Zitate, Annotate, Hinweise: I,J

Im Folgenden Zitate, Links, Hinweise zu Autoren, deren Nachnamen mit dem Buchstaben „I,J“ beginnen. Jeweils fortführend und weitergehend ergänzt.

Ingeborg Bachmann

Frankfurter Vorlesungen – Probleme zeitgenössischer Dichtung

Malina

Das Unglück und die Gottesliebe – Der Weg Simone Weils

Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar

Frankfurter Vorlesungen – Probleme zeitgenössischer Dichtung

Exzerpte (06/2022)

Also etwas Schwächeres, denn alles, was über Werke gesagt wird, ist schwächer als die Werke. Das gilt, meine ich, auch für die höchsten Erzeugnisse der Kritik und [von] dem, was von Zeit zu Zeit grundsätzlich und grundlegend gesagt werden wollte und immer wieder gesagt werden will.

Wie dem auch sei, Sie werden reichlich aufgeklärt, und es werden Ihnen sogar Geheimnisse verraten, die gar keine sind. So vielerlei Neugier da ist – so vielerlei Enttäuschung ist möglich, und all dies mag uns vorläufig zur Entschuldigung dienen für die falschen Hoffnungen, die Sie sich machen und die ich mir mache, indem ich, Mut fassend, meine, daß sich von diesem Lehrstuhl aus zwar nichts lehren, vielleicht aber etwas erwecken läßt – ein Mitdenken von der Verzweiflung und der Hoffnung, mit der einige wenige – oder sind es schon viele? – mit sich selber und der neuen Literatur ins Gericht gehen.

Es gelang mir nicht mehr, sie mit dem vereinfachenden Blick der Gewohnheit zu erfassen. Es zerfiel mir alles in Teile, die Teile wieder in Teile, und nichts mehr ließ sich mit einem Begriff umspannen. Die einzelnen Worte schwammen um mich; sie gerannen zu Augen, die mich anstarrten und in die ich wieder hineinstarren muß: Wirbel sind sie, in die hinabzusehen mich schwindelt, die sich unaufhaltsam drehen und durch die hindurch man ins Leere kommt.«

Mit einer neuen Sprache wird der Wirklichkeit immer dort begegnet, wo ein moralischer, erkenntnishafter Ruck geschieht, und nicht, wo man versucht, die Sprache an sich neu zu machen, als könnte die Sprache selber die Erkenntnis eintreiben und die Erfahrung kundtun, die man nie gehabt hat.

Da mag sie uns freilich erlauben, auf ihre Schönheit zu achten, Schönheit zu empfinden, aber sie gehorcht einer Veränderung, die weder zuerst noch zuletzt ästhetische Befriedigung will, sondern neue Fassungskraft.

Und doch ist nur Richtung, die durchgehende Manifestation einer Problemkonstante, eine unverwechselbare Wortwelt, Gestaltenwelt und Konfliktwelt imstande, uns zu veranlassen, einen Dichter als unausweichlich zu sehen.

Sondern um zu erinnern, wenn man sich heute desorientiert fragt, wie wohl das Neue, wie wohl das Auftreten eines wirklichen Dichters und einer Dichtung zu erkennen sei. Es wird zu erkennen sein an einer neuen gesamten Definition, an Gesetzgebung, an dem geheimen oder ausgesprochenen Vortrag eines unausweichlichen Denkens.

Wie es neue Zündungen geben könnte? Es ist schwer zu sagen. Die Spezialisten, die Experten mehren sich. Die Denker bleiben aus. Vielleicht wird Wittgenstein noch eine Wirkung tun, vielleicht Ernst Bloch. Reine Vermutungen.

»Das Volk braucht Poesie wie das Brot« – diesen rührenden Satz, einen Wunschsatz wohl, hat Simone Weil einmal niedergeschrieben.

Wie die Lage ist, sind wir vor lauter Einverständnissen schon so weit, einen Zustand eintreten zu lassen, den Hermann Broch mit einem wütenden Satz gegeißelt hat. Dann gilt es, dann ist es soweit. »Moral ist Moral, Geschäft ist Geschäft und Krieg ist Krieg und Kunst ist Kunst.«

Dann bedürfte es auch keiner Fragen mehr.

Aber stellen wir sie dennoch. Und stellen wir sie in Hinkunft so, daß sie wieder Verbindlichkeit haben.

Und die unfreundlichste Vermutung mancher Leute geht dahin, daß kein Gedichtband bei uns eine Wirkung hätte, ausgenommen die, daß er wieder zwanzig junge Leute ermutige, auch Gedichte zu schreiben.

Und werden wir nicht von diesem Recht Gebrauch machen oder von keinem, und quer durch die Irrtümer und eingebrachten Wahrheiten einen Weg nehmen wollen, oder keinen.

Und zugleich bliebe das Wichtigste verborgen, nämlich wo wir es nur mit Basteleien und mit Affektiertheiten, mit Fingerübungen oder nur vorläufig mißglückten Ansätzen zu tun haben, und es bliebe verborgen, wo einer wirklich auf Raub ausgeht und von der Sprache geraubt wird und von der Wahrheit geraubt wird, wo das Unnachahmliche das Nachahmbare verschlingt.

Und wenn die Radikalität eines jeden Ästhetizismus uns eine Gewißheit hinterlassen hat, die verbindlich ist, dann die, daß man mit guter Gesinnung noch lange kein gutes Gedicht macht.

Das könnte sein: Myriaden von Partikeln, die »Ich« ausmachen, und zugleich scheint es, als wäre Ich ein Nichts, die Hypostasierung einer reinen Form, irgendetwas wie eine geträumte Substanz, etwas, das eine geträumte Identität bezeichnet, eine Chiffre für etwas, das zu dechiffrieren mehr Mühe macht als die geheimste Order.

Es tritt früh zutage und wird immer toller, faszinierender in der Literatur der letzten Jahrzehnte. Als wäre eine Fastnacht für das Ich veranstaltet, in der es bekennen und täuschen, sich verwandeln und preisgeben kann, dieses Ich, dieses Niemand und Jemand, in seinen Narrenkleidern.

Und nach der Auflösung dieser Ich-Union kam es zu einer neuen Erfahrung, wir bemerkten die Interferenzen zwischen Autor und Ich, und schließlich wußten wir von allen möglichen Ich in der Dichtung, dem fingierten, verkappten, dem reduzierten, dem absoluten lyrischen, dem Ich als Denkfigur, Handlungsfigur, einem Ich, stofflos oder in den Stoff gefahren.

Daß Millers und Célines Ich sich halten können, liegt nur daran, daß sie eine Sprache haben, die gesteigert das Chaos wiederholt, sie reden, reden und reden, bis ihr Leben in Sprache aufgeht.

Er vermag uns für seine banalsten alltäglichen Erlebnisse zu interessieren, aber nicht für seine geistige Entwicklung, seine Lektüre, seine Gedanken, denn in einem Buch darf wohl Überflüssiges erzählt werden, aber kein überflüssiger Gedanke geäußert werden.

Und wirklich ermöglicht das Ich des Italo Svevo eine Behandlung der Zeit, die zu den dichterischen Pionierleistungen dieses Jahrhunderts zu zählen ist. Er selbst sagt darüber: „Die Vergangenheit ist immer neu: Sie verändert sich dauernd, wie das Leben fortschreitet. Teile von ihr, die in Vergessenheit gesunken schienen, tauchen wieder auf, andere wiederum versinken, weil sie weniger wichtig sind. Die Gegenwart dirigiert die Vergangenheit wie die Mitglieder eines Orchesters.“

Die erste Veränderung, die das Ich erfahren hat, ist, daß es sich nicht mehr in der Geschichte aufhält, sondern daß sich neuerdings die Geschichte im Ich aufhält.

Charakteristisch für diese Übergabe einer Ich-Mitteilung, für die Auflösung des Subjektiven ins Objektive, sind darum bei Proust Sätze wie diejenigen, die seine Liebe zur Herzogin von Guermantes betreffen:

»Auf der Stelle liebte ich sie, denn wenn es manchmal genügen kann, damit wir eine Frau lieben können, daß sie uns mit Verachtung anblickt – wie ich glaubte, daß Mademoiselle Swann es getan habe – und daß wir denken, sie werde uns niemals angehören, so genügt es ein anderes Mal, daß sie uns mit Güte anschaut, wie Madame de Guermantes es tat, und daß wir uns vorstellen, sie könne einmal näher zu uns gehören.«

Das Proustsche Ich ist alles mögliche, aber jedenfalls sich selbst, als Instrument, kein Rätsel. Es verhält sich ruhig, vertraut seiner Fassungskraft. In seiner Suche nach der verlorenen Zeit übernimmt es die Rolle des Übermittlers einer Erkenntnis, die freilich nicht partielle Resultate zeitigt, sondern die Wiederherstellung unseres gesamten Erlebens und somit eine »Summa« ist.

Denn es gibt keine letzte Verlautbarung. Es ist das Wunder des Ich, daß es, wo immer es spricht, lebt; es kann nicht sterben – ob es geschlagen ist oder im Zweifel, ohne Glaubwürdigkeit und verstümmelt – dieses Ich ohne Gewähr! Und wenn keiner ihm glaubt, und wenn es sich selbst nicht glaubt, man muß ihm glauben, es muß sich glauben, sowie es einsetzt, sowie es zu Wort kommt, sich löst aus dem uniformen Chor, aus der schweigenden Versammlung, wer es auch sei, was es auch sei. Und es wird seinen Triumph haben, heute wie eh und je – als Platzhalter der menschlichen Stimme.

Die Methode Faulkners ist eigentlich die: uns abzubringen von den Namen, um uns umweglos, erklärungslos in die Wirklichkeit zu stoßen. Nicht er, der Autor, maßt sich die Namen an, nicht er führt sie uns vor und beugt Verwechslungen vor. Sondern nur die Figuren untereinander kennen sich, nennen sich und andere beim Namen, und wir müssen zusehen – wie in der Wirklichkeit –, wie weit wir vordringen und was wir in Beziehung zu setzen vermögen zwischen Menschen, die uns niemand vorformt, präpariert und etikettiert zum größeren Verständnis.

Um die Zugehörigkeit zu dem Orden »Literatur« wirbt er uneingestanden unablässig, und wenn ihm auch nie kundgetan wird, ob ihm die Dauerzulassung gewährt wird – er erhofft sie und gibt diese Hoffnung nie auf.

So ist die Literatur, obwohl und sogar weil sie immer ein Sammelsurium von Vergangenem und Vorgefundenem ist, immer das Erhoffte, das Erwünschte, das wir ausstatten aus dem Vorrat nach unserem Verlangen – so ist sie ein nach vorn geöffnetes Reich von unbekannten Grenzen.

Diese Voraussetzungen, die in den Werken selber liegen, möchte ich versuchen, die »utopischen« zu nennen.

Und so kamen sie zu diesem Schluß: die Syntax ist Phantasie und die Grammatik Illusion.«

Ebenfalls zu Anfang des 19. Jahrhunderts aber hatte Goethe eine Formulierung gefunden, die gleichfalls und glücklicher fortwirkte.

»Ich sehe immer mehr, daß die Poesie ein Gemeingut der Menschheit ist und daß sie überall und zu allen Zeiten in Hunderten und aber Hunderten von Menschen hervortritt. Einer macht es ein wenig besser als der andere und schwimmt ein wenig länger oben als der andere, das ist alles.«

»Die moderne Literaturwissenschaft – d.h. die der letzten fünfzig Jahre – ist ein Phantom.«

Die Literatur aber, die selber nicht zu sagen weiß, was sie ist, die sich nur zu erkennen gibt als ein tausendfacher und mehrtausendjähriger Verstoß gegen die schlechte Sprache – denn das Leben hat nur eine schlechte Sprache – und die ihm darum ein Utopia der Sprache gegenübersetzt, diese Literatur also, wie eng sie sich auch an die Zeit und ihre schlechte Sprache halten mag, ist zu rühmen wegen ihres verzweiflungsvollen Unterwegsseins zu dieser Sprache und nur darum ein Ruhm und eine Hoffnung der Menschen.

Denn dies bleibt doch: sich anstrengen müssen mit der schlechten Sprache, die wir vorfinden, auf diese eine Sprache hin, die noch nie regiert hat, die aber unsere Ahnung regiert und die wir nachahmen.

»Auf den Zusammenbruch aller Beweise antwortet der Dichter mit einer Salve Zukunft.«