freund von Franz, befindet sich mit Albert, Wallau, Füllgrabe, Beutler, Belloni, Aldinger und Pelzer auf der Flucht. Beutler wird sofort erwischt und zusammengeschlagen und dem Lagerkommandanten Fahrenberg (FB) übergeben. G entkommt durch ein Abwasserrohr, muss schnell über eine mit Scherben besetzte Mauer springen und verletzt sich die Hand schwer, stiehlt in einem Schuppen eine Manchesterjacke von einem Schüler namens Fritz Helwig, rettet sich in ein Dorf namens Buchenau. Pelzer wird im selben Dorf aufgegriffen. Georg bleibt unentdeckt. Sein Plan, zu seiner Ex-Freundin Leni, in die Nähe Frankfurts. F geht zu seinem Freund Hermann, der ebenfalls von der Flucht gehört hat, insbesondere von der Wallaus und der offensichtlich auf das Gelingen der Flucht hofft.
2. Kapitel (Montag/Dienstag): G übernachtet in einem Dom, seine Hand schwer verletzt. Herr Mettenheimer, der Vater von der Ehefrau von G, mit der G ein Kind hat, Elli (E), wird ob seines Schwiegersohnes befragt. G muss sich am nächsten Tag zum Arzt schleppen, der ihn nichts fragt, nur seine Hand verbindet. G bekommt die Jagd auf Belloni mit, der bei einer Fassadenkletterei abstürzt und kurz darauf im Krankenhaus stirbt. G tauscht die Jacke am Rheinufer ein, flieht zurück in die Stadt. F will E nach G fragen, aber er verpasst die Chance, radelt ihr hinterher. Er setzt sich in eine Konditorei und bekommt mit, wie E und ein gewisser Heinrich, mit dem E eine Verabredung hat, abgeführt werden. G sucht einen Platz zum Übernachten, findet einen Schuppen und bekommt ein Gespräch zwischen einem Liebespärchen mit, von denen der Mann auch Georg heißt.
3. Kapitel (Mittwoch): Wallau wollte sich in der Laube des Ehepaars Bachmann fliehen, Herr Bachmann hat ihn aber verraten und begeht danach Selbstmord. Wallau abgeführt nach Westhofen. Da jetzt nur noch drei Gefangene fehlen (Georg, Aldinger, Füllgrabe), wird die Flucht öffentlich bekanntgegeben. Mehrere geben bekannt, G gesehen zu haben. G trifft auf eine Schülerklasse, hilft dem parteitreuen Lehrer. Fritz Helwig will seine Jacke nicht wiedererkennen und verschafft G so Zeit. G wird von einem Fremden mitgenommen, gerät in Versuchung, den Fremden zu überfallen und das Auto zu entführen. Er widersteht der Versuchung, lässt sich in der Nähe von Höchst absetzen. E kehrt von Vernehmung zurück und erhält Kinotickets. G erreicht Lenis Wohnung, die will aber nichts von ihm wissen. Er verschwindet, versteckt sich in ein Winkel aus Taxushecken. Das Verhör von Wallau bleibt ergebnislos. G rettet sich in eine Wohnung, die ihn Belloni genannt hat, zu einer Frau Morelli, die ihn einkleidet und Geld gibt. F und E treffen sich im Kino und verabreden sich auf dem Markt, wo die Marnets Äpfel verkaufen werden. G besucht einen Bekannten, Boland, der aber mit SA-Leuten schäkert, ratlos sucht er Schutz bei einer Prostituierten, sagt, er benötigt nur einen Platz zum Schlafen, gerät aber in der Dämmerung in Panik.
4. Kapitel (Donnerstag): Im Dorf Buchenbach hat der Bürgermeister Wurz Angst vor Aldingers Rache, da er ihn unter Vortäuschung falscher Tatsachen verpfiffen hat. Frau Martelli wird befragt, kann sich aber herausreden. Kopfgeld wird ausgesetzt. G trifft Füllgrebe, der sich stellen will. G geht nicht darauf ein und entscheidet sich zu Paul Röder, seinen Jugendfreund, zu gehen. Als er ankommt, überkommt ihn ein schlechtes Gewissen, die Familienidylle zu stören. Er geht, aber da kommt ihm Paul entgegen, lädt ihn ein. Er lügt zuerst, fliegt auf, aber Paul bleibt solidarisch. F und E treffen sich bei Ellis Schwester wieder, die aber Elli fortschickt, auf direkten Befehl ihres SS-Gatten. Sie reden über G, aber wissen nicht, wie sie ihn helfen sollen. Hermann dagegen unternimmt selbständig Pläne, Ausweispapiere zu besorgen.
5. Kapitel (Freitag): Szenen in der Wohnung von Georgs Mutter, die überwacht wird. Paul geht zu zwei Adressen, um G zu helfen. Schenks selbst eingeliefert, weiter zu Sauer, der sich verleugnet und befürchtet, von G ausspioniert zu werden. Aldinger trabt als kichernder Kauz durchs Land, erreicht eine Anhöhe, von der aus er sein Dorf sieht und stirbt. Er wird gefunden und auf einer Bahre in sein Zuhause gebracht. Als letzte Chance bringt Paul G bei der Tante Katharina unter, wo er als Schlosser arbeiten kann. F besucht die Röders, aber Pauls Frau gibt vor, dass ihr Ehemann verreist sei. F fährt zu Hermann und berichtet ihn von dern Röders. Er gibt Hermann den wichtigen Hinweis, dass Paul bei Pokorny arbeitet und wie Paul aussieht. Paul und Liesel sprechen sich aus und ziehen an einem Strang.
6. Kapitel (Samstag): Neue Häftlinge aus dem Opel-Werk kommen im Lager Westhofen an, die gegen die Akkordsätze protestiert haben. E wird wieder verhört, kommt davon. Paul nun überzeugt bei der Sache, sucht Hilfe im Werk, entscheidet sich für Fiedler. Sauer sucht Hermann auf und berichtet von jemandem, der nach G gefragt hat, der auf die Beschreibung Pauls passt. Zillich, Assistent von FB, erschlägt Wallau und massakriert die anderen. Hölle bricht im Lager aus. FB sieht zu. E besucht ihren Vater auf Arbeit und trifft Schulz. Fiedler beschließt zu helfen, besorgt einen Fluchtwagen, gefahren von Doktor Kreß, der sich als solidarisch mit dem antifaschistischen Widerstand bekannt hat. Ehefrau Kreß freut sich, dass ihr Ehemann mutig ist. Frau Fiedler (Grete) besucht Frau Röder, um zu erfahren, ob die Aktion mit dem Fluchtwagen gelungen ist. Paul Röder wurde von der Gestapo zum Verhör abgeholt. Frau Röder ist verzweifelt, kann Frau Fiedler keine wirkliche Antwort auf ihre Frage geben.
7. Kapitel (Sonntag/Montag): Fiedler, in der Laube, beschließt Reinhardt zu kontaktieren, den er aus dem Pokorny-Werk kennt. Fiedler geht zu Reinhardt, als Reinhardt im Begriffe ist, zu Fiedler zu gehen, um ihm den Umschlag zu übergeben, den Hermann ihm gegeben hat. Der Plan lautet, dass Grete Fiedler den Umschlag zum Ehepaar Kreß bringt. Paul kommt mit Brötchen nach Hause, große Erleichterung. Schulz hält bei Ellis Vater um Ellis Hand an. Grete überbringt den Umschlag, an der Kasteier Brücke liegt das Schiff Wilhelmine. Paul bedankt sich bei seiner Tante und entschuldigt Gs Fehlen. Hermann und Else gehen zu den Marnets, Apfelkuchen essen. Dort trifft er F. F geht in die Stadt, trifft Lotte, die er aus der Jugend kennt, und nun Witwe ist. Sie finden zueinander. Fahrenberg wird abgelöst, Zillich auch. Ehepaar Kreß setzt ihn ab und gehen ins Wirtshaus, dankbar für die Erfahrung. G lernt Marie, eine Kellnerin kennen, und übernachtet bei ihr. Der neue Kommandant lässt die Platanen fällen. Es gibt etwas Unangreifbares in den Gefangenen von Westhofen.
Fluchtverlauf:
1. Zuerst ist er auf sich alleine gestellt und will nach Mainz zu Leni. Hermann hört von dem Fluchtversuch und mobilisiert bereits selbständig seine Kontakte, um Ausweise parat zu haben.
2. Leni lässt Georg abblitzen. Georg findet Unterschlupf bei Paul, der wiederum kontaktiert Fiedler, den er von der Arbeit in den Pokorny-Werken kennt.
3. Hermann hat nun den Ausweis und benötigt einen Mittelsmann, um diesen Georg zukommen zu lassen. Hier tritt Franz ins Spiel, der nämlich bei Röder war, dessen Frau sich verdächtigt gezeigt hat. Hermann beschließt, Reinhardt, der auch in den Pokorny-Werken arbeitet, den Ausweis zukommen zu lassen.
4. Fiedler beschließt zu helfen und lässt Georg zum Ehepaar Kreß schleusen, kennt Reinhardt noch als Genossen und beschließt zu ihm zu gehen, um Hilfe zu erbeten. Reinhardt hat bereits beschlossen Fieder aufzusuchen. Sie treffen sich. Reinhardt übergibt den Ausweis.
5. Frau Fiedler, Grete, übergibt die Papiere Georg, der noch bei den Kreß wohnt.
6. Das Ehepaar Kreß fährt Georg nach Mainz zur Kasteier Brücke, wo das Schiff Wilhelmine liegt. Die Kellnerin Marie gewährt Georg einen Unterschlupf für die letzte Nacht.
7. Am nächsten Morgen wird Georg außer Landes gebracht.
… christliche Symbolik: Zahl der Tage; das Kreuz an den Platanen; die Zahl der Flüchtlinge; Übernachtung/Zuflucht im Dom; Georg als Heiligenlegende. Georg gegen den Drachen (die Nazis), bekehrt die Welt zum Widerstand (Christentum). Name der Kellnerin, die Georg in der letzten Nacht rettet: Marie. Eindeutig eine Form der Aneignung des religiösen Duktus.
… unklare geschichtliche Lage, wenig Hintergrundinformationen über die Internationale, den Spanischen Bürgerkrieg, über die Komintern, die Probleme in der Sowjetunion, das Nachlassen der Hoffnung in der Arbeiterbewegung, die Zerstörung der Arbeiterbewegung durch den Nationalsozialismus, die Problematik: Trotzkismus gegen Stalinismus. Alles nur angedeutet. Auch die Kulaken-Problematik, die Stellung des Bauern in der kommunistischen Widerstandsbewegung.
… sehr spannende, mitreißende Hatz in der Nähe von Mainz/Worms/Frankfurt. Im Ticker wird die Flucht von Georg erzählt, eine traumatisch zersprengte, von Misstrauen erschütterte Gesellschaft, in der es auf einzelne ankommt, auf Glück, nicht erwischt zu werden, in die Fänge des autoritären Regimes zu geraten. Georg wird nicht durchweg, am Anfang, als positiver Held gezeichnet, hat viele Fehler, bspw. lässt er Elli mit Kind sitzen, spannt die Freundinnen seiner Freunde aus, ist unzuverlässig, beweist sich aber in der Treue zur kommunistischen Sache, als er bei den Verhören im KZ Westhofen niemanden verrät. Dieses zerstörte soziale System zeichnet der Roman beklemmend, naturalistisch nach, auch wie labil, wie gefährdet die Rettung verläuft, wie schief alles gehen kann, wie nahe alles am Scheitern, am Tod verläuft. Auf diese Weise entsteht eine Art Thriller.
… andere Romane, vergleichbare Thematik: „Menschenkind“ von Toni Morrison, in der es auch um eine Flucht geht; Ralph Ellison „Invisible man“, W.G. Sebald „Austerlitz“, aber auch mit Henri Charrières „Papillon“. In seiner Einflechtung, Einbettung, immens gerafft, verdichtetes, spannungsgeladenes Buch von Anna Seghers, leider mit mangelndem zeitgeschichtlichen Kontext, daher: –> 4 Sterne
Form: Auf Deutsch verfasst, aber auf Englisch als erstes publiziert, 1942. Die Sprache ist dezidiert verstörend angelegt, unklare Verknüpfungen, verworrene Beschreibungen, ein äußerst reduzierter Wortschatz (keine „Kategorien“ oder „Allgemeinbegriffe“), kaum Diskurswissen, aufs nackte Erzählen gegründet. Viele Verniedlichungen, viele ländliche Begriffe, sehr umgangssprachlich, sehr szenisch-dialoglastig. Nur wenig Metaphern, wenige poetische Bilder, wenig indirektes Beschreiben. Seghers erzählt mit hartem Griff auf die Sache, so hart, dass die Sache auch bricht, Risse erhält. Höchst gegenständlich. Schwierig, hakelig zu lesen. Ob bewusst oder nicht, auf Übersetzbarkeit angelegt oder nicht, sprachlich absolut eine Zumutung. –> 2 Sterne
Erzählstimme: Der Roman beginnt mit einem Chor, ein Ich, das aus der Wir-Perspektive der Gefangenen erzählt. Die Flucht dient als Gegenstand der Hoffnung, der Erlösung. Im Folgenden aber unterbricht der Chor nur selten, und die Szenerie wird über Perspektivwechsel multipersonal gebrochen erzählt, sowohl in Raum wie in der Zeit verdichtend, parallelgeführt, wenig kommentierend. Der Erzählinstanz stehen die Informationen (im Rückblick) spekulativ zur Verfügung, häufig aber wird die Situation durch die Brille einer der Figuren beschrieben, insofern mit Unwissen angereichert, selektiv, überzeugend, immersiv mit plötzliches Gleiten ins Präsens (bspw. Wallaus Verhör). Die Breite und klare Erzählweise erzeugt ein ungewöhnlich dichtes Zeitgeschichtsporträt. –> (5+2) Sterne
Komposition: Klare gestraffte Komposition. Eine ganze Gegend wird mit dem auktorialen Erzählen erfasst, traumatisiert-zersplittert, gleitende Episoden, ineinander geführte Reminiszenzen, Überlagerungen von Eindrücken, um eine Paranoia und Beklemmung hervorzurufen, die das Verfolgtwerden, die Atemlosigkeit spürbar werden lassen; die Erleichterung, wenn andere Georg helfen, die Entlastung, kurz in Sicherheit zu sein, die aber durch die erzählerische Anlage zerstört wird, dass die Gestapo sucht und in ihrem Suchen beschrieben wird. D.h. Durchbrechung der Szenen als Einbruch in die Welt der Figuren. Keine Figur ist sicher. Alle sind ständig bedroht. Hinzukommen, Retardierungen, Prolepsen, Raffungen, regionüberspannende Vorgänge, die zur Flucht von Georg unternehmen werden, indem die Gegenseite ausführlich berücksichtigt wird, Fahrenberg und Konsorten. D.h. alle Zwischenebenen tauchen auf, nicht nur Georg, nicht nur seine Helfer, auch die anderen, der Alltag, die Ängstlichen, die Wütenden, die Kollaborateure, die Häscher. Die Komposition der Multiperspektivik verdient Pluspunkte, ähnlich zu Dos Passos „Manhattantransfer“, daher –> (5+2) Sterne
Leseerlebnis: Sehr zwiespältiges Leseerlebnis für mich. Atmosphärisch bedrückend, dicht, spannungsgeladen, voller Interesse, aber sprachlich verstörend, schleppend, provozierend hässlich und hakelig, bis zur Unkenntlichkeit zerstörter Sprachgestus, der teilweise mich aus dem Text heraus geekelt hat. Teilweise so umständlich, so unklar, so voller Hilfsverben, Unbestimmtheiten, so unklare Bezüge, so schwafeliges Nicht-Benennen der Umstände, der Verhältnisse, diese Ängstlichkeit und gebrochene Symbolik, dass es ein Graus für mich gewesen ist – aber einmal diese Sprachebene akzeptiert, eine beeindruckendes Zeitgeschichtspanorama, sofern die Zeitgeschichte bekannt ist, denn im Text selbst wird nichts erklärt, und die einzelnen Figuren werden als solche auch schlecht motiviert
Lew Tolstoi: „Krieg und Frieden“

Vom Elend des Krieges, vom sozialen Wahnsinn, vom Auf und Ab und der Sinnsuche der Einzelnen im Großen und Ganzen.
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 5/5 Sterne (Elend und Wahnsinn des Sozialen)
Form: 5/5 Sterne (klassisch-paradigmatisch)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (auktorial-reflektiert)
Komposition: 5/5 Sterne (intensiv-apokalyptisch)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (Episches Geschichtsrauschen)
Tolstois Krieg und Frieden sollte ursprünglich „1805“ lauten und entstand in mindestens zwei Fassungen von 1863-69. Es beginnt mit folgendem Absatz:
»Nun, mein Fürst, Genua und Lucca sind doch nur noch Apanagegüter der Familie Buonaparte. Nein, ich warne Sie, wenn Sie mir nicht sagen, dass wir im Krieg sind, wenn Sie sich weiterhin erlauben, all die Infamien, die Grausamkeiten dieses Antichrist (mein Wort darauf, das glaube ich) zu beschönigen – dann kenne ich Sie nicht mehr, dann sind Sie nicht mehr mein Freund, nicht mehr mein getreuer Sklave, wie Sie sagen. Aber ich mache Ihnen ja Angst […]«
Der Beginn macht sofort klar: Es geht um die Koalitionskriege, um Napoleons Machtanspruch als Zankapfel, um die Einbettung der russischen Adelsgeschichte in die europäischen Adelskonflikte, um die Verbrechen, die die Kriege mit sich bringen und die sich Tolstoi vornimmt, in Krieg und Frieden nicht zu beschönigen. Sein Geschichtsansatz lässt sich als mikroskopisch-emergent bezeichnen, die einzige für ihn mögliche Weise, den Sinn und Unsinn des zwischenmenschlichen Geschehens zu begreifen:
Und folglich war nichts ausschließlich Ursache des Geschehens, vielmehr musste es ebendeshalb geschehen, weil es geschehen musste. Es mussten Millionen Menschen ihre menschlichen Gefühle und ihre Vernunft verleugnen und von West nach Ost ziehen, um ihresgleichen totzuschlagen, genauso wie einige Jahrhunderte zuvor Massen von Menschen von Ost nach West gezogen waren, um ihresgleichen zu töten.
Für Tolstoi erweist sich der Sinnanspruch nur im konkret einzeln handelnden Menschen, und so greift er sich zwei Familien heraus, die Bolkonskis und die Rostows, und lässt sie Höhen und Tiefen erleben, insbesondere Marja und Andrej auf Seiten der Bolkonskis und Natascha und Nikolai auf der der Rostows. In der paradigmatischen Auflösung von Land-, Alt-, Hoch- und Stadtadel bewirkt der Krieg ein Bäumchen-Wechsel-Spiel, das, nach allem Irren und Wirren, wieder in die ruhigen Gewässer des Normalen mündet, und so von alleine die Frage sich aufdrängt, der auch Nikolai sich ausgesetzt sieht, als er nach der Schlacht von Austerlitz plötzlich durch den Frieden von Tilsit russische und französische Soldaten gemeinsam zechen sieht:
Rostow stand lange an der Ecke und schaute von fern auf die Feiernden. In seinem Inneren vollzog sich eine qualvolle Arbeit, mit der er einfach nicht fertig wurde. In seiner Seele erhoben sich schreckliche Zweifel. Bald fiel ihm Denissow ein mit seinem veränderten Gesichtsausdruck, seiner plötzlichen Ergebenheit und überhaupt das ganze Hospital mit diesen abgerissenen Armen und Beinen, diesem Schmutz und diesen Krankheiten. Er stellte sich so lebhaft vor, er fühle jetzt diesen Krankenhausgeruch von totem Fleisch, dass er sich umsah, um zu sehen, von wo dieser Geruch kommen könnte. Bald dachte er an diesen selbstgefälligen Bonaparte mit seiner kleinen weißen Hand, der jetzt Kaiser war und den Kaiser Alexander liebte und verehrte. Wozu dann diese abgerissenen Arme, Beine, die getöteten Menschen?
In langanhaltender Wucht lässt Tolstoi die Geschehnisse des frühen 19. Jahrhunderts rundum St. Petersburg, Smolensk und Moskau über sein Publikum hinwegrollen, reflektiert, kommentiert, epochalisiert mit wildem Pinsel und manchmal mit ziselierendem Skalpell die Eitelkeiten, Visionen und Wünsche und Hoffnungen, ohne je an Rundheit und Komplexität einzubüßen. Mit anderen Worten, ein Buch, das in seiner Erzählweise an George Eliots Middlemarch heranreicht, mit Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften über den Zusammenbruch von Welten räsoniert und dabei ganz und gar einer Die Ästhetik des Widerstands gemäß entfaltend und kommunikativ-öffnend verbleibt.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: ● Plotübersicht:
Situation vor dem Krieg: Der Stadtadel repräsentiert durch die Familie Kuragin und dessen Familienoberhaupt Fürst Wassili, versucht die eigenen Kinder strategisch günstig zu verheiraten: Helene an den Erben des einflussreichen Kirill Wladimirowitsch Besuchow, Pierre, und den Sohn Anatol an die Tochter des ebenfalls sehr angesehenen Fürst Nikolai Bolkonski, Marja. Desgleichen versuchen Kleinadel und bürgerliche Nebenlinien, sich mit dem Landadel zu verheiraten, der von der Familie Rostow repräsentiert wird. Hier versucht die verarmte Anna Michailowna Drubezkaja ihren Sohn Boris einerseits mit den Besuchows, andererseits mit der jüngsten Tochter der Rostows zu verbandeln, Natascha, derweil die entfernte mittellose Verwandte Sonja Alexandrowna sich Hoffnungen auf Nikolai macht.
Resultat des Krieges: Dieser Krieg gegen Napoleon bringt nun alles durcheinander. Andrej Bolkonski und Anatol Kuragin sterben. Pierre traumatisiert von den Kriegserlebnissen, findet keine Kraft, seine Ehe mit der frankophilen Helene Kuragin fortzusetzen, die sich umbringt. Somit hat sich die Familie Kuragin aufgelöst, und die Familie Rostow hat das Wenige, das sie noch besessen hat, durch den Krieg und die Mitgift für Vera verloren und wird unattraktiv für den Kleinadel sowie unfähig, die Ehe mit der mittel- und mitgiftlosen Sonja zu erlauben. Sofern nehmen die Rostows die Rolle der Kuragins ein, indem Nikolai Marja Bolkonski heiratet und Natascha Pierre, also jeweils Anatol und Helene ersetzen. Das stabile Moment bleiben also die Familien Bolkonski und Besuchow, der konservative Altadel. Der Krieg kostet Sonja und Platon Karatejew das Leben, also dem einfachen Volk.
● Hauptfiguren:
Andrej Bolkonskij (AB) Sohn von Nikolai Andrejewitsch Bolkonskij, der auf dem Gut Lysyje-Gory lebt, verheiratet mit Lise, die zu Beginn des Romans schwanger ist. Andrej ist unzufrieden mit seinem Zivilleben und meldet sich freiwillig zum Krieg, vor allem seine Ehe nervt ihn, Lise bittet ihn zu bleiben. Andrej ist beim General Michail Ilarionowitsch Kutusow Adjuntant, möchte sich im Krieg auszeichnen. — Im Krieg, bei Kutusow, vital, tatendränglerisch gegen Napoleon. Nach erfolgreichem Gefecht an der Enns wird AB nach Brünn, zum Habsburger Hof geschickt, um Bericht zu erstatten, mit enttäuschendem Ausgang. Bilbin rät ihn, nicht zurück an die Front zu kehren, aber AB eilt zu seinem Regiment, als er hört, dass Napoleons Truppen die Donau durch eine List überquert haben. Kämpft mit Bagration gegen Napoleons Truppen am Dorf Schöngrabern, um Kutosow Zeit zu verschaffen. AB spricht sich für Tuschin vor Bagration aus, wird schwerverletzt in der Schlacht bei Austerlitz (20.11.1805) und gerät in Gefangenschaft, ein leerer Himmel über ihn. – Im Kriege vermisst. Seine Frau liegt in den Wehen, AB erreicht das Haus kurz vor Lisas Tod, die bei der Geburt des Sohnes Nikolai (Name des Großvaters) stirbt. — Baut sich ein eigenes Anwesen auf, Bogutscharowo, ihn plagen die letzten Worte Lisas, schwere Schuldgefühle, bleich, lebensunlustig. Marja und er kümmern sich um den Sohn. Brief von Bilibin über die Intrigen in der Armee. Hört P zu, und will die Freimaurer-Religion glauben, dass nicht alles vergebens, Lisa noch existiert, will aber nicht mehr für die anderen Leben. Wehrt sich gegen die Gleichsetzung der Menschen, der Denker ist kein Arbeiter und der Arbeiter kein Denker, dennoch von Ps unerschütterlichen Glauben gerührt. AB will nicht zurück in die Armee, dient seinem Vater beim Militärdienst im Landesinneren. – Kümmert sich um Landreformen, kaum Lebensmut, studiert, trifft bei einem Besuch der Rostows die fröhlich-lebenslustige Natascha. Erste Anzeichen von Verliebtheit. AB entschließt sich, wirken zu wollen, wird unter Speranski Abteilungsleiter in der Gesetzgebungskommission. Großer Ball, Natascha als Debütantin, AB fordert sie zum Tanz auf. Hört ihr beim Klavierspielen zu. Überglücklich. Hält um die Hand von Natascha an, fragt seinen Vater, der ausrastet und ein Jahr Bedenkzeit fordert, bevor sie heiraten. Bittet PB, sich um Natascha zu kümmern. – Nach Rückkehr nicht mehr wirklich an Natascha interessiert, insbesondere nach dem er von ihrer Verliebtheit in Anatol gehört hat. – AB wütend auf Anatol, lässt sich militärisch in seine Nähe versetzen (Türkei), um ein Duell herbeizuführen. Streit mit Vater, geht mehr und mehr der höfischen Gesellschaft verloren. Vater wird dement. Pflegefall für Marja. AB kehrt zurück nach Lyssyje Gorje. Alles zerstört. AB bewundert Impulskontrolle von Kutusow. Hält PB eine traurige Rede vor der Schlacht von Borodino. Wird am nächsten Tag von einer Granate getroffen. Trifft Anatol im Lazarett, der dort sein Bein verliert. AB wird abtransportiert und trifft die Familie Rostow. Natascha pflegt ihn. Er ist schwer verwundet. – Andrej erholt sich nicht mehr. Todesmilde, und schließlich der Tod als Erwachen.
Boris Drubezkoi (BD) Taufpate von Fürst Besuchow, Sohn von der verarmten Anna Michailowna Drubezkaja, die für ihn ein gutes Wort einlegt, dass er eine gute Position im Militär erhält, zur Garde kommt. Wassily hilft ihr, aber zur Garde von Kutusow kommt er nicht, sondern zur der von Ismailowitsch. Natascha Rostow vernarrt in ihn. — Sucht Nähe von AB, um sich hochzuarbeiten. AB hilft ihm, aber es gelingt noch nicht. BD lernt Dulgoruwko kennen, in Ölmütz, wo die Truppen vor der Schlacht von Austerlitz lagern. — Mittlerweile sehr gut in der Praxis der ungeschriebenen Subordination, im direkten Umfeld des Kaisers, sehr zufrieden mit sich. Helene wirft ein Blick auf ihn, wird ihr Intimus. Scheint ein Karrierist zu werden und zu bleiben. Desinteressiert, aber nicht unfreundlich. – Wird bei den Freimaurern aufgenommen, hat engen Kontakt zu Helene. Muss sich Natascha aus dem Kopf schlagen. – Heiratet Julie Karagina, nachdem Anatol ihr den Hof gemacht und Boris provoziert hat. – In höchsten Militärkreisen präsent, hört, dass Napoleon den Fluss Njemen (Memel) überschritten hat. Trifft PB bei der Schlacht von Borodino.
Pierre Besuchow (PB) von Graf Besuchow als legitimer Sohn zum Alleinerben bestimmt, nun Pjotr Kirillowitsch Besuchow, lungert zuerst herum, Streich mit dem Bären, nun beste Partie, reich, in Petersburg. Charakterlos und unbeständig gegen sich selbst (zum Beispiel als er Andrej verspricht, nicht zum Zechen zu Anatol Kuragin zu fahren). — Ein gemachter Mann, wird mit Helene Kuragin verkuppelt, unfähig, ihr einen Heiratsantrag zu machen, nimmt das der Vater von Anatol und ihr an ihrem Namenstag selbst in die Hand. — Nun verheiratet mit Helene, aber Gerüchte um Dolochow und sie. P fordert Dolochow zum Duell, verletzt ihn und hat selbst Glück, aber hat dem Tod in die Augen gesehen. P trennt sich von H. — Zweifelt an sich und der Welt, beschäftigt sich mit dem Tod, trifft einen Freimaurer namens Basdejew, durchläuft den Initiationsritus, will nun der Welt helfen, sich für die Welt, die Mitmenschen einsetzen. Vergisst aber die siebte Tugend: Bescheidenheit. Versöhnungsversuch durch Helenes Vater scheitert (1806). P in der Achtung gefallen. P zieht aufs Land, besichtigt seine Güter, will, dass dort alles für die Bauern eingerichtet wird. Verwalter betrügt ihn. Besucht AB, teilt ihm seinen neuen Glauben an die Freimaurer mit, dass alles mit allem zusammenhängt und nichts verschwindet. – Unzufrieden mit der Untätigkeit der Freimaurer, reist ins Ausland, kommt mit Ideen der Illuminaten zurück, aber seine Reformversuche finden keinen Anklang. Er versöhnt sich mit Helene, obwohl er sie für oberflächlich hält. – Fühlt sich wohl in Moskau, verlottert. PB schreitet in Sachen Anatol ein und veranlasst, dass dieser Moskau verlässt und Natascha in Ruhe lässt. Halleyscher Komet über Moskau (1812). PB zufrieden und im Reinen mit sich. – Verliebt sich in Natascha. Verfällt der Zahlenmystik. Flieht aus Moskau, will eine Schlacht sehen, trifft Boris, trifft Andrej bei der Schlacht von Borodino. Nimmt Krieg als Panorama wahr. Kriegsgetümmel. PB irritiert die Soldaten. Helene konvertiert zum katholischen Glauben und bittet PB um Scheidung, der antwortet nicht, worauf sie Selbstmord begeht. Traumatisiert vom Krieg, kehrt am 30.08.1812 zurück. Erfährt von Anatol Kuragins Tod. PB bleibt in Moskau, hat vor, Napoleon zu töten. Irrt durchs brennende Moskau, rettet ein Mädchen und gelangt in französische Gefangenschaft. – Bleibt in Gefangenschaft wegen Brandstifterei. Muss Exekutionen miterleben. Traumatisiert. Trifft Bauern Platon Karatejew. Vier Wochen Gefangenschaft in einem Schuppen. Findet innere Mitte, auch dank Platons. PB wird von russischen Truppen befreit, die einen Partisankrieg durchführen. Beim Angriff stirbt Petja Rostow. PB erinnert sich, wie Platon wegen seiner Krankheit von einem französischen Soldaten einfach erschossen wurde. Gesundet trotz ärztlicher Hilfe. Helene hat Dreiviertel seines Besitzes verbraucht. Findet zum Gottglauben zurück. Trifft Natascha wieder und entbrennt in Liebe. Sie heiraten 1813. Pierre bleibt aktiv, in klassischer Ehe, und überlegt den Zaren, wegen dessen Mystizismus, mittels eines Geheimbundes zu stürzen.
Nikolai Rostow (NR) befreundet mit Boris, will auch in den Krieg, Liebesgeplänkel mit Sonja, Ziehtochter im Hause Kuragin. Er beginnt als Junker. — Im Husarenregiment, erwischt Teljanin beim Diebstahl, gibt ihm großzügig sein eigenes Geld, gerät in ein Feuergefecht, auf der Brücke an der Enns (23.10.1805). Im Feuergefecht gegen die aufrückenden Armee Napoleons, in Schöngrabern verletzt, flieht in den Wald, zetert, schmerzverzerrt. — Schreibt seiner Familie, die ihm Geld zurückschickt. Unterhält sich mit BD und AB stößt zu ihnen. NR streitet sich mit AB. Durch den Besuch des Kaisers Alexander alles vergessen. NR will aber kein Schreiben zu seinen Gunsten verwenden. — Rückkehr zur Familie, unersättlich nach Aufmerksamkeit, will von Sonja (nur eine von vielen) nichts mehr wissen. Dolochow findet nach Duell Aufnahme bei den Rostows, verliebt sich in Sonja. Auf dem Ball von Iogel macht Dolochow ihr, die noch immer NR liebt, einen Heiratsantrag, den sie ablehnt. Sie hofft auf NRs freiwillige Rückkehr zu ihr. Dolochow rächt sich, indem er NR beim Kartenspiel ausnimmt wie eine Weihnachtsgans (43 000 Rubel), ruiniert die Familie. NR fühlt sich umso mehr Sonja unwürdig. Denissow macht Natascha, die viel zu jung ist, einen Heiratsantrag, der abgewiesen wird. Rückkehr in die Armee, mit Denissow, von Liebe und Schuld beide zermartert. — Zufrieden bei der Armee, nur dienen, nicht denken. Denissow raubt Rationen des Infanterieregiments, schlägt sich mit Teljanin, wird verklagt, verletzt sich. NR sucht ihm nach dem Frieden von Friedland im Krankenhaus auf, bekommt ein Gnadengesuch, dass NR zum Zaren bringen soll, wo sich auch BD aufhält, der aber nicht helfen will oder kann, in Tilsit. NR kann das Brimborium kaum ertragen. Nun vertragen sich die franz. und russischen Truppen, warum also das ganze Leid. Dennoch hat der Zar wieder zutiefst Eindruck auf ihn gemacht. – NR muss nach Moskau, Familie kurz vor dem Ruin, geht dennoch auf Wolfsjagd, um sich abzulenken. Wettbewerb zwischen den Hunden Milka, Jorsa, Rugai. Übernachtet beim Onkel. NR soll Julia Karagina, die reich geerbt hat, heiraten. Verliebt sich aber während eines weihnachtlichen Maskenballs erneut in Sonja. Muss aber zuvor zurück ins Regiment. – Zum Rittmeister befördert. Sommer 1812, Pawlowgrader im Gefecht, zeichnet sich aus, wird mit dem Georgskreuz belohnt, hat aber den verwundeten Soldat vor Augen, der um Gnade gewinselt hatte. NR will Korn requirieren und gelangt, ohne es zu wissen, auf Bolkonskijs Anwesen. Rettet Marja aus der Not, verguckt sich in sie. – NR hin und her gerissen zwischen Sonja und Marja, wird von Sonja freigegeben. NR verschuldet durch das väterliche Erbe, arbeitet sich wieder hoch. Begegnet Marja kalt, weil er arm ist. Kümmert sich um Sonja und seine Mutter. Als er sich wieder hochgearbeitet hat, heiraten Marja und er. 1820 kauft er väterliche Besitztümer zurück. Wird Landwirt.
… viele militärhistorischen Exkurse und geschichtsphilosophische Reflexionen, die im wesentlichen auf einen kybernetischen, emergenten Verlauf hinaus wollen, dezentral, multiperspektivisch, niemals unilateral, und schon gar nicht von einzelnen Persönlichkeiten abhängig. Ein Chaos, das sich im Nachhinein als sinnbildend ergibt.
.. auf seine Weise also vergleichbar mit Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“, nur dass Tolstoi das für die russische Geschichte unternimmt, was Musil für den Untergang des K.u.K.-Reiches versucht, aber ohne wirkliche Bezugnahme auf historische folgenreiche Ereignisse, oder aber Georg Eliots „Middlemarch“.
… besonders gelungen, das antiklimaktische Ende mit den historischen Reflexionen.
–> 5 Sterne
Form: Klassischer, epischer Stil mit tragenden, langen Sätzen, Konvoluten an Wörtern, an Begebenheiten, weit ausgedehnte Digressionen, Parataxen, Synekdochen, immer wieder abwechslungsreiche Szenen, narrative Verdichtungen, Raffungen und zugleich direkte, erlebte, indirekte Rede, um rhythmisch und melodisch am Ball zu bleiben.
–> 5. Sterne
Erzählstimme: Reflektiert auktorial erzählt, daher unsituiert, jedoch lokalisierbar als im Rückblick und kommentierend. Die Stärke des Buches, da hier wirklich das tragende Element des auktorialen Erzählens betont wird: die inhaltliche Angreifbarkeit durch das historische Material. Der Erzähl, obzwar allwissend, exponiert sich durch die Reflexionen und die Sachverständnisse. Hier existiert Recherche, die nicht magisch-mystifizierend beliebig wirkt wie bei einem Kehlmann, der so schreibt, dass alles Erfindung sein könnte. Tolstoi bezieht sich auf klare Ereignisse und Zusammenhänge und eröffnet so die Diskussion, und zwar in Bezug auf einen Gegenstand, der durch seine Breite und folgenreiche Weite wie ein Krieg aus vielen Blickwinkel betrachtet zu werden verdient. Inhalt und Gegenstand entsprechen sich völlig in der Erzählstimme und Erzählweise.
–> 5 Sterne
Komposition: Abwechslungsreiches, episodisches Erzählen, ohne Lückenfüller. Alles dicht, verwoben, miteinander in schillernder Übereinkunft. Besonders beeindruckend das langsame Vorrücken der napoleonischen Truppen in das Moskau, das vorher so geschildert wurde, mit Leben, mit so vielen Figuren bestückt, bis es dann in Brand aufgeht, verlassen wird. Eine seltsame Nekropole ergibt sich. Pierre, verwirrt, durch Moskau taumelnd. Viele intensiv aufeinander aufbauende Szenen wie die Situation, in der Nikolai Geld verspielt, die Familie ruiniert; oder wie Pierre dazu verleitet wird, Helene zu heiraten.
–> 5 Sterne
Leseerlebnis: Durchweg große Wonne, viel Freude, viele Denkanstöße, Schockmomente, episch-breites Lesen. Fast nur runde, einfallsreiche Figuren, viele Drehungen und Wendungen, Überraschungen. Ein sehr buntes, vielschichtiges, chaotisches Bild.
–> 5 Sterne
Astrid Lindgren: „Die Brüder Löwenherz“

Kindliche Traumaverarbeitung durch die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod.
Inhalt: 4/5 Sterne (Kampf gegen den Tod)
Form: –/5 Sterne (Kinderbuch)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (situiertes, reflektiertes Ich)
Komposition: 5/5 Sterne (Traumaverarbeitung)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (schmerzhaft)
Die Brüder Löwenherz gehört mit Ronja Räubertochter und Pippi Langstrumpf und Kalle Blomquist zu den bekanntesten Werken von Astrid Lindgren. Das Kindermärchen dunkel, bisweilen sogar brutal, schmerzhaft sein können, lässt sich hinlänglich an Vertretern wie den Gebrüdern Grimm oder Hans Christian Andersen aufmerken. Bei Lindgren herrscht auch ein dunkler, aber dennoch versöhnlicher Ton:
Ein paarmal in meinem Leben bin ich so froh gewesen, daß ich vor Freude nicht aus noch ein wußte. Einmal, als ich klein war und Jonathan mir zu Weihnachten einen Rodelschlitten geschenkt hatte, für den er lange hatte sparen müssen. Und dann, als ich nach Nangijala kam und Jonathan unten am Fluß entdeckte. Und dann noch an jenem ersten unvergeßlichen Abend auf dem Reiterhof, als ich vor Freude ganz närrisch war. Aber nichts, nichts kommt dem gleich, als ich Jonathan bei Matthias auf dem Fußboden fand, oh, daß man sich so freuen kann! So, daß einem das Herz im Leibe lacht, oder wo man sich sonst freut. Ich rührte Jonathan nicht an. Ich weckte ihn nicht. Ich stieß kein Jubelgeschrei aus oder tat sonstwas. Ich legte mich nur ganz still neben ihn und schlief ein.
Die Geschichte von den Brüdern Löwenherz lässt sich kaum ohne Spoiler andeuten. Zumindest im ersten Kapitel wird klar, dass in der realen Welt, in der das Buch hauptsächlich nicht spielt, der neunjährige Karl seinen dreizehnjährigen Bruder Jonathan verliert, als dieser ihn aus einem brennenden Haus rettet. Bald darauf schwinden auch die Kräfte des lungenkranken Karls, und er träumt sich eine Welt namens Nangijala zusammen.
Dann geschah es. Etwas seltsameres habe ich nie erlebt. Ganz plötzlich stand ich einfach vor der Gartenpforte und las auf dem grünen Schild: Die Brüder Löwenherz. Wie kam ich dorthin? Wann flog ich? Wie konnte ich den Weg finden, ohne jemanden danach zu fragen? Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ich plötzlich dort stand und das Namensschild an der Gartenpforte sah.
Die Welt vermittelt durchaus plausibel die Ängste, Freuden und Wünsche eines kleinen Jungen und verarbeitet allegorisch-parallelisierend die Ereignisse in der realen Erzählwelt. Für alle Figuren im Realen gibt es Figuren in der Märchenwelt. Die Transponierung der Angst und des Mutes gelingt. Alle Gefühle erhalten Repräsentanten und eine Traumlogik schiebt sich zwischen die Ereignisse und plausibilisiert alle abrupten Kehrtwendungen.
Die Ich-Erzählstimme bleibt durchweg rührend, freundlich, kindlich und so außerordentlich, bis fast zur Schmerzgrenze plausibel und glaubwürdig. Sie klingt fast durch die Worte hindurch, zumal sie als Stimme aus dem Nichts erscheint, aus dem finsteren, einsamen Bettzimmer, in welchem Karl am Anfang weilt.
Ich war allein zu Hause und lag da und weinte und war so ängstlich und so unglücklich und krank und elend, wie es sich gar nicht sagen läßt. Das Küchenfenster stand offen, denn jetzt im Frühling sind die Abende warm und schön. […] Ich lag nur still da und hörte die Taube gurren, und durch dieses Gurren oder in diesem Gurren, oder wie ich es sagen soll, hörte ich Jonathans Stimme. Auch wenn sie anders klang als sonst. Es war wie ein Gewisper in der ganzen Küche. Das hörte sich fast wie eine Spukgeschichte an, und man hätte sich fürchten können, aber das tat ich nicht.
Sehr schwer, herausfordernd empathisch, ergreifend.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
● Protagonisten: Karl „Krümel“ Löwe, 9 Jahre alt; Karls Bruder Jonathan, 13 Jahre alt.
● Inhaltsangabe/Zusammenfassung (lang):
1. Kapitel: Karl (K), in bescheidenen, armen Verhältnissen, erfährt, dass er sterben muss. Jonathan (J) tröstet ihn mit der Aussicht, nach dem Tod in Nangijala aufzuwachen, und verspricht, dass sie dort wieder zusammen sind.
2. Kapitel: Karl berichtet, wie Jonathan gestorben ist, als er ihn aus dem brennenden Haus rettete und mit ihm auf den Arm aus dem zweiten Stock gesprungen ist. Seine letzten Worte sind: „Wir sehen uns in Nangijala wieder.“ Eine Taube landet auf Karls Fensterbrett. Er hört die Stimme Jonathans, dass er ihn in Nangijala erwartet. Karl schreibt eine Abschiednotiz an seine Mutter. »Weine nicht, Mama! Wir sehen uns wieder in Nangijala!«
3. Kapitel: Karl erwacht in Nangijala, trifft dort auf J. Sie leben im Kirschtal. J bringt ihn nach Hause, auf einem Reiterhof. J zeigt ihnen ihre Pferde, Grim für J, und Fjalar für K. Sie ruhen sich im Haus aus.
4. Kapitel: Sie reiten aus, treffen Sophia (S), die die beiden mit Nahrung versorgt, und reiten zum Wirtshaus Goldener Hahn, wo sie Hubert (H) und den Wirt Jossi (J) kennenlernen. H ist eifersüchtig auf die Aufmerksamkeit, die S erhält, die zudem Taubenkönigin genannt wird, weil sie Brieftauben hat und Nachrichten erhält.
5. Kapitel: S erhält eine Nachricht. Ein gewisser Orwar sei gefangen genommen worden, und zwar im benachbarten Heckenrosental, das von durch die wilden Berge vom Kirschtal getrennt wird und von einem grausamen Herrscher namens Tengil beherrscht, der aus Karmanjaka stammt, in den Uralten Bergen hinter dem Fluß der Uralten Flüsse. Er hat die Bevölkerung versklavt, vor allem mit Katla (ein Drachenweibchen). Orwar, S und J kämpfen gegen Tengil. Auf dem Nachhauseweg begegnen sie H, der neugierig ist. S und J glauben, dass ein Verräter unter ihnen weilt. K wacht mitten in der Nacht auf und sieht einen Schatten wegrennen.
6. Kapitel: J bricht auf, um Orwar zu helfen. Er tröstet K damit, dass, sollte ihm etwas zustoßen, sie sich in Nangilima wiedersehen. J reitet davon. K bleibt zurück, allein, langweilt sich, hat Angst, geht ins Wirtshaus und lässt sich dort von J trösten. K beschließt, J nachzureiten, zuvor besucht ihn H, der ihm eine Hammelkeule gibt. K verdächtigt H, der Verräter zu sein und hinterlässt S Nachrichten an der Wand.
7. Kapitel: K reitet los, rastet, Wölfe bedrohen ihn, H hilft. K macht ihm dennoch Vorwürfe, H geht schnaubend davon. K reitet in die wilden Berge, findet eine Höhle, ruht sich aus, bis Soldaten von Tengil kommen. Er belauscht sie. Sie warten auf den Boten aus dem Kirschtal. Es ist der Wirt J.
8. Kapitel: K schafft es, dass die Soldaten losziehen, ohne ihn zu bemerken. Doch einer der Soldaten hat seinen Feuerstein vergessen, und als dieser zurückkommt, nimmt er K gefangen, der behauptet aus dem Heckenrosental zu stammen, wo sein Großvater auf ihn wartet. Die Soldaten bringen ihn zurück. Er gibt vor den Weg zu wissen und wirft sich einem alten Mann an den Hals, der glücklicherweise das Spiel mitspielt. Die Soldaten ziehen zufrieden, nach Ermahnung des alten Herren, ab. Der alte Herr heißt Matthias und beherbergt in einer geheimen Kammer J. Die Brüder sehen sich wieder.
9. Kapitel: Am nächsten Tag kommen die Soldaten, Veder und Kader, wieder, besuchen K und Matthias. K gibt vor, sich auf den Besuch Tengils zu freuen. Später erzählt J, wie Matthias (M) ihn gerettet hat. Die Soldaten kommen und fahnden nach J, der versteckt werden muss. J buddelt einen geheimen Gang, M bringt die Erde weg. Eine Wache, Dodik, überrascht die drei, aber M kommt noch rechtzeitig nach Hause, sodass Js Grabung nicht auffliegt.
10. Kapitel: Tengil zu Besuch, sucht Männer aus, die er versklavt, zudem gibt er offiziell eine Belohnung für die Gefangennahme von J bekannt. J stiehlt Helm und Umhang. In drei Tagen wird der Tunnel fertig sein.
11. Kapitel: Es gibt eine Hausdurchsuchung und Fjalar wird beschlagnahmt und soll später abgeholt werden. K sagt J die Losung. J verlässt das Heckenrosental durch den unterirdischen Gang, zieht seinen Mantel und den Helm an, kommt ins Dorf durch die Mauer und nimmt die beiden Pferde. Als die Wachen kommen, Fjalar abzuholen, ist es nicht mehr. K verlässt das Dorf ebenfalls durch den Gang, und draußen vor der Mauer treffen sich die Brüder wieder.
12. Kapitel: Sie reiten Richtung Katla-Höhle, helfen dem Tengil-Soldaten Park, als dieser zu ertrinken droht. Sie machen ein Lagerfeuer. K wacht voller Schrecken in der Nacht auf und sieht die furchterregende Katla.
13. Kapitel: Oben an der Höhle, erinnern sie sich an die Sage um Katla, die ihrer Höhle entkommen ist. Es muss also noch einen weiteren Eingang geben. Die Brüder finden ihn und befreien Orwar.
14. Kapitel: Sie flüchten vor den Soldaten. K lässt sich von J abwerfen, da sie sonst zu langsam sind. K bleibt zurück und trifft Hubert, Sophia und Jossi. K enttarnt Jossi durch das Brandmal auf der Brust. Jossi muss fliehen, mit einem Ruderboot und stürzt den Karmafall hinunter.
15. Kapitel: Nun, wieder im Heckenrosental mit Orwan beginnt der Aufstand. Krieg mit Tengil bricht aus. Matthias und Hubert sterben. Katlas Feueratem ist tödlich. J erbeutet das Horn, mit welchem Katla kontrolliert wird und lässt Katla den Feueratem auf Tengil richten. Sie müssen nun Katla wieder in die Höhle locken. Sie locken sie nach Karmanjanka, aber Jonathan verliert das Horn und Katla richtet sich gegen sie.
16. Kapitel: In letzter Sekunde hilft ihnen der Lindwurm Karm. Katla und er stürzen in die Tiefe. Leider hat Katlas Atem sowohl die Pferde wie J tödlich verletzt. Um gemeinsam nach Nangilima zu reisen, springt K mit J auf der Schulter in den Abgrund.
… sehr spannend, mitreißend, mit interessanten Wendungen. Leider ein paar Mal ein deus ex machina (der Lindwurm Karm, bspw), und auch das Horn, das Katla kontrolliert, und auch die Mauer, die so schnell in die Höhe gezogen wurde, dass nur wenige Tage später sie unüberwindlich ist. Auch deus ex machina Matthias, sehr viele Zufälle, aber es handelt sich ja, und hier ist es konsequent, um einen kindlichen Traum, der weitergehen muss, und deshalb gibt es diese Wendungen, die in der großen Zahl nun als poetologisches Mittel angesehen werden können. Es geschieht einfach in der Sagenwelt. So ist es.
… inhaltlich klar: der kleine Karl liegt im Sterben und lässt noch einmal die letzten Wochen Revue passieren. Katla ist das Feuer, das im Haus ausgebrochen ist, Tengil ist die Krankheit, die Karl befallen hat; und der Lindwurm Kram ist Jonathan, den dieser hat Karl aus dem Feuer gerettet und fiel in die Tiefe. Die Erinnerung an Jonathan blieb zurück. Sophia ist die Mutter. Und Matthias der Vater, der abwesend gewesen ist. Das Kind verabschiedet sich von der Welt, nimmt die Erinnerungen an seinen Bruder mit und hofft auf ein Weiterleben in Nangilima, seine Erfindung, nachdem er die seines Bruders durchdrungen und überwunden hat. Karl stirbt offenkundig.
… sehr trauriges, mitreißendes Buch über den Tod, die Freude am Leben, die Tragik zu sterben. Erzählerisch spannend und ohne Längen. –> 4 Sterne
Form: In Kinderbuchsprache, flüssig, problemlos mit Freude an Phantasieworten, aber stilistisch, ästhetisch lediglich funktional. Keine Wertung: Zielpublikum-Sprache.
Erzählstimme: Reflektierte, situierte Ich-Erzählstimme, ein Kind, das in seiner letzten Lebensnacht im Sterben das Leben mit seinem Bruder in eine Sagenwelt transponiert. Stimmig, gefühlvoll, sentimental, sehr kindlich. –> 5 Sterne
Komposition: Handlung wie Erzählstimme gehen eine gelungene Einheit ein. In seiner Raffung, in den Drehungen und Wendungen überzeugend, etwas zu schnell abgehandelt, die plötzliche Rettung durch den Lindwurm, passt aber zur plötzlichen Rettung durch den Bruder im brennenden Haus. Parallelisierung überzeugend. –> 5 Sterne
Leseerlebnis: Sehr trauriges, sentimentalisierendes Buch, mit schwerem Ton, bedrückend, im Gegenzug eben die Freude am Leben, die Freude, einen Bruder zu haben, der Stolz auf diesen, der Schmerz, ihn verloren zu haben, sehr einsam, verlassen, im Schmerz, so dass die Märchenwelt tröstend, aber auch unheimlich, eben wie eine Spukgeschichte wirkt. Zum Tod überleitend. Ich habe es mit Grauen, mit Schrecken, aber auch irgendwie gerne gelesen. –> 4 Sterne
Christopher Priest: „Der weiße Raum“

Neurotisches Puzzle über einen langweiligen Menschen.
Inhalt: 1/5 Sterne (Jammerlappen-Story)
Form: 2/5 Sterne (unauffällige Sprache)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (konsequent, aber unzuverlässig)
Komposition: 1/5 Sterne (neurotisches Puzzle)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (guter kurzer Anfang, schlimmes Ende)
Anlässlich von Wolf Hass‘ Wackelkontakt hat mich die Recherche auf einen Science-Fiction-Klassiker namens Der weiße Raum, im Original: The Affirmation , von Christopher Priest gebracht. Wie in Wackelkontakt liest eine Figur über sich selbst und eine Realitätsspaltung findet statt. Im Gegensatz aber zu Wackelkontakt streut Priest noch wagemutige Spekulationen ein, die sogenannte Athanasie:
Die Lotterie war etwas, das für andere Leute existierte. Ich war die falsche Person für diesen Gewinn, er war nicht für mich. Die Collago-Lotterie vergab die Athanasiebehandlung als ihren Hauptgewinn: echte Unsterblichkeit, medizinisch garantiert. […] Früher hatte ich bisweilen die ironische Bemerkung gemacht, daß, wenn ewiges Leben eineinhalb Jahrhunderte Beschäftigung mit Kreuzworträtseln bedeutete, ich es zufrieden sei, an natürlichen Ursachen zu sterben.
Peter Sinclair, zu Beginn von Der weiße Raum 29 Jahre alt, im Jahr 1976. Er verliert so ziemlich alles auf einen Schlag, seinen Vater, der stirbt, seinen Job wegen der Rezession, seine Wohnung wegen eines Eigentümerwechsels und dann noch die Beziehung mit Gracia, die er eigentlich über alles liebt. All dies zusammen bringt ihn an die Grenze des Belastbaren und darüber hinaus. Er muss sich und sein ganzes Leben in Frage stellen. Er beginnt, abgeschieden im Landhaus eines Freundes von der Familie, zu schreiben:
Während mein Manuskript an Umfang zunahm, trat ich in ein Stadium geistiger Ausbeutung ein. Ich schlief nachts nur noch fünf oder sechs Stunden, und wenn ich erwachte, führte mich mein erster Weg an den Arbeitstisch, wo ich überlas, was ich am Tag zuvor geschrieben hatte. Ich ordnete alles dem Schreiben unter, aß nur, wenn der Hunger mich dazu trieb, schlief nur, wenn ich erschöpft war. Alles andere wurde vernachlässigt; die Renovierungsarbeiten für Edwin und Marge wurden auf unbestimmte Zeit vertagt.
Peter schreibt so besessen, obsessiv-verstrickt immersiv, dass auch im Erzähltext selbst seine Realität nach und nach das dünne Gewebe der Konsistenz zu verlieren beginnt. Interessanterweise schafft das erste Sechstel einen Sog, der poetologisch-überzeugend, psychologisch-austariert diesen Zusammenbruch nachvollzieht, bis zum kompositorisch Höhepunkt: die Ankunft seiner Schwester Felicity, das Freudianische Realitätsprinzip schlechthin:
Felicity war bis in die Mitte des Zimmers gekommen und stand neben mir. »Ich mußte kommen, Peter. Am Telefon hörtest du dich so seltsam an, und James und ich, wir hatten beide das Gefühl, daß etwas nicht stimmte. Als du die Briefe nicht beantwortetest, rief ich Edwin an. Was tust du eigentlich?«
»Was willst du von mir, Felicity?«
»Ich machte mir Sorgen um dich. Und es war nicht unbegründet, wie ich sehe! Allein der Zustand dieses Zimmers! Machst du überhaupt nicht sauber?«
Was kompositorisch außergewöhnlich gut von Christopher Priest in Der weiße Raum angelegt ist, und zwar im ersten Sechstel, verliert sich schnell und entpuppt sich als heiße Luft. Die Erzählinstanz verzettelt sich im wahrsten Sinne des Wortes. Das Manuskript bleibt ungeschrieben, die Ebenen mischen sich, die Situation wird von Seite zu Seite langweiliger, beliebiger, öder. Die Metapher der Unsterblichkeit (durch das Veröffentlichen eines Buches), durch die Beschreibung und Fixierung von Real-Existierenden zu Buchstaben, misslingt durchaus dort, wo es am Ende doch nur darum geht, dass der Protagonist Gracia nicht heiß genug findet, sich nicht um sie kümmern will, sondern lieber selbst bemuttert werden möchte. Als Plot leider viel viel viel zu dünn, obwohl die Mischung der Realitätsebenen ungewöhnlich gut angelegt worden ist. Schade.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: ●Protagonist: Peter Sinclair (PS), über 29 Jahre alt. Nebenfiguren: PS Gefährtin, Gracia (eine Welt) – Seri Fulten (andere Welt); PS Schwester Felicity, 31 Jahre alt, (in der einen Welt) – Kalia (in der anderen).
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Kapitel 1-4: Peters Vater stirbt, wenig später verliert er seinen Arbeitsplatz, dann wird ihm die Wohnung gekündigt und seine Beziehung mit Gracia geht in die Brüche. Als Krisenbewältigungsstrategie kümmert er sich das Landhaus von einem Freund der Familie, Edwin Miller. Statt aber das Haus zu renovieren, verliert sich PS ins Trinken und Schreiben und verfertigt eine Autobiographie, bevor er diese jedoch beenden kann, stört ihn seine Schwester, die sich um ihn in Sheffield kümmern will. –
Kapitel 5-9: Plötzlich ist der Ich-Erzähler auf einem Schiff. Er hat in der Collagoe-Lotterie gewonnen, nämlich das ewige Leben, und muss deshalb von Jethra, seiner Heimatstadt, nach Muriseay reisen. Auf dem Weg lernt er Matilde kennen, die ihn aber abblitzen lässt. In Muriseay, im Lotteriebüro, lernt er Seri Fulten kennen, die ihn schließlich, überdrüssig von ihrem Job im Lotteriebüro, nach Collago begleitet. Peter befindet sich noch immer im Zweifel, ob er die Operation an sich durchführen möchte, die ihm ewiges Leben (oder krebsfreies, altersfreies Leben) verspricht, denn diese würde ihn sein Gedächtnis kosten.
Kapitel 10-11: In Sheffield erholt sich PS. Sie renovieren auch das Landhaus. Felicity fädelt ein Wiedersehen mit Gracia an. Sie hatte eine Affäre mit einem Steve, aber sie versöhnen sich wieder und beschließen zusammenzuziehen.
Kapitel 12-15: Auf dem Weg zur Klinik, auf einem Schiff namens Mulligayn. Nach seiner Ankunft, Gespräche in der Klinik. Nach einem medizinischen Untersuchung stellt sich heraus, dass Peter an einen Aneurysma leidet. Er entscheidet sich für die Operation, die ihm das Leben nicht nur verlängert, sondern rettet. Aufgrund seiner (auch in der Parallelwelt geschriebenen Autobiographie) wird die Vorbereitungszeit verkürzt. Laren Dobey, seine Therapeutin, und Seri stehen ihm bei, wollen ihm aber das Manuskript mit seinen Erinnerungen erst zum Lesen geben, wenn er etwas stabiler, mnemotisch und psychisch, geworden ist. Eine Entfremdung zwischen PS und Seri findet statt. Seri erzählt ihm von seinem Manuskript, in diesem wird von Felicity, Gracia gesprochen.
Kapitel 16-17: In London, Gracia, die nach ihrem vorherigen Selbstmordversuch eine Therapeutin namens Jane hat, und PS, immer noch arbeitslos, streiten sich wieder. PS tagträumt, während Gracia arbeitet, von Seri, die seine sexuelle Phantasie darstellt, der Gracia nicht entspricht. Er debattiert mit Seri, macht eine Tagestour, als er in die Wohnung zurückkommt, hat Gracia einen Selbstmordversuch begangen. Er sieht, dass Gracia in seinem Roman gelesen hat. Er ruft den Notarzt.
Kapitel 18-20: Langsam gewinnt er auf Collago sein Gedächtnis zurück. Als er das erste Mal zugibt, etwas vergessen zu haben, wird er als fast geheilt eingestuft und darf sich auch außerhalb der Klinik freibewegen. Es wird ihm die Einsicht in sein Manuskript gewährt. Er darf es lesen. Besessen von seinen Erinnerungen, verwirft er die Pläne, die Seri für sie beide im Sinne gehabt hat. Er verschwindet heimlich nachts.
Kapitel 21: London. Gracias Selbstmordversuch nimmt ihn mit. Er tagträumt weiterhin von Seri. Er verfolgt sie, während sie aus London herausfährt. Sie finden am Strand zusammen. Sie machen eine Inseltour. Seri will ihn davon abbringen, zurück zu Gracia zu gehen. Sie kehren nach London zurück. Seri ungehalten.
Kapitel 22: PS kehrt zurück. Gracia redet mit Jean, ihrer Therapeutin. Gracia ungehalten. PS will mit ihr über das Manuskript reden, alles klarstellen, aber Gracia sagt, dass sie nicht im Manuskript gelesen habe. Es gäbe keines. Die Seiten seien leer. Sie geht zurück zu Steve, lässt Peter alleine in der Wohnung. Mehr als ein Jahr seit seinem Aufenthalt im Landhaus sind vergangen. Dieses Jahr ist noch nicht im Manuskript enthalten. Er gibt Seri recht, dass er sich weiter seiner Selbstbeforschung widmen muss.
Kapitel 23-24: Collago. Er reist zurück nach Jethra, Richtung Norden. Auf Seevra, dem letzten Stop vor Jethra, trifft er Seri wieder. Sie will ihn davon abbringen, nach Gracia zu suchen. Er sei nun Athanasier (nach seiner Operation). Sie sind wieder in London, und in London verliert er Seri aus dem Blick.
Inhaltsangabe/Zusammenfassung (kurz): Durch eine Reihe von Unglücken gerät Peter Sinclair in eine Lebenskrise, die ihn traumatisiert, sodass er eine Phantasiewelt erzeugt, in der Menschen von lebensbedrohlichen Krankheiten geheilt werden (wie sein Vater) und sich alle Welt um ihn sorgt und ihn aufpäppelt, indes geht die Erzählzeit weiter und alle Versuche, seiner Schwester und seiner Lebensgefährtin scheitern, ihn von seiner Phantasie zu befreien.
… eine Art physisch-psychische Lebenszusammenbruch, nachgezeichnet eines sehr uninteressanten, sehr wenig elaborierten Menschen, also ein wenig Houellebecq, ein wenig Strunk, ziemlich glatt gebürsteter Akademiker, der eigentlich nur Sex will, umsorgt werden möchte, dessen Krise dadurch in Gang gerät, dass sein Vater stirbt, er allein steht. Er beginnt zu trinken und zu schreiben und verliert sich in seinen Schreib- und Selbstbetäubungsversuchen, bis er nicht mehr zwischen Realität und Phantasie unterscheiden kann. Als Thema sehr enervierend aufgearbeitet, aber zäh, inhaltlich langweilig geschrieben, ohne Ereignis, ohne Schreibgrund, ohne rote Linie, eine detaillierte Lebensbeschreibung eines sehr ereignislosen Lebens. Ein wenig wie „Echtzeitalter“ von Tonio Schachinger. –> 1 Stern
Form: Sprache einigermaßen flüssig, einigermaßen einfallsreiche Eigennamen, professionell, stereotypisch, Genresprache. Sprache als reines Vehikel, aber nicht unangenehm, keine zu krassen Wiederholungen, keine falsche Konjunktionen, Konstruktionen, Bemühen um gewundene, eingängige Sätze. –> 2 Sterne
Erzählstimme: Ich-Erzählinstanz, unsituiert, zwischen zwei Welten, die ineinander übergehen. Ziemlich unklar, wo welche Welt beginnt, wo welche Welt aufhört, aber Reflexion, selbstkritisch, hierdurch anfänglich sehr überzeugend, und auch glaubwürdig. Als Erzählinstanz und zusammenbrechendes Ich symptomatisch durchexerziert. Aber eben: unsituiert, und daher auch unzuverlässig. –> 3 Sterne
Komposition: Durch die Ereignislosigkeit, gibt es keine inhaltliche Substanz, die formale Erzählweise bricht auseinander. Ein etwas undurchsichtiges, neurotisches Puzzle. –> 1 Stern
Leseerlebnis: Anfänglich sehr mitreißend, die Krise, sehr überzeugend, der Rückzugsort, der Versuch, sich wieder einzufangen, nachdem alles in die Brüche gegangen ist. Dann das Auftauchen der Schwester, Riss in der Realität. Sehr gelungen, nun plötzlich, wovon läuft die Figur eigentlich weg? Ab diesem Zeitpunkt (erstes Sechstel), statt eine Substanz einzulösen, flieht die Erzählung in die Phantasiewelt, ziehende, ätzend lange Beschreibung, die nicht überzeugen, die langweilen, völlig neue Figuren … Zerstörung des Buches und des Lesegenusses. Nur noch anstrengend. –> 1 Stern
Alberto Moravia: „Der Zuschauer“

Männliche Selbstzerfleischung, kafkaesk durchdekliniert: Unterhaltsam.
Inhalt: 4/5 Sterne (männliche Selbstzerfleischung)
Form: 2/5 Sterne (unscheinbar)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (Ich-Erzählung im Präsens)
Komposition: 3/5 Sterne (dramatisches Crescendo)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (unterhaltsam)
Alberto Moravia (1907-1990) schrieb einen der ersten existentialistischen Romane Die Gleichgültigen. Sein gesamtes literarisches Schaffen dreht sich um Sex und Macht und Geld und Trägheit. Mit Der Zuschauer aus dem Jahr 1985 legt er nochmals den Finger in die Wunde von klischiert-männlichen Ängsten. Es geht um einen Vater-Sohn-Konflikt par exellence:
Seit [mein Vater] den schweren Autounfall gehabt hat, der ihn nun schon seit drei Monaten ans Bett fesselt, erfülle ich für ihn diese und andere kleine Pflichten, die zu übernehmen mir »vorher« nicht im Traum eingefallen wäre. Warum ich »vorher« in Gänsefüßchen setze? Weil ich seit dem Tag des Unfalls gleichsam entdeckt habe, daß ich nicht nur ein Intellektueller, sondern auch ein Sohn bin. […] In meinem Innersten aber dachte und wünschte ich, daß mein Vater für mich ein gänzlich Fremder wäre.
Der Vater liegt im Bett, und Edoardo, der bei ihm wohnt, und die Haushaltshilfe und die Krankenschwester, Fausta, kümmern sich um ihn, und auch ein bisschen Silvia, die Ehefrau Edoardos. Eines Tages wird die Alltagsroutine unterbrochen: Silvia zieht aus und keiner weiß warum. Edoardo ist am Boden zerstört, denn nun fällt auch der tägliche Sex in der Wohnung aus. Sie bietet es ihm zwar an, sich in der Wohnung ihrer Tante zu vergnügen, aber das passt Edoardo nicht. Wieso? Wahrscheinlich aus dem einfachen Grunde, dass Silvia zu haben und mit ihr in der väterlichen Wohnung zu schlafen, ihm einen gewissen eingebildeten männlichen Vorteil verschafft, denn er befindet sich im permanenten Wettstreit mit ihm:
Ich muß wirklich sagen, ich traue meinen Augen nicht: da steht Fausta mit der Spritze in der Hand, und da liegt mein Vater und betrachtet seinen Penis mit selbstgefällig-autoritärer Miene, als wolle er ihr zeigen, daß er außergewöhnlich gut ausgerüstet sei, daß sie dies gefälligst bemerken und in ihrer Beziehung berücksichtigen solle. […] Er will, daß ich seine Manneskraft bemerke und über sie erstaune, in einem stummen Wettstreit, in dem Fausta als Schiedsrichterin und Spruchfällende angerufen ist.
Literarisch etwas unbalanciert komponiert, vieles erübrigt sich, manches reiht sich nicht ein, sprachlich unterkomplex und flüssig, aber langweilig geschrieben, besitzt der Text dennoch eine gewisse psychodramatische Ausstrahlungskraft, wie die Figur Edoardo an seinen eigenen Ansprüchen und Versuchen, sich zu behaupten, unterzugehen droht. Moravia besitzt einen Hang zum Derben und zum Tabubruch, der hier im professoralen Haushalt gut aufgehoben ist. Die etwas manierierten Topiken stören am Ende wenig.
Mein Einspruch klingt bitter. »O nein, allenfalls bin ich ein braver Christenmensch. Oder vielleicht, und das ist die richtigere Hypothese, ein braver Intellektueller, der nicht zu handeln versteht und die Dinge zwar denkt, aber nicht tut.«
Der Witz des Buches besteht in dem kafkaschen Gestus, dass Selbsterkenntnis nicht allein zur Selbstveränderung führt. Die ständige Selbstbeharkung führt nicht weit, und die Selbstzerfleischung auch nicht, wiewohl sie eben vergnügliche Minuten gewährt in dem ganzen Schlamassel, in den sich Edoardo freiwillig verstrickt. Anleihen zu Jean-Paul Sartres Die Eingeschlossenen von Altona und Franz Kafkas Das Urteil sind unübersehbar.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: ● Protagonist: Edoardo, Dodo, 35 Jahre alt, Professor für Französische Literatur, Intellektueller und Anhänger der 1968er Bewegung; Silvia, Ehefrau von Dodo, Beruf: unbekannt, Alter: unbekannt; Vater von Edoardo, Name: unbekannt; Beruf: Physik-Professor, 70 Jahre alt, bettlägerig.
Inhaltsangabe/Zusammenfassung: Der Vater (V) liegt im Bett und muss gepflegt werden. Sein Sohn Edoardo (E), der noch bei ihm wohnt, übernimmt einige Aufgaben. Den Rest übernehmen die Krankenschwester Rita, später Fausta, und die Haushaltshilfe sowie der Physiotherapeut Osvaldo. Es ist nun drei Monate her, dass der Unfall geschehen ist. Der Roman beginnt mit der Darstellung eines typischen Tages, bevor das ausordentliche passiert: Silvia (S), seine Ehefrau, zieht aus. Sie will sich über ihr Leben klar werden. E meint zu wissen, dass das Problem darin besteht, dass sie keine eigene Wohnung haben, und beschließt die Wohnung, die ihm aus dem Erbe von seiner Mutter zusteht, das er aber aus politischen und ideologischen Gründen abgelehnt hat, doch anzunehmen. Es liegt im selben Haus wie das des Vaters. Während der Trennung lernt E Pascasia kennen, eine Schwarze, die mit einem Schlagzeuger zusammen ist, der aber von ihr getrennt auf Tournee weilt, und mit der er die Faszination von Voyeurismus und Exhibitionismus teilt. Er schießt ein paar Fotos mit ihr, die mal Model gewesen ist. S rückt bei ihren gemeinsamen Treffen nicht mit der Sprache heraus, weshalb sie ausgezogen ist. Eine neue Krankenschwester tritt die Nachfolge von Rita an, Fausta, F, die sich über sexuelle Belästigung durch den Vater beschwert. Bei einem weiteren Treffen eröffnet ihm S, dass sie eine Affäre hat, mit einem anderen Mann. Sie erzählt aber E nicht, wer es ist, nur dass sie wilden Sex und sich „eine Sau“ nennen lässt. Bei den Treffen kommen sie sich sexuell etwas näher, versöhnen sich fast wieder. Bei einem weiteren Treffen mit Pascasie treiben sie den Voyeurismus etwas weiter, aber lassen die Nachbarstochter Gesuina außen vor. Am Abend bespitzelt E seinen Vater und sieht, wie er F für sich posieren lässt. F kommt später in Es Zimmer, um sich zu rechtfertigen, zeigt Interesse an ihm. Am nächsten Morgen überkommt E das plötzliche Verlangen, seinen Vater zu schlagen. Er erinnert sich an eine Szene, in der er ihn beim Sex mit seiner Mutter überrascht hat, bei welchem sein Vater die Mutter „Sau“ genannt hat. Später kommt noch heraus, dass F den Vater beim Sex letzte Nacht belauscht hat, und nun dämmert es E, dass S und sein Vater eine Affäre haben. E will F zum Sex zwingen, die lässt sich aber nicht ein. Er schämt sich, fährt durch die Stadt, trifft zufällig Pascasie und schläft mit ihr. Später treffen sich S und E und besichtigen die neue Wohnung, bei der E versucht, mit S ruppig Sex zu haben, was sie aber verweigert. Sie will weiterhin die Madonna für ihn sein, außerdem weigert sie sich in der Wohnung zu leben. Die Wohnung entspreche nicht ihrem Lebensstil. Sie seien arm und sollten weiterhin beim Vater leben. E willigt ein.
… Vorläufer der männlichen Selbstzerfleischungen aus dem Intellektuellen- und Künstlermilieu, die Selbstbestrafungssehnsüchte wie bei Michel Houellebecq, bei Heinz Strunk, aber auch bei Quentin Tarantino, Maxim Biller oder Emannuel Carrère. Bei ganz klar eine Art übermächtiger Vater, der den Sohn unter seinen Fittichen hält. Sehr verwandt zu Jean-Paul Sartres „Die Eingeschlossenen von Altona“, dort, wo Werners Frau Johanna nicht möchte, dass Werner die Leitung des Familienunternehmens übernimmt – der Vater aber eine allbeherrschende Rolle innehat; und auch „Verhängnis“ von Josephine Hart, das beinahe ein selbiges Thema besitzt, nämlich die Affäre eines Vaters mit der Partnerin des Sohnes. Ähnlich auch Franz Kafkas „Das Urteil“.
… spannend zu lesen, leider mit Längen in den an den Haaren gezogenen Passagen mit Pascasie, die wie eine künstliche Streckung wirken, ebenso die Situation mit Fausta, die gar nicht nötig wäre. Überhaupt besitzt der Roman hierdurch eine zu lockere Bindung mit dem Plot. Die Situation zwischen Ehefrau, Vater und Sohn hätte ausgereicht, auch hätte der Platz eher für eine Beleuchtung von Silvia genutzt werden sollen, deren ganzer sozialer und familiärer Hintergrund ausgeblendet bleibt. Dass die Frauen über weite Strecken nur als Gespielinnen auftreten, erhöht den Schundcharakter des ansonsten interessanten Werkes.
… insgesamt handelt das Buch also davon, dass ein rebellierender Jugendlicher sich gegen den Vater zu behaupten sucht, indem er das Erbe ausschlägt, indem er die Gefahren, die die Physik bergen, ihm vorwirft (der Vater ist Physiker), indem er überhaupt die Notwendigkeit ständig im Mund herumführt, dass die Gesellschaft sich ändern muss; aber als der Protagonist seine Frau zu verlieren droht, knickt er ein, sagt Ja und Amen zu allem, und muss dann noch erfahren, dass der Vater von Anfang an eine Affäre mit seiner Frau gehabt hat, und von Anfang an die Schwäche seines Sohnes kannte.
–> 4 Sterne
Form: Sprachlich wohlfeiler Durchschnitt, journalistisch gerafft, mit ein paar interessanten Beschreibungspassagen, leider doppeln sich Beschreibungen, eintönige Wiederholung vom Römischen Himmel, vom Petersdom, wenig wirklich Aufregendes, keine Sprachmelodie, kein Sprachwitz, keine Neologismen … ziemlicher Standard, aber ohne Befremden zu bewirken.
–> 2 Sterne
Erzählstimme: In Präsens geschriebene Ich-Perspektive, die zwar klar situiert ist, im Laufe des Textes konsequent beibehalten wird, aber eben zeitliche Sprünge beinhaltet, die nicht so klar werden. Überhaupt in „Präsens“ als „Ich“ lässt sich höchstens im Ticker-Verfahren verstehen. Nicht aber als reflexive Grundhaltung. Das zeigt aber auf seine Weise auch die Auflösung der Psyche Edoardos, dennoch über Tage gestreckt funktioniert das genauso wenig wie „Der Fall“ von Albert Camus. Es ist konsequent inkonsequent.
–> 2 Sterne
Komposition: Leider aufgebläht durch die störenden Pascasia-Sequenzen, und die gewollte Situation mit der Krankenschwester. Gelungen jedoch sehr der innere Aufbau und die Dramatik, wie die Affäre ans Licht kommt, der Plot selbst mit der Wohnung, den Eigentumsverhältnissen, aber auch dieser Zwang des Protagonisten die Weltkrise der atomaren Bedrohung beständig heranzuziehen, um sich hinter ihr zu verstecken, ja mit ihr den Vater zu kritisieren, an den er aber nicht herankommt. Durchaus schlüssiges Psychogramm, wären diese dummen erotomanischen Stellen über Mallarmé und Dostojewski nicht.
–> 3 Sterne
Leseerlebnis: Mythisch kommt der insbesondere am Anfang daher, die Repetitionen, die Problematik mit dem Vater, das Aufeinanderfolgen der Rituale, das Geheimnis um die Macht des Vaters, die etwas im Schatten bleibende Ehefrau, all dies führt zu dem Eindruck, dass Edoardo extrem ausgeliefert ist. Diese Zwangsneurosen geben dem Text Intensität. Es gibt eine klare Suche, eine klare Angst, und so liest sich der Text gut und unterhält, trotz einiger nervender Szenen.
–> 4 Sterne
Maxim Gorki: „Die Mutter“

Den aufrechten Gang durch Wind und Wetter, bescheiden-intensiv.
Inhalt: 5/5 Sterne (den Weg zur Furchtlosigkeit)
Form: 3/5 Sterne (karge, eindrückliche Sprache)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (konsequent-zentriert)
Komposition: 5/5 Sterne (Innen- und Umwelt verflochten)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (eindrucksvoll-atmosphärisch)
Gorki begann seinen Roman Die Mutter noch in Russland, beendete ihn aber auf seiner USA-Reise 1906, als die erste Revolution in Russland (1905) scheiterte. Der Roman erschien insofern auf Englisch, was die Sprache und den etwas ungewöhnlichen fremdelnden Stil erklärt. Als Paradigma des sozialistisch-realistischen Romans fungiert die Figur der Pelagea Wlassowa, die geknechtet, geknebelt, ihr ganzes Leben bis ins vierzigste Lebensjahr hinein unter widrigsten Lebensumständen hat fristen müssen, bis es endlich lichter um sie herum wurde:
Sie hörte ihm zu und schüttelte traurig den Kopf; sie empfand ein neues, ihr unbekanntes, gleichzeitig trauriges und freudiges Gefühl, das ihr schweigendes, schmerzerfülltes Herz weich umschmeichelte. Solche Reden über sich und ihr Leben hörte sie zum erstenmal, und sie erweckten in ihr langst entschlafene, unklare Gedanken, entfachten erloschene Gefühle dunkler Unzufriedenheit mit ihrem Leben — Gedanken und Gefühle einer fernen Jugend.
Gorkis Die Mutter wird oft traktatmäßiges Pamphletisieren vorgeworfen, holzschnittartige Charaktere, Schwarz-Weiß-Malerei, ekphratisch-stalinistisch und so weiter. Was hier aber geschieht, lässt sich vielmehr als einen gelungenen Nachvollzug verstehen, wie ein von allen Seiten herabgewürdigtes Individuum wieder zurück ins Leben und in die Hoffnung findet, ja Spielräume für sich und andere erobert, und zwar auf eine sehr zarte, sanfte, ja vielschichtige Weise:
Die Mutter hörte lächelnd zu, und ihr Gesicht zeigte freudiges Erstaunen. Sie sah, daß alles Scharfe, Laute, Ungebundene, alles Überflüssige jetzt in Sophie verschwunden, in dem heißen, gleichmäßigen Strom ihrer Erzählung ertrunken war. Ihr gefiel die stille Nacht, das Spiel des Feuers, das Gesicht Sophies, aber am meisten die gespannte Aufmerksamkeit der Bauern. Sie saßen unbeweglich, besorgt, den ruhigen Fluß der Erzählung nicht zu unterbrechen, den hellen Faden, der sie mit der Welt verband, nicht zu zerreißen. Nur bisweilen legte jemand behutsam Holz ins Feuer, und wenn Funken und Rauch aufstiegen, wehrte sie ein Bursche mit der Hand von den Frauen ab.
Konsequent personal erzählt, komponiert Gorki ein langsames Erwachen, ein widerständiges Erbeben, ein aus der Rolle der Mutter sich emanzipierenden Palegea, indem sie sich und alle anderen miteinschließt in ihrer Hoffnung auf ein besseres Morgen.
Die Mutter liest sich in leisen Tönen. Es ist kein politischer Paukenschlag, keine ideologische Backpfeife und auch kein agitatorisch-propagandistisches Kunststück wie Bertolt Brechts Die Maßnahme oder Nikolai Ostrowskis Wie der Stahl gehärtet wurde . Es gleicht in vielerlei Hinsicht mehr der DDR-Literatur wie Rummelplatz von Werner Bräunig oder die DDR-Literatur verarbeitende Dichtung eines Peter Weiss in Die Ästhetik des Widerstands , nur dass Die Mutter eben noch leiser vorwärtsschreitet, bescheiden, im Schatten, aber glühend, geraden Rückens und unbestechlich den Blick nach vorne richtet, denn, so das Ergebnis dieses Romans: Sie kennt keine Furcht mehr. Zu unrecht weitestgehend vergessen.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: ● Hauptfiguren: Pelagea Wlassowa, die Mutter (M), vierzig Jahre alt, Mutter von Pawel (P), jahrelang misshandelt vom alkoholsüchtigen Ehemann, bis dieser stirbt. Ihr Sohn schließt sich der Arbeiterbewegung an und mit ihm zusammen findet sie einen neuen Halt im Leben.
● Kurzplot: M und P leben nach dem Tod des Vaters im Elend. P bildet sich, wird revolutionär und gibt dadurch seiner Mutter und sich Halt. P kämpft für die sozialistischen Ideale, wird zweimal eingesperrt und schließlich nach Sibirien verbannt. M kämpft für seine Sache weiter und wird letztlich auch verhaftet.
● Detaillierte Inhaltsangabe: Teil 1:
1. Zustand der Arbeiterfamilie in der Vorstadt. Vernebelt. Gewalttätig.
2. Schlosser Michail Wlassow, Vater von Pawel, Ehemann von Pelagea, gewalttätig, misshandelt seine Frau, stirbt an einem Bruch. Der treue Hund wird am Grab erschlagen.
3. Pawel (P), der Sohn, fängt an zu trinken, entwickelt sich dann aber weiter, distanziert sich vom Vater, wird gesitteter, liest und besitzt ein Christusbild.
4. Pawels Mutter (M) ist 40. P beginnt über die Arbeiterlage zu forschen, liest verbotene Schriften, M stolz auf ihn, dass er nicht nach seinem Vater schlägt, warnt ihn aber vor den Menschen, den sie ahnt von ihnen Böses (sie hat zu schlimme Lebenserfahrungen gemacht).
5. Erste Versammlung von Ps Mitstreitern in seinem Zuhause: Nikolai Wessowtschikow (NW), der Kleinrusse Andrej Onissimow Nachodka (AN), und Lehrerin Natascha Wassiljewna.
6. Erinnerungen der Mutter an ihren Ehemann, wie sie an ihn verheiratet wurde. Brutal. Natascha geht alleine durch die Nacht.
7. Monate verstreichen, weitere Versammlungen. Sascha (S) stößt zu den Gefährten. Sie bezeichnet sie alle als Sozialisten. NW zieht zu M und P. Und manchmal stößt Nikolai Iwanowitsch (NI) aus der Stadt zu ihnen, statt Natascha.
8. AN verliebt sich in Natascha, aber P sagt, dass sich das Revolutionäre nicht leisten können. Nachbarn werden misstrauisch, stellen M zur Rede.
9. M befürchtet Ärger mit der Polizei. Nachbarn warnen sie.
10. Hausdurchsuchung findet statt, NW und AN werden abgeführt, M erzürnt über die herablassende Behandlung. Michailo Iwanowitsch Rybin (R) fungiert als Polizeizeuge.
11. R kommt zu Besuch. P spricht mit P über Gott, der gegen die Religion argumentiert. Sie ist entsetzt, gewöhnt sich aber langsam an den Jargon.
12. Die Sache mit der Sumpfkopeke – der Fabrikbesitzer will den Arbeiter je eine Kopeke abziehen, um die Trockenlegung eines Sumpfes zu finanzieren. P schreibt Artikel. P ruft zum Streik auf, als der Direktor nicht mit sich reden lässt.
13. R sagt, dass P zu abstrakt argumentiert habe, er solle mehr zum Herzen sprechen. P wird verhaftet, M einsam, isst Brot und weint.
14. Jegor Iwanowitsch (JI) besucht M, erzählt, dass NI aus Haft entlassen wurde. Sie soll Flugblätter vor der Fabrik verteilen, um Ps Unschuld zu beweisen. Sie heuert bei einer Suppenverkäuferin an.
15. S bringt die Flugblätter, JI und M kommen aus derselben Gegend, erzählt M von der sich anbahnenden Beziehung zwischen S und P. M fühlt sich ein wenig außen vor gelassen von P. Sie verteilt die Flugblätter vor der Fabrik.
16. AN kommt und erzählt von P. M erzählt von ihrem Mann und den Misshandlungen.
17. AN bringt ihr Lesen bei.
18. R besucht M und hetzt gegen die Intellektuellen, die Sozialisten, ergreift Partei für die Bauern. AN spricht sich für das Recht auf revolutionäre Gewalt aus.
19. M im Gefängnis, unter anderen Besuchern, hört ihren Klatsch, ihre Meinungen.
20. W zieht wieder bei M ein. Streitgespräch zwischen AN und NW, der ungeduldig erscheint, losschlagen möchte.
21. M genießt Teil der Bewegung zu sein, einer der Knotenpunkte. NW will sich an Sohn des Gendarmen rächen, Issai.
22. P zurück aus dem Gefängnis, Diskussion über die Bauern zwischen P und AN.
23. Frühling der Erste Mai nähert sich. P will Fahne am Ersten Mai tragen, den Staat provozieren. M befürchtet weitere Verhaftung, aber P überzeugt sie, dass die Aktion das Risiko wert sei.
24. Issa wird tot aufgefunden. AN verwickelt in seinen Tod. Issai wollte ihn zum Doppelagenten motivieren. AN hat Dragonow auf ihn geschickt und ist nicht eingeschritten, als er die donnernden Schläge gehört hat.
25. R kommt zu Besuch, verteidigt wieder die Sache der Bauern gegen die der Fabrikarbeiter, gegen die Büchermenschen und Lehrer, die nichts wissen. R erinnert M an ihren Mann. P leiht Jefim Bücher. NW kommt zurück und beruhigt sich, will sich der Sache von P und An anschließen.
26. Aufregung am Tag des Ersten Mai, überall Polizei. M beschließt, mit zur Demonstration zu gehen.
27. Der Widerstand gegen die Sumpfkopeke war erfolgreich. Die Arbeiterfahne wird unerlaubterweise gehisst. P und seine Kumpanen singen.
28. Zusammenstoß mit dem Militär. P und seine Kumpanen werden gefangengenommen. M bleibt zurück.
29. M ergreift die Fahne und wankt davon. Spricht zu den anderen über die Sache, über Ps Opfer, über die Wahrheit, die neue Religion, einen neuen, allgemeineren Glauben.
2. Teil
1. M träumt von Kind, Kirche, einem verwandelten Diakon. M traut sich, eigene Erinnerungen und Wünsche zu erforschen. NI besucht sie und motiviert sie, zu ihm zu ziehen, nun, wo P für länger in Haft bleiben wird. M beschließt, politisch arbeiten zu wollen.
2. M zieht in die Stadt, fährt aus dem Dorf weg. Sophie (SI), die Schwester von NI, kommt von einer Reise wieder.
3. M erinnert sich an die Schläge, an ihre Ehe, während SI auf dem Klavier Grieg spielt.
4. SI und M ziehen los. SI erzählt von sich. Sie wollen mit Schriften zu R.
5. Bei R treffen sie auf Jefim. R verdächtigt SI eine Höhergeborene zu sein, versöhnen sich aber durch M.
6. Ein Zeuge, Ssaweli, erzählt von seinem Leben in der Fabrik, wie sein Körper zugrunde gerichtet wurde für einen goldenen Nachttopf. SI agitiert für die sozialistische Sache.
7. M erkennt die Widersprüchlichkeit in SI, Wankelmut, dennoch die Loyalität.
8. Natascha Lehrerin, M versorgt sie mit Büchern. M verspürt wachsenden Drang, selbst zu agitieren, aber lebensfroh, unabstrakt, direkt.
9. NW aus dem Gefängnis entflohen, irgendwo in der Stadt. M findet ihn. JI schwerkrank, die Druckerin Ludmila Wassiljewna versteckt NW. M schleust NW weg zu Saschenka.
10. JI stirbt.
11. Saschenka glaubt an die Unsterblichkeit aller guten Menschen. Säkulare Auferstehung. Sie will auch die anderen befreien, auch P. M wünscht sich S als Schwiegertochter.
12. Beerdigung von JI. Es kommt zur Schlägerei mit der Polizei.
13. Pläne, NW zu LW zu schicken, wo er ihr beim Drucken helfen kann.
14. M steckt P im Gefängnis einen Brief zu, in dem sie ihm vom Fluchtplan mitteilt.
15. M fährt über den Nikolsker Bezirk zu R, um Schriften zur Verbreitung zu bringen. Sie wird Zeuge eines Auflaufes, R wurde gefasst und wird geschlagen. Er hetzt die Bauern gegen die Polizei auf, zuerst mit Erfolg.
16. Der Kommissar schreitet ein, schlägt R. Ein großer Bauer schlägt auf R ein. R wird abgeführt. M überlegt, ob sie eine Rede halten soll.
17. Mit dem Verlust von R hat sie das Ziel ihrer Reise verloren. Sie vertraut sich einen Bauer an, Peter. Er führt sie in das Haus von Stephan und Tatjana Tschumakow.
18. Sie sprechen über die Frauenfrage und den Sozialismus.
19. Zurück bei NI, dort gab es eine Hausdurchsuchung. NI inspiriert von Ms Erfolg, will über R schreiben. Vision von M über die neue säkulare Religion.
20. Ignat, ein Freund von R, hat einen Brief von R an M, in welchem er ihr Erfolg bei der Sache wünscht. M wäscht Ignat die Füße.
21. Sie wissen immer noch nicht, ob P in den Fluchtplan einwilligt.
22. Er willigt nicht ein, will es zur Verhandlung kommen lassen, wo er eine Rede plant.
23. Am Tag des Ausbruches geht M in die Nähe des Gefängnis. Ein Mann mit schiefer Schulter in einer Droschke fährt an ihr vorbei. Der Ausbruchsversuch von R gelingt.
24. Tag des Prozesses. Beschreibung des Gerichtssaales. Gerichtspause. Mann mit schiefer Schulter taucht wieder auf.
25. Vernebelnde Worte des Staatsanwaltes. P hält seine Rede.
26. M nun völlig zum Glauben an den Sozialismus bekehrt. Enttäuscht von Gerichtsverhandlung, deren Urteil bereits festgestanden zu haben scheint. Über das Porträt des Zaren kriecht ein Insekt. P und seine Genossen werden nach Sibirien verbannt.
27. Sascha fragt nach P, will auch nach Sibirien gehen. NI hat Ps Rede protokolliert. Sie soll vervielfältigt werden. M fürchtet nichts mehr. Spione sind hinter ihnen her.
28. Szene bei LW, Charakterisierung, die Ruhe vor dem Sturm. LW vervielfältigt Rede, M schläft. M überzeugt LW, dass sie die Schriften zur Verteilung überbringen kann. LW niedergedrückt, aber M hält eine Rede, um sie zu trösten. Es gelingt.
29. Der Mann mit der schiefen Schulter taucht in der Bahnhofshalle auf. M versteht, er ist ein auf sie abgestellter Spion. Aufruhr. Es kommt zur Schlägerei. Sie verteilt die Schriften und wird gefangengenommen.
… vgl. mit Nikolai Ostrowski Wie der Stahl gehärtet wurde, Grundparadigma des agitatorischen sozialistischen Romans. Plot spannend, Figuren überzeugend, überaus verdichtet, mitreißend, empathisch. –> 5 Sterne
Form: Sehr nüchterne, karge Diktion, die zum Thema passt, dennoch äußerst reduziert wirkt. Kann auch damit zusammenhängen, dass der Roman auf Englisch geschrieben wurde, als Gorki im Ausland weilte. Die Sprache selbst wirkt daher neben der bewussten Reduktion, überzogen karg an manchen Stellen, stellenweise doch zu trist und sprachlich gesehen öde. –> 3 Sterne
Erzählstimme: Hauptsächlich personal erzählt aus der Sicht der Mutter, hier und da, sehr gelungen, unklare Beschreibungen zwischen Umfeld, Atmosphäre, Natur und Innenleben, die aber auch für die Mutter erkennbar sind. Die Perspektive bleibt erhalten. Die Mutter klares Zentrum, nur manche auktoriale Ungereimtheiten, die aber den Lauf nicht stören. Das Ineinanderfügen des Bewusstlosen ins immer mehr Bewusste lässt sich so gestalten, besser als in der Ich-Perspektive, die schon ein Bewusstseinsgrad besitzen muss, um zu erzählen. Hier geht es aber um eine Figur, die zu denken, zu erzählen, zu reflektieren lernt, und dies überzeugend in Szene gesetzt. –> 5 Sterne
Komposition: Der Spannungsbogen: wird Pawel, der Sohn, in die Fußstapfen des trinkenden Vaters treten oder nicht, und wird er sein Seelenheil retten, aus Sicht der anfänglich sehr gläubigen christlichen Mutter, die ihren Sohn vom Glauben abfallen sieht? Diese Frage begleitet den Text und durch diese Fragen windet sich die Figur der Mutter zu einer eigenständigen heraus. Inhalt und Erzählstimme greifen ineinander. Expliziert auch, dass der gesamte Roman an der Figur des Ludmila, die einen Sohn an einen revisionistischen Gatten verloren hat, verdichtet wird, und zwar ganz am Ende. –> 5 Sterne
Leseerlebnis: Intensive, atmosphärisch, durchweg heftige Geschichte, lebensnah erzählt, kolportageartig und dennoch illustriert intensiv entsteht das Figurenensemble vor dem inneren Auge, das Dorf, die Fabrik, die Stadt, der Bahnhof. Und zum Ende hin, mit der Druckerin Ludmilla, noch einmal alles ineinsgesetzt. Beeindruckend, mitfühlend, aufwühlend, zumal die Mutter eine herzenserwärmende Figur ist, die durch und durch Lebenswillen und Lebensstärke am Ende ausstrahlt. Optimistisch. –> 5 Sterne
Mascha Unterlehberg: „Wenn wir lächeln“

Literarisierter Mittelfinger mitten ins Gesicht – leider unentschieden
Inhalt: 2/5 Sterne (zum Scheitern verurteilte Buddygeschichte)
Form: 1/5 Sterne (Totalausfall)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (unreflektiertes Fabulieren)
Komposition: 2/5 Sterne (aufgesplittertes Psychogramm)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (bedrückend)
Wutliteratur besitzt oft den Vorteil einer ungebrochenen, klar gerichteten Emphase. Mascha Unterlehberg schreibt in Wenn wir Lächeln über Gewalt gegen junge Frauen und zeigt, wie dieses beständige Bedrohungsszenario an die Nerven und an der Lebensfreude ihrer Teenager-Protagonistinnen Jara und Anto zehrt:
Wir kommen am Bahnhof an, und die Hitze steigt vom Asphalt auf, schmilzt mir die Schuhsohlen weg. Ich kann die kleinen Steinchen unter den Fußsohlen spüren, das Gras, das aus den Rissen wächst. Ein Käfer krabbelt vor mir über die Straße. Er hat einen schwarzen Panzer, der in der Sonne schimmert. Ich wüsste gerne, wie es sich in ihm drin jetzt gerade anfühlt. Wie das ist, so ein Käfer zu sein, ob man da manchmal auch traurig ist. Beim Gedanken daran, ihn durch einen Fußtritt zu töten, zuckt es mir in den Beinen.
Das Zitat vereinigt das zentrale Motiv von Unterlehbergs Text: Gewalt erzeugt Gegengewalt. Die Traurigkeit sitzt so tief, dass sich die Protagonistin einerseits in den Käfer hineinzufühlen versucht, andererseits eben, weil es möglich ist, es sie verlockt, ihn zu zertreten. Eine andere Stelle findet sich dort, wo sich Anto und Jara treffen, auf dem Fußballplatz, als einer der jungen eine Krähe mit dem Ball abschießt und Anto sich erbarmt, die schwerverletzte Krähe mit einem Stein zu erschlagen. Gewalt selbst bleibt Haupttenor:
Ich schlage zu, und mit jedem Schlag löst sich ein Teil meiner Anspannung in Luft auf. Ich glaube, wenn ich so weitermache, dann ist danach vielleicht zum ersten Mal seit einer ganzen Weile alles gut. Alles raus, keine schlechten Gefühle mehr, die sich zwischen meinen Rippen festsetzen können. Ich sehe nicht mehr, was ich tue, vor meinen Augen liegt ein nasser Schleier. Wie Tränen fühlt sich das an, aber das macht keinen Sinn. Warum sollte ich jetzt weinen, ich bin gar nicht traurig. Zum ersten Mal seit Langem bin ich wirklich überhaupt kein bisschen traurig, im Gegenteil. Alles fühlt sich plötzlich weich an, wie in Watte gepackt, und dazwischen die Schläge, die eine Energie freisetzen, von der ich nicht wusste, dass es sie gibt.
In der Tradition von Racheromanen einer Virginie Despentes, bspw. in Baise-Moi – Fick mich , oder wenig wie Claudia Schumachers Liebe ist gewaltig , verbleibt Mascha Unterlehberg Wenn wir lächeln dennoch unentschieden. Es fehlt das zündende Ereignis, das hier die lang andauernde Demütigung sein soll, aber nicht ausdauernd genug dargestellt worden ist. Die Figuren erhalten, sprachlich-reduktiv, kompositorisch-unterkomplex, zu wenig Substanz, um die Brachialität zu plausibilisieren, mit der Anto und Jara stellenweise ringen. Zwar lässt sich ihre Freundschaft mit Empathie verfolgen, dennoch zersprengt und zerfliegt der Text in zu viele Einzelfragmente und hinterlässt zu viele Leerstellen, als dass er als Rachestory überzeugt.
Kein Text wie Angela Carters The Bloody Chamber und auch kein Thriller-Roadmovie-Akt wie Christa Fausts Money Shot , eher eine Art unentschiedene Coming-Of-Age-Adaption eines ernsten, aber hier nur am Rande behandelten Themas.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: Hauptfiguren: ● Jara und Anto, Teenager, zwischen 15 und 17, in den 2000er. Beide haben keinen Vater. Antos Mutter permanent auf Vortragsreisen für Glücks- und Gesundheitsseminare, und Jaras Mutter berufstätig, aber sich kümmernd.
● Kurzplot: Jara und Anto befreunden sich im Alter von Dreizehn. Gelangweilt von Schule und Sport suchen sie eine Form des intensiven Lebens. Als aber Jara aufs Gymnasium wechselt, entfremden sich die Freundinnen, insbesondere nachdem sich Anto von einer Mauer stürzt und beide Arme bricht.
● Detaillierte Inhaltsangabe: Jara und Anto lernen sich auf dem Fußballplatz mit dreizehn kennen. Zu diesem Zeitpunkt spielt Jara noch im Verein mit den Jungs. Es kommt aber in der Kabine zu einem Zwischenfall mit Ilya, von dem sich Jara begafft fühlt. Sie schlägt und würgt ihn, und das Teamgefühl geht verloren. Sie lässt es mit dem Fußballverein und antwortet nicht auf die Anrufe des Trainers Vlado. Im Schwimmbad trifft sie Anto wieder, wohl in den Sommerferien. Sie befreunden sich. Beide haben keinen Vater, leben mit ihrer Mutter alleine. Anto, draufgängerisch, sucht gefährliche Situationen, Grenzüberschreitungen. Sie stiftet Jara zum Diebstahl an. Sie rauben einen Douglas-Shop mit einer Spielzeugpistole aus. Sie kaufen sich Alkohol und gehen mit, wahrscheinlich, fünfzehn in Bars, Kneipen, rauchen, suchen die Gefahr. Wendepunkt der Geschichte: Jara kann von den Noten her von der Realschule zum Gymnasium wechseln. Anto hat kein Interesse an Schule und beginnt in einem Eisladen zu arbeiten. Durch das Umfeld des Gymnasiums entfremden sich die Freundinnen. Jara trifft dort Leo, aus dem Verein, wieder und lernt Mo kennen, der sofort Interesse an ihr hat. Ab hier wird es etwas unklar: Anto macht, wahrscheinlich, eine unangenehme Erfahrung in der Eisdiele (von einem Kunden), fühlt sich vernachlässigt von Jara, die sich vermehrt mit Mo, Phil und Leo, die Jungs von der Insel trifft, und macht eine Verzweiflungsaktion: Anto, die weiß, dass Jara einen Fetisch für Verletzungen und Gips hat, versucht von einer Bank aus, auf eine Mauer zu springen, und bricht sich bei dem Versuch beide Arme. Jara besucht sie aber dennoch ungern im Krankenhaus (u.a. und wohlmöglich auch, weil Anto sehr ungepflegt dort aussieht). Stattdessen trifft sie sich noch den Jungs von der Insel. Nach einem Kneipenbesuch geht sie mit Mo mit, der sich ihr aufzwingt, obwohl sie nicht wollte, und dann erfährt sie noch von einer Wette (wahrscheinlich darüber, wer sie zuerst herumbekommt). Aus dem Krankenhaus wieder entlassen, suchen die beiden wieder Nähe, und ziehen mit Baseballschläger bewaffnet los und zerdeppern Autoscheiben, flüchten und treffen sich auf einer Brücke wieder. Anto springt. Jara entsetzt, sieht ihr hinterher, aber Anto überlebt, nass triefend, sie verschwestern sich wieder. Auf einer Tischtennisplatte sucht Jara eine Aussprache, aber Anto kommt ihr zuvor und sagt, dass sie etwas mit Leo habe. Leo und seine Kumpels aber haben Jara sehr verletzt. Sie rennt los. Anto hinterher, in eine Durchführung, wo sie vor Jahren „Schwester!“ hingesprüht hat. Dort stehen sie, ein Typ kommt ihnen entgegen, betrunken, macht sie an. Jara rastet aus wie gegen Ilya, schlägt ihn krankenhausreif oder schlimmer. Anto flüchtet, verschwindet. Jara versteckt sich. Polizei, Krankenwagen kommen. Später sucht Jara die Nähe von Anto, die bleibt aber unauffindbar, irgendwann erhält sie eine Abschieds-SMS. Die Erzählung wechselt die Perspektive, Anto, auf der Autobahn, im Zug nach Paris, ins Nirgendwo…
… vgl. mit Deniz Ohde „Ich stelle mich schlafend“, Bettina Wipbert „Herumtreiberinnen“, Charlotte Gneiß „Gittersee“, und insbesondere „22 Bahnen“ von Caroline Wahl. Als Klassiker dient Anthony Burgess „Clockwork Orange“ höchstwahrscheinlich, und auch Virginie Despentes „Baise-moi“
… die Protagonistinnen besitzen keinen Tiefgang, ihre Problematik erscheint zu losgelöst von den sonstigen Umständen. Die Gewaltproblematik schimmert klar durch – unklar bleibt die Sehnsucht nach Extremsituation, nach selbstzerstörerischen Erlebnissen. Der Roman wirkt nicht auserzählt, und die Auflösungen enttäuschen. Etwas Spannung bleibt in den ersten zwei Dritteln, ob Anto den Sprung überlebt oder nicht. –> 2 Sterne
Form: Alltagssprache und Alltagstext ohne Verschriftlichungsgrad, keine interessanten Wörter (seltene), keine einfallsreichen Sätze, und hinzukommen Ein-Wort-Sätze und kaum Beschreibungen. Formästhetisch inexistent. –> 1 Stern
Erzählstimme: Rückblickende Ich-Erzählerin, die beliebig in der Zeit springt, jeweils auch die Erzählzeit wechselt, vom Plusquamperfekt ins Präsens springt, von einem Satz zum nächsten. Es besitzt Ansätze einer ersten Reflexionen, verbleibt aber zumeist in der sinnlichen Gewissheit von Protokollierung und Immersion des jeweiligen, kaum beschriebenen erlebten Moments. Völlig entglitten aber erscheint der Epilog, der Anto als Reflektorin inszeniert. –> 1 Sterne
Komposition: Das Aufsprengen der Handlungsfäden in viele Teilaspekte mag hier und da eine gewisse Dramatik erzeugen. Hier nicht. Zu verworren. Nur nach einiger Recherche lässt sich ein plausibler Handlungsstrang rekonstruieren, der jedoch immer noch Lücken erhält, da die Dinge unerzählt bleiben. Das Ausrasten der Hauptfigur plausibilisiert sich nicht. Immerhin ein Versuch durch Ineinander-Weben, Verweben, Durchmischen des Erlebens, aus dem Wenigen dennoch ein intensives Bild zu schaffen. –> 2 Sterne
Leseerlebnis: Seichtes, hier und da ins Dramatische abgleitende Leseerlebnis. Nicht ärgerlich, nicht widerständig, nicht fordernd, nicht zum Denken anregend, aber ein gewisser Schock, eine gewisse Tristesse bleibt. –> 2 Sterne
Karl Heinz Bohrer: „Großer Stil“

Epigonales Drumherumreden. Leider begrifflich nicht treffsicher, kursorisch inspirierend, als Stichwortgeber funktional.
Bohrer bleibt ein interessanter Gesprächspartner, selbst dann, wenn er sich in seine Lieblinge wie Heine und Nietzsche verrennt. In Großer Stil – Form und Formlosigkeit in der Moderne verliert sich Bohrers Stil wieder in einer Art anti-bundesrepublikanischen Ressentiment, der amüsant zu lesen, aber literaturwissenschaftlich wenig beizutragen hat. Zu abstrakt, zu politisch, zu kulturkritisch, als dass Detailanalysen stattfänden. Zitate gibt es auch wenig, dafür ein paar Bonmots von seinen Lieblingen, wie Nietzsche aus Menschliches, Allzumenschliches :
„Sucht man nach den Gründen, so kommt man zuletzt zu dem seltsamen Ergebniss, dass der Deutsche nur die improvisirte Prosa kennt und von einer anderen gar keinen Begriff hat. Es klingt ihm schier unbegreiflich, wenn ein Italiäner sagt, dass Prosa gerade um soviel schwerer sei als Poesie, um wieviel die Darstellung der nackten Schönheit für den Bildhauer schwerer sei, als die bekleidete Schönheit… Aber an einer Seite Prosa wie an einer Bildsäule arbeiten? – es ist ihm, als ob man ihm Etwas aus dem Fabelland vorerzählte.“
Bohrer skandiert seine Unzufriedenheit mit der herrschenden Nachkriegsliteratur. Der große Stil fehlt, der Wille zur Ästhetik, der Versuch des Plötzlich-Einmaligen, das sich in Intensität verliert, wie es Gustav Flaubert anstrebt, Heinrich Heine möchte und Friedrich Schlegel in der alltagsdurchbrechenden Phantasie sucht. Stil heißt, mit Nietzsche, Schlegel, Flaubert und Stendhal gesprochen, einen treffenden Gedanken angemessen zu verhüllen. Stil erkennt er in der Gegenwart selten. Hier zählt er nur Claude Simon auf, bspw. Die Straße in Flandern und wird hier auch textanalytisch aktiv:
Motivierend für die Ergänzung eines Hauptsatzes oder die Ersetzung eines Hauptsatzes durch eine unendliche Kette von Appositionen, vergleichende untergeordnete Nebensätze zu schon gegebenen Nebensätzen, ist, daß Simon damit einer theoretisch vermittelten, wenn auch unmittelbar erfahrenen Skepsis gegenüber der mimetischen Abbildung von Wirklichkeit folgt: Die Kette der Wörter stellt Bilder, keine begriffenen und gedeuteten Realitätsausschnitte her.
Leider verbleibt er ansonsten eher im kulturpolitischen Gewäsch stecken. Etwas arriviert-enttäuscht, sich unverstanden fühlend, lässt er die erwähnten Texte nicht aufscheinen, sondern vergräbt sie museal unter einen nicht näher beleuchteten Begriffsballast. Als Feuilleton erträglich, als Sachtext über Stil aber nicht zu gebrauchen. Inhaltlich aber mit Augenblick befeuernden Referenzen, die zum Weiterlesen einladen, und insbesondere das wichtige Thema betonen, inwiefern Fiktion und Fakten, Literatur und Geschichtsschreibung voneinander zu trennen wären:
Trotz Hayden Whites Literarisierung des Geschichtsbegriffs und Richard Rortys Literarisierung der Philosophie haben es alle diese Disziplinen mit Fakten beziehungsweise Ideen zu tun, mit der einfachen und höheren Realität. Nicht so die Literaturwissenschaften: Ihr Gegenstand ist nicht Realität, sondern Sprache – die subjektive Sprache der Phantasie einzelner Künstler, die sich dem generellen kulturellen Code oder Diskurssystem entziehen.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
● Vorwort und „Stil und Maniera“. Insgesamt sehr nietzscheanisch geprägt: Schlechter Stil = unverhüllte Darstellung von Gedanken. Flaubert: Stil als eine absolute Weise, Dinge zu sehen. Deutsche Prosa aber zumeist gewollt authentisch und naturalistisch. Nietzsche kennt nur eine Handvoll guter deutscher Bücher: Gespräche mit Goethe von Eckermann; Stifters „Nachsommer“, Lichtenbergs Aphorismen und Kellers „Die Leute von Seldwyla“. Wenig Impulskontrolle – Stil = gebremster Ausdruck. Hierzu fehlt kultur-soziologisch die Norm im deutschen Sprachbereich. Bundesrepublikanischer Stil: Schwundstufe Bauhaus.
● Über Pathos: pathetisch heißt vor allem erleidend. Kleists Begriff von Erhabenheit heißt Machtsymbolik „britisches Kriegsschiff unter voller Beflaggung“; Pathos gegen Kleinkrämerseele – Hölderlins Rede gegen die Deutschen. Pathos entspringt dem Zusammenstoß vom Schönen mit dem Bedrohlichen. Schiller will Läuterung des Leidens im Pathos (sittliche Transzendierung – Stoizismus). Nietzsche dagegen Intensivierung und ästhetische Verklärung: „Großer Stil entsteht, wenn das Schöne den Sieg über das Ungeheure davonträgt.“ Gute Prosa schwerer als Poesie wie Nacktheit darzustellen schwieriger ist, als Angekleidet-Sein. Pathos aus Niederlagen heraus so gut wie unmöglich (Weltkriege).
● Stil der Gewalt. Antigone und ihre Todesbereitschaft. Zugespitzte Doppelbödigkeit. Stichomythie (dialogischer Rednerwechsel von Vers zu Vers) als sprachliche Gewaltform ohne Psychologisierung. Reine Situation.
● Kunst des Rühmens. Handwerkliche Kompetenz und Qualitäten wie Struktur, Flexibilität und Spannung. Surrealistisch gebrochene Schönheit „Nadja“ von Breton. Pindars Ode an den Sieger. Aufklärung und Moderne unterminiert den Helden, Ressentiment. Kunst aber zuerst Rühmen, nicht Kritik. Kunst als Sich-Einlassen, Sich-Einstimmen. Besingen von Figuren oder Zusammenhängen wie Zolas Hymnen auf die ökonomische Dynamisierung, Flauberts Evokation des Alltags, Stendhals Suche nach einem modernen Helden.
● Erscheinung und Bedeutung. Sinn der Kunst im Gestalten hereinbrechender Intensität. Lessings Laokoon. Affinität zur Beschreibung kriegerischer Situationen (Claude Simon). Geste der inneren Ruhe, Arete – die Kampftüchtigkeit. Simon strebt Bildhaftigkeit an, keine Erklärungen. Realitätsausschnitte. Die enigmatische Repulsion der Bedeutung gemahnt nur noch mehr an diese.
● Goethes Klassizität. Das Deutsche lehnt die Künstlichkeit ab. Goethes Iphigenie auf Tauris als ungewöhnlich-exotische klassizistische Melancholie. Für Goethe liegt Schrecken in der Nacht, Hoffnung im Tag. Zwei Modernen: geschichtsphilosophisch-teleologisch (Romantik) und selbstreferenziell-ästhetisch (Goethe). Goethe sucht Intensivierung des Diesseits, sein Besingen der gegenwärtig aufgeheizten römischen Steine statt Geschichtlichkeit. Aura, Übergang zu Walter Benjamins Begriff. Augenblicklichkeit.
● Skepsis und Aufklärung. Montaigne = wandelbares Ich; Schlegel = Phantasie als alltagsdurchschreitende Kraft; Nietzsche = ätzender Sarkasmus. Exoten in Deutschland, wo der sentimentale Rousseauismus herrscht. Sie wirken gegen die Reduktion komplexer Prozesse auf Phänomene des moralischen Urteils.
● Artistische Naivität. Brentano, Interesse an heilige Geschichte seines Inneren. Avantgardismus avant la lettre. Loreley-Mythos.
● Paris und Heine. Faszination Plötzlichkeit, Wandel, Umstrukturierung, Revolution als Fetisch. „Wir tanzen auf einem Vulkan, aber wir tanzen.“ Thrill des Einmaligen. Inspiration durch Napoleon in Düsseldorf.
● Dionysos. Die zwei Versionen von Nietzsche, der ausschweifende, der nüchterne. Zerstörung und Vereinigungen der Transsubjektivität. Dionysos, als das eigen Maßstabhafte. Mythologie = autonome Kunst. Stil = Gebärde des Verhüllens, Verbergens. Situieren des Ästhetischen als modernes Regulativ.
● Ironie. Nietzsches Begriff – keine Abgrenzungsgeste. Rebellion gegen entindividualisierenden Geltungsansprüchen. Verhöhnung des demokratischen Geschmacks. Esoterisches Sich-Selbst-Beziehen. „Jeder tiefe Geist benötigt eine Maske“ – Gefahr der epigonalen Gedankenlyrik. Rhapsodisch.
● Kulturwissenschaft. Entkanonisierung, problematisches Verwischen von Fiktion und Fakten, von Literatur und Historie.
… Artikel über Nietzscheanische Ironie und sein Dionysos-Begriff, sowie über Maniera und Stil und die Kulturwissenschaft, poetologisch gesättigt. Der Rest leider kulturpolitisch angehaucht. –> 2 Sterne
Leseerlebnis: Inspirierend, zum Weiterdenken einladend, Quellen erwähnend, über sich hinaus verweisend. –> 4 Sterne
Friedrich Nietzsche: „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“

Ranküne geladene Zeitgeistkritik ohne begriffliche Substanz
Die Sammlung Unzeitgemäße Betrachtungen (1873-76) gehört zum Frühwerk, dessen zentrales Werk Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik darstellt. Im Frühwerk emanzipiert sich Nietzsche nach und nach vom allherrschenden Wissenschaftscredo des 19. Jahrhundert, das sich um Objektivität, Detailversessenheit und selbstvergessene Faktentreue im positivistischen Sinne dreht. Nietzsche will davon nichts wissen:
Zerbröckelt und auseinandergefallen, im Ganzen in ein Inneres und ein Aeusseres halb mechanisch zerlegt, mit Begriffen wie mit Drachenzähnen übersäet, Begriffs-Drachen erzeugend, dazu an der Krankheit der Worte leidend und ohne Vertrauen zu jeder eignen Empfindung, die noch nicht mit Worten abgestempelt ist: als eine solche unlebendige und doch unheimlich regsame Begriffs- und Worte-Fabrik habe ich vielleicht noch das Recht von mir zu sagen cogito, ergo sum, nicht aber vivo, ergo cogito.
Nietzsche bricht eine Lanze für Perspektivismus, Motivation, Inspiration und Tatendrang, und diagnostiziert in diesem Aufsatz eine Art universelle Krankheit des herrschenden Akademismus. Insbesondere an demjenigen im deutschsprachigen Raum will er kein gutes Haar lassen. Konsequenterweise scheidet er 1879 auch aus der Universität aus. Leider, wie so oft, entwickelt Nietzsche keine differentielle Beschreibung. Er pendelt von einem Extrem ins Andere.
● Monumentalistische, Heldentum verehrende Geschichtsschreibung: gut für die, die mutig sind und den letzten Anstoß für eine gewagte Tat benötigen; schlecht für die, die sich von dem Heldentum anderer ins Bockshorn jagen lassen und dadurch feiger werden.
● Antiquarische, bewahrende Geschichtsschreibung: gut für die, die zufrieden mit sich ein Heimatgefühl aufbauen können und wollen; schlecht für die, die unzufrieden mit sich die Gegenwart nur als Abglanz der einstigen Höhepunkte der Vergangenheit zu sehen vermögen.
● Kritische, verneinende Geschichtsschreibung: gut für die, die, ein Ziel vor Augen habend, schädigende Erinnerungen zersetzen wollen; schlecht für die, die, kein Ziel vor Augen habend, alles und jeden Sinn daraufhin zersetzen müssen.
Wer dies begrifflich auseinander klamüsert, merkt: Der, der bereits ohne Geschichtsschreibung einen Sinn im Leben sieht, erkennt auch Sinn in der Geschichtsschreibung, und andersherum vermag die Geschichtsschreibung denen nicht zu helfen, die keinen Sinn sehen und deshalb auch keinen aus der Geschichte extrahieren können.
Was Nietzsche hier an am Gegenstand der Geschichtsschreibung ausführt, läuft auf seine denivellierende Anthropologie hinaus, d.h. aber auch: der Gegenstand des Aufsatzes, die Methodologie, die Theorie der Geschichtsschreibung, spielt gar keine Rolle. Er dient nur als Anlass, Aufhänger und nicht als Gegenstand, um über das Verhältnis einzelner zur Masse zu sprechen:
Immerhin: es giebt jetzt vielleicht hundert Menschen mehr als vor hundert Jahren, welche wissen, was Poesie ist; vielleicht giebt es hundert Jahre später wieder hundert Menschen mehr, die inzwischen auch gelernt haben, was Cultur ist, und dass die Deutschen bis jetzt keine Cultur haben, so sehr sie auch reden und stolziren mögen.
Auch hier: nach welchem Maßstab unterscheidet Nietzsche die, die etwas von „Poesie wissen“, von denen, die nichts wissen? Was zeichnet monumentalistische Historie von antiquarischer von kritischer aus, rein methodisch gesehen? Wie lassen sich diese im Einzelfall erkennen? Worunter fällt sein eigener Aufsatz? Was heißt hier überhaupt begrifflich „Sinn“, „Nutzen“, „Krankheit“ und so weiter? Nietzsche zeigt sich in diesem Aufsatz von seiner ressentimentalistischen Seite. Er hadert, zetert, aber beliebig, ins Leere hinein. Es steht alles fest – aber warum dann darüber schreiben? Die einen können, die anderen wollen, die meisten murren jedoch nur, und witzigerweise gehört er zu den letzteren. Im Spätwerk wie Jenseits von Gut und Böse lässt er ganz andere Federn und Begriffsspiele walten, die hier aber völlig ausbleiben. Gute Bonmots gibt es dennoch zuhauf:
[…] wie das elendeste Thier die Entstehung der mächtigsten Eiche verhindern kann, dadurch dass es die Eichel verschluckt.
Nur leider, hegelisch gesprochen, erweist sich die Eichel als Substrat der mächtigsten Eiche erst in der Retrospektive, im komplexen Zusammenspiel von Boden und Wetter und Anlagen, was wiederum heißt: die Eichel konnte nicht gefressen worden sein. Sich vorzustellen, sie wäre dennoch gefressen worden, gleicht dann nicht einmal einem Zirkelbeweis, einer petitio principii, denn eine Tautologie ist denkbar, aber eine im Nachhinein prophetische Voraussicht bleibt immer Unsinn, und so leider dieser Aufsatz.
Leo Kofler: „Abstrakte Kunst und absurde Literatur“

Früher war alles besser – unorthodoxe marxistische Orthodoxie hilflos aufs Ästhetische gemünzt. Update: +1,5 Sterne: da provokant und gegen den Strich.
Im Rahmen der sich streitenden ästhetischen Positionen nimmt Leo Kofler, Soziologe, der Anfang der 1950er aus der DDR in die Bundesrepublik flüchtete, sich also mehr oder weniger zu seinen Leidensgenossen Georg Lukacs und Ernst Bloch gesellt, in Abstrakte Kunst und absurde Literatur ein unorthodoxe Orthodoxie in Anspruch. Streng marxistisch, aber dynamisch und anti-dogmatisch verficht er als ästhetische Position einen kritischen Realismus, der sich durch folgende Punkte auszeichnet:
Die Unwiederholbarkeit des Einzelschicksals, die unaufhebbare Bezogenheit des Einzelnen auf das Allgemeine, das damit verbundene Durchscheinen des Typischen, die psychologische und geistige Entwicklung der Individuen infolge der Handlung […], die Naivität im Schillerschen Sinne (das heißt die »naive« Begegnung mit der Fülle und Widersprüchlichkeit der Wirklichkeit), das Verbleiben in der normalen Zeit, schließlich die Bewußtheit oder Perspektive (das heißt die Ausrichtung der Handlung auf das »Menschheitliche«, wie Lukács sagt, das Humane und im humanistischen Sinne Mögliche).
Mit anderen Worten, genau das, was Balzac in den meisten seiner Bücher in Die menschliche Komödie leistet, d.h. die Figuren werden in einem Netzwerk sie sozial bedingender Verhältnisse und dennoch als Verantwortung tragende Individuen gezeichnet. Der ältere Brecht gehört zu diesem Kanon und auch Tolstoi mit seinen Hauptwerken. Gegenspieler stellen Avantgardisten dar: Franz Kafka, Samuel Beckett, James Joyce, Marcel Proust und viele andere. In diesen erscheine das Individuum isoliert, solipsistisch, sozial-entleert und hoffnungslos verloren:
Aussagen [der modernen Kunst] sind auf eine »höhere« ästhetische Ebene gehobene Reflexionen von bereits in der »tieferen« Ebene des Gesellschaftlichen existierenden ideologischen Reflexionen, oder was dasselbe ist, sie sind Ideologien von Ideologien. Sie stellen deshalb in einer zweifachen Bedeutung abstrakte Welten dar: einmal eine die Entfremdung des Menschen zu einem nihilistischen Schema ontologisierende und zum anderen diese Abstraktion zum subjektivistischen Weltbild grotesk-symbolischer Art weitertreibende Abstraktion.
In diesem Zitat erreicht Kofler den abstrakten Höhepunkt seiner ästhetischen Reflexionen, nämlich den Begriff einer Ideologie der Ideologie, die bereits Althussers Anrufung und Theorie der ideologische Staatsapparate ankündigt. Mit einem sehr erweiterten Begriff des Naturalismus, der alles umfasst, was Figuren einfach setzt, für sich stehen lässt, unkommentiert und isoliert verfahrend, also verdinglicht, zieht er gegen jedwede Kunst zu Felde, die sich nicht bemüht, den vollumfänglich handelnden Menschen in den Fokus des kreativen Widerspiegelungsprozess zu setzen. Franz Kafka steht als Paradebeispiele für eine solche reaktionäre Kunst ein:
Die allegorisierende Unvermitteltheit der Aussagen der modernen Kunst und Literatur bewirkt unter anderem, daß sich hier die Figuren nicht entwickeln, keine subjektive und keine objektive Geschichte haben. Sie sind deshalb, um es einmal ganz abrupt und ohne Rücksicht auf eingefahrene Vorstellungen zu sagen, falsch gezeichnet.
An Kafka lässt sich also die Unverstehbarkeit der Unverstehbarkeit illustrieren, wodurch die Allegorie zur Groteske gerierte und in ihrer kritischen Wirkung im Nichts verpuffe. Kofler stellt sich hiermit sowohl gegen sozialistischen Realismus wie gegen den Avantgardismus und reiht sich im Dunstkreis von Jean-Paul Sartres Begriff des engagierten Kunstwerks ein. Tatsächlich aber fehlt diesem ganzen Theoriegebäude Detailarbeit, Begriffsschärfe und dynamische Beschreibungskategorien, die die Eindrücke, die sich so einfach nur politisch ergeben, plausibilisieren könnten. Es besitzt viel Klarheit in der ideologischen Frontstellung, aber wenig substanziell gewichtige Gründe für die eigene Position:
Wir müssen allerdings zugeben, daß es eine wirklich moderne Literatur von zureichend realistischem Charakter eigentlich noch gar nicht gibt.
Mit anderen Worten, er weiß gar nicht, was für eine Literatur ihm vorschwebt. Er blickt lediglich zurück, ohne seine Kritikpunkte am modernen Text und Erzählen selbst festmachen zu können, zudem stellt er klar, dass ihm die ästhetische Form, die Sprache, die Sprachverwendung, das Medium der Expression, völlig gleich sind, und so erscheint dann auch seine Kritik irgendwie polemisch, hier und da erheiternd, aber nicht treffsicher, jedoch in jedem begrifflich hilflos.
Theodor Storm: „Der Schimmelreiter“

Allegorisch-mythologische Dichtung, die sich als Geheimnis entschlüsselnd öffnet.
Inhalt: 5/5 Sterne (antik-episch-tragisch)
Form: 4/5 Sterne (ländlich-eindrucksvoll)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (glaubwürdig-raunend-situiert)
Komposition: 5/5 Sterne (verdichtend-geschlossen)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (atmosphärisch-intensiv)
Von Der Schimmelreiter sagte Storm selbst in einem Brief an Heyse, am 18. Dezember 1887: „Das Größte, was ich bisher schrieb“. Tatsächlich starb Storm kurz nach der Abfassung dieser seiner bekanntesten Novelle, die vom aufstrebenden, sich beweisenden Deichgrafen Hauke Haien handelt:
Hauke stand schweigend daneben; aber sobald er konnte, schlich er sich auf den Deich hinaus; es war nicht zu sagen, wollte er noch nach weiteren Toten [15]suchen, oder zog ihn nur das Grauen, das noch auf den jetzt verlassenen Stellen brüten musste. Er lief weiter und weiter, bis er einsam in der Öde stand, wo nur die Winde über den Deich wehten, wo nichts war als die klagenden Stimmen der großen Vögel, die rasch vorüberschossen; zu seiner Linken die leere weite Marsch, zur andern Seite der unabsehbare Strand mit seiner jetzt vom Eise schimmernden Fläche der Watten; es war, als liege die ganze Welt in weißem Tod.
Um Tod und Verhängnis, um Fortschritt und Aberglauben, um persönliche Charakterschwächen und soziale Ausgrenzung dreht sich diese von Storm interpretatorisch offen gehaltene, mythisch verdichtete, geradezu aufs äußerste geraffte, in seiner Komposition beeindruckend geschlossene Novelle. Das Zusammenleben von Mensch und Tier, Mensch und Mensch, Mensch und brandende, verschlingende, alles zu vernichten drohende Naturmächte werden im Lebenslauf von Hauke Haien verzahnt und allegorisch-polyphon verwebt, bis fast jede Einzelheit vor Bedeutungsfülle und Überdeterminiertheit platzt. Was fehlt, als Leerstelle von Storm konzipiert wurde, ist die Mutterfigur selbst:
Auch als zu Ende Oktobers die Deicharbeit vorbei war, blieb der Gang nordwärts nach dem Haf hinaus für Hauke Haien die beste Unterhaltung; den Allerheiligentag, um den herum die Äquinoktialstürme zu tosen pflegen, von dem wir sagen, dass Friesland ihn wohl beklagen mag, erwartete er wie heut die Kinder das Christfest. Stand eine Springflut bevor, so konnte man sicher sein, er lag trotz Sturm und Wetter weit draußen am Deiche mutterseelenallein; und wenn die Möwen gackerten, wenn die Wasser gegen den Deich tobten und beim Zurückrollen ganze Fetzen von der Grasdecke mit ins Meer hinabrissen, dann hätte man Haukes zorniges Lachen hören können.
Wer sich fragt, ob sich in der Moderne überhaupt noch Tragödien schreiben lassen, möge Storm lesen. Hier verwebt sich persönliches Versagen, individuelle Charakterschwäche mit sozial-restringierendem Aberglauben bis zum selbst ablaufenden, sich selbst verschlingenden Größenwahn, der dennoch eben zu einem technologischen, alles weitere Leben der Gemeinschaft prägenden Erfolg führt, nämlich der Bau eines haltbaren, über die Zeit dauernden Deiches. Derart dynamisch-kritisch vermögen die wenigsten Texte bis zum Ende bleiben, ein anderes Beispiel wäre Toni Morrisons Menschenkind und die Kindesmörderin-Thematik.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: ● Protagonist: Hauke Hain (HH), Halbwaise, Sohn eines Kleinbauern und Landvermessers.
Zusammenfassung, Inhaltsangabe:
● Rahmengeschichte: Eine Ich-Erzählinstanz hat von einer Geschichte gelesen in einer Zeitung gelesen, findet die Quelle aber nicht mehr, versichert jedoch, sich genau erinnern zu können.
● Zeitungsgeschichte: Ein Ich-Erzähler berichtet in seinem Beitrag von einem seiner Ausritte auf einem nordfriesischen Deich, bei welchem ihm während eines Unwetters eine gespenstische Reitergestalt entgegen geritten ist. Der Ich-Erzähler rettet sich in ein Wirtshaus, in welchem ihm ein Schulmeister die Legende vom Schimmelreiter erzählt. Zweite Rahmengeschichte, die den Bericht hier und da durchbricht.
● Die Geschichte vom Schimmelreiter: HH wächst ohne Mutter auf, beschäftigt sich mit Euklid und lernt hierfür Niederländisch. Am Strand wirft er Kiesel auf die Vögel, erbeutet einen Vogel (mglw. einen Eisvogel) und streitet sich mit dem Kater von Trien Jans. Beim Raufen erschlägt er ihn und wird von Trien Jans verflucht. Sie beschwert sich bei Tede Hain, seinem Vater, der ihn zum Nachfolger des Kleinknechts beim Deichgrafen Volkerts bestimmt, mit Großknecht Ole Peters als direktem Vorgesetzten. HH verärgert diesen, vor allem mit seiner Fähigkeit, für den Deichgrafen Rechnungen anstellen zu können. Dann kommt noch HHs Sieg beim Eisboseln zwischen dem Geest- und den Marschleuten und das Annähern zwischen Elke, der Tochter des Deichgrafen, und HH. Er steigt zum Großknecht auf, nachdem Ole Peters geheiratet hat, muss dann seine Position aufgeben, um seinem sterbenden Vater zu helfen. Nach dessen Tod nimmt er seine Position bei Volkerts wieder auf und verfolgt sein Ziel, Deichgraf zu werden. Er macht Elke einen Heiratsantrag, die annimmt, aber sie wollen erst nach dem Tod ihres Vaters alles offiziell machen. Bald darauf stirbt er und bei der Nachfolgefrage, wer Deichgrafen werden soll, setzt sich Elke für HH ein und verschafft ihm so die nötige Menge an Land. Mit 24 Jahren wird der einstige Kleinknecht HH zum reichsten Mann des Dorfes. Er arbeitet weiterhin wie verrückt, um sich zu beweisen, um zu zeigen, dass er nicht nur wegen Elke ein rechtmäßiger Deichgraf ist. Sein Projekt: einen neuen Damm bauen und zwar mit seinen in der Kindheit bereits angefangenen Berechnungen, und so einen neuen Koog mit Landwirtschaftsfläche zu schaffen. Er schafft es, das Projekt durch den Rat zu bringen, und erhält Unterstützung trotz Gegenansprache Ole Peters. Das auf der Jevershallig gesehene Pferdegerippe verschwindet, kurz darauf trifft HH einen fahrenden Händler mit einem eigenartigen Schimmel, den dieser jenem verkauft. Das Pferd hört nur auf HH. Bei der Diskussion des Deichprofils kann sich HH mit Hilfe von Jewe Manners durchsetzen. Bei der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter erweist sich HH als gotteslästerlich. Tochter Wienke wird geboren, aber erscheint langsam im Kopf. HH rettet einen kleinen Hund bei Wind und Regen das Leben. Die Deichbauer wollen den Hund im Deich vergraben, als gutes Omen, doch HH widersetzt sich. Der Deichbau gelingt und das durch ihn erworbene Land wird im Volksmund Hauke-Haien-Koog genannt. Wienke lebt zurückgezogen mit Vogel Klaus und dem geretteten Hund Perle. Nach Jahren gestehen sich die Eltern, dass Wienke wahrscheinlich schwach im Geiste bleiben wird. Trien Jans erzählt von Wasserweibern und wirft HH vor, als dieser sie ermahnt, keine Schauermärchen seiner Tochter erzählen zu sollen, dass er keinen Respekt vor den Tradition besitzt. Die Handlung muss nach 1655 spielen, wahrscheinlich Mitte des 18. Jahrhunderts. HH beginnt sich Sorgen um den alten, an den neuen angrenzenden Deich zu machen, aber lässt sich von Ole Peters überreden, nur äußerlich zu verbessern. Das schlechte Gewissen plagt ihn, und als es zum Unwetter kommt, bricht der alte Damm, Elke und Wienke verunglücken. HH bezeugt ihren Tod und reitet, springt ihnen hinterher und stirbt auch.
● Ende der inneren Rahmengeschichte: Der Schulmeister spricht vom Hauke-Haien-Deich, der noch steht.
… wesentliche Konfliktlinien: Fortschritt/Wissenschaft gegen Aberglauben; soziale Aufstieg eines Kleinknechtssohnes und der daraus entstehende Neid; und die Problematik eines persönlichen, selbstherbeigerufenen Verhängnisses seitens Haukes.
…. Kurzinterpretation: Wesentliches Motiv, das Fehlen der Mutter, hieraus entsteht eine Art abstrakte Gegnerschaft mit der Natur, die sich darin äußert, in der Jugend, dass er Vögel mit Steinen bewirft und tötet, und dann den Kater von Trin Jans tötet beim Streit um just diesen Vogel, wodurch Trin Jans völlig vereinsamt, da auch ihr Sohn gestorben ist. Dieses Gefühl hängt ihm nach. Später rettet er aus diesem Grunde einen Hund und verhindert, dass dieser dem Aberglauben gemäß, denn etwas Lebiges muss den Deich schützen, in den Deich vergraben wird. Als Resultat stirbt seine Familie bei einem Unwetter auf dem Deich, und er springt ihnen hinterher. So hat der Deich etwas Lebigs bekommen und hält bis in die Erzählgegenwart hinein. D.h. die Rationalität und der Aberglaube gemeinsam halten das Zusammenleben, das Land, die Dorfgemeinschaft fest.
… die Konfliktlinie verläuft ganz gemäß: der Ehrbegierige, der Aufsteiger, will sich mit Rationalität und Ideen beweisen und kämpft gegen den Aberglauben und Konservatismus im Dorf, wird aber von den Naturmächten für seine Hybris bestraft (mit einer zurückgebliebenen Tochter und schließlich mit dem Tod seiner ganzen Familie). Dennoch hat er auf diese Weise zum Deichbau beigetragen, dass das Land erhält und vergrößert hat.
… es gibt keine überflüssigen Szenen, die Charaktere sind rund, nicht eindimensional, es gibt einen klaren Spannungsbogen, einen Höhepunkt und durch den Schimmel eine symbolische Transzendenz. Ganz klar:
–> 5 Sterne
Form: Formvollendete Sprache, interessante Partikel, altertümliche Wörter, ländlich, intensiv, poetisch, gleitend, ahnungsvoll durch unbestimmte Artikel, die sich erst nach und nach klären, also retardierend wirkend. Mythisch, raunend, manche Unklarheiten, die sich in Schwebe halten, bewusst. Dennoch erscheint Storms Duktus manchmal schwer, behäbig und umständlich.
–> 4 Sterne
Erzählstimme: Rahmen im Rahmen, und von dort aber von einem reflektierenden Erzähler, dem Schulmeister, gehalten, der kommentiert, personalisiert, situiert bleibt. Hierdurch erhält der Bericht etwas Nahes, etwas Subjektives, aber Glaubwürdiges. Der Erzähler bleibt zwischen den Parteien, sowohl Theologe wie Aufklärer. Die Erzählung selbst findet im Akt des Lesens statt. Sehr immersiv.
–> 5 Sterne
Komposition: Die Rahmenwirkungen verleihen der Novelle eine große Ausstrahlungskraft, aber was besonders überzeugt, der sujethafte Rahmen: der totgeworfene Eisvogel und nachher der tote Vogel Klaus auf dem Deich, der tote Kater, hier der sterbende Hund Peters, die Einsamkeit Trin Jans, die Einsamkeit, der Hauke entflieht durch den Freitod. Eine Art Verhängnis, Tragik wirkt konzeptionell durchgeführt, auch, dass er nur durch Elkes Hilfe Deichgraf wird, und sich dann auf Gedeih und Verderb zu beweisen meint zu müssen. Und vor allem seine Untätigkeit, als er schon die ersten Risse im alten Deich sieht. Die Katastrophe hat sich von langer Hand gezeigt. Ungeduldig, abrupt, abrasiv. Als Komposition fast ein narratives Paradigma.
–> 5 Sterne
Leseerlebnis: Fesselndes, düsteres, fast episch-antik anmutendes Narrativum. Komplex, verflochten, atmosphärisch. Große Freude, mit großem Interesse, teils ein wenig sperrig durch unbestimmte Artikel, durch seltsame „separatistische Konventikel“ … Andeutungen, wie „Eisboseln“ vorgestellt werden könnte, bspw… Aber als Gesamtallegorie durch die Bank überzeugend und vielsagend, reich an Bildern, sehr nüchtern, aufs äußerste gerafft und verdichtet.
–> 5 Sterne
Eckhart Nickel: „Punk“

Poetisch-musikalisches Kleinod als Coming-of-Age-Roman verpackt mit etwas zerfahren-zerzaustem Inhalt.
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 3/5 Sterne (etwas spannungsarm)
Form: 5/5 Sterne (poetisch-musikalisch)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (kesse Ich-Erzählerin)
Komposition: 3/5 Sterne (lüchenhaft-fragmentiert)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (utopisch-entzückend)
Punk von Eckhart Nickel spielt in einer Welt, in der die Musik und die Emotionen weitestgehend verloren gegangen sind. Das Phänomen „Der weiße Lärm“ hat sich über die Dinge und Geräusche gelegt und eine stille Teilnahmslosigkeit in den sozialen Räumen erzwungen. Eine sehr triste Welt umgibt die Protagonistin Karen, die, von der Erzählgegenwart aus gesehen, eine Woche zuvor noch das Gleichmut-Festival besucht hat:
Das Superevent des ersten Tages lud alle Teilnehmer ein, selbst auf die Hauptbühne zu kommen, wo kurz zuvor das Gemurmel mit Alma Immer M. A. (Mutter Aller) zu Ende gegangen war, die am Schluss ihrer Rede erst mal ordentlich die Werbetrommel für den Whisper gerührt hatte. Es handelte sich um ein neues Format, das sich das Ministerium für Unterhaltung ausgedacht hatte, um unsere zuvor leider maßgeblich durch die sozialen Medien in große Isolation gestürzte Gesellschaft aus ihrer leidvollen Vereinzelung zu erlösen und neue Wege des Zusammenfühlens zu entdecken, gegen die fundamentale Einsamkeit der Berührungslosen.
Das Setting von Punk lässt sich irgendwo in einer nicht allzu fernen Zukunft verorten, in der die Pazifizierung der Gesellschaft auf endlose Langeweile hinausläuft, derer sich die drei Hauptfiguren mit Musik zu erwehren suchen. Sie beginnen in einem geschützten Raum, dem Stereolabor, den Aufstand zu proben, und zwar mit ihrer Band „PUNK“, und hierfür bedienen sie sich der Alt-1980er-Musikinstrumente wie E-Gitarre und Atari-mäßige Synthesizersounds. Die Handlung erstreckt sich über zwei Tage, in Präsens von Karen als frech-kesse Ich-Erzählerin erlebt, die in Abschweifungen und Ausschweifungen ihr Bewusstsein feilbietet, das alles andere als langweilig ist und gerne in Schopenhauseriaden frönt:
Was [Arthur Schopenhauer] davon hielt, von all der unsteten Währung, mit deren Hilfe wir in unserem Leben gehandelt und bewertet werden wie Vieh auf dem Markt, stellte ich mir zur Beruhigung immer abends vor dem Einschlafen vor, wenn ich wieder mal in der Schule aufgezogen wurde wegen meiner nervigen altklugen Wortmeldungen oder in der Pause auf dem Hof für meinen Lieblingslook, Doc-Martens-Stiefel zu Faltenrock und einem viel zu großen weißen Herrenhemd mit Spitzkragen und der Perlenkette von Mama.
Dynamisch, atmosphärisch, immersiv erzählt, wird Karens Welt im Text lebendig, digressiv-ausgestaltet, in Wort- und Klang umgewandelt. Die Gedanken springen hin und her, aus der Kindheit zurück in die Gegenwart, in die Jugend zurück und von vorn. Alles doppelt sich in dem Text, die Brüder, die Zwillingsschwestern, das Erlebnis des Gleichmut-Festivals, der Sound von Geschirr in der Waschmaschine, das Rödeln und Rattern und Schampustrinken. Die Handlung spielt, wie einer präsentischen Ich-Erzählweise zuträglich, kaum eine Rolle: im Bewusstsein selbst spielt die Musik, und hier glänzt Punk mit Einfallsreichtum wie schon zuvor in Spitzweg, in welchem möglicherweise auch Karens Zwillingsschwester Kirsten mitwirkt.
Handlungsarm, aber melodiös setzt Eckhart Nickel ein ästhetisches Programm der Befreiung um, das komplementär zur Entleerung von seinem Buddy Christian Kracht in Air steht. Sehr verwandt mit Maren Kames Hasenprosa, nur dass es sich hier um ein Kaninchen namens Auguste Pierre [Renoir?] handelt.
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Details – ab hier Spoilergefahr:
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Inhalt: ● Protagonistin: Karen, schätzungsweise um die zwanzig Jahr alt, Klavier geübt, sucht Wohnung. Kirsten, Zwillingsschwester von Kirsten, ein paar Minuten älter, patzt bei Klaviervorspielen, geht eigene Wege.
● Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) Vorspiel durch Madame Framoisée organisiert. Kirsten patzt, verlässt den Saal; Karen (K) hinterher. Sie sitzen auf einer Bank, hören Satie, von einem anderen Klavierschüler, Erik, gespielt. Kirsten setzt sich zum Ziel, ein Anti-Erik zu werden, Ambitionen, Eigenwillen, Unabhängigkeit anzustreben. Sprung in die Erzählgegenwart: IE (K) erinnert sich an den Tag, der eine Wende im Leben bedeutete, weil sie ebenfalls auf der Schwelle zu einer neuen Phase steht. Damals ist es „Der weiße Lärm“ gewesen, in der Erzählgegenwart der mögliche Umzug in eine WG, denn die IE möchte dem Wohnheim entfliehen.
2.) Anna, Ks Freundin, erzählt von anderen Bewerberinnen für das WG-Zimmer, die alle davongejagt wurden. Die Zwillingsschwestern haben sich etwas entfremdet. Anna begleitet K zur Wohnung, zur Sicherheit, und wartet vor auf der Straße vor der Haustür, das Rufzeichen, wenn K Hilfe von Anna braucht, lautet „Irre“. Das WG-Zimmer wird von Ezra und Lambert angeboten. Sie führen Vorstellungsgespräche durch. K zeigt Ordnungsbewusstsein und fällt hiermit sofort positiv auf. Sie wird eingeladen, sich das Zimmer anzusehen.
3.) K sieht aus dem Fenster und erkennt zu ihrem Schrecken Kirsten auf dem Gehsteig neben Anna. Sie befürchtet, die coolere Kirsten würde sich auch bewerben und sie ausstechen, insbesondere sollte ihre Zwillingsschwester erfahren, dass K sich auch für das Zimmer beworben hat. Sie will also von ihrer Schwester nicht gesehen werden und fragt nach einem zweiten Ausgang, als es klingelt. Ezra und Lambert öffnen für sie ein Geheimzimmer, dem Stereolabor, schallsicher, in welchem sich K versteckt.
4.) Rückblende: Das Phänomen „Der weiße Lärm“, ein unerklärbares Phänomen, das Töne, Geräusche, Musik bis zur Unhörbarkeit abdämpft, eine außerirdische Tonattacke? Musik verschwindet; die sozialen Medien werden ebenfalls gedimmt. Eine Emotionslosigkeit macht sich breit. Die Zeit spielt in einer dystopischen Zukunft, offensichtlich, denn drahtlose Kommunikation ist bereits möglich.
5.) Im Stereolabor entdeckt K ein Kaninchen und hört, wie Agenten des Ordnungsamtes eintreten, nicht Kirsten, da es Beschwerden über Ezra und Lambert gegeben hat (Geräuschbelästigung). Die Sache geht glimpflich aus. K erinnert sich an das Gleichmut-Festival eine Woche zuvor. Ezra und Lambert stellen das Kaninchen als Pierre-Auguste vor. [siehe Pierre-Auguste Renoir]. K wird das Zimmer angeboten. Sie nimmt an. Ezra und Lambert weihen sie sofort in ihre subversive Tätigkeit ein, nämlich eine Band zu gründen, PUNK.
6.) Rückblende: Weißer Lärm, keine öffentlichen Wutausbrüche mehr. Stille auf den Straßen. Insgesamt Nivellierung der Gefühle. Nachbarin Nicole, Modette.
7.) Erinnerung Ks an ihre erste große Liebe Arthur (Schopenhauer). Die WGler machen eine kleine Bandprobe.
8.) Wohlgeruch in der Wohnung. Hochandenklima im Stereolabor. K erinnert sich an Anna, die wartet aber nicht mehr. Hat ein Brief hinterlassen. Sie schiebt ihr Fahrrad in den Hinterhof, kehrt zurück, riecht Kampfer.
9.) Kindheitserinnerung. Kirsten packt die Waschmaschine voller Geschirr und kreiert blecherne Chaosmusik. In der Küche, Dartspiel. Sie finden heraus, dass sie alle auf dem Gleichmut-Festival gewesen sind. Erzeugen Küchenmusik.
10.) Kindheitserinnerung: die Eltern versuchen die Zwillinge auseinanderzuhalten. Die Wohnung steht unter dem Schutz eines akustischen Faraday-Käfigs, so dass Klänge und Sound erzeugt werden können. Auf dem Gleichmut-Festival wurden Ezra und Lambert zu einem Musikwettbewerb geladen. Hierbei, als Musiker, sind sie wohl beim Ordnungsamt aufgeflogen, jemand habe sie verpetzt (deshalb Besuch der Agenten). Wohlgeruch in der Wohnung durch Duftsonde, oder Aromadiffusor.
11.) Sie machen sich Gedanken über ihr Outfit, und es wird das Preisgeld bekanntgeben 100 000 Euro.
12.) Lösung des Outfit-Problems von K. Sie bleiben, wie sie sind. Sie planen für das Cover Polaroidbilder. Steigen vollangezogen aus einer schaumigen Badewanne auf. Erinnerung an Tim, Jugendliebe.
13.) Die Rückseite, nachdem sie sich umgezogen haben, wie sie sich aufs Bett fallen lassen. Verbringen die Nacht in einem Bett.
14.) Am nächsten Tag, Aufwachen. Die 10 Punk-Gesetze. Sie gehen Ministerium für Unterhaltung. Überwinden den Torhüter. Sie gehen wie durch ein Schloss zur Bühne, bauen auf und beginnen das Konzert.
● Zusammenfassung/Inhaltsangabe (kurz): Karen lebt seit dem Phänomen „Der weiße Lärm“ in einer musiklosen, emotionslosen Welt, bewirbt sich für WG-Zimmer und wird Teil einer Punkband und tritt am Ende im Ministerium für Unterhaltung auf.
… Roter Faden: Lampenfieber, das Auftreten, das am Anfang des Textes aufgeschoben wird, zugunsten von eines Eric Satie-Stückes (840 Wiederholungen), und am Ende findet Karens Auftritt statt, und das Buch endet mit einem Zitat von Eric Satie. Verschiebung.
… Alice im Wunderland (Kaninchen), 1984 (Neusprech), 451 Fahrenheit (Bücher verschwinden – hier Musik verschwindet); Schopenhauer (Musik als Ding an sich – der Wille).
… Problem: Kirsten spielt keine Rolle, auch nicht die Entfremdung zwischen den Schwestern, plotmäßig überflüssig, auch der Nachbarssohn Tim, die Nachbarstochter Nicole, Kinder von Alma Immer (Artificial Intelligence). Viele Digressionen, aber durch Klang und Sound der Ich-Erzählerin zusammengehalten. Störend vor allem das unaufgelöste Doppelgängerin-Motiv, und die Fehlstelle Kirsten, die vielleicht durch „Spitzweg“ ausgeglichen werden soll, wo Kirsten mit zwei Freunde über die Malerei forscht und in einem Geheimzimmer weilt. Für sich genommen passt es aber nicht so ganz. Auch die Auflösung am Ende, das Konzert vor fehlendem Publikum, das seltsame Ministerium, wirkt etwas verkürzt, passt nicht zu den Digressionen. Das Phantastische der Metapher, ja, vom Plot her hält wenig am Lesen.
–> 3 Sterne
Form: Sprachlich interessant, rhythmisch, austariert, zisiliert, verschnörkelt, verspielt, einfallsreich, bunt, syntaktische Sprachlust, semantisches Übersprühen, viele Referenzen, buntes Sammelsurium: herkos odontōn = Gehege der Zähne. Formal sehr gelungen und die Lektüre vorantreibend. Musikalisch.
–> 5 Sterne
Erzählstimme: Sehr konsequente Ich-Erzählerin, die in Präsens von den zwei Tagen erzählt, in denen von zuhause losgehend sich bei Ezra und Lambert befindet, um dann einzuschlafen und am nächsten Tag mit ihnen in das Ministerium für Unterhaltung zu fahren, um dort ein Konzert zu geben. Das präsentische Erzählen wirkt immersiv. Das Bewusstsein steht im Vordergrund, passend zur Ich-Erzählerin, überhaupt steht sie und wie sie die Welt im Vordergrund, auch hier passend. Keine narrativen Lücken (der Schlaf zählt nicht). Digressionen und Erinnerung im Präteritum, wohlgeformt. –> 5 Sterne
Komposition: Erzählperspektive und Erzählinhalt gehen mit der Erzählweise eine gelungene Symbiose ein. Insgesamt wohlgeformt das Ganze. Der Plot besitzt keine innere Spannungsstruktur. Hier hätte das Gleichmut-Festival länger und deutlicher beschrieben werden können, auch die Geschichte von Ezra und Lambert, und auch fehlt die Zwillingsschwester Kirsten. Das passt nicht ganz. Das Buch hätte länger, und in die Figuren detaillierter gearbeitet werden können. Viele Digressionen wirken auch aus der Luft gegriffen (Wrigley Spearmint Gum).
–> 3 Sterne
Leseerlebnis: Die Sprache, das Gleiten, die Harmonie, das Verspielte lassen den Text zu einer seltsam entrückten Einheit verschmelzen, die sich abdichtet, rundet, und ein Ganzes erzeugt, als Widerstand im Punk, im Chaos, aber innerhalb einer wohlstrukturierten Lebensumgebung. Vielschichtig und bunt und einfallsreich. Poetisch.
–> 5 Sterne
Takis Würger: „Für Polina“

Dick aufgetragen, bis die Balken sich biegen – Liebes- und Reiseschmonzette.
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 2/5 Sterne (Kindheitsliebe)
Form: 2/5 Sterne (effekthascherisch, Superlative)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (auktorial-unreflektiert, wertend)
Komposition: 1/5 Sterne (zu durchschaubar)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (allzu leicht lesbar mit Schammomenten)
Würger, halb Journalist, halb Schriftsteller, besingt in Für Polina die Macht der Liebe und der Musik, ganz schopenhauerisch unverblümt. Der Titel deutet auf Beethovens Pour Élise hin, um dessen Widmungsempfängerin immer noch ein großes Geheimnis herrscht. Von Geheimnissen in Für Polina gibt es ebenfalls genug, denn es wird viel gelogen, verschwiegen, weshalb es das Paar, Polina und Hannes, auch schwer hat, endlich zueinander zu finden. Würger geht mit Für Polina weit zurück in die Literaturgeschichte, denn es handelt sich sprichwörtlich um einen Liebes- und Reiseroman, der in Stoff und Plot, aber nicht Stilistik und Form, einem mittelalterlichen Heldengedicht entspricht:
Jeder Gedanke, den Polina von ihm dachte, hatte damit zu tun, dass er Klavier spielte. Sie würde ihren neuen Freundinnen in Cambridge erzählen, dass Hannes an der gleichen Musikhochschule lernte, an der Tom Richter gelernt hatte. Wie Hannes von einem Musikproduzenten entdeckt und berühmt werden würde, mit Konzerten auf der ganzen Welt. Und wenn Polina dann ihren Master in Istanbul machte, würde Hannes sogar im Yıldız-Palast auftreten, mit einem ganzen Symphonieorchester. An dieser Stelle küsste Hannes Polina, und beinahe setzte sein Herz aus, aber es war immer noch besser, als ihren Träumen von einem Musiker zuzuhören, der er nicht sein könnte.
Was im Ritterroman typischerweise die kriegerische Herausforderung darstellt, ein Zweikampf, Duell, eine Belagerung, verschiebt sich in Für Polina zum Auftreten vor einem Publikum, denn trotz seiner großen, alle Welt in Erstaunen versetzende Begabung geht Hannes öffentlichem Klavierspielen lieber aus dem Weg. Er spielt für sich oder für seine Geliebte, aber wie schon im Mittelalter, muss der Held sich erst einmal bewähren, um des holden Burgfräuleins für würdig befunden zu werden. Ein Irren und Wirren entsteht, wo Narben, Verletzungen, Tod und Brutalität überwunden werden müssen und manche Gliedteile auf dem Weg zu bleiben drohen:
Die Schlägerei begann schnell und endete schnell, wie alle Schlägereien im richtigen Leben. Hannes schlug nicht zurück, sondern hob nur die Hände vor den Kopf, damit sie ihm nicht den Schädel brachen. Nach wenigen Sekunden lag Hannes auf dem Kopfsteinpflaster, sein linkes Ohr summte, er hatte einen metallischen Geschmack im Mund und dachte schon, die Männer würden verschwinden, als einer von ihnen mit dem Absatz seines Lederschuhs in Hannes’ Brustkorb trat. Zwei Rippen, die links oberhalb der Milz lagen, brachen in der Mitte durch.
Radikal auf den melodramatischen Effekt hin erzählt wie seiner Zeit Flore und Blanscheflur oder Iwein (beide 12. Jahrhundert) von Hartmann von Aue oder Chrétien de Troyes, auktoralisiert die Fäden strickende Erzählinstanz seinen Stoff kompromisslos durch und pumpt alles hin zu seinem großen Finale hin auf, das Fanfare trötend über das Publikum hereinbricht. Superlative noch und nöcher jagen die Figuren, pressen sie in holzschnittartige Schablonen und verflachen bis zur Unkenntlichkeit die eigentlich plausiblen und gewöhnlichen Aktanten. Im Gegensatz zu den mittelalterlichen Varianten verbleibt in Für Polina aber von Drachen, Unwettern, heiligen Grälen, riesigen Burgen, unheimlichen Weiten und Meeren nur ein Klavier und die Angst vor dem Liebesentzug übrig. Da wirkt der hymnische Ton leider fehl am Platz. Eine Schmonzette, sehr verwandt zu Pascal Merciers Lea nur ohne Dunkelheit; oder Thomas Bernhard Der Untergeher nur ohne Humor und Selbstkritik; oder Hans-Ulrichs Treichels Tristanakkord ohne Ironie und Rückzugsemphase. Leider etwas läppisch.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: ● Hauptfiguren: Hannes Prager, Erzählgegenwart Mitte/Ende zwanzig, Klaviervirtuose. Polina, Kunsthistorikerin, selbes Alter wie Hannes Prager.
● Zusammenfassung/Inhaltsangabe (kurz): Hannes (H) und Polina (P), fast zur selben Zeit geboren, Mütter, Fritzi und Güneş, beste Freundinnen, wachsen gemeinsam auf, beide vaterlos. H liebt P und das Klavierspielen, aber P probiert sich aus. Beim Holzfällen verunglückt Hs Mutter, danach zieht sich H zurück, bricht nach und nach mit seiner Vergangenheit, beginnt als Klaviertransporteuer zu arbeiten und lernt Bosch kennen. Er lernt Leonie Trautmann kennen, für die er, um sie zu trösten, Klavier spielt, und sie werden ein Paar. Bei einem Arbeitsunfall verliert er einen Finger und als sein Vater stirbt, findet er in den Unterlagen viele Briefe von P, die der Vater nicht weitergereicht hat. Er beschließt als Klaviertransporteuer und -stimmer aufzuhören und P, nachdem er sich von Leonie getrennt aht, zu suchen. Bei seinem letzten Klaviertransport für einen Jonathan Wassermann, lässt sich H hinreißen, in aller Öffentlichkeit Klavier zu spielen. Das Video wird schlagartig berühmt und H bekommt einen Plattenvertrag und geht auf Welttournee in der Hoffnung, so P zu finden. In Istanbul gerät er in eine Schlägerei, verletzt sich schwer, spielt dennoch sein letztes Konzert in München, wo sie sich wiedertreffen und die Nacht zusammenverbringen. P ist verheiratet, hat ein Kind, aber liebt ihren Partner nicht so, wie sie H liebt. H kauft die alte Villa im Moor und wartet auf P, die am Ende des Buches auch kommt.
● Zusammenfassung/Inhaltsangabe (lang): Teil I (Fritzis Geschichte – Hannes Kindheit): Fritzi, auf einem Italienurlaub und kurz vor ihrem Abitur, schläft mit einem viel älteren Hamburger Marmorfabrikanten. Sie bekommt ein Kind, einen Sohn Hannes, von dem sie dem Mann nichts erzählt, und lernt im Krankenhaus Güneş kennen, die ebenfalls mit dem Vater ihrer Tochter Polina nichts zu tun haben. Sie werden beste Freundinnen. Sie zieht in eine Villa im Moor, günstig zur Untermiete, die Heinrich Hildebrand mehr oder weniger in Schuss hält, als aus öffentlichen Mitteln finanzierter Moorbeauftragter. Heinrich erkennt Hs Musiktalent. H und P verbringen viel Zeit. Zuerst ist P eifersüchtig auf H, als dieser mit Sofie anbandelt, dann aber komponiert H für P ein Lied und spielt es ihr auf dem Klavier, aber P ist bereits in einen Basketballspieler verliebt. Der Vater von H kommt ins Spiel, als dieser danach fragt. Kontakt wird hergestellt. Als der Vater aber H fördern will und Besitzansprüche zu stellen beginnt, insbesondere in Bezug auf Hs Karriere, nimmt Fritzi dies zum Anlass und bewirbt sich für ein Jurastudium in München. Kurz bevor sie aber umziehen, stirbt sie beim Holzfällen. Der Vater drängt H bei der Beerdigung Klavier zu spielen. Teil II (Hannes Geschichte – junge Erwachsenenzeit): H und P bleiben im Kontakt und planen ein gemeinsames Leben nach dem Abitur. H hört aber mit dem Klavierspielen auf, als sein Vater ihn drängt, aufzutreten. Nach dem Abitur, will P in Cambridge studieren und bittet ihn, sich dort bei der Royal Academy, einem Konservatorium zu bewerben, ohne zu wissen, dass H das Klavierspielen aufgegeben hat. Sie schlafen miteinander. H will aber nicht wieder mit dem Klavierspielen anfangen und bewirbt sich nicht, lügt P über die Bewerbung an, zudem hält sein Vater von P nichts (nennt sie „Zigeunerfreundin“). Statt mit P nach England zu gehen, bewirbt sich H bei einem Unternehmen namens Transporte Forte, bei Sebastian Blau an, einem Hobbymusiker, der Klaviertransporte organisiert. H beginnt sich mit Klavieren auseinanderzusetzen und lernt sie heimlich stimmen, schleppt aber weiterhin die Klaviere und bekommt einen Bandscheibenvorfall. Als sie einen Transport für eine Kundin durchführen, die sich von ihrem Partner getrennt hat, tröstet er sie, Leonie Trautmann, und spielt für sie Beethovens 8. Klaviersonate, als er aufsteht kann er sein Bein kaum noch fühlen und fällt auf den Treppen beim Hinuntergehen hin. Leonie hilft ihm, wieder auf die Beine zu kommen, und sie werden ein Paar. Nach dem Studium in Cambridge, macht P ihren Master in Istanbul. Sie küssen sich, versehentlich, als sie mit den Köpfen zusammenstoßen. P reist nach New York ab. Nach drei Jahren mit Leonie wird klar, dass sie sich ein traditionelles Familienleben vorstellt. H und Leonie entfremden sich. H besucht den alkoholsüchtigen Heinrich Hildebrandt, mittlerweile im Altenheim, mit dem er zurück, nachdem er erfahren hat, dass P geheiratet hat, ins Moor fährt, wo die Villa nun in eine Alpakafarm umgewandelt wurde (später stellt sich heraus, dass die Betreiberin Sofie, Hs Kinderliebe, ist). Dort wird er gebeten, sein altes Jugendklavier zu entsorgen. H bricht zusammen. Wenig später verliert H bei eine Arbeitsunfall seinen Finger, und kurz darauf stirbt sein Vater. H findet unter den Unterlagen Briefe von P, die ihm sein Vater nie weitergeleitet hat. Er beschließt nach P zu suchen, trennt sich von Leonie und kündigt bei Transporte Forte. Bei seinem letzten Auftrag lässt er sich provozierten und spielt, in Erinnerung an P, ihr Lied, das heimlich aufgezeichnet wird. Hs Video erlangt schnell Weltberühmtheit. Er bekommt einen Plattenvertrag und geht auf Tournee. Er hofft, P zu treffen, und trifft sie, nachdem er in Istanbul nur ihre Mutter getroffen hat, in München, wo sie ein Nacht miteinander verbringen. Er kauft die Villa zurück und wartet auf sie, die am Ende kommt, trotz Ehe und Kind, denn in Wahrheit liebt sie nur ihn.
… es gibt endlos viele Romane über klassische Musik und darüber, wie diese den Weg zum Herzen bahnt. Vieles an dem Roman hat an „Your lie in April“ ein Anime und Manga von Naoshi Arakawa. Es erinnert viel auch an „Lea“ von Pascal Mercier, mit leicht anderer Akzentuierung (dort stirbt auch die Mutter und die Geigenmusik heilt, aber der Vater verstrickt sich in Verbrechen). Stofflich eben auch verwandt mit „Der Untergeher“ von Thomas Bernhard, nur ohne Lovestory. Im Grunde fokussiert sich alles um Hannes, der plötzlich, nachdem er seine Mutter verloren hat, alles aufgibt: seine Beziehung und Zukunft mit Polina, sein Klavierspielen, ja selbst die geliebte Ravelplatte wirft er weg, um mit der Vergangenheit völlig zu brechen. Als er nach dem Tod seines Vaters einen Brief von Polina liest, in welchen sie ihn um Hilfe bittet, ruft die Welt ihn wieder an, und er macht sich auf, Polina zu retten, und zwar mit Musik, eine Musik, die Millionen erreicht und allen Menschen wieder Zugang zu ihren wahren Wünschen verschafft. Hier klar: Schopenhauer als Musik, die universelle Sprache des Willens.
… rührend, sentimental, kitschig. Alles wirkt sehr konstruiert, und auch brutal, wie mit den Nebenfiguren umgegangen wird, insbesondere Leonie und Bosch, aber auch Polinas Ehemann. Der ganze Plot funktioniert, weil Hannes Polina belügt, sich passiv in sich zurückzieht und wartet, bis alles eskaliert: der Vater stirbt, er einen Finger verliert, und Polina um Hilfe ruft, erst dann erwacht er aus seinem Dornröschenschlaf. Dass das Happy End über einen Videoclip geht, diese Sehnsucht bedient, mit einem Schlag berühmt zu werden, bindet sich gar nicht in die Story, wirkt beliebig. Auch diese Macht der Musik, die besungen wird, erscheint wie eine Märchengeschichte, nur unverträumt. Die Figuren wirken zu flach: der Vater, Fritzi, Polina erscheint gar nicht ausgearbeitet, irgendwie holzschnittartig, Sebastian Blau. Die Story besitzt Spannungsmomente, trotz Klischees, die Figuren jedoch besitzen keine Lebendigkeit.
–> 2 Sterne
Form: Kitschige, sentimentalistische Sprache, die auf den reinen Effekt heraus gearbeitet wird, und zwar mit überaus vielen Ultimativen „immer, alles, nie, keine, alle, allein, ganz“ – die von der Anzahl her schon fast so oft vorkommen, wie der Name der Hauptfigur „Hannes“. Die Sprache besitzt fast nur Werbestil, plakativ, reißerisch. Das aber wird gekonnt heruntergespult.
–> 1 Sterne
Erzählstimme: Unausstehlich-kommentierend, auktorial, kaum Digression, beinhartes Marionettentheater. Keine Entschiedenheit, salopp, dirigierend, manipulierend, wertend und voller Urteil, unreflektiert und unsituiert. Hier passt die Erzählstimme zum Stoff gar nicht, da der Stoff äußerst intim ist, wäre ein Ich-Erzähler das Richtige, und stark-gefilterte, beschränkte Personalerzählweise. Daher, Fehlgriff:
–> 1 Stern
Komposition: Sehr schlicht, nämlich im Sinne des Lebenslaufes. Der Rahmen: Polina sind von Anfang an füreinander gemacht, nur die Hindernisse des Kosmos trennen sie. Zuerst Polinas Türkeiaufenthalt mit ihrer Mutter, dann der Tod Fritzis, dann das Auslandsstudium, Polinas Suche nach ihrem Vater, dann Hannes Suche nach Polina, schließlich, nach Überwindung der Herausforderung, endlich wieder Klavierspielen und das gefürchtete Auftreten vor Publikum, erringt der Ritter Hannes seine Prinzessin Polina. Ein Liebes- und Reiseroman. Von Komposition bleibt da nicht viel übrig.
–> 1 Stern
Leseerlebnis: Teilweise erschreckend melodramatisch, reißerisch, und hier dann auch mit gewisser Spannung und Intensität, dann aber zum Fürchten bei Metaphern und zwangspoetischen Einlagen, erschütternd, schmalzig, rührend, viel zu dick aufgetragen, und viel zu radikal-konstruiert. Viel zu effekthascherisch. Kaum ernstzunehmen. Zwar hat es mitgenommen, aber auf ungute Weise. Viel zu leicht zu lesen, um ärgerlich zu sein.
–> 2 Sterne
Jean Reno: „Emma“

Eine verwirrte Masseuse auf verschleierten Abwegen im Oman.
Inhalt: 2/5 Sterne (Atomwaffenspionage)
Form: 1/5 Sterne (keine)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (brüchig personal, unreflektiert)
Komposition: 1/5 Sterne (Ver- und Entschleierungen)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (nervig-nervös-gehetzt)
Jean Reno wirkte bislang in vielen Filmen, u.a. in dem berühmten Film Léon – Der Profi. Mit Emma legt er seinen Debütroman im zarten Alter von 76 Jahren vor. Es geht dort um eine mit magischen Kräften ausgestattete Superheldin-Masseuse, die in den Oman zieht, um dort in einem Wellness-Zentrum die dortigen Angestellten auszubilden. Der eigentlich Grund aber, weshalb sie das Jobangebot annimmt, liegt in ihrem amourösen Interesse am Thronnachfolger Tariq Khans, den sie bei einer Massage kennengelernt hat:
Das Steißbein – sein innerer Schwerpunkt – ist widerspenstig, nicht weiter erstaunlich bei seiner dominanten Körperhaltung. Selbst wenn das tiefgründige Geheimnis verborgen bleibt, kann sie in ihm die großen Linien, seine Widerstände und Ängste lesen. Auf einmal packt sie eine wilde Lust, an seiner Haut zu riechen, vorsichtshalber weicht sie etwas vom Tisch zurück, um dem Taumel entgegenzuwirken, der sie nach unten zieht. Ihre Hände lassen die fleischige Wölbung seiner von dem Handtuch bedeckten Gesäßbacken aus und setzen die Arbeit an den Oberschenkeln fort, die bei der ersten Berührung zucken. Sie darf nicht vergessen, dass auch er den besonderen Energiefluss zwischen ihnen spürt. Es ist höchst seltsam – gleichzeitig hypnotisch und von verstörender Intensität.
Über Emma lässt sich nicht viel sagen. Es handelt sich um einen sheik-Liebesroman, genrehaft komponiert, rundum das Tabu, dass sich eine westliche Frau für ihren omanischen Geliebten verschleiert und am Ende, in einer Abaya gekleidet, um ihr Leben fürchten muss. Emma selbst, als Hauptfigur, besticht kaum durch interessante Gedanken. Khan repräsentiert das reinste Klischee, und der französische Geheimdienstmittelmann Éric Martel, seines Zeichen Kulturattaché, vermittelt zwischen diesen beiden Lustgetriebenen im Sinne des allgemeinen Weltfriedens.
»Ich bin Emma im Oman.«
Die Worte klingen seltsam in ihren Ohren. Schonungslos mustert sie die breite Stirn unter ihren vom Schweiß gelockten Haaren, die von der Erschöpfung klein wirkenden, dunklen Augen, die korrigierte Nase, die sie verabscheut – ihr Herz hat die plastische Chirurgie nicht wieder zusammengeflickt –, ihre vollen Lippen, die sie an ihre Kindheit erinnern. Wie sagte ihre Mutter immer: »Dein Pflaumenmündchen!« Ihre Pin-up-Erscheinung nervt sie oft, auch wenn sie es durchaus zu schätzen weiß, dass sie sich keine Gedanken um ihr Aussehen machen muss.
Die Logik der Handlung besticht nicht. Sie wirkt auch nicht plausibel, und das gebrochene Erzählen in Präsens in personaler Perspektive, das gehetzt, verstörend inkohärent von Szene zu Szene jagt, nervt auf Dauer. Der Roman hat im Grunde keine Form. Viele Szenen und Dialoge erweisen sich als völlig überflüssig. Ziemlich vergleichbar mit der Oktopus- Trilogie von Ralf Rossmann.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: ● Hauptfigur: Emma Morvan, Physiotherapeutin mit magischen Händen.
● Inhaltsangabe/Zusammenfassung (kurz): Emma verarbeitet den Unfalltod ihrer Mutter, nimmt ein Jobangebot im Oman an, wird dort in eine Spionageangelegenheit über ein Atomwaffenprogramm verwickelt, weil sie mit dem Kronprinzen schläft, und entkommt knapp den Omanischen Häschern.
● Inhaltsangabe/Zusammenfassung (lang): Emma Morvan verliert ihre Mutter bei einem Autounfall, bei dem sie selbst am Steuer sitzt und sich deshalb auch Vorwürfe macht. Neun Jahre später denkt Emma immer noch an sie. Sie arbeitet als Physiotherapeutin im Thalassozentrum von Portivy, das Besuch von einem Prinzen namens Tariq Khan aus dem Oman erhält. Der Oman will ein Wellnesszentrum aufbauen und besichtigt mögliche Varianten. Emma, als beliebteste Masseurin, wird abgestellt, dem Prinzen von den therapeutischen Behandlungsansätze des Thalassozentrums überzeugen. Bei der Behandlung spürt Emma eine innige Verbindung mit Khan, zum ersten Mal seit langem wieder. Der Tod ihrer Mutter hängt noch immer über Emma wie eine Glasglocke. Einige Zeit später bittet der Leiter des Thalassozentrums, Lemonier, Emma nach Maskat zu reisen, um dort die das Wellness-Team auszubilden, auf ausdrücklichen Wunsch Khans hin. Um aus ihrem langweiligen Alltagstrott zu entkommen, nimmt sie an und reist in den Oman. Im Oman begrüßen sie der Chauffeur Anwar und ihre Übersetzerin und Assistentin Zainab Al Ismailiya. Sie lernt ihr Team im Spa Kuf Siriun kennen, unter anderem Bushra, 36 Jahre alt, Witwe und Mutter von zwei Töchtern. Bei Treffen mit Ex-Pats lernt sie den Kulturattaché der französischen Botschaft Eric Martel kennen. Khan besucht sie im Wellness-Zentrum. Sie schlafen miteinander. Er gibt ihr aber zu verstehen, dass er mit der Tochter des Sultans Rayja verlobt ist hat und diese heiraten muss. Sie können sich also nur heimlich treffen. Hierfür hat er ein Nomadenzelt auf einem Hochsicherheitsgelände aufstellen lassen, in der Nähe eines Kraftwerks zur Herstellung von Wasserstoff. Um das Gelände zu kommen, muss sie aber eine abaya oder zumindest einen Schleier tragen. Auf einem Ausflug sieht sie, wie ein Junge fällt und sich am Handgelenk verletzt. Sie springt zu ihm und heilt durch ihre energetisch geladenen (magischen) Hände die Verletzung. Etwas in ihr wurde entfesselt. Auch bemerkt sie, dass sie nicht ohne Kopfbedeckung durch die Straßen wandeln kann. Nach dem Besuch einer Moschee kauft sie sich ein Kopftuch, entscheidet sich in letzter Sekunde gegen die Abaya, die ihr aber erlauben würde, noch unerkannter zu bleiben. Sie fährt zum von Khan angegebenen Treffpunkt. Dort trifft sie auf Anwar, der sie zum Gelände des Kraftwerks fährt. Sie verbringen die Nacht zusammen. Der französische Geheimdienst wird auf Emma aufmerksam, in Person von Eric Martel. Man verdächtigt den Oman, nicht nur Wasserstoff erzeugen zu wollen, sondern auf demselben Gebiet ein Mini-Atomkraft zu bauen. Der Geheimdienst will verhindern, dass der Oman eine Atombombe baut und hat eine Informantin auf dem Gelände, die die Daten nur nicht vom Gelände bringen kann. Emma soll helfen, indem sie den Datenträger bei einem der Schäferstündchen mit Khan erhält und so herausschmuggelt. Beim nächsten Treffen passiert ein vom französischen Geheimdienst inszenierter Zwischenfall, und Khan zwingt Emma eine abaya anzuziehen, und lässt sie kurz im Wagen allein. Nach einiger Zeit steigt sie aus, erhält den Datenträger, den sie in ihrer Vagina verstecken soll, und versteckt sich wieder im Auto. Anwar durchsucht ihre Sachen, da er bemerkt, dass sie nicht im Wagen gewartet hat. Sie geht mit der Speicherkarte in den Souk zum Treffpunkt, merkt aber, dass sie verfolgt wird, schüttelt den Verfolger ab, indem sie mittels ihrer magischen Hände einen Hitzestoße verpasst, geht ins Café Casbah und übergibt Martel die Karte, der sie zu einem weiteren Treffen beordert. Sie wird von der Verlobten in der Palast eingeladen. Dort massiert Emma sie. Deutliche Abneigung spürt sie. Khan passt sie beim Weggehen ab. Sie haben Sex im Gebüsch. Früher als erwartet beordert der Geheimdienst zu einem Treffen. Als Martel nicht kommt, verlässt Emma das Souk, dort wartet Martel im Taxi, der Verfolger befürchtete. Emma soll einen Trojaner auf Khans Smartphone spielen. Es wird aber davon ausgegangen, dass Khan überwacht wird. Nach der Aktion soll Emma das Land so schnell wie möglich verlassen. Nach ein paar Tagen Stillschweigens seitens Khans wird Emma nervös und meldet sich beim Geheimdienst. Zainab trifft sie. Sie arbeitet die ganze Zeit bereits als Schutzengel und Verbündete. Sie beschließen Khan zu kontaktieren und geben Emmas vorzeitige Abreise als Grund an, ihr Vater habe einen Herzinfarkt erlitten. Sie besucht Khan in seinem Büro. Als sie miteinander Sex haben, sieht sie, dass er von Schlägen Blutergüsse hat. Sie gibt einen Bauchkrampf vor, und während er einen Tee holt, tauscht sie die Smartphones aus und lädt den Trojaner mittels eines Ladegerätes auf Khans Smartphone. Das zweite Mal wird sie ihn los, indem sie ihn bittet, zu sehen, ob die Sekretärin noch da ist, sie will unerkannt aus dem Büro gehen. Als er nachsieht, legt sie Khans Smartphone mit dem Trojaner wieder an seinen Platz. Als sie das Gebäude verlässt, wird sie von Anwar aufgehalten. Er bringt sie zum Hotel Wadi Bani zurück. Am nächsten Morgen ruft Khan sie an und sagt ihr, sie muss fliehen, die Omanische Geheimpolizei ist auf dem Weg zu ihr. Sie wird von Anwar überrascht, der sie zu vergewaltigen versucht, aber ihre magischen Hände versetzen ihm einen Stoß, er fällt auf die Kante des Tisches und stirbt. Sie rasiert sich die Haare ab, nimmt ein Kopftuch und eine Beduinenmaske, zieht die Abaya an und flieht. Ihre reguläre Abreise ist nun unmöglich. Sie sucht Unterschlupf bei Bushra, kontaktiert Martel. Er verspricht etwas zu organisieren. Khan versucht sie zu erreichen. Am nächsten Morgen entflieht Emma, wandert durch die Stadt, versteckt sich, erhält die Koordinaten von Martel. Sie sieht, dass Khan sie ein weiteres Mal versucht hat zu erreichen. Sie ruft ihn an und bittet ihn, sie zu den Koordinaten zu fahren. Dort steigt sie in ein Bus. Der Bus wird angehalten von Eric Martel, Zainab und er fahren sie nach Dubai. Zurück in Frankreich, ein paar Wochen später, sieht sie die Hochzeit von Khan mit Rayja Bint Hujaima, und sie bekommt ein Angebot von Martel weiterhin für den Geheimdienst zu arbeiten.
… typischer Thriller. Flache Figuren, völlig klischiert. Sehr viele Dialoge, dumme Einfälle, wie die Speicherkarte in der Vagina zu verstecken. Überhaupt wirkt das Ganze zu konstruiert, dass Khan auf einem Geheimstützpunkt sein Schäferstündchen abhält. Leider nicht plausibel, und auch die Freundlichkeit von Khan nicht, wo doch Emma das Land betrügt. Unüberzeugend. Leidlich spannend. Lebt vom Exotismus und gehört in das Genre der sheik-Liebesromane.
… keine symbolische Transzendenz, kein Öffnung. –> 2 Stern
Form: Sprache einzig als Vehikel, völlig instrumentell. –> 1 Stern
Erzählstimme: Leidlich konsequentes personales Erzählen, mit nur ein paar wenigen, wirklich überflüssigen Brüchen (Geheimdienstdialog), der spannungssteigernd wirken soll, aber im Grunde die Erzählpräsens auflöst. –> 2 Sterne
Komposition: Im Grunde entlang komponiert, wie sich Emma aus dem europäischen Look, in Bikini, nach und nach verschleiern muss. Zuerst mit Schultertuch über Kopf, dann mit Schleier als Kopftuch, dann in Abaya, dann in Abaya und Beduinenmaske, bevor sie wieder zurück kann. Schlimm: manche Stellen wirken aufgesetzt, wie die Geheimdienstdialoge. Schlecht komponiert. Unüberzeugend, auch völlig unsinnig die Rahmenhandlung mit dem Tod der Mutter, das Schuldgefühl der Tochter. Losgelöst vom Ganzen. –> 1 Stern
Leseerlebnis: Hat mich sprachlich und inhaltlich mehr gestresst als entspannt oder unterhalten. Emma wirkte mir zu fahrig und unentschieden, einfach manipulierbar. Keine Ruhe, keine Erzählweise, keine Spannung. Zu schlimm, fast pornographisch, runter erzählt. –> 1 Stern
Kristine Bilkau: „Halbinsel“

Leipziger Buchpreis 2025: Verwirrt-erwachsene Tochter sucht Neuanfang im Hotel Mama.
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 1/5 Sterne (Tochter zurück zu Mama)
Form: 2/5 Sterne (gesittetes Alltagsdeutsch)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (situierte Ich-Erzählerin)
Komposition: 1/5 Sterne (keine)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (langweilig)
Schon in ihrem letzten Roman Nebenan driftet die Hauptfigur durch ihr Leben und findet ein inneres Gleichgewicht letztlich im Abtauchen und durchs Wasser Schauen. Auch in Halbinsel spielt das feuchte Element, das Bilkau essayistisch in Wasserzeiten untersucht hat, eine besondere Rolle und hier: Ebbe und Flut und das durch die Gezeiten entstehende Wattenmeer:
Wir parkten in der Nähe des Kiosks am Deich und gingen los. Der feste, leicht gewellte Wattboden fühlte sich warm an unter meinen Füßen. Der Backstein lag schwer in meinem Rucksack, ich hatte ihn mitgenommen, um ihn an einer Stelle, die sich passend anfühlen würde, zurück ins Watt zu legen. In der Ferne bewegten sich wieder zwei Kutschen Richtung Hallig. Die Sonne glitzerte in den Wasser-lachen. Einige Male blieben wir stehen, um uns herum war es so still, dass wir ein leises Knistern aus dem Boden hören konnten, Organismen, Sedimente.
»Erzähl uns noch mehr von der versunkenen Stadt«, sagte Linn zu Agnes. »Ich bin hier aufgewachsen – und weiß so gut wie nichts darüber.«
Leider verlässt sich Halbinsel von Bilkau nicht auf dieses interessante Thema. Der Begriff Halbinsel steht vielmehr als Metapher für Halbwaise, halb geschützt, halb verbunden, halb im Meer des Lebens, halb im schützenden Land, denn Linn, die Tochter der Protagonistin, hat, wie der Anfang des Buches sofort klarstellt, ihren Vater Johan früh verloren. Annett, ihre Mutter, bemüht sich redlich um sie, aber die Fehlstelle bleibt, und so sieht Annett, als sie die Wohnung ihrer Tochter in Berlin besucht, nur ein Foto von Johan, aber keines von ihr. Sie raufen sich dennoch zusammen.
Linn aß Erdbeeren mit Joghurt, hin und wieder leuchtete eine Nachricht auf ihrem Telefon auf, ich sagte, ich ginge ins Bett und legte mich im Nebenzimmer hin. Später wurde ich wach, Linn öffnete über uns das Fenster und schlüpfte unter die Bettdecke, eine Weile blieb sie still liegen und ich tat, als würde ich schlafen. Dann rutschte sie nah an mich heran, lehnte ihren Kopf gegen meine Schulter.
Linn und Annett suchen ihr Glück und finden es, indem sie immer bescheidender, ruhiger, immer zurückgezogener und bedächtiger im Leben voranschreiten. Bilkau erzählt die Mutter-Tochter-Geschichte wie Birgit Birnbacher in Wovon wir leben mit einer sehr melancholischen, sentimentalen Note. Die Unaufgeregtheit als poetische Emphase bricht sich jedoch leider an keinem Ereignis oder Widerstand.
»Ich habe Neoprensocken für uns eingepackt. Wenn es dunkler und kühler wird, ist es angenehm, sie zu tragen«, sagte [die Nachbarin] Agnes, als wir uns gegen sieben auf den Rückweg machten, wir waren gut in der Zeit.
Es gibt keine Differenz, keinen Konflikt, kein wirkliches Problem, und so dümpelt und schlingert das flüssig geschriebene Buch vor sich hin und endet, wo es beginnt, irgendwo im Niemandsland zwischen einer Autobiographie und einem Sachbuch für Erziehungsfragen, also auf einer öden Halbinsel, die weder Fisch noch Fleisch, schon gar nicht zum Reisen erst einlädt. Nebenan ist bei weitem geheimnisvoller gewesen.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Wichtige Figuren: Annett (49), Mutter von Linn (25), lebt als Witwe in Norddeutschland als Bibliothekarin, etwas vereinsamt.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe/Plot (kurz):
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe/Plot: In der Gegenwart, 2020er Jahre, bricht Linn (Ökologin, 25), die Tochter von Annett (Bibliothekarin, 49), während einer Tagung in einem Hotel bei ihrem Vortrag zusammen, stürzt und muss ins Krankenhaus. A gibt den Hund Bo zu ihren neuen Nachbarn, Agnes, Marie und Levin (alle um die 30) in Pflege, fährt zu ihrer Tochter und nimmt sie, nachdem sie im Hotel Ls Sachen abgeholt hat, mit zu sich in ihr Haus nach Norddeutschland, um sie aufzupäppeln. L beginnt sich mit alten Dingen aus dem Keller zu beschäftigen, kramt ihre alten Tuschezeichnungen aus. Nach einer Woche fährt L zurück nach Berlin. Die Nachbarn laden A zum Grillen ein, A ist aber zu schüchtern, um etwas über sie in Erfahrung zu bringen. Als A eines Tages von der Arbeit kommt, liegt L bei ihr im Wohnzimmer, schläft. L antwortet nicht As Fragen, zieht sich zurück. Bald stellt L klar, dass sie ihren Job und ihre Wohnung in Berlin gekündigt hat und zurück zu A zieht, ihr sei einfach alles zu viel geworden. A wird von einem Hotelangestellten angerufen, der mitteilt, dass L für die beim Sturz verursachten Schäden aufkommen muss. A fordert die Unterlagen ein, um diese bei ihrer Versicherung einzureichen. Es kommt auch heraus, dass L sich nicht auf Geschäftsreise befunden hat. A erlaubt Levin durch ihr Blumenbeet zu fahren, um eine tonnenförmige Sauna in den Garten zu stellen. A fühlt sich hingezogen zu Levin. Die Nachbarn, A und L unternehmen eine Wanderung durchs Wattenmeer. Levin und A flirten bei einer Heißen Schokolade mit Schuss (Tote Tante After Eight). L und A fahren nach Berlin, um die Wohnung zu räumen; A lässt sich betrügen, als zwei Typen das Sofa abholen und vorgeben, mit Paypal bezahlt zu haben. Es stellt sich nachher heraus, dass L, die zu diesem Zeitpunkt einkaufen gegangen ist, gar kein Paypal-Konto hat. A sucht eine Aussprache mit ihrer Tochter, die nicht an ihr Telefon geht, Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen scheint. Sie versöhnen sich aber. Wieder im Norden durchwühlt L die alten Dinge von A, bspw. alte Matheklausuren, alte Mädchen-Magazine. Levin hat das Blumenbeet von A wieder hergerichtet. L beginnt in einer Bäckerei auszuhelfen, fährt eine Freundin besuchen. Levin baut ein Bassin und will es mit Kacheln verzieren. A hilft bei der Musterbildung. Sie schlafen miteinander. A erhält die E-Mail mit den Schadensunterlagen, ca. 14000 Euro. Sie reicht die Kosten bei ihrer Versicherung ein. Levin und A unternehmen eine Ausflug, gehen schwimmen. L richtet sich häuslich bei A ein. L erzählt A von dem Konflikt mit ihrem Arbeitgeber. Der Handel mit Kohlendioxid-Zertifikaten führt zum Landkauf für die Wiederaufforstung und zerstört wichtige Agrarflächen für die einheimische Bevölkerung. L brach zusammen, als sie diese Kritik der Holding, den sogenannten Wohltätigen, vorbringen wollte. Aus diesem Grund hat sie vor der Tagung gekündigt, um frei die Meinung sagen zu können. Sie konnte den Vortrag nur nicht beenden. Die Versicherung teil A mit, dass L nur versichert gewesen ist, sofern sie zum Zeitpunkt noch den Status einer Studentin inne hatte. A wütend über ihre eigene Nachlässigkeit. Auf einer weiteren Wattwanderung treffen sie Reiterinnen. Ein Pferd büchst aus und lässt sich L nicht mehr einfangen. A fürchtet um L, die sich sehr weit ins Watt hinauswagt. Während A saunt, bringen Agnes und Marie sie auf die Idee sich zu wehren. A besucht den Restaurator, der den Kostenvoranschlag gefertigt hat, übernachtet bei ihm und erfährt, dass er eigentlich für die minimale Restaurierung mit geringen Kosten plädierte, die Holding aber den teuersten Plan beauftragt hat. Im Hotel trifft sie die Geschäftsführerin, die von dem Vorfall nichts wusste und verspricht den Vorgang zu prüfen. L hat nun die Kartons ihres verstorbenen Vaters in der Mangel. Sie und A sprechen sich darüber aus, dass A L vor unangenehmen Erlebnissen zu bewahren versucht hat, bspw. nicht mit ihr über den Tod Johans geredet hat. Sowohl das Hotel wie der Restaurator geben bekannt, dass sich die Kostenübernahmen erledigt haben. Die Holding übernimmt die Kosten. A geht zur Bäckerei, in der L arbeitet, sieht, dass sie glücklich ist. L arbeitet wieder an ihrem Vortrag und hält ihn in München bei einer Klimakonferenz. A sieht im Fernsehen, wie eine Klimakleberin getreten wird, die L zum Verwechseln ähnlich sieht. Es war aber nicht L. A will nicht länger auf Levin warten und geht nun selbstbewusst zum Nachbarhaus und klopft.
● Unnötige Elemente: wie sie zu ihrem Haus gekommen ist; welche Stellenangebote sie sich anschaut; die diversen Liebschaften von Annett; das Schicksal von Ingrid und Lars, ihren einstigen Nachbarn; Referenz zu Ibsens „Ein Volksfeind“.
… das Buch besitzt keinen Spannungsbogen. Der Text besteht aus einem Geplauder über das Mutter-Sein, also eine Form von informellem Erfahrungsaustausch, ziemlich geradeheraus. Es gibt weder ein Problem noch ein Ereignis, das erzählt werden müsste. Mutter und Tochter haben Alltagsprobleme. Die Mutter macht sich Vorwürfe, die Tochter zu sehr behütet zu haben. Die Tochter bekommt mit Mitte 20 ihre eigenen Probleme nicht gebacken und zieht wieder zuhause ein. Die Mutter hat Angst um die Tochter. Die Tochter hat Angst um die Welt. Am Ende fährt die Tochter mit Freunden an den See, und die Mutter genießt eine Affäre mit dem zwanzig Jahre jüngeren Nachbarn Levin.
… wirklich langweilig –> 1 Stern
Form: Flüssig geschrieben, ohne jedweden melodischen, harmonischen, poetischen, dramatischen Anspruch. Das Symbolische, die Ästhetik überhaupt, wird nicht angestrebt. Reines Alltagsgespräch, Alltagsdiskurs ohne Durchformung. Sprache tadellos, aber der Alltagssprache abgelauscht. –> 2 Sterne
Erzählstimme: Situierte Ich-Erzählerin, die konsequent im Präteritum schreibt, sich erinnert, die Ereignisse reiht, erzählt. Sehr konsequent, selektiv und selbst-reflexiv. Die Ich-Erzählerin, wie das Ende zeigt, in Präsens, sitzt zuhause, während die Tochter auf der Klimakonferenz ist und bereitet sich auf ihr Date mit dem Nachbarn vor. Leider wirkt die Erzählstimme unfokussiert, schweift ab, aber auf uninteressante Weise. –> 3 Sterne
Komposition: Viele Anachronien, Mischung aus szenischen und narrativen Szenen, gelockert, aber nur lose Verbunden durch eine autobiographische Reihung, die keinerlei dramatischen Ballungspunkt besitzt. Die Unaufgeregtheit bricht sich nicht an einem Eklat. Alles dümpfelt vor sich hin. –> 1 Stern
Leseerlebnis: Es liest sich schnell, aber anstrengend, da über weite Passage nicht klar wird, warum es nun interessant ist, dass sich eine Figur Neoprensocken anzieht (bspw). Keine Differenzierung zwischen Banalitäten und Erzählwertem. Es wird einfach irgendetwas erzählt, und so erscheint es auch. Einfach so herunter erzählt. Langweilig. –> 1 Stern
Samantha Harvey: „Umlaufbahnen“

Nicht mal ärgerlich, nur gewollt und rudimentär ausgeführt
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 1/5 Sterne (irrelevante Figuren u. Handlungsfäden)
Form: 2/5 Sterne (professionell-feuilletonistisch)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (asubstanziell-auktorial)
Komposition: 1/5 Sterne (keine)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (kreative Abschlussarbeit)
Samantha Harvey stand bereits mit Tage der Verwilderung (2009) auf der Longlist des Booker Prize, den sie nun mit dem als Roman bezeichneten Kreativessay über eine Raumstationscrew, Umlaufbahnen, gewonnen hat. Es handelt sich hier weniger um einen Roman als um eine Bildbeschreibung des Planeten Erde von außen betrachtet:
Die umbrabraunen Flächen und ockerfarbenen Flüsse, das burgunderrote Tal eines Tausende Kilometer langen Bergzugs. Der Himalaya schleichender Raureif; der Everest ein kaum erkennbarer kleiner Punkt. Jenseits der Berge bedeckt das satte, frische Braun des tibetischen Plateaus die Erde, von Gletschern und Flüssen durchzogen und mit saphirfarbenen, gefrorenen Seen übersät.
Nicht ohne Grund beginnt Harveys Text auch mit der Bildbeschreibung von Diego Velázquez‘ Gemälde „Las Meninas“, das für seine mehrdimensionale Perspektivik bekannt geworden ist und Anlass für viele Spekulation und Thesen gegeben hat, siehe bspw. Michel Foucault Die Ordnung der Dinge . Harvey greift diesen Topos auf, indem sie ähnliche Polyvisualität durch eine Raumstationsmannschaft einführt und durchführen lässt. Sechs Menschen sind an Bord, die alle eine gewisse Funktion besitzen, alle auf die Erde und den Mond schauen und ihre diesbezüglichen konformistischen Gedanken haben:
Sie choreografieren die Bewegungen und Funktionen des Schiffskörpers, während er seine perfekte Choreografie um den Planeten ausführt. Anton – still, trockener Humor, sentimental, jemand, der bei Filmen und bei besonders ergreifenden Szenerien vor dem Fenster unverhohlen heult –, Anton ist das Herz des Raumschiffs. Pietro der Verstand, Roman (der aktuelle Kapitän, kompetent und geschickt, kann alles reparieren, den Roboterarm millimetergenau manövrieren, die komplexesten Schaltplatten verkabeln) die Hände, Shaun die Seele (hier, um sie alle davon zu überzeugen, dass sie Seelen haben), Chie (methodisch, gerecht, weise, nicht ganz zu greifen oder zu definieren) das Bewusstsein, Nell (mit dem Acht-Liter-Lungenvolumen einer Taucherin) der Atem.
Stil und Duktus von Umlaufbahnen lässt sich als eine Art Zwischenspiel und Chorgesang einer nicht in Erscheinung tretenden auktorialen Erzählinstanz verstehen, die die meiste Zeit im Plural über die Mannschaft berichtet, auch in die direkte Anrede des Publikums hinüberwechselt oder die Anrede als Gedankenstrom auf die Erde und dortige vereinzelte Individuen lenkt. Der teilweise gewollt-pathetische Ton summiert das Einzelschicksal der Erde, die Gewalt der Menschengeschichte, die Kleinheit der Gattung in zirkelnden, sich wiederholenden, gebrochen-akademisierten Stanzen, die keinerlei Harmonie, dafür aber Einheit in der Uneinheit anstreben. Das Ganze entsteht wie in „Las Meninas“ durch das Zusammenspiel paradoxaler Perspektiven, die sich um Tod, Leben, Sinn und Schönheit drehen, sich aber leider zu oft in Käsenudeln, Postkarten und „Licht aufsaugenden Solarmodulen“ verlieren.
Dem Licht wachsen Flügel und Glieder, es entfaltet und öffnet sich. Es drückt gegen die Innenseite der Atmosphäre, zuckt und biegt sich. Lässt Schwaden aufsteigen. Es fluoresziert und wird immer heller. Explodiert dann zu Türmen aus Licht.
Das „Licht“ explodiert „zu Türmen aus Licht“ – wie die Metapher des Weltraumkalenders nicht aufgeht, denn ohne ein Weltzeitenende gibt es auch keine voranschreitende Intervallgröße, so geht weder die in sich gekrümmten Beschreibungsbemühungen noch der Plot, die ununterscheidbaren Mannschaftsmitglieder, als Chor und Polyphonie auf. Der Text erscheint als Improvisation auf das Thema „Raumstation“, als Fingerübung, die aus Versehen den Weg auf den Literaturmarkt gefunden hat, eine unzusammenhängendes Geschreibsel, das sogar sachlichen Unsinn, Katachresen und Abstraktionsniveau-Vermischungen bis zu einem Exzess betreibt, dass einem wie bei Benjamín Labatuts The Maniac manchmal die Haare zu Berge stehen.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: ● Hauptfiguren:
-Nell (Atem des Raumschiffs): Engländerin, hat Bruder, der erkältet ist, Taucherin, Atheistin, kurzes, hochstehendes Haar, Initiationserlebnis: der Challengerstart, mit Pietro ein Spektroskop an der Außenwand montiert, Ehemann, Ire, hütet Schafe;
-Chie (Bewusstsein des Raumschiffs): Mutter stirbt, nun Vollwaise, Japanerin, Zucht von Proteinkristallen, schreibt Listen, beobachtet Mäuse, Foto mit Mutter am Tage der Mondlandung, Familie knapp der Atombombenexplosion in Nagasaki entkommen;
-Anton (Herz des Raumschiffs): vermisst seine Familie, denkt über Michael Collins nach, das Foto von der Erde, wollte immer zum Mond, Russe, hat einen Knoten im Hals, weint über Chies Erzählung von ihrer Mutter, hat als Kind Raumschiffmodelle gebastelt;
-Pietro (Verstand des Raumschiffs): wünscht sich das Raumschiff als altes Bauernhaus, überwacht Mikroben, hat bereits 400 Tage Weltraum auf dem Buckel, außerordentlich impulskontrolliert, schon als Kind, hat einem Fischer auf den Philippinen geholfen, hilft dessen Familie mit Kind, hat eine Tochter, Italiener;
-Roman (Hände des Raumschiffs): 434. Tag, Russe, hat einen Sohn, der ihm einen Halbmond mitgegeben hat, funkt mit der Erde, wollte schon im Mutterbauch Kosmonaut werden,
-Shaun (Seele des Raumschiffs): seine Frau und die Postkarte mit La Meninas, beobachtet Schotenkresse, Christ, mit Vater und Großvater die erste Mondlandung angeschaut, Challengerstart, Angst, nimmt Kontakt mit Bodenstation auf, US-Amerikaner, soll über die Zukunft der Menschheit berichten.
● Zusammenfassung: Plot dreht sich um einen Taifun über den Philippinen und eine Mondmission. Unterdessen werden einige andere kleinere Details über die Mannschaftsmitglieder zum Besten gegeben, und wieder und wieder über die Welt im großen Abstand geschrieben, über deren Landstriche sie hinwegfliegen. In Zyklen. Eigentliche Inhaltsangabe, die Welt als Gemälde, die Welt als Farbfleck, das berauschende, synchronisierende Gefühl eine Gattung im Nichts zu sein, gesponsert von der Technologie.
… kein wirklicher Plot, eher eine Zustandsbeschreibung, eine Schwerelosigkeitsexploration, ein kreatives Schreiben über den Weltall als Stillstandsverfahren, als Nature morte, Stillleben. Figuren uninteressant, kaum zu unterscheiden. Nur Chie sticht heraus, durch den Tod der Mutter. Tristesse um Käsenudeln, um Farben, Taifun, Mord und Elend und Hoffnung für die Menschheit, inszeniert als Zwischengesang, bspw. in einem Epos, in einer Tragödie. Aber inhaltlich hält gar nichts bei der Stand, keine Dramatik, keine Spannung, keine sich entfaltende Beschreibungsrhythmik oder -melodik. –> 1 Stern
Form: Unrhythmische, stark Hilfsverben basierte, strauchelnde Sprache, die keinen Fluss erzeugt, die mit Wiederholungen arbeitet, kein Staccato hinbekommt, Wortfeldvermischungen betreibt, die den Text aus den Angeln heben, zerfetzen, teilweise sehr martialische Wörter („Bomben“ etc…), gehobene-umgangssprachlich, mit wenig Sinn für Wortketten und Wortverbindungen, unpoetisch, gewollt, ungeschlacht, aber dann doch atmosphärisch, ruhig, langatmig, langweilig, insoferm mimetisch die Schwerelosigkeit nachahmend, an manchen Stellen. Von den ärgerlichen Fachbegriffen abgesehen, journalistisches, professionelles, abgeschmacktes, aber gekonntes, gewolltes Schreiben. –> 2 Sterne
Erzählstimme: Verborgene Erzählinstanz, auktorial, allwissend, über den Dingen schwebend, in alle Figuren hineinsehend, über der kosmischen Zeit sich befindend, im absoluten, souveränen Überblick, urteilend, mahnend, ermahnend, mit erhobenem Zeigefinger prosodierend. Völlig unglaubwürdig. Zwar dem Gegenstand angemessen (Entwicklung des Kosmos, Galaxien), aber inhaltlich nicht abgefangen, dafür zu wenig inhaltliche, komische Spannung. Zwischen Pokerspielen und Käsenudeln bedarf es keiner allwissenden Erzählinstanz. –> 1 Stern
Komposition: Inhaltliche Idee, sechzehn Mal um die Erde, sechzehn Mal mit der Erde befassend, sechzehn verschiedene, leicht verschobene Ansichten, dann Ende. Einfache Reihung, Wiederholung, kein Plot, keine Spannung, also auch keine Komposition. –> 1 Stern
Leseerlebnis: Das sich hinziehende, langsame, schwerelose Beschreiben besaß seine Momente, eine gewisse Weltraumstation ähnliche Atmosphäre, die interessante Schwebewirkungen gehabt hat. Dehnung von Zeit. Dehnung von Bewusstseinsströmen. Jedoch immer wieder durchbrochen, unterbrochen von völlig irrwitzigen Abschweifungen, und sinnentleerten Einwürfen des Menschlich-Allzumenschlichen, so dass keine langanhaltende Spannung, Atmosphäre sich einstellen konnte. Nicht ärgerlich, nicht wirklich, einfach nur ein etwas in die Länge gezogenes kreatives Hausaufgabenstück für eine Schreibschule als Schreibempfehlung. Pflichtarbeit. –> 2 Sterne
Christian Kracht: „Air“

Semantisch-sprachliche Leerräume mit plot-entleerter Symbolik. Meditativ.
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 1/5 Sterne (Chaotischer Weltenswitch)
Form: 3/5 Sterne (professionell-funktional)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (unreflektiert-auktorial)
Komposition: 1/5 Sterne (plot-entleerte Statik)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (Entspannungsbuch)
Kracht veröffentlicht ungefähr alle fünf Jahre einen Roman. Mit Air erscheint nun nach Faserland im Jahre 1995 sein siebter. Anders als in anderen Romanen betreibt Kracht nur sehr vermittelte Geschichtskritik. Air handelt nämlich eher von einem in sich verschobenen Realitätsverlust um ein mögliches Trauma herum. Seine Protagonisten erscheinen als vereinsamter, verstörter, ja deteriorierender figuresker Nachhall eines einstigen Individuums:
Cohen hatte schon in jungen Jahren gewußt, daß er anders war als alle anderen, die er kannte. Er war ein trauriger Mensch, schon seit vielen Jahren, obwohl er sich das niemals selbst eingestehen würde. Er lebte nicht mehr mit dem Gedanken an eine Hoffnung, nach der er sich doch mehr als alles andere sehnte, weil er wußte, daß es vergeblich war. Er wartete zwar immer noch darauf, daß diese Hoffnung eines Tages an seiner Tür erscheinen würde. Aber er dachte nicht mehr daran, er zwang sich dazu, es zu vergessen. Nur wie soll man etwas vergessen, das man geliebt hat?
Paul, in ähnlicher Lage wie Cohen, nimmt Cohens Auftrag an und stellt sich bereit, einen Hangar in der Nähe von Stavanger perfekt auszuweißen. Der Hangar erweist sich als der Innenbereich des Green Mountain Data Centre, einem umfunktionierten Nato-Bunker. Als er diesen besichtigt, erreicht ein von der Sonne ausgehender Magnetsturm die Erde – und bringt Realitäten durcheinander:
In gerade einmal acht Minuten hatte die starke elektromagnetische Strahlung die Oberfläche der Erde erreicht. Nichts davon war zu sehen, nichts zu erahnen, nicht einmal glatte Lichtmuster, nicht einmal Spiegelungen. Der Sonnenwind aber schuf im Vorbeiziehen gigantische grüne Polarlichter in der Atmosphäre, jene prismatischen Lichtvorhänge, die über den Himmel flatterten, und er sorgte auf der sonnenbeschienenen Seite der Erde für massive Ausfälle der Satelliten- und Mobilfunkverbindungen […] Ein Ereignis folgte dem anderen, denn Geschichten waren in der Raumzeit ebenso unzerstörbar wie Materie und Energie.
An dieser Stelle lassen sich viele Brüche aufzeigen, die Air von Christian Kracht zu einer intellektuellen Tortur werden lassen. Einerseits erreichte die Strahlung die Erde, ohne dass sich etwas erkennen ließe; andererseits aber entstehen sichtbare „prismatische Lichtvorhänge“ und resultiert ein Totalausfall der Kommunikationskanäle durch eben diese elektromagnetische Strahlung. Alles dann doch ziemlich beobachtbar.
Krachts auktoriale Erzählinstanz betreibt wie stets so auch in Air Paradoxien, wo er nur kann, legt diese grinsend frei und treibt dann den Schabernack auf die Spitze, wenn er sprachliche Strukturen, singuläre Raumzeitereignisse, als unzerstörbar wie „Energie“ oder „Materie“ beschreibt, zwei hochabstrakte Begriffe, die nur sinnvoller innerhalb abgeschlossener Systeme verwendet werden und zudem mit der Beschreibungsebene „ein Ereignis folgte dem anderen“ kausal keine Verbindung eingehen können noch semantisch haben.
Krachts Erzählinstanz betreibt selbstredend Humor und zwar einen subversiv-nihilistischen. Air will sich nicht ernstnehmen lassen und sträubt sich gegen Kohärenz und Konsistenz. Wer mit dem Geschriebenen nichts sagen will, muss sich auch an keine Plausibilitäten halten – der Text wird hiermit aber der Beliebigkeit überantwortet. Die Geschichte platzt zwar aus allen Nähten und geht über alle Ufer, was aber bleibt, ist dann nur noch ein nett geschriebenes Potpourri, das unverbindlich wahrscheinlich um das betrauerte Ende der Kindheit einer Tochter herumkreist.
Vergleichbar gelagert, nur intensiv und konsistent, empfehle ich dagegen sehr Sjóns Schattenfuchs . Wer aber mal durchatmen, Luft holen will, der findet in Air genug intellektuelle Leerräume, um dies zu tun.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: ● Protagonisten:
Paul, Dekorateur, in Stromness allein-lebend mit einäugiger Katze;
Cohen, Herausgeber des Magazins Küki, in Stavanger lebend, depressiv;
Ildr, ein neunjähriges Mädchen, das in einer Parallelwelt auf ihren Vater wartet;
Ut, eine Kriegerin der Steinstadt, die Paul und Ildr das Leben rettet.
● Kurzzusammenfassung/Inhaltsangabe (kurz): Paul reist für einen Dekorationsauftrag nach Norwegen. Ein elektromagnetischer Puls schlägt ein. Er verschwindet. Sein Auftraggeber, Cohen, sucht nach ihn. Beide treffen sich in einer Parallelwelt wieder, in der ein Kampf zwischen dem Norden und Süden herrscht, den der Süden für sich gewinnt, insbesondere durch die Hilfe von Cohen und Paul, die mit Schusswaffen dem Süden zur Seite stehen. Am Ende ziehen Cohen und Paul, wie Lancelot und Merlin, in die Berge.
● Zusammenfassung/Inhaltsangabe (lang): Ingesamt 16 Kapitel mit wechselnden Handlungssträngen.
1.) Paul (P) wacht in Stromness auf, entscheidet sich den Auftrag von einem seiner Lieblingsmagazine, Kūki, anzunehmen, einen Hangar in Stavanger perfekt zu weißen.
2.) Ildr (I), 9 Jahre alt, mutter- und vaterlos, jagt mit Pfeil und Bogen, schießt auf ein Reh, trifft aber einen Fremden, der sich später als P herausstellt, rettet ihn und bringt ihn zu sich nach Hause. Sie berichtet davon, wie ihr Vater davonzog, ihre Mutter der Gelben Seuche erlegen ist. Soldaten des Herzogs von Tviot suchen den Fremden, I beschützt ihn.
3.) Kurze Reminiszenz, wie es zu Ps beruflichen Erfolg gekommen ist und als „Magier“ für Innenräume gilt. Er hat für den Herzog von Cumberland das perfekte Rot gefunden, der ihm zum Dank kein Geld, sondern ein Gemälde von Merlin und Lancelot geschenkt hat, das nun bei ihm in Stromness hängt. Die Folgeaufträge sind aber lukrativ geworden.
4.) I und P entscheiden sich vorerst noch zu bleiben. P erzählt von Mehrdimensionen und zeigt ein leeres Blatt Papier, das er zu einem Flugzeug faltet. I spielt damit.
5.) P kommt in Stavanger an, trifft den Herausgeber Cohen (C), der depressiv das Magazin nur als Augenwischerei betreibt, will, dass P den Innenbereich des Green Mountain Data Centre weißt, einem umfunktionierten Nato-Bunker. P will zuerst abreisen, übernimmt den Auftrag aber.
6.) I und P werden von den Soldaten des Herzogs aufgesucht. Sie töten sie und fliehen, aber zuerst in die falsche Richtung. Sie werden wieder aufgespürt, verbarrikadieren sich in einem Turm. P hat in seinem Beutel eine Keramikpistole, die aber nicht schießt. I probiert sie aus und erschießt die Soldaten. Ein von den Soldaten misshandelter Hund bleibt zurück.
7.) Derweil entsteht auf der Sonne ein elektromagnetischer Puls und wabert zur Erde. Nach dem Puls ist P wie vom Erdboden verschwunden (-> stirbt?).
8.) Ein Komet schlägt in der Welt von I und P ein. Sie fliehen, um den Häscher des Herzogs zu entkommen. Die Welt wird immer karger.
9.) C bekommt ein schlechtes Gewissen wegen P und beginnt ihn zu suchen, nimmt Phenobarbital (süchtig machendes Schlafmittel), weil ihm alles egal ist. (-> stirbt?)
10.) I und P und die Hündin, die sich ihnen mittlerweile angeschlossen hat, drohen zu verhungern. Sie treffen im Süden auf Ut, die ihnen hilft. Ut lebt in der Steinstadt, die sich seit Generationen gegen den Norden, den Herzog, zur Wehr setzt.
11.) C auf der Reise durchs Eismeer, sieht auch den Kometen, träumt im Traum, trifft einem Menschen auf einer Scholle. Sie rudern zur nächsten größeren Stadt, der Steinstadt.
12.) P und I erreichen die Steinstadt, lernen Reidh kennen. Dort leben die Menschen ohne Privatsphäre, solidarisch, einvernehmlich friedlich. Das Leben erscheint als nahezu perfekt kristallin, nur Algen, Stein, Eis und Wasser und Muscheln, keine Erde, nichts Organisches.
13.) C und sein Begleiter erreichen die Steinstadt. C sofort von Ut begeistert, die von ihm aber nichts wissen will.
14.) I sieht auf dem Livagar gen Süden die Herzogischen Schiffe segeln. Sie bereiten sich auf die Verteidigung der Stadt vor. P spricht mit ihr über Weltraumreisen.
15.) Sie vereiteln den Angriff der Truppen, insbesondere mit Cs Gewehr und Ps Pistole. Der Herzog hat jemanden wie P abstürzen sehen (der Komet), von diesem hat er Antibiotika genommen, so dass es ihm besser ging. Er ist nach Süden gefahren, um mehr Antibiotika zu erbeuten. P gibt ihm etwas von dem Pulver. Der Herzog fühlt sich besser und erschießt daraufhin I. P beschreibt ihr die Welt von oben.
16.) Sie segeln alle gen Norden, bevölkern das Gebiet des Herzogs. Bei der Rettung eines Pferdes hat sich C verletzt. C und P gehen zur Burg vom Herzog, ziehen danach in die Berge.
17.) Ende des Buches in Barnhill, dem Traumhaus von P, Ruhe, niemand ist da.
… wie immer bei Kracht viele Anspielungen: Mark Twain „Ein Yankee aus Conneticut an König Artus‘ Hof“; Cormac McCarthy „Die Straße“; Astrid Lindgren „Die Brüder Löwenherz“; Michael Crichtons „Timeline“; Alfred Kubins „Die andere Seite“; Sjón „Schattenfuchs“ … von Filmen, Serien („The last of us“) oder Videospielen („Horizon Zero Dawn“) völlig abgesehen.
… am sinnvollsten lässt sich das Buch dechiffrieren als eine Verarbeitung der Erwachsenwerdung seiner Tochter „Elizabeth Hope“, denn Hope so heißt das Ruderboot von Paul, das er aber nicht verwendet; und Cohen wartet auch zeitlebens darauf, dass die „Hoffnung“ an seiner Tür klopft, findet nachher das Boot von Paul und rudert zur Steinstadt. Die Abwesenheit der Hoffnung treibt Cohen an. Paul kümmert sich um Ildr, als wäre sie seine Tochter; und so weiter. Dechiffriert, u.a., Paul hat keine Zeit für sein Ruderboot „Hoffnung“, geht unsinnige Arbeiten verrichten, und zwar die durch die Rettung des Herzogs zustande kommen, der also verantwortlich für den Tod der Tochterkindheit ist. Das desillusionierte Alter Ego Cohen fährt zurück und nutzt das Boot, aber es ist bereits zu spät. Die Tochter ist erwachsen und lässt sich nicht mehr finden.
… Hauptproblem: Es gibt keine Story. Es gibt eine innere Zerrissenheit. Es gibt zwei Welten, die nichts miteinander zu tun haben, nur durch Analogien besitzen (Kometeneinschlag). Jede dieser Welten funktioniert für sich. Es gibt kein Ereignis, kein Geheimnis. Das Buch war gähnend langweilig, da nicht einmal immersiv, sondern nur gebrochen illustrativ, und somit rein dekorativ wie ein Teetischbuch. –> 1 Stern
Form: Verglichen mit der sonstigen Gegenwartsliteratursprache sticht Christian Kracht heraus. Seine Sätze sind wohlgeformt, interessant gebaut, flüssig und professionell geschrieben. Hier gibt es kaum etwas, grammatikalisch-syntaktisch, zu bemängeln. Wenig Hilfsverben. Interessante Wörter. Leider betreibt Kracht viele Wortfeldmischungen, die Abstraktionsniveaus nicht berücksichtigen – bspw. wenn plötzlich von „morbid“ oder „entropisch“ oder „Askese“ die Rede ist, aber keine kommunikativ-inhaltliche Rückkopplung zu diesem Vokabular existiert. Hinzukommt, nicht melodisch, nicht in sich selbst-referenziell dynamisch. Rein funktional, das aber konsequent. –> 3 Sterne
Erzählstimme: Auktoriale, allwissende, kommentiere Erzählstimme, die zwischen den Zeiten, Figuren, Welten hin und her springt, wie sie will. Sehr lose, sehr lockerer Verbund, keine formale Rahmung, keine Selektion, reines Diktat, ohne Reflexion. –> 1 Stern
Komposition: Keine. Die zwei Welten beziehen sich nur rein „symbolisch“ aufeinander durch die Namen, nur rein äußerlich, ohne Spannungsbogen. Nichts durchdringt sich. Das Aufeinander-Verweisen bleibt zu abstrakt. Zu gewollt, zu beliebig, zu wenig motiviert. –> 1 Stern
Leseerlebnis: Durch die flüssige, gelungene Werbesprache, durch das Plakative, Überzeichnete, teilweise Grotesk-Satirische besitzt das Buch eine gewisse Werbewirksamkeit und hält sprachlich bei Laune. Leider geschrieben wie ein Genre-Buch, nur hier ohne Plot, was im Grunde dann etwas witzlos wird, ohne jede Eklat, ohne Ereignis, Tat, ohne irgendetwas, was substanziell ein Erzählanlass wäre. Was es bewirkt, teilweise Ruhe und Entspannung durch die semantischen Leerräume zu erzeugen. –> 3 Sterne
Cemile Sahin: „KOMMANDO AJAX“

Agitprop-Potpourri über ein kriminelles Prekariat.
(Shortlist Leipziger Buchmessepreis 2025)
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 1/5 Sterne (Blutrache und Spielsucht)
Form: 1/5 Sterne (keine)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (unsituierte Allwissenheit)
Komposition: 2/5 Sterne (Kollagenpotpourri)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (simples Agitprop)
Die Unübersichtlichkeit der Welt spiegelt sich literarisch im Aufsprengen sämtlicher Konventionen wider. Episodenhaft wird eine Parataxis betrieben, die einen Sachverhalt nach dem nächsten aufzählt, nacherzählt, resümiert und paraphrasiert, den Blick atemlos durch die Ereignishaftigkeit peitscht. Sibylle Bergs GRM: Brainfuck und RCE: #RemoteCodeExecution treiben die Unübersichtlichkeit verdichtend auf die Spitze, indes Barbi Marković‘ Minihorror oder eben KOMMANDO AJAX eher rudimentär, d.h. mit äußerst restringiertem Code arbeiten:
Fatma nimmt die Waffe vorsichtig in die Hand. Beretta?, fragt sie und sieht dabei Fefe mit gerunzelter Stirn an. Fefe, der Fahrer, deutet auf seine Tasche und sagt: Nike. Dann zeigt er wieder auf die Waffe und sagt: Beretta. Und Fatma versteht, dass die Waffe Beretta heißt. Weil Nike ist Nike, und Beretta ist Beretta. Logisch.
In der Tat, Spielsucht, Rachemorde, Knieschüsse, Lügen, Diebstähle, Gemäldefälschungen, häusliche Gewalt lassen sich nicht erklären, genauso wenig wie brandschatzende Armeen, verwüstete Dörfer, zerstörte Leben, Trunksucht etc … Sahins allwissende Erzählinstanz versucht es konsequenterweise auch nicht. Sie reiht auf. Sie zählt auf. Sie protokolliert:
Wir hören: Das Rascheln einer Kaugummiverpackung.
Wir hören: Die Kasse am Tresen, die mit einem schnellen Ruck geschlossen wird.
Wir hören: Ein Windows 95-Computer, der hochgefahren wird.
[…]
Wir sehen: Die Sonne ist bereits untergeganen.
Wir sehen: Ein kühler Wind zieht durch die Straße.
Wir sehen: Niemand ist zu sehen.
Bei KOMMANDO AJAX handelt es sich um ein radikales Sprachexperiment, das subversiv das Erzählerische bis zu einem Grad aushöhlt, dass lediglich reines Rauschen und Raunen der Sinnlosigkeit übrigbleibt. Das Lügen und Betrügen erscheint als ein ewiger Kreislauf, der nur durch das Morden und Sterben kurzweilig unterbrochen werden kann, wobei die männlichen Figuren meistens für Zerstörung, die weiblichen Figuren für Selbsterhalt sorgen.
Schonungslos dramatisiert in Brecht‘scher Mackie Messer- und Die Dreigroschenoper-Manier inszeniert Sahin in KOMMANDO AJAX die Gewalt- und Armutsspirale kurdischer Flüchtlinge bis zu einem Selbstverzehrungsgrad, der schmerzhaft, konvulsiv, bei den Figuren wie in Brechts Die Maßnahme Selbstauflösungstendenzen entblößt. Der literarische Bankrott ahmt den sozialen nach – und dies mag nun von welcher Seite auch immer kritisch, defätistisch, agitatorisch oder polemisch gelesen werden.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: ●Hauptfiguren der Familie Korkmaz:
Ali Hüseyin (AH), Maler, Dachdecker, verheiratet mit Zeyno.
Ali Ekber (AE), spielsüchtig, Ehemann von Ayse, Kinder: Robîn und Ridvan.
Xidir (X), Witwer, Tochter Arîn, Elektriker.
Ibo, genannt „Keko“, jüngster Bruder, heiratet Bêrîtan.
Fatma (F), hat ihren gewalttätigen Ehemann Yüksel vertrieben, Sohn Muro
Ali Haydar, Sohn Diyar, verheiratet mit Gülcan, Fußballtrainer von Amedspor.
Zusammenfassung/Inhaltsangabe: In den 1990er verwüstet die türkische Armee das kurdische Gebiet Dêrsim. Die Familie Korkmaz wird nach und nach aus ihrem Dorf vertrieben. Zuerst suchen die vier älteren Brüder Arbeit in Istanbul, arbeiten auf dem Bau. AH arbeitet als Koch, findet gestohlene Gemälde, aus dem 1990er Bostoner Gemälderaub stammend, in einer Geheimkammer, tauscht einige mit seinen selbstangefertigten aus. Bald darauf flieht die Familie nach Europa, nach Rotterdam. AE, spielsüchtig, flieht als letzter, verspielt aber sein ganzes Geld und setzt eines der ausgetauschten Gemälde als Pfand ein, hierdurch verrät er seinen Bruder AH, gibt die Bilder aber nicht zurück. Der bestohlene Geschäftsmann rächt sich am Wachmann, Celal, der die Bilder bewachen sollte und daraufhin für jemand anderen eine Haftstrafe verbüßen muss, und veranlasst als Vergeltungsmaßnahme, dass Keko, der jüngste Bruder, auf seiner eigenen Hochzeit erschossen wird. Der Scharfschütze wird übermannt, AE reißt ihm das Sturmgewehr aus der Hand, gerät in Panik. Xidir reißt ihm daraufhin das Gewehr aus der Hand und in diesem Moment stürmt die Polizei den Hochzeitssaal und verhaftet Xidir, der für 22 Jahre in Haft kommt. Die Familie Korkmaz baut sich ein Leben auf. AH betreibt eine Sanierungsfirma, und Fatma schafft es, sich im Jahr 2003 als Premium-Putzfrau einen Mercedes zu kaufen. Den Mercedes verspielt Fatmas Sohn Muro, beim Versuch, die Männer im Café 2000 über den Tisch zu ziehen, um Lorin, in die er verliebt ist, einen teuren Ring zu ergattern. AH zieht einen Job beim Aktionshaus Christie’s in Rotterdam ans Land und lernt Agatha Christie kennen, der er seine Gemälde zeigt. Agatha Christie organisiert 2005 eine große PR-Aktion, auf der AHs Bilder ausgestellt werden. Die PR-Aktion, auf einem Tankschiff mit 145 BMWs, geht aber schief. Die Wertgegenstände werden allesamt geraubt. Es stellt sich heraus, Agatha Christie steckt mit Celal unter einer Decke, der sich einige Wochen später dann mit Hilfe der Familie Korkmaz an seinen ehemaligen Chef rächen will. Er verpflichtet AH ein Mondrian-Bild zu fälschen, das in einem großangelegten Ablenkmanöver vor einem vom Geschäftsmann geplanten Raub ausgetauscht wird. Der Austausch gelingt. Celal verschont die Familie Korkmaz. 2015, Ayse, Fatma, Zeyno und Gülcan betreiben eine Änderungsschneiderei. Robîn stirbt bei einem Messerattentat. Er wurde verwechelt. AE voller Schuldgefühl, begreift den Tod seines Sohnes als Schicksal für seinen Verrat und gesteht diesen Xidir, der noch immer im Gefängnis sitzt. Xidir erleidet daraufhin einen Herzanfall und stirbt. Später, im Jahr 2025, rächt sich Bêrîtan am Scharfschützen und erschießt ihn.
… Verstrickung in der kriminellen Szene. Ali Ekbers Spielsucht verursacht eine Menge Probleme für die Familie. Er verrät, um seine Haut zu retten, den friedlichen Hüseyin. Durch die Vergeltungsmaßnahme stirbt der jüngste Bruder, Keko, durch einen Scharfschützer, dem Ali Ekber das Sturmgewehr entreißt, in Panik gerät, so dass Xidir ihm das Sturmgewehr abnehmen muss. Just in diesem Moment stürmt die Polizei die Hochzeit, und Xidir muss 22 Jahre hinter Gitter. Später gesteht Ali Ekber seinen Verrat, woraufhin Xidir stirbt.
… Vom Wirrwarr abgesehen, völlig unplausibel wirkt die Figur von Agatha Christie. Da Celal schon weiß, wer ihn bestohlen hat, muss es diese ganze Episode mit dem Auktionshaus Christie nicht geben. Sie ist schlechthin überflüssig, und auch konstruiert, ohne Idee. Die Aufzählung von 145 Kunstwerken wirkt wie ein Platzfüller, um den Roman zu strecken. Überhaupt wirkt der Plot zu diffus, zu beliebig, fast schon plakativ grotesk. Die türkische Armee brandschatzt in Kurdistan, Ali Ekber und Muro sind spielsüchtig – die Männer verursachen ein Problem nach dem anderen. Fatmas Geschichte hat am meisten Ähnlichkeit mit einer Erzählung. Im Grunde genommen ein Agit-Prop-Potpourri, langweilig, ohne Plot. –> 1 Stern
Form: Sprachlich besitzt dieser Text keinen Anspruch. Kurzwortsätze. Viele Hilfsverben, unnötige Wiederholungen, Überverdeutlichungen. Stets wird alles immer und immer wieder wiederholt. Die Sätze besitzen fast einen Sprechgesang-Charakter. Ohne Wortwitz, ohne Sprachintensität. Nullnummer. –> 1 Stern
Erzählstimme: Auktorialer Erzähler, unsituiert, unreflektiert, zeigt sich nicht. Wechselt beliebig in Zeit und Ort, springt umher, vermag ins Innerste zu schauen. Völlige Verfügungsgewalt, Marionettenspieler, aber einer, der seine Figuren nicht achtsam behandelt. Schwarzweiß-Malerei. Plattitüden. Phrasen. Klischees. Das völlige Fehlen von einer Filterung, einer Rahmung, einer Perspektive lässt den Text in sich zusammenfallen. –> 1 Stern
Komposition: Nichtlinear erzähltes, voller Rückblende aufgelockertes Actionfilm-Geflecht. Wo aber kein Inhalt und keine Form, da ist auch keine Komposition möglich. Eher Schnitt- und Montagetechnik, die hier keine Widerspiegelung im Text finden. Die Auflockerungen, die Einwürfe, die Bilder, das Kollagierte wirken, aber sie entfalten sich nicht. –> 3 Sterne
Leseerlebnis: Ein Spielsüchtiger, der seine Familie in den Ruin treibt, Morde, willkürliche, an Kurden, brutale Machenschaften im kriminellen Gewerbe, die Ausweglosigkeiten und Sackgassenmentalitäten geben dem Text eine große Enge. Alles schlimm. Alles ist auf Blutrache aus. Alles dreht sich im Kreis. Gewalt zieht Gewalt nach sich. Die Figuren interessieren, bis auf Fatma, nicht. Ehre, Stolz, Männlichkeitsgebaren. Alles dekonstruierte Sprachlosigkeit, die als Wortmeldung zwar seine Berechtigung besitzt, aber keinerlei Wirkung hinterlässt. Hierfür zu oberflächlich, schnell, sorglos gearbeitet. –> 1 Stern
Wolf Haas: „Wackelkontakt“

Langweiliges Bildungszitat ohne Tiefenschärfe – mit vorhersehbarem Plot-Twist
(Shortlist Leipziger Buchmessepreis 2025)
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 1/5 Sterne (vorhersehbar, konstruiert)
Form: 3/5 Sterne (professionell-langweilig)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (dissoziierend-auktorial)
Komposition: 1/5 Sterne (keine)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (langweilig)
Wolf Haas, bekannt durch seine Brenner–Romane, schreibt auch lustig-verspielte Prosa sowie Romane, die ihre Themen ziemlich ernst behandeln wie bspw. den Tod einer widerborstigen Mutter in Eigentum.Wackelkontakt lässt sich in die verspielte Kategorie einordnen. Es ulkt, es witzelt, es kalauert nur so vor sich hin:
»Hat dir das deine Mutter nie erzählt? Du heißt mit zweitem Vornamen Rmanlage.« […]
»Das ist kein Name!«, fuhr Ala auf. »Was soll das sein — Rmanlage?«
»Erster Vorname Ala«, dozierte Marko. »Zweiter Vorname Rmanlage.«
Da ihre Mutter vor Lachen fast den Gemischten Satz neben das Glas goss, wurde Ala wütend.
»Waaaaas? Ala Rmanlage?«
Elio aus Italien muss sich vor den Häschern der Mafia in Deutschland verstecken und schlägt sich unter dem Pseudonym „Marko Steiner“ als Alleskönner und Rundum-Zusammenbastler durchs Leben und gründet mit Gabi eine Familie, mit der eine Tochter namens „Ala Rmanlage“ bekommt, weil sie sich anlässlich einer defekten Alarmanlage kennengelernt haben. Die zweite Hauptfigur bietet so ziemlich das volle Kontrastprogramm von Elio Russo alias Marko Steiner, Franz Escher, ein Student der Kunstgeschichte, der schon im zarten Alter von Zwanzig seine Altersvorsorge beginnt, sich mit Trauerreden durchschlägt und, als ein unerfolgreicher Buchautor gezeichnet, sich mit Mafia-Romane unterhält, während er seine Libido beim täglich obsessiven Puzzle-Spielen auslebt:
Doch auch die zwei letzten Gäste erhielten von [dem Puzzle spielenden] Escher nicht viel Aufmerksamkeit. Es entging ihm, dass Martine, über den immer vollständiger werdenden Bildfragmenten kniend, sich so nach den verstreuten Teilen streckte, dass sich ihre ohnehin nicht zu übersehenden Vorzüge zwischen das Geschenk und den Beschenkten drängten. Die Art, wie sie mit raubvogelhafter Anmut über dem entstehenden Bild schwebte, hätte nur einen komplett arglosen Menschen an eine Yogaübung erinnert.
In Wackelkontakt verwickeln sich nun diese beiden Lebensläufe, als eine Art gebildetes Zitat zu Maurits Cornelis Escher, der zwei sich gegenseitig zeichnende Hände gezeichnet hat. Beide Figuren lesen von sich und dem anderen in einem Buch, das nach und nach mit der Erzählgegenwart aufholt, bis es synchron verläuft. Die Geschichten erzählen sich also (konvergent) gegenseitig, was aber nicht wirklich funktioniert, da die Erzählperspektive allwissend und so äußerst distanziert, also dissoziierend, bleibt, und zudem noch die Plotstränge komplett voneinander unabhängig mehr oder weniger, wenn auch nicht gleich gut, funktionieren, wodurch jede Komplementarität flöten geht (Bedingung der Escher’schen Paradoxie, siehe Douglas Hofstadters Gödel, Escher, Bach). Intangibel touchiert Haas‘ Erzählstimme nur die Oberfläche des Problems:
Escher vermutete, dass es dieselbe Nahtstelle war, an der alle Ideen und Erkenntnisse zu Hause waren. Man durfte sich nicht von den Fakten entfernen, aber auch nicht daran kleben. Es ging einzig und allein darum, sich absichtslos in der Nähe aufzuhalten.
Der Überblick geht also leider nicht verloren, und im Überblick wirkt das Hin- und Herschalten zwischen den Erzählebenen von Wackelkontakt arbiträr, künstlich, konstruiert und absehbar. Dass sich Haas nicht entblödet, auch noch einen deus ex machina aus dem Hut zu zaubern, völlig inkohärent das Ende erzwingt und mit einem karnevalesken Tuten seine Erzählstimme preisgibt, setzt Wackelkontakt die Krone der Lächerlichkeit auf wie Paul Auster in Baumgartner. Weder inhaltlich noch formal noch intellektuell herausfordernd, wirkt das Escher-Zitat unpassend und auch ein wenig peinlich.
Haas hat sich in Wackelkontakt nicht einmal die Mühe gemacht, die Perspektivenarbeit von Maurits Cornelis Escher zur Kenntnis zu nehmen und wenigstens ansatzweise, in der Konvergenz, literarisch anzudeuten. Alain Robbe-Grillet mit bspw. Die Jalousie oder Die Eifersucht oder vor allem Julio Cortázar Rayuela und Italo Calvino Wenn ein Reisender in einer Winternacht, also der gesamte nouveau roman war da viel näher dran. Schade.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: ●Protagonist: Franz Escher, ein Puzzler und Trauerredner, um die 50; Marko Stein, ein Zeuge im Schutzprogramm, Elektriker, Bastler.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Franz Escher hat zum 19. Geburtstag von einer Martine, WG-Mitbewohnerin von Daniela, seiner Proseminar-Partnerin, ein Puzzle geschenkt, mit Maurits Cornelis Eschers Bild von zwei sich zeichnenden Händen. Der Beginn einer Leidenschaft, für die er sogar die Avancen Martines ignorierte. Neben seinem Studium jobbt er als Trauerredner. Seine Erlebnisse fasst er in einem Buch zusammen mit dem Titel „Eine traurige Angelegenheit“, das aber ein Flop wird. Die 10 000 DM als Anzahlung legt er im Jahr 1996 als Altersvorsorge in Aktien eines Buchverlages an, die aber sofort in den Keller schießt. Nach dem Buch-Flop konzentriert er sich auf seinen Job als Trauerredner und verbannt alle Bücher, liest nur noch Krimis, insbesondere Mafia-Romane. Auch hat ihn das Buch mit seiner Trauerreden-Kollegin und -Konkurrentin Nellie (wahrscheinlich Daniela aus dem Studium) entzweit, die er im Buch beschrieben und etwas lächerlich gemacht hat (als Prosamaschine und Empathiemonster). Die Jahre als Junggeselle vergehen. Er spielt Puzzle und hält Trauerreden und ärgert sich mehr und mehr mit einem Wackelkontakt in einer Steckdosenleiste in seiner Küche herum. Eines Tages lässt er einen Elektriker kommen, der die Hauptsicherung auslöst und zu arbeiten beginnt. Einem eigenartigen Impuls leitend schaltet Franz die Sicherung wieder ein und der Elektriker stirbt. Statt einen Notarztwagen zu rufen, überlegt Franz, halbseidene Wiederbelebungsversuche unternehmend, entschließt er sich, nachdem er seinen Mafia-Roman nicht weiterlesen kann, doch den Notarzt zu rufen. Der Tod wird festgestellt. Die Elektrikerfirma ist entsetzt. Franz holt das schlechte Gewissen ein und will, nachdem er erfahren hat, dass der Elektriker eine Frau und ein vierzehnjähriges Kind zurücklässt, sich mit einer Trauerrede und einem Geldgeschenk erkenntlich zeigen. Über Nellie erhält er Kontakt zur Witwe (um sich nicht selbst anzubiedern). Er lernt das Leben und die Familie des Elektrikers kennen, was in allen Details mit der Hauptfigur des Romans übereinstimmt, u.a., dass die vierzehnjährige Tochter abgehauen ist, um der väterlichen Familie nachzuforschen. Die Witwe entscheidet sich nun, solange kein Begräbnis zu veranstalten, wie die Tochter noch vermisst wird. Franz und Nellie verbringen einen Abend mit Puzzle-Spielen zusammen, dann erfährt er, dass die Tochter, Ala, entführt worden ist, und ein Lösegeld von 3 Millionen gefordert werden. Franz will helfen, geht zur Bank und erfährt, dass seine Aktien 30 Jahre später ungefähr drei Millionen Euro wert sind. Er hebt sie ab und fährt nach Italien, um dort die Tochter des Elektrikers aus den Händen der Entführer zu retten. Auf dem Weg redet er mit Nellie, die sich versöhnen möchte. Zwei Polizisten halten ihn an und erweisen sich als Teil der Bande, die Ala entführt hat, und geleiten ihn zur Übergabestelle. Ala wird freigelassen und erhält als Geschenk ein in 1890 Teile zerschnittenes Gemälde von Caravaggio (Christi Geburt mit den Heiligen Laurentius und Franziskus), und sie fahren in einem Rutsch zurück nach Wien, dort zum Friedhof, wo am Grab der Elektriker, der Vater von Ala, steht, mit Ala und seiner Frau in die schönste Stadt der Welt umzieht, Franz aber zum Dank das zerschnittene Gemälde von Caravaggio überlässt. Bevor sie aber umziehen, verspricht der Elektriker noch am nächsten Tag die Steckdosen zu repariere. Am nächsten Morgen wartet Franz wieder auf dem Elektriker, schreibt aber Nellie, um ihr das Gemälde zu überlassen, zumal sie über den Schnitt in der Kunsthistorie promoviert.
In diese Geschichte eingewoben ist die Lebensgeschichte des Elektrikers, als Hauptfigur des Romans, den Escher liest, die eines Nachwuchskriminellen aus Aspromonte, Elio Russo, der gegen hochrangige Mitglieder der Mafia aussagt und dann in die Schweiz geschleust wird, dort als Marko Steiner sein Leben beginnt, sich einer plastischen Chirurgie-Prozedur unterzieht, Deutsch lernt, nach Duisburg zieht, um dort mit Fahrradreparatur sein Leben im Stillen zu führen. Als Kriminelle auf seine Vespa aufmerksam werden, gerät er in den Zusammenhang eines Massenmordes, und er flieht nach Berlin, wo er u.a. als Elektriker und Bastler sein Geld verdient. Gabi, die Probleme mit ihrer Alarmanlage hat, fährt zu ihm, von zwei Ersatzteillieferanten auf den Alleskönner Marko aufmerksam gemacht. Marko will zuerst nicht, aber sie verlieben sich und bekommen bald eine Tochter namens Ala (für den Anfang von „Ala“-rmanlage). Es stellt sich heraus, dass sowohl Gabi wie Marko etwas zu verbergen haben, als Gabi, nachdem sie jemanden auf der Straße gesehen hat, ankündigungslos umziehen will. (Es stellt sich heraus, dass sie geweigert hat, zwangsverheiratet zu werden, und von der Polizei in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen worden ist; die Familie mit einer „anderen Kultur“ weiterhin nach ihr sucht, um Blutrache an ihr zu verüben.) Sie ziehen nach Wien. Dort leben sie zehn Jahre, bis ihre Tochter anfängt, Fragen über ihre Herkunft zu stellen. Im Internet einen Hinweis auf die Familie väterlicherseits erhält, Kontakt herstellt und ihren Vater konfrontiert. Er schlägt sie. Gabi rastet aus (auch wegen der Gewalt, die sie aus ihrer Familie kennt, der sie mit Hilfe der Polizei entflohen ist) und wirft Eliot aus der Wohnung. Am nächsten Tag versöhnen sie sich, aber derweil ist Ala auf dem Weg zu Carlotta Esposito, seine Cousine. Sie reist Richtung in Italien, lernt ein älteres Kunstgeschichte-Touristen-Pärchen kennen, das sie unter deren Fittiche nimmt. Am nächsten Tag, während des Buches von Pompeij, erhält sei den Anruf von der Cousine. Ala wird abgeholt, aber die Abholung stellt sich als Entführung heraus. Sie wird eingesperrt, ruft ihre Mutter an. Die Entführer wollen die Auslieferung des Vaters (um Rache zu nehmen). Als sie aber hören, dass er bereits tot ist, wollen sie drei Millionen Lösegeld. Ala wird in ein Steinhaus ohne Fenster gebracht, wo sie mit ihrem Großvater das zerschnittene Gemälde von Caravaggio zusammensetzt. Sie wird von einem Deutschen abgeholt, der sie zurück nach Wien bringt. Am Friedhof findet sie den Vater wohlbehalten wieder. Die Familie beschließt wieder umzuziehen.
… Problematisch: der Elektriker ist tot und doch nicht tot? Sehr schlechter deus ex machina. Zumal Notarzt, Polizei und Zeugen in die Wohnung kommen und den Tod bestätigen … und dann: die beiden Geschichten funktionieren, schlecht, aber sie funktionieren unabhängig voneinander. Die eine Geschichte besitzt gewisse Spannungsmomente (Entführung, Zwangsverheiratung, Zeugenschutzprogramme), die andere nur blöde Ideen von einer schwachen Figur, Franz, der puzzelt, Trauerredner ist, und plötzlich genau drei Millionen Euro zur Verfügung hat, um das Lösegeld zu zahlen (weiterer dummer deus ex machina). Noch blöder: dass Franz weiß, dass er zum Friedhof fahren soll, wo er den Elektriker trifft???
… ärgerlich, und völlig unnötige Verkomplizierungen, Streckungen und Einlagen, wie die Berechnung des Rauminhaltes von drei Millionen Euro in Hundert-Euro-Scheinen. Insgesamt über weiter Strecken gähnend langweilig, insbesondere die Figuren überzeugen gar nicht. –> 1 Stern
Form: Sprachlich gesehen professionell durchgezogen, ohne interessante Spracheffekte, ohne irgendeine, die Sprache befreiende Wirkung. Reines Instrument. –> 3 Sterne
Erzählstimme: Auktorial, wertend, springt zwischen Figuren umher, reißt Witze, will imponieren. Der Stoff gibt aber die Erzählposition nicht her. Hätte personal erzählt werden müssen, zwischen zwei Figuren hin und her pendelnd, dagegen wird es ein Vielstimmen-Gewirr mit Slapstickeinlagen. –> 1 Stern
Komposition: Völlig unabhängige Erzählstränge, also kein Wackelkontakt, und auch kein Spannungsaufbau, bloße Zitate, bloße Konstruktion, die aber ins Leere geht. Keine in sich gekrümmte Geschichte, Rahmenwirkung lieblos, unwichtig, Liebesgeschichte, keine Verbindung zu Mitzi oder Daniela, keine Hintergrundstory von Gabi, völlig nach Schema F und Klischee figuriert. Benennt nichts, schwobelt herum. –> 1 Stern
Leseerlebnis: Eine gewisse Spannung kam auf, als Ala entführt wurde, aber plötzlich war doch wieder alles Heiti-Teiti, und Familie und Witwe Madrisa, und Italien … nee … funktionierte auf keiner Ebene (weder sprachlich noch inhaltlich noch intellektuell). –> 1 Stern
Tommie Goerz: „Im Schnee“

Vom Malters Max zum Wenzels Schorschs Tod, Grauen und Freundschaft zwischen Kartoffeln und Blumenkohl
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 2/5 Sterne (Tod eines Freundes)
Form: 2/5 Sterne (gehetzt, knapp, lakonisch)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (unreflektiertes Beobachten)
Komposition: 1/5 Sterne (gekünstelter Erzählrahmen)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (Flüssig-Süffiges über den Tod)
Im Schnee behandelt den Tod eines nahestehenden Menschen. Max hört die Glocken in seinem Dorf, die auf einen Tod hinweisen. Er muss mit Schrecken feststellen, dass es sein bester und engster Freund seit den frühesten Kindheitstagen ist, Schorsch:
»Ein erfülltes Leben ist zu Ende gegangen … schwere Kindheit … ein harter Vater … beide Kinder tragisch verloren … in Liebe mit seiner Frau Margarete …« und noch mal »ein erfülltes Leben … jeder hat ihn gemocht und geschätzt … ein warmes Herz … nur selten in der Kirche … in Max Malter einen besonderen Freund …« – dabei sah er, wie viele andere, zur Tür – »… der heute leider nicht gekommen ist, Gott weiß, warum.«
In, zumeist, intensiv-personal erzähltem Stil lässt eine freischwebende, ungeklärter Erzählinstanz, mit Gottesblick, das Leben von Schorsch aus der Sicht von Max Revue passieren. Max wird während dreier Tage beobachtet. Der Tod seines besten Freundes trifft ihn hart. Die Welt gerät aus den Fugen. Er weiß nicht weiter noch wohin noch weshalb. Der Sinn aller Tätigkeiten ist verloren gegangen:
Auf einem Ast saß eine Amsel und schüttelte sich, sortierte ein paar Federn. Schließlich plusterte sie ihr Gefieder auf und zog den Kopf tief ein. Kugelrund saß sie dort drüben und sah dem Schnee zu, wie er auch. Sie war braun, ein Weibchen. Früher hatte der Max immer einen Lappen Rindertalg geholt beim Angermann, roh und am Stück, und rausgehängt, den mochten die Vögel gern. In ganzen Schwärmen waren sie gekommen, pickten daran herum, und er sah ihnen stundenlang dabei zu. Doch seit sie keinen Metzger mehr hatten, konnte er auch keinen Talg mehr holen, und die Vögel mussten schauen, wo sie etwas herbekamen.
Im Grunde ein Jon Fosse-Setting, das aber inkonsequent umgesetzt, trotz intensiven Gegenstandes verschenkt wegerzählt wird, und zwar in inkohärenter Kriminalstorystilmanier. Das ländliche Setting wird nicht ausgespielt. Die Figuren sprechen keinen Dialekt, nur fehlerhafter Grammatik („der Dativ ist dem Genetiv sein Tod“) und Vornamen-Nachstellung („Wenzel George“, „Mehlmeisel Gunda“ etc …) werden repetitiv eingesetzt, um das, was Ludwig Ganghofer erzählerisch umsetzt, vorzusimulieren. Hier und da werden noch Skandalanekdoten eingestreut (ein Hund, der Gänse blutrünstig wegschlachtet; ein Haus, das abgerissen wird, um das Einziehen von Flüchtlingen zu verhindern etc …), die aber dem Geschehen kaum Tiefe geben. Das Voyeurhafte bleibt dem Text erhalten, der provokant die Dörflichkeit anprangert, selbst da, wo sie romantisiert zu werden erscheint.
Der Himmel war längst ohne Licht. Der Schnaps tat gut. Der Schnee ist wie das Schweigen, dachte er, der Schnee deckt alles zu. Er macht die Welt leise, schluckt den Schall. Und macht sie schön. Doch, wenn man schweigt, kommt man sehr gut miteinander aus. Worüber man nicht spricht, das gibt es nicht. Alte Dinge rührte man nicht an. Man wollte, man musste ja zusammenleben.
Konsequenter schreibt hier Dörte Hansen Zur See oder Eva Menasse in Dunkelblum . Im Schnee sitzt zwischen allen Stühlen, unentschieden zwischen Romantisierung und Anprangerung, und hinterlässt einen faden platten Beigeschmack, wie alle Bücher, die ihren Gegenstand und ihre Figuren eigentlich gar nicht wirklich mögen.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: 6 Kapitel:
Der Tod: Max trauert seinem Freund Georg Wenzel „Schorsch“ hinterher. Gunda Mehlmeisel hat die Glocke geläutet. Max denkt über Äpfel nach, wie gern Schorsch die Äpfel gehabt hat. Sie führten eine innige, Jahrzehnte währende Freundschaft. Erinnert sich am Bau einer Bank am Maltershag zusammen mit Schorsch. Max wartet auf den Beginn der Totenwacht, geht zu Schorschs Frau Maicherd, um nachzufragen, sieht jemandem auf dem Bahnsteig im Schnee. Als er zurückkommt, steht dieser jemand noch immer da, er lädt ihn zu sich ein, einen Städter namens Janis aus Nürnberg. Mane, ein Nachbar, bringt Lebensmittel. Max schläft ein, als er aufwacht, sieht er noch, wie Janis davonfährt. Er geht los zur Totenwacht.
Die Wacht: Neun Stühle werden aufgestellt, zuerst wachen die Männer, dann die Frauen. Max legt Schorschs Lieblingsäpfel auf den Leichnam, den Martini und den Rheinischen Krummstiel. Die Männer reden darüber, ob Schorsch ins Paradies kommt, ob alle verdienen, ins Paradies zu kommen. Edi Lunger vielleicht nicht, der Bürgermeister aus den 1980er, der einen Reibach gemacht und vielleicht seine Frau Ianova getötet hat. Erinnerung an den Selbstmord von Schorschs Sohn Michael im Jahr 1978 (Max und Schorsch waren nicht mal vierzig), der wegen einer Städterin Schulden aufgenommen hat und trotzdem verlassen worden: Opel Kadett mit laufendem Motor und Schlauch im Fenster. Schorschs Geschichte mit Maicherd, wie er mit 21 Ende der 1950er seinem Vater, Luggi Wenzel, die Heirat ankündigte und rausgeschmissen wurde. Traktorunfall von Schorschs kleinem Bruder Kare am Lehnertshang, vom Luggi erzwungen. Rückkehr von Schorschs mit Maicherd, um den Hof zu führen. Nachbar Adde Höfler kommt, der seinen Hof verkommen lässt. Grüneisen sticht dazu, einer der wenigen aus der Neustadt, die Kontakt zum Dorf haben. Erzählen die Geschichte vom Dorfpolizisten Paul Lettner, der Strafzettel fürs öffentliche Urinieren und für Übertretung der Sperrstunde verteilte.
Die Nacht: Frauen übernehmen die Totenwacht, Max bleibt bei ihnen. Lilo singt. Überlegt warum Lilo allein geblieben ist, wie er, beste Freundin mit Maicherd wie er mit Schorsch. Max liebt Motoren, das Getriebe, das Reparieren. Frauen essen Mon Chéri und Weinbrandbohnen. Max döst weg. Erinnerung an das Schulhaus, das die Dörfer in den 1990ern lieber abrissen, als es afrikanischen Flüchtlinge zu überlassen. Max gibt sein Gericht für den Nusskuchen preis. Erinnerung an das Kind mit den roten Haaren, das weggesperrt wurde. Erinnerung an den Heuboden zusammen mit Schorsch, in der Höhle, und wie sie danach von den Vätern grün und blau geschlagen wurden. Wegsperren der, wahrscheinlich, dementen Liese, die immer wieder hinter verschlossenen Türen brüllte.
Der Tag: Warten auf den Bestatter. Schorschs Leichnam wird abgeholt. Max geht nach Hause. Gedanken an Maicherd, die von hinten wie ein Mann aussah, wäre auch etwas für Max gewesen. Max schläft ein. Als er aufwacht geht er zum Angermann, einem Lokal, wo sich ein paar treffen wollen. Erinnerung an einen Gottesdienst, während dem es zwei Hunde vor dem Altar getrieben haben. Gang durchs Dorf. Vom Gänseschlacht, und Harro, dem Hund, der dreißig Gänse im Wahn abgeschlachtet hat. Beim Angermann. Geplauder. Max zieht weiter zum Stanglwirt. Dort sitzen mehr. Adde Höfler hat eine Runde gegeben. Trennung innerhalb des Dorfes wegen des Schulhaus-Abrisses (im Angermann wurde das damals beschlossen – Max hat damals mit seinem Lanz Bulldog Traktor mitgeholfen). Darüber wird aber vor den Neustädtern, Grüneisen hat gefragt, nichts erzählt.
Im Schnee: Am nächsten Tag, den der Beerdigung, kommt Janis wieder zu Besuch. Er will Max fotografieren, bringt Cognac. Sie gehen wandern, hoch zum Maltershag, setzen sich auf die Bank, die Max mit Schorsch gebaut hat. Sie reden über das Dorf, das Janis als ruhigen See empfindet. Max nicht. Max bleibt sitzen, Janis bricht auf. Max trinkt Cognac im Schnee.
Am Grab: Max fehlt auf der Beerdigung. Predigt über Schorsch. Schorsch wird beerdigt, ohne die Äpfel von Max, der später von einem Neubürger im Schnee erfroren aufgefunden wird.
… vgl. sterbender alter Mann auf einer Bank im Schnee: Max Frischs „Der Mensch erscheint im Holozän“ und die Geheimnisse und Ränke und Unterdrückungsmechanismen im Dorf, siehe Eva Menasses „Dunkelblum“, sowie die Brutalität gegenüber Tieren und Menschen, Elfriede Jelineks „Gier“, und die Einsamkeit, das Trinken des alten von seinem Nachbarn versorgten Mannes, siehe Jon Fosses „Der andere Name“.
… inhaltlich eine intensive Atmosphäre, die durch das Nachstellen des Vornamen einen ländlichen, repetitiven Stil erhält, sehr altmodisch erzählt, vgl. Ludwig Ganghofer, bspw. „Der Herrgottsschnitzer aus Oberammergau“, gewolltes Geheimnis zwischen Max und Schorsch, die sich offenkundig liebten, etwas blöde Metapher von den zwei Äpfeln (Hoden) auf Schorschs Leichnam, die Unterdrückung des Dorfes, die Paradoxien der Heimat, Zusammenhalt und doch untergründige Brutalität, etwas entlarvendes Voyeurhaftes durch Janis, als Stellvertreter für das Publikum … etc … sentimentales Ausschlachten, am Ende unangenehm überdeutlich, gewollt verklärend, umstandskrämerisch, nicht ehrlich, auf seine Weise, unklar, was hier geschieht, keine Distanzierung, keine Reflexion. Nerviges um den hießen Brei herum Reden. Ein paar schockierende Anekdoten halten die Lektüre leidlich bei der Stange. Kein Vergleich zu Dörte Hansen, bspw. „Zur See“. –> 2 Sterne
Form: Gewollt ländlich gehaltener Stil, mit ein paar interessanten Vokabeln, stimmiges, grammatisches Herumschwurbeln, aber nicht im Akzent geschrieben, wie es passender gewesen wäre, Kurzwortsätze, Kurzschreibweise, fast stichpunktartig, zehrt vom schwerwiegenden Gegenstand, Tod des besten Freundes, ohne aber sprachlich etwas aufzuarbeiten, hinzuzusetzen. Die Erzählinstanz gehört offensichtlich nicht dazu, das zeigt die Sprache, die kühl, unterdrückt, aufgezwungen und künstlich erscheint. Journalismus-Geschreibsel, aber flüssig, schmissig, typisch. –> 2 Stern
Erzählstimme: Freischwebend personal, mit Bruch beim letzten Kapitel (Max ist ja tot). Unreflektiert, unklar, dramaturgisch Kriminalstory-Erzählweise, bewusst abgehackt, lakonisch, nullte Reflexionsebene. –> 1 Stern
Komposition: Auf der Hand liegende Rahmenwirkung mit Städter Janis, Bank am Waldhang, Trinken in der Kaschemme, sterben am Tag des Begräbnisses des Freundes. Keine Komposition, kein Zusammenhang mit Stil (nämlich unländlich) und keine reflektiere Erzählinstanz lassen eine Komposition gar nicht zu. –> 1 Stern
Leseerlebnis: Leichtes vor sich Hinlesen, nicht unangenehm, aber verstörend unreflektiert, voyeurhaft, ein wenig peinlich berührt, vom Stil zu gewollt, zu plakativ, verstörende Gewaltszenen, untentschieden, dadurch unruhig, unrund, aber nicht ärgerlich. –> 2 Sterne
Leon de Winter: „Stadt der Hunde“

Gott in Weiß, der es am Ende besser weiß
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 1/5 Sterne (vom Saulus zu Paulus in zehn Jahren)
Form: 2/5 Sterne (reißerisch-groschenheftartig)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (kommentierend-überheblich)
Komposition: 1/5 Sterne (unreflektiert, beliebig)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (schockierend-banal)
Cees Nooteboom in Allerseelen und Daniela Krien in Mein drittes Leben beschreiben, u.a., das Trauma, das Eltern durch den Verlust ihres Kindes in Besitz nimmt. Leon de Winter nimmt dieses Thema auf und mischt diesem eine Prise religiöse Erbauungsliteratur bei. Jaap Hollander, ein weltweit bekannter Neurochirurg, Womanizer, einstmals Al Pacino zum Vergleichen ähnlich, verliert seine Tochter, die von einer Birthright-Reise in Israel, genauer aus der Negev-Wüste, nicht mehr zurückkommt. Nicht aber das Verschwinden der Tochter steht im Vordergrund, sondern der alternde Mann selbst:
Er war ein drahtiger, kahlköpfiger Mann von siebenundsechzig Jahren, der früher von Weitem irgendwie Al Pacino geähnelt hatte und der blaue Pillen schlucken musste, um seinen und ihren Erwartungen gerecht werden zu können. Was Pacino wohl schluckte? Schließlich war seine jetzige Frau über fünfzig Jahre jünger.
Jaap leidet sehr an seiner Unattraktivität. Er starrt jungen Israelinnen hinterher, die sich aber nicht für ihn interessieren, und selbst seine einstmalige Geliebte hat kaum noch mehr als Sympathie für ihn übrig, vor allem, als er mit Scheiße am Schuh auf den Stufen zu ihrem Lieblingsrestaurant ausrutscht und achtkantig mit Karacho mit der Stirn auf den Boden kracht und sein Bewusstsein verliert:
Er begann, die sechs Stufen zur Terrasse hinaufzusteigen, und es war die vierte Stufe, auf der er mit der von Scheiße verschmierten Sohle seines Bontonis ausrutschte. Sofort suchte er Halt am Geländer, aber es war zu spät. Er verlor das Gleichgewicht, sein rechter Fuß rutschte komplett ab, und er spürte, wie seine Knie auf den scharfen Kanten der obersten beiden Stufen auftrafen, wie ihm der Porkpie vom Kopf segelte, und auch, wie er mit der Stirn auf dem Fliesenboden aufschlug.
Markenversessen wie Martin Suter, bspw. in Melody , selbstzerfleischend wie Heinz Strunk, bspw. in Es ist immer so schön mit dir , reißerisch wie Marc-Uwe Kling in Views und selbstmitleidig wie Bodo Kirchhoff in Seit er sein Leben mit einem Tier teilt schlingert Leon de Winters Roman irgendwie in einer Art literarischem Nirgendwo, das sich dann am Ende noch eine politische Brisanz an den Haaren herbeizieht. Im Grunde aber geht es nur um das Drama „Alternder Mann, was nun?“:
Es war so tragisch durchschaubar gewesen: Er hatte sich dieses Kostüm angelegt in der Hoffnung, Barbara den Eindruck zu vermitteln, er sei ein selbstbewusster Macho. Er dachte, sie erwarte einen starken Mann, den Mann, der er einmal gewesen war, vor dem Scheitern seiner Ehe, dem Verschwinden von Lea, dem Verlust seines Haares. Doch der Sturz bewies, dass er ein halb impotenter, kahlköpfiger Schwächling war, der nur auflebte, wenn er mit seinem Rhoton-Besteck mikroskopisch kleine Verwachsungen aus einem Gehirn schneiden konnte.
Mit der Tochter hat das wenig zu tun und mit dem Nahost-Konflikt noch weniger. Wären die altbackene Sprache, die ärgerlichen Repetitionen, die abgegriffenen Klischees, die stereotypischen Sichtweisen und Phrasen nicht, hätte es ein witziges, nihilistisches Buch über das „alter Sack-Sein“ werden können. Leider aber kam es dann auch noch bedeutungsschwanger daher ….
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
● Kurzplot: Ein Neurochirurg verliert seine Tochter, wird von seiner Frau verlassen und findet zurück zu seinen jüdischen Wurzeln und Glauben.
● Detaillierte Plotangabe: Jaap, ein Neurochirurg, der sich einer gewissen Ähnlichkeit mit Al Pacino rühmt, bekommt, als er 38 Jahre alt ist, mit der zehn Jahre jüngeren Krankenschwester Nicole ein Kind, Lea. Sie führen keine glückliche Ehe. Jaap empfindet Nicole zunehmend als Belastung, und trotz seiner Gelöbnisses, treu zu bleiben, beginnt er irgendwann eine Affäre mit Neurochirurgin Barbara Ben Zion, während eines Ärztekongresses in Tel Aviv. Jaap, nichtgläubig, stammt von jüdischen Eltern ab, entfremdet sich zunehmend auch von seiner Tochter, die ihrem jüdischen Erbe nachforscht. Als Kind eines jüdischen Mannes steht ihr Judentum in Frage. Sie schließt sich nach ihrem Schulabschluss im Alter von 18 Jahren einer Birthright-Reise nach Israel an, auf der sie, zusammen mit dem US-Amerikaner Joshua (20), in der Negev-Wüste verschwindet. Joshuas Eltern, Samuel und Joyce Pollock, treffen Nicole und Jaap in Israel. Ihre Kinder werden gesucht, aber nicht gefunden. Nach Jahren des Wartens bringen sich Samuel und Joyce um, Nicole und Jaap trennen sich. Jaap fährt weiterhin jedes Jahr, auch nach seiner regulären Pensionierung, nach Mitzpe Ramon, um von dort Nachforschungen zu leiten, denn er will den Tod von Lea nicht wahrhaben. Auf einer dieser Reisen begegnet er einem durstigen Wüstenhund, dem er zu trinken gibt, etwas später, als er eigentlich mit einem Geologen verabredet gewesen ist, wird er von einer Gesandtin des israelischen Ministerpräsidenten in der Hotellobby angesprochen und in eine geheime Mission verwickelt, nämlich die Tochter und mögliche Thronnachfolgerin des saudischen Prinzen zu retten. Mit dem versprochenen Geld will Jaap eine großangelegte Forschungsmission finanzieren, die die Höhlen in der Negev-Wüsten nach Spuren seiner Tochter durchforsten soll. Er rettet die Tochter, bekommt das Geld, und trifft sich, neu eingekleidet mit Barbara. Auf dem Weg zu ihr ins Restaurant tritt er in Hundescheiße, und als er die Stufen zum Restaurant hinaufeilt, rutscht er durch die Scheiße rutschig gewordenen Schuhe aus und zieht sich eine schwere Gehirnverletzung zu, bei der ein Tumor gefunden wird. Nach seiner Heilung bleibt er in Israel, läuft durch die Straßen und trifft plötzlich auf einen sprechenden Hund, der ihn eine Begegnung mit Lea in Aussicht stellt. Er will dem Hund nicht glauben, aber seine Sehnsucht nach Leas besiegt die Zweifel. Er muss einige Tests bestehen, bevor die weise Hündin Chachama ihm den Weg zur Lea weist. Er muss sich in einen Sturzbach in der Negev-Wüste stürzen und in den Untergrund reißen lassen. Schließlich trifft er Lea und hilft ihr eine Mesusa an die Haustür zu bringen. Sie versöhnen sich. Jaap wacht plötzlich auf und begreift, dass alles ein durch ein Koma induzierter Tagtraum gewesen ist. Die Operation hat sich als schwierig erwiesen. Er kommt nur langsam zu Kräften. Langsam bauen sich seine Kräfte wieder auf, aber die Operation und der Sturz haben ihn zu einem alten kranken Mann gemacht. Er kauft sich die Wohnung, von der er geträumt hat, und organisiert weiterhin die Forschungsaktion in der Negev-Wüste, zudem überkommt ihn die Lust, seinen Tagtraum aufzuschreiben. Zurück in Mitzpe Ramon stellt er sich schließlich, am Erinnerungsstein seiner Tochter, der Vorstellung, dass sie tot ist. Ihr zu Ehren liest er einen hebräischen Text, ein Gebet und weint, bedeckt den Gedenkstein mit Kieseln. Er kehrt nach Tel Aviv zurück und kann nun in die Wohnung ziehen, lebt als Einzelgänger und Junggeselle und schreibt an seinem Buch. Kurz vor Jom Kippur bläst er, allein vor seiner Tür, in das Schofar, das seine Tochter ihm damals gezeigt hat, in der Hoffnung, der Hund würde erscheinen, und in seiner Vorstellung sieht er seine Tochter und fühlt, wie der Hund aus seinem komatösen Tagtraum an seiner Hand leckt. Das Buch endet mit einem Auszug aus Jaaps Buch, wie er mit Avi, dem Tod von einem Festival hört in der Wüste hört, südöstlich von Aschkelon, das am Freitag, den 6. Oktober beginnen soll. Er fährt dorthin und freut sich, noch vor Beginn zum Wüstenfestival zu gelangen.
… vgl. Cees Nooteboom „Allerseelen“ weil Kind und Frau verloren, einsame Spaziergänge durch Berlin, inhaltlich; und auch Éugene Ionescos „Der Einzelgänger“, wegen der Beschreibung der Tage, sitzend im Café, wartend, hoffend auf Frauen, isoliert, unfähig, Anschluss zu finden.
… Spannungsbogen, ziemlicher Reinfall, die Gehirnoperation wird gar nicht beschrieben, einfach übersprungen, die Dramatik, ob die Tochter des Prinzen überlebt wird nicht ausgespielt. Es ist fast eine Mogelpackung. Es liest sich schnell, aber nur durch die Eintönigkeit, nicht durch den packenden Charakter, der einfach vom Saulus zu Paulus wandelt, und am Ende sich ins Imaginative zurückzieht (alt und mit Viagrapillen am Start). Als dann der Twist mit dem sprechenden Hund kommt, gab es kurz die Hoffnung auf eine neue Ebene, ein Wagnis, dass sich das als Tagtraum während des Komas entpuppt, langweilig, und dann das Gleiten zwischen der Realität, der Phantasie, den Hund durch den Glauben zu spüren. Die Treue nämlich, der Hund als Symbol des Treuseins, zu seinen Wurzeln. Mir zu platt. –> 1 Stern
Form: Die Form bleibt journalistisch medioker. Repetitiv bis zum Gähnen, Kurzsätze, ängstliche Beschreibung, völlig gebremst, eingeschneist, gefesselt. Wenigstens an gewissen Stellen reißerisch, unverblümt, etwas ordinär. Fürs Ordinäre gibt es +1 Stern, da es sich flüssig weggelesen hat; -1 Stern aber dafür, dass „flamboyant“ zu oft auftaucht, und ständig von Al Pacino die Rede ist, und der Ähnlichkeit, was auch den poetischen Stil in den Schlamm zieht. Überhaupt nervige Charakterisierung der Figuren durch Hollywoodstars. Irgendwie dennoch flüssig. –> 2 Stern
Erzählstimme: Auktorial erzählt, über die Figur hinweg, sogar mit Erzählkommentaren, die die Hauptfigur ins Lächerliche ziehen.(„ Jaap selbst hatte diesen Vergleich nie angestellt …“). Diese Mischung erzeugt etwas sehr Plakatives und Reißerisches. Hier verwandt mit Marc-Uwe Klings „Views“ und Martin Suters „Melody“. Überhaupt sehr verwandt in Thema und Sujet, mit Orientalismus-Phantasien. Das unreflektierte Verfügen über den Charakter erlaubt kaum Immersion. Sehr voyeuristisch. –> 1 Sterne
Komposition: Der egomanische Arzt-Superheld verliert seine Tochter, die zu seinen jüdischen Wurzeln zurückkehrt, verliert alles bis aufs Geld, vereinsamt und geht nach Israel um zu finden, um dort dann durch den Verlust zurück zum Glauben zu finden. Der Glaube als Trost, die Religion als Schutzschild gegen die Einsamkeit, als es mit dem Sex nicht mehr klappt. Eher eine Küchenpsychologiestudie denn Roman. Zu glatt, zu einfach, ohne Einfälle. Höchstens das Ende mit der Chiffrierung des Terroranschlages vom 6. Oktober. –> 1 Stern
Leseerlebnis: Amüsant. Ein absurdes Leseerlebnis, ein Roman, der gar keine Glaubwürdigkeit zu inszenieren versucht, irgendeine Allmachtsphantasie, die sich mit Religion tarnt. Erinnert stark an die „Oktopus“-Triologie von Dirk Rossmann. –> 2 Sterne
Gustave Flaubert: „Salambo“

Dynamisch-historischer Roman, der seine eigenen Grenzen allegorisch bis zum Exzess sprengt.
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 5/5 Sterne (dynamisches Liebes- und Kriegsdrama)
Form: 5/5 Sterne (innovativ-poetisch)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (distanziert-auktorial)
Komposition: 5/5 Sterne (symbolisch-strukturiert)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (vergeistigter Sprachexzess)
Historische Romane entstanden im 19. Jahrhundert als eine Longseller-Form. Romane wie Walter Scotts Waverly und Leo Tolstois Krieg und Frieden verkaufen sich bis heute. Flauberts Salammbo stellt sich zwar in diese Tradition, aber durchschreitet den Rahmen durch eine ornamental-ästhetisch-suprematistische Geste:
Blendender Lichtschein ließ [Matho und Spendius] die Augen senken. Dann sahen sie plötzlich unendlich viele Tiere um sich herum. Sie waren abgetrieben, keuchten, spreizten die Krallen, lagen in geheimnisvoller, Entsetzen einflößender Unordnung übereinander, Schlangen mit Füßen, geflügelte Stiere; Fische mit Menschenköpfen fraßen Früchte; Blumen erschlossen sich zwischen den Kiefern der Krokodile und mit erhobenem Rüssel schwebten Elefanten stolz wie Adler durch den Azur.
Salammbo handelt von einem Söldneraufstand vor den Toren Karthagos im Nachspiel des Ersten Punischen Krieges (264-241). Karthago musste auf Söldner zurückgreifen, um gegen das aufstrebende Rom bestehen zu können, und kann nach der erlittenen Niederlage auf Sizilien den finanziellen Versprechungen nicht nachkommen. Statt weiterzukämpfen, sucht es den Frieden, aber bekommt ihn nicht. Um die Vorherrschaft auf Sizilien zu erhalten, hat der karthagische Rat der Ältesten und Höchsten das Chaos entfesselt, das sie nun verschlingt. In der Mitte Salammbo, Tochter des auf Sizilien geschlagenen Hauptmannes Hamilkar Barca, Symbol der Liebe, vermag das Schlachten nicht zu stoppen, das um sie herum entbrennt, ja heizt es sogar unfreiwillig an:
»Manchmal, Taanach, steigen aus der Tiefe meines Seins gleichsam heiße Dämpfe auf, die schwerer sind als der Rauch eines Vulkans. Stimmen rufen mich, eine Feuerkugel hebt und senkt sich in meiner Brust. Sie erstickt mich, so daß ich mich dem Tode nahe fühle. Und dann gleitet etwas Mildes von der Stirn bis zu den Füßen durch mein Fleisch. Es ist eine Liebkosung, die mich einhüllt, und ich fühle mich zermalmt, als breite sich ein Gott über mich. Ach! Ich möchte im Nebel der Nächte, im Wasser der Quellen, im Saft der Bäume aufgehen, möchte meinen Leib verlassen, nur ein Hauch, ein Strahl sein und gleitend emporsteigen zu dir, o Mutter!«
Flaubert inszeniert in Salammbo ein dualistisch-dialektisches Enjambement: Licht (die Sonne), Moloch, führt zum Krieg; Dunkelheit, Nacht (der Mond), Tanit, führt zur Liebe. Das Geheimnis, der Schleier, darf nicht gelüftet werden. Die Verblendung muss erhalten bleiben, denn reißt der Schleier der Maja geht die Welt im kriegerischen Exzess, sich selbst versengend, verzehrend unter, wie Chronos seine eigenen Kinder frisst. Einmal entfesselt lässt sich das Lauffeuer des Krieges nicht mehr stoppen bis jede Hoffnung und Sehnsucht, also die einstmalige Ordnung, zerstört ist.
Auktorial immunisiert, ergreift Flauberts Erzählweise Partei für die Selbstbegrenzung, um das labile Gleichgewicht im mystisch-kosmischen Geheimnis zu konsolidieren, denn nach dem ersten Stein fliegen nur noch weitere und am Ende geht alles vor die Hunde (oder hier vor die Löwen).
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
● Hauptfiguren: Salammbo, Tochter Hamilkar Barcas, lebt eingeschlossen im Palast. Als der Söldnerhauptmann Matho den Zaimph, den Schleier der Liebesgöttin Tanit, stiehlt, schleicht sich dieser auch in das Schlafgemach von Salammbo, in die er sich verliebt hat. Sie ruft die Wachen, aber Matho entkommt. Wenig später wird sie von dem Tanit-Priester Schahabarim losgeschickt, den Schleier zurückzuholen, muss sich hierfür aber Matho hingeben. Wieder zurück im Palast wartet sie einerseits auf die Rückkehr ihres von ihrem Vater bestimmten Verlobten Narra’Havas, andererseits auch auf das Wiedersehen mit Matho, der schließlich gefangengenommen wird und vor ihren Augen stirbt, woraufhin sie stirbt.
Matho, lybischer Hauptmann, der gegen Karthago rebelliert, insbesondere durch die Manipulation durch Spendius, einem als Sklaven verkauften Zuhälter, der im Söldneraufstand befreit wird. Matho verliebt sich in Salammbo, rastlos, begehrt im Grunde nur Salammbo wiederzusehen und lässt sich für Spendius‘ Zwecke instrumentalisieren, stiehlt das Heiligtum, den Schleier der Tanit, den Zaimph, kämpft gegen die karthagischen Truppen, aber verliert den Schleier wieder, als Salammbo in seinem Zelt erscheint. Matho außer sich kämpft verbissen, wird gefangen genommen und stirbt vor den Augen Salammbos nach grausamer Folter in Karthago, an Salammbos Hochzeitstag.
● Setting: Erster Punischer Krieg (264-241 v.Chr.). Beginn durch die Besetzung Siziliens durch Rom. Karthago muss Sizilien aufgeben. Es kommt zu einem Söldneraufstand in Karthago (241-237 v. Chr.), der sich zu einem nordafrikanischen Konflikt gegen die Vorherrschaft Karthagos ausweitet.
● Kurzplot: Die Großreiche Karthago und Rom führen gegeneinander Krieg. Karthago heuert hierfür Söldner aus allen Ecken und Enden an, die es dann aber nicht bezahlen kann. Die Söldner protestieren, und ein Krieg entbrennt. Auf der einen Seite die Magistrate (Sufets) Karthagos (Hamilkar Barca, Hanno, Giscon), auf der anderen Seite die verbündeten Söldnerhauptmänner (Matho, Narr’Havas, Autharit), die jeweils von Priestern und Zuflüstern gelenkt, manipuliert werden, auf Seiten Kathargos Schahabarim, auf Seiten der Söldner Spendius. Da der direkte Konflikt durch die Befestigungen der Stadt Karthagos weitestgehend verunmöglicht wird, verlagert sich dieser aufs Umland und die neutralen Gebiete Utica, Hippo-Zaryte und Tunis. Über diesen Konflikt liegt jener zwischen der Göttin der Liebe, Tanit (der Mond), und dem Gott des Krieges, Moloch (die Sonne). Verknüpft werden die Seiten des Konflikts, göttliche wie menschliche, durch Salammbo. Am Ende siegt die Seite Karthagos, die Rom hinter sich hat, die Söldner sterben, zusammen mit ihnen auch Salammbo.
● Detaillierter Plot:
Kapitel 1: Die Söldnerarmee genießt ein Gelage im Garten Hamilkar Barcas (HB), der abwesend ist. Die Söldner erwarten eine Entlohnung für die Kriege, die sie gegen Rom im Namen Karthagos geführt haben. Sie befreien aus Lust an der Laune Sklaven, u.a. den polyglotten Spendius (SP), der sie anstiftet, geheiligte Tassen der Heiligen Legion zu verlangen. Gisco (G), ein Hauptmann der Karthager, erscheint und lehnt die Bitte ab. Die Horde beginnt zu marodieren, und Salammbo (S), die Tochter von HB, erscheint und bittet die Söldner um Anstand. Narr’Havas (NH), ein numidischer Hauptmann, und Matho (M), ein lybischer Hauptmann, werfen ein Auge auf sie. SP wirft sich an M heran.
Kapitel 2: Die Karthager versprechen, die Söldner in Sicca auszuzahlen, und ziehen dorthin. M träumt von S, während sie auf die Entlohnung warten. Nach einigen Tagen erscheint der Suffet Hanno (H), dessen Ansprache SP bewusst falsch übersetzt, um die Horde anzustacheln. Hinzu tritt Zarxas zur Horde, der von einem Massaker an zurückgebliebene Söldner in Karthago berichtet. Unruhe bricht aus. H hat kaum Geld bei sich, wird angegriffen und muss fliehen. Die Revolte bricht aus.
Kapitel 3: S in ihrem Gemach, will den Schleier, Zaimph, der Göttin Tanit (des Mondes) sehen. Der Priester Schahabarim (SCH) verbietet es ihr, denn eine Berührung des Schleiers führe zum Tod.
Kapitel 4: Belagerung Karthagos beginnt. G wird als Unterhändler geschickt, aber die Söldner verlangen zu viel und zudem noch Hs Kopf, angestiftet von SP und M, der vor Liebe zu S entbrannt ist. Söldner nehmen G gefangen. Krieg wird unvermeidbar. SP und M schleichen sich in die Stadt.
Kapitel 5: In der Stadt unterbreitet SP M den Plan, den Schleier der Tanit zu stehlen. Es gelingt. M vermag der Versuchung nicht zu widerstehen und schleicht sich danach in das Schlafgemach von S, die die Wachen ruft. Mit dem Schleier auf den Schulter vermag M unbeschadet Karthago zu verlassen. SP hat sich über die Küste zurückgeschlichen.
Kapitel 6: NH schließt sich M an, nun, wo dieser den Schleier besitzt, der die Stärke Karthagos repräsentiert. M wird Hauptmann der Söldner, NH schließt sich ihm an. Er schickt NH Verstärkung zu holen, SP soll die neutrale Stadt Utica einnehmen, Autharit vor Tunis lagern, und M selbst will Hippo-Zaryte erobern. H erhält den Auftrag, im Namen Karthagos die Söldner zu besiegen und besiegt SP vor Utica, kurzzeitig, bevor M und NH zur Hilfe eilen und H fliehen muss, zurück nach Karthago, das Hamilkar Barca (HB) zur Hilfe ruft.
Kapitel 7: HB will Kartago zuerst nicht helfen und streitet sich mit dem Rat der Ältesten, insbesondere mit H, der S verdächtigt, mit M geschlafen zu haben. Als aber HB sein verwüstetes Anwesen sieht, nimmt er das Oberkommando an, derweil er seinen heimlichen Sohn (Hannibal) in Sicherheit wähnt.
Kapitel 8: HB zieht mit Elefanten im Schlepptau gegen die Söldnerarmee, will sie umgehen, trifft wiederum auf SP, den er empfindlich besiegt, ohne jedoch nachzusetzen.
Kapitel 9: HB schickt seine Gefangenen nach Karthago, wo sie hingerichtet werden, wird aber von den vier Hauptmännern (SP, M, NH und AU) belagert, die ihre Frauen wegschicken, um Nahrungsmittel zu schonen. HB sieht die abgemagerte Gestalt von G. Karthago kommt aber nicht zur Hilfe. Barbaren mit dem Schleier der Tanit im Besitz sind geduldig und hungern HB und seine Truppen aus.
Kapitel 10: Die Python von S ist krank, Spross des Urschlammes. SCH beeinflusst S, den Schleier von M zurückzuholen. Als S einwilligt, belebt sich die Schlange, mit der sie einen ritualisierten Tanz vollführt.
Kapitel 11: Durchs verheerte Land streifend, erreicht S das Lager von M, wird in sein Zelt geleitet. Sie will den Schleier, aber das Liebeswerben von M dringt durch und sie gibt sich M hin. Am nächsten Morgen unterlässt sie es, ihn zu töten. Ein Feuer bricht auf, er wacht auf und stürmt davon. G kriecht in das Zelt und beschimpft sie, dass sie Karthago entehrt habe. Sie nimmt den Schleier und flüchtet zum nahegelegenen Zelt ihres Vaters. Derweil schließt sich NH HB und seinen Truppen an. Die Söldner werden empfindlich geschlagen.
Kapitel 12: Völlig am Boden nach der Niederlage rächen sich die Söldner an ihren Gefangenen. Karthago unterstützt aber nicht HB, sondern H, und der entscheidet sich mit den neutralen Städten Utica und Hippo-Zaryte falsch, die wie Tunis sich mit den Söldner zusammentun. SP flößt den Söldnern wieder Kampfeswille ein, und sie beginnen wieder Karthago zu belagern, zerstören das Aquädukt.
Kapitel 13: Die Belagerung der Stadt ist erfolgreich. Die Bevölkerung Karthagos hungert und hat Durst, und verfällt dem Wahnsinn, fällt von der Göttin der Liebe, Tanit, ab und unterwirft sich Moloch. Ein Kinderopfer soll stattfinden, selbst SCH wendet sich von seiner Göttin ab. S behütet den Sohn von HB, den er vor dem Opfer schützt, indem er ein Sklavenkind als seinen Sohn ausgibt. Kinderopferbeschreibung. Wahnsinn grassiert.
Kapitel 14: Nach dem Opfer fällt Regen und lindert etwas die Qualen. HB entschlüpft der Belagerung und lockt die Söldner in eine Falle, wo er sie verhungern und sich gegenseitig auffressen lässt. Dann, mit einem Friedensangebot lockend, metzelt er sie nieder. M ist nicht unter ihnen, der verhandelt in Tunis. Karthago unterstützt wieder H. NH in Karthago, wo er S verspricht, M zu töten. Alle drei ziehen nach Tunis, um die Stadt zu erobern. H wird gefangen genommen und gekreuzigt. M flieht, HB erobert Tunis, das in Ruinen liegt. Nach Monaten kehren die Söldner nach Karthago zurück. M fordert ein entscheidendes Duell mit HB, 7219 Männer gegen 14000 von HB. M gewinnt beinahe, aber dann stürmen die Zivilisten Karthagos zur Verstärkung heran, zusammen mit verletztem Elefant, und besiegen M. Die letzten Söldner werden von freigelassenen Löwen gefressen.
Kapitel 15: Hochzeit von NH und S, und der Folterlauf durch Karthago von M. Er schafft es bis zum Thron von S, fällt dort herab, schaut sie an. S schaut zurück. M stirbt, und dann stirbt sie.
… vgl. andere historische Romane wie Lew Tolstois Krieg und Frieden, Walter Scott Waverly (1814), Der letzte Mohikaner James Fenimore Cooper, Ben Hur Lew Wallace, Henryk Sienkiewicz Quo Vadis oder Felix Dahn Ein Kampf um Rom. Allein durch die Geschichtsschreibung schon von sich heraus eher interessant und mit Bedeutung aufgeladen. Hier aber, bei Flaubert, vor allem durch das Gemetzel, durch das Auf und Ab spannungsgeladen und intensiv, leichte Schwächen gegen Ende, und auch etwas unübersichtlich in der Kriegsbeschreibung führen zu Längen, auch die etwas selten vorkommende Hauptfigur Salammbos. Hierfür eigentlich einen Punktabzug, gäbe es nicht die vielen aufsehenerregenden Stellen. Bemerkenswerte Szenen: das Verhungern in der Säge (Im Axtpaß); das Auftreten Salammbos, das Anbeten des Mondes, und der Tanz mit der Schlange; und die Elefanten als Waffen, die über die Söldner hinwegtrampeln.
–> 5 Sterne
Form: Abwechslungsreiche grammatische Strukturen, formale Innovationen, historischer Wortschatz, intensive Beschreibungen, fließend, melodisch, rhythmisch, immersives Darstellen durch Sprache, als Form des Bildes, aber dynamisch inszeniert. Eine der ersten, sehr selbstreferenziellen Zeugnisse der Sprachfreude und Sprachlust, der Text als eigenständige Struktur, der sich unter der Hand selbst zu formen beginnt. Hierdurch phantasmatisch-durchschreitend, ästhetisch-avantgardistisch. –> 5 Sterne
Erzählstimme: Distanziertes auktoriales Erzählen, das nur selten in die Psyche der jeweiligen Figuren gleitet. Fast immer von außen, im Beschreiben verharrend, die ganze Szenarie, Freund und Feind im Blick, auf keiner der Seiten wirklich, eher neutral, repetierend, ohne zu belehren, ja, eher die Fakten ausströmend, vertrömend, eine auktoriale Stimme, die sich negativ reflektiert, indem sie sich offensichtlich bremst. Diese Negation lässt sich darin erkennen, dass den Figuren ein Innenleben erlaubt wird, das (meist) nicht preisgegeben wird. Einerseits werden die Individuen im Plural beschrieben, andermal werden sie individualisiert. Keine Starrheit. Historische Einordnungen, Vorausblicke nur selten.
… vgl. Lew Tolstois Anna Karenina als direktes, auktoriales Gegenteil. –> 5 Sterne
Komposition: Die Motive im Buch bleiben strukturell stets verknüpft. Kaum etwas kommt nur einmal vor, mindestens zweimal. Zu Beginn des Buches kämpfen NH und M um S, und das bleibt über die gesamte Länge des Buches bestehen. Der Konflikt selbst nachvollziehbar, der innere Konflikt in den Kriegsparteien auch. Die gekreuzigten Löwen zu Beginn entsprechen den freistromernden, Söldner fressenden Löwen am Ende. Stets sich steigerndes Leichenauftürmen. Rastloses, entfesseltes Schlachten, das keine Bremse mehr kennt, kontrastiert mit der Ruhe des Tempels, in welchem der Schleier bewahrt wurde. Kompositorischer Mittelpunkt: der Zaimph. –> 5 Sterne
Leseerlebnis: Einer der wenigen Bücher, die sich nicht schnell lesen lassen. Die symbolische Dichte verhindert das. Intensive Sätze. Intensive Szenen, atemlos spannende Episoden. Berauschender Sprachteppich, pulsierendes Beschreiben, Durchdringen, Darstellen einer Welt, allegorisch bis auf das letzte Detail, Eros/Thanatos, Ordnung/Chaos, Liebe/Tod, ohne dass identifikatorisches Lesen auch nur möglich wird. –> 5 Sterne
Lew Tolstoi: „Anna Karenina“

Schematisch-dualistisch über die Ehe, figuresk-intensiv, aber narrativ ultimativ trist.
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 3/5 Sterne (schematische Ehemoralen)
Form: 5/5 Sterne (klassischer Höhepunkt)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (auktoriales Paradebeispiel)
Komposition: 1/5 Sterne (dualistisch-abstrakt)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (trist währenddessen, grandios danach)
Das Thema „untreue sehr viel jüngere Ehefrau“ wird von drei Romanen in der Literaturgeschichte beispielhaft beschrieben: Gustave Flauberts „Madame Bovary“ (Emma ist ca. fünfzehn Jahre jünger), Lew Tolstois „Anna Karenina“ und Theodor Fontanes „Effi Briest“ (beide zwanzig Jahre jünger). In den letzten Jahren hat sich bspw. Bernhard Schlink mit dem Thema auch befasst, in Das späte Leben, wo der Altersunterschied bereits 23 Jahre beträgt. In Sachen Länge und ausufernder Komposition trägt aber Tolstoi mit Abstand den Sieg davon:
Dieser kurze Blick hatte genügt, um Wronski die verhaltene Lebhaftigkeit wahrnehmen zu lassen, die sich in ihrem [Annas] Gesicht spiegelte, die aus den leuchtenden Augen sprach und sich in dem kaum merklichen Lächeln zeigte, das ihre roten Lippen umspielte. Irgend etwas schien ihrem ganzen Wesen eigen, in solch einer Fülle, daß es gegen ihren Willen bald im Glanz der Augen, bald durch ein Lächeln zum Ausdruck kam. Sie war bemüht, den Glanz in ihren Augen abzuschwächen, der sich dennoch in einem kaum merklichen Lächeln widerspiegelte.
Die Hauptfiguren des Romans lauten Anna Arkadjewna Karenina und Konstantin Dmitritsch Lewin, die scharf, dualistisch-moralisierend gegeneinander ausgespielt werden. Anna gerät an den mephistophelischen Wronski, der als Lebemann unbeschränkt-hedonistisch sein Leben genießen will und alles um sich herum in Grund und Boden reitet; und Lewin findet zu Kitty, die sich für ihren Mann aufgibt und ihn zurück in die Gottgläubigkeit führt. Mehr gibt es inhaltlich nicht zu sagen:
Da sie instinktiv das Herannahen des Frühlings fühlte und wußte, daß er auch unfreundliche Tage mit sich bringen werde, baute sie, so gut sie es verstand, an ihrem Nest und war bemüht, es möglichst schnell zu vollenden und zugleich zu lernen, wie es gemacht werden mußte. Diese nichtige Geschäftigkeit Kittys, die so sehr den Vorstellungen vom erhabenen Glück widersprach, die sich Lewin gerade von der ersten Zeit seiner Ehe gemacht hatte, bildete eine seiner Enttäuschungen; aber da er sich dem Liebreiz dieser Geschäftigkeit, obwohl er deren Zweck nicht einsah, nicht entziehen konnte, war sie gleichzeitig auch eines der neuen Momente, die ihn beglückten.
Tolstoi kontrastiert schmerzhaft scharf die Unschuld und Keuschheit gegen Hedonismus und Leidenschaft, wobei letzteres nur zum Untergang und Krieg führen kann. Urteilend, bissig, boshaft kommentierend führt der Erzähler sein Publikum allwissend durch die erfundene Welt des 19. Jahrhunderts in Russland und malt dabei viele Teufel und nur wenig kleine Engelchen an die Wand. Diese kompositorische Beliebigkeit wirkt drastisch auf das Leseerlebnis zurück, so dass der Ton die Züge eines Lehrgedichtes im Sinne der religiösen Erbauungsliteratur erhält. Nur wenige Szenen entziehen sich diesem erhabenen, gönnerhaften Duktus:
Ja, ich muß zur Besinnung kommen und überlegen, dachte [Lewin], während er auf das unversehrte Gras vor sich blickte und aufmerksam die Bemühungen eines grünen Käferchens beobachtete, das an einem Queckenhalm emporkroch und im Weiterkommen durch ein Geißfußblatt aufgehalten wurde. Ich muß von vorn anfangen, sagte er sich, während er das Blatt beiseite schob, das dem Käferchen den Weg versperrte, und einen anderen Grashalm herüberbog, damit es auf diesen klettern konnte.
Anna Karenina ist nichts für Zartbesaitete, denn wie der Erzähler mit Anna herumspringt und wie er sie ins offene Messer laufen lässt, erinnert fast an Rufmord und wirkt wie narrativer Sadismus, insbesondere wie er die Szenen schneidet, unterbricht, und danach die Welt weiterlaufen lässt, ohne Anna, erzeugt eine bedrückende, aggressive, verhöhnende Leere. Die Geste bleibt in der Luft hängen – wie das Buch im Gedächtnis bleibt, eindrucksvoll, aber äußerst brutal und vernichtend als Zähne fletschender Foliant.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
● Hauptfiguren: Anna Karenina hat einen Sohn, Serjosha, acht Jahre alt und einen zwanzig Jahre älteren Ehemann Alexej, mit dem sie ein langweiliges Leben führt. Zufällig trifft sie den jungen Graf Wronski. Sie verliebt sich Hals über Kopf, wird schwanger, gibt alles für ihn auf, brennt mit ihm durch, nach Italien, aber sie kehren zurück. Sie hat alles aufgegeben für die Liebe, sogar ihren Sohn, ihre finanzielle Sicherheit, aber Wronski beginnt sich schnell zu langweilen. Als die Beziehung kriselt, insbesondere in der Frage um weitere Kinder und eine zukünftige Heirat, die die Trennung von ihrem Sohn zementieren würde, bringt sich Anna Karenina um.
Konstantin Dmitritsch „Kostja“ Lewin, ein mäßig reicher Großgrundbesitzer, etwas langweilig, nur so ansehnlich, verliebt sich in die blutjunge Kitty, die ihn aber zugunsten Wronskis einen Korb gibt. Tief beleidigt zieht er sich zurück. Als er aber hört, dass Wronski auch Kitty einen Korb gegeben hat, finden sie wieder zueinander und führen eine innige Liebe voller Offenheit und bekommen einen Sohn Mitja, und Lewin findet zu seinem Glauben an das Gute und an Gott.
● Kurzplot: Die Geschichte dreier Ehen. Die zwischen Anna und Alexej, in der Anna die untreue Ehefrau ist; die zwischen Dolly und Stepan, wo Stepan der Untreue ist; die zwischen Kitty und Lewin, in der beide treu sind. Im Gegensatz zu Anna wird Stepan für seine Untreue nicht bestraft, sondern sogar belohnt. Anna und Stepan mischen sich in andere Ehen ein, Kitty und Lewin nicht, und Lewin findet am Ende, als Naturwissenschaftler, zurück zu Gott.
● Ausführliche Handlung. Teil 1: Konstantin Dmitritsch „Kostja“ Lewin (L) besucht in Moskau seinen Jugendfreund Stepan Arkadjitsch „Stiwa“ Oblonski (S), der sich wegen seiner Untreue in einer Ehekrise mit seiner Frau Darja Alexandrowna „Dolly“ Oblonskaja (D) befindet. L hat schon seit längerem ein Auge auf ihre jüngste Schwester Katerina Alexandrowna „Kitty“ Stscherbazki (K) geworfen, der er endlich einen Heiratsantrag machen möchte. Kitty aber wird einstweilen auch von Alexej Kirillowitsch Wronski (W) umworben, einem Offizier und Lebemann. Wronski erscheint, nicht nur der Mutter, als bessere Wahl, jung, gutaussehend mit einer beachtlichen Karriere vor sich sticht er L aus, denn K lehnt sein Heiratsangebot auf einem Ball ab. S holt vom Bahnhof seine Schwester Anna Arkadjewna Karenina (AK), die aus Sankt Petersburg anreist, um D zur Vernunft zu bringen, da diese sich von ihm wegen seiner Untreue scheiden lassen will. Auf dem Bahnhof trifft sie W, der seine Mutter abholt. W fühlt sich sofort zu AK hingezogen, die ihm gegenüber aber reserviert bleibt. AK im Hause von S spricht D ins Gewissen und lernt ihre Schwester K kennen, die ebenfalls sofort von AK fasziniert ist. L kehrt zurück aufs Land nach Pokrowskoje und widmet sich der Landwirtschaft. Während eines Balls erhofft K einen Heiratsantrag von W, erhält ihn aber nicht. Er zeigt ihr die kalte Schulter und reist, als AK abreist, ebenfalls nach Sankt Petersburg ab. Sie begegnen sich in einer Schneesturmnacht, während eines Eisenbahnhalts. Auf dem Bahnhof in Petersburg holt Alexej Alexandrowitsch Karenin (AA) seine zwanzig Jahre jüngere Ehefrau ab. AK von seinem Anblick enttäuscht, hat nur ihren gemeinsamen Sohn vermisst, merkt ihr Interesse für W.
Teil 2: K, liebeskrank, schämt sich, soll zur Kur ins Ausland. AK und W treffen sich in der Öffentlichkeit, AA beginnt verdächtig zu werden. Die Aussprache hilft nicht. AK und W beginnen eine Affäre. L arbeitet an der Revolutionierung der Landwirtschaft. S besucht ihn, der ein Stück Wald veräußern will. W lehnt einen hoffnungsvollen Posten ab, um in Sankt Petersburg bei AK zu bleiben, vertreibt sich die Zeit mit dem Pferderennsport und reitet ein Pferd tot. AK schwanger. Sie gesteht AA ihre Liebe zu W. K in Deutschland, auf Kur, trifft dort Ls Bruder und kümmert sich um einen Maler Petrow, der sich aber in sie verliebt. D lädt K ein zu ihr nach Jerguschowo, in die Nähe von Pokrowskoje, zu kommen.
Teil 3: Besuch von Ls Stiefbruder, dem Intellektuellen, Sergej Iwanowitsch Kosnyschew, Gespräch über Ökonomie, L geht Mähen. Brief von S erreicht ihn. Er soll D besuchen. D spricht mit L über K, aber L will davon nichts wissen und will K auch nicht nach Einladung wiedersehen. AA verachtet AK nach 8 Jahre Ehe nur noch, aber will den Schein wahren und entscheidet sich gegen die Scheidung, fordert aber, dass auch sie den Schein wahrt, was sie ablehnt. Ws Karriere stagniert. L zweifelt an seinem wirtschaftlichen Plan, fühlt sich von den Bauern verraten und beschließt nach einer Reise zu Nikolai Iwanowitsch Swijashski eine Landreform zu versuchen (Verpachtung, Teilhabe). L bricht mit seiner Umgebung, zieht sich zurück. Sein Bruder, Trinker, besucht ihn und wirkt todkrank.
Teil 4: Ehekrise zwischen AA und AK wird heftiger. Er verbietet ihr W bei sich zuhause zu empfangen. Sie setzt sich darüber hinweg. AK befürchtet im Wochenbett zu sterben. AA sucht Anwalt auf. AA fährt nach Moskau, trifft dort S, der ihn zum Essen einlädt, um die Sache zwischen seiner Schwester und ihrem Ehemann zu besänftigen. L und K treffen sich keusch und gestehen sich immer noch vorhandenes Interesse in Kurzschrift (nur die Anfangsbuchstaben). L erneuert seinen Heiratsantrag. Er wird angenommen. Derweil gibt es Komplikationen bei der Geburts von Ws und AKs Kind, einer Tochter. AK liegt im Sterben. AA beginnt ihr zu verzeihen, will doch keine Scheidung mehr. W fühlt sich gedemütigt, auch von AK, die nicht zu ihm hält. AK schwerkrank, AA kümmert sich um Tochter. S versucht AA zur Scheidung zu ermuntern, und W schießt sich in die Brust, aber daneben. Als AK wieder genest, fahren sie gemeinsam nach Italien und lassen AA mit dem Sohn Serjosha allein.
Teil 5: Ls und Ks Hochzeit. L muss beichten gehen, hat Zweifel an Gottes Existenz. Sie heiraten keusch und unschuldig. W und AK ungefähr ein Jahr in Italien, versuchen ihr Leben als Künstler. W beginnt zu malen, aber verwirft den Plan nach Kennenlernen eines Malermeisters, der ein Porträt von AK anfertigt, und fahren zurück nach Russland. L und K klassische Ehe. K baut Nest für die Familie. Bruder von L schwer krank. K und L besuchen ihn. K pflegt ihn, als der Bruder stirbt, erkennt K, dass sie schwanger ist. Lydia Iwanowna kümmert sich um AA, führt ihn zur Religion, zum Spiritismus. AA erlaubt AK nicht, ihren gemeinsamen Sohn zu sehen. AK lebt als Ausgestoßener in der Petersburger Gesellschaft, will unbedingt ihren Sohn sehen. AK besucht unangemeldet den Sohn. Streit zwischen AK und W, weil W sich vergnügt, und zwar ohne AK. W fühlt sich eingeengt.
Teil 6: Leben von K und L auf dem Land. Sie erhalten Besuch aus Moskau, u.a. von einem Lebemann namens Wassenka Weslowski, der mit K flirtet. L eifersüchtig. Sie sprechen sich aber aus. S, L und Weslowski auf Jagd. Trotz guter Momente verweist L Weslowski des Hauses. D besucht AK auf dem Land, wo W und sie glücklich leben, nach Wosdwishenskoje. W aber langweilt sich und will klare Verhältnisse, um auf die zukünftigen Kinder und ihre Tochter Anspruch erheben zu können, die momentan noch AA zugeordnet sind. AK aber will sich nicht scheiden lassen, weil sie nicht auf ihren Sohn verzichtet möchte, betäubt sich mit Morphium, auch über das zunehmende Desinteresse von W. W baut Krankenhaus, wird Großgrundbesitzer und erzielt Gewinne, befreit sich von den schwierigen finanziellen Verhältnissen. L trifft W auf einer Versammlung mit politischen Intrigen rund um die Wahl eines Gouvernementsmarschalls. AK leidet an Asymmetrie. W lebt sein Leben, als gäbe es sie nicht, während sie zuhause wartet. Liebe zwischen ihnen erkaltet zunehmend.
Teil 7: W, AK, K und L in Moskau K erwartet die Geburt. L gibt zu viel Geld aus, lässt sich treiben, hat Halt verloren, Sinnsuche, tauscht sich mit Intellektuellen aus, aber verliert schnell das Interesse daran. Nur Akademiestreitigkeiten. AK lebt völlig isoliert. L besucht sie, von ihrer Schönheit fasziniert. W und AK streiten. K hat Schmerzen vor der Geburt. L zunehmend verzweifelt, wendet sich an Gott, als er sie schreien hört. Die Geburt findet statt, ein Wunder für L und K. L voller Sorge, Empathie, voller Schmerz und Glück für K. S reist nach Petersburg, um sich einen Posten zu ergattern als Ausschussmitglied der Vereinigten Agentur für gegenseitigen Kredit der Südrussischen Eisenbahnen. Er hat große Geldsorgen. S trifft Serjosha, trifft AA, der für ihn ein gutes Wort einlegen soll. AA aber völlig in den Fängen eines Sehers namens Landau. Spiritistensitzung. AK isoliert, W benötigt aber gesellschaftlichen Umgang. AK adoptiert ein englisches Dienstmädchen, und W wird von der Mutter gedrängt, mit der Fürstin Sorokina anzubandeln. Streitpunkt auch weitere Kinder, aber AK will ihre Schönheit nicht ruinieren. AK besucht D, um sich auszusprechen, aber trifft K an, die das Gespräch verhindert. AK fährt wieder los, W hinterher und hört, dass er sich mit der Fürstin Sorokina bei seiner Mutter getroffen hat. Sie verliert den Mut und stürzt sich zwischen die Waggons eines Güterzuges.
Teil 8: Stiefbruder Ls hat Kummer ob seines neuen Buches, kaum Rezensionen, und dann eine sehr schlechte. Gibt sein Buchprojekt auf und wird politisch, engagiert sich für die Slawenfrage im serbischen Krieg gegen die Osmanen (1876-1878). W hat sich freiwillig für den Krieg gemeldet, fährt von Moskau los nach Serbien, trifft am Bahnhof Stiefbruder Ls, unterhalten sich dort über AK. Stiefbruder besucht L und K und ihren Sohn Mitja. L geht mit sich und seinem Nichtglauben an Gott ins Gericht. Er findet keine wirkliche Liebe zu sich und seinen Sohn. L plagt sich mit Selbstmordgedanken, hilft einem Käferchen, denkt an den Tod, an die Sinnlosigkeit, erträgt die Nichtigkeit der Existenz nicht. L liebt die Bienenzucht, findet zurück zur Kirche. L pazifistisch, gegen den Krieg gegen die Türken. Bei einem Gewitter kommt K nicht zurück. L außer sich vor Angst, läuft los, ein Blitz schlägt ein, ein Baum kracht zusammen, aber K bleibt unverletzt, versöhnt sich, will nur noch das Gute, das Gute tun, das Gute verehren und glaubt wieder ans Leben und an Gott.
… vgl. „Madame Bovary“ von Gustave Flaubert, in der die Frau eines Landarztes diesem untreu wird und auch bestraft wird und stirbt, oder „Rot und Schwarz“ von Stendhal. Hier mit extrem moralischen Unterton, und inhaltlich auch nicht wirklich gestrafft oder fokussiert. Die Psychologie bleibt unterbelichtet. Die Handlung ist alles andere als spannend. Inhaltliche Höhepunkte: das Mähen von Lewin, der sich unter die Bauern mischt; die Geburt seines Sohnes Mitja; die Reitsportszene mit Wronski; empathisch mit dem Jagdhund; die Fahrt von Anna Karenina durch Moskau, in der sie voller Abscheu auf die Menschen blickt; das Zusammentreffen in der Wintersnacht zwischen Wronski und Anna. Leider oft völlig deeskaliert erzählt, nicht mit viel Empathie. Ein paar intensiven Szenen bei einem so langen Buch erscheint dann doch enttäuschend. Zu viel nur angerissen. Mir scheint, als hätte Tolstoi mit jemandem eine Rechnung offengehabt, fast rachsüchtig. –> 3 Sterne
Form: Feinste Sprachführung, lange, durchgehaltene, melodiöse Sätze, rhythmisch, syntaktisch, im Wortreichtum einfallsreich, verschiedene Sprachen, echte Dialoge, szenisch teilweise intensiv-poetisch, meist aber kalt, nüchtern, in Diktion aber treffsicher, ohne Holprigkeiten. Keine Tempi-, oder Modischwierigkeiten. –> 5 Sterne
Erzählstimme: Klassisch brutale auktoriale Erzählfigur, die die Erzählung fest in den Händen hält; episodenhaft erzählt, stets mit vollem Wissen über das Innenleben aller anwesenden Figuren, keine Fokussierung, völlig Allwissenheit, als solche ein Paradebeispiel für die auktoriale Erzählinstanz, die sich hingebungsvoll, ohne zu reflektieren, der Allmacht des Erzählens hingibt, aber dadurch in der Narration völlig aufgeht. –> 5 Sterne
Komposition: Völlig auseinandergehend, unzusammenhängend, eigentlich zwei Bücher in einem, und dazwischen lose andere Aspekte. Es gibt zwei Bücher: Die Ehekrise zwischen Anna und Alexej; und das Eheglück zwischen Lewin und Kitty. Beide stehen völlig für sich, ohne dass sie die jeweilige Gegenseite benötigen. Dazwischen hangeln sich Nebensächlichkeiten wie die Politik in Russland des 19. Jahrhundert, aber ohne jede Spannung; finanzielle Probleme des Adels; die nur skizzierte Tragödie des leiblichen Bruders von Lewin, der stirbt – aber die Todesszene sehr schwach, ohne Intensität; das Leid des Intellektuellen, der Stiefbruder Lewins, der sich dann politisiert; die Korruption der Beamtenkaste, anhand von Stepan etc … aber all das fügt sich nicht zusammen. Es bleibt in diesem Allmachtsblick lose nebeneinander … 1 Stern, weil Dualismus ausgereizt und völlig klar ausgespielt, aber schematisch. –> 1 Stern
Leseerlebnis: Sehr schwankend, extrem mitreißenden Szenen (Geburt Mitjas, Selbstmord Annas), und hinzu brutale, antiklimaktische Schnitte mitten im Spannungsbogen, narrative Deeskalation, aber voll auf Kosten des Lesevergnügens, langatmig, zäh, sehr panoramenhaft, aber als Text ausufernd, wenig fokussiert, wenig begeisternd; und arge brutale Behandlung von Anna, die vorgeführt wird, und sogar ein wenig zu oberflächlich, zu wertend, zu urteilend. Dennoch im Nachgang intensiv schillernd, insofern während des Lesens 1 Stern, nach dem Lesen 5 Sterne. –> 2 Sterne
Marcel Proust: „Gegen Sainte Beuve“

Selbstbefreiungsgeste neue poetische Wege zu gehen – leider ein Fragment geblieben
Zwischen 1908 und 1910 schrieb Marcel Proust, just im Schwange die ersten Bände seines Zyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit zu verfassen, an einer poetologische Selbstverortung, indem er sich an dem prototypischen Kritiker schlechthin abarbeitete, der, ohne wirklich selbst literarisch in Erscheinung zu treten, dennoch das Gespräch, die Urteile, die Atmosphäre der Literatur seiner Zeit maßgeblich beeinflusst und lenkt. Proust wählt Charles-Augustin Sainte-Beuve (1804 – 1869) als Paradebeispiel für diejenigen, die im jeweiligen Roman nur eine Art Widerspiegelung des jeweiligen, real-existierenden, in der Gesellschaft interagierenden Ichs erkennen wollen:
Daß [Sainte-Beuve] die Naturgeschichte der Geister betrieben, daß er von der Biographie eines Menschen, von der Geschichte seiner Familie, von allen seinen Besonderheiten Aufschluß über seine Werke und die Natur seines Genies erbeten hat, erkennt jedermann als seine Originalität an und erkannte er sich selbst zu, womit er im übrigen recht hatte. Taine selbst […] sagt in seinem Lob über Sainte-Beuve nichts anderes. »Sainte-Beuves Methode ist nicht minder kostbar als sein Werk. Darin ist er ein Neuerer gewesen. Er hat in die Geistesgeschichte die Verfahren der Naturgeschichte eingeführt. Er hat gezeigt, wie man es anfangen muß, um den zu erkennen […]
Proust aber, ganz und gar kein Positivist der Comteschen Provenienz, widerspricht zutiefst. Für ihn arbeitet sich im Schreiben das jeweilige Ich gerade gegen das sozial Erscheinende Ich, die Person, ab, also das Selbst gegen die Person, um eine höhere, allgemeinere Form des Ichs zu etablieren, eine Form des durchschrittenen Phantasmas, für das die Person, das in Konversation befindliche Sein, nur eine falsche, verzerrende Abbildung abgibt:
In keinem Augenblick scheint Sainte-Beuve das Besondere begriffen zu haben, das in der Inspiration und der literarischen Arbeit liegt und das sie von den Beschäftigungen der anderen Menschen und den anderen Beschäftigungen des Schriftstellers vollständig unterscheidet! Er unterschied nicht die literarische Betätigung, bei der wir in der Einsamkeit und indes wir die Worte zum Schweigen bringen, die anderen ebenso wie uns gehören und mit denen wir, auch wenn wir allein sind, die Dinge beurteilen, ohne wir selbst zu sein, bei der wir uns selbst gegenübertreten und versuchen, den wahren Ton unseres Herzens zu hören und wiederzugeben und nicht die Konversation!
Gegen Sainte-Beuve diente als Abwehrgeste und blieb ein Fragment. Es diente den Schreibbemühungen Prousts, um sich durch die Ablehnung des Diskurses von seiner Form der Ich-Erzählung zu vergewissern, sich in ihr bestärken zu können. Sein Ich, das der Recherche, hat mit ihm, dem sozial interagierenden Marcel Proust, nichts gemein, und so muss ihn keine Achtung, kein Respekt, keine Wahrhaftigkeit fesseln, außer der, die von ganz alleine durch die Zeilen selbst entsteht. Vor allem aber wehrt er sich, erfolgreich sein zu müssen, dem geltenden Geschmack, repräsentiert durch Allüren von alter egos von Sainte-Beuve, genügen zu sollen. Proust tröstet sich dann, dass die von Sainte-Beuve gefeierten Bücher keiner mehr liest, die aber von ihm verachteten, die von Charles Baudelaire, von Balzac, von Flaubert und Gérard de Nerval noch immer Beachtung finden.
Wenig auf den Punkt, sehr schwadronierend, sehr unklar im Salonduktus verfasst, kaum je ein heftiges, stichhaltiges Argument hervorbringend, eher fein über die Dinge schwebend, gleitet Proust als nebulöser Theoretiker über das Problem von Faktizität und Geltung, aber gewinnbringend, inspirierend und frei in seiner Form, nicht enden wollende Sätze zu fabrizieren. Leider dennoch: nur ein Bruchstück und Fragment, aber ein sehr schillerndes, in sich bewegtes.
Nora Schramm: „Hohle Räume“

Verstörend belanglos, passiv-aggressive Buddygeschichte einer Figur, die am Leben vorbei lebt
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 2/5 Sterne (Schwesterndrama)
Form: 1/5 Sterne (unbedarft)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (unsituierte Ich-Erzählung)
Komposition: 2/5 Sterne (kaum, Reihung)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (zäh bis nervig)
Nora Schramms Debütroman lässt sich am ehesten als eine Buddygeschichte zweier Fast-Schwestern bezeichnen, von Helene und Molly, die sich aus den Augen verlieren, dann aber wiederfinden und einen labilen Neustart versuchen, denn das gesamte Familienkonstrukt wackelt an allen Enden und Kanten. Der Roman beginnt mit der fünfunddreißigjährigen Helene, die ihre über sechzigjährigen Eltern in Findelheim besucht und mit deren bevorstehender Scheidung konfrontiert wird:
Ich spüre das Bett feucht unter meiner Hüfte, rolle mich weg, aus dem Fleck heraus, und es riecht wieder nach Badreiniger, stärker, und da wird mir klar, dass ich ins Elternbett gepinkelt haben muss, auf die geruchsneutrale Vaterseite. Für einen Moment denke ich, dass ich liegen bleibe, bis es um mich herum getrocknet ist, die Decke so lange nicht anhebe, bis alles eingezogen ist, restlos versickert, meine Finger klammern sich an die Decke, panisch, dass die Mutter hereinkommt und sie mir wegzieht.
Das eigentliche Drama des Buches lässt sich als verspätetes Coming-of-Age bezeichnen. Helene sieht sich den Problemen der Erwachsenenwelt in keiner Weise gewachsen. Sie lebt in einer Kunstwelt und vergisst so ziemlich alles: das Brot aus dem Backofen zu nehmen; ihrer Assistentin den Lohn zu überweisen; die Nummer des Vaters oder der Mutter zu speichern; und sogar nach einem Treppensturz, den Notarzt zu rufen. Sie lässt ihre Mutter lieber mit schmerzverzerrten Gesicht im Wohnzimmer hocken und in eine Kaffeetasse pinkeln:
Die Mutter hat sich rasiert. Ich weiß nicht, wann ich sie zuletzt nackt gesehen habe, ich versuche, auch in diesem Moment nicht die nackte Mutter zu sehen, sondern an ihrer Nacktheit vorbeizuschauen, aber dass sie sich die Schamlippen rasiert hat, das bemerke ich einfach und finde es irgendwie pervers. Ich halte ihr die handgetöpferte Tasse vom Weihnachtsmarkt hin und sage, okay, jetzt. Wir stehen eine Weile stumm und warten, bis die Mutter pinkelt.
Die Ich-Erzählerin verurteilt, bewertet, ignoriert und entzieht sich allen sozialen Prozessen, ohne über sich und ihre Welt auch nur im geringsten nachzudenken. Fast phänomenologisch-abstrakt zieht die Welt an ihr vorbei. Teilnahmslos, passiv lässt sie das Geschehen ablaufen. Exakt in diesem Duktus bleibt die Erzählstimme in einem gruseligen Limbo schweben, nämlich präsentisch-erzählt aus der Ich-Perspektive, die sich aber uneingeschränktes Wissen über die Eltern erlaubt und sich aus dem Off heraus ein- und ausschaltet (seltsame Zeitsprünge). Glaubwürdigkeit bleibt da auf der Strecke. Die Erzählstimme entspricht einer verstörenden, unzusammenhängenden, beliebigen Sicht auf Dinge, die gewöhnlich an die Essenz des Zusammenlebens gemahnen: Tod, Krankheit, Trauer, Schmerz. Doch Helene erreicht nichts. Sie bleibt außen vor:
Ich nehme meine Hand von ihrer, greife nach dem dünnen Stil des Weinglases, schwenke die rote Flüssigkeit darin, ohne es anzuheben, rotiere es auf der Tischplatte und sage, du hast meine Mutter im Stich gelassen. Molly hebt die Augenbrauen. Du auch, sagt sie. Ja, sage ich, aber ich habe von Anfang an klargemacht, dass sie mit mir nicht zu rechnen braucht. […] Sie ist erwachsen, sagt Molly, und als ich nicht antworte, schiebt sie hinterher, sie ist alt geworden. Findest du, sage ich. Du bist erwachsen geworden, sage ich. Du nicht, sagt Molly.
Zwar ergibt sich eine intensive Dynamik zwischen Molly und Helene am Ende, aber auch diese bleibt nur skizziert und erinnert an das erste Viertel von Bettina Wilperts Herumtreiberinnen sowie an das Wiedertreffen der Schwestern in Dana von Suffrins Nochmal von vorne . Die Familienproblematik hat Doris Wirth in Findet mich viel überzeugender herausgearbeitet, und das Passiv-Nervige einer Hauptfigur ist in Nele Pollatscheks Kleine Probleme zwar immer noch nervig, aber wenigstens stellenweise tolpatschig-amüsant.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: ●Hauptfiguren: Helene Michels, Bildende Künstlerin, 35, unverheiratet, wahrscheinlich Single, vielleicht zusammen mit Kolja, hat eine Assistentin namens Katja, wohnt in Berlin und besucht ihre Eltern in Findelheim, in der Nähe von Stuttgart.
Irene Michels, Mutter von Helene, 62, Hausfrau mit Hochschulabschluss, aber ohne Referendariat, gibt Nachhilfeunterricht, und will sich von ihrem Mann scheiden lassen.
Thomas, Tommy, Vater von Helene, hat Affäre mit Svenja, arbeitet als Pharmaberater, vormals als Arzt und Tierarzt auf dem Land.
Molly Nowak, Ziehschwester von Helene, aus prekären Verhältnissen, die von Irene bei Nachhilfe entdeckt, die mit 18 Jahren aber, nach sieben Jahren, aus dem Leben der Familie verschwand; hat zwei Kinder, Mattea und Ella mit Frieder, einem Journalisten und Musiker.
●Kurzplot: Helene besucht ihre Eltern in der Vorweihnachtszeit auf Wunsch der Mutter wegen der akuten Ehekrise, denn die Eltern wollen sich scheiden lassen. Sie bleibt bei ihrer Mutter, während der Vater bald verschwindet, sich zurückzieht. Die Mutter stürzt und bricht sich die Hüfte. Helene trifft ihre verschollene Schwester wieder, Molly, die ihr bei der Pflege der Mutter hilft, die ins Krankenhaus und dann in die Reha nach St. Peter-Ording kommt. Sie besuchen die Mutter zusammen und verleben Heiligabend bei McDonald’s.
●Plot: Familienprobleme im Hause der Michels. Der Vater, schweigsam wie die Tochter, hat seit langem eine Affäre. Die Mutter lebt unglücklich neben ihn her und wünscht sich die Erfüllung durch die Kunst. Eines ihrer Projekte, eine Schülerin namens Molly im selben Alter wie ihre Tochter Helene, sollte groß als Musikerin, Sängerin in Erscheinung treten. Für Molly hat Irene die eigene Tochter in den Hintergrund gestellt, die aber im Windschatten Mollys Künstlerin wurde, indes Molly vor der Musikschulenprüfung verschwindet und zurück zu ihrer leiblichen Mutter zieht. Nun lebt die Mutter vor sich hin und überlegt nach Berlin zu ziehen und will mit ihrer fünfunddreißigjährigen Tochter alles bereden, die ebenfalls in Berlin lebt. Der Vater will damit nichts zu tun haben. Die Tochter auch nicht. Sie verhält sich abwesend, abweisend, wenig begeisterungsfähig. Sie wird eingeladen von ehemaligen Schulfreunden, die stolz darauf sind, eine so berühmte Künstlerin in der Klasse gehabt zu haben. Dort trifft sie auf Molly, die sich mit der Mutter wieder versöhnt hat. Der Schmerz sitzt tief. Sie sprechen sich aus. Die Mutter stürzt und bricht sich etwas. Molly hilft Helene mit den Dingen im Leben klar zu kommen, denn offenkundig hat Helene sich noch nicht wirklich abgenabelt. Es handelt sich im Ganzen eher um eine Art Potpourri aus Schichtproblemen, Künstlerproblem, Familienproblem, insgesamt ein Persönlichkeitsproblem, das sehr an Nele Pollatscheks Kleine Probleme erinnert, durch die Schwesternproblematik auch an Nochmal von vorne von Dana von Suffrin; und mit dem Verschwinden des Vaters auch an Doris Wirths Findet mich. Thematisch aber stark angelehnt an die Aussteigerphantasien von Magdalena Saiger Was ihr nicht seht.
… der Plot benötigt lange um in Fahrt zu kommen, denn im Grunde geht es um die beiden (Fast-)Schwestern, die wieder zusammenfinden. Das letzte Viertel besitzt eine emotionale Intensität, die den ersten Dreiviertel gänzlich abgehen, langatmiges Beschreiben von Allerweltvorgängen. Es könnte als Künstlerkritik durchgehen, die Künstler, die weltfremd vor sich hinbasteln; die Mutter wollte keine Bauerntochter bleiben, wurde Lehrerin, und die Tochter oder Ziehtochter sollte noch höher hinaus und Künstlerin werden, Standesdünkel, bezahlt aber mit einiger Lebensunfähigkeit. Leider bleibt das alles unausgearbeitet und die Psychologie völlig im Dunkeln. Die Hauptfigur besitzt keinerlei Antrieb. Der Plot vermag deshalb nicht zu fesseln, besitzt sogar einiges an Nervpotential. Pluspunkt nur die Schwesterndynamik am Ende. –> 2 Sterne
Form: Einfallslose Sprache, einfallslose Sätze, einfallslose grammatische Wendungen, permanente Wiederholung von „Vater“, „Mutter“, … immer wieder Bestärkung und Verstärkung durch tautologische Wendungen. Sprachlich zäh, gewollte Metaphern, Wortfeldvermischungen, Abstraktionshöhenvermengung, Katachresen … Totalausfall –> 1 Stern
Erzählstimme: Präsentisch erzählte Ich-Erzählerin, die sich nicht reflektiert, nicht verortet, nicht im Zusammenhang sieht. Das präsentische Erzählen dürfte keine Lücken haben (wie erklären sich diese anders als durch einen anwesenden Regisseur, jemand, der das Bewusstsein für das Publikum an- und ausschaltet), d.h. die Erzählposition bleibt unreflektiert. Es existiert jemand, der nicht in Erscheinung tritt, weder durch Kommentar noch durch Selbstbezug. Es ist ein gruseliges aus dem Off-Erzählen, ohne klaren Raum- und Zeitverlauf. –> 1 Stern
Komposition: Der Handlungsrahmen bezieht sich rein auf: wo ist die Molly geblieben? Was ist mit Molly geschehen? Wo ist der Vater? Mit dem Spannungsbogen, dass Helene nicht mehr „Maus“ genannt werden will, und am Ende die Mutter auch nicht mehr „Mutter“ oder „Mama“, sondern „Irene“. So endet das auch damit, dass nun ständig „Irene“ gesagt wird, statt „die Mutter“, womit die Emanzipation aus der Rolle illustriert, aber nicht plausibilisiert wird. Es bleibt eine Andeutung. Spannungsbögen gibt es nicht, und unnötige Passagen en masse. Pluspunkt nur diese Benamsungsdynamik. –> 2 Stern
Leseerlebnis: Dröge, und sehr nervig, Hauptfigur erscheint kalt und abwesend, kaltherzig, unempathisch und asozial. Über weite Strecken kaum auszuhalten, erst mit der Schwester kommt Schwung in den Text, aber nur durch diese. Sehr zäh. Keine Freude. –> 1 Stern
Eugène Ionesco: „Welch gigantischer Schwindel“

Gelungene Bühnenfassung einer misanthropischen Geste, hier gewendet ins resignativ Humorvolle.
Ionesco (1909-1994) schrieb hauptsächlich Dramen, aber auch manche Romane. Wie sein berühmtestes Stück Die Nashörner sowohl in Prosa wie in Dialogform veröffentlicht wurde, reichte er nach seinem letzten Roman Der Einzelgänger (1973) auch eine Theaterfassung nach, die Welch gigantischer Schwindel heißt (im selben Jahr). Gab es in der Romanform einige Schwächen in der zeitlichen Komposition und Plausibilität der Entschlüsse, zeigt sich nun, dass die Idee eine intensive, explosive Dramaturgie besitzt, nämlich den Einzelgänger als Schweigender inmitten von Schwatzenden:
Du bist verantwortlich. Du unterschreibst alles, du deckst alles, du rechtfertigst alles, alle Übel unserer Gesellschaft, die durch das System erzeugt wurden. Kurz und gut, das System bist du. Du bist schuld. Ach ja, die ganze Zeit, die wir zusammen gearbeitet haben. Fünfzehn Jahre oder dreizehn, ganz egal. Wie soll man etwas än-dern, wenn Leute wie du nicht wollen? Aber mit dem Geld, das du jetzt hast, könntest du etwas tun. Du könntest uns helfen.
Das sagt sein Bürokollege Jacques Dupont zu ihm. Es reden in Monologen auf ihn ein: sein Chef, seine Ex-Geliebte, sein Kollege, seine Nachbarn und Nachbarinnen, die Concierge und noch andere wie die Nachkommen von seinem Kollegen und seiner Ex-Geliebten. Der Einzelgänger, der wie im Roman namenlos bleibt, versucht erst gar nicht Stellung zu beziehen. Alle wollen etwas von ihm: seine Aufmerksamkeit, sein Geld, seine Liebe, seine Treue, seine Stimme, seine Zeit. Hierbei erweist sich, dass die Mitmenschen alle gegeneinander intrigieren, miteinander konkurrieren und sich vor ihm die Blöße geben, sich gegenseitig aufzuhetzen:
Hüten Sie sich vor den Leuten, die vorgeben, Sie zu lieben. Sie möchten Sie an sich ziehen, sie möchten Sie mit ihren Krallen festhalten, Sie würgen und umbringen. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Abgesehen davon sind sie nett. Was ich da über sie erzählt habe, sollte keine üble Nachrede sein. Glauben Sie das ja nicht! Ich wollte Sie nur warnen, ohne zu übertreiben. Sie können trotz alledem gute Freunde abgeben.
Als Theaterstück funktioniert Der Einzelgänger besser. Die Dialogform simuliert keinen Zeitlichkeitsverlauf, der wird nämlich in den Regieanweisungen klar expliziert. Auch dass der Einzelgänger nicht denkt und reflektiert, wird seiner Figur gerechter. Die Reflexionen im Roman wiederholen sich sehr und wirken selbstgefällig und eher einfallslos. Hier, in Welch ein gigantischer Schwindel erscheint der Einzelgänger als verhinderter, verdruckster Hedonist:
Oh [Gott]! Du Spottvogel du! Spottvogel! ER schüttelt sich vor Lachen. Ah! Nein so was! Nein so was! Das hätte ich längst merken müssen. Was für eine Farce! Umwerfend! Was für eine Farce! Was für eine ungeheuerliche Farce! Was für eine ungeheuerliche Farce! Und ich habe mir Kummer gemacht. […] Was für ein guter Witz! Nach links, rufend und lachend. Was für ein guter, Witz!
Nachdem die Figuren sich alle deklassiert haben, nachdem alle möglichen Meinungen über die Welt, die Politik, die Gerechtigkeit, die Liebe und Freundschaft monologisiert über ihn geschüttet wurden, befreit er sich mit einer humoresken Geste, die in den 1970ern als sehr resignativ aufgefasst wurde. Heute bleibt ein Lustspiel übrig, das, dem Misanthropismus zugeneigt, dennoch selbstzerfleischend und selbst unterminierend wirkt. Und ja, Ionesco war ein guter Freund, wenn nicht der beste, von Emil Cioran und seiner Lehre vom Zerfall .
George Orwell: „1984“

Paradigma der Dystopie-Romane: Paradoxien der verwaltete Welt und ihre Abgründe
Inhalt: 5/5 Sterne (eindrucksvolle Dystopie)
Form: 4/5 Sterne (dicht, atmosphärisch, beklemmend)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (auktorial-unentschieden)
Komposition: 4/5 Sterne (verwoben, immersiv bis auf die Traktate)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (faszinierend und beängstigend)
Im Zuge der Bürokratisierung der Demokratie entstanden Texte wie Franz Kafkas Der Prozess und Theorien über die verwaltete Welt, wie sie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in Dialektik der Aufklärung formuliert haben. Erzählerisch abgerundet wird die Dystopie mechanisierter Lebensbedingungen von George Orwells Roman 1984, erschienen 1949, und hier gelesen in der Übersetzung von Kurt Wagenseil. Orwells Hauptfigur heißt Winston Smith, und er langweilt sich in Ozeanien, unter der Herrschaft des Großen Bruders, ganz entsetzlich:
Es mochte wahr sein, daß es dem Durchschnittsmenschen heute besser ging als vor der Revolution. Der einzige Gegenbeweis war der stumme Protest im eigenen Innern, das instinktive Gefühl, daß die Bedingungen, unter denen man lebte, unerträglich waren und früher anders gewesen sein mußten. Es fiel ihm auf, daß das wirklich Charakteristische des heutigen Lebens nicht seine Grausamkeit und Unsicherheit, sondern einfach seine Nacktheit, seine Schäbigkeit, seine Ruhelosigkeit war. Ein großer Teil des Lebens spielte sich, selbst für ein Parteimitglied, auf einer neutralen und unpolitischen Ebene ab und bestand darin, sich mit langweiliger Arbeit abzuplagen, sich einen Platz in der Untergrundbahn zu erobern, eine zerrissene Socke zu stopfen, eine Sacharintablette zu erbetteln, einen Zigarettenstummel aufzubewahren.
Der Konflikt besteht also von Anfang an darin, dass Winston sich von den herrschenden Verhältnissen in seiner Libido gefesselt fühlt. Seine Instinkte rebellieren, nicht seine Vernunft oder sein politischer Verstand, und er findet schließlich in Julia eine Partnerin, die es genießt, Tabus zu brechen und Gesetze zu übertreten, ganz im Gegensatz zu seiner Ehefrau Katherine, die sich im Bett für Winston „wie eine Holzpuppe“ anfühlte, und von der er sich nur aus diesem Grund getrennt hat, nicht wegen ihres politischen Opportunismus.
Sein Herz jubelte. [Julia] hatte es schon so oft getan; er wünschte sich, es wäre hundert- oder tausendmal gewesen. Alles, was auf Verderbtheit hinwies, erfüllte ihn immer wieder mit einer wilden Hoffnung. Wer weiß, vielleicht war die Partei unter ihrer Oberfläche faul und angekränkelt, vielleicht war ihr Kult von Tüchtigkeit und Selbstkasteiung einfach ein Schwindel, hinter dem sich das Laster verbarg. Was hätte er darum gegeben, die ganze Bande mit Lepra oder Syphilis anzustecken! Alles, was zur Verrottung beitrug, was schwächte, unterminierte! […]
»Ich hasse die Unschuld, ich hasse das Bravsein! Ich will nicht, daß es noch irgendwo eine Tugend gibt. Ich will, daß alle Leute bis ins Mark verderbt sind.«
»Nun, dann dürfte ich die Richtige für dich sein, Liebling. Ich bin bis ins Mark verderbt.«
In auktorialer Erzählweise zieht Orwell ein widersprüchliches Netz zusammen, das den Dualismus Wildheit-Zivilisation, Instinkt-Verstand, Primitivität-Etikette inszeniert, aber nicht durchschreitet. Die Hauptfiguren, voller Hass gegen körperliche Arbeit, aber voller Liebe für die wilde Welt der Proles, genießen die Rebellion vor allem aus dem Eros am Thanatos heraus: Zerstörung. Winston hat Vergewaltigungs- und Mordphantasien, brutale Eingebungen, wie seine Ehefrau in eine Kalkgrube zu stoßen oder Julia den Schädel mit einem Ziegelstein einzuschlagen. Das Schematisch-Plakative aber unterläuft Orwell durch die erzählerische Dynamik, die Klaustrophobie, die Angst und die Lust an der Angst, so dass zwischen den Zeilen ein Grauen zu schillern beginnt, das so intensiv wird, dass es einem den Atem verschlägt. Weitergehend Lektüre wären Aldous Huxley Schöne neue Welt und A Clockwork Orange von Anthony Burgess, und selbstredend die neuste und etwas drastischere Variante der repressiven Entsublimierung American Psycho von Bret Easton Ellis.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: ● Hauptfiguren: Winston Smith, 39 Jahre alt, arbeitet im Wahrheitsministerium, hat seine Eltern wahrscheinlich bei Säuberungsaktionen nach 1950 verloren, lebt getrennt von seiner Frau Katherine, die ihm zu linientreu und vor allem zu wenig an Sex interessiert gewesen ist, hasst die Partei, hasst das Leben unter der Schirmherrschaft des Großen Bruders, beginnt ein Tagebuch zu schreiben.
Julia, 26 Jahre alt, wohnt in einem Heim mit anderen jungen Mädchen, hedonistisch, liebt Sex, liebt es Gesetze zu übertreten, eine Arbeitskollegin von Winston.
O’Brien, ebenfalls ein Arbeitskollegen, zu dem Winston hinauf sieht, sich von ihm eine Freundschaft erhofft.
Charrington, ein Antiquitätenhändler, dem Winston das Notizbuch verkauft hat, mit welchem Winston das Tagebuch, die Reflexion beginnt. Er verkauft ihm auch einen Briefbeschwerer und vermietet ihm nachher das Zimmer, in welchem er sich mit Julia trifft.
● Kurzzusammenfassung: Zwei Angestellte im Wahrheitsministerium finden zueinander und pflegen eine l’amour fou, die verboten und entfesselt ist. Sie lieben die Gesetzübertretung und die Intensität und verschreiben sich dem libidinösen Protest gegen den Staat, der sie aber durch einen Doppelagenten (O’Brien) erwischt, sie foltert, bis sie sich gegenseitig aufgeben, flehen, dem jeweils anderen das anzutun, was ihnen droht, nämlich die personifizierte Alptraumsituation im Zimmer 101 im Liebesministerium. Danach wirken sie wie betäubt, erkennen sich wieder, fühlen aber nichts mehr. Die Liebe ist tot. Symbolik der verwalteten Welt.
● 1. Teil: Das Leben des Winston Smiths (WS), der ein Tagebuch zu schreiben beginnt, so, dass der Televisor ihn nicht sieht. Er beginnt am 4.4.1984. Bspw denkt er an die Zwei-Minuten-Hass-Sendung, an eine Mitarbeiterin (die spätere Julia(J)), die er hasst und begehrt zugleich, und an O’Brien (OB), zu dem er freundschaftliche Gefühle verspürt und von dem er hofft, verstanden zu werden. WS fürchtet von der Gedankenpolizei gefasst zu werden, die überall Systemgegner wittert, vor allem Mitglieder der sogenannten Bruderschaft rundum den Renegaten Immanuel Goldstein. Zuhause hilft er der Familie des systemtreuen Nachbarn Parson, als dessen Frau wegen eines verstopften Abfluss bei ihm klopft. Die Kinder von Parson, Mitglieder der Jugendorganisation „Die Späher“, greifen ihn an. WS träumt von der dunkelhaarigen Frau, die sich die Kleider vom Leib reißt, wild und frei ist. WS hasst den Zwang, Frühsport vor dem Televisor treiben zu müssen. WS Job besteht darin, Geschichtsklittung zu betreiben, also die Dokumente stets auf den neuesten Stand der Wahrheit zu halten. In der Kantine spricht er mit dem Kollegin Syme, der an einem Wörterbuch für Neusprache arbeitet, die in Wortzerstörung besteht. WS erinnert sich an den Besuch bei einer Prostituierten, die sich als alte Frau entpuppt. WS sehnt sich nach Natürlichkeit, Entfesselung. WS hat einmal den Beweis der Geschichtsverfälschung in der Hand, als ihm eine veraltete Version der Tageszeitung zufällt, in der verurteilte Systemgegner, Aaronson, Rutherford, Jones an einem Ort gezeigt werden, an dem sie unmöglich, nach offizieller Geschichtsschreibung gewesen sein können. Statt zu einem Abend ins Gemeinschaftshaus zu gehen, wandert WS in die Region der sogenannten Proles, trifft doch auf das dunkelhaarige Mädchen, Bombeneinschläge, findet sich vor dem Antiquitätenladen wieder und kauft bei dem Händler Charrington einen Briefbeschwerer.
2. Teil: Das dunkelhaarige Mädchen steckt ihm heimlich eine Nachricht zu. WS versucht mit ihr in Kontakt zu kommen, stellt dafür jemandem in der Kantine ein Bein. Sie verabreden sich an einem öffentlichen Platz, dort gibt sie ihm Anweisungen, und er fährt aufs Land, sie zu treffen. Sie stellt sich als Julia vor. Sie haben Sex im Freien. WS erzählt von seiner Frau Katherine. Weitere Treffen auf dem Land fallen aus. WS mietet im Raritätenladen ein Zimmer. Dort treiben es Julia und er, sie verkleidet als Proletin, mit Schminke und Rock statt Trainingsanzug. Im Wahrheitsministerium gibt es keinen Syme mehr. Julia zeigt sich wenig interessiert an Politik. WS erinnert sich, während er auf Julia im Zimmer beim Krämer wartet, an die letzte Szene mit seiner Mutter, als er seiner kranken Schwester die Schokolade wegisst. Sie beschließen, Teil der Untergrundbewegung zu werden, vor allem aus Langeweile und Aufregung, und kontaktieren OB. Er lädt sie ein und nimmt sie in die geheime Bruderschaft auf. Goldsteins Buch wird ihnen übermittelt. Er liest es nach einer sehr anstrengenden Woche der Geschichtsrevision. Lange Traktate über die sozialen Verhältnisse. Plötzlich redet eine Stimme im Zimmer. Hinter dem einen Gemälde war ein Televisor versteckt. Die Gedankenpolizei nimmt sie gefangen.
3. Teil: WS in Gefangenschaft, in der Sammelzelle wird vom Zimmer 101 gesprochen, selbst Parsons, der Bruder, taucht auf, verpfiffen von seinen eigenen Kindern. OB verhört Winston, lehrt ihn das Zwiedenken, fragt ihn, wie viele Finger er sieht. Er soll lernen zu glauben. Sie wollen ihn brechen und schaffen es fast, nachdem sie ihn völlig ausmergeln lassen haben. Aber wieder denkt er an seine Liebe zu Julia, sodass auch er ins Zimmer 101 gehen muss, wo sein persönlicher Alptraum auf ihn wartet, eine Maske mit Ratten, die ihm das Gesicht zerfleischen würden. Er schreit, sie sollen Julia nehmen. Er wird gehen gelassen, sitzt teilnahmslos, saufend im Café, trifft irgendwann Julia, aber ihrer beider Gefühle sind verschwunden, weil sie sich gegenseitig verraten haben. Es gibt jetzt nur noch die Liebe, das Stockholm-Syndrom, zum Großen Bruder.
… vgl. Hermann Hesses „Der Steppenwolf“, besonders als Winston im Proles-Bezirk zum Raritätenladen wandert, eigenartige London des 18. Jahrhundert-Atmosphäre. Der Traktat von Goldstein ähnelt auch dem Steppenwolf-Traktat. Inhaltlich referiert Orwell die Lusttheorie von Reich, Gewalt aus Repression, Frieden, wenn dem Hedonismus gefrönt wird. Anklänge an Trotzkis und Dimitroffs Faschismus-Thesen. Auch Hesses „Die Morgenlandfahrt“ referenziert mit „Der Bruderschaft“. Es geht um Sprachzerstörung, Menschenbeherrschung, insgesamt um die Kritik an der verwalteten Welt. Eindrucksvoll –> 5 Sterne
Form: Erzählerisch rund, lebendige Sprache, Innovationen in der Neusprache, erzählerische Intensität, interessanter, abwechslungsreicher Stil, keine Häufung von Abstrakta, Hilfsverben, wohlgeformte lange Sätze, je nach dem. Trocken, lakonisch, aber passend, nicht ornamental, aber auch nicht leblos. –> 4 Sterne
Erzählstimme: Auktorialer Erzähler, der Dinge vorwegnimmt, Dinge in Kontext stellt, aber dennoch hauptsächlich personal aus WS Sicht erzählt. Erzählerkommentare in Klammern, die ein wenig stören, aber nicht zu häufig vorkommen. Der Erzähler tritt zugunsten Winstons zurück. Seltsamer Bruch mit Worten wie „jetzt“ und „heute“ oder inszenierte Unsicherheiten WS, ob er sich wirklich im Jahr 1984 befindet. Hier kleine Schwächen, die nicht ins Gewicht fallen. –> 5 Sterne
Komposition: Spannend, sinnvoll, ohne Füllmaterial, dicht erzählt, eine große Welt. Störend nur die sehr langen Traktate aus Goldsteins Buch, die dann auch noch mit Cliffhanger enden, weil Orwell mit seiner Theorie nicht zum Punkt kommt. Vertritt Wilhelm Reich oder Trotzki oder Dimitroff. Unklar, hier keine besondere Entscheidung und daher etwas schwankend in der Disponierung. Das World Building beeindruckt aber. Die Szenerien stehen klar vor Augen. Die Figuren wirken lebendig und plausibel. Julia grenzt arg an einer Sexphantasie. –> 4 Sterne
Leseerlebnis: Mitreißend, ohne jeden Spannungsverlust, komplex, etwas zu anspruchsvoll, um es einfach wegzulesen. Anstrengend durch die Querverweise, die soziologischen Analysen, die politischen Thesen, die ineinander wirken. –> 5 Sterne
Joachim Meyerhoff: „Man kann auch in die Höhe fallen“

56jähriger Sohn sucht Zuflucht bei 86jähriger Mutter nach Streit mit neunjährigem Sohn
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 1/5 Sterne (mit 56 zurück zur Mutter)
Form: 2/5 Sterne (konsistent, teilweise gewollt)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (freischwebende Ich-Erzählung)
Komposition: 2/5 Sterne (kaum, nur anekdotenhaft)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (tolle Mutter, zu beliebig, generisch)
Die Gegenwartsliteratur strotzt vor Lebenskrisenromanen. Arno Geiger mit Das glückliche Geheimnis und Stephan Schäfer mit 25 letzte Sommer reihen sich in die Selbstbespiegelungsliteratur ein, eine Art von Bekenntnisliteratur und Lebenshilfetext, wie sie auch Nele Pollatscheks Kleine Probleme betreibt. Joachim Meyerhoff legt mit Man kann auch in die Höhe fallen nun den sechsten Teil seiner Memoiren Alle Toten fliegen hoch vor, das ganz im Zeichen seiner Mutter steht, denn er weiß nicht mehr, worüber er sonst schreiben soll:
»Weißt du, Mama, was gerade nicht unkompliziert ist für mich? Ich bin ja auch hier, um zu schreiben. Aber ich weiß eigentlich nicht, worüber. Ich hab viel über unsere Toten geschrieben und über mich, aber jetzt bin ich in der Gegenwart angekommen. […]« Meine Mutter nahm sich eine der Käsestangen, die die gleichen waren, die auch immer auf dem Sofatisch der Großeltern gestanden hatten. »Schreib doch über mich.« »Über dich? Du bist doch noch nicht tot.« »Ja, ganz genau, über mich. Ich würd mich nämlich freuen, wenn ich es lesen kann, bevor ich sterbe.«
Gesagt getan. Glücklich über sein neues Thema beschreibt der krisengeschüttelte Ich-Erzähler den Lebensalltag seiner rüstigen, Döner verspeisenden, Currywurst liebenden, Traktor herumrasenden, Äpfel erntenden, singenden, tanzenden, nacktbadenden Mutter. Sie ins Herz zu schließen, fällt nicht schwer. Der Ich-Erzähler bleibt zuerst im Hintergrund und traut sich erst allmählich aus dem Schneckenhaus heraus, und das Erzählte wird immer intimer:
Seit Monaten wurde ich mit Fachausdrücken gefoltert. Der Begriff »Strangsanierung« verfolgte mich bis in den Schlaf. Andauernd wurde mir erklärt, dass die Strangsanierung nicht fertig werden würde. Die Strangsanierung wurde zum Riesenproblem. Es hätte mich nicht gewundert, wenn sogar einer meiner Ärzte zu mir gesagt hätte, dass er mir dringend eine Strangsanierung empfehlen würde. »Das Ergebnis Ihrer Darmspiegelung sollte ein Weckruf für Sie sein. Ich empfehle eine Strangsanierung.«
Man kann auch in die Höhe fallen lässt sich nur dann als „Roman“ bezeichnen, wenn alles, was in Prosa geschrieben und länger als eine gewisse Zahl von Seiten ist, irgendwie dann doch ein Roman ist, denn von einer Erzählung lässt sich hier nicht reden. Es gibt keinen Plot. Es gibt keine die Handlung vorantreibenden Beschreibungen. Es gibt keine Schlüsselereignisse. Was es gibt: viele nebeneinander stehende, sich aneinander reihende Einzelereignisse im Leben des Menschen Joachim Meyerhoff. Wer sich für ihn interessiert, der wird viel Freude an dem Buch haben; oder wer gerne in einen Text abtaucht, in welchem über viele Seite hinweg beschrieben wird, wie ein Ex-Schauspieler versucht ein Whiskeyfass mit Teer, Beton etc.. abzudichten und kläglich dabei scheitert.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: Hauptfigur und Plot: Joachim Meyerhoff, Schauspieler, verbringt zehn Wochen bei seiner Mutter Susanne, die 86 Jahre alt ist. Einen wirklichen Plot gibt es nicht. Aufhänger: Joachim schafft es nicht, sich in Berlin wohlzufühlen. Der Umzug von Wien wirft ihn aus der Bahn. Ein Schlaganfall ereilt ihn, und auf der Geburtstagsfeier seines neunjährigen Sohnes rastet er aus, so dass er sich genötigt sieht, die Reißleine zu ziehen und für eine Weile zu seiner Mutter nach Schleswig zu ziehen. Dort rekonvalesziert er, beginnt zu schreiben, liest das Geschriebene seiner Mutter vor, trinkt Whiskey, geht schwimmen, sitzt in der Sauna, erinnert sich, schreibend, und geht auf eine Lesereise, auf der er aber der Belastung nicht standhält seiner Mutter das Vorlesen überlässt. Seine Mutter fühlt sich pudelwohl, organisiert Singabende und Apfelernten und reist mit einem drei Jahre jüngeren Mann nach Marokko und kommt liebestrunken wieder. Joachim spürt, dass er das Liebesglück der beiden stört und verspricht seinem Sohn, schon bald wieder zurück nach Berlin zu kommen.
… rundum die Handlung reihen sich Anekdoten aus dem Privat- und Berufsleben von Joachim: der verschwundene orangefarbene Koffer, der Applaussammler im Gorkitheater, seine erste Theaterproduktion in Ulm als Baghira, eine Reise mit seinen Brüdern und seiner Mutter nach Dänemark, das Fahrradabsteigen der Mutter, Ein-Mann-Eine-Zuschauerin-Theaterstück, Fahrradzerstörung durch einen Berliner Passanten, Dalmatinerspektakel, Muttermähtraktorfahren, Regengeburt eines Kalbes … erinnert stark an Stephan Schäfer 25 letzte Sommer oder Arno Geiger Das glückliche Geheimnis oder Marianne Leky Kummer aller Art. Als Szenerie verwandt die Thomas Bernhard-Biographie Der Atem, bspw., und Christian Krach Eurotrash wegen der Mutterfigur, sehr ähnlich, und auch Susanne Abel Gretchen-Saga und auch Nele Pollatschek Kleine Problem oder Johanna Adorján Ciao.
… inhaltlich zwei intensive Stellen, die Regengeburt des Kalbes und der Streit auf der Dänemarkreise und die Lesung über diesen Streit der Mutter. Ansonsten, in den besten Momenten, Heinz Strunk-Momente mit der Mutter, die keine Scham kennt und rüstig Döner verspeist. Insgesamt viel zu nebensächliche Momente (bspw. der Fahrradführerschein) –> 1 Stern
Form: Im Plauderton verfasst, sympathisch, teilweise gewollt witzig, aber mit einem gewissen Hang zur Übertreibung mit unglaubwürdigen Superlativen, d.h. eine Art Schelmenroman, aber mit Sachbuch-Charakter, keine ärgerlichen falschen Wendungen, keine Alltagssprache, aber in keiner Weise innovativ, einfallsreich oder sprachlich interessant. Sprache als reines Vehikel für den Selbstverständigungsprozess. Schlechte Kalauer, an den Haaren herbei gezogene Vergleiche, nicht sensibel, differenziert genug im Wortfeld. Inkonsistent. –> 2 Sterne
Erzählstimme: Stärkste Part. Ich-Erzähler im Rückblick über seine Zeit, verliert sich im selbigen Präteritum auch in der Vorvergangenheit, was die Glaubwürdigkeit des Erzählten stärkt. Erzählgegenwart, von wo schreibt er, bleibt unklar, in der Luft, mal hat er das, was als Text vorliegt, während der erzählten Zeit geschrieben, mal nicht. Wenig Erzählkommentare. Sehr konsistent in der Fokussierung, keine Ausrutscher, bodenständiger Ich-Erzähler, sehr klar, sehr perspektiviert. –> 3 Sterne
Komposition: Eher Sachbuch-Charakter, Buch eines Prominenten, der sich auf eine Weise sicher sein kann, dass das, was er erzählt, von Interesse sein könnte. Name der Mutter wie in Wirklichkeit, sein eigener Name auch, wahrscheinlich wenig erfunden, aber die Anekdotenform bindet das Buch nicht zu seinem Roman zusammen. Es ist schlicht kein Roman. Es gibt keine Erzählung, keinen Erzählprozess. Es gleicht eher einem Buch wie John Strelecky Das Café am Rande der Welt und Stephan Schäfers 25 letzte Sommer. Die Anekdoten besitzen gar keine Bindung zur Erzählstimme. Das Buch könnte 150 Seiten kürzer oder 500 Seiten länger sein. Es gibt keine Begrenzung, keinen Rahmen, also (bis auf die Lesung der Dänemarkreise-Ereignisse) keine Komposition. –> 2 Sterne
Leseerlebnis: Die Döner verspeisende Mutter hat Einiges auf Lager und überzeugt als Figur, so dass unterhaltsame Szenen entstehen, die starke Mutter, der wankelmütige Sohn, auch die Geburtsszene auf der Weide, sehr eindrucksvoll; Glanzlicht, die Lesung vom Streit auf der Dänemarkreise. Diese Ineinanderflechtung passte, zwanzig Seiten intensives Leseerlebnis. Über die Länge etwas wenig. –> 2 Sterne
Paul Lynch: „Das Lied des Propheten“

Zwanghaft-klaustrophobisch-atemloses Erzählen, das nicht auf den Punkt kommt.
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 3/5 Sterne (klaustrophobische Fluchtgeschichte)
Form: 1/5 Sterne (einfallslose, undifferenzierte Diktion)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (an Leine gehaltener Reflektor)
Komposition: 1/5 Sterne (Liveticker ins Elend)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (dröge, aufgeblasen, gegen Ende spannend)
Lynchs neuester Roman stellt sich in die Reihe von Dystopie-Erzählungen und pendelt sich ein wenig zwischen Michel Houellebecqs Politik-Desaster Unterwerfung und T.C. Boyles Familientristesse in Blue Skies sowie Dirk Rossmanns wissenschaftszentrierte Oktopus -Trilogie ein, indem Das Lied des Propheten das politische System, die Flucht, die Umkrempelung der spätkapitalistischen Demokratie, aber auch die Untergangsstimmung angesichts ungelöst sozio-ökonomischer Probleme explizit thematisch durchspielt. Im Zentrum steht Eilish Stack, promovierte Molekularbiologin, und ihre vier Kinder Mark, Bailey, Molly und Ben sowie ihr Ehemann Larry, die in einer Dubliner Familienidylle leben:
Rutsch mal, sagt Mark, setzt sich neben sie und legt ihr den Arm über die Schulter, sie kann sich nicht erinnern, wann alle das letzte Mal so zu Hause waren, Molly neben ihr eingerollt, Bailey auf einem Sitzsack, ein Eis löffelnd, Larry vor dem Fernseher, Ben schläft auf ihrem Schoß. Ach komm, sagt Mark, wie oft haben wir uns schon so einen sentimentalen Scheiß angesehen? Mir gefällt’s, sagt Bailey. Ja, mir auch, sagt Molly, das ist ganz süß, sag noch mal, Mam, wie habt ihr beiden euch kennengelernt?
Das Familienidyll endet jedoch schnell. Die neugewählte Regierungspartei NAP ruft eine nicht weiter in Kontext gestellte Notstandsverordnung aus und beschränkt maßgeblich die Bürgerrechte, um einen Bürgerkrieg vom Zaun zu brechen. Die Zahl der Vermissten häuft sich, und nachdem Larry an einer organisierten Protestaktion der Lehrergewerkschaft teilnimmt, verschwindet auch er spurlos. Das neue Regime setzt mehr und mehr auf getreue Loyalisten, bis letztlich Eilish ihren Posten verliert und vor den Trümmern ihres Familienlebens steht, als sich Mark auch noch den Rebellen anschließt:
Sie schließt die Augen, erinnert sich an ein Gefühl aus einem Traum, wie sie von einem Zimmer ins nächste gelaufen ist und gerufen hat und niemand hat geantwortet und wie sie nicht aufwachen konnte, obwohl sie wusste, dass sie träumte, sie öffnet die Augen und sieht ihre Hand über eine blinde Kluft greifen, die immer breiter wird. Mark, sagt sie, du bist mein Sohn, bitte komm nach Hause, damit wir das klären können, ich kann nicht schlafen, wenn du weg bist, ich habe immer noch einen Rechtsanspruch auf dich. Was für Recht soll das denn sein, Mam, wo es in diesem Land doch gar kein Recht mehr gibt?
Was aber passiert literarisch? Nicht viel. Die Sätze erscheinen lang, aber sind im Grunde atemlos kurz gehalten, fast staccatohaft protokollarisch, weil Lynch keine Punkte setzt, obwohl überall Punkte (syntagmatisch) stehen müssten. Genauso wenig unterscheidet er Indikativ vom Konjunktiv, lässt in Dialogen alles ineinander übergehen, unterscheidet nicht zwischen erlebter und direkter Rede, zwischen Gedachtem und Gesagtem oder Gehörtem. Es zerfließt alles in einem dunklen Brei, ein Rauschen der Enge, der heraufziehenden und heraufgezogenen reflexionslosen Angst, die wie ein Tunnel das Lesen zu einer Tortur im Echtzeitticker werden lässt. Mit unfrei gewollten, brachialen Metaphern, an den Haaren herbeigezogenen Allegorien, bleibt von Lynchs dystopischem Spektakel vor allem deshalb nicht viel übrig, weil Lynch sich keine Mühe mit seinen Figuren gibt:
[…] als liefe der Tod immer wieder, Nacht für Nacht, vor ihnen her, sodass jeder Tod viele Male aufs Neue durchlebt wird, und sie liegt da und hört die Schlafenden Tod in das Dunkel murmeln, liegt da und spürt die kalte Erde am Rücken, hört den Regen auf dem Zelt, als wäre es ein Regen, der vor Millennien fiel, und draußen läge nichts als unbewohnte Erde, die Welt draußen ein Dunkel ohne Schmerz […]
Lynch lässt eine Immersion mit den Figuren nicht zu. Trocken, hart in der Diktion, ohne Hintergrund, ohne Versuch eines plausiblen World-Buildings schmeißt er seine Figuren in den Abgrund, in die „tosende Abstraktion“, wie er es selbst nennt. Die Stille, die Sprachlosigkeit findet kein Gehör, aber auch keine literarische Gestaltung. Die Sprache und Metaphern wirken brüchig und gewollt, und die Hauptfigur einfach orientierungs- und machtlos und deshalb beliebig. Kein Vergleich zu Orson Welles 1984, eher ein an Eugène Ionescos Die Nashörner angelehntes Hörspiel im Stil von Marc-Uwe Klings Views, nur dieses Mal sogar ohne Twist.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
● Hauptfigur: Eilish Stack und ihre vier Kinder Mark (17), Molly (14), Bailey (12) und Ben (Baby). Ihr Ehemann Larry spielt nur kurz mit, und dann gibt es noch ihren Vater Simon und ihre Schwester Aine, die in Kanada lebt. Hauptsächlich aber geht es um Eilish und ihre vier Kinder. Sie leben in Dublin.
● Kurze Inhaltsangabe: Eilishs Ehemann Larry verschwindet, nachdem er gegen die Notstandsverordnung der Regierungspartei NAP protestiert hat. Sie fragt und forscht nach, aber erhält keine Information. Kurz darauf wird sie von ihrem Büro-Job gekündigt, um Platz für loyale Parteigänger zu machen. Sie muss sich um ihre vier Kinder kümmern, was zunehmend schwieriger wird. Um Mark, ihren ältesten, vor dem Wehrdienst zu schützen, quartiert sie diesen bei Carole ein, die ihn ins Ausland schleusen will. Mark will aber lieber kämpfen und bleibt und verschwindet dann auch im Untergrund. Simon, Eilishs dementer Vater, rät Eilish auszuwandern, zur Schwester nach Kanada, wohin er schließlich selbst geht. Bei Luftangriffen verletzt sich Bailey schwer und muss ins Krankenhaus gebracht werden. Dort verschwindet er und taucht im Leichenschauhaus auf, mit Spuren von Folterungen. Eilish entschließt sich zu fliehen. Mit Hilfe ihrer Schwester wird sie außer Landes geschmuggelt. Das Buch endet am Strand, kurz bevor sie auf winzigen Schlauchbooten aufbrechen.
● Kapitelweise: 1) Larry, stellvertretender Generalsekretär des irischen Lehrerverbandes organisiert eine Protestaktion gegen die NAP, die neue Regierungspartei. Sein Kollege Jim Sexton verschwindet, die Frau Carole meldet sich bei ihnen. Eilish macht sich Sorgen, dass Larry selbiges widerfährt. Larry beschließt nicht auf die Kundgebung zu gehen. In letzter Sekunde fordert Eilish ihn auf, doch zu gehen. Die Polizei knüppelt die Kundgebung nieder. 2) Larry bleibt verschollen. Carole besucht die Familie. Eilish sieht die Inspektoren, die nach ihrem Mann gefragt haben, sucht den einen bei sich zuhause auf und wird von der Ehefrau abgewatscht. 3) Vierzehn Wochen später. Mark soll zum Wehrdienst. Eilish macht sich Sorgen. Nach einer Hochzeit von der Nichte des Vaters beschließt Eilish auf eine Mahnwache zu gehen. Mark radikalisiert sich, verschwindet. Eilish sucht ihn in einem Gefangenenleben, gibt aber seinen Namen nicht preis. Sie streitet sich mit ihrer Schwester, die sie nach Kanada schleusen will. Sie kann den dementen Vater nicht allein in Dublin lassen. 4) Um dem Wehrdienst zu entgehen, bringt Eilish Mark bei Carole unter. Carole will Mark helfen. Er aber schließt sich der Rebellenarmee an, die sich mittlerweile formiert hat. 5) In einer Art Reichskristallnacht randalieren loyale Parteigänger die Häuser von bekannten Rebellen, insbesondere nach Veröffentlichung der Namen in einer Zeitung von all denen, die sich den Wehrdienst entziehen, wie Mark. Eilishs Auto und Haus wird beschädigt. Ihr wird der Job gekündigt. Die Anwältin Devlin, die Eilish engagiert hat, um Larry zu finden, überlegt zu fliehen. Bei einem Treffen in einem Café deutet Carole an, dass sie Mark gegen die Regierung aufgehetzt hat, auch um ihren Mann Jim zu retten. 6) Eilish braucht Geld und bewirbt sich in einem Lebensmittelladen. Sie holt ein Analogradio vom Dachboden, um unabhängige Nachrichten hören zu können. Dublin wird abgesperrt und verwandelt sich in ein Kriegsgebiet. Die Rebellen erobern Teile der Stadt, auch den, in welchem Eilish lebt. 7) Nach den Kämpfen herrscht Wasserknappheit. Maeve, eine Schleuserin, kommt im Auftrag von Eilishs Schwester, um sie zur Flucht zu motivieren. Eilish lehnt ab. Sie streitet sich mit dem dementen Vater, der denkt, dass seine Frau, die bereits lange tot ist, abgehauen ist. Der Vater verschwindet. Später erhält Eilish die Nachricht, dass er nach Kanada ausgewandert ist. 8) Explosionen, Luftangriffe der Regierungspartei führen zu einer Verletzung von Bailey, der unerlaubt vor die Tür gegangen ist. Er hat einen Granatsplitter im Kopf. Sie müssen in ein Krankenhaus. Eilish muss Bailey im Krankenhaus lassen und findet ihn am nächsten Tag nicht wieder. Nach einigen Tagen fragt sie im Leichenschauhaus nach und findet ihn, mit Folterungsspuren. 9) Auf der Flucht gibt es Probleme an der Grenze, Eilish schützt ihre Tochter. Sie gelangen in ein Flüchtlingscamp, müssen alles zurücklassen, im Container geschleust kommen sie an die Küste, mit Rettungswesten sollen sie auf Schlauchboote gehen. Molly hat Angst, will nicht gehen, weint. Eilish sagt, das Meer ist die Rettung.
… vgl. mit Anna Seghers „Transit“, mit George Orwells „1984“, mit Marc-Uwe Klings „Views“, mit Eugène Ionescos „Die Nashörner“. Leider bleibt die Partei NAP, die ganze Situation in Dublin unklar. Keine geschichtliche Verortung, nichts. Eher verwandt mit „Krieg der Welten“ von H.G. Wells „Der Krieg der Welten“, da die NAP wie eine außerirdische Macht erscheint, die die Bevölkerung schlagartig unterjocht. Im Grunde aber eine Fluchtgeschichte ohne Twist, und mit sehr skizzenhaft eingeführten Figuren. Selbst die Hauptfigur bleibt blass. Die zunehmende Enge und Klaustrophobie überzeugt, insbesondere am Ende die Katastrophe, die Bomben, die Angst, dort passt die Dramaturgie zusammen. Unglaubwürdig bleiben die Zusammenhänge und sehr gewollt, widersprüchlich. Im Grunde geht es um Eilish als die Löwenmutter, die ihre Kinder zu retten versucht, und zwar gegen die Bestrebungen der Männer, einfach davon zu laufen. Sie bleibt, um sich um ihren Vater zu kümmern – obwohl dieser sie wegschickt, und er flieht irgendwann alleine und lässt seine Tochter mit ihren Kinder allein zurück. Mark, der älteste Sohn, schließt sich einfach den Rebellen an, verschwindet, meldet sich nie wieder. Larry will auf eine Demo und wird gefangen genommen. Und dann büchst auch noch Bailey, der zweitälteste Sohn, unerlaubterweise aus, und wird lebensgefährlich verletzt, und dadurch gefangen genommen und gefoltert. Nervige Muster, irrationales Hoffen und Warten, kaum Details, kaum Beschreibung. Die Flucht am Ende ist spannend.
–> 3 Sterne
Form: Die Sprache bleibt im wesentlichen reißerisch, pathetisch, unausgewogen. Erinnert stark an Gaea Schoeters „Trophäe“, von der Anlage her. Journalistischer Einschlag, lange, sehr lange Sätze, die aber im Grunde kurz sind, nur künstlich lang gemacht wurden durch Komma- statt Punksetzung. Etwas atemlos. Teilweise grobe Schnitzer bei Adjektiven, viele Hilfsverben, sehr wenig elaborierte Form. Äußerst beschränkte Ideen, Szenen einzuleiten: IMMER mit Licht und Dunkelheit und Vögel. Überhaupt äußerst beschränkter Wortschatz. Nervige Wiederholungen. Am schlimmsten: die unterschiedslose Verwendung des Indikativ, auch für indirekte Rede. –> 1 Stern
Erzählstimme: Aus der Verfolger-Perspektive erzählt in Echtzeit, also in Präsens, mit unmotivierten Raffungen und Dehnungen, ganz ähnlich zu Marc-Uwe Klings „Views“, als eine Art Liveticker inszeniert. Reflektor Eilish, aber manchmal erscheint unmotiviert der auktoriale Erzähler, der sowieso durch die Schnitte präsent ist, da er entscheidet, wann die Kamera an, wann aus geht. Insgesamt brutale Engführung des Narrativen, und hinter der Maske verbleibend. Auf diese Weise eher unausgegoren und unreflektiert. –> 1 Stern
Komposition: Im Grunde steht und fällt der Roman mit der Glaubwürdigkeit der Notstandsgesetzgebung, von der aber nichts berichtet wird. Das Netz zieht sich um Eilish immer enger zusammen, und bald wird klar, dass nach und nach die Männer aus ihrem Leben verschwinden, zuerst Larry, dann Mark, dann Simon, dann Bailey. Als Kompositionsprinzip recht dürftig, und leider am Ende auch noch verhauen. Das offene Ende passt nicht zur harten Engführung der Erzählung, dem didaktischen Unterton, der parabelhaften Setzung des Ganzen. Schlimm auch die Dialoge, Gespräche, in denen unterschiedslos die Aussagen von ungenannten Figuren getätigt werden. Völliges Durcheinander, ohne ästhetischen Mehrwert. –> 1 Stern
Leseerlebnis: Die ersten zwei Drittel fürchterlich hakelig, stockelnd, stotternd, langweilig, seltsam gepresst. Im letzten Drittel, mit Baileys Verletzung, die Flucht, die Angst, das Leben im Camp (nur sehr kurz), besitzt das Buch atemlose Spannung, gute Szene an der Grenze, als Eilish ihre Tochter Molly rettet. Intensiv, verdichtet. Aber das reicht nicht. –> 2 Sterne
Eugène Ionesco: „Der Einzelgänger“

Überzeugend melodiöser Abgesang auf die eigenen Ambitionen, der aber ins narrative Nichts abgleitet
Inhalt: 3/5 Sterne (überzeugender Depressionsstrudel)
Form: 4/5 Sterne (nüchtern-karg-harmonisch)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (ausfransender Ich-Erzähler)
Komposition: 2/5 Sterne (uferloser, beliebiger Abschluss)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (guter Beginn, enttäuschendes Finale)
Im Genre „männlich-verzweifelter Single“, der sich dem Todestrieb verschreibt, gibt es einige Romane, bspw. Jean-Paul Sartres Der Ekel, Heinrich Böll Ansichten eines Clowns, Michel Houellebecqs Ausweitung der Kampfzone oder aktuell Heinz Strunks Zauberberg 2. Das Erzählmuster besitzt große Tradition, und Eugène Ionesco hat mit Der Einzelgänger ein sehr überzeugendes, verdichtetes, fast paradigmatisches Beispiel geschaffen:
Vielleicht ist es törichte Überheblichkeit, an das denken zu wollen, was nicht denkbar ist. Aber es gibt gar keine Überheblichkeit, denn was ist Überheblichkeit? Tatsache ist, daß ich nicht von der Stelle komme. Ich glaube, ich bin an der Mauer der Welt, ich möchte vergessen, ob es ein Jenseits der Mauer gibt oder nicht. Ich entschließe mich nicht, mich von der Mauer loszumachen. Das ist vielleicht eine Krankheit. […] Ich, ich tue nichts als die Mauer betrachten und kehre der Welt den Rücken zu.
Wo Sartres Der Ekel hakelig voran torkelt, besitzt der Ich-Erzähler von Ionesco großes Selbstbewusstsein und Klarheit über seine Grenzen und Möglichkeit. Er findet sich weder interessant noch außergewöhnlich noch schön oder besonders begabt in irgendetwas. Im Grunde genommen möchte er nur gerne saufen und mit Frauen schlafen. Er hat einfach nur nicht viel Glück bei ihnen. Seine Mut- und Antriebslosigkeit, seine Depression treibt alle davon. Da hilft ihm selbst das Geld nicht, selbst nicht, als er seiner als Kellnerin schwer schuftende Freundin Yvonne anbietet, sie müsse nie wieder arbeiten gehen:
Ich fühlte eine ungeheure bittere Reue. Ich hatte das Glück neben mir gehabt und hatte es, wieder einmal, verfehlt. Das Schicksal will mir helfen, und die Vorsehung schickt mir ihre Engel, ich stoße sie von mir oder bemerke sie nicht. In den Gärten, auf den Straßen mußte eine Fülle lebendiger Brunnen sein, die ich nicht sah. Als ich ausging, streckte ich die Arme aus, um zufällig einen zu erwischen. Es war trocken draußen, kein Regentropfen. Passanten beschimpften mich. Trotzdem wanderte ich so weiter in der verzweifelten Suche nach dem Leben und in dem verzweifelten Gedanken, demnächst verlassen zu werden. Mit einem Neurastheniker zu leben ist härter, als hart zu arbeiten. Ich hörte immer noch diese Worte, die [Yvonne] mir gesagt hatte.
Leider hält Ionesco seinem Stil keine Treue. Der bescheidene, klare Ich-Erzähler gleitet mehr und mehr in den Wahnsinn ab: irgendwelche Straßenschlachten, Revolutionsgeschichten (Paris der 1968er) gleiten ins Phantasmagorische und Zeitlos-Vage. Monate, Jahre vergehen im Flug. Plötzlich ergraut, steht er vor dem Nichts steht. Die Raffung gelingt nicht. Sie wirkt zu abrupt, insbesondere narrativ unplausibel, denn Der Einzelgänger wird aus der Ich-Perspektive eines Ich in der Erzählgegenwart berichtet, das sich seiner Umwelt und Vergangenheit als Erzählender bewusst geblieben sein muss und sich nicht im Wahnsinn befinden kann (darauf verweisen auch die anfänglichen Erzählkommentare im Präsens).
So franst Ionescos existentialistischer Roman ins Beliebige am Ende aus, leider. Die Stimmung verebbt und hinterlässt literarische Tristesse, aber ohne Intensität, nur aus Ideenlosigkeit. Schade, dennoch, abgesehen von Samuel Beckett, bspw. in Der Namenlose, einer der überzeugendsten existentialistisch-absurden Erzählstimmen überhaupt (bis aufs letzte Viertel).
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
● Hauptfigur: ohne Namen, 35 Jahre alt.
● Nebenfiguren: André, Philosoph; Yvonne, Kellnerin; und die namenlose Concierge.
● Plot: Ein 35jähriger Büroangestellter erbt von einem reichen Verwandten aus Amerika, setzt sich mit seinem Geld zur Ruhe, zieht in einen Vorort, trinkt und isst und wird langsam wahnsinnig vor Einsamkeit und spricht telefonisch mit einem Philosophen über seine Angst vor dem Tod (André). Als noch die letzte Person aus seinem Leben scheidet, Yvonne, die Kellnerin seines Lieblingsrestaurant, ereilen ihn Wahnvorstellungen nach Straßenausschreitungen, die mehr surreal, imaginär stattgefunden zu haben scheinen. Am Ende bekommt er kaum noch etwas mit, wird von der Concierge verhöhnt und verliert langsam den Verstand.
… vgl. Hermann Hesse Der Steppenwolf; Albert Camus Der Fremde; Jean-Paul Sartre Der Ekel; Wolfgang Hildesheimer Das Nachtstück; Ernesto Sabato Der Tunnel; Heinrich Böll Ansichten eines Clowns; und Michel Houellebecq Die Ausweitung der Kampfzone und Vernichten … d.h. männlicher Loner, der langsam abdriftet, immer einsamer wird, um am Ende im Delirium dahinsiecht oder stirbt, siehe auch Heinz Strunk Zauberberg 2.
… wenig Spannung, wenig Handlung, keine sehr ergreifenden Reflexionen, eher küchenpsychologisch, ohne facettenreiche Beschreibung, und das Abgleiten in den Wahnsinn wirkt vermittelt, unklar, das Changieren zwischen narrativer Wirklichkeit und Erzählgegenwart bricht ein, warum? Weil der Erzählhorizont (Präsens) das Vergangene erzählt (Präteritum), zu einem Zeitpunkt also, wo die Hauptfigur wahnsinnig geworden ist. Hier wirkt der Inhalt gewollt und falsch und die Zeitordnung widrig. Der Inhalt jedoch paradigmatisch deutlich als Todestrieb, als Aufgeben des Lebens, als Zerfallswunsch, sehr klar herausgearbeitet, wie Emile Cioran in Die Lehre vom Zerfall.
–> 3 Sterne
Form: Nüchterne Diktion, klare Assoziationsgänge, wenig Poesie, sehr karg, passend zum Erzähler, aber in der Form fließend, gleitend, nicht hakelig, gewollt, sondern harmonisierend, verwischend, melodisierend rhythmisch. Von der Schreibweise her, dem Stil, eines der besten existentialistischen Romane überhaupt. Bescheiden, fokussiert.
–> 4 Sterne
Erzählstimme: Leider völlig inkohärent. Es wird im Präteritum erzählt, und zwar einer Ich-Figur, die klar perspektiviert auf sich beschränkt bleibt, und allerlei Kommentare gibt, im Rückblick, auf die eigene Vergangenheit, leider verliert sich die Ich-Figur zunehmend in den Wahnsinn, sodass völlig unklar bleibt, wer eigentlich die Vorgänge noch erzählt? Was in den ersten drei Viertel überzeugt, bricht im letzten Viertel weg. Die Erzählzeit stimmt schlichtweg nicht. Der Wahnsinn kann nicht aus Erster Person heraus erzählt werden, es sei denn, dass der Wahnsinn während des Aufschreibens stattfindet, nicht davor.
–> 2 Sterne
Komposition: Verdrehtes letztes Viertel, das gewollt, konstruiert und einen unbefriedigend zurücklässt. Die Ausschreitungen scheinen an den Haaren herbeigezogen, die Wahnzustände undeutlich, unklar, was noch Erzählung, was innerer Monolog, was überhaupt noch narrativ wirklich ist. Hier zerfasert der Text und verliert sich in einer beliebigen Performance, die an Samuel Beckett erinnert, ohne dessen erzählstimmige Konsistenz zu wahren.
–> 2 Stern
Leseerlebnis: Zieht in den depressiven Strudel, in diese Situation hinein, keine Sorgen, keine Probleme mehr als sich selbst zu haben, reich, gelangweilt, säuft und phantasiert er sich einsam etwas zusammen. Die Atmosphäre fängt Ionesco gut ein, aber gegen Ende driftet alles auseinander, und es scheint mir, er wusste sich nicht zu helfen, und bricht das ganze Buch entzwei. Am Ende große Enttäuschung. Die letzten zwanzig Seiten sind kaum auszuhalten, da es einfach nur Getöse, Gelalle, nur irgendetwas Undefinierbares gibt, das dann auch noch beliebig endet, da die Zeit im Text völlig verloren gegangen ist.
–> 2 Sterne
Heinz Strunk: „Zauberberg 2“

Keine Hommage, aber eine Einzelgänger-Rhapsodie mit Ekelmomenten
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 4/5 Sterne (Loner-Story)
Form: 3/5 Sterne (toller Wortwitz, aber kaum Struktur)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (personal-immersiv)
Komposition: 2/5 Sterne (ziemlich beliebig montiert)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (viel Witz, aber kein Nachhallen)
Nach Ein Sommer in Niendorf mit Seitenhieb auf die Gruppe 47, die dort tagte, spielt er mit Zauberberg 2 auf Thomas Mann an, um erzählerisch einen weiteren innerliterarischen Diskurs zu kommentieren. Die ausgiebigen Zitate und Anspielungen werden im Roman im Anhang angegeben, aber erweisen sich für den Lesefluss als völlig unerheblich, denn Strunks Zauberberg 2 hat mit Hans Castorp so viel zu tun wie John Williams‘ Roman Stoner mit Drogenrausch. Strunks Hauptfigur heißt Jonas Heidenbrink, reich, gelangweilt und hässlich, sucht er Zuflucht in einem Sanatorium:
Am Horner Kreisel nimmt er die Ausfahrt auf die A24 Richtung Berlin. Autos rauschen in schmutzig aufsprühenden Tropfenschleiern an ihm vorbei, Schneeregengrau spritzt gegen seine Windschutzscheibe. Sein Gesicht im Rückspiegel: kein schöner Anblick. Ein Pseudointellektueller, Kindergreis, Woody Allen junior, fahl, käsig, kränklich, die Augen rot und verschwommen, als hätte jemand Salz hineingestreut. Außerdem wirkt seine Miene völlig ausdruckslos, obwohl ja so viel in ihm vorgeht.
Die Rahmenhandlung des Romans, und hier zeigen sich klare Parallelen zu Thomas Mann, dreht sich um Jonas eigentümlichen Wunsch, im Grunde genommen die ganze Zeit abreisen zu wollen, aber es nicht zu können, insbesondere auch, weil viele Diagnosen und Behandlungsmethoden sein Bleiben mehr oder weniger erzwingen. Nur: bei Strunk gibt es kaum Interaktion mit den anderen Klinikinsassen (und kompositorisch spielt das Bewusstsein von Zeit keinerlei Rolle). Jonas bleibt für sich. Er hat genug mit seiner eigenen Form des Leib-Seele-Problems zu kämpfen:
In seinem Inneren rollt und schwappt brodelnde Lava, eine Reihe schwerer Blähungen löst sich. Bitte nicht, bitte nicht, bitte nicht auch das noch! Sein Bauch schwillt an, der Druck wird unerträglich. Das Ende ist nah und der Tod das Maß aller Dinge.
Er kann gerade noch die Hose hinunterlassen und seinen Arsch über das Geländer hängen, als eine wasserfallartige Sturzentleerung seine Eingeweide zerbröseln lässt. Sein Körper ist leckgeschlagen und läuft aus, er hat sich in einen Kackespeier, eine lebende Ablaufrinne verwandelt. Multiples Organversagen, schießt ihm durch den Kopf.
Strunk glänzt wieder einmal mit Wortwitz, mit Ekelfaktoren, mit hanebüchend-nervenaufreibenden Beobachtungen aus alltäglich stattfindenden menschlich-allzumenschlichen Niederlagen. Der Pessimismus bleibt in Zauberberg 2 grenzenlos, sogar noch eine Nummer weiter gedreht als in Ein Sommer in Niendorf . Mit Wonne wird aus dem Innenerleben von Jonas in Präsens erzählt – direkte Protokollierung eines langsam sich aufgebenden Einzellebens.
Nur: es fehlt das Erzählerische, die Verdichtung, das Ereignis. Von was wird erzählt? Davon, dass andere furzen? Dass sich das Gemächt eines Patienten durch die Leggings abdrückt (–> „Hans-Schwanz“). Das grenzt über weite Strecken an Stand-Up-Comedy, und dabei bleibt es auch. Andere Romane wie Heinrich Bölls Ansichten eines Clowns besitzen wenigstens noch ein enttäuschtes romantisches Interesse. Vor diesem Hintergrund gleicht Strunks neuester Roman auf ganzer deprimierender Linie Eugène Ionescos Der Einzelgänger , nur mit Fäkalwitz.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
Hauptfigur:
● Jonas Heidebrink, Mitte Dreißig (36 Jahre alt?), hat den Low-Code entwickelt und das Unternehmen für eine horrende Summe verhökert, und befindet sich nun in Frühpension. Nebenfiguren: Klaus Wimmer, Alkoholiker, Kettenraucher. Bernhard Zeissner, um die 70 Jahre alt, philosophisch unterwegs.
● Plot: Jonas sucht einen Weg aus seiner Depression, will eigentlich nicht lange in dem Sanatorium bleiben, bucht für einen Monat, 800 EUR pro Tag, privat. Eigentlich will er sofort wieder abreisen, aber da wird ein verdächtiges Muttermal entdeckt und eine Raumforderung in der Niere, sodass er erst mal untersucht werden muss. Die Befunde aber erweisen sich als harmlos. Er beschließt den Monat zu bleiben. Nach einem Monat zieht er sich eine Mittelohrentzündung zu. Er bleibt und lebt sich ein, erhält Antidepressiva, die ihn süchtig machen. Er erlebt einen Entzug und befreundet sich mit Zeissner und Klaus. Klaus stirbt. Zeissner geht irgendwann, dann schließt die Klinik wegen finanzieller Probleme. Nach einer Weile kehrt Jonas ins Sanatorium zurück, aus Heimweh, aber es gibt kein Sanatorium mehr. Er sitzt an der Ostsee und schwimmt schließlich in den Tod.
● Szenen: die zwei Erzählungen von Frau Dähne „Besucherritze“ und „Zeitmaschine“; das Geburtstagsbesäufnis mit Klaus, nach welchem dieser ins Krankenhaus kommt und wahrscheinlich stirbt; die Tanztherapie; Birnenfresser-Inzident; die Nebenwirkung des Antidepressivum, als Jonas vom Jägerhochsitz kotzt und kackt; Entzugserscheinungen, Aggressivität; verstopfter Abfluss, der Handwerker mit dem Rohrreiniger: Inferno; das Verschwinden von dem Pärchen Eddy und Pia (Kriminellen-Tochter) und die Randale des Vaters in der Lobby; die Kirgisenträume: Jonas träumt von der Klinik (Zitate aus dem Zauberberg).
… vgl. vor allem Eugène Ionescu Der Einzelgänger und Jean-Paul Sartre Der Ekel, Einzelgänger, die keinen Anschluss finden, nur in der Kultur ein wenig, aber völlig desavouiert werden von der eigenen Tristesse. Nicht so sehr Zauberberg-Atmosphäre. Erinnert nur durch die verurteilenden Beschreibungen der Gäste daran. Keine langen Gespräche, keine Exkursionen, keine pädagogischen Einwürfe. Völlige Tristesse. Auch vergleichbar mit der selbstzerstörerischen Tendenz Heinrich Böll Ansichten eines Clowns. Die Anleihen zu seinem eigenen Roman Ein Sommer in Niendorf sowieso.
… Plot mäßig spannend, aber mit viel Witz vorgetragen, Figuren tragen das Erleben, abwechslungsreich, unterhaltsam ob der Fundamentalkritik an allem. Renitentes sich zerstören. Cioranesk. Konsequent durchgezogen, bis zum Ende. Leider aber teilweise zu montiert, zu episodenhaft, und daher auch erzähllinienhalber beliebig.
–> 4 Sterne
Form: Schmissige, schnelle, rhapsodische Sprache, gutes, abwechslungsreiches Vokabular, außergewöhnliche Worte, Wortwitz, Wortbildung, Wortbildungsdynamik, alles im Sinne eines Poetry Slam vorhanden, nur die Sätze bleiben zu kurz, zu protokollartig, zu atemloses Aneinanderreihen, dass die Grammatik hinter der Sprache verschwindet, wenig Struktur, mehr Stichwortgeber, aber darin durchaus virtuos. Von tragender, abwechslungsreicher, Symbolik durchdringender Versprachlichung aber keine Spur.
–> 3 Sterne
Erzählstimme: Personal erzählt aus der Verfolgerperspektive – also in Jonas Heidebrink sitzend, in Präsens die Ereignisse zusammenfassend, nur das Wichtigste in dritter Person wiedergebend, samt Gedanken, Erinnerung. Alles Wissen von Jonas steht zur Verfügung, aber nichts anderes. Konsequent: Präsens aber in dritter Person, ansonsten wäre Selektion irreführend. Reflektor, auch Fokus klar beschnitten, sodass das Setting plausibel, schnell, krimiartig wirkt, Spannung erzeugt. Konsequent, aber wenig ergiebige Erzählstimme, mit wenig zweiter Reflexion Potentialität.
–> 4 Sterne
Komposition: Im Grunde genommen wird die Ebene der Erzählung mit der Erzählstimme gut vernäht. Erzählung hört auf, als das erzählte Ich stirbt. Es beginnt in der Krise und endet mit dem finanziellen Ruin der Klinik und dem leiblichen Tod Jonas‘. Die Verdichtung und Raffung der Erzählebene findet so gut wie gar nicht statt. Schwachpunkt die hineinmontierten, für sich allein stehenden Klein-Erzählungen, die beim Kulturabend vorgetragen werden. Wirken wie Seitenfüller. Auch die wenig innere Verzeitlichung des Klinikaufenthaltes. Wenig Dynamik im Erleben, auch die anderen bleiben fremd. Etwas beklemmend, was in Ordnung ist, aber ohne dass sich die Erzählaspekte ineinanderfügen. Komposition trivial.
–> 2 Sterne
Leseerlebnis: Viel Humor, viel Witz, hohes Lesetempo, etwas rastloses Herumgeeiere. Dennoch durch den Witz und den Humor, die Intensität, die Drangsal eines Thomas Bernhards, liest sich der Text angenehm, als Berieselung, als Zug-Lektüre. Besitzt keine wirklich roten Faden, also muss gar kein Aufmerksamkeitspotential aufgebracht werden. Viele Lacher („Birnenfresser-Hass“, „Hans Schwanz Christian“ …) .
–> 4 Sterne
Karl May: „Der Schatz im Silbersee“

Rasantes Auf-und-Ab, zwischen Prärie und Bergwelten, abwechslungsreicher Schematismus
Inhalt: 4/5 Sterne (abwechslungsreicher Plot)
Form: 2/5 Sterne (zu dialoglastig)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (Wenig aufregend, auktorial)
Komposition: 2/5 Sterne (zu viele unwichtige Figuren)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (Starker Anfang, viele immersive Szenen)
Der Schatz im Silbersee wird zu den Jugenderzählwerken von Karl May gezählt und gehört zu seinen erfolgreichsten Romanen. Vom Karl-May-Verlag Bamberg wird 1997 eine Auflage von 3,8 Millionen für Winnetou|210477555] (1893) und 3,2 Millionen für Der Schatz im Silbersee (1891) gemeldet, zeitweise lag er sogar vor den Winnetou-Abenteuern. Im Zentrum des Geschehens stehen aber über weite Strecken nicht Old Shatterhand und Winnetou, sondern Old Firehand, der am Silbersee das besagte Edelmann zu schürfen begehrt und hierfür mit einem Architekten unterwegs ist:
Der Kapitän reichte ihm die Hand und sagte im freundlichsten Tone, zu dem ein Yankee sich verstehen kann: „Aber, Sir, das hätte ich wissen sollen! Ich hätte Euch meine eigene Kajüte abgetreten. Bei Gott, es ist eine Ehre für den „Dogfish“, dass Eure Füsse seine Planken betreten haben. […] Ich hörte, Ihr schiesst nie fehl?“
„Pshaw! Fehlschiessen eine Unmöglichkeit! Jeder gute Westmann kann das genau so wie ich. Aber Ihr seht, welchen Vorteil ein bekannter Kriegsname hat. Hätte sich der meinige nicht so weit herumgesprochen, so wäre es gewiss zum Kampfe gekommen.“
Old Firehand hat in der Nähe des Silbersees, wo der Indianer Großer Vater und sein Enkel Großer Bär und sein Urenkel Kleiner Bär leben, eine Silberader entdeckt. Zusätzlich heißt es, es gäbe dort einen riesigen Schatz einer untergegangenen Kultur, und genau den will sich eine Bande Tramps unter den Nagel reißen, die sich, wie es der Zufall so will, mit Old Firehand auf einem Raddampfer befinden und vor lauter Übermut einen Streit vom Zaun brechen. Von dort an geht es bergab mit den Banditen rundum den Cornel Brinkley. Nach etwa der Hälfte heißt es dann auch lakonisch:
Nun galt es vor allen Dingen noch, die ermordeten Weißen zu besichtigen. Sie boten einen Anblick dar, dessen Beschreibung am besten unterlassen bleibt. Sie waren unter großen Qualen gestorben. Die Männer, welche bei den Leichen standen, hatten schon viel gesehen und erfahren; aber sie konnten sich eines Schauders nicht erwehren, als sie die zerstochenen Körper und verunstalteten Gliedmaßen der Toten erblickten. Die Tramps hatten geerntet, was und wie von ihnen gesät worden war. Am schlimmsten war es dem Cornel ergangen.
Böse und Gut sind in Der Schatz im Silbersee klar voneinander getrennt. Viel interessanter erscheint in diesem Abenteuer die Verwicklung mit der heraufziehenden Industrialisierung, der Lokomotive, dem Bergbau und der Problematik, wem welches Land auf dem nordamerikanischen Kontinent gehört. Klar wird: vielen Leuten im Wilden Westen kann man nicht über den Weg trauen. Wer vertraut, gerät schnell zwischen die Fronten sich beschießenden Halunken. Sprachlich lakonisch, mit Witz und skurrilen Figuren, mit viel Liebe gestalteten Dialogen unterhält Der Schatz im Silbersee formidabel, wären nicht die äußerst schematischen Action-Sequenzen, die immer wieder aus Herumkriechen, Herumschleichen, Belauschen, Herumkriechen und Herumschleichen bestünden.
Dennoch: in seiner Handlungsorientiertheit ein überzeugendes Abenteuerbuch, das mich als Vorläufer eines sozialistischen Realismus interessiert, sie Nikolai Ostrowskis Wie der Stahl gehärtet wurde und darin auch bestätigt hat.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: Im wesentlichen ein zweigeteilter Roman.
Hintergrund, der sich langsam entfaltet: Ein Indianer namens Hauey-kda-kakho („Großer Vater“) beherbergt einen Deutschen namens Engel und einen Schichtmeister namens Watson, die ihm im Winter helfen, während sein Enkel und Urenkel,Nintropan-hauey („Großer Bär“) und Nintropan-homosch („Kleiner Bär“), jagen sind. Der alte Indianer stirbt und erzählt Watson und Engel von einem Schatz im Silbersee. Er zeigt ihnen eine Karte, die er aber für seinen Enkel und Urenkel vergräbt. Er erlaubt seinen beiden Gästen aber eine Kopie anzufertigen. Bevor Enkel und Urenkel zurückkommen, brechen sie auf. Ein Gruppe von Banditen rundum einen Mann namens Brinkley hilft ihnen, hört aber von der Schatzkarte. Brinkley ersticht Watson, der schwerverletzt von Winnetou gerettet wird, und will auch Engel umbringen, der aber fliehen kann. Auf der Flucht erkältet er sich schwer, kommt zu seinem Bruder in Benton, gibt ihm eine Kopie der Karte und stirbt. Brinkley spürt die Familie von Engels Bruder auf und tötet die ganze Familie bis auf den Sohn Fred, der Glück gehabt hat (er war zu dem Zeitpunkt kurz außer Haus), und nimmt die Karte an sich.
1. Teil: Nun befindet sich Brinkley, der rote Cornel, mit seiner Bande, den Tramps, auf dem Weg zum Silbersee, um den Schatz zu bergen, und wird verfolgt von Tante Droll, einen Detektiv, den Fred, der Sohn des Bruders von Engel angeheuert hat, um Brinkley zur Strecke zu bringen. Parallel dazu hat Old Firehand am Silbersee eine Silberader gefunden und ist nun mit einem Ingenieur namens Butler auf dem Weg dorthin, um alles für eine Silbermine vorzubereiten. Die Handlung setzt ein, als sich Old Firehand, Butler, Tante Droll und Fred auf einem Raddampfer treffen, auf dem sich auch Brinkley befindet, der sich aber die Haare gefärbt hat und so unerkannt bleibt. Auf dem Weg zum Silbersee muss sich Brinkley, der Verbrecher, irgendwie finanzieren, und raubt zuerst Butler aus, der sich auf dem Weg zur Farm seines Bruders befindet. Später wollen die Tramps die Farm ausrauben und einen Eisenbahnzug überfallen. Old Firehand verhindert jeden dieser Pläne und lernt Watson bei der Verteidigung der Eisenbahn kennen. Der rote Cornel entkommt aber und bleibt mit einer kleineren Bande, um den Schatz nicht zu teilen, auf dem Weg zum Silbersee. Auf dem Weg dorthin trifft er ein einen Quacksalber, Hartley, samt einem Zufallskumpan, Haller, der eigentlich als Schreiber nach Sheridan will, mit Empfehlungsschreiben. Die Tramps lassen den Quacksalber auffliegen, der den Schreiber verrät, woraufhin dieser umgebracht wird und die Tramps das Empfehlungsschreiben mitnehmen, um sich in die Eisenbahngesellschaft zu schmuggeln, denn sie wollen die Eisenbahn ausrauben. Der Quacksalber Haller wird von Winnetou gerettet, der ihm sofort misstraut. Winnetou hilft nun den Eisenbahnraub zu vereiteln und trifft dort wieder auf Watson. Sie alle machen sich auf dem Weg zum Silbersee, wohin die nach dem misslungenen Überfall auf den Zug stark reduzierten Tramps auch reiten. Brinkley wollte sowieso die Beute nur unter wenigen teilen.
2. Teil: Im elften Kapitel, etwa bei der Hälfte, taucht nun Old Shatterhand, samt Gefolge auf: Hobble-Frank, der dicke Jemmy und der lange Davy, die sich auf dem Weg zu den Elk-Mountains befinden. Sie geraten in einen Konflikt zwischen dem Militär und den Utah-Indianern. Die Utah-Indianer wurden von den Tramps ausgeraubt und fordern vom Militär Schadensersatz, den diese nicht leisten wollen. Die Utah-Indianer mit ihrem Häuptling Großer Wolf graben das Kriegsbeil aus. Old Shatterhand trifft auf die Kavallerie und macht ihnen Vorwürfe ob der Art, wie sie den Konflikt behandelt haben, später trifft er auf die Überreste der versprengten Tramps (ohne Brinkley), denen er aber sofort misstraut. Als er sie gerade überführen will, gerät er in einen Hinterhalt von den Utah-Indianer und muss sich gefangen nehmen lassen, da Großer Wolf sie als Feinde behandelt. Nur aufgrund großer diplomatischer und argumentativer Bemühung seitens Old Shatterhand bekommen sie die Chance sich in Zweikämpfe zu beweisen, um ihr Leben zu retten. Der lange Davy soll gegen Roter Fisch um die Wette schwimmen, der Hobble-Frank mit Springender Hirsch um die Wette laufen, der dicke Jemmy mit Großer Fuß ringen und Old Shatterhand mit Großer Wolf kämpfen. Mit List schaffen sie es, jeweils zu gewinnen, müssen dennoch flüchten. Sie treffen auf Winnetou und Old Firehand, die die Wettkämpfe von Weitem beobachten, und wissen, dass die Utah ihren Leuten folgen werden. Sie leiten die Utah in einen Hinterhalt (Night Canon). Großer Wolf ergibt sich. Hobble-Frank und Tante Droll erweisen sich als verwandt (Vettern). Nach der Friedenspfeife zieht Großer Wolf weg, verbündet sich mit anderen Utahs, kehrt zurück und nimmt alle, bis auf Hobble-Frank und Tante Droll gefangen, die nachschleichen und Old Shatterhand und die anderen befreien. Dieses Mal lassen sie alle Utah gehen, bis auf den Häuptling, den sie als Geisel mitnehmen. Auf dem Weg zum Silbersee bezeugen sie eine Schlacht zwischen den Navajos und den Utah und nehmen weitere Häuptlinge gefangen, zur Sicherheit. Die Navajos werden empfindlich geschlagen. An selbiger Stelle sehen sie auch die Marterpfähle, an denen der Rest der Tramps, samt Brinkley, zu Tode gefoltert wurden. Weiter zum Silbersee, Old Firehand zeigt dem Ingenieur die Silberader, die einen Plan erstellen, wie es geschürft werden könnte. Sie benötigen Wasser vom See und Schürfrechte von dem Timbabatschen. Ihr Häuptling, Langes Ohr, läuft über zu den Utahs und verrät, was er über den Silbersee und die geheimen Zugänge weiß. Old Shatterhand und die anderen können den Plan geradeso vereiteln. Die Utahs kommen fast alle beim Versuch, die Insel auf dem Silbersee einzunehmen, ums Leben, denn der Geheimgang wird vom Großen Bären geflutet. Nur Langes Ohr überlebt, der das Gebiet an Old Firehand abtritt. Es kommt auch heraus, dass es längst keinen Schatz mehr im Silbersee gibt. Großer Bär gibt Old Firehand das Recht, das Wasser zu nutzen, und Ellen befreundet sich mit Kleiner Bär an.
Kurzfassung: Old Firehand will sich das Silber, Cornel Brinkley den Schatz am Silbersee sichern. Aus diesem Grundkonflikt entspinnen sich die weiteren Handlungsfäden, bei denen Old Shatterhand und Winnetou stets Old Firehand helfen, sodass dieser als Gewinner hervorgeht, während Cornel Brinkley und die kriegerischen Utah sterben.
Hilfreicher Link: https://www.karl-may-gesellschaft.de/…
… doch spannend, auf lustig, abwechslungsreich, etwas an den Haaren herbei gezogen, manches Mal, aber die Fäden werden zu Ende gesponnen, und das weite Figurennetz macht Sinn. –> 4 Sterne
Form: Die Sprache erscheint äußerst reduziert, dialoglastig, wie gemacht für eine Verfilmung. Das Sprachmaterial selbst darf sich nicht organisieren. Es wird an der engen Leine durch die Handlung gezurrt, nur im Dialog erscheint Witz und Spontaneität. Die Sprache selbst aber ohne Fehl und Tadel. Abwechslungsreicher Wortschatz, wenig Hilfsverben. Klassisch geschrieben, aber etwas zu dialoglastig, zu wenig deskriptiv, zu viel Theater, weniger Schriftsprache. –> 2 Sterne
Erzählstimme: Auktorialer Erzähler, der sich selten einmischt und kommentiert, dafür aber unreflektiert zwischen den Handlungsorten hin und her wechselt. Diese Kamera von oben bleibt distanziert. Psychologisierung gibt es kaum. Fast alles wird durch Dialoge geklärt. Nur bei Ein- und Ausleitung schaltet sich der Erzähler ein, auch spielt er nicht wirklich den Allwissenden, eher den interessierten Beobachter. Nur manchmal Wendungen wie „Winnetou fiel ein, dass …“ also hier und da Reflektoren vorhanden. –> 2 Sterne
Komposition: Sehr repetitiv. Stets dasselbe: der Bandit, der Bösewicht, will an Geld kommen, will die Leute übers Ohr hauen, aber Old Firehand, Winnetou oder Old Shatterhand wissen alles im Voraus und können das Schlimmste verhindern. Viel Herumschleichen, Abhören, Informationen werden beschafft und Pläne durchkreuzt. Etwas sehr ärgerlich: Wie oft der Große Wolf Old Shatterhand und die anderen verraten darf. Immer wieder wird er freigelassen. Überhaupt scheint der erste und zweite Teil fast völlig unabhängig voneinander. Nur sehr lose verbunden. Im Grunde keine über die figuralen Verknüpfungen hinaus geartete Komposition. –> 1 Sterne
Leseerlebnis: Ein Auf und Ab, das mal motiviert, mal demotiviert. Zu viele, zu ähnliche Stellen, zu viele, zu ähnliche Figuren, zu wenig Charakterisierung, zu schnelle Wechsel, auch etwas unübersichtlich, und viele Figuren spielen gar keine Rolle, wie Ellen, wie der Ingenieur Butler, wie der dicke Jemmy und der lange Davy, und der Lord Castlepool. Es bekommt etwas von einer Revue. Dennoch, im Kern, unterhaltsam. Besonders mit dem Panther, eine gute Anfangsszene. –> 3 Sterne
Nikolai Ostrowski: „Wie der Stahl gehärtet wurde“

Abenteuerroman eines Schlafwandlers mit an Lichtgeschwindigkeit grenzendem Erzähltempo – unselbstbestimmt und mutig bis zum Schluss
Inhalt: 4/5 Sterne (spannend, aber bieder)
Form: 3/5 Sterne (trocken, mit Zuckerbäckerkitsch)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (fesselnd-auktorial)
Komposition: 3/5 Sterne (biographisch-chronologisch)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (abwechslungsreich, doch etwas fade)
773 Mal wurde dieser einzige fertiggestellte Roman von Nikolai Ostrowski allein in der Sowjetunion nachgedruckt mit einer geschätzten Gesamtauflage von über 53 Millionen weltweit. Das Buch dient als Paradebeispiel für den sozialistischen Realismus und fand in vielen Ländern Eingang in den Kanon als Schullektüre. Der Held des Romans heißt Pawel Kortschagin, ein unermüdlicher Streiter für die gute Sache, und zwar von Anfang. Das Buch beginnt in Pawels Jugend, im Alter von fünfzehn im Jahre 1915, und endet neun Jahre später, im Jahre 1924 im Alter von vierundzwanzig. Die Zahlenmystik zeigt. Es handelt sich um eine Art Heiligenlegende:
Kortschagin stützte den Kopf in beide Hände und verfiel in Grübeln. Vor seinen Augen zog sein ganzes Leben vorüber, von seiner Kindheit bis in die letzten Tage hinein. Hatte er seine vierundzwanzig Jahre gut oder schlecht ausgenutzt? Wie ein unvoreingenommener Richter sichtete er in seinem Gedächtnis Jahr um Jahr, überprüfte sein ganzes Leben und stellte mit großer Genugtuung fest […] dass er die Tage des Kampfes nicht verschlafen, dass er im eisernen Ringen um ein neues Leben seinen Mann gestanden hatte und dass auf dem purpurroten Banner der Revolution auch einige Blutstropfen von ihm waren.
Mit großer Schlichtheit, wenig Ornamenten, mit harter, direkter Sprache erzählt eine auktoriale Erzählstimme die Ereignisse von den Anfängen des 1. Weltkrieges, über die Oktoberrevolution 1917 und anschließenden Bürgerkriegswirren bis hin zum Tode Lenins. Das Unpersönliche schlägt sich auf Schritt und Tritt im Text nieder. Psychologisierung wird kleingeschrieben. Reflexionen gibt es so gut wie gar keine. Für Beschreibung haben die Figuren und die Erzählstimme schlicht keine Zeit.
In derselben Sekunde ratterte das Maschinengewehr in fiebriger Hast. Toptalo stürzte samt seinem Rappen, von einem Dutzend Kugeln getroffen, zu Boden. Erschrocken schnaubend bäumte sich Pawels Pferd und trug den Reiter über die Gefallenen, direkt auf die Männer am Maschinengewehr zu. Der Säbel beschrieb einen funkensprühenden Bogen und drang in das blaue Viereck einer Mütze ein. Wieder flog der Säbel in die Höhe, um auf einen anderen Schädel niederzusausen. Doch das feurige Pferd sprang zur Seite. Gleich einem reißenden Gebirgsfluss ergoss sich die Schwadron über den Kreuzweg. Dutzende von Säbeln sausten durch die Luft.
Was sich wie ein Abenteuerroman liest, bleibt auch einer, nur dass für Zärtlichkeiten, für Hoffnung, für Sentimentalität in der Welt von Pawel Kortschagin kein Platz und keine Zeit ist. Er muss weiterziehen, weiterkämpfen, unaufhörlich sich für die gute Sache in die Bresche schlagen, bis sein junger Körper schließlich aufgibt und die Waffen streckt. Erst dann kann er verschnaufen und von seinen Taten als Schriftsteller berichten. Leider bleibt dieser proletarische Entwicklungsroman stellenweise sehr episodenhaft und hektisch, die innerparteilichen Widersprüche unklar, die Weltsituation nur Skizze.
Die Unruhe vertreibt eine gewisse Bestimmtheit und Klarheit. Pawel erscheint wie getrieben, rastlos, besessen, da ihm die hierfür notwendige Innerlichkeit fehlt. Das aber ist gerade Programm des sozialistischen Realismus. Die Figuren wirken wie Schlafwandler in einer chaotischen Welt, die deshalb dem großen Anderen, der Partei, vertrauen müssen, die all ihr Schritte lenkt. Für ein Zeitpanorama zu wenig, für eine Heldengeschichte etwas zu viel, bleibt dennoch genug Roman zwischendrin übrig. Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann, Rummelplatz von Werner Bräunig oder Peter Weiss‘ Die Ästhetik des Widerstands wirken in jedem Fall ausgefeilter.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
● Hauptfigur: Pawel Kortschagin, Sohn von Maria Jakowlewna, Bruder von Artjom, mit dem Heimat Schepetowka in der Ukraine 1915 (1. Weltkrieg) bis 1924 (Lenins Tod). Seine Lebensetappen besitzen jeweils eine Frau, um die sich Pawels Gefühle drehen: Tonja Tumanowa (Jugend); Rita Ustinowitsch (junge Erwachsenenzeit); Taja Kützman (reife Erwachsenenzeit).
● Plotskizze: Pawel lebt als Raufbold, fliegt aus der Schule, erlebt Misshandlung und Brutalität, rebelliert, schließt sich den Sowjets an, zieht in den Krieg, wird verletzt, wird Jugendagitator, arbeitet sich bei einem Eisenbahnbau halb tot, genest, zieht sich bleibende Schäden zu, muss zur Kur, erblindet schließlich, kann kaum noch gehen, beginnt zu schreiben, veröffentlicht sein erstes Buch.
● Wichtige Ereignisse: 1. Weltkrieg; Pogrome gegen Juden; Oktoberrevolution; Probleme beim Wiederaufbau; Kulaken- und Trotzkistenbekämpfung; Tod Lenins.
● Genauer Handlungsverlauf: 1. Teil mit 9 Kapitel. Pawel fliegt wegen Streich an einem Popen mit zwölf von der Schule; arbeitet daraufhin in der Bahnhofswirtschaft, erlebt schlimme Ausbeutung, Vergewaltigungen und Prostitution. Pawel erbeutet sich nach diversen Aufständen ein Gewehr, muss es aber wieder abgeben, stiehlt die Pistole vom Nachbarn Leszczynski. Beginnt eine zarte Romanze mit Tonja, auf die auch Viktor Leszczynski ein Auge geworfen hat. Während der deutschen Besatzung rebelliert Artjom und bringt mit der Lokomotive keinen Nachschub an die Front. 1919 kommt es zu einem brutalen Pogrom durch nicht näher bestimmte ukrainische und polnische Banden: Petljura-Banden, Pawljuk-, Golub-Leute. Fjodor Shuchrai agitiert für die Sowjets. Als Shuchrai festgenommen wird, verhilft ihm Pawel zur Flucht, Lisa Leszczynski bezeugt Pawels Hilfe und verrät es Viktor, ihrem Bruder, der Pawel verpetzt, woraufhin Pawel festgenommen wird. Im Gefängnis bietet sich ihm Christina an, die nicht durch Vergewaltigung entjungfert werden will, Pawel geht darauf nicht ein. Ein Rittmeister setzt die Gefangenen nach misslungener Parade frei, um den Petljura nicht zu verärgern. Pawel flieht zu Tonja, die ihm mit Artjom hilft, mit der Eisenbahn nach Kasatin zu gelangen. Umkämpftes Schepetowka, mal von den Rot-, mal von Weißgardisten besetzt. Hausdurchsuchung beim Wirt, der vorgibt, keine Vorräte zu haben. Die Sowjets kämpfen um Kiew, müssen sich zurückziehen, gehen gegen die Machnowschtschina (Syndikalanarchisten) vor. In den Bürgerkriegswirren verletzt sich Pawel als Budjonny-Reiter, fällt ins Koma, fährt zurück zur Mutter. Dezember 1920 fährt Pawel zurück nach Kiew. Ende 1. Teil.
2. Teil mit 9 Kapitel. Pawel soll zum Jung-Agitator geschult werden, bricht wegen seiner romantischen Gefühle für Rita die Schulung ab. Probleme mit der Holzbeschaffung, das Holz bleibt liegen, wird geklaut, es muss eine Bahn gebaut werden. Bau der Eisenbahnstrecke im Wind und Wetter, Regen, Matsch, Typhus, Erkältung. Pawel erschöpft sich total, fällt tot um. Er wird gerade so zurück zur Mutter gebracht, wo er genest, sein Bruder hat geheiratet und lebt als Kleinbauer. Pawel will zurück in die Stadt, zur Industrie. Nach Rückkehr sind viele Freunde fort. Er findet Anstellung, muss aber seinen Vorabeiterplatz Zwetajew überlassen, der aber an Rückhalt verliert. Auf einem Nachhauseweg mit Anna wird Pawel überfallen, kann Anna gerade so vor einer Vergewaltigung retten. Acht Monate später reitet Pawel im Grenzbataillon an der polnischen Grenze. Es kommt zu Bauernschlägereien. Jagd auf Räuberband Antonjuk. Große Parade der Sowjets an der Grenze. Innerparteiliche Machtkämpfe gegen Trotzkisten. Lenin stirbt. Artjom tritt der Partei bei. Reden. Rita nun Mitglied beim ZK. Pawel und sie treffen sich beim 6. Kongress des Kommunistischen Jugendverbandes. Brief von Rita. Sie ist nun verheiratet. Gesundheit von Pawel geht den Bach runter, wird zur Kur geschickt, schwere, unheilbare Entzündung in der Wirbelsäule, Lähmungserscheinungen. Besucht auf Wunsch seiner Mutter die Familie Kützam, die unter dem Vater leidet. Pawel verspricht zu helfen. Reist zurück nach Kiew, aber nicht mehr verwendbar für die Arbeit. Er ist am Boden zerstört, kehrt zurück an die Krim zur Familie Kützam, überlegt sich umzubringen, entschließt sich, es nicht zu tun. Heiratet die jüngste Tochter der Familie Kützam, Taja, und überzeugt sie, der Partei beizutreten. Ziehen weg. Pawel beginnt zu schreiben, Beine versagen ihm den Dienst, er verliert das Augenlicht. Er diktiert seinen ersten Roman „Die Sturmgeborenen“. Seine Mutter kümmert sich um ihn. Das Buch wird angenommen.
… fesselnd, viele Wendungen, ein Auf und Ab der Geschichte, ein wenig Propaganda, aber hauptsächlich wie ein Jules Vernes- oder Karl May-Buch gehalten, überzeugende Figuren, viel Handlung, wenig Reflexion, aber Handlung spannungsgeladen, nie uninteressant. Teilweise zu kurz angerissen, zu wenig beschrieben, zu schnell, insbesondere gegen Ende des Buches, auch etwas ernüchternd, dass es sich dann doch wieder um eine Künstlerkarriere handelt; und etwas zu sehr an eine Heiligengeschichte angelehnt, Pawel, der züchtige, der am Ende von seiner Mutter Maria gepflegt wird, während er das Buch schreibt. –> 4 Sterne
Form: Sehr reduzierte Sprache, aber dennoch wohlaustariert. Teilweise ruppig, aber nie banal, eher klassisch, ohne Ausrutscher, abwechslungsreich, teilweise gewollte Vergleiche, Wortfeldmischungen, gespielte Wissenschaftlichkeit, etwas hart-züchtiger Ton. Keine aufregende, aber dienliche Sprache. Instrumentell. Kurzsatzschreibweise. –> 3 Sterne
Erzählstimme: Beginnt personal erzählt, aus Sicht des Reflektors Pawel, im Rückblick. Dann mehr und mehr Episodenroman, mit wechselnden Reflektoren, und irgendwann dann auch kommentierender auktorialer Erzähler, der Überblick demonstriert und Wertungen ausspricht. Hier tritt klar die Propagandafunktion zutage, aber sehr selten. Der Erzählkommentar hält sich stark zurück. Moderates auktoriales Erzählen, das durch die Wirren im Krieg Rechtfertigung erhält. Montage mit Tagebucheinträgen, Reden und längeren, direkten Erzählungen von Figuren. Dadurch lebendig, abwechslungsreich, kameraschnittartig. Auch die Verwendung des narrativen Präsens interessant. Teilweise sehr immersiv. Etwas unentschieden und hastig hier und da. –> 4 Sterne
Komposition: Da Biographie eines proletarischen Vorzeigehelden chronologisch, mit ein paar Abschweifungen. Es geht darum, dass Pawel seinen Platz in der Welt findet und sich nicht von Saufereien, Sex und Saubeuteleien ablenken lässt. Pawel hält sich tadellos, nur sein Körper gibt nach. Kriegsverletzung durch Granatsplitter, die harte Arbeit beim Eisenbahnbau bis zur Erschöpfung. Kompositorisches Element das Materielle des Lebens: die Grenze des Zumutbaren, und der grenzenlose Wille, über sich hinaus zu wachsen. Zusammengehalten wird alles dadurch, dass Pawel stets versucht, etwas der Sache der Befreiung der Menschen beizutragen, selbst als blinder und gelähmter. Klare Verwendung der Tempi-Wechsel, das Ein- und Wegtauchen in die historischen Etappen, die Skizzierung der Probleme, aber stets motiviert durch deutliche Beschreibung der Grausamkeiten von Räuberbanden und Pogromhäschern. –> 3 Sterne
Leseerlebnis: Flüssiges, schnelles, interessantes und mitreißendes Lesen, das gegen Ende aber durch das Abflachen des Sujets enttäuscht wird. Pawel wird Schriftsteller – die eigentliche Karriere heißt also auch hier: Teil der Nomenklatura werden. Werner Bräunig hat da einen anderen „Entwicklungsroman“ geschrieben, Brigitte Reimann auch. Eher als Jugendbuch einschätzbar. Szenische Höhepunkte: der Krieg bei Lwow, der Eisenbahnbau in der Nähe von Bojarka. –> 3 Sterne

