Helene Bukowski: „Wer möchte nicht im Leben bleiben“

Zeitsymbolisches DDR-Grau, aber ohne ästhetische Idee.
Shortlist Leipziger Buchmesse-Preis 2026.
Inhalt: 1/5 Sterne (langweiliges Pianistindrama)
Form: 0/5 Sterne (stichwortartig)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (loyal, einmischend)
Komposition: 1/5 Sterne (chronologisch)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (trist)
–> 7/5 = 1,4 = 1 Stern
Wer möchte nicht im Leben bleiben besitzt eine rasante erzählerische Idee: die Ich-Erzählinstanz mischt sich ins Geschehen ein, zeigt sich als Direktorin, als guter Geist, als begleitende und schützende Kraft für ihre Figur, indem sie selbst aktiv teilnimmt, zumindest in der sprachlich präsentierte Vorstellung. Unverhohlen ergreift sie Partei für eine junge Pianistin, die in der Endphase der DDR unter die Räder der parteilich-sozialistischen Ausdeutung der Musik zu geraten droht:
Du betrittst Mausers Unterrichtsraum und bekommst keine Luft. Mauser am Fenster, dunkel gegen das hereinfallende Licht. Er wendet sich dir zu, breitet die Arme aus, begrüßt dich, lässt dich nicht aus den Augen, steht plötzlich viel zu nah. Du flüchtest dich an den Flügel, hältst dich fest. Das Instrument ist so kalt, es kommt dir gefroren vor. Dieses Zimmer ist ein Gehege. Du ergibst dich. Alles, was dir T. N. mitgegeben hat, nimmt Mauser dir Stück für Stück. Er zerlegt dich und setzt dich nach seinen Vorstellungen neu zusammen.
„T. N.“ steht für Tatjana Petrowna Nikolajewa, für die Dmitri Schostakowitsch sogar ein Opus komponierte („24 Präludien and Fugen, op. 87“ – 1951). Christina, so heißt die Pianistin, lernt bei ihr im Moskauer Konservatorium und lernt durch T.N. das entsagungsvolle, sich völlig der Musik hingebende einsame Leben kennen. Christina fühlt sich angezogen und abgestoßen zugleich. In diesem Kraftfeld spielt sich Wer möchte nicht im Leben bleiben individualpsychologisch ab, wohingegen physiologisch-dynamisch die Ausreisebeschränkung der DDR eine große Rolle spielen, denn die Hauptfigur sehnt sich nach Reisen, nach Sonne, nach Italien:
Ihr liegt im Bett, und Vittoria erzählt dir von Rom. Du erinnerst dich an eine der Vorlesungen über Kunstgeschichte, die du manchmal freiwillig besucht hast, an das Klacken des Projektors, an die schwarz-weißen Dias vom Vatikan, Petersdom, Pantheon und Kolosseum. Beim Betrachten wurde dir schmerzhaft bewusst, dass du das alles nie mit eigenen Augen sehen wirst. Jetzt, neben Vittoria, rückt Rom in greifbare Nähe, ist nur noch einen Katzensprung entfernt. […] Nach allem streckst du die Hand aus.
Helene Bukowski zeichnet das Drama eines jungen Menschen nach, der weder sich selbst noch die Welt entdecken darf. Das eherne Korsett der DDR lässt sie ersticken. Bereits auf den ersten Seiten gibt die Ich-Erzählinstanz bekannt, dass sich Christina umbringen wird. Eine fatale Erzählidee, da nun alles, was erzählt wird, eine Art aufgeschobener Selbstmord wird. „Nie“ und „Tod“ gehören zu den häufigsten Wörtern:
Deine Mutter ist bis zu ihrem Tod [in der Wohnung] geblieben. Nie hat hier eine andere Familie gewohnt.
Dein Haar ist aschblond, kinnlang, dein Körper groß und schlank, wie auf den Fotos, kurz vor deinem Tod. Nie wirfst du einen Blick über die Schulter.
Die überraschende lebendige Erzählidee verebbt so schnell. Sie wird im biographischen Ballastmaterial erstickt, mit zusammenhangslosen Details solange bombardiert, bis der Akt des Freitodes selbst zum fraglichen Ort eines Handlungsgeschehens wird, über das die dirigierende Ich-Erzählinstanz nur noch mit ein paar hilflosen Alternativvarianten zu brambasieren versteht. Wer möchte nicht im Leben bleiben erinnert sehr an Christoph Heins Der Tangospieler, mit allen Facetten des zurückkehrenden Klavierspielers, und Bettina Wilperts Herumtreiberinnen, die ebenfalls das erstarrte, gehemmte Jugendleben in der DDR narrativ nachzuvollziehen sucht. Helene Bukowskis Journalistik fehlt die ästhetische Idee, die der Stoff ohne weiteres hergegeben hätte, zumal Christa Wolf (Nachdenken über Christa T.) und Brigitte Reimann (Franziska Linkerhand) als Spannungsfeld ästhetischer Sehnsuchtsverarbeitung durchaus Pate stehen hätte können.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Ich-Erzählinstanz (IE), Alter unbestimmt, aber aus der Gegenwart, nach DDR-Wendezeit, recherchiert über den Todesfall von Christiane. Christiane, gestorben im Alter von 24 Jahren, nach einem längeren Aufenthalt in Moskau, Anfang der 1980er.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
138 Miniaturkapitel. Die Bekannte der Großmutter der IE, eine Siglinde, hat einen Nachlass sortiert und will, dass dieser erzählt werde. Sie sagt zu, um Neubrandenburg besser kennenzulernen, woher die mütterliche Seite ihrer Familie stammt.
1961-1972: Leipzig/Neustrelitz/Neubrandenburg
Leipzig. Vater kauft Klavier. Geburt von Christiane (C). Mutter 35 Jahr alt. Vater gescheiterter Tenor an der Leipziger Oper. Flügel von Gustav und Annemarie bewirkte sein Umzug nach Leipzig. Mit 4 Jahren beginnt Cs Klavierunterricht durch den Vater. Vater zerbricht Cs Stöcke aus dem Leipziger Auwald, denen sie Namen gegeben hat Erster Besuch in der Oper. Als C 5 Jahre alt, verliert der Vater seinen Job an der Oper, zu streitlustig und aufsässig. Erhält Stelle als stellvertretender Direkter an der Musikschule in Neubrandenburg. Finden aber zuerst nur Wohnung in Neustrelitz.
Neustrelitz. Kinder winken C fröhlich zu, spielt mit ihnen in den Wäldern. Vater autoritär beim Klavierunterricht, droht ihr, kein Essen zu bekommen.
Neubrandenburg. Mit 6 Jahren Umzug in das Scheibenhochhaus. Mit Blick auf den Tollensesee. In Februar 1985, mit 25, wird C sich aus dem Fenster in diesem Hochhaus in den Tod stürzen. Erzählgegenwart 50 Jahre später (2017), IE betritt die Wohnung. Unterricht bei Frau Baumgarten beginnt. C hat Puppen und einen Bären als ständige Begleiter. C schlägt den Bär tot, schmeißt ihn in den Müllschlucker. Einschulung. Hänseln: Christina Hasenzahn. Cs Talent fällt auf. Sie kommt in die R-Klasse für russische Sprache. Vater organisiert erste Hauskonzerte. Der Musikdirektor setzt sich für ein Musikinternat in Berlin ein. Lichtenberg.
1972-1978: Berlin. Zimmergenossinnen Marita, Franziska und Uta, mit der sie den Kontakt bald verliert. Zu wenig Essen. Franziska rebellisch. Schule heißt „Spezi“. Unterricht bei Frau Feldberg. Schule wird als U-Boot bezeichnet. Vor dem Fenster der Blick auf den Todesstreifen. Eines Nachts Schüsse und Hundegebell. Mädchen hoffen, es war nur eine Übung. In den Sommerferien wieder Hauskonzerte. Franziska und C werden zum Bach-Wettbewerb geschickt. Franziska qualifiziert sich nicht für die zweite Runde. C gewinnt, Franziska gratuliert ihr. Eltern verkaufen das alte Klavier, neuen Flügel. Franziska experimentierfreudiger, nicht nur Musik. C wird in die Tschechoslowakei geschickt zum Klavierwettbewerb Ustin ad Labem. Fährt mit Frau Feldberg. C erhält den ersten Preis. Die erste Menstruation. Franziska hilft ihr, trotz Entfremdung. C erhält Stipendium, um in Moskau zu studieren.
1978-1984: Moskau. Dort Studium am Konservatorium. Besucht eine Freundin der Eltern, Julia, die in einer Kommunalka wohnt. Lernt die Familie Iwanow kennen, Anthroposophen. Zimmergenossin Dilja aus Taschkent in Usbekistan. C hat als Lehrerin TN, Tatjana Nikolajewa. Streng, aber offen. Lässt sie emotionaler Klavierspielen. Auftreten des prämenstruelle dysphorische Störung (depressive Verstörung mit zyklischem Verlauf) – Chris als alter ego taucht auf. Im ersten Winter besuchen die Eltern C. Kurzer Besuch von Berlin. Franziska schwanger. Besuch der Mutter, schöne Zeit. Mutter photographiert viel, auf dem Rückweg geht die Kamera auf und die Bilder verschwinden. C verliebt sich in Jura, Jura liebt aber Sascha. Sie bleiben befreundet, aber eng. Dilja kompromittiert sie hinaus in ein anderes Zimmer, dort lebt sie mit Vittoria, einer Italienerin. C besteht das Konservatorium. Vorbereitungen auf den Bach-Wettbewerb in Leipzig. C erkrankt an Angina. Vorbereitungsreise, Konzerte. In Leipzig kommt C in die zweite, aber nicht in die Finalrunde. Sascha gewinnt den Wettbewerb. Verlängerung für ein Zusatzjahr in Moskau abgelehnt. C muss zurück in die DDR.
1984-1985: Berlin/Neubrandenburg. Rückkehr schwierig. DDR weniger offen, weniger international. Kein Wohnung, C soll Klavier unterrichten ohne Unterrichtsraum und Klavier. Muss sich Räume erst suchen. Franziska hat zweites Kind. Entfremdung. Professor Mauser will ihr seinen Stempel aufdrücken. Zwingt sie, mechanischer zu spielen. Statt zum Busoni-Wettbewerb muss sie wieder nach Leipzig. C wieder krank, fiebrig, verloren. Das Vorspiel findet keine große Begeisterung. C krank, geht zu den Eltern, kann nicht schlafen, stürzt sich eines Nachts aus dem Fenster. Stasi-Unterlagen sprechen von Strangulierung. Einige Ungereimtheiten. IE spielt verschiedene Versionen durch.
●Kurzfassung: Eine junge Künstlerin erlebt die internationale Welt in Moskau, verliebt sich, muss aber nach einem gescheiterten Wettbewerb zurück in die graue DDR und bringt sich dort um.
●Charaktere: (rund/flach) lebendig, autofiktional, authentisch.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: gibt einige Szenen, die nichts dem Buch hinzufügen, wie die Freundin Franziska, wie Udo, die Jungs auf der Spezi, wie Alvaro oder auch Julia, viele sinnlose Details, die den Erzählrahmen nicht stützen, statt Figuren wie die Lehrerinnen herauszuarbeiten. Besonders überflüssig die Ich-Erzählphasen und -abschnitte.
●Besondere Ereignisse/Szenen: intensiv, die winkenden Gitter vor dem Zaun in Neustrelitz, die verbrannten Stöcker aus dem Auwald. Spannend die Wettbewerbe.
●Diskurs: hormoneller Kampf zwischen Chris und Christina, vor allem aber Druck im künstlerischen, performativen Bereich, Druck, um aus den beengten Verhältnissen der DDR zu entkommen. Reiselust, Lust auf Welt, auf Experiment. Vor allem aber auch als Diskurs das Virtuosentum.
… inhaltlich gibt es große Disparatheit zwischen dem Thema (der Musik) und der literarischen Bearbeitung. Die Erzählinstanz flieht in Bilder, materielle, wie Steine, wie Waldspaziergänge. Sie illustriert die Musik, sie bildet sie nicht nach, zudem sagt sie so gut wie nichts über die Musik. Musik wird nur als Emotion verstanden, nicht als Kunstwerk. Offenkundig hat sich die Erzählinstanz nicht für den Lebensinhalt ihrer Protagonistin interessiert.
… ärgerlich: dass am Ende der Selbstmord in Frage steht – war es wirklich einer? Oder hat der Vater sie erwürgt? … häh? Und dann das Kolportageartige, gegenüber einer fiktionalisierten Figur, ohne historischen Hintergrund, und warum erfahre ich nichts über Tatjana Nikolajewa, über russische Musik, über die Gedanken und Gespräche der Konservatoriumsmitglieder, über den Unterricht?
… inhaltlich zieht nur die Betroffenheit, die Trauer, das Traurige, einem lang hingezogenen Selbstmord beizuwohnen.
–> 1 Stern
Form:
●Eindruck: wenig formal-ästhetisch interessiert, sehr direkt, sehr unumwunden, fast roh, kaum bearbeitet, sehr stichwortartig, mehr ein Puzzle, eine Rohform, keine durchgearbeitete Ästhetik
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) kaum, eher eine Art Recherche als Work-in-progress, d.h. Stoffsammlung, so erscheint es, mit wenigen literarischen Motiven (wie dem Bär, dem Bild der Eltern, das sie über das Bett hängt).
●Wortschatz/Wortzahl: uninteressante Auswahl an Wörtern, nicht poetisch
●Auffälligkeiten: keine
●Innovation: keine
… eher akademisch, eher langweilig, wenig gewagt, kaum Mut, keine Wucht, keine Intensität, totale innere Sprachbremse, keine Freude am Ausdruck. Teilweise dann mit gewollt brüchigen Metaphern.
–> 0 Stern
Erzählstimme:
●Eindruck: die Erzählinstanz spielt sich in den Vordergrund, arrangiert teilweise das Geschehen, mischt mit, um den Anschein zu geben, dass sie das historische Material verändern kann. Diese Wirkung fasziniert – interessantes Spiel zwischen Trägheit und Phantasie, eine eingreifende Ich-Erzählinstanz, die aber dann nichts verhindert, die wie ein Geist machtlos zusieht, nur kleine Details verändert, hierdurch wieder eingestandene Machtlosigkeit, sprachliche Hilflosigkeit gegenüber der normativen Kraft des Faktischen
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): ansatzweise, hier und da, etwas tollkühn, vorwitzig, selbstverliebt
●Erzählverhalten, -stil, -weise: empathisch, solidarisch, teilweise roh und unverhohlen
●Einschätzung: insgesamt wirkt die Erzählinstanz in ihrem Spiel souveräner, geht durch ihr Material, mischt mit, macht sich erkennbar und deutet ein größeres Maß an ästhetisch-narrativen Willen an, der jedoch unausgeglichen um sich schlägt, nicht wirklich harmonisch mit dem Stoff schwingt, eher brachiale Lücken reißt, unwirsch.
–> 4 Sterne
Komposition:
●Eindruck: chronologisch, am Fremdmaterial entlang gehangelt, keine Komposition
●Signal/Noise-Ratio: viel Rauschen nebenher, ein paar Nebelbomben, ein paar Irrwege und Digressionen, dennoch karg
●Operative Geschlossenheit: nein, das Buch rekonstruiert einfach eine Biographie, ohne die Rekonstruktion thematisch werden zu lassen hinsichtlich ihrer Quellen, Glaubwürdigkeit und Erlebnisweite
●Rahmenstabilisierende Details: keine
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): langgezogen, eher quälend langsam
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: ziemlich viele kleine, die Christina nichts hinzufügen.
●Reliefbildung: Moskau als Höhepunkt geheimnisvoll, endlich der DDR-Starre entkommen.
●Einschätzung: schleppend, hart und zäh wie der graue DDR-Alltag, der kritisiert werden soll, aber kein lebendiges Abbild erhält. Durch die lineare Chronik, nur wenig Sprünge, nur wenig gekonnte Überblendungen
–> 1 Stern
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: für mich hat sich kaum etwas aus dieser Lektüre ergeben, zumal mir Christina nicht näher gebracht wurde, schon gar nicht durch den Einstieg, dass es „da“ ein Material zu beschreiben gäbe. Ich benötige schon den Enthusiasmus für eine Person, warum wird über sie erzählt? Sie wird keineswegs einzigartig beschrieben. Das ist keine Qualität des Exemplarischen. Was repräsentiert sie? Woran bricht sie? Es fehlt zu viel. Was an der Welt erkenne ich in Christina? Keine Ahnung.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) als Individualdrama schon, überlastet vom Erwartungsdruck zerbricht ein junges Leben an der väterlich aufoktroyierten Tristesse
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja
●ein zweites Mal lesen? Nein
… es gibt keinen Mehrwert, dieses Buch mehrmals zu lesen, weder sprachlich noch inhaltlich, es kreist um seine Substanz und weicht ihr gekonnt aus. Ja, ich habe mit Christina gelitten, aber das war’s auch schon.
–> 1 Sterne
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Anja Kampmann: „Die Wut ist ein heller Stern“

Sprachungetüme über ein von Nazischergen ausgehobenes Rotlichtmilieu.
Shortlist Leipziger-Buchmesse-Preis 2026.
Inhalt: 3/5 Sterne (ins Trauma abgleitend)
Form: 4/5 Sterne (verstört-schöpferisch)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (keine)
Komposition: 1/5 Sterne (Liveticker)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (anstrengend)
–> 10/5 = 2,0 = 2 Sterne
Anja Kampmann schlägt in Die Wut ist ein heller Stern einen widerborstigen, sehr eigentümlichen Ton an. Der Roman spielt im Rotlichtmilieu Hamburg, in St. Pauli, unter Luden, Prostituierten, Dieben und verschiedensten Tanz- und Ton- und Körperkunstschaffenden. Eine von ihnen heißt Hedda Möller. Sie schwingt auf Seilen, stürzt sich aus der Höhe herab über Kaimane und zieht das Publikum mit ihren wagemutigen Akrobatikeinlagen im Varieté Alkazar in Bann:
Von hier oben starre ich hinunter wie in einen dunklen Sumpf, ein Wirbel auf der Trommel, der lauter wird. Langsam lasse ich mich einmal herunter, halte inne, unten die Kaimane, das Publikum, sie sehen meinen Hals, die Arme, dann lasse ich mich fallen, die Drehung, rasch, auf sie zu, ich wirbele herum, rum, bleibe über ihnen waagerecht in der Luft, die Arme gestreckt bis in die Fingerspitzen. Applaus, die Dschungelnacht, das Mädchen läuft das Seil wieder hinauf, dreht sich, ich drehe mich, alles ist ganz leicht.
Hedda aus dem Sportverein Fichte Altona hat eine innige Beziehung zum Milieu und zu dem Varieté-Besitzer Artur, dessen Etablissement von diversen Seiten unter Beschuss gerät. Wie das Alkazar überlebt oder nicht überlebt, darum dreht sich der Hauptteil des Buches, das mit dem Jahr 1933 anfängt und mit 1937 schließt, und auch darum, wie Hedda ihren an Rachitis leidenden jungen Bruder Pauli vor der staatlichen Fürsorgeeinrichtung zu schützen versucht, die im Rahmen einer menschenfeindlichen Hygienegesetzgebung mit Kranken kurzen Protest macht. In der schwierigen Nachtschwärmer- und Alltagswelt schlägt sie sich durch, aber muss erleben wie nach und nach ihre engsten Bezugspersonen verschwinden, sterben oder abtauchen:
Durch die Fenster dringen Stimmen, einmal eine Trillerpfeife. Das ist ihre Macht, man schlägt nicht mehr zurück, Schritte, jemand rennt durch die nassen Straßen davon. Sie haben die Jungs von Rotfront enthauptet, wie man Hühnern den Kopf abschlägt. Mit einem Handbeil. All das ist da draußen, ich kann es hören.
In sehr eigenwilliger Diktion fließen Heddas Assoziationen, Wahrnehmungen, Erinnerungen und Vorstellungen, ja auch Träume in den Text ein und ergeben ein sehr unübersichtliches Echtzeit-Liveticker-Gemisch, das leider, so mikrologisch angelegt, kaum einen Kontext oder Hintergrund erschafft. Tatsächlich wirken die neuen Machthaber wie eine Art Drückerbande und das Problem, das Varieté zu halten, wie ein Mafiamobkonflikt, der wenig mit staatlich verordneten Terror zu tun hat. Der Bezug auf die Olympischen Sommerspiele 1936 bleiben äußerlich, und die Nationalsozialisten kollektiv als „Keiler“ zu bezeichnen, hilft auch nicht, um den Stoff zu dynamisieren, der leider dadurch zäh und löchrig wirkt:
Und ich bin das Loch in der Wand, die Lücke in der Erzählung, das verbindet uns, Arthur.
Heddas Konflikt bleibt der zwischen Anpassung, um Pauli zu schützen, und Flucht und Widerstandskampf. Hier pendelt ihr Ich zwischen der „Rita“, der gefälligen Opportunistin, die sich für die Männer schminkt und sich ihnen unterwirft, und Edda Récord, der furchtlosen Kaimanen-Dompteurin, die dem Publikum das Fürchten vor dem Dschungel lehrt. Leider verbleibt die Diktion zu äußerlich, und leider doppeln sich die Motive auf den vielen Seiten unermüdlich, so dass der Roman am Ende wie eine Improvisation über ein paar Grundakkorde wirkt, ohne je die Freiheit zu erlangen und sich hin zu einer Melodie zu weben.
Am Ende wirkt Die Wut ist ein heller Stern wie ein holpriges Gemisch aus Nora Bossongs Reichskanzlerplatz und Anna Seghers Das siebte Kreuz aber im Stile einer die Erzählbarkeit der Welt bekämpfenden Marlene Streeruwitz aus Partygirl, eine Mischung, die sich konsequent selbst annihiliert.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Hedda Möller, jung, Anfang zwanzig, Akrobatin in einem Varieté namens Alkazar, hat einen an Rachitis leidenden kleinen Bruder Pauli, einen großen Bruder Jaan, der mit einem Walfangschiff ausfährt, und einen gewalttätigen Vater und eine kranke, schwer arbeitende Mutter, Thea.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1933: Hedda (H) und Henri besorgen Fleisch für Eddy und Fred, zwei Kaimane aus Südamerika, mit denen H in Arturs Alkazar-Zirkus auftritt. Sie beauftragen ein paar Kinder, Ratten zu fangen. H macht sich Sorgen um den Boxer Kuddel, Bruder der Mutter, Joist, Schmied, droht Jaan zu kündigen, sollte er weiterhin der Arbeit fernbleiben. Raabe, eine erfahrene Artistin, dient als Mutterfigur für H. H hilft ihrem kleinen Bruder Pauli mit Morgenspaziergängen am Hafen entlang, um seine Muskeln zu stärken. Nicht nur Jaan, auch H muss sich eine Bleibe suchen, Vater zu gewalttätig. Sie zieht bei der Prostituierten Leni ein. Der Trompeter, jüdischer Herkunft, darf nicht mehr auftreten. Kuddel wird beerdigt, Umstände seines Todes unklar (Karl Johann August Hacker). Kuddel Leitfigur für H, Vorsitzender des Barmbeker Kraftsportvereins. Joist stolz, dass sein Neffe (Jaan) bei einem Walfänger anheuert. Joist geprägt vom Ersten Weltkrieg. H will nicht, dass ihr Bruder fährt, will den Zusammenhalt der Familie stärken.
1934: Artur, dem Varieté-Besitzer, der eine Bande namens „Die Finken“ anführt, einem der Galionsfiguren des Rotlichtmilieus, platzt der Kragen während einer Vorstellung, wird verhaftet. H prostituiert sich bei „dem Grauen“ für Essen und Geld, um ihre Familie durchzubringen, findet Drogen dort (Laudanum, Opiumtinktur). Ein Kleinfabrikant setzt H nach. Sie lockt ihn in die Falle. „Die Finken“ bringen ihn um. Artur verliert Besitzungen. H trifft einen ehemaligen Kameraden aus dem Turnverein, Maks, der den Polo-Spielern bei der Olympia-Vorbereitungen in Klein Flottbek hilft. H wird ins Stadthaus gefahren, soll Artur verpfeifen. Sie spielt die systemtreue Opportunistin, stolz auf ihren Walfangschiff-Bruder. Die Maske gelingt. Sie wird auf freien Fuß gesetzt. Muss sich einer Hygieneuntersuchung unterziehen. H betäubt sich mit Laudanum.
1935: Das Alkazar wird in Brand gesetzt. H nimmt Drogen beim Grauen. Artur gibt auf. H sorgt sich um ihren Bruder, der der „Volkskörperreinigung“ zum Opfer fallen könnte wegen seiner körperlichen Gebrechen. Lehrerin, Fräulein Thamm, hilft Pauli. Sie kann aber Pauli nicht mehr länger in der Schule schützen, wegen Leibesübungen, die zur Pflicht werden. Ein Georg Leopold übernimmt das Alkazar, völkische Unterhaltung, aber immer noch mit Kaimane. Artur und Raabe untergetaucht. Wollen sich nach Holland absetzen. H will aber Pauli nicht zurücklassen. Treffen mit Maks, Selbstbefragung, ob sie sich eine neue Imago zulegen sollte. Leni und H bespaßen Pauli. Leni schlägt vor, sich tagsüber um ihn zu kümmern. H lehnt ab, da Leni als Prostituierte Pauli noch mehr gefährdet. Als ein neuer Name fürs Alkazar gesucht wird, schmuggelt sich Artur ins Haus und wütet. Er muss fliehen. H hilft ihm. Artur gibt H zwei Goldmark und flieht aus Deutschland. Fred, einer der Kaimane stirbt. Ausflug mit dem Grauen nach Lopau, lernt einen Tierpräparator kennen.
1936: Das von Maks betreute Polo-Team scheitert bei den Olympischen Sommerspielen. Sohn vom Grauen kommt zurück, vorerst keine Treffen mehr bei ihm zuhause. Suche nach Carsten, verschollen. Auch Eddy stirbt, keine Kaimane mehr. Carsten hat Flugblätter aus dem Untergrund verteilt, noch da mit Kontakt zur Milchstraße. H übernimmt Jaans Zimmer. Jaan fährt mit der Jan Wellem los, Walfett zu erbeuten. Walfangphantastereien. H hilft den Tischlern, bei denen sie wohnt, erhält einen Muff als Weihnachtsgeschenk.
1937: Leni versteckt sich vor den Hygienewächtern. H weiß, dass sie sich in Gefahr bringt, behält sie aber bei sich. Sie werden erwischt und getrennt. H wird sterilisiert, sieht Leni nicht mehr. Als H nach Hause kommt, hat die Nachbarin Grubemöller Pauli an die Fürsorge gegeben. H gelingt es gerade noch so, ihn zu befreien. Fährt nach Blankenese zur Lehrerin Thamm und kommt dort unter. Pauli bekommt neue Schienen. Carsten mittlerweile wahrscheinlich im Bürgerkrieg. H sucht Anstellung im ehemaligen Alkazar, Allotria, und tanzt dort wieder. Rastet kurz wie Artur aus, reißt sich zusammen. Verabschiedung von Maks, trägt auch das Abzeichen auf der Brust. H wähnt Leni auf Farmsen, „Isolieranstalt für Geisteskranke und Geistesschwache“. Rückkehr von Jaan, 10. 5. 1937. Jaan nicht abgehauen, nun bei der Sache, blutgetränkt, kriegswillig. H erschreckt, Jaan will bleiben. H flieht mit Pauli nach Amerika, auf der Hansa.
Epilog:
Artur streift durchs Nachkriegshamburg auf der Suche nach H und anderen, alt und verbraucht.
●Kurzfassung: Hedda Möller, Akrobatin, rettet ihren an Rachitis leidenden kleinen Bruder vor einem missbräuchlichen Vater und der nationalsozialistischen Fürsorge, die ihn zu töten droht. Der Plan, mit dem älteren Bruder zusammen zu fliehen, platzt. Sie wandert nur mit dem kleinen Bruder nach Amerika aus.
●Charaktere: (rund/flach) kaum als Charaktere erkennbar, nur Andeutungen
●Überflüssige Szenen/Charaktere: der ältere Bruder Jaan, die ganze Walfang-Abschnitte, berühren sich mit dem Rest des Buches reichlich wenig. Die Figur der Raabe, wie Marlene Dietrich, erschließt sich auch nicht. Sehr an den Haaren herbeigezogen auch das Polo-Team. Der Trompeter illustriert nur die Anti-Juden-Gesetzgebung, ohne eingebunden zu sein, Swing-Verbot.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Die Krankenhausszene, in der Hedda sterilisiert wird. Die Befragungsszene, in der Hedda freikommt, indem sie überzeugte Nationalsozialistin spielt. Die Szene in Lenis Zimmer, als sie für Pauli Pinguin spielen, Hedda Leni aber beleidigt.
●Diskurs: Vergangenheitsaufarbeitung, Minderheitenverfolgung im Dritten Reich, Rotlichtmilieu, Artistentum.
… eigentlicher Plot wäre das Verschwinden zuerst von Kuddel, dann von Carsten, dann das von Pauli, dem Bruder. Angst vor dem Verschwinden der Mitmenschen. Dieser Plot mischt sich nicht gut mit dem historischen Hintergrund, der fast gar nicht gegeben ist – die Probleme könnten in jedweden Rotlichtmilieu auftauchen und haben mit staatlichem Terror wenig zu tun. Andeutungsweise „das Rassenlineal“, Euthanasie-Androhung etc … dennoch wird der historische Hintergrund stiefmütterlich behandelt. Spannung Fehlanzeige. Im letzten Drittel entschiedener und mitreißender durch die phantasmagorische Ebene Heddas.
–> 3 Sterne
Form:
●Eindruck: eher ein traumatisierte Sprachzerstückelung, Vereinzelung, Zersprengung von Sinngehalten, als mimetische Form, den Angstraum darzustellen, den Druck, der auf Hedda lastet, das Bedrohungsszenario, das keine Zeit zum Nachdenken, Reflektieren, Zusammenfassen lässt, in Echtzeit, Nominativ-Staccato, Pointillismus, gehetzte Diktion, auf der Flucht
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) filmisch, in Schnitten, schnell, dramaturgisch mit Szenenanweisungen, Blitzlichtgewitter, Einsprengsel; fiktional, aber nicht unbedingt mit literarischen Mitteln.
●Auffälligkeiten: „Schsch“, „Kuddel“, „mit aneinandergepressten Beinen“ … aber vor allem eben das „Schsch“, das Sich-Bremsen, das Einhalten, das Verstummen, das viel zu häufig eingesetzt wird und dadurch irgendwann auch nervt. Auch „der Keiler“ nervte mich zunehmend als Symbol für den nationalsozialistischen Schergen.
●Innovation: radikale Sprachzerstückelung und mutige Dissonanzgeste
… die Sprache erscheint oft unausgeglichen, gehetzt, sehr alltäglich, dann mit ein wenig Platt, ein paar Lokalkolorismen, Automarken (Wanderer), und andere auf den zeitlichen Hintergrund anspielende Beschreibung, Stapellauf der Wilhelm Gustloff, Blohm & Voss, etc … leider haben die unvollständigen Sätze, der in Präsens gehaltene Stenographie-Rausch, eine leseerschwerenden Einfluss gehabt, kryptisch, kaum nachzuvollziehen, oft eher wie ein Gedicht, aber kein harmonisches, melodisches, eher disruptiv und traumatisiert. In seinem Anspruch, sprachschöpfend hier und da zu sein, auch gelungene Sequenzen (das Bienenbild), aber als Sprachungestüm herausstechend
–> 4 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: im Stile eines Ich-Echzeitsgeschehen gehaltener Bewusstseinsstrom, mit vielen kleine Abschnitten, die eine Art Cut-Szenen-Sequenz erzeugen, insgesamt assoziativ, als sinnliche Gewissheit strukturiert, inkohärent, Vermischung von Erinnerung, Vorstellung und Wahrnehmung in situ. Die Sprünge, und teilweise sehr langen Pausen, erscheinen hier leider unplausibel. Es gibt also eine Redigierungsinstanz im Hintergrund, die sich aber nicht zeigt.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): es gibt keine wirklich Erzählinstanz, da diese ineinsgesetzt mit dem Erzählvorgang selbst, Perspektivierung und Reflexion fallen gänzlich weg, da in Präsens erzählt wird, die Erzählinstanz gar keine Zeit hat, sich die Ereignisse vor Augen zu führen.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: unmittelbar, ungeschönt, ungeformt, ungefiltert, fast reportagenhaft
●Einschätzung: die Erzählform wird häufig für Krimis gewählt, um Verfolgungsszenen zu plausibilisieren und zu inszenieren. Als längerer Roman ungewöhnlich, das Präsens stört, die Abfolge, die Schnelligkeit führt zu sehr großer Unübersichtlichkeit und die Figuren bleiben schwach entwickelt, ohne Innerlichkeit; es wirkt wie das zusammengeschnittene Protokoll einer Zeugenanhörung. Insofern gibt es vom Erzählrahmen überhaupt keine Glaubwürdigkeitsversuche, noch Strukturen, das Erzählte zu plausibilisieren. Die Auswahl fällt weg. Es ist drauf losgeschrieben. Improvisiert entlang von ein paar Hauptmotiven.
… ein wenig wie Claude Simon, nur eben nicht in der Retrospektive. Hinzukommt, dass die Erzählinstanz sich von sich trennt, sich in eine Maske begibt (die „Rita“, die Musterfrau), insofern auch psychogrammatisch disparat.
–> 1 Sterne
Komposition:
●Eindruck: es gibt keine Komposition; linear erzählt von 1933 bis 1937, mit ein paar Problemkomplexen.
●Signal/Noise-Ratio: viel Rauschen, viel Noise, viel Ablenkung
●Operative Geschlossenheit: keine
●Rahmenstabilisierende Details: keine
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr gleichförmig, sehr unübersichtlich
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: viele seltsame, nicht zuordenbare Sequenzen, wer spricht was, persönlichkeitsabspaltend.
●Reliefbildung: nein, gleichförmiges Rauschen, Tickern, Liveticker.
●Einschätzung: keine Verdichtung, sehr unbeweglich, starr, wenig Akzente, ein Teppich an Hauptworten. Besonders ärgerlich – der Abschluss, wer erzählt da in Echtzeit, im Präsens, und wieso, Hedda? Und wieso? Sie stellt sich das vor, aber wann …
–> 1 Sterne
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung:
… gestört hat mich, dass der historische Hintergrund beliebig gewesen ist, die Nazis erscheinen als Drückerband in einem Rotlichtmilieu, setzen einem Varieté-Besitzer namens Artur zu, der zwei Kaimane und eine Akrobatin namens Hedda hat; Prostitution, Zuhälterei, Gesundheitsprobleme, all das verengt die Handlungsspielräume der Figuren, aber das hat nicht wirklich etwas mit staatlich organisiertem Terror zu tun, wirkt eher wie ein Bandenkrieg aus „Krieg der Knöpfe“ – die roten gegen die braunen.
… was mich noch gestört hat, die zerfetzte Erzählweise in Echtzeitperspektive mit Lücken dazwischen, eine Art literarischer Ego-Shooter der Unübersichtlichkeit, keine melodische Sprache, ruppig, hart, brüchig. Pointillismus-Verknappung. Filmschnitt.
… erleichtert bin ich, dass das Leiden des körperlich-beeinträchtigten Bruders Pauli nicht ausgenutzt wurde, sentimental-klischiert. Er leidet an der englischen Krankheit, Rachitis, Knochenerweichung wegen Sonnenlichtmangel (Vitamin-D).
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) nein, ohne historisches Wissen unverständlich, der Keiler, der Schnauzer, die Roten, die Braunen, das alte Land etc …
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) in seiner Rohform schon, nur nicht überzeugend
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, zu hastig, zu gehetzt, zu abgehackt
●stimmig?(Komposition: ja/nein) als Trauma-Widerspiegelung ja
●ein zweites Mal lesen? nein
–> 1 Stern
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Norbert Gstrein: „Im ersten Licht“

Narrative Pflichtaufgabe erfüllt, ohne Mut – sentimental-verschämt schmuddlig. – Shortlist Leipziger-Buchmesse-Preis 2026.
Inhalt: 4/5 Sterne (Sittengemälde des Duckmäusers)
Form: 4/5 Sterne (schöne, glatte Sprache)
Erzählstimme: 0/5 Sterne (feige-verschlossen)
Komposition: 2/5 Sterne (biographisch-disparat)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (findet nicht zusammen)
–> 12/5 = 2,4 = 2 Sterne
Im ersten Licht hat einen stillen, ängstlichen Protagonisten namens Adrian Reiter. Diese Art Literatur lebt von einer gewissen, sich der Langsamkeit hingebenden Stille wie das atmosphärische, empathische Stoner von John Willams oder Olga Tokarczuks Mieczysław in Empusion, gemischt mit einer gewissen Wiener Vor- und Nachkriegsatmosphäre aus Robert Seethalers Das Café ohne Namen oder Raphaela Edelbauers Die Inkommensurablen. Gstrein bereitet ein wahres Potpourri aus diesen Zutaten:
Sie setzten sich am Ufer ins Gras und tranken den Wein, den Karla aus dem Seehof mitgebracht hatte, und [Adrian] konnte sein Glück nicht fassen, wie sie in ihrem Sommerkleid vor ihm saß, einmal die Arme über den Knien verschränkt, einmal mit weit von sich gestreckten Beinen. Nicht im Krieg gewesen, aber er hatte das Mädchen bekommen. Was für ein unsinniger Gedanke, doch er dachte ihn und fühlte sich den Gesichtsverletzten in der Villa, fühlte sich dem jungen Herrn und Stegner gegenüber gleichzeitig schuldig und überlegen, obwohl er noch Zeit brauchte, bis er ahnte, dass es vielleicht kein Manko war, nicht im Krieg gewesen zu sein, sondern ein Vorteil, etwas, das ihn vor den anderen auszeichnete.
Deutlich wird die Lebensgeschichte von Adrian von einer distanzierten, nicht wirklich mitfiebernden, schon gar nicht sympathisierenden Erzählinstanz geschildert, die durchweg im Dunkeln bleibt und sich im Epilog nur als „Nachkriegsautor“ entpuppt, der während einer Lesung nichts zur Waldheim-Affäre sagen möchte. Leider erweist sich die Unentschiedenheit poetologisch als unfruchtbare Strategie, denn selbst über die vielen Seiten ergibt sich von Adrian kein klares Bild. Er wirkt zusammengesetzt, wie ein Ready-Made, eine Art kriegsverdrossenes Globuli, das seinen Bellizismus homöopathisch über die Laufe seines Lebens mit Pazifismus versetzt.
1982 das Jahr, und »Jungs«, weil er kein anderes Wort dafür hatte und »Burschen« auch nicht besser war, Vivian hatte »boys« gesagt, und das traf es. 1982 das Jahr, er einundachtzig, ein Österreicher mit dem Union Jack in der Hand und manchmal schon schwindligem Kopf und einem englischen Mädchen, das verrückt war und auch als alte Frau noch ein Mädchen sein würde und um ihn herumtanzte und -hüpfte, obwohl Adrian nicht verstand, wem eine Seeschlacht, selbst wenn sie gewonnen war, um ein paar Felsen im Südatlantik nützen sollte.
Im ersten Licht fehlt durchweg die Reflexion und Perspektivierung und so mutiert das teilweise mundgerecht und ästhetisch feilgebotene Erzählte eher wie eine Gute-Nacht-Geschichte zum Einschlafen, angenehm, freundlich, harmlos und dann, leider auch, sinnlos, denn weder durchlaufen die Figuren eine Wandlung noch gerät die Erzählstimme in Wallung noch geschieht irgendetwas, was dem dargebotenen Vor-Sich-Hinsiechen Einhalt gebieten könnte. Die durchweg gelungene ästhetische Form läuft ins Leere, als hätte der Autor einer Pflichtaufgabe genüge getan, die ihm selbst stofflich wenig gegeben und zu keinen poetischen Mut getrieben hat. Dem Stoff fehlt die zündende Idee, überhaupt irgendeine Idee, und so wirkt am Ende, trotz vieler gelungener Stellen, das Buch literarisch so feige wie sein Protagonist es samt K. und K. Kavallerie-Verehrung politisch vorgelebt hat.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en):
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Hauptfigur Adrian Reiter, 1901 geboren, der als Sohn eines sozialistischen Postbeamten, vom Vater kriegsdienstuntauglich verletzt wird, als Jugendlicher Geld im Hotel Schwanen verdient, dort Kriegsinvaliden kennenlernt, von ihnen begeistert, hierdurch Anschluss an die Familie Ellers erhält, die ihm ein Geschichts- und Englischstudium in Wien ermöglicht und eine Stelle als Gymnasiallehrer besorgt, wo er eine Kollegin kennenlernt, sie 1939 heiratet. Die Ehe hält bis 1945, danach wird sein Schuler Martin Baumgartner beinahe einzige soziale Kontaktperson, bis er nach zwei Reisen nach Südtirol mit diesem von den Ellers eine Summe erbt, sich ein Auto kauft und 1957 nach England, zu den Downs reist, wo er Vivian kennenlernt. Vivian trauert um ihren Bruder Teddy Stephen. Adrian hilft ihr, sie kommen zusammen und bleiben zusammen, bis er Anfang der 1980er zu alt wird, um nach England zu fahren. Bei einer Lesung bietet er nun einem Autoren, Norbert Gstrein, seine Lebensgeschichte zu schreiben an, anlässlich der Waldheim-Affäre.
Der Roman versteht sich als Triptychon, zwei mehr oder weniger Opfer des Krieges (Ernest Eller und Teddy Stephen im ersten und dritten Kapitel) werden als Gelenk von einem Täter gehalten , Martin Baumgartner im zweiten Kapitel, ARs Schüler. Das erste und zweite Kapitel spiegeln sich: der gestorbene Sohn Frau Ellers, die von den Downs schwärmt, und der verstorbene Bruder Vivians, die über die Downs spaziert. Beide werden zunächst anonym begraben. Beide erhalten nachträglich beschriftete Gräber. Beiden fühlt sich AR verpflichtet, der aber von der Schuld heimgesucht wird, eine kriegsbegeisterten Kriegsverbrecher mit Martin Baumgartner herangezogen zu haben mit seinen Kriegsgeschichten aus dem 1. Weltkrieg. In einer Nacht beichtet dieser ihm, dass er an Erschießungen von Zivilisten teilgenommen hat. Diese Nachricht raubt AR beinahe den Verstand. Er zieht sich immer weiter zurück, seine Frau verlässt ihn. Er hat Angst als Mittäter und Mitwisser gebrandmarkt zu werden. Erst seine Urlaube in England befreien ihn. Er stellt sich gegen Österreich, gegen die Achsenmächte, und fühlt sich solidarisch mit den Engländern.
Das Buch erhält seinen Twist zum Ende hin, einerseits, als Vivian und er die vom Falkland heimkehrenden Soldaten feiern, er an die Titanic denkt, nicht Angst vor dem Eis, aber Angst, dass das Schiff über den Rand der Welt in den Abgrund fährt.
Adrian Reiter wirkt als harmloser Mitläufer, der sich vom Krieg begeistern lässt, mehr und mehr aber die Folgen des Krieges erkennt, am Ende die Seiten wechselt und statt den österreichischen Kaiser die Fahne des Union Jacks schwingt. AR in keiner Hinsicht entschlossen, eher ein Duckmäuser, ein Opportunist, der sich vom Pathos mitreißen lässt, ganz gleich in welche Richtung, jemand, der sich als Mitläufer auszeichnet und deshalb als Mitläufer behandelt wird.
●Zusammenfassung (detailliert):
1.Teil: Ernest Eller
- Adrian Reiter (AR), geb. 1901, trifft im Alter von 19 nach dem 1. Weltkrieg einen jungen Herrn (Ernest, E) mit zerschnittenem Gesicht. Karla, eine Kellnerin und Tochter des Wirts vom Wirtshaus gegenüber, besucht mit AR die Villa, wo die Kriegsversehrten Fußball spielen. Als eine Sängerin ihr Repertoire aufführt, fängt der junge Herr zu weinen an. Stegner, sein Kumpel (hat eine Stahlplatte im Kopf und Zehen verloren) tröstet ihn, offenkundig traumatisiert vom Krieg.
- Karla erkennt in E den Sohn der Familie Eller. Erinnerungen von AR, wie er die vier reichen Jugendlichen und zwei Mädchen beim Tennisspiel gesehen hat. Vater Briefträger, will seinen Sohn vor dem Weltkrieg bewahren (verletzt ihn absichtlich, um ihn kriegsuntauglich zu machen – AR hinkt). Die Familien heißen: Körmendy-Speisers und Wohlgemuths. Beide jüdisch und beide haben einen Sohn verloren. Infame-Intrige der Eller, E wegen der Verletzung zu verleugnen.
- E vermisst seine Verlobte, Ildiko. AR lernt die Es Mutter kennen, Frau Eller (FE), die ihn protegiert. E lehnt aber FEs Geld ab. Ein Geistlicher umschwirrt sie, Monsignore. Vorausblicke auf Es Todt, und wie sein Bruder Herbert sein Leben übernimmt (samt Verlobten). ARs Vater gegen den Snobismus der Elite.
- Die Anwohner der Ellerschen Villa fühlen sich durch die Kriegsversehrten bedroht. Die Villa wird geräumt, nur E bleibt und setzt sich bald mit ihr in Brand. Kurz vor seinem Tod hat Karla, ARs Freundin, ihn besucht und auf sein Bitten hin ihren Oberkörper entblößt. AR eifersüchtig.
- Jahre später besucht Herbert die Villa, auch das Hotel Schwanen, samt Ildiko. Sie haben eine verdächtig alte Tochter namens Ernestine. AR fühlt sich in Versuchung, Ildiko die Wahrheit über E zu sagen. Später taucht Es Kamerad Stegner wieder auf. Erzählt von Es Angst zu erblinden, deshalb Schreie in der Nacht. Mehrere der Kriegsversehrten haben Selbstmord begangen – eine Selbstmordreihe beginnt. Es gibt zwei Erfolgsgeschichten, einer von ihnen zog in die USA, nach Nevada. Herbert will nicht, dass Ildiko die Wahrheit erfährt. Die Tochter viel älter als die Ehe [stellt sich heraus, dass E der Vater ist – fast].
- Karla und AR trennen sich, ARs Vater hat wieder geheiratet. FE nimmt sich seiner an. AR zieht nach Wien, studiert Englisch und Geschichte, spielt den Lakaien in der Familie.
- AR kurz vor dem Studienabschluss, versteht sich mit Ildiko, lässt sich aber von Herbert demütigen, ohne Widerrede, auch von dem Vater, Ehemann Frau Ellers. Verliert den Respekt. Es kommen Gerüchte auf, dass E noch lebt und an einem Terroranschlag gegen Arbeiter beteiligt gewesen ist. AR, der FE an E erinnert, ist nun eher eine Störung.
- Beerdigung von E, nun mit richtigem Grabstein statt anonymen mit „Lemberg“. Ein grassierender Antisemitismus macht sich breit. FE empört über Herberts Opportunismus. Kein Kontakt mehr der Familie zu den Körmendy-Speisers und die Wohlgemuths; Körmendy-Speisers nun in der Schweiz, die Wohlgemuths trauen sich nicht mehr auf die Straße. 1938. AR redet sich ein, alles würde sich bessern, Karla schaut ihn respektlos an, und sie gehen getrennt nach Hause.
2. Teil: Martin Baumgartner (MB)
- 1935, exakt halb so alt wie AR, interessiert sich besagter Martin Baumgartner enthusiastisch für den Krieg, den AR anschaulich darstellt, ohne selbst teilgenommen zu haben. Nachdem MB in Erfahrung gebracht hat, dass AR das Wissen aus Büchern bezog, beginnt er selbst zu studieren und überfällt ihn mit Fragen und Antworten. MB wächst zum Lieblingsschüler heran.
- MB kehrt mit Schmiss nach ein paar Jahren zurück, mittlerweile unterrichtet auch eine Kollegin am Gymnasium, sie und AR organisieren einen Vortragabend für MB. Dieser breitet sich über die Rolle der Kavallerie aus, erntet Skepsis, spricht von der Elite. AR und die Kollegin lassen MB im Café sitzen, gehen spazieren und kommen zusammen.
- Vorausblick auf das Ende der Ehe zwischen Elfriede (der Kollegin) und AR. AR passt sich als Duckmäuser ans Regime an, Elfriede gegen die Nazis und alles, was mit ihnen zu tun hat, auch gegen MB, der sich AR zum Trauzeugen wünscht. Ar wird aber nur Taufpate des Kindes. MB kündigt an, gen Russland zu ziehen, ängstlich, fahrig entschlossen.
- Deportationen gen Osten beginnen. 1941. MB kehrt Weihnachten nach Salzburg zurück, verändert, trinkt Schnaps, traut sich nicht zurück zu seiner Familie, redet von den Geschehnissen in der Ukraine, was dort im Sommer geschah.
- Das von MB Erzählte (das nicht Teil weiter ausgeführt wird) hinterlässt Spuren in AR, fühlt sich an MBs Mittäterschaft schuldig, sucht MBs Frau auf, seinen Vater, Frau Ellers, Ildiko, aber alle haben ihre eigenen Sorgen. 1944 kommt MB wieder zu Besuch, seine Frau und sein dreijähriges Kind starben bei einem Bombenangriff auf Linz. MB gibt das Goldkettchen zurück, das Taufpatengeschenk. Es hat keinen Glück gebracht. AR fühlt sich noch schuldiger, MB Kriegsbegeisterung eingeflößt zu haben.
- Inkommunikativität, Schweigespirale von AR zerstört die Ehe, die von 1939-45 hielt, danach lässt sich Elfriede scheiden, kein Vertrauen, kein Gespräch, nichts. AR nach innen gekehrt vor Scham, einen Kriegsverbrecher erzogen zu haben. Er wird dennoch als unbedenklich eingestuft. Die Nachkriegszeit beginnt, Vorausblick, dass AR nach der Scheidung allein geblieben ist, aber nicht wie Karla entschieden.
- MB tritt wieder in ARs Leben, lebt bei ihm zwei Monate. Sie bleiben für sich, zerstört, verschwiegen. MB dreister, der Sohn, dem AR nicht entkommt, der sich ihm verpflichtet fühlt. Machen Urlaub in Südtirol `55, `56, dann zieht AR die Schlussleine, will nicht mehr mit MB wandern, fährt nach England, und MB geht verschollen in Südtirol, in den Abgrund gestürzt. Die Selbstmorde der Kriegsrückkehrer seit der Villa am See finden ein Ende.
3. Teil: In memoriam Teddy Stephen.
- Erster England Urlaub von vielen, kleines Erbe von Frau Ellers, die ihm vorschlägt ein Auto zu kaufen, nach England zu fahren, die Downes sich anzusehen. Er folgt ihrem Vorschlag hörig. Dort verbringt er Tage an der Küste, auf einem Kliff, von wo aus die deutsche Invasion zurückgeschlagen wurde, hält selbst dort Wache. Sein eigener kleiner Beitrag.
- AR lernt 1960 eine Vivian Stephens kennen, deren Bruder im 1. Weltkrieg wegen Desertion zu Tode verurteilt worden ist und hingerichtet wurde. An der Küste, den Downs erfährt er davon bei einem Vortrag eines Hobby-Historikers, Dr. Ingraham. AR fühlt sich an die Invaliden in der Villa erinnert. Fühlt sich zu Vivian hingezogen. Der Vortrag geht Vivian nahe, nach einem Dialog mit dem Ingraham verlässt sie den Saal.
- Vivian hält die Verabredung am nächsten Tag nicht ein, zu erschöpft von dem Vortrag. Ihre Schwester Veronica taucht auf und redet mit AR, fühlt ihm auf den Zahn. Vivian hat sich von Ingraham instrumentalisieren lassen. Veronica, geschieden, betreibt mit ihrer Schwester einen Pub. Vivian etwas leicht verstörbar. Veronica will von der Vergangenheit nichts wissen.
- Treffen mit Vivian, erzählt davon, wie ihr Bruder von einer Suffragette zum Krieg motiviert worden ist, mit weißer Blume, und wie ihr Bruder sich freiwillig meldete, dann aber nicht mehr konnte, weinte, und wegen Weinens erschossen worden ist. AR vertraut sich ihr an, erzählt von den Invaliden in der Villa und MB. AR verliebt, beschließt Vivian zu helfen, ein Brief zur Verteidigung des Vortrages von Ingraham zu verfassen.
- Sie verfassen nun einen Brief und kommen sich hierüber näher. Veronica bringt sie in ihrem Auto – er freut sich über diesen Anblick, die englischen Damen, die exzentrisch mit ihrem Auto herumkurven. Sie sehen sich jeden Tag, und dann muss AR abreisen, sagt ihr zum Abschied, auf Deutsch, er wolle nicht nach Hause.
- Zurück in Salzburg löst er sich von seinen alten Bekannten, antwortet Neubauer und Stegner nicht, der terroristisch für den Anschluss Südtirols an Österreich kämpft; Ildiko ruft an. Er rettet sich mit seinen englischen Brieffreundinnen, unterrichtet nun auch die Grauen des Zweiten Weltkrieges. In England wurde Ingraham verklagt, wegen Erbschleicherei – er ist aufgeflogen, da er Lügengeschichten zwei Witwen erzählt hat. Am Ende bittet AR Vivian um ein Foto von Teddy, im Antwortbrief sagt sie, Teddy lebt und schickt ein Foto.
- AR kehrt zurück. Veronica bittet ihn, den Totenkult um Teddy bei Vivian nicht zu befeuern. Vivian und er kommen sich nahe, werden vertrauter und kommen ruhig, angesichts der See, zusammen, an der Küste Englands, Eis essend.
- Parallele nun zum Begräbnis von Ernest, Vivian besucht mehrmals Ypern, dann heuert sie einen Steinmetz an, um den Grabstein zu beschriften. In dieser Nacht schlafen AR und sie miteinander und verbringen viele weitere Jahre zusammen. Er erinnert sich an die Titanic-Ausfahrt.
Anfang und Ende: Der Autor
In den 1980er baut er einen zweiten Unfall und muss nun in Salzburg bleiben. Dort sucht ihn Ernestine auf, die alles über ihren möglichen Vater, Ernest, erfahren möchte, da Herbert kurz vor seinen Tod behauptet hat, er sei nicht ihr Vater. AR schafft es nicht, sich für sie zu öffnen. Bei einer Lesung zum Buch „Die anderen“ kommt es zu einer Diskussion um den amtierenden Bundespräsidenten Kurt Waldheim über seine Aussage des Generalsekretärs der ÖVP „Solange nicht erwiesen ist, dass er [Waldheim] eigenhändig sechs Juden erwürgt hat, gibt es kein Problem.“ Die sechs verweise auf die sechs Millionen und entlaste alle Mitläufer. Der Autor (Norbert Gstrein selbst – durch „Einer“ als Erstling gekennzeichnet.) hat dazu nichts zu sagen. Nach der Lesung geht AR auf ihn zu und unterbreitet ihm das Angebot, seine Geschichte zu aufzuschreiben, die von Martin Baumgarten, die sich sehr mit der von Kurt Waldheim überschneidet. Am nächsten Tag wartet er auf den Besuch und schläft neben der Klingel ein. Dadurch, dass Norbert Gstrein das Buch nun geschrieben hat, erweist sich, dass AR nicht vergebens wartete. Der Engel auf dem Gemälde senkte sich auf ihn herab.
●Kurzfassung: Ein eher ängstlicher Österreicher versteckt sich vor jedweder Verantwortung und Handlung, wird unfreiwillig durch seine angelesene Kriegsbegeisterung als Geschichtslehrer zum Mitwisser eines Kriegsverbrechen im 2. Weltkrieg, zieht sich noch weiter zurück, verliert seine Ehefrau und sucht Frieden in England, solidarisiert sich durch mit der Schwester eines hingerichteten Deserteurs.
●Charaktere: (rund/flach) Die Figuren wirken rund und lebendig, vielfältig und interessant, eigenwillig und mehrdimensional.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: Es hätte keiner Ehe bedurft, Adrians Ehe erscheint künstlich; und auch Karla, die Jugendfreundin, erfüllt keine wirkliche Rolle. Ildiko auch nicht, die Verlobte Ernest; überhaupt erscheinen die Frauenfiguren randständig, selbst Vivian, mehr eine Erscheinung als ein Wesen aus Fleisch und Blut. Hat aber auch mit der sehr phänomenologischen Lebensart Adrians zu tun. Leibhaftig wirkt Martin Baumgartner.
●Besondere Ereignisse/Szenen: schwierig, da der Roman eher vor sich hin driftet, keine wirkliche eigene Richtung einschlägt.
●Diskurs: Kriegsverbrechen, Holocaust, Judenvernichtung, Nationalismus. Auch absterbende Großmachtsphantasien der Österreichs.
… „Die Inkommensurablen“ – vor allem im Ton und Personal; auch „Empusion“, wegen Zeit, des ruhigen Erzählens, sehr unaufgeregt, aber vor allem John Williams „Stoner“, fast haargenaue Parallele. Englische Literatur, Einsamkeit, Außenseiter, nicht im Krieg, Verhältnis mit jüngerer Lehrerkollegin, tyrannisiert von einem Kriegsrückkehrer (Martin Baumgartner strukturell Finch), die unglückliche Ernestine als Stoners Tochter.
… inhaltlich hält das Buch einiges bereit, einige Spannungsböden wie die historischen Übergänge für Adrian, wie sich seine Ehe mit Elfriede, seine Freundschaft mit Martin, seine Liebesaffäre mit Vivian entwickelt. Leider doch zu entfernt, lückenhaft erzählt, so viele Leerstellen, zu wenig im Schwung der jeweiligen Szenen, zu panoramahaft, mehr Gemälde als Dynamik. Als Gemälde dennoch stimmungsvoll und überzeugend, obgleich das letzte statische Strahlen fehlt.
–> 4 Sterne
Form:
●Eindruck: schön geschrieben, angenehm zu lesen, interessante Wörter, Satzbauten, abwechslungsreich, wenig bis gar nicht manieriert, sehr in einem Guss, als Sprache schön, genussvoll, fiktionalisiert, und stets im tragenden, sehr deutlich perspektivierten Ton.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoher Fiktionalitätsgrad, deshalb wirkt der diskursive Anschluss am Ende zur Waldheim-Debatte fehlerhaft und störend
●Auffälligkeiten: sehr züchtig geschrieben.
●Innovation: sehe ich keine
… insgesamt sprachlich ein Höhepunkt der Gegenwartsliteratur, eine deutliche Fokussierung der Stimmung, der Wortwahl, der farblichen Unterstreichung des Geschehen durch narrativen Singsang, obgleich einlullend. Wegen fehlenden sprachlichen Mutes
–> 4 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: kommentierend, sich herausziehend, distanziert, skeptisch, teilweise sogar ironisiert, etwas herablassend trotz empathischen Gestus. Es ist klar, dass Adrian kein Held für die Erzählstimme darstellt. Die Erzählinstanz jedoch taucht nicht auf. Sie bleibt als selegierende Kraft im Hintergrund – entspricht der Feigheit des Protagonisten.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): weder noch.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: ironisierend, sittsam, klar als souveräne Distanzierung lesbar, Immunisierungs- und Abstandsgeste
●Einschätzung: solche Erzählhaltungen können sich kaum stofflich plausibilisieren. Es bleibt der fade Geschmack zurück, es handelt sich einerseits um eine zarte Satire, oder eine Pflichtaufgabe, oder eine Art Abstandshaltung, ambivalent. Es stellte bei mir das Gefühl ein, das Buch wollte und konnte nicht geschrieben werden, und die Erzählhaltung rettet, was sie kann, nämlich nichts.
–> 1-1=0 Sterne
Komposition:
●Eindruck: die Triptychon-Idee in allen Ehren, aber das ganze Buch erhält keinen guten Rahmen, eigentlich eine Art Biographie, die die Etappen eines Lebens herunterspult, keine zweite Ebene in der Entwicklung, keine sich entfaltenden Sinndimension, eher ein klein, klein, weiter und weiter. Das Ende mit der Titanic und der Waldheim-Affäre, das Ende des Kalten Krieges, das Ende des Schweigens etc … das will dann doch eher bedeutungsschwanger daherkommen und erlaubt keinen dramatischen Abschluss. Auch das nicht benannte Beziehungsende mit Vivian wiegt schwer, auch dass seine Ehefrau nicht mehr vorkommt, auch wie er Ernestine in Stich lässt, alles sehr unfertig, unrund, sehr fragmentiert.
●Signal/Noise-Ratio: hohe Signaldichte, sehr eng an der Person, keine Abschweifungen, die ins Gewicht fielen
●Operative Geschlossenheit: nein, da die Geste Adrians, und des Erzählens, die Enthaltung bleibt, das Nicht-Position-Beziehen, das Abnicken, Weiter, … immer wieder.
●Rahmenstabilisierende Details: nein, das Jahrhundert als Zahl taugt nichts, und auch nicht der Falkland-Krieg mit der Titanic etc …
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): das ist gelungen, interessant und rhythmisch.
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nein, bis auf die Frauenfiguren, deren Geschichte unerzählt bleibt
●Reliefbildung: so sehr ein Singsang eines Sich-Herausnehmenden.
●Einschätzung: unentschlossen, und hierdurch am Ende disparat und inkohärent, eher zusammengeschustert aus fremden Details, wahrscheinlich eben das zusammengeklebt, mit der ironisierenden Erzählweise, was er vom wirklichen Adrian Reiter gesagt bekommen hat. Der Erzähler hat ein Versprechen eingelöst, aber nicht sehr im Sinne Adrians, oder doch im Sinne, nostalgisch gebrochen, sentimental-verschämt. Etwas schmuddlig.
–> 2 Sterne
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Interesse erzeugende Stimmung und Sprache, sehr ruhig, sehr verzögert, nach innen gekehrt, eine langsame, konfliktscheue Hauptfigur mit Adrian Reiter, der durch sein Leben driftet, von äußeren Umständen hin und her gepeitscht wird, sich kaum zu wehren weiß, am Ende aber eine Art Happy End findet, in den Armen der exzentrischen Engländerin Vivien … mich hat vor allem der Abschluss mit der Waldheim-Affäre gestört, aber der Autor hat wohl selbst empfunden, dass der Roman als Konzeption nicht klar genug ist und deshalb eine Art politische Motivation ans Ende gestellt. Es fragt sich schon, warum das eigentlich erzählen? Mit der Waldheim-Affäre gibt er den Hinweis auf das Schweigen, Verschweigen, auf das Fehlen der Vergangenheitsbewältigung … die Sehnsucht, die vielen Adrians, das Ungeklärte, die vermittelte Schuld, und die Gefahr, dass sich alles wiederholt, wie sich auch in Adrians Leben sehr viel wiederholt (Teddys Grabstein-Beschriftung, Ernest Grabstein-Beschriftung etc …) … was mich noch stört: Es fehlt der Abschied von Vivien, der Engländerin. Er hat einen Autounfall und kann nun nicht mehr zu Besuch kommen, Anfang der 1980er? Keine Briefe mehr? Kein Wort mehr über die Liebe seiner letzten 20 Jahre? Und auch seine Ehefrau Elfriede verschwindet einfach. Alle anderen kommen wieder, die ganze Jugend, Ildiko, Ernestine, nur die Frauen in seinem Leben nicht? Auch nicht Karla? Das ist eigentümlich … und befremdlich, lässt etwas verstört Narzisstisches zurück.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, als Stimmung und Einstimmung
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) auch dies, als Unentschlossenheit
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) sprachlich schön
●stimmig?(Komposition: ja/nein) sehr stimmig
●ein zweites Mal lesen? Besitzt keine weitere Ebene, nein, insbesondere im Rückblick zu fragmentarisch, ein einziges Wozu bleibt.
–> 2 Sterne
Elli Unruh: „Fische im Trüben“

Vor dem Unheimlichen zurückgeschreckt – diffuse Familienchronik.
Shortlist Leipziger-Buchmesse-Preis 2026.
Inhalt: 3/5 Sterne (atmosphärisch-plotlos)
Form: 3/5 Sterne (Sprachgedächtnis)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (diffusiv)
Komposition: 2/5 Sterne (achronische Chronik)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (orientierungslos-ehrlich)
–> 13/5 = 2,6 = 3 Sterne
Fische im Trüben heißt das (wahrscheinliche) Romandebüt von Elli Unruh, das 2026 auf der Shortlist des Leipziger-Buchmesse-Preises steht. Der Titel verweist bereits auf das poetische Unterfangen. Die Erzählinstanz fischt im Trüben nach Fetzen und Resten der Hinterlassenschaften der Russlanddeutschen zur Zeit des Kalten Krieges. Es erinnert auf seine Weise an Tomer Dotan-Dreyfus Roman Birobidschan, zumal es auch an der russisch-chinesischen Grenze spielt (aber in Kirgisien). Von der Atmosphäre jedoch bleibt es jedoch Ágota Kristófs Das große Heft eng verbunden. Fische im Trüben lebt nämlich auch von seiner besonderen Atmosphäre:
Wo fängt man an, die Sterne am Himmel zu zählen? Den Sand am Meer? Die Äpfel in den Wäldern am Fuße des Tian Shan? Rot und gelb schimmern sie am Tag und des Nachts wie polierte Kugeln aus Holz, vom Mondschein weiß bemalt, und setzen fremde Zeichen zwischen Äste und Laub. Man sagt, überhaupt ist der erste Apfel hier gewachsen. Wer weiß, kann es sein? Lag hier einmal das Paradies? So wie im Frühjahr der Duft von Bergblumen über die dichte grüne Steppe weht, scheint es möglich, und im Mai erst, wenn im Weizen der Mohn lodert, kann man sich fast sicher sein.
Die Weite und Kargheit und Fremdheit Kirgisiens für die verschleppten, verbannten Familien aus der Ukraine durchwebt den Text. Nur assoziativ begleitet der Erzählblick die Figuren. Sie tauchen auf und tauchen ab wie die gebürtige Kirgisin Baba Schura, wie der Murab Onkel Hein, oder wie der Schlangentöter Krocha oder die Vogelnest frisierte Hedi. Hier verspielt Unruhs Roman viel Potential. In Länge und Breite atmet das Leben zwischen den Figuren, unter der endlosen, isolierten kulturellen Verschanzung leidenden Individuen, die nicht aufhören wollen, Deutsch zu sprechen, noch sich vom Russischen deutlich abzugrenzen:
Onkel Hein hat Tinchen auch die zweite Bitte erfüllt, hat dem jüngeren Sohn, dem Peter, ausgeredet, eine Russin zu heiraten. Was er zu ihm sagte, weiß man nicht, doch Peter hat die Freundschaft aufgegeben.
»Wieso darf Peter keine Russin heiraten?«, fragt Artur Schmoll, noch immer streitlustig.
»Die Russen sind doch anders als wir«, sagt jemand.
»Wie anders?«, fragt Artur scharf.
»Na so anders. Was, wenn wir mit einmal nach Deutschland dürfen. Was wird dann mit denen, die sich mit Russen verheiratet haben?«
Unruhs Text, der kein wirklicher Roman werden will noch sein möchte, argumentiert sanft gegen die aufgestellten Kraftpole des Identitären. Zentral steht die Liebesgeschichte zwischen der Mennonitin Hedi und dem Russen Maxim, die allegorisch gegen das Offene strebt, das der Text auch erzählerisch anvisiert, sich dabei aber im Ungefähren verliert. Er bleibt über weite Strecken poetisch – aber durchsetzt von prosaisch Banalen, die dem historisch brenzligen Stoff nicht wirklich gerecht wird.
Viele Ansätze setzen Lichtblicke wie die seltsame Mundart der Figuren, wie die lebendigen Anschauungen der Wüste, der Tiere, wie die beschriebenen Eigenarten des Lebens im rural-geprägten Zentralasien. Leider jedoch bleibt das allzu sehr angedeutet, zu wenig auserzählt, zu wenig ausgeführt und umgesetzt, zumal der Stoff für viele Hunderte Seiten ausgereicht hätte mit all den Verstrickungen, Problemen und Drangsalen, die hier auf Schritt und Tritt, fast nur als Rhapsodie auf knapp 200 Seiten angeschnitten werden. So verbleibt am Ende ein distanziert-sentimentaler Eindruck einer versprengten Familiengeschichte ohne Hand und Fuß, aber mit viel Mut zum Widersprüchlichen und Problematischen, ein Erzählentwurf also, der die Untiefen der Historie dichterisch auslotet, aber dann bei der geringsten Berührung mit dem Unheimlichen zusammenschrickt und sich ins Sicher-Hausgemachte zurückzieht.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Hedi, Anfang 20, und Krocha um die 10 Jahre, Region: Ost Kirgisien, in der Nähe vom See Issyk Kul, im Dorf Michailowka, südlich von Almaty, nördlich von China, Nordwest, Berg Tain Shan, Tengri Tagh, 7439m hoch.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. Krocha (K) soll den Esel Anton einfangen, den sein Onkel Hein trainiert hat, Äpfel von den Feldern zu schmuggeln. Erinnerungen ans Schmuggeln. Felder und Flüsse werden von sowjetischer Miliz beschützt, um wildern zu vermeiden. K fängt eine Schlange und näht ihr das Maul zu. K findet den Esel nicht. Kurzer Streit mit seiner Mutter. K erschlägt die Schlange.
2. Hedi (H) und Ira gehen tanzen. Ira humpelt, hat sich in Viktor verguckt. H meint Maxim zu sehen, ist sich nicht sicher. Gruppendynamik in der Schule, Sweta kommt zu ihnen. H verwehrt sich, mit Sascha, einem Lutherischen, zusammenzukommen. Schenja, Frau von Hs Bruder und Ks Mutter. Ira findet K verzogen. Identitäres zum Russlanddeutschtum.
3. Da sie den letzten Bus verpassen, werden sie von der Miliz aufgegabelt, lüsterne Soldaten, und entführt, aber ein Unfall mit dem Esel Anton bewahrt sie vor Schlimmeren. Beide werden von den Soldaten als Faschisten bezeichnet.
4. H und K treffen sich vor dem Haus ihrer Oma Sara. Gehen nach Hause, suchen Onkel Hein, der in einer eigenen Hütte lebt. Gewitter, K zählt die Sekunden zwischen Blitz und Donner.
5. Erinnerung Hs an den Kartoffelkäfer, riesig, der eine faulige Knolle erzeugt oder hinterlassen hat. Training mit Bruder Werner. Ein Hahn kräht.
6. K auf den Weg zur Schule, berichtet Heinrich (Onkel Hein), dass er den Esel nicht angetroffen hat.
7. Heinrichs Geschichte, wie er Murab wurde, indem er dem Direktor eine Zahnbrücke verpasst hat. Heinrich hat zum Zahnarzt umgelernt, nachdem er verstoßen wurde und nicht mehr als Lehrer tätig sein durfte. Überlegungen nach Moldawien zu ziehen, um von dort nach Deutschland zu kommen. Heinrich unter Beobachtung (vom „Kum“). Geschwister Alfred, Sara und Marga. Umsiedlung 1928 von Molotschna (Ukraine), gegründet von mennonitischen Westpreußen, nach Mineralnyje Wody (nördlich von Georgien). 1939, anlässlich des Krieges, in die Arbeitsarmee (Trudarmee). Seine Frau Tinnchen wurde nach Schtschutschinsk, Kasachstan, zwischen Oms und Astan, verbannt. Heinrich hält es nicht im Norden, in diesen Wintern aus, seine Schwager (Saras Mann Daniel Fast) bekommt Anstellung in Mihailowka, Heinrich zieht mit, Werner, Hans und Hedi noch Kinder (Hans heiratet Schenja und bekommt mit ihr Krocha, Hedi Tante von Krocha). Dort taut Heinrich auf, sorgt für die Bewässerung.
8. Heinrichs Dressur von Anton, wie er Äpfel von den Feldern schmuggelt, packt sie Anton auf den Rücken, und wartet nachher auf ihn. Hein leidet an Trichiasis, Wimpern wachsen zusammen. Krocha schneidet sie ihm ab. Krocha lässt sich eine Taschenlampe geben.
9. Wie gebürtige Kirgisen sich beerdigen, Richtung Mekka. Baba Schura, lebt mit Hunden, Katzen und einem Huhn zusammen. H und ihre Mutter kümmern sich um Baba Schura. Spuk derjenige, die falsch beerdigt sind. Mohammed straft sie. K versucht Anni mit toter Schlange zu erschrecken. Sie zeigt sich ungerührt, provoziert eine Mutprobe, er solle eine Schlange des Nachts vom Kirgisenfriedhof erbeuten. Hierfür benötigt K die Taschenlampe. K allein Richtung Friedhof, wird von Mascha und Anni in die Irre geführt, erschreckt sich. K fühlt sich gedemütigt, will sich rächen und Anni auspeitschen. Ira erwischt ihn und schlägt ihm ins Gesicht. Er flieht. Später sieht er, wie Sascha und Ira sich treffen. Sascha war der Wunschkandidat von Schenja für H.
10. Erinnerung Hs an die Heirat von Werner und Luise. Luises Familie schon in Moldawien. H hilft ihrer Oma im Haushalt. Katja und David heiraten. K freut sich auf seinen Cousin Danil, etwas älter. Onkel Alfred reist mit Familie an. Onkel Hein wird im Winter sonderbar, sammelt gefrorene Katzen. H pflegt Baba Schura, reibt sie mit Senf ein. Geplänkel mit eifersüchtigem Huhn.
11. H versucht sich mit Ira zu versöhnen, die Sache mit Sascha steht zwischen ihnen, dass H ihn ablehnt, weil er ein Lutherischer ist. H bezweifelt, dass es Sascha mit Ira ernst ist. Draußen bei der Hochzeit Gespräch über die Trudarmee. Danil und K experimentieren mit Schießpulver, das vor ihnen aber in Sicherheit gebracht wird.
12. Ernst stellt sich vor, hat Interesse an H. Er muss zum Militär, hat etwas mit der Baikal-Amur-Magistrale zu tun. Als H von der Hochzeit geht, schenkt Katja ihr Vogelmilch, eine Dominostein-artige Süßigkeit, die H an Maxim erinnert.
13. Nicht zustande gekommenes Liebesverhältnis. H vernarrt in Maxim, nennt ihn Okurok, Zigarettenstummel; er macht sich lustig über ihr Haar, das wie ein Vogelnest aussieht. Sie will sich für ihre Beleidung entschuldigen, hierbei kommen sie sich näher. H aber eingeschüchtert, verliebt, kalte Hände. Maxim Russe, verspricht Deutsch zu lernen. Maxim geht zur Universität, H ans Technikum, Praktikum in Usbekistan. Viel später, beim Verladen von Lebensmitteln u.a. Vogelmlich, sehen sie sich wieder, endlich bringt sie den Mut auf, sich zu entschuldigen, weil sie ihn Okurok genannt hat. Es stellt sich heraus, dass es ihm gleich gewesen ist, sodass sie seine Entgegnung über ihr Haar als Gehässigkeit empfindet. Es ist aus. Maxim erweist sich als fehlbar.
14. Onkel Hein stirbt. Ira und Sascha heiraten. Tinchen zu Besuch, hat zwei Wünsche, er soll sich zu Gott bekennen und dass Heinrich seinem Sohn Peter ausredet, eine Russin zu heiraten. H und Ernst schreiben sich Briefe. Hat aber keine schmerzenden Hände. K erbt die Dokumente von Hein, mit all den Namen der Russlanddeutschen.
15. H und K ziehen nach Deutschland, vierzehn Jahre sind nach dem Tod Onkel Heins vergangen. Onkel Hein sollte Spion für die Sowjets werden, hat sich aber geweigert. Abreise 1987, sie verkaufen alles. K verabschiedet sich Dima. Ob sie sich wiedersehen? Dima süricht ein wenig Deutsch: „Hände hoch!“.
●Kurzfassung: Schicksal der Russlanddeutschen im Zweiten Weltkrieg, werden weit in den Osten verbannt, getötet, enteignet. Sie bleiben ihrer Kultur verhaftet, versuchen zurück nach Deutschland zu kommen. Ende der 1980er Jahre gelingt es. Eine Gruppe von Russlanddeutschen wird charakterisiert, mehr oder weniger eigensinnig und oberflächlich, aber stimmungsvoll. Eigentlicher Plot: die gescheiterte Liebe zwischen Maxim, einem Russen, und Hedi, einer mennonitischen Russlanddeutschen, vor allem durch das Tabu der Familie, sich mit Russen zu vermischen.
●Charaktere: (rund/flach) keine wirkliche Charakterisierung – Figuren bleiben eher gespenstisch, unnahbar, wie Erscheinungen.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: schwierig bei diesem dissoziativen Text
●Besondere Ereignisse/Szenen: intensive Szene im Milizgefährt, ob die beiden jungen Frauen den Soldaten entkommen; das Pflegen der Baba Schura; die Abreise in die BRD, wie sie alles verhökern.
●Diskurs: Migration, Kulturwurzeln, Zweiter Weltkrieg, Stalinismus
… lebt von einigen sehr stimmungsvollen Landschaftsbeschreibungen, von der disparaten Atmosphäre, leider ein wenig zu skizzenhaft. Vieles wurde nicht auserzählt, vieles nur angedeutet. Empfinde den Plot nicht als tragfähig, die Liebesgeschichte doch allzu banal, zumal Maxim gar nicht existiert, nur als Phänotyp, Hedi unverständlich. Zu viele Figuren, zu viele angerissene Schicksale, zu viele Referenzen, Andeutungen, kulturhistorische Anspielungen … wirkt wie ein Arbeitsbuch; der Plot selbst zieht nicht; für die Landschaftsbeschreibung und Atmosphäre gibt es +2 Sterne.
–> 3 Sterne
Form:
●Eindruck: hauptsächlich ins Auge fallen die eigentümlichen Ausdrucksweisen der Russlanddeutschen, die hier verwendet werden, als Stör- und Fremdartigkeitselemente, interessante Verfremdung und dadurch auch immersive Sprachmelodie, eher altertümlich, fremd und dadurch entfernt, aber unausgeglichen zwischen banal, trivialer Sprache und diesen Wendungen, die dem Ganzen einen etwas unheimlichen Charakter verleihen.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) schon fiktional, durch die Brechungen, Auslassungen und poetischen Landschaftsbeschreibungen, kein Sachbuch, eher eine mündliche Tradierung von Stoffen, die auf Familienfesten gehört wird, dem Fremden von den Mündern abgelauscht
●Auffälligkeiten: „Man muss sie als ob* nur noch aussuchen“ – „aune“ statt „anno“, und so weiter, seltsame Verwendung „Spalier“, gitterartiges Gestell.
●Innovation: museales Plautdietsch
–> 3 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: seltsam unentschieden, hier und da sogar kommentierend, aber sich nicht zeigend, eine springende, versteckende, fast unheimliche Instanz, die sich nicht zu erkennen gibt; hierdurch aber kein Glaubwürdigkeitsverlust, da alles Ungereimte einfach so stehen bleibt, als Rohmasse, undurchgebildet, kaum erzählt, eher bewusst verunklart, um den Stand der Forschung, der eigenen Reflexion dichterisch abzubilden.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nichts von alldem.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: distanziert, nüchtern, etwas sentimental, aber auf eine wenig identifikatorische Weise, eher Distanznahme zu einer Familiengeschichte, nicht klar, noch in Schwebe, eine Suche.
●Einschätzung: leider keine poetische Durchbildung, eher eine zumindest klare Abgrenzung zum Klaren, die durch diffusives Erzählen von Zuviel auf zu wenig Raum gelingt. Hinterlässt aber dadurch ungereimten Eindruck.
–> 2 Sterne
Komposition:
●Eindruck: das Buch lebt davon, dass der eigentliche Gegenstand, der Rassismus, der kulturelle Eigendünkel der Russlanddeutschen sprachlich umschifft wird. Im Grunde mutig, den Rassismus der Russlanddeutschen hervorzukehren, die Abgrenzungen, der Schmerz, das Gedächtnis, das Unvollkommene, die Flucht etc … ein Mischmasch, der kaum Hoffnung aufkommen lässt, zu zerfahren, in sich zerstritten sind alle miteinander mit allem.
●Signal/Noise-Ratio: eigentlich alles Noise, kaum Signal.
●Operative Geschlossenheit: nein, da keine Erzählung, kein Plot, keine Dynamik.
●Rahmenstabilisierende Details: nein
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): der gelingt durch Erinnerungseinschübe, unklare Chronologie, unklare Personenbezeichnungen (Heinrich, Onkel Hein etc …)
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nein
●Reliefbildung: kaum
●Einschätzung: im Grunde linear bis zum Ende des kalten Krieges erzählt, wenig einfallsreich für eine Chronik chronologisch achronisch Stoff zu versammeln.
–> 2 Stern
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Gefühl von einem unfertigen Text, teilweise zu angedeutet, zu viele Figuren, die nicht ausgestaltet werden – der Esel Anton, die Freundschaft zwischen Hedi und Ira, der Konflikt zwischen Anna und Krocha, das Zusammenkommen zwischen Hedi und Ernst. Insgesamt auch eine Sprache, die fast im Rohbau verbleibt, gar nicht fertig wirkt – zwar im Ton sich anverwandelt und so etwas wie Verfremdung erzeugt (gelungenerweise), dennoch die Weite und Breite der Landschaft, die Isoliertheit nur bedingtheit veranschaulicht, schon gar nicht ästhetisch als Gegenstand präsentiert. Wirkt wie Schnipsel, ein Potpourri, eine Art museales Aufheben, fast autofiktional, eher wie ein Sachbuch, besäße es nicht die eigenwillige Diktion der Russlanddeutschen.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) hebt sich durch die Sprache ab, ja, sehr eigenwillige Erzählweise, widerborstig, struppig.
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) fast unmöglich zu beantworten, so schwebend, unklar, wie der Text bleibt, auch gibt es kaum so etwas wie eine Erzählinstanz, schon gar nicht reflektiert, perspektiviert.
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) teilweise schöne Sätze, intensive Szenen, über weite Strecken aber karg wie die beschriebene Mondlandschaft
●stimmig?(Komposition: ja/nein) da es kaum eine figurative Handlung gibt, schwierig, für sich genommen, ein Zeitdokument, etwas Dokumentarisches, Unklares, Verzetteltes, viel zu sehr im Rohform verblieben
●ein zweites Mal lesen? Nein
… über die Diktion und das Setting interessant, auch die Sprache hat Konzentration, Fokus erfordert, eher schwierig die vielen Figurennamen, die ohne wirkliche Einführung in die Welt plumpsen, sehr oberflächlich auf seine Weise, aber nicht schmerzhaft oder ärgerlich, eher ungewöhnlich, daher
–> 3 Sterne
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Emily Brontë: „Sturmhöhe“

Natur als Schicksal und unbezähmbare Kraft – ein gewitterhaftes Erschöpfen.
Inhalt: 2/5 Sterne (unmotivierte Rachegeschichte)
Form: 3/5 Sterne (klassisch-rau)
Erzählstimme: 5+1/5 Sterne (erzählende Erzählung)
Komposition: 4/5 Sterne (konvergente Distanz)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (dröge)
–> 17/5 = 3,4 = 3 Sterne
Sturmhöhe von Emily Brontë erschien unter dem Pseudonym Ellis Bell 1847, zusammen mit den Büchern Agnes Grey und Jane Eyre von ihrer Schwestern Anne und Charlotte. Haben ihre Schwestern eher das Genre des Viktorianischen Gouvernantenromans weiterentwickelt und gepflegt, besitzt Sturmhöhe eine zwiespältige Eigenart, indem sie dem klassisch-sprachlichen Schönheitsideal geradezu entschieden und bewusst entgegenarbeitet und eine Art Naturgewaltschauspiel in der Hochmoorlandschaft von Yorkshire vom Stapel lässt. Heathcliff heißt das Gewitter, das über die benachbarten Familien Linton und Earnshaw hereinbricht:
[Heathcliff] war ein hoher, kräftiger, wohlgebildeter Mann, neben dem mein Herr fast schmächtig aussah. Seine aufrechte Haltung legte den Gedanken nahe, daß er in der Armee gedient habe. Sein Gesicht schien durch Ausdruck und Festigkeit der Züge bei weitem älter als Mr. Lintons. Es war intelligent und wies kein Zeichen früherer Erniedrigungen auf; dennoch glühte die alte, nur halb gezähmte Wildheit aus den schwarzfeurigen Augen. Sein Benehmen aber war geradezu vornehm zu nennen – ganz frei von Derbheit, obschon zu ernst, um entgegenkommend zu sein.
Jener Heathcliff wird von Mr. Earnshaw aus Mitleid aufgelesen, als sich dieser in London befindet, und sehr zum Verdruss seiner Kinder und seiner Frau in sein häusliches Leben eingegliedert und von ihm wie ein Sohn behandelt. Eifersucht und Streit gehen Hand in Hand. Earnshaws ältester verlässt bald die Familie und studiert, indes seine Schwester Catherine sich immer besser mit dem Wildfang Heathcliff versteht, ja in ihn den rohen, unbezähmten, freien Teil ihrer Seele sieht:
›Jetzt würde es mich herabwürdigen, Heathcliff zu heiraten, und darum soll er nie wissen, wie sehr ich ihn liebe – ihn liebe, nicht weil er hübsch ist, Nelly, sondern weil er mehr mein Ich ist, als ich selber es bin. Woraus auch unsere Seelen geschaffen sein mögen: seine und meine Seele gleichen sich völlig; und Lintons Seele ist so anders, wie ein Mondstrahl anders ist als ein Blitz, oder Frost anders als Feuer.‹
Catherine heiratet ihn also trotz Seelenverwandtschaft nicht – und so beginnt das Drama, das am Ende viele Leben, viel Geld, viel Schmerz und Geduld kostet. Heathcliff führt sich auf wie ein Racheengel, den nichts und niemand aufhalten kann und alles mit sich ins Verderben zu reißen versucht. Hierbei aber erscheint er als eine Faustische Kraft, die „das Böse will und stets das Gute schafft“, denn just besagter Heathcliff vollstreckt das dynastische Schicksal der beiden Familien auf brutale, verbrecherische und erbarmungslose Weise, bis die Katze sich in den Schwanz beißt und der Ring sich wieder auf wenig interessante Weise schließt.
In Sturmhöhe probiert Emily Brontë die Natur als unterbrechende, belebende, widerspenstige Kraft aus, die das sittsame, langweilige Landadelsleben aus dem Gleichgewicht bringt. Leider verbleibt sie bei diesem narrativen Element allzu brav – vielleicht auch der Zeit geschuldet –, denn so, wie Sturmhöhe sich am Ende liest, verbleibt Heathcliff allzu sehr im Dunkeln, allzu schematisch, allzu hölzern wie auch der Rest des sehr statischen, dem Auf und Ab der spontanen Willkür der einzelnen ausgesetzten Figurenensembles. Emma von Jane Austen schlägt da andere Töne von Verstehen und Missverstehen an. Jane Eyre von Charlotte Brontë wagt mutigere Frauenfiguren. Emily Brontë hingegen bleibt rau, wüst und hakelig, ohne etwas an den Grundfesten der dynastischen Vollzugsehen etwas, obgleich nur topisch und plottechnisch, ändern zu wollen. Am Ende geht der Spuk einfach spurlos vorbei.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur: Heathcliff, Findelkind, 1764 geboren, von Mr. Earnshaw aufgelesen und zur Sturmhöhe (Wuthering Heights, WH) gebracht, sehr zum Verdruss seines Sohnes Hindley (7 Jahre älter) und zur zwiegespaltenen Freude Catherine (1 Jahr jünger).
●Nebenfigur: Hs Ziehschwester Catherine und Hindley, leibliche Söhne von Mr. Earnshaw, auf WH. Zudem Edgar und Isabella Linton, Nachbarn auf TG.
Hindley heiratet eine Fremde, Frances, und bekommt mit ihr Hareton.
Edgar heiratet Catherine und bekommt mit ihr Catherine (2).
Heathcliff heiratet Isabella und bekommt mit ihr Linton.
Linton und Catherine (2) heiraten. Linton stirbt.
Hareton und Catherine (2) heiraten. H stirbt.
●Zusammenfassung (ausführlich nach Kapiteln):
- Besuch Mr. Lockwoods auf Wuthering Height, der sich Heathcliff (H) aufdrängt.
- Lockwoods nächster Besuch, lernt geheimnisvolle junge Frau kennen, Hs Schwiegertochter, den Diener Joseph, das Hausmädchen Zillah und einen ungehobelten Buben namens Hareton. Lockwood findet den Weg in der Nacht nicht zurück, muss auf WH übernachten
- Lockwood wird in ein Zimmer mit einem Kutschenwagen einquartiert, findet dort Bücher einer Catherine Earnshaw, vollgekritzelt mit Skizzen und Kommentaren. Hat zwei Alpträume, einen zur Schlägerei aufrufenden Reverend (Jabez Branderham) und dann eine Catherine Linton, ein Mädchen, das ans Fenster klopft und um Einlass bittet. Lockwood schreit, weckt Heathcliff, der nach ihm sehen kommt. H schickt ihn fort, reißt das Fenster auf und seufzt nach Catherine. H bringt danach Lockwood nach Hause.
- Ein Edgar Linton war der Vormieter/Vorbesitzer von TG, Verwandtschaften werden aufgeklärt. H hat Lintons Schwester Isabella geheiratet, Edgar die Ziehschwester von H, Hareton ist der Sohn des Onkels von Catherine (2), der Tochter von Edgar und Catherine (1). Hareton der letzte der Earnshaws, wie Catherine (2), die letzte der Lintons. Nelly Dean (N) erzählt Lockwood die Geschichte von WH und TG. Mr. Earnshaw nahm H als Findelkind auf. H das Lieblingskind des Vaters, die leiblichen Kinder fühlen sich zurückgesetzt.
- Mr. Earnshaw stirbt sehr plötzlich. Hindley bereits auf der Universität.
- Hindley kommt zurück und demütigt den sieben Jahre jüngeren H. Eines Nachts büchsen C und H aus, spionieren den Nachbarskindern E und I nach, werden erwischt. Eine Bulldogge beißt C ins Bein. C bleibt bei den Lintons. H wird von Hindley und seiner Frau Frances bestraft.
- Nach drei Wochen kommt C verändert zurück, wie eine Dame gekleidet. H hingegen verdreckt von oben bis unten. E und I kommen zu Besuch. Es kommt zum Streit zwischen E und H, H wirft E Apfelkompott ins Gesicht.
- Frances stirbt nach der Geburt Haretons an Schwindsucht. ND wird dessen Ziehmutter. C führt sich, als sie nicht allein mit E gelassen wird, wild auf, schlägt ND und boxt E und schüttelt den kleinen Hareton, der flieht, aber dann wiederkommt, wiewohl sich C wie eine Furie aufgeführt hat. Später kommt Hindley besoffen nach Hause.
- Eklat. Hindley will seinen Sohn oben von der Treppe fallen lassen, H fängt ihn auf. Danach Gespräch zwischen C und ND, dass sie E aus dynastischen, ökonomischen Gründen heiraten wird, auch um für H zu sorgen. H belauscht sie und flieht. C wartet auf ihn im Regen und erkältet sich. Dann heiratet die beiden nach dem Tode von Es Vater. ND zieht mit ihnen nach TG.
- Mr. Lockwood, Erzählgegenwart, krank. H besucht ihn, bringt Moorhühner. ND setzt Nacherzählung fort. C glücklich mit E verheiratet. C dominant, alles richtet sich nach ihr. H kehrt zurück, ein gemachter Mann, gebildet, gepflegt, zieht auf WH, wo Hindley seinem Ruin entgegen trinkt und zecht. H nimmt ihn aus. Isabella verguckt sich in H.
- ND besucht WH nach einiger Zeit wieder, Hareton erkennt sie nicht wieder, wirft Stein nach ihr. H lässt Hareton verwildern, explizit als Rache. Streit im Hause der Lintons. C will mit H sich treffen, E hat etwas dagegen, schlägt H, flieht dann aber aus Angst. E droht seiner Schwester I mit Kontaktabbruch, sollte sie sich mit H einlassen.
- C gerät in diverse psychische Krisen. C will wieder wild und frei sein. ND holt Arzt, von dem sie erfährt, dass I und H sich heimlich treffen. I und H brennen durch. E bricht Kontakt ab.
- I berichtet in einem Brief vom ruinösen WH, arm, verlottert. Hindley ruiniert, unfähig, voller Hass gegen H, der ihn finanziell in Abhängigkeit hält. I schwanger. I wird wie Mr. Lockwood auf WH empfangen, total desolater Haushalt.
- ND besucht I auf WH, entsetzt von den Umständen. I heruntergekommen und verwahrlost. H beleidigt sie, quält sie.
- H besucht mit NDs Hilfe TG und wird von C verflucht. Dennoch vertragen sie sich. Sie küssen sich. C will sterben. E erwischt sie. C fällt in Ohnmacht. H geht.
- C bringt Cathy, Catherine (2), zur Welt, zwei Stunden später stirbt sie. E am Boden zerstört. Er hätte ein Sohn für das Erbe benötigt. C wird schlicht begraben. H legt seine Locke zu ihrer in ihr Medaillon.
- I flieht, hat versucht H zu ermorden. Sie flieht nach London, bringt einen Sohn zur Welt (Linton). Stirbt zwölf Jahre später. E kümmert sich um seine Tochter Cathy liebevoll, will sich auch um Hareton kümmern, aber H lässt sie nicht an Hareton heran, droht damit seinen Sohn aus London zu holen. Hindley stirbt, zu Tode gesoffen. H Gläubiger von Hindley, nimmt WH in Besitz, behandelt Hareton wie einen Knecht.
- E reist ab, um Dinge mit seiner Schwester I zu ordnen, die gestorben ist. Cathy drängt darauf, nach WH zu gehen, fasziniert von Hareton, der 18 Jahre alt ist, Cathy ist zwölf. Die Faszination hört auf, als sie hört, dass Hareton ein Knecht sei.
- E kehrt mit kränklichen Neffen zurück, Linton (L). Cathy fröhlich, nicht mehr allein zu sein. H fordert er ihn zurück.
- ND bringt L nach WH. H enttäuscht von der Weichheit seines Sohnes. L weint und will weg.
- Cathy nun 16 Jahre alt, führt ND nach WH, ganz vernarrt in L. H will sie liieren, um dadurch in den gesamten Besitz zu kommen (sollte E sterben, geht dessen Besitz auf den nächsten männlichen Verwandten, hier L, der Neffe, statt auf Cathy, seine Tochter). E untersagt den Kontakt. Sie schreiben sich dennoch heimlich Liebesbriefe.
- Cathy kein Kontakt mehr nach WH, Edgar wird krank. Treffen mit H, der die Kränklichkeit seines Sohnes beklagt, der zudem sich wünscht, Cathy zu sehen. Sie besuchen ihn, als H abwesend ist.
- L führt sich toll auf, neben sich. Cathy versucht ihm zu helfen. ND wirkt krank. Bahn frei für weitere Treffen.
- Cathy entsetzt über den launischen L. E weiterhin gegen Umgang mit WH, H und L.
- E und L beide nahe dem Tod. L und E zu heiraten, rettet auch sein Erbe.
- L bei Treffen mit Cathy völlig erschöpft, ermattet, verdrießlich.
- H lockt ND und Cathy ins Haus und sperrt sie ein, zwingt Cathy L zu heiraten, will sie ihren kranken Vater nochmals sehen. Cathy willig ein. Sie heiraten.
- L verhilft Cathy zur Flucht, E stirbt in den Armen seiner Tochter, hat es nicht mehr geschafft, sein Testament zu verändern. H hat den Notar bestochen, ein Treffen mit E heraus zu zögern. L muss für die Fluchthilfe büßen.
- H kommt, sein Eigentum in TG zu inspizieren, beansprucht Cathy, verbannt ND, denn ein neuer Mieter soll bald kommen (Lockwood). H hat das Gefühl, Catherine suche ihn heim, lässt ihr Grab öffnen, wo sie fas unverändert im Sarg liegt.
- L stirbt. Cathy nun isoliert und allein und enterbt. Zillah erzählt ND, wie sich Hareton um sie bemüht. Cathy will von allem nichts wissen. Lockwood angegruselt, beschließt nach London zu gehen.
- Lockwood besucht WH, Hareton und Cathy streiten. Sie macht sich über seine fehlende Bildung lustig. Er schmeißt Bücher ins Feuer. Lockwood kündigt seinen Mietvertrag.
- Lockwood nach Monaten wieder in der Nähe Glimmertons. ND erzählt, wie Cathy und Hareton sich im Laufe der Zeit nähergekommen sind.
- H erkennt eines Abends sich und Catherine in Cathy und Hareton wieder, beschließt, sie in Ruhe zu lassen.
- H hungert sich zu Tode, wird neben Catherine begraben. Hareton wird Erbe und heiratet Cathy. Sie ziehen nach TG, überlassen WH Josef und einem Knecht. Lockwood zahlt seine Mietschulden und besucht die Gräber von E, C und H. Schauergeschichten kursieren.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Rahmenhandlung: Mr. Lockwood hat sich 1801 in Thrushcross Grange (TG) eingemietet und besucht den Besitzer Heathcliff auf WH. Dort lernt er einen verwilderten Jungen (Hareton, geb. 1778) und eine miesepetrige Teenagerin Catherine (geb. 1784, 18 Jahre alt) kennen. Er kehrt am nächsten Tag wieder und muss unfreiwillig eine Nacht verbringen, in der er eine unheimliche Atmosphäre und eine Art Spuk erlebt. Danach lässt er sich von seiner Haushälterin, Nelly (Ellen) Dean die Geschichte der Earnshaws und Lintons erzählen. Am Ende Lockwood wird krank, kehrt Anfang 1802 nach London zurück, im festen Willen nur noch zum Auflösen des Mietvertrages in die Gegend von Heathcliff zurückzukehren. Als er wieder nach WH kommt, um seinen Mietvertrag aufzulösen, ist Heathcliff gestorben und Hareton und Cathy planen zu heiraten.
Binnenhandlung, die Erzählung von Nelly Dean, hauptsächlich. Heathcliff liebt seine Ziehschwester Catherine, die ihn aber u.a. aus wirtschaftlichen Gründen nicht heiraten will. Sie heiratet stattdessen den Nachbarssohn Edgar Linton. Heathcliff empört verschwindet, kommt reich zurück und ruiniert Catherines Bruder Hindley, übernimmt sein Anwesen (WH), dann nutzt er die Chance und heiratet Isabella, Edgars Schwester, und ruiniert Edgars und Catherines Ehe. Catherine stirbt bei der Geburt ihrer Tochter Catherine, die Heathcliff mit seinem Sohn Linton verheiratet. Nach Edgars Tod gehört ihm nun auch TG. Linton stirbt. Heathcliff am Ziel. Statt die Familien Earnshaw und Linton auszulöschen, zieht er sich zurück, hungert sich zu Tode und lässt Catherine Hareton heiraten, findet seine ewige Ruhestatt neben Catherine auf dem Friedhof.
●Charaktere: (rund/flach) wild, teilweise unberechenbare, eher die Individualität als Rätsel, als Geflecht von Trieben, ein Ort von Naturkräften
●Überflüssige Szenen/Charaktere: keine
●Besondere Ereignisse/Szenen: erste und einzige Nacht Lockwoods auf Wuthering Height, überhaupt die Besuche dort lassen den Ort schauerlich und gruselig erscheinen; Szene als der besoffene Hindley zurückkommt und die Familie und seinen Sohn bedroht.
●Diskurs: Dynastie des Landadels, Erbe, Vererbung, starke und schwache Blutlinien.
… Ein Motiv zieht sich durch: Der schwache Mann – der wie Hindley die Blutlinie der Familie gefährdet. Auch Lintons Sohn, Edgar, zeichnet sich durch Weichheit aus und gefährdet das Erbe der Lintons, als er sich mit Catherine verheiratet, eine Frau, die ihn schlägt und dominiert und im Grunde Heathcliff liebt. Es gibt ein strukturelles Moment, auf einen starken Mann folgt ein schwacher: auf Mr. Earnshaw, dem Patriarchen, der schwache Hindley, aber Hindleys Sohn Hareton kämpft sich stark und unbeugsam durchs Leben; Mr. Linton zeugt den schwachen Edgar, aber Heathcliff, der sich durch besondere Willensstärke auszeichnet, zeugt den schwachen Linton, und muss am Ende einsehen, dass er ohne Erbe dasteht und überlässt dieses dann Hareton.
… im Plot dominiert ebenso das Motiv, dass nur die Besitzlosigkeit und Bildunglosigkeit erlaubt, seinen ungezügelten Leidenschaften gemäß zu handeln: Heathcliff hat nichts zu verlieren und will mit Catherine durchbrennen, diese aber hat den guten Namen zu verlieren und entscheidet sich für die dynastisch klügere Variante, Edgar zu heiraten; später hat Isabella nichts zu verlieren, ihr Bruder hat bereits alles geerbt, also läuft sie mit Heathcliff davon und zeugt mit ihm einen Sohn; wiederum später hat Cathy nichts zu verlieren, denn sie wird ihren Vater nicht beerben und lässt sich daher auf Wuthering Heights ein. Wuthering Heights ist der Ort der ungestümen Leidenschaft (dort vernichtet Mr. Earnshaw seine Familie durch Heathcliff; dort verspielt Hindley sein Vermögen; dort schaltet und waltet der wilde Heathcliff und lässt Hareton und Cathy verwildern und seinen Sohn Linton sterben). Wuthering Height stellt die Synthese nach unten, den Todestrieb im Roman dar, die Wildnis, die wilde Seite im Menschen, die unabhängig von der Zivilisation frei leben und nomadisieren will.
… Emily Brontë romantisiert den Naturzustand nicht. Die Natur bleibt wüst, und sie lässt sich nicht bändigen. Die Erziehung wirkt nicht bei Hindley, sie wirkt nicht bei Heathcliff oder Catherine. Die Figuren bleiben sich in ihrem selbst treu, verleugnen dieses nur, um sozial aufzusteigen.
… insgesamt wirkt auf mich der Plot zu ungewichtig, zu statisch, zu genealogisch-genetisch und dynastisch geprägt. Heathcliff wirkt wie ein Ungewitter, das auf die Familie Linton und Earnshaw herabstürmt und sich dann verzieht, als sei es nie dagewesen, eine Art Naturkraft, die die Dinge in Bewegung hält, kurz in Gefahr bringt, dafür aber mit frischem Wind versorgt, die Spritze des Bösen im alltäglichen Getüddel. Vom Plot her hat es mich kaum begeistert und motiviert, weiterzulesen, hierfür fielen die Charakter zu eindimensional aus.
… prägendes Motiv, das Naturschicksal selbst. Hareton steht über dem Haus der Earnshaws, und Hareton steht am Ende als Erbe wieder in den Stiefeln seiner Familie. Heathcliff, Name des verstorbenen erstgeborenen Sohnes von Mr. Earnshaw, hält das Familienerbe gegen die Dekadenz seines jüngsten Sohnes Hindleys zusammen.
–> 2 Sterne
Form:
●Eindruck: nur selten erhält die Sprache von Emily Brontë Schwung; sehr kühl, sehr nüchtern wird heruntererzählt, Landschaftsbeschreibungen wirken kahl und kalt; selbst bezweckt erhält die Sprache keine eigene Dimension parat. Sie schaut zu, bildet ab, dient als Vehikel, als Instrument ohne Selbstreflexion. Sie wirkt sogar geradezu verstockt.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hohe Fiktionalität durch das Setzen der Figuren, deren Interaktionen, Dialoge, teilweise schauermärchenhaft.
●Wortschatz/Wortzahl: matt, eintönig, in Ockerfarben, grau, matschig, moorig.
●Auffälligkeiten: Mir sind keine aufgefallen.
●Innovation: keine.
… Brontës Stil erhält nie Nervpotential. Die Sprache tritt zurück und lässt für dem Gedanken freien Raum. Hierfür:
–> 3 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: Der eindrucksvollste Aspekt von „Sturmhöhe“, das Ich-Erzählen, das dann einer Ich-Erzählung lauscht, das Tagebuch von Lockwood, die Erzählungen von Nelly Deane, denen dann noch Briefe und andere Erzählungen, bspw. von Catherine, einverwebt sind. Hierdurch erhält der Roman eine sehr dynamische Perspektive, die fluid das Schaudern über Wuthering Heights erzeugt.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): Klar aus der Perspektive Mr. Lockwoods, der situiert und perspektiviert und reflektiert berichtet, wie Nelly Dean urteilt und sich am Schicksal der beiden Familien abarbeitet.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: reflektiert, immersiv, insbesondere die anfängliche Szene, als Mr. Lockwood auf Wuthering Heights übernachtet, und es gruselt im Gebälk, Kabinett, und es ans Fenster klopft. Catherines Geist, der eingelassen werden möchte.
●Einschätzung: beeindruckendes Verweben von Eindrücken, Erinnerungen und immersiven Erzählgegenwartreflexionen.
–> 5+1 Sterne
Komposition:
●Eindruck: auch kompositorisch stimmt vieles – das Fremde, dem das Ich begegnet, das Fremde, das sich langsam erhellt, konvergent gegen das Bekannte entgegenarbeitet, dem Lockwood ausweicht, bis am Ende, in einer Art „Jetzt“ das Ich das Grab von Heathcliff, dem Fremden, besucht, und gar kein Schaudern mehr empfindet. Die Abwehrmechanismen gelingen – es bleibt ein Bericht aus zweiter und dritter Hand.
●Signal/Noise-Ratio: gering, wenig Abschweifungen, dafür viele, viele Wiederholungen derselben Problematik (spätestens als Isabella sich in Heathcliff verliebt, und dann gar Cathy, sehr dröge, zumal Heathcliff zu gefährlich gezeichnet wird).
●Operative Geschlossenheit: operativ geschlossen durch die dynastischen Einebnungen: Bekannt gegen Fremd, Reich gegen Arm, Mann gegen Frau, Land gegen Stadt.
●Rahmenstabilisierende Details: leider wenig, Hintergründe gibt es kaum, wer ist Mr. Lockwood, wie kam Heathcliff zu Geld, was geschah mit Hindley auf der Universität?
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): etwas zäh, da repetitiv.
●Extradiegetische Abschnitte: nein, keine
●Lose Versatzstücke: keine
●Reliefbildung: sehr mager
●Einschätzung: durch die Gruselatmosphäre leidlich gelungen, auch durch die Konvergenz hin zum Grab Heathcliffs, durch das Moor, den Wind, die fremde Natur, die Wind und Wetter trotzt
–> 4 Sterne
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: teilweise sehr schleppend, las sich grauselig, insbesondere durch das Setzen des absolut Fremden und Unbeherrschten in Heathcliff, der überhaupt nicht ausgestaltet wird, überhaupt sehr abstrakt, sehr distanziert, sehr isoliert, fremdartig verstockt, wenig lyrisch, schon gar nicht wild oder unbeherrscht. Gegen Ende hin immer langweiliger, und die Auflösung dann doch zu arg, wieso hat Heathcliff nicht wenigstens alles zerstört. Geschrieben mit gebremstem Schaum.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, sehr, lebt völlig für sich, kaum Diskurs, reine Fiktionalwelt
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, als Grusel-Gothic-Novel, insbesondere durch die Erzählungen innerhalb der Erzählung, hier an Conrad erinnernd (erzählstimmenmäßig).
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, nicht schön
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, stimmig, Moor, Morast, Winter, Kälte, Matsch.
●ein zweites Mal lesen? Glaube ich nicht, hierfür gibt es zu wenig Komplexität in den Figuren. Mich haben die Entscheidungen nicht interessiert, und auch das Leben nicht, das jenseits jedweder Dringlichkeit im Grunde in Saus und Braus stattfindet, nicht mal wirkliche Sorgen werden thematisiert, nicht mal die Alkoholsucht Hindleys, sein Kartenspielen. Alles nur angedeutet, was zählt: einzig die Liebe und der Hass, die Sehnsucht, die Leidenschaft und die Gier nach Rache
–> 2 Sterne
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Leïla Slimani: „Trag das Feuer weiter“

Höhere Töchter und der diskrete Charme der nordafrikanischen Bourgeoisie – etwas unentschieden.
Inhalt: 3/5 Sterne (plätschernd-interessant)
Form: 3/5 Sterne (geschliffen-salonfähig)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (sprunghaft)
Komposition: 4/5 Sterne (Fremde/Heimat-Code)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (guter Erzählfluss)
–> 16/5 = 3,2 = 3 Sterne
Slimanis Trilogie über die marokkanische Familie Belhaj beginnt mit Das Land der anderen und beendet die Saga über Schaut, wie wir tanzen nun mit Trag das Feuer weiter. Die Prix Goncourt-Siegerin 2016 für Dann schlaf auch du rahmt dieses Mal die Handlung deutlich mit der Situation einer Ich-Erzählerin, die unter den Nachwirkungen einer Corona-Erkrankung, dem Brain fog, leidet. Um ihr Gedächtnis wieder auf Trab zu bringen, betreibt sie Spurensuche, insbesondere um ihren Vater Mehdi Daoud herum, der für sie bislang ein Rätsel geblieben ist:
Ich habe meinen Vater immer als Romanfigur gesehen, oder besser, er verschmolz irgendwann mit den Büchern, die er mir zu lesen gab, sodass nun alle Spuren, die zu ihm führen, verwischt sind. Ich glaube nicht, dass er mich daran hindern wollte, ihn zu kennen, sondern im Gegenteil, er gab mir den Schlüssel, um einen anderen, zugleich geheimeren und wesentlicheren Teil von ihm kennenzulernen, die Wunschträume, die er genährt, die Vorstellung, die er von sich selbst gehabt hatte, das Feuer, das in ihm brannte.
Tatsächlich bleibt dieser Vater ungreifbar. Die Ich-Erzählerin vermag es nicht aus den Trümmern seines Lebens ein kohärentes Bild, das dynamische Gleichgewicht einer ausgewogenen Persönlichkeit, zu schaffen. Mehdi bleibt in sich zerrissen, unklar, unvermögend, antriebslos. Inmitten seiner zwei Töchter, seiner Frau und dessen Schwester, driftet er durch die Zeit, durch den Alltag Marokkos, vom Traum beseelt, Marokkos Modernisierung voranzutreiben.
In meinen Gedanken ist er immer anwesend, das Zittern seiner Hand, während er rauchte, die Art, wie er den Stummel ausdrückte, sich setzte, das Rascheln, wenn er die Seiten eines Buches umblätterte. Sein Lächeln. Mein Vater, der so naiv war, zu glauben, dass alle Mauern fallen und die Menschen einen Tunnel bauen würden. Dieser Tunnel existiert nicht, oder wenn, dann ist er ein dunkler, kalter Ort, durch den ich unablässig gekrochen bin wie ein blindes, halsstarriges Tier.
Trag das Feuer weiter besitzt viele Ansätze, die konsequent verfolgt, den Text aus dem Gros der Gegenwartsliteratur herausgehoben hätten. Die Idee, ausgehend von den 1980er Jahren, die Verbindung Europas mit Nordafrika über die Planung, Finanzierung des Gibraltar-Tunnels zu reflektieren, dieses Auf und Ab der Zusammenarbeit, die die Figuren in ein Wechselbad der Gefühle zwischen Patriotismus und Offenheit, zwischen Heimatgefühlen und Fernweh getaucht hätten, arbeitet Slimani leider nicht aus. Wie zuvor verstrickt sie sich in private Banalitäten und kleinen sexuellen Aufregern, die dem Handlungsfluss wenig, bis gar nichts hinzufügen.
Codiert wird die Geschichte der Familie durch Mehdis Fußballbegeisterung, eine Art, Patriotismus auszuleben, ohne direkt Kriege führen zu müssen. Leider verbleibt Slimani überall skizzenhaft und breitet ein Pastiche ohne Dringlichkeit vor den Augen ihres Publikums aus. Kompositorisch überzeugend, zu sprunghaft in der Erzählweise, zu brav und unausgeglichen in der Form bietet der Inhalt zu wenig, um von dem Feuer im Titel auch nur ansatzweise etwas zu verspüren. Trag das Feuer weiter wirkt eher wie ein resignatives Einschlaflied im Sinne von „Maikäfer fliegt“, nur dass statt dem „Pommerland“ nun Marokko verbrannt und in Trümmern einer verfehlten Modernisierungsepoche liegt. Ein Fremd-Heimatgeplänkel wie Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt, ohne die Dringlichkeit, die bspw. Dana von Suffrins Nochmal von vorne auszeichnet.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en):
-Mia, Tochter von Aïcha (A) und Mehdi (M) Daoud, wächst mit ihrer Schwester Inès (I) in Rabat auf, rebelliert gegen die Mädchenhaftigkeit von I, entwickelt sich zum Tomboy und fühlt sich zu Frauen hingezogen. Sie brilliert in der Schule, zieht nach Paris, wo sie auf einem Elitegymnasium den Abschluss macht, zieht daraufhin nach London und arbeitet erfolgreich als Finanzberaterin. Als ihr Vater M verhaftet wird, zieht sie zu ihrer Schwester nach Paris und beginnt dort zu schreiben, das Leben einer Schriftstellerin zu führen.
-Inès, die kleine Schwester von Mia, liebt Barbiepuppen und möchte Model oder Schauspielerin werden, beginnt mit siebzehn Jahren eine Affäre mit ihrem zwanzig Jahre älteren Theaterlehrer, Éric Baillard, trennt sich aber von ihm, zieht nach Paris, um dort Medizin zu studieren (Kardiologie), kommt mit einem wohlhabenden Pariser aus gutem Hause zusammen, Jérôme, erkennt aber die kulturell-politischen Klüfte zwischen ihnen und kommt mit Hakim zusammen, auch Medizinstudent, dem besten Freund von ihrer Schwester, Sohn eines guten Freundes ihres Vaters, lebt in Paris.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Vorwort: Die Ich-Erzählerin (später stellt sie sich als Mia heraus) hat Brainfog, nach einer Corono-Erkrankung im November 2021. Ihr Romanprojekt stockt. Sie versucht ihre Erinnerungen wiederzufinden.
1. Teil:
1980 Marokko. A schwanger, M verlässt überstürzt die Bank, die Crédit Commercial du Maroc, in Casablanca, wo er seit 1979 arbeitet, um zuhause in Rabat Fußball zu schauen, träumt von einer Fußballkarriere. Algerien spielt Marokko – er wünscht sich einen Sohn und einen Sieg von Marokko, und lässt A hochschwanger auf das Ende des Spiels warten. Algerien schießt Tor in der Nachspielzeit (Belloumi) und er bekommt eine Tochter, Inès.
Mia, 6 Jahre alt, fühlt sich bedroht durch I, versucht sie mit Kissen zu ersticken, mit 10 beschließt sie der Sohn zu werden, den M sich gewünscht hat. M selbst arbeitet an der Modernisierung Marokkos, u.a. plant er einen Tunnel zwischen Europa und Afrika, durch die Straße von Gibraltar.
Am 16. November 1987, feiert A ihren vierzigsten Geburtstag, als Gynäkologin gestresst, versucht allen Frauen aus allen Schichten zu helfen.
Amine, 73, besucht mit seiner Frau Mathilde, 64, ihren Sohn Selim in New York City, wo er als Kunstphotograph lebt und versucht ihn zu motivieren, die Farm in Meknès zu übernehmen. Selim sagt zu (übernimmt sie aber nicht).
Mia, nun ihrer Homosexualität sicher, wirbt um Abla, der Klassenschönheit, füllt sie mit Alkohol ab und befummelt sie. Krise in Marokko, Irak-Krieg 1991. Die Familie Daoud verbringt einen Monat in Meknès, um den Ausschreitungen zu entgehen. Nach dem Monat, in welchem Mia Liebesbriefe an Abla verfasst und sie ihr übergeben hat, schlägt Ablas Bruder Kamel Mia zusammen. Die Freundschaft zwischen Abla und Mia geht in die Brüche. Mia beschließt nun erfolgreich zu werden und schließt ihre Schule mit sehr gut ab.
Mia reist nach Paris ab, um dort am Lycée Henri-IV zu studieren, fühlt sich fremd, ängstlich ob ihrer Homosexualität. Vater rät ihr, das Feuer weiterzutragen.
Intermezzo:
Rückkehr Mias im August 2022 nach Meknès, alles verwahrlost, das Familienerbe darbt dahin, von Ratten zernagt. Keiner hat die Farm übernommen nach dem Tod Mathildes und Amines.
2. Teil:
Mehdi fällt 1995 beim König Hassan II. in Ungnade. Ihm wird Korruption vorgeworfen. 1997 trinkt Medhi lediglich, verschläft den Tag. A wird 50 Jahre alt.
Mia hat den Abschluss in Paris geschafft. I verknallt sich in den Theaterlehrer und beginnt einen Affäre mit dem zwanzig Jahre älteren Mann, werden von der Polizei erwischt. I besucht, nach Trennung von dem Lehrer, Mia in Paris, Weltmeisterschaft 1998, Finale Frankreich gegen Brasilien. I will sich sexuell austoben, Mia peinlich berührt, will sie beschützen, als ihr das nicht gelingt, reist sie kommentarlos nach London ab, um dort ihre Stelle als Finanzberaterin anzutreten.
Amine ereilt ein Herzinfarkt, kann sich nicht mehr selbst versorgen. Hassan II stirbt 1999, Mathilde fühlt sich in Marokko heimisch, beschließt, sich dort begraben zu lassen.
I studiert Medizin in Paris, in Beziehung mit einem gutaussehenden Sohn einer wohlhabenden Pariser Familie, aber kulturelle Differenzen verstärken sich, trifft in Rabat auf Hakim.
Amine stirbt. Mathilde darf nicht der Beerdigungszeremonie beiwohnen. Der 11. September unterbricht die Trauerzeremonien. Mathilde wütend. Selim peinlich berührt, nicht in New York gewesen zu sein.
Mehdi wird verhaftet. A außer sich, besucht ihn im Gefängnis, benachrichtigt Mia in London, die nach Paris fährt, um bei I zu sein, lässt ihren gutbezahlten Job an Goodman Partner Bank zurück. Mehdi kraftlos, will sich nicht mehr wehren, empfindet sich als Hampelmann der Mächtigen.
Mehdi, schwer krank, wird 2003 entlassen. I und Mia reisen nach Rabat, Mehdi stirbt.
Epilog:
IE auf den Spuren des geheimnisvollen des Vaters, gute Nachrichten aus Paris, Hakim und I feiern das Halbfinale Marokko gegen Frankreich bei der WM 2022 in Katar. Egal wer gewinnt, sie werden sich freuen. IE kämpft weiterhin mit dem Buch. A gegen das Buch.
●Kurzfassung: Mia tritt in die Fußstapfen ihres Vaters, wird erst Bänkerin, dann Schriftstellerin. Inès tritt in die Fußstapfen ihrer Mutter, wird Kardiologin. Die Farm in Marokko verkommt, weil keiner sich in der Familie um das Erbe ihres Großvaters, Vaters oder Bruders kümmern möchte.
●Charaktere: (rund/flach) komplex genug, unübersichtlich, nicht klar genug gezeichnet, insbesondere das Innenleben bleibt eigenartig unklar.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: Selma, die Schwester von Amine, fügt der Handlungsebene nichts hinzu – Hintergrundgeschichte, ihre Tochter spielt genausowenig eine Rolle wie der Unfall, der ihr Bein verkrüppelt, oder die Boutique, die sie führt.
●Besondere Ereignisse/Szenen: innerer Monolog von Aïcha auf dem Weg zur Arbeit (immersivster Moment). Sterbeszene in Rabat, die Betenden vor Mehdis Leichnam; die Weltmeisterschaftsnacht 1998 in Paris. Übergriff Mias auf Abla; Schlägerei mit Kamel; Gefängniszeit von Mehdi.
●Diskurs: Corona-Nachwirkungen, Fußball, Islamismus, Rechtsruck, Feminismus.
… völlig gefehlt hat die Familiengeschichte Mehdis; gar nicht erklärt oder zumindest plausibilisiert werden die Korruptionsverhältnisse in Marokko; Medhis geschäftliche Tätigkeit wird auch nicht aufgeklärt, beschrieben, was insbesondere in Bezug auf den Tunnel zwischen Gibraltar und Marokko interessant gewesen wäre; Selims Nein zur Übernahme der Farm von seinem Vater wird auch mit keiner Silbe erwähnt. Roter Faden eher der Fußball, Teil der Völkerverständigung; Beziehung zwischen Jerome und Ines, abrupt beendet, das Zusammenkommen mit Hakim kaum erwähnt.
… trotz guter Anlagen, interessanter, dynamischer Figuren bleibt der Plot zu oberflächlich. Es fehlen schlicht die äußeren Konfliktfelder, die Ökonomie Marokkos, die Korruption im Königshaus, die Problematik auf der Farm, im Krankenhaus, die Religion als Zankapfel im Hause der Daouds etc … all dies bleibt so fade, schematisch, undeutlich skizziert, dass sich eine Dynamik gar nicht erst ausbildet, und so plätschert das Buch sehr angenehm vor sich hin. Bunt, distanziert, ertragend, akzeptierend, irgendwie desillusioniert, resigniert und daher mit gnädigem Blick auf die eigene Familie unterwegs. Dringlichkeit jedoch gibt es nicht
–> 3 Sterne
Form:
●Eindruck: sehr geschliffene Sprache, gute gebaute Sätze, angenehm geschrieben, nicht verhakelt, viele abwechslungsreiche Satzanschlüsse, nicht hyperkomplex, aber auch nicht simplizistisch, sehr salonfähig, geschmeidig, mit ein paar Entgleisungen in Sachen Obszönitäten oder Vulgarismen, die im Gesamtgefüge fremdartig wirken.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) wirkt fiktional, erzählerisch, durch deutliche Figurenzeichnungen
●Wortschatz/Wortzahl: Abwechslungsreich, vielgestaltig, etwas sehr dialoglastig, aber stets um Schriftsprachlichkeit bemüht
●Auffälligkeiten: nein
●Innovation: nein
–> 3 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: Als Rahmenhandlung eine Ich-Erzählerin (Mia), die sich auf Spurenlese begibt, nach Marokko reist (Meknès) und dann wieder in Paris weilt. Zwischendrin jedoch springt eine unbekannte Erzählinstanz episodisch von Person zu Person, berichtet aus deren Augen querbeet über die Ereignisse, mal vor, mal zurück schauend. Eher regisseurhaft.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): in der Rahmenhandlung sowohl als auch, nur nicht in der Binnenhandlung, dort eher frei improvisiert.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: unkommentierend, sehr friedlich, sehr plätschernd, ein Abgesang auf eine Möglichkeit, die es scheinbar nicht mehr gibt.
●Einschätzung: Mia als Schriftstellerin kommt nicht wirklich durch, ihr Projekt selbst, das Buch, die Chronik ihrer Familie, wird nicht klar. Eher diffus. Eher gelangweilt, nicht poetisch getrieben. Sie will etwas aufarbeiten, weiß aber nicht was. Zu sprunghaft.
–> 2 Sterne
Komposition:
●Eindruck: Es gibt ein kompositorisches Prinzip, der Fußball – der Code: Patriotismus/Exil, Vater/Tochter, Mann/Frau, Krieg/Frieden, Nordafrika/Europa. Alles dies webt sich zusammen, vom Afrika-Cup 1980 zum Weltmeisterschaftshalbfinale 2022, Marokko gegen Algerien, Marokko gegen Frankreich, dazwischen wird Frankreich Weltmeister.
●Signal/Noise-Ratio: stark figurenbezogen, wenig Noise, aber ein paar Figuren spielen keine Rolle (Selim, Mathilde, Amine und Selma). Für den Familienhintergrund hätte es keiner eigenen Abschnitte bedurft. Auch die Auseinandersetzung mit den Großeltern fehlt völlig.
●Operative Geschlossenheit: stark geschlosssen, Fremde/Heimat, das eigene/das fremde Land, etc …
●Rahmenstabilisierende Details: durch Ich-Erzählerin Mia
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr abwechslungsreich durch die Perspektiven.
●Extradiegetische Abschnitte: nein, keine
●Lose Versatzstücke: ein paar Fäden werden gar nicht verbunden, viele Lücken, siehe Plot.
●Reliefbildung: par Force-Ritt durch 22 Jahren marokkanische Geschichte.
●Einschätzung: kompositorisch überzeugend, abwechslungsreich, multiperspektivisch, am Ende zu gerafft.
–> 4 Sterne
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Liess sich leicht lesen, hat einen gewissen Fluss, eine gewisse Rhythmik, gute Kompositorik, bleibt aber zu oberflächlich, ungefährlich, zu distanziert, zu unentschieden, disparat. Gefängniszeit von Mehdi zu skizzenhaft, dennoch gelungen; Mias Übergriff auf Abla, unangenehm, aber auch eindrucksvoll.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja
●ein zweites Mal lesen? Nein, denke nicht, zu substanzlos
–> 4 Sterne
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Martin Walser: „Ein fliehendes Pferd“

Mitreißend erzähltes Ehedrama, leider ins Prokrustesbett der Novellenform gehackt.
Inhalt: 5/5 Sterne (Eheproblematik)
Form: 3/5 Sterne (bieder)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (personal-authentisch)
Komposition: 2/5 Sterne (zu hastig abgehandelt)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (immersiv)
–> 19/5 = 3,8 = 4 Sterne
Ein fliehendes Pferd gab Walsers Karriere 1978 einen erneuten Schub, der zuvor eher für langweilige Mittelschichtsromane bekannt gewesen ist und von Marcel Reich-Ranicki bevorzugt verrissen wurde. Wie so oft steht bei Walser die Liebes- und Sexproblematik innerhalb einer Ehe im Zentrum des Geschehens. Hier, Sabine und Helmut, die zum elften Mal an den Bodensee fahren, sie, um Menschen anzuschauen, er, um Sören Kierkegaards Tagebücher endlich zu lesen. Sie werden aus ihrer Ruhe heraus gestört, und zwar durch seinen Jugendfreund Klaus Buch und seine achtzehn Jahre jüngere Partnerin Helene:
Obwohl er jetzt allmählich zugeben müsse, einen Freund gehabt zu haben, der Klaus Buch geheißen und ausgesehen habe wie der junge vor ihm stehende Mann, könne er den vor ihm Stehenden überhaupt nicht mit dem in seiner Erinnerung allmählich auftauenden Klaus Buch zusammenbringen, einfach weil sein Klaus Buch inzwischen auch sechsundvierzig sein müßte, während der vor ihm Stehende doch eher sechsundzwanzig sei. Samt seinem Mädchen. Vor allem wegen seines Mädchens. All das sagte Helmut nicht.
Was sich nun entspinnt, lässt sich als Edward Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf? nur mit bundesrepublikanischen Mitteln bezeichnen. Die Vierer-Konstellation bringt sich gegenseitig in Schwung, setzt gegenseitig Hoffnung in die jeweils anderen und lässt sogar eine Art Seitensprungphantasie zu. Klaus, der sportliche Überflieger, sucht Nähe zum ausgeglichenen, zufrieden reflektierten Helmut. Wo Klaus zu viel sein will, will Helmut zu wenig sein. Beide kommen mit der Dialektik Person-Selbst, oder Sein-Schein nicht zu Rande.
Jedesmal, wenn [Helmut] das Erkannt- und Durchschautsein in Schule oder Nachbarschaft demonstriert wurde, die Vertrautheit mit Eigenschaften, die er nie zugegeben hatte, dann wollte er fliehen. Einfach weg, weg, weg. Die benützten Kenntnisse über ihn, deren Richtigkeit er nicht bestätigt hatte. Sie benützten sie zu seiner Behandlung. Zu seiner Unterwerfung. Zu seiner Dressur. Die wußten ihn zu nehmen. Und je mehr die ihn zu nehmen wußten, desto größer wurde seine Sehnsucht, wieder unerkannt zu sein. Wenn jemand von ihm noch nichts wußte, war noch alles möglich.
Das erinnert nicht nur an Max Frischs Stiller, das ist dasselbe Buch nur in unangemessener Kurzform mit ein paar rasanten Episoden vergossen. Die Wiederaufnahme des Albee- oder Stiller-Stoffes, oder Goethes Wahlverwandtschaften würde nicht stören, aber die gewollt, zerhackte, verkürzte, verkleinerte Erzählform, die Novelle, die gar nicht passt. Ein durchgehendes Pferd einzufangen, dient nicht als unerhörte Begebenheit, auch nicht ein Sturm auf dem Bodensee. Das wirkt manieriert und hinterlässt einen faden Beigeschmack eines ansonsten wohlaustarierten, obgleich nicht schönen Textes, der aber durch seine Intensität zum Wiederlesen einlädt.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Das Buch liest sich schnell, angenehm, die Erzählstimme wird völlig in die von einem Helmut Halm verlagert, der mit sich im Widerstreit liegt und durch Klaus Buch eine Konfrontation mit seinen eigenen Ängsten erfährt. Nichts an dem Buch wirkt schwerfällig, die Atmosphäre, die Personenkonstellation, der Gang der unerhörten Begebenheit mit dem Einfangen des durchgehenden Pferdes etc … wohlaufgehoben, wohlsituiert, für sich stehend; vielleicht als Stoff nicht ganz als Novelle geeignet, wirkt daher eher wie ein zu kurz geratener Roman, zumal die Fabel, die Pointe, nicht wirklich zur Geltung kommt.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, besitzt einen hohen Fiktionalitätsgrad, ästhetisch
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, Helmuts Figur und Psyche erweisen sich lebendig
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, Walser schreibt nicht schön, aber flüssig
●stimmig?(Komposition: ja/nein) fast, die Länge erweist sich hier eher als gekünstelt
●ein zweites Mal lesen? Vielleicht, wegen des Stoffes, nicht wegen der Sprache; Walser Sprache lädt nicht zum Wiederlesen ein, auch nicht die Erzählstimme oder Erzählweise, die kaum Komik, kaum Ästhetik besitzt; seine Form der Stoffverarbeitung jedoch ist interessant.
–> 4 Sterne
Inhalt:
●Hauptfigur(en): Helmut Halm (HH), Ende vierzig, verheiratet mit Sabine (S), hat eine Hündin namens Otto, Lehrer von Beruf, fährt zum elften Mal an den Bodensee in den Urlaub.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. S und HH sitzen an der Promenade, S schaut gerne Menschen zu, HH möchte gerne Kierkegaards Tagebücher lesen und fühlt sich beäugt und etwas vom Gesicht seiner Frau bedrängt
2. Klaus Buch (K) und seine Gattin Helene (H), 18 Jahre jünger als K, treten auf sie zu. K und HH sind Jugendfreunde, haben sich aber seit 23 Jahren nicht mehr gesehen. HH erkennt K kaum wieder. HH schon immer neidisch auf K gewesen.
3. K erinnert sich besser als HH, der kaum noch die Vergangenheit vor Augen hat. Die Freundschaft zwischen ihnen bestand zwischen dem elften und dreiundzwanzigsten Lebensjahr. HH flieht der Selbsterkenntnis.
4. HH und S auf dem Boot von K und H. HH hat kalte Füße. K spricht von seinen Büchern, verdient sein Geld als Journalist, hat sich von erster Frau, Herta, getrennt, wegen Stagnation. H macht spitze Bemerkungen K gegenüber. K erinnert an Jugendsünden (Wettpissen). HH versucht K und H abzuwimmeln, ohne Erfolg.
5. Abendessen. K hat Angst vor dem Hund, ekelt sich aber vor ihm. K wiederholt immer wieder gegenüber H „magst mich nicht mehr, gell?“ HH erinnert sich an hämmernde Sexgeräusche in Italien, in einem Hotel Grado, an seiner Unfähigkeit, ebenfalls so dynamisch Sex zu haben. Er entzieht sich der physischen Intimität und rollt sich in Fötushaltung zusammen, träumt vom Sarg. S schlägt vor, dass sie K nach Sex fragen soll.
6. Ausflug zum Höchsten, einem Hügel in der Nähe vom Bodensee. Regen und Aussichtslokal. Ein Pferd geht durch, das Klaus einfängt.
7. Abendessen, S erzählt von HHs Arbeitsgewohnheiten, sein Lesen. K redet abwertend über die Arbeit, die das Erotische zerstöre. Am Abend gibt S zu, dass sie sich von K angezogen fühlt. HH besitzt Gewaltphantasien ihr gegenüber, sollte es zur Affäre kommen.
8. S entzieht am nächsten Tag K, H geht für ihr Buch über ältere Frauen recherchieren, und K und HH machen einen Segeltörn, auf dem K versucht, HH zu einem Neuanfang zu bewegen, auf den Bahamas. K soll S verlassen und mit ihm losziehen, wie früher, statt zu stagnieren. Ein Sturm bricht los. K überwältigt von der Herausforderung riskiert ein gefährliches Segelmanöver. HH überkommt Angst. Er tritt K die Pinne aus der Hand, der über Bord geht. HH rettet sich ans Ufer.
9. K wird vermisst. HH und S versuchen sich mit Sport abzulenken, kaufen Räder, beschließen Laufen zu gehen, als H ankommt, auf die gesunde Ernährung pfeift, und nun statt Wasser Calvados trinkt und auch noch raucht. Sie erzählt, wie K sich wie ein Versager fühlt, unausgeglichen ist, nicht mit sich und der Welt zu Rande kommt, und sie an ihrer Musikkarriere gehindert hat. Als sie Schubert pfeift, tritt K ins Zimmer, nimmt H mit, kein Wort zu HH. Anlässlich der Erzählung von H über die dicken Mauern in Montpellier, die also Ruhe und Abgeschiedenheit erlauben, im Gegensatz zum Hotel Grado in Italien, reisen HH und S dahin, um, wahrscheinlich, Sex zu haben.
●Kurzfassung: Ein ruhiges Ehepaar gerät durch einen Jugendfreund in Aufruhr und werden dadurch motiviert, etwas Neues zu versuchen, nämlich nach elf Reisen zum Bodensee eine nach Montpellier.
●Charaktere: (rund/flach) überzeugend, biedere Männer im mittleren Alter, Helene und Sabine, die Frauenfiguren, eher etwas schwach.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: nein, streng komponiert, ohne viel Drumherum.
●Besondere Ereignisse/Szenen: das Einfangen des Pferdes und das Fast-Kentern des Segelschiffes, aber auch die Bettszene zwischen Sabine und Helmut.
●Diskurs: keine überpersönlichen Diskurse, vielleicht der Oberstudienrat-Bildungsdünkel mit Kierkegaard und Nietzsche etc
… der Plot überzeugt; das System Intimität, das aus seiner Inkommunikativität gerissen wird, durch äußeren Einfluss. Vgl. Edward Albee Wer hat Angst vor Virginia Woolf? und Johann Wolfgang Goethes Die Wahlverwandtschaften.
… die Männerproblematik findet hier eine beeindruckende Gestaltung, das mehr Sein als Schein wollen, aber nur im Schein sich sicher zu fühlen, also den Schein zu überziehen und dann unter Impotenz ob der sich selbst auferlegten Diskrepanz zu leiden. Leib-Seele-Problematik.
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: klare Er-Perspektive, aus Sicht von Helmut, in seinem Innenleben verankert, teilweise rhapsodisch, aber authentisch, beeindruckend und immersiv
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): ja, durch die Augen des erlebenden, nacherzählenden Helmut, im Zuge auf dem Weg nach Montpelier. Eine wirkliche Reflexion findet aber nicht statt.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: eher mitgerissen, überfordert, hastig, verhaspelt.
●Einschätzung: sehr passend zum Stoff, eine Er-Erzählung, da die Begebenheiten mehrere Figuren umfasst, und es zu der Pferd- wie Segeltörn-Episode kommt.
–> 5 Sterne
Form:
●Eindruck: keine schöne Sprache, keine interessanten Wörter, keine mitreißenden Sätze, nichts, was diesem Buch irgendeine Schönheit geben würde, eher nüchtern, sachlich, kalt gehalten, eine sehr brutale, Schraubzwingen-artige Form der Sprachverwendung, aber in diesem Sinne zum Erzähler passend, als Biedermann.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) durch die Innenperspektiv mit hohem Fiktionalitätsgrad versehen, klare Schriftsprache, eben keine mündliche Erzählung. Der ästhetische Rahmen als solcher ist gegeben.
●Auffälligkeiten: „Du magst mich nicht mehr, gell?“ von Klaus, und Helmuts „Ach du. Einziger Mensch. Sabine.“ Teilweise etwas unappetitliche Vergleiche.
●Innovation: eher nicht. Sprache nicht störend, aber nicht überzeugend, irgendwie ernüchternd und platt, biedermeierlich.
–> 3 Sterne
Komposition:
●Eindruck: leider unausgewogen, zu kurz, und auch keine „unerhörte Begebenheit“, denn das Pferd-Einfangen taugt nichts, und der Segeltörn auch nicht. Als Novellenform misslungen, klarerweise, denn die Charakterisierung hätten auf mehr Seiten deutlich überzeugender ausfallen können, überhaupt wirkt das Buch zur sehr gerafft durch die Kürze, zu hastig, zu gewollt die Rahmengebung, die gar nicht passt. Helmut erzählt auf dem Weg nach Montpellier Sabine ihren eigenen Urlaub? Das wirkt gewollt.
●Signal/Noise-Ratio: keine Abschweifung, hohe Konzentration, fast zu hohe.
●Operative Geschlossenheit: ja, durch den Konflikt sehr geschlossen und die Erzählfigur auch, das inkommunikative, träge System wird durch die Umwelt zur Adaption gezwungen.
●Rahmenstabilisierende Details: nein, keine, die fehlen. Es wirkt daher etwas karg und hastig skizziert, wie ein Drehbuch oder ein Theaterbühnenskript. Wurde tatsächlich auch für beides verwendet.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): zu hastig, schnell, abgekürzt, lädt nicht zum Langsamlesen ein.
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: keine
●Reliefbildung: Zickzack in Hochgeschwindigkeit, unpassend zur Erzählfigur
●Einschätzung: das Vorhaben, eine richtige, nach Goethes Diktum, Novelle zu gestalten, wirkt hier nicht und fad, der Stoff hätte mehr Seiten bedurft. Hinterlässt etwas Kurzatmiges.
–> 2 Sterne
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Jane Austen: „Emma“

Souveränes Bäumchen-Wechsel-Dich, präzise, zielstrebig und souverän erzählt.
Inhalt: 5/5 Sterne (dynastisches Bäumchen-Wechsel-Dich)
Form: 4/5 Sterne (gepresst-gepflegt)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (souverän innen wie außen)
Komposition: 5+1/5 Sterne (operativ dicht geschlossen)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (viktorianisch-eng)
–> 23/5 = 4,6 = 5 Sterne
Emma (1814) heißt der letzte vollendete Roman von Jane Austen, die 1817 bereits im Alter von 42 Jahren verstarb. Ihre Romane spielen in dem niederen, dem sogenannten Landadel, der sich um seine dynastischen Interessen kümmert und seine operative Geschlossenheit als sozialer Raum gegen das Bürgertum, den Kaufleuten, und die Landwirte absichert. In Emma muss sich die Familie Woodhouse, mit zwei Töchter (Emma und Isabella), und die Familie Knightley, mit zwei Söhnen (George und John), gegen Begehrlichkeiten sozial weniger geachteter Familie erwehren (die Pastorenfamilie Elton und die Kaufmannsfamilie Weston). Der Roman beginnt mit dem Übernahmeversuch der Westons, die Emmas Erzieherin, Anne Taylor, in ihr Haus gelockt haben:
Und doch stand [Emma und ihrem Vater] Kummer bevor, gelinder Kummer allerdings und keineswegs in Gestalt von unliebsamer Selbsterkenntnis. Miss Taylor heiratete. Der Abschied von Miss Taylor brachte Emma den ersten seelischen Schmerz. Am Hochzeitstag ihrer geliebten Freundin hing sie zum ersten Mal längere Zeit trüben Gedanken nach. Die Feier war vorüber, das Brautpaar fort, und ihr Vater und sie mussten sich allein und ohne Aussicht auf Gesellschaft, die ihnen den langen Abend verkürzen half, zum Dinner niedersetzen.
Verlassen von Mrs. Taylor, die nun Mrs. Weston heißt, muss sich Emma ein neues Hobby suchen und befreundet sich mit dem Waisenkind Harriet Smith, das sie zu sich auf die soziale Ebene ziehen möchte. Diese Dynamisierung erfasst mehr oder weniger das ganze Dorf. Zusammen mit Frank, dem Sohn aus der unglücklich verlaufenen ersten Ehe von Mr. Weston, findet ein Bäumchen-Wechsel-Dich in Highbury samt Ball und Erdbeerpflücken statt. Westons streben alsbald danach, Frank mit Emma zu verkuppeln, um die Übernahme zu besiegeln. Emma erscheint zuerst nicht gänzlich abgeneigt:
»Es muss wohl Liebe sein«, sagte sie sich. »Dieses Gefühl von Lustlosigkeit, diese Teilnahmslosigkeit, dieser Stumpfsinn, diese Unlust, mich hinzusetzen und mich zu beschäftigen, dieser Eindruck, dass alles im Haus öde und fade ist! Ich muss wohl verliebt sein. Ich wäre das merkwürdigste Geschöpf der Welt, wenn ich es nicht wäre – einige Wochen lang mindestens. Aber des einen Glück ist des anderen Unglück.«
Nun müssen jedoch familiäre Interessen gewahrt und sozialer Abstieg vermieden werden. Operativ hält sich Jane Austen in Emma sehr eng an der Idee, wie sich der Landadel immunisiert, wie er die Besitzstände wahrt, wie er trotz Liebe, Gefühl, Begehren und Poetizität stets das Große und Ganze des sozialen Raumes betrachtet und sich gegen Fremdeinflüsse schützt. In dieser olympischen Souveränität lässt Austen ihre Figuren herumlaufen, um am Ende alle Fäden im Sinne des operativen Abschlusses zusammenzuführen, und dies sprachlich wie handlungstechnisch überaus gnadenlos.
Emma liest sich oberflächlich wie eine Romanze, etwas tiefgründiger wie eine Variante der Widerspenstigen Zähmung, kompositorisch jedoch spricht aus jeder Zeile die Etikette, der große Andere, das moralische Gesetz des Standesdünkels und der Besitzstandswahrung. Fast unheimlich setzt es sich hinter den Rücken der Erzählinstanz und der Figuren durch und hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck, der zwischen krasser Rationalität, repressiver Enthaltsamkeit und strikt codierter Virtuosität schwankt – ohne auch nur einen einzigen Angriffspunkte zu zeigen. Emma steht als Roman für sich, uneinnehmbar, und liest sich wie eine einzige, ins narrative verschobene, Machtdemonstration.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: das Buch liest sich geschmeidig, schmökerisch weg. Es besitzt eine gewisse angenehme Ruhe, sehr entfernt, wenig aufdringlich, da die Figuren eine gewisse Souveränität ausstrahlen. Keine anstrengende Lektüre. Sehr leicht. Schockmomente, als Emma Miss Bates beleidigt, und als Emma sich plötzlich nicht mehr für Harriet interessiert. Etwas poetisch gebremst, rein gehalten. Kein Überschwang.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) definitiv, hoher Fiktionalitätsgrad.
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) sehr glaubwürdig, eine Salondame spricht
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) vielleicht, eher angenehm, ansprechend, formvollendet
●stimmig?(Komposition: ja/nein) nicht ganz, die Komposition mit Harriet kippt, zu schnell am Ende abgehandelt, etwas kurzatmig plötzlich
●ein zweites Mal lesen? Denke nicht, dafür dreht sich das Buch viel zu sehr um den Inhalt, und wie Emma mit Knightley, und ob sie zusammenkommen.
–> 3 Sterne
Inhalt:
●Hauptfigur(en):
-Emma (E) Woodhouse, 21 Jahre alt, lebt mit ihrem verwitweten Vater Henry (H) auf Highbury, wohlhabend, Schwester Isabella, älter, verheiratet.
-George Knightley (K), 37 oder 38 Jahre, ledig, Bruder des Ehemannes von Emma.
-Ms. Anne Taylor Weston (ATW), nun Mrs. Weston, Gouvernante Emmas für 16 Jahre, heiratet Mr. Weston und bekommt ein Kind mit ihm.
-Mr. Weston (W), verwitwet, ruiniert aus erster Ehe mit Sohn Frank, den er dem Bruder seiner verstorbenen Frau zur Pflege gegeben hat, den Churchills, wurde Kaufmann, um sich finanziell wieder zu etablieren, heiratet dann Ms. Taylor, als er sich das Anwesen Randall leisten kann.
-Frank Churchill (F), Sohn von Mr. Weston, wächst bei seinem Onkel und dessen Frau auf, Witzbold, Draufgänger, sucht Verbindung mit seinem Vater Mr. Weston und besucht Highbury in diesem Zuge.
-Jane Fairfax (J), Mrs. Bates Enkelin und Miss Bates Nichte, Vollwaise, Kind der jüngeren Tochter von Mrs. Bates, wächst in Highbury auf, wird aber aus Mitleid an den ärmlichen Verhältnissen der Bates von einem Freund ihres Vaters, Oberst Campbell, im Alter von acht Jahren aufgenommen. Sie soll Gouvernante werden.
-Harriet Smith (HS), uneheliches Kind eines Kaufmannes, wächst in einem Internat auf, 17 Jahre alt.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. E und ihr Vater H betrübt von As Heirat mit W. E beschließt, nun Pastor Philip Elton (PE) unter die Haube zu bringen. Heiratsschmieden als Zeitvertreib.
2. E sehnt Besuch von F herbei, um etwas Bewegung in Highbury zu bringen.
3. Kartenpartie bei den Woodhouse. E lernt HS kennen, ihr neustes Projekt.
4. E verhindert, dass HS sich mit dem Bauern Robert Martin (RM) vermählt, indem sie HS Flausen in den Kopf setzt.
5. K im Gespräch mit A findet, dass E hochmütig ist, die Freundschaft mit HS fördert diesen.
6. E bringt PE und HS in Berührung, malt HS und PE will das Porträt in London rahmen lassen.
7. HS lehnt RMs Heiratsantrag ab. E droht HS mit Freundschaftsabbruch, sollte sie annehmen.
8. K spricht sich für RM aus. K kritisiert E.
9. Silbenrätselspiel bei den Woodhouse. PE präsentiert eines für „Hoch-Zeit“, E sieht darin seinen Wunsch, HS zu heiraten, die das Rätsel aber nicht zu lösen versteht.
10. HS und E auf einem Spaziergang. E beteuert, wegen ihres Vaters nicht heiraten zu wollen. HS und E verspüren Mitleid mit den Armen. E lässt ihr Schuhband reißen, um einen Vorwand zu haben, bei PE einzukehren. PE und HS kommen sich aber nicht näher.
11. Weihnachtsbesuch von Es älterer Schwester mit fünf Kindern. Gespräch über den baldigen Besuch von F.
12. Gespräch über die Luftqualität in London. Krisengespräch über eine Kur oder Reise von Isabella nach Southend.
13. HS krank, kann dem Weihnachtsessen nicht beiwohnen. E besucht sie, trifft dort PE, der sich aber kaum um die Krankheit von HS kümmert, stattdessen gute Laune zeigt. John Knightley, Emmas Schwager, vermutet, dass PE HS nicht heiraten möchte.
14. E freut sich auf Treffen mit F, den sie als Ehemann akzeptieren könnte. Sein Besuch hängt aber von seiner Tante und seinem Onkel in Enscombe ab.
15. PE wird während des Weihnachtsessen E gegenüber immer aufdringlicher. Es beginnt zu schneien, sodass das Essen vorzeitig beendet werden muss. E findet sich allein mit PE in einer Kutsche, wo dieser ihr einen Heiratsantrag macht, den E mit Verweis auf HS ablehnt. PE empfindet HS aber unter seinem Stand.
16. E schockiert, verbringt ruhige Momente wegen des Schnees, stolz auf ihre Wurzeln.
17. PE empfiehlt sich mit einem Brief an Es Vater und reist nach Bath ab. E unterbreitet HS die Botschaft, die am Boden zerstört ist.
18. F sagt seinen Besuch erneut ab. K und E streiten sich ob seines Charakters. K hält F für einen Schwächling. E idealisiert ihn.
19. E besucht die Bates, die den Besuch ihrer Enkelin/Nichte JF erwarten, die von PE berichtet.
20. JF Hintergrundgeschichte. Campbells eigene Tochter hat Mr. Dixon in Irland geheiratet, den die Campbells besuchen, indessen JF bei ihrer Großmutter weilt. E hat Konkurrenzgefühle gegenüber JF. JF kennt F, sagt aber nichts über ihn.
21. Nachricht von PEs Heirat mit Augusta Hawkins. HS platzt bei E herein, hat RM gesehen.
22. E entschließt sich, die Familie Martin mit einem kurzen Besuch zu demütigen.
23. E bringt HS für 15 Minuten zu den Martins und holt sie dann ab, bevor HS sich mit ihnen versöhnen kann. F kündigt seinen Besuch an.
24. Spaziergang F mit E. F plant einen großen Ball für alle. E spekuliert mit ihm über JF Anwesenheit, dass sie von Mr. Dixon wohl ferngehalten wird, weil sie ihre Ziehschwester in allem übertrifft.
25. F lässt sich in London die Haare schneiden. Die Nase wird hierüber gerümpft. Coles, die zu Geld gekommen sind, laden zu einem Essen ein. Es Vater erlaubt ihr hinzugehen.
26. Treffen bei den Coles. Jemand hat JF ein Klavier liefern lassen. E und ATW spekulieren über Ks Verhältnis zu JF, der sie mit der Kutsche abholen lassen hat, wohlmöglich sogar das Klavier schenkte. E entsetzt über diese Möglichkeit, auch im Sinne des Erbes von K, das Henry, Isabellas Sohn, zufallen soll. JF und E Wettbewerb am Klavier. E tanzt danach mit F, K aber nicht mit JF.
27. E geht mit HS shoppen. Sie treffen auf F und ATW, die JFs Klavier anhören wollen. Bei den Bates erzählt Miss Bates von den Äpfeln, die K ihnen geschenkt hat.
28. Klavierspiel bei den Bates, K kommt vorbei, tritt aber nicht ein, weil F zugegen ist.
29. F organisiert einen Ball in „Der Krone“. Mr. und Mrs. Weston wünschen sich eine Verbindung zwischen E und F.
30. F wird, bevor der Ball stattfinden kann, nach Enscombe, zur kranken Tante, zurückgerufen. E vermisst F, etwas verliebt.
31. Nach Fs Abreise, HS wieder über PE, von dem E nichts mehr hören will.
32. Eltons wieder zugegen, Mrs. Elton (Augusta Elton, AE), zeigt sich hochnäsig, redet von Maple Grove, mischt sich in alle Angelegenheiten ein.
33. AE wirbt um JF. K streitet Interesse an JF ab. E zufrieden.
34. E lädt die Eltons zum Dinner ein, um der Etikette genüge zu tun. Salongespräch über die Post, Skandalon, JFs Weg zur Post im Regen.
35. ATW bringt die Nachricht, dass F wieder zu Besuch kommt. AE nervt JF mit dem Angebot, für sie eine angemessene Stelle zu finden.
36. Mr. Weston lästert mit AE über Fs Tante, die ständig „krank“ zu sein scheint. Isabellas Söhne werden zu E gebracht.
37. F wieder da. E desinteressiert. Der Ball soll stattfinden.
38. E und K kommen sich auf dem Ball näher. K rettet HS aus der Bredouille, als niemand sie auffordert, PE bewusst an ihr vorübergeht. E und K tanzen miteinander.
39. HS wird von Vagabunden bedrängt. F rettet sie und bringt sie zu HS. Großes Gesprächsthema, die Vagabunden fliehen.
40. HS nun verliebt in F, vernichtet die Andenken an PE, Bleistiftstummel und Pflaster. E rät HS, sich bedeckt zu halten.
41. K vermutet etwas zwischen JF und F. E lehnt die Möglichkeit ab. F provoziert JF beim Worterätsel mit „Dixon“.
42. K lädt die Gesellschaft zum Erdbeerpflücken ein, auf Donwell Abbey. E exploriert Ks Anwesen. AE hat eine Anstellung für JF gefunden, die abrupt aufbricht. Kurz darauf erscheint F, sehr schlecht gelaunt. E lädt F dennoch zu einem Ausflug nach Box Hill ein.
43. Auf dem Ausflug flirten E und F heftig miteinander. E lässt sich hinreißen, die höfliche Miss Bates öffentlich zu verspotten, die es traurig akzeptiert. K nimmt sie zur Seite und kritisiert sie dafür, da Miss Bates sozial gesehen ausgeliefert ist. E weint auf der Rückfahrt.
44. E besucht Miss Bates, um sich zu entschuldigen. JF entzieht sich E. Es gibt eine Anstellung beim einer Mrs. Smallridge. F nach Richmond, zu seiner Tante, abgereist.
45. JF sehr krank. E bemüht sich um sie, vergeblich. Nachricht vom Tode Mrs. Churchhills trifft ein, Fs Tante.
46. Mr. Weston holt E ab, bringt sie zu ATW, wo sie schüchtern vom Verhältnis zwischen F und JF berichten, das bereits seit fast einem Jahr besteht. Sie sind verlobt. E hegt keine Gefühle mehr für F. Alle sind erleichtert.
47. HS besucht E, berichtet von der Verbindung zwischen JF und F. E erstaunt, wie locker sie die Nachricht nimmt, bis E erfährt, dass HS schon seit längerem K liebt. E voller Selbstzweifel.
48. E fühlt sich bedroht, entdeckt, dass sie K liebt, schämt sich für ihr Verhalten beim Ausflug nach Box Hill. E und ihr Vater blasen Trübsal, wie ein Jahr zuvor, bei ATWs Heirat.
49. Treffen von K und E. K gesteht seine Liebe. E glücklich.
50. E erhält von ATW einen Brief von F, in welchem er sich für sein Verhalten entschuldigt. F hat JF das Klavier geschenkt. Als F verärgert zum Erdbeerpflücken kam, traf er JF. Sie stritten sich. JF gewillt eine Stellung anzunehmen, wenn die Verlobung länger geheimgehalten wird. JF deshalb krank gewesen, drohte mit der Auflösung der Verlobung. Fs Antwort aber wurde von der Post verbummelt. JF wurde deshalb schwer depressiv und arrangierte sich damit. Durch den Tod der Tante ist der Weg aber frei. Der Onkel gibt F seinen Segen.
51. K liest Fs Brief, erkennt, dass F nicht völlig übel ist. K schlägt E vor, zu ihnen zu ziehen, um E nicht die Wahl zwischen ihm und ihren Vater aufzuzwingen.
52. E besucht JF. Sie versöhnen sich.
53. ATW bringt eine Tochter zur Welt. Ks und Es Verlobung wird bekanntgegeben.
54. HS kehrt zurück. RM hat wieder um ihre Hand angehalten und wurde erhört.
55. Wiedersehen mit HS. Herkunft nun gelüftet, HS ein uneheliches Kind von einem Kaufmann, deshalb kein Heiratsmaterial für PE, K oder F. HS heiratet RM, dann K und E, und bald soll die von JF und F folgen.
●Kurzfassung: Emma besitzt einen schwachen Vater und amüsiert sich damit, sich in anderer Leben einzumischen, wählt sich Harriet als Projekt und verzettelt sich. Am Ende finden alle Paare zusammen und Harriet heiratet den Landwirt, den sie von Anfang an heiraten wollte.
●Charaktere: (rund/flach) sehr ausgestaltet, sehr rund, sehr lebendig.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: Emmas Schwester Isabella und ihre Familie erscheinen gänzlich überflüssig. Campbells und Churchills als außenstehende Familie sind notwendig, um das Verhältnis zwischen Jane und Frank zu ermöglichen. Isabella aber nicht, sie spielt keine Rolle.
●Besondere Ereignisse/Szenen: als Emma und Knightley zusammenkommen, und die Erzählinstanz den Moment der Wonne nicht ausgestaltet, sondern verschiebt, diffusioniert
●Diskurs: Heirat, Schicksal der Frau, Ausgeliefertheit der Frau zwischen Ehe und Gouvernantentätigkeit
… großes Geheimnis um die Vornamen. Emmas Vaters nur einmal indirekt genannt (Henry), Mr. Knightleys ebenfalls nur an zwei Stellen (George), wie auch Mr. Elton (Philip) und Mrs. Taylor (Anne).
… Jane Fairfax erinnert an Jane Eyre, in vielerlei Hinsicht (Waise, Gouvernantentätigkeit).
… wohltemperiertes Heiratsdrama, das tatsächlich durch seine Vielfältigkeit interessant bleibt. Es fehlt vollständig der Alltag arbeitender Menschen, überhaupt jedweder physiologischen Tätigkeit, Putzen, Toiletten, Mauern, Handwerk etc … existieren in dieser Welt des Salons nicht. Hier schlägt Eliot in Middlemarch einen ganz anderen Ton an. Dennoch bleibt das Interesse im Fegefeuer der Eitelkeiten erhalten, vor allem durch Jane Fairfax und Miss Bates.
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: schwierige auktoriale, sich mischende, vermischende Erzählinstanz, aber in der Immersion sehr überzeugend, sehr immersiv, indem Denken und Sagen in Schwebe gehalten werden, ineinsgesetzt, d.h. das Bewusste bleibt insgesamt ein sozialer Rahmen, das Unbewusste wird komplett verdrängt, und auf diese Weise gibt es zwischen Gespräch und Selbstgespräch keinen Unterschied. Sehr einzigartig.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nein, die Erzählinstanz geht völlig als Raum der Handlung auf, kaum zu trennen. Fast unsichtbar, bis auf ein paar Kommentare.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: abgeklärt, souverän, verfügend über alles und jedes, sehr ruhig und gelassen, geradezu olympisch, unberührbar
●Einschätzung: obwohl jedwede präzisierte Erzählinstanz fehlt, erhält das Buch hohe Glaubwürdigkeit und Authentizität, geradezu filmisch präsent, echt. Die Erzählweise mit ihrer Durchmischung von Innen und Außen rundet das Werk und schließt es auf dritter Ebene operativ in einem strikten Code ab.
–> 5 Sterne
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoher Fiktionalitätsgrad, eigenständig, sich erhaltend, nicht abhängig durch den Stoff der Liebe, der Ehe, der Lüge und der Angst, alleine dazustehen, auch soziales Drama.
●Wortschatz/Wortzahl: 157439 Wörter.
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 80,5% (vgl „Jane Eyre“ 76%) (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: 943 (vgl. Jean Paul „Siebenkäs“ 2790 Wörter)
●Auffälligkeiten: im Grunde sehr langatmig, geziert, repetitiv geschrieben, im Sinne des sich wiederholenden Salongesprächs, stilistisch weniger eindrucksvoll, eher standardsprachlich, ohne Poesie vorgetragen, keine Metaphern, keine Bilder, keine wie auch immer geartete Ästhetisierung in welche Richtung auch immer. Seriöses Englisch.
●Innovation: syntaktisch vielleicht, durch die Bewusstseinsebenen, mal Anführungszeichen, mal Klammern, mal einzelne Anführungszeichen … sehr durchmischt.
–> 4 Sterne
Komposition:
●Eindruck: über jeden Zweifel erhaben, Rahmenwirkung gegeben, Vater und Tochter trauern (Abschied von Emmas Erzieherin Mrs. Taylor, ATW) und ein Jahr später (als Emma denkt, sich von Knightley verabschieden zu müssen). D.h. Vater und Tochter müssen zusammenhalten, dazwischen: Emma amüsiert sich, indem sie sich einmischt und Chaos veranstaltet, um am Ende dann beruhigt in den Hafen der Ehe einzugehen, Knightley zieht bei ihnen ein, so sind sie nicht mehr allein. Knightley ersetzt Mrs. Taylor, und Mrs. Taylor (nun Mrs. Weston) bekommt ein Baby, das Emma ersetzt. Das Leben geht weiter, und das Erbe und der Reichtum der Knightley bleibt in der Familie der Woodhouse.
●Signal/Noise-Ratio: sehr gering, kaum Abschweifung, sehr referenziell-lastig, d.h. kaum Kontrollverlust beim Schreiben, Jane Austen schreibt strikt und präzise.
●Operative Geschlossenheit: das System heißt Landadel (Gentry), die reichen Familien Woodhouse (in Hartfield) und Knightley (Donwell Abbey) und das wiedererstarkte Weston (Randall). Die Woodhouse haben zwei Töchter (Emma/Isabella), die Knightley zwei Söhne (John/George) und die Westons einen Sohn (Frank). Die Randalls befinden sich sozialgesehen eher randständig. Es geht um die Erhaltung der Dynastie. Am Ende vermählen sich die Woodhouse und die Knightley zweifach, und die Westons geben sich mit Jane Fairfax zufrieden, wiewohl sie zuvor um Emma für Frank gebuhlt haben. Dynamisiert wird das ganze durch Emmas Versuch, Harriet auf ihre Stufe zu heben – erst versucht sie Harriet mit dem Pastor Elton zu verkuppeln, dann mit Frank, um sie am Ende aber fallen zu lassen; die zweite Dynamisierung erfährt das ganze durch Frank, der wegen seiner Tante seine Verlobung mit Jane Fairfax geheim halten muss. Die offensichtliche Lösung: Emma und Frank erscheint dadurch ausgeschlossen, auch gefährdet diese Lösung das Erbe von George Knightley, der noch ledig ist, aber nicht mehr ledig bleiben will, nachdem er das Familienglück seines Bruders John erlebt hat. Um das Erbe zu sichern, muss Emma George heiraten; und Jane, von der George Knightley beeindruckt ist, kann dann von den Westons integriert werden, die sowieso fast eine Kaufmannsfamilie geworden sind, nachdem Westons erste Frau ihn ruiniert hat.
●Rahmenstabilisierende Details: sehr strikte Lokaliserung in Highbury zwischen den Anwesen und dem Dorf oder der Stadt.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): durch die Dialoge, Selbstgespräche und Briefe dynamisch.
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: keine wirklichen
●Reliefbildung: durch Events wie der Ball, das Klavier, das Erdbeerpflücken, das Weihnachtsessen, der Ausflug nach Box Hill.
●Einschätzung: sehr überzeugend, straff, eng gezurrt und durchgezogen.
–> 5+1 Sterne
Bodo Kirchhoff: „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“

Selbstmitleidige narrative Nebelbombe eines gehörnt-düpierten Gatten.
Inhalt: 2/5 Sterne (Ehedrama ohne Ehe und Drama)
Form: 2/5 Sterne (gekünstelt-manieriert)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (katastrophal zerstörerisch)
Komposition: 4/5 Sterne (wohlaustariert-stimmig)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (selbstmitleidig-stammelnd)
–> 10/5 = 2,0 = 2 Sterne
Schon Bodo Kirchhoffs Seit er sein Leben mit einem Tier teilt (2024) glänzte durch eine erbarmungslose Langsamkeit, in der Hauptrolle eine gealterter Schauspieler, der sich nochmals Hoffnungen auf ein bisschen Liebe und Sex im Alter macht. In Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt soll nun eine fast siebzigjährige Ehefrau im Zentrum des narrativen Geschehens stehen, Terese, die ihrem Mann nachreist, nachdem dieser sich mehrere Tage nicht auf ihre Kontaktversuche zurückgemeldet hat. Ihr schwant nichts Gutes:
Und dafür ist er nach Mumbai geflogen, um [für ein Buch über eine waffenlose Welt] zu recherchieren. Nur was? Sie hat von ihm bloß gehört, er sei gut angekommen, in einer Gegend, vor der gewarnt werde. Musste sie das wissen? Eher nein. Später noch ein Anruf, vom Dach seines Guesthouse, mit tollem Blick, wie er ihr zurief. Dann tagelang nichts, und er war auch nicht erreichbar. Sie hat ihm geschrieben, er hat nicht geantwortet, und mit der Sorge wuchs eine Wut, wie die bei seinen Ausflüchten während einer Affäre.
So, das Zitat umfasst mehr oder wenige das ganze Buch. Sie reist nach Indien, erwischt ihn, bei was auch immer, aber das spielt alles keine Rolle mehr. Die Erzählweise zeigt an, dass nicht Terese erzählt. Sie wird erzählt und zwar durch die Phantasie, die Bilder, die Filme, die sich der Ehemann von ihr macht, während sie sich fuchsteufelswild immer weiter von ihm und einem gemeinsamen Leben entfernt. Das Disparate der Erzählanlage beherrscht von Anfang an das Leseerlebnis: eine Figur, die im Hintergrund von sich durch die Augen einer anderen Figur erzählt. Hierbei können nur abstruse Paradoxien entstehen:
Man steht oder sitzt dort [am Marine Drive in Mumbai] zwischen tausend anderen auf dem Kai und verfolgt, wie die Sonne hinter der Bucht im Dunst versinkt, der Tag zur Nacht wird. Das sollten Sie tun, Terese. Das gehört zu Mumbai, wie es zu Ihrer Gegend gehört, auf dem Hinterwaldkopf zu wandern, hab ich mit meiner Mutter gemacht. Und Terese – nicht ganz sicher, ob der, der schon auf dem Hinterwaldkopf war, sie gerade beim Namen genannt hat – geht auf ihr Zimmer in dem Gefühl, so genannt worden zu sein, Terese, mit Betonung auf dem ersten e, wie es auch ihr Vater gesprochen hat, mit dem sie zuletzt auf dem Hinterwaldkopf war.
Vor lauter „Terese“ und „Hinterwaldkopf“ wird einem ganz schwindlig, davon abgesehen, dass Terese wirr, unsicher, wankelmütig und manipulierbar, ja wie eine Marionette erscheint, mit der die Männer in ihrer Umgebung im Grunde tun, was sie wollen. Und darum geht es auch, um die Phantasie einer Figur, die sich von ihrer Umgebung zu emanzipieren sucht, nur um in die nächste Abhängigkeit zu geraten usw. usf.
Dass das Buch keine melodramatische Wendung nimmt, spricht für das kompositorische Feingefühl Bodo Kirchhoffs; dass er aber seinen Ich-Erzähler, den Rotwein trinkenden, sich selbst bemitleidenden Ehegatten Vigo nicht in den Vordergrund stellt, eher für prätentiöse Augenwischerei. Das Buch handelt von ziemlich verlogenen Charakteren, die sich gegenseitig etwas vorzumachen versuchen, dabei aber zeitlebens scheitern. So lautet auch das Motto des Buches:
Und schließlich schreibt sie auch etwas an Vigo – Was du tun kannst, damit ich zurückkommen. Von dir absehen. Einmal im Leben.
Ja, aber mit wem will sie zusammensein? Mit dem, der von sich absieht. Sehr ungereimt, wie auch Bodo Kirchhoffs insgesamter Versuch, aus der Sicht einer siebzigjährigen Frau zu schreiben, indem er sie durch die Augen eines siebzigjährigen gehörnten Ehemannes betrachtet, der lieber alleine an seinem Buch schreibt, als mit seinem Kumpel Bier zu saufen und ein Schalke-Bundesliga-Spiel zu schauen. Öhem … gewollt, manieriert, unschön geschrieben, aber zumindest mit kompositorisch-perspektivischen Sinn, dem leider sein Gegenstand entgleitet (in diesem Falle, die Frau), da erscheinen ja sogar Martin Mosebachs Die Richtige und Bernhard Schlinks Das späte Leben in einem besseren Licht.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Das Buch hat mir die Freude am Lesen für eine Weile genommen, alles war zäh, langsam, hingezogen, ängstlich, total kontrolliert und unpoetisch. Es wirkte auf mich gekünstelt, entfremdet, ja, widersprüchlich und zwiegespalten, eine sehr problematische Wirkung und vollständiges Fehlen von Fokus
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) zu Zweidrittel ja, zu einem Drittel nein, inkonsequent.
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, glaubwürdig schon, Figuren sind realistisch, ohne jede Poesie, ziemlich aus dem Alltag gegriffen
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, auf keinen Fall, gewollt, manieriert, sogar snobistisch.
●stimmig?(Komposition: ja/nein) irgendwie bei den Charakteren stimmig durch die Persönlichkeitsspaltungen und inkonsistenten Verhaltensweisen
●ein zweites Mal lesen? Nein, niemals
–> 1 Stern
Inhalt:
●Hauptfigur(en):
T: Terese Goll, Ende 60, Therapeutin, Spezialistin für Autismus, hat eine Mitte Dreißig Jahre alte Tochter, Ava, einen Ehemann namens Vigo Goll.
V: Vigo Goll, wahrscheinlich im selben Alter, Friedensaktivist, Gründer einer Denkfabrik für Waffenlosigkeit, reist nach Indien zur Recherche, um mit einem Schweizer Drohnenfabrikanten ein Interview zu führen.
R: Rana Walter Panjabi führt ein Guesthouse in Mumbai, hat eine deutsche Mutter, spricht fließend Deutsch und beginnt eine Affäre mit T.
Z: Zlata, eine Ukrainerin, die in der Nähe von Dortmund sich für kriegstraumatisierte Kinder einsetzt, die von V eine Reise nach Indien als Dank finanziert bekommen hat, dass sie ihm für seine Recherche um den Krieg in der Ukraine herum zur Verfügung gestanden hat.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. T im Flugzeug, reist V nach, nachdem er nichts von sich hören gelassen hat.
2. Erzählgegenwart: V als Ich-Erzähler (IE) berichtet von Ts Ankunft in Mumbai, im Panjabis Guesthouse.
3. R, der Besitzer, beeindruckt von Ts Schönheit.
4. Erzählgegenwart: IE, Erzählgegenwart, trinkt Wein, stellt sich die ersten Tage von T vor.
5. R und T treffen sich auf dem Dach des Guesthouses. R schlägt Unternehmungen in Mumbai vor.
6. T geht mit Kappe spazieren, fühlt sich zu R hingezogen. Erlebt Indien.
7. Wieder im Hotel, dann zum Marine Drive, fotografiert eine Prostituierte, die dagegen protestiert (sie werden sich später kennenlernen, Aaranyi).
8. T erfährt, dass V losgefahren ist, zu einem isolierten Strand, in Süd-Goa. R und T gehen essen.
9. Wieder auf dem Dach, Bier und Zigarette.
10. Erzählgegenwart: IE reflektiert über Bissspuren im Buch.
11. Zum Bahnhof, T verabschiedet sich von R. V meldet sich immer noch nicht.
12. T erreicht Koli-Beach nach beängstigender Taxifahrt. V schon wieder abgereist.
13. Übernachtung. Sie lernt den Schweizer-Waffenhändler Geysin kennen, der mit ihr flirtet.
14. Treffen mit dem Schweizer. Bewusstsein als Urwaffe.
15. Abendessen mit dem Schweizer. Zweifelt an ihrem Muttersein.
16. Frühstück. Sie findet eine zerschlagene Muräne. Abschied vom Schweizer, der ihr Koffer den Hang hochträgt.
17. Taxifahrt zum Flughafen.
18. Flug zurück nach Mumbai. Gedanken an Autismus der Tochter.
19. Erster Kuss zwischen R und T. Sein Arabisch erregt sie.
20. Erzählgegenwart: IE über seine Interviews mit einer Ukrainerin (Zlata), keine Affäre, mehr eine sprachliche Verbundenheit.
21. In Mumbai sieht sie V auf der Terrasse des Hotels am Marine Drive. Sie schießt ein Foto von ihm und schickt es ihm. Jemand Fremdes greift T an die Brust.
22. Im Hotel schläft T mit R.
23. Im deutschen Kulturinstitut stiehlt sie sich ein Foto von ihrem Ex-Geliebten Schellenberg, ein Liebestheoretiker und ihr Doktorvater.
24. In Mumbai, streunert herum, interessiert sich für eine Moschee. Lernt die Prostituierte Aarany kennen, von der sie ein Foto geschossen hat, das sie löschen musste. Sie rauchen eine Zigarette.
25. T erhält Nachricht von ihrer Tochter, dass sie etwas Dringendes mit ihnen zu besprechen hätte, mit V und ihr.
26. Nur wenige Tage bleiben (zwei). Sie kauft Glühbirnen fürs Guesthouse ein.
27. Schläft mit R. Er bringt sie zum Flughafen. Wiedertreffen mit V.
28. Erzählgegenwart: IE erhält Anruf von Potthaus, da IE, also V, wieder Single ist wie er. V lehnt Angebote zum Treffen ab.
29. Im Flugzeug, Schweigen, dann Sprechen, Schweigen, wieder Sprechen zwischen T und V.
30. Misslungene Aussprache an Flugzeugtür.
31. U-Bahnfahrt in London. V muss pinkeln, pinkelt in die Ecke.
32. Im Hotel, Annäherungsversuche von V. T gesteht ihre Affäre.
33. Kurzes Treffen mit A, Verabredung zum Treffen zu viert.
34. T und V trinken etwas.
35. Im Hotelzimmer, das zu heiß ist, will V Sex, aber T nicht. V drängt sich auf. Sie versucht ihn mit Nachrichten zu beruhigen.
36. V vergewaltigt T.
37. Beim Frühstück, Versuch der Versöhnung.
38. Sie fahren zur National Gallery. T will alleine sein.
39. Sie fahren zu Harrod’s, um sich einzukleiden. Lassen es aber. Kaufen stattdessen einen Präsentkorb.
40. Treffen bei Fortnum&Mason. Sie fühlen sich fremd und fehl am Platz.
41. A in Begleitung mit Thomas, einem Major, Soldaten, der in Litauen dient.
42. Gespräch am Tisch über den Pferdehof von Thomas Eltern. Beschwerde über den Champagner. Verlobungsring.
43. Gespräch über den Westfälischen Frieden. T im Rückblick. Sie sitzt bereits im Flieger.
44. Erzählgegenwart: IE denkt über das Zweier-Gespräch mit Thomas nach, während T und A auf der Toilette sind, im Powder Room.
45. Rückblick von T auf Gespräch mit A im Powder Room. Unversöhnlich.
46. Verabschiedung. T bricht auf, zurück nach Indien.
47. Im Flugzeug neben einer Influencerin. T hat Angst sich in R zu verlieren.
48. Zurück in Mumbai, trifft sich mit Aarany.
49. R überrascht sie in der Nacht. Sie haben Sex.
50. R schenkt ihr Kreolen, Ohrringe.
51. T nimmt sich ein Buch aus der Bibliothek von Rs Mutter, ein Buch von Annemarie Schwarzenbach (Eine Frau zu sehen). T lässt sich die Löcher für die Ohrenringe von Aarany stechen.
52. R will, dass T ein Tuch von seiner Mutter und die Ohrringe trägt. T weicht aus, fährt zum Marine Drive, zur Dachterrasse, wo sie V gesehen hat, um dort in Schwarzenbachs Buch zu lesen.
53. T lernt eine Ukrainerin kennen, die krault. Verabreden ein Treffen, um zur Elephanta Insel zu fahren.
54. T geht ins Kino, wird dort ekelhaft von einem Inder angemacht, schnalzende Zunge.
55. T will nicht mit R schlafen. R traurig.
56. T vermutet die Ukrainerin sei die Affäre von V.
57. Sie verbringen einen Tag auf Elephanta Island. Dort wird klar, dass die Ukrainerin V kennt, aber keine Affäre mit ihm gehabt hat. Z erzählt, wie sie bei einem Bombenangriff ihre Familie verloren hat.
58. T schreibt Potthaus, dass er nach Schellenberg sehen soll. Sch hat sich nicht gemeldet. Potthaus aber gar nicht in Deutschland.
59. Erzählgegenwart: IE über Ts Telefonnummer, die nicht mehr gültig ist.
60. T erzählt Z von ihrem Schwangerschaftsabbruch. Ein Sohn von Sch, den weder Sch noch V wollten, dann auch sie nicht. T und Z wollen sich wiedersehen.
61. Sie geht mit Aarany Essen, danach übergibt sie sich in einer Gasse. Erinnerungen an ein verkorkstes Weihnachten, als T ein 2500 Jahre altes Gefäß zerdeppert.
62. T krank, verbringt mehrere Tage im Bett (Noro-Virus).
63. Wieder genesen, Telefonat mit Moni aus der Silvestergruppe.
64. R und T haben wieder Sex, nach Ts Schwarzenbach-Lektüre.
65. Stadtrundgang, T schenkt die Ohrringe Aarany. Anruf von V, Sch gestorben. Beerdigung in ein paar Tagen.
66. T reist ab.
67. Ankunft in Deutschland. Telefonat mit A vom Flughafenhotel aus.
68. Taxifahrt mit Syrer aus Aleppo. Glatteis.
69. Trauerfeier. Wiedersehen mit V und anderen.
70. T unterbricht die Trauerrednerin und hält ihre Rede, spielt die Musik „Malafemmena“, Song von Antonio de Curtis, 1951. Song über eine Frau, die für einen Mann schlecht ist.
71. Erzählgegenwart: Überblende, Sicht vom IE auf die Trauerfeier.
72. Gang zum Grab, über Eis, T hält sich an V fest. Geschehnisse Monate her (von Erzählgegenwart aus). V läuft T hinterher, will sie am Einsteigen ins Taxi hindern.
73. Erzählgegenwart: Reflexion über seine Spekulation über T.
74. T lässt sich vom Syrer nach Dortmund zu Z fahren. Wahrscheinlich pflegt sie dort mit Z kriegstraumatisierte Kinder. Am Ende hört sie von Del Shannon „Runaway“.
●Kurzfassung: Eine Ehefrau, die schon oft zuvor fremdgegangen ist, entschließt sich, ihren langjährigen Ehemann zu verlassen und geht dabei den Umweg über Indien.
●Charaktere: (rund/flach) rund, ausgestaltet, auf ihre Weise, keine groben Schnitte, eher feinfühlige Nachzeichnungen, fast zu feinfühlig, fast verwaschen, weichgezeichnet, etwas zu ängstlich.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: nein, keine
●Besondere Ereignisse/Szenen: das Übergeben, die Viruserkrankung von Terese in Mumbai
●Diskurs: Politik, Krieg, viele Nachrichten, viele News, sehr unverständliche Dinge, die den Zeitgeist auffangen, später kaum noch zu verstehen sind. Bspw. die Pullover-Szene im weißen Haus, das Trump-Selenskyj-Debakel.
… erinnert an Bernhard Schlinks „Das späte Leben“, an Martin Mosebach „Die Richtige“ und alles in allem etwas an Heinrich Mann „Professor Unrat“. Das Buch bleibt zu träge, watschelnd, zu unentschieden. Auch zu klischiert in mancherlei Hinsicht. Am Ende des letzten Drittels nimmt das Buch Fahrt auf, sie im Mumbai, kotzt, hat Sex, lernt Aaranyi kennen. Die besten Szenen im Buch. Daher, wegen der ermüdenden Lektüre:
–> 2 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: der Mann stellt sich seine Frau vor, wie sie sich von ihm entfremdet, er behandelt sie herbei wie eine narrative Marionette, nimmt sich nicht zurück, erfindet als Ich-Erzähler, fährt sich einen Film, sozusagen
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): Situiert, ein paar Wochen nach der Beerdigung, vielleicht April des Jahres, der Ehemann, Viktor, alleine zuhause beim Rotwein und Schreiben.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: wirkt nicht plausibel noch dringlich, irgendwie schläfrig, abgeschlafft, unklar, wie eine narrative Nebelbombe
●Einschätzung: schlimm unentschieden.
–> 1 Sterne
Form:
●Eindruck: schlimm zu lesen, unrhythmisch, unmelodiös, fließt nicht, hakt, schwer zu verstehende Sätze, gewollt verdreht, gewollt unintuitiv hingeschrieben, ästhetisch widerborstig, aber auf wurstige Weise
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) klar in seiner Fiktionalität zu erkennen, dennoch beständig verklausulierte Hinweise auf die Tagespolitik
●Wortschatz: nicht repetitiv, dennoch hier und da gewollt veraltet, gewollt distanzierend.
●Auffälligkeiten: verhakelt, gekünstelt, unecht, kaum lesbar, teilweise, fehlende Verben, gewollt-schnöselige Appositionen und Nachstellungen und Satzstellungen; formalästhetisch für mich eine Tortur, aber auf seine Weise gekonnt
●Innovation: nein, aber er zieht seine Form durch, besitzt eine Sprache, sie besitzt nur keine Glätte, keine Harmonie, keine synthetisierenden Kräfte. Alles zerplatzt.
–> 2 Sterne
Komposition:
●Eindruck: Gelungen. Sie fliegt nach Indien hinterher, trifft ihn dort nicht an. Retardierungsszene: Koli-Beach und der unsympathische Waffenhändler, der Schweizer. Rückkehr und Affärenbeginn (auch durch Retardierung) mit Rana, das Heimische im Fremden (die Sprache der Mutter). Sieht dann ihren Ehemann auf dem Schiff, zieht sich zurück, will sich in die Affäre werfen. Dann aber Unterbrechung durch Tochter, Zwangsreise nach London, Retardierung in der Affäre mit Rana, Möglichkeit für Viktor, wieder einen gemeinsamen Nenner zu finden, aber dann vergewaltigt er sie. Sie flieht nach Indien, will dort bleiben, lässt sich auf Rana ein, lernt Zlata kennen, dann aber die Nachricht vom Tod ihrer großen Liebe, Schellenberg. Wieder erzwungene Reise. Bei der Beerdigung der endgültige Abschied. Sie zieht nach Dortmund, das Fremde im Heimischen.
●Signal/Noise-Ratio: gering
●Operative Geschlossenheit: ja, von seinem Ehe-Code her gesprochen, den Konflikt, die Psyche der Ehefrau, sie will die Sprache, aber die Sprache reicht nicht, und so entkommt sie am Ende der Sprache und zieht nach Dortmund.
●Rahmenstabilisierende Details: ja, Szenerien wirken weitestgehend ausgestaltet
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): auch gelungen, gute Abwechslungen der Orte, Raffungen, Dehnungen, die Längen beim Flug etc … wohlaustariert.
●Extradiegetische Abschnitte: nein, keine
●Lose Versatzstücke: auch keine
●Reliefbildung: leider erlaubt die Erzählgegenstand kaum Relief. Das Drama, das keines ist.
●Einschätzung: im Grunde sehr gut komponiert, leider ohne Stoff und Plot, und mit zagender Erzählstimme.
–> 4 Sterne
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Volter Kilpi: „Im Saal von Alastalo“

Formalästhetisch überzeugendes Erzählexperiment, dem der Treibstoff ausgeht.
Inhalt: 1/5 Sterne (karg)
Form: 5/5 Sterne (prächtig-hymnisch)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (unausgewogen)
Komposition: 3/5 Sterne (ausgedünnt)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (klaustrophobisch)
–> 13/5 = 2,6 = 3 Sterne
Ohne Zweifel handelt es sich bei Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi um ein außergewöhnliches Buch: Es macht die Probe aufs Exempel, nämlich die narrative Entschleunigung bis ins Extrem zu treiben. Knapp sechs Stunden Handlung bedürfen ungefähr um die 60 Stunden Lesezeit – die erzählte Zeit selbst vergeht also ein Zehntel so schnell wie die Erzählzeit. Von der Erzählanlage erinnert Im Saal von Alastalo also an James Joyces Ulysses , der ungefähr einen erzählten Tag über eine größere Erzählzeit hinwegdehnt. Ein anderes Beispiel Mrs. Dalloway von Virginia Woolf erzählt auch von einem Tag, aber in kürzerer Zeit. Beide jedoch kommen an das Zeitlupentempo, das Kilpi anschlägt, nicht heran:
Alastalo weihte also zufrieden seine Jackenaufschläge und ließ im Saal von Mann zu Mann ein freundliches Auge schweifen, was sich der Schafhüter leisten kann, wenn die Herde zahm im Verschlag umherspringt und es nebenan von Mutterschafen wimmelt, willig, sich zwischen die Knie nehmen zu lassen, und zwar so wollig, dass die Schurschere zu beißen hat: Blöken wir auf der Weide alte Geschichten, dann kommt sogar beim Scheren schöner Saft zum Wiederkäuen in den Mund!, dachte er, Alastalo.
Eigentliche Hauptfigur von Kilpis Roman heißt aber nicht Alastalo, sondern Pukkila, der aus einer Knecht-Familie stammend, sich nicht verkneifen kann, gegen die Großkopferten der Gemeinde, Silberrücken wie Langholma und Alastalo aufzubegehren. Er will seinen Sohn an Alastalos Tochter Siviä verheiraten und auch den Großgrundbesitzer Langholma übertrumpfen, gerät aber in Gefahr sich allzu sehr bei diesem Unternehmen zu verschulden. Im ständigen Vergleich (Bauchumfang, Pferde, Schiffsgröße, Kinnlänge etc…) sieht er sich von der Natur benachteiligt und zürnt dieser umso mehr:
Und doch ist Herman neben Efram bloß ein Bub, ein Bub auch nach der Meinung von uns anderen! Es ist gottlos, dass es so sein muss, es wurmt mich selbst, es fuchst mich bis in die Wurzel eines jeden Härchens auf der Haut, dass der eine Mann neben mir einer Wanne gleicht, während ich wie ein Eimer bin, dass mir dort, wo ich gegen Langholma ankommen müsste, die Natur in den Stiefelschaft rutscht und ich bis in die Härchen aus weicher Schafswolle bin, obwohl jede Schuppe meiner Haut wie ein Hammel dagegen anstößt!
Über die Dauer der Erzählzeit erschöpfen sich leider die Sprachspiele und wiederholen sich auch bedenklich (Stichwort: „Bachstelze“). Weder Pukkila noch Alastalo noch Langholma kommen aus ihrer Haut. Eine narrative Dynamik entfaltet sich so nicht. Auch besitzt Im Saal von Alastalo keinen überraschenden Perspektivwechsel wie bspw. Ulysses, als plötzlich Molly Blooms Monolog beginnt und eine Mehrdimensionalität im ehelichen Bett erzeugt.
Was jedoch wirklich bedenklich in Kilpis Roman fehlt, ist die Welt. Der Ostseehandel wird gar nicht beschrieben (setzt aber den Rahmen), vom Schiffsbau und Währungen, vom Handel und Tausch gibt es so gut wie keine Details (das eigentliche Ziel des Romans), und politische Verstrickungen und Rechts- und Zollsysteme finden ebenfalls kaum (wenn überhaupt) eine Erwähnung. Nach dem Lesen eines auktorialen Berichts über den Plan eines Schiffsbaus bleibt die finnische Welt des 19. Jahrhunderts weitestgehend verschlossen – nur die Männer, die Bärte tragen, Pfeife rauchen und sich Anekdoten an den Kopf schmettern, ja von denen und ihrem Bauchumfang weiß ich (vielleicht) nun mehr, doch hinterlässt der Roman bei mir hierdurch ein extremes klaustrophobisches Gefühl.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: insgesamt enttäuschend, hinterlässt fast gar nichts, eine verrauchte, trunklustige Atmosphäre, ein paar Schaukelstühle, Lachen und Brummen, geteilte Unhöflichkeiten, Pfeifenputzen, Bartansabbern, Bartspitzendrehen … Problem: alles läuft auf die schwache Figur von Pukkila hinaus, Pukkila (aus einer Knecht-Familie) will aufsteigen, der große Hecht sein (wie Efram Langholma), eifert Alastalo nach, ohne das Geld, den Einfluss, die Weitsicht zu besitzen und neidet allen und jedem Erfolg, vermag sich aber dennoch stets kurz vor dem finalen Exzess zusammenzureißen. Pukkila jedoch interessiert in seiner Problematik nicht. Es wird nicht deutlich, was worin sein Problem besteht. Kilpis Buch besitzt die richtige Architektur, besitzt aber zu wenig Sprachumfang für die Größe und Länge und zu wenig Wissen für die Breite und Weite. Ich habe zu wenig über die finnische Schifffahrt, zu wenig über den Handel, zu wenig über den Schiffsbau und das Pfeifenschnitzen erfahren (so gut wie gar nichts) – ich habe nur von Interrelationalem gehört (er hat den Größten, dieser den Kleinsten etc…). Ich habe nichts von der Währung, der Wirtschaft, dem Ackerbau erfahren (nur Belanglosigkeiten), nur vom Stolz, von der Ehre, der Inbrunst der Geltungssucht. Ich habe nichts von der Flora und Fauna Finnlands erfahren (außer ein paar Tieren), nur von der Robbenhaftigkeit Alastalos und der Bachstelzenhaftigkeit seiner Tochter.
… eigentlich interessant durch die Erzählanlage, nämlich der Zeitdehnung, für das es ein Paradigma darstellt (Minuten in der erzählten Welt dauern Stunden für das Erzählen), jedoch herrscht eine unfassbare Diskrepanz zwischen Form und Inhalt
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, kein Diskurs, ein eigenes Setting, fest und klar umrissen
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, Figuren besitzen allesamt Schärfe
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) ja, bis es zu Schaumschlägerei wird
●stimmig?(Komposition: ja/nein) nein, kein Konflikt, keine Perspektivierung, kein Telos
●ein zweites Mal lesen? Nein, höchstens Auszugsweise für die sprachliche Form
–> 1 Sterne
Inhalt:
●Hauptfigur(en): Herman Mattsson Alastalo (A), Gastgeber, Ehemann von Eevastiina (E), Vater von Siviä (S), Kapitän.
Seine (wichtigsten) Gäste:
1.) Efram Eframsson von Langholma (L), Gemeindeoberhaupt;
2.) Malakias Afrodite Härkäniemi (H), Geschäftspartner und Nachbar von Alastalo, ledig;
3.) Petter Filemon Pihlman-Pukkila (P), Gegenspieler, Neider von Alastalo, will aber dessen Tochter Siviä für seinen Sohn Ewald, auch Vater von Janne durch eine Affäre mit der Netzfang-Fiina;
4.) Taavetti Taavetinpoika Lahdenperä (LP), Schöffe, Richter und Besitzer eines guten Waldstücks in Vaarniemi;
5.) Eenok Eenokinpoika Karjamaa, geiziger Reeder, Investor, Gläubiger auch von Pukkila;
6.) Mikkel Mikkelinpoika Krookla (MK), reich durch Erbe.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Vorwort: Gang über den Friedhof, was bleibt vom Männerleben übrig
Kapitel 1: As Gäste finden sich nach und nach ein.
Kapitel 2: P mokiert sich über As Sofa, Saal und Teppich.
Kapitel 3: H wählt sich eine Pfeife aus dem Regal aus, loyal zu A.
Kapitel 4: A begrüßt L feierlich entgegen, P erbost.
Kapitel 5: S serviert Kaffee, E Kringel.
Kapitel 6: A zögert Bark-Thema heraus.
Kapitel 7: Anekdote, wie sie mit Rum den Zucker-Zoll überlistet haben.
Kapitel 8: Zweite Zoll-Anekdote, die vor den Engländern fliehen.
Kapitel 9: A spricht die Bark an. L wohlgesonnen.
Kapitel 10: P wirft A Unehrlichkeit beim Handel vor.
Kapitel 11: S serviert das Grogwasser, Gerangel.
Kapitel 12: A trinkt auf die Bark.
Kapitel 13: H erzählt die Erfolgsgeschichte von Villes Albatros.
Kapitel 14: A präsentiert den Bauplan der Bark.
Kapitel 15: L unterschreibt. Streit um S, die den Grog serviert.
Kapitel 16: H rettet die Situation, trägt die Grogkanne zum Tisch.
Kapitel 17: Nach Aufforderung unterschreibt P.
Kapitel 18: MK und andere unterschreiben.
Kapitel 19: LP denkt an Friisi.
Kapitel 20: P mokiert sich über L, während andere unterschreiben.
Kapitel 21: A und L unterstützen Janne zu unterschreiben.
Kapitel 22: P überlegt Evald mit Janne konkurrieren zu lassen, bleibt vernünftig.
Kapitel 23: A reißt P aus der Tristesse, gehen im Kreis. L angeödet. E hält L davon ab zu gehen.
●Kurzfassung: Alastalo lädt die wichtigsten Person und noch andere zu sich ein, um einen Barkvertrag zu unterzeichnen, ein größeres Schiff, um noch mehr Wohlstand für die Gemeinde einzubringen. Erst werden Anekdoten zum besten gegeben (wie der königliche Zoll überlistet wurde), dann wird Grogwasser von E und S serviert, und Kringel; dann wird der Vertrag unterschrieben und dann das Essen serviert.
●Charaktere: (rund/flach) sehr ausführliche Psychogramme
●Überflüssige Szenen/Charaktere: nein, da es keinen Plot gibt
●Besondere Ereignisse/Szenen:
… die Erzählung innerhalb der Erzählung von Härkäniemi über den Reeder, der 7 Jahre auf sein Schiff wartet, Ville aus Vaasa und sein Schiff Albatros
… Wutrede von Eevastiina über die Männer, als Härkäniemi sich aufspielt
●Diskurs: –> kein wirklicher Diskurs, höchstens, wie sich Männer denken, männlich sein zu müssen.
… es gibt keinen Konflikt. Der Vertrag wird einfach unterzeichnet. Es gibt nur die Spannung, ob Pukkila sich völlig ruiniert und seinen Sohn Evald gleich mit, oder ob er sich zu beherrschen versteht. Außerdem gibt es den hintergründigen Konflikt, dass Pukkila seinen Sohn Evald mit Alastalos Tochter Siviä verheiraten will, die aber Janne, Pukkilas Bastardsohn vorzieht, der auch noch von Alastalo und Langholma protegiert wird. Pukkilas Plan geht also in die Binsen, weil er sich damals an seiner Magd, der Netzfang-Fiina vergriffen, sich also nicht in Zaum zu halten verstanden hat. Grund für Pukkilas Versagen, der eigentlich Protagonist, Donald Duck, der Veranstaltung.
… für die völlig Abwesenheit jeder Grundproblematik (weder Finanzierung wird problematisiert, noch der Handel, noch der Refinanzierung etc … nichts dergleichen) kann ich für den Plot nur einen Stern geben, weil die Anekdoten teilweise interessant und lustig gewesen sind, besonders die über Ville und Kalle.
1 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: es wird von einer allwissenden Erzählinstanz gestaltet, due den inneren Monolog kennt, nach außen und nach innen changiert, die Zeiten sich überlagern lässt. Im Vorwort erscheint eine Figur, die über einen Friedhof schlendert, könnte die Erzählinstanz mimen, aber unklare Situierung, unklares Interesse, keine Perspektivierung.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nein, eher berichtend, schmausend
●Erzählverhalten, -stil, -weise: belustigt, ehrend, freundlich, feiernd, hymnisch.
●Einschätzung: Die Erzählfigur inszeniert ein Spektakel, wie auf einer Bühne, sehr restriktiv, verwendet die literarischen Möglichkeiten des inneren Monolog, aber die Erzählstimme selbst, so wie sie angelegt ist, müsste größeren Ereignisumfang besitzen wie „Krieg und Frieden“ bspw. Das Ereignis, Unterzeichnung eines Barkvertrages in einer kleinen Gemeinde, erscheint unproportioniert zum erzählerischen Gewicht und zur Erzählanlage, die kosmisch ausgerichtet ist. Schieflage. Der innere Monolog der verschiedenen Figuren überzeugt jedoch sehr. Daher:
–> 3 Sterne
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoher Fiktionalitätsgrad durch gehobene, hymnische, feierliche, teilweise überzogene Sprache.
●Wortschatz: bis zu 40% des Buches überzeugend, überladen, reich und fröhlich, dann zunehmend in seinen Allegorien repetitiv, wie „Bachstelze“, „robbenhaft“ etc … hält der Textmasse nicht stand, überzogen.
●Auffälligkeiten: sehr lange, wohlgeschmiedete Sätze, kunstvolle Allegorien, rhythmisch und melodisch beeindruckend, weitestgehend. In der Sprache, der Form, liegt die Stärke des Buches.
●Innovation: massive Dehnung und Streckung und Überschnörkelung und Hyper-Ornamentalisierung erzeugt poetische Kraft.
–> 5 Sterne
Komposition:
●Signal/Noise-Ratio: überwiegend Noise, überwiegend Abschweifungen, Wiederholungen, sehr weitschweifige Allegorien, und immer wieder dieselben Problemen von Pukkila.
●Operative Geschlossenheit: es gibt keinen Konflikt, die Situation ist zu eng, die operative Geschlossenheit findet im Konkurrenzkampf zwischen Alastalo und Pukkila statt, aber die beiden Gegner sind leider nicht ebenbürtig, daher keine wirkliche Opposition, eher ein An-die-Wand-Drücken Pukkilas durch Alastalo. Es fehlt der Gegenpol.
●Rahmenstabilisierende Details: die Welt außerhalb des Saales fehlt völlig, und so auch die historischen Wendemarken und Problematiken des Ostseehandels.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): wahnsinnig deskriptiv, ausladend und dekorativ, kaum Tempiwechsel.
●Extradiegetische Abschnitte: nein, alles bleibt in der Welt der Männer, die Bärte tragen, Pfeife rauchen und Grog trinken.
●Lose Versatzstücke: nicht wirklich, zu eng komponiert.
●Einschätzung: Kilpis Komposition geht auf (als Schema), denn die Versatzstücke erzeugen einen Zug. Zuerst die Anekdote, wie sie gemeinsam, als Gemeinde, den Zoll überlistet haben; dann die Anekdote von Ville, der Geduld bewies, um reich durch sein Schiff zu werden; dann das Unterzeichnen des Vertrages und das Lüften des Problems zwischen Pukkila und Alastalo, dass Alastalo nicht daran denkt, seine Tochter Pukkilas Sohn zu überlassen. Dies bereits vorher schon angedeutet, und Janne, als zukünftiger Schwiegersohn inszeniert, als Janne beim Zoll-Überlisten hilft. Dennoch wirkt das ganze zu eng.
–> 3 Sterne
Jennette McCurdy: „Half his age“

Invulnerabilitätserklärung einer 18jährigen. Wilde, ungeschlachte hypernaturalistische Alltagsstimme.
Inhalt: 1/5 Sterne (vorhersehbar)
Form: 1/5 Sterne (keine)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (überzeugend)
Komposition: 4/5 Sterne (Konflikt-codiert)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (aufgeweckte Ich-Erzählerin)
–> 14/5 = 2,8 = 3 Sterne
In ihrem Debüt-Roman Half his age lässt Jennette McCurdy eine aufsässige Teenagerin auf ihr Publikum los und verschafft dem Genre des Coming-of-Age eine weitere lebhafte, zum Selbstbewusstsein erwachende Frauenfigur, die sich tatsächlich durch den Roman hindurch von Fremderwartungen letztlich zu befreien versteht. Sie stimmt hierin mit Rachel Kushner in See der Schöpfung und Caroline Wahl in Die Assistentin erzählstimmentechnisch überein, indem diese drei, rein erzählpsychologisch betrachtet, auf eine weniger gefallsüchtige, als abgeklärte, die Lücke zur Welt bejahende Ich-Erzählerin setzen. Bei McCurdy klingt das so:
Ich will diesen kleinen Schmerz, das spritzende Blut, den metallischen Geruch. Es ist eklig, aber ich will genau das. Ich will keine Gedichte. Zittrigen Hände. Sehnsüchtigen Blicke. Picknickdecken und Gänseblümchen und Dinner bei gedimmtem Licht. Ich will so viel mehr. Etwas Echteres, Hässlicheres. Ich will gemeinsam mit ihm an einem Ort sein, der so schamlos und widerwärtig ist, dass wir nicht mehr zurückkönnen. An dem wir irgendwie vereint sind. Ich will ein Zeichen auf ihm hinterlassen, das unauslöschlich ist.
Half his age bespielt das Thema Alter Mann-Junge Frau mit allen Klischees, die das „Genre“ so zu bieten hat. Vom Plot her gesehen lässt sich über die vielen kurzen (über 80 Kapitel) hinweg nur gähnen. Story wie Erzählweise verbleiben im Alltagsgeplänkel. Ungeschönt, ungeformt, roh und barsch nudelt besagte Waldo ihre durchweg in Präsens gehaltene, reflexionslose Lebensgeschichte eines Jahres herunter. Fiktionalität gibt es nicht. Phantasie auch nicht. Völlig vom Rädergetriebe der Gegenwart zermalmt verbleibt sie völlig überfordert inmitten der Dinge:
Ich schmeiße meine Zimtschnecke in den Müll, reiße die Packung Sour Patch Kids auf und stopfe mir eine Handvoll in den Mund. Ich renne in mein Zimmer und werfe mich aufs Bett, reiße meinen Laptop auf, um verzweifelt diese Leere zu vertreiben. Sie mit Dingen zu füllen, die mich woanders hintragen, mich aufrichten, in eine Version meines Selbst verwandeln, die leicht und ganz und happy ist, zufrieden mit dem, was sie hat. Die nichts mehr will, weil sie alles hat, was sie je brauchen könnte.
Jugendbuch, Coming-of-Age, brüllen, weinen, Gier nach Leben, nach Sex, nach Begegnung und Wechselwirkung, nach ernsthafter Auseinandersetzung mit dem, was Waldo zu sein oder zu werden versucht – all das verbleibt ziemlich genrehaft klischiert. Nicht jedoch die Erzählfigur selbst, die einen äußerst unwehleidigen, ungeschminkten, heftig naturalistischen und erbarmungslosen Blick auf sich selbst wirft. Dieser Blick erlaubt es Waldo, nach und nach sämtliche Konflikte neu zu bewerten und dementsprechende Konsequenzen für ihr eigenes Handeln zu ziehen. Es handelt sich also um ein leise-lautes Buch der Selbstbestimmung und Invulnerabiltätsbekundung, denn am Ende, so erschien das zumindest mir, bleibt der Eindruck zurück, dass Waldo krass durchs Leben gehen wird und keiner ihr so schnell das Wässerchen wird reichen können. Diese Positivität sich selbst gegenüber fand ich sehr überzeugend. Den Roman, den Half his age darstellen soll oder will, aber nicht.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Zuerst hat mich die simple Sprache genervt – es besitzt kaum formal-ästhetisch gesehen nennenswerte Qualitäten. Kaum Deskription. Keine sprachliche Atmosphäre, keine wirkliche Situierung der Figuren. Alles bleibt extrem abstrakt – abgezogen, schematisch, schablonenhaft. Dann aber, nach längerem Lesen ergibt die Figur als nebulöse, schwebende Erzählerin Sinn durch Komik, durch etwas Slaptstickhaftes, etwas Unzerstörbares. Waldo erscheint nach und nach als eine Art Rabauke, die durch die Welt zieht, mit ihrer Mutter abschließt, die Männer durchwandert, sich nichts anhaben lässt. Sie hat eine Art transzendentes Verhältnis zur eigenen Physis, insofern wirkt das Buch zurecht filetiert, unnahbar, maskiert – sie schiebt zwischen sich und der Erfahrung eine massive Kluft, diese Kluft bleibt spürbar und lässt das Geschehnis an ihr selbst vorübergleiten als Epiphänomen. Niemand kann Waldo etwas anhaben. Insofern hat das Buch wenigstens eine richtige Heldin, obgleich in einem sehr unterbestimmten Szenario.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) kaum fiktionalisiert, sehr dicht an Realität, weder formal noch narrativ gebrochen, kaum verständlich jenseits des Diskurses
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, als Teenagerstimme ziemlich glaubwürdig
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) absolut nicht, es handelt sich nicht um ein ästhetisches Gebilde
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, als Ich-Erzählerin
●ein zweites Mal lesen? Nein, dafür gibt das Buch zu wenig hin. Aber als dritte Stimme, neben Kushner, Caroline Wahl, eine interessante Invulnerabilitätserzählerin.
–> 4 Sterne
Inhalt:
●Hauptfigur(en): Waldo (W), 17 Jahre, wird 18 im Laufe des Jahres, in welchem sie die Highschool abschließt. Verkäuft BH bei Victoria’s Secret, lebt mit ihrer wilden Mutter allein, eher prekär, weiße Unterschicht.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) W hat Sex mit Randy, Randy macht Schluss, ihr macht’s nichts aus. Ihr Mutter hat ihr gesagt, sie sei schwer zu lieben.
2.) W kommt nach Hause, ihre Mutter ist nicht da, bei ihrem Freund Tony. W shoppt im Internet, verschleudert ihr ganzes Geld.
3.) Korgy, ihr neuer Lehrer für kreatives Schreiben, bekennt sich als Versager, um seine Schüler zur Aufrichtigkeit zu motivieren.
4.) Eine Kundin bei Victoria’s Secret fragt sie, ob sie weiß, was sie wert sei. W bejaht die Frage.
5.) Zuhause, wieder allein, shoppt sie weiter.
6.) Sie verguckt sich in der nächsten Stunde in Mr. Korgy, und will auch seine ekligen Seiten kennenlernen.
7.) Frannie, ihre beste Freundin, ist entsetzt darüber, dass W mit Randy Schluss gemacht hat, ohne ihr davon zu erzählen. Frannie stammt aus einer Mormonenfamilie. W fühlt sich wie ein Wohltätigkeitsprojekt von ihr.
8.) W liest in Korgys (K) Unterricht aus ihrem Text vor. Er ist begeistert. W schließt sich auf Toilette ein und masturbiert über Ks Instagram-Feed.
9.) W schreibt, um K zu beeindrucken.
10.) Mitte Oktober, K sucht Gespräch mit W. K attestiert ihr eine starke Stimme.
11.) Zuhause, Tony hat mit ihrer Mutter Schluss gemacht. Mutter am Boden zerstört. Mutter schlägt den lang gehegten Plan eines Roadtrips nach Seward vor.
12.) W stellt sicher, dass K kein Wohltätigkeitsprojekt in ihr sieht. Er beteuert, dass er Respekt vor ihr hat.
13.) Zuhause, Tony und ihre Mutter wieder zusammen.
14.) K sucht W bei ihrem Job auf und lädt sie zu sich und seiner Familie ein.
15.) W stylt sich für den Besuch auf.
16.) W lernt Gwen und Gregory kennen. Unterkühlter Besuch.
17.) W gibt K ihre Telefonnummer.
18.) K ruft sie während Thanksgiving an, das sie bei Frannies Familie verbringt. K unglücklich damit, dass Gwens Eltern ihn ablehnen.
19.) Black Friday. Mutter besucht sie.
20.) K und W gehen spazieren. K sieht W im College. Ihre Mutter sagt, das sei nur eine Falle. K und W treffen sich wieder. K spricht vom Tod seiner Schwester. Sie kommen sich näher. W küsst ihn, K lehnt ab. W entsetzt.
21.) W und K sprechen über den Kuss. K wird nichts sagen, will sich aber nicht auf W einlassen.
22.) Tony und ihre Mutter sind zuhause. Tony geht sofort wieder. Mutter unterwürfig.
23.) W donnert sich für nächste Stunde auf, aber K nicht da – ein Mr. Condren gibt seine Stunden, sagt Ks Namen falsch.
24.) W und F im Zoo. Ein Elefanten scheißt und bleibt gerne für sich.
25.) Auf dem Winterball lernt W Nolan kennen. Sie schleicht in Wehmut zum Zimmer von K und findet ihn dort zu ihrer Überraschung auf. Er musste zur Beerdigung seines Vaters. W drängt sich ihm auf, reibt sich auf ihn, bis er kommt.
26.) Frannie, ihr Freund Tristan und W fahren vom Winterball zurück. K schreibt im Chat W, dass sie reden müssten.
27.) W und K treffen sich. W beteuert, sie will nur eine Affäre, keine Beziehung. K entsetzt, aber schwach.
28.) K will W nach einer Pokerrunde mit Freunden sehen.
29.) K besucht W bei ihr Zuhause. Sie schämt sich für ihre Wohnung, erinnert sich, wie Frannie damals geschaut hat. Sie haben das erste Mal Sex miteinander. W glücklich.
30.) W geht’s gut. Sie macht einen Workout-Clip auf YouTube mit.
31.) W und K chatten. K will ihr Kultur näherbringen.
32.) W und K verbringen Zeit miteinander, aber auswärts. Sprechen von ihren familiären Hintergründen. W von ihrem Trailerpark-Leben.
33.) Mutter und W bei Denny’s. W liebt Ks Nachrichten.
34.) W und K haben ein Date und versuchen ihre Affäre mit der bald beginnenden Schulzeit zu vereinbaren.
35.) Schulbeginn. Sie treiben es in der Besenkammer und werden fast erwischt.
36.) Während W K oral befriedigt, ruft seine Ehefrau an. W unterdrückt Eifersucht.
37.) K muss kurzfristig den Geburtstagsausflug von W zum Beluga Point absagen. Dann sagt er doch zu. Sie fahren.
38.) K gibt ihr Tipps, sich kulturell zu bilden, Kinofilme. Sie verbringen ein Picknick miteinander.
39.) Frannie merkt etwas. W verheimlicht ihre Affäre, die ihr aber immer schwerer fällt wegen Ks Familienleben.
40.) K besucht W bei der Arbeit. Sie haben während der Mittagspause Sex. Ws Eifersucht auf Gwen wächst.
41.) Das dritte geplante Date nach Alyeska. K muss wegen eines Streites mit Gwen absagen.
42.) Im Restaurant entschuldigt sich K, aber wieder ruft G an. W unterdrückt ihre Wut. Sie werden von der Kellnerin für Vater und Tochter gehalten.
43.) K muss für sechs Nächte verreisen, in den Frühlingsferien. Er verspricht E-Mails zu schreiben.
44.) W wartet auf eine Nachricht, erhält keine. Sie ruft ihre Mutter an, die Zeit mit Tony verbringt.
45.) Ein Arbeitstag bei Victoria’s Secret, eine Kundin beschwert sich.
46.) Sie bricht bei W ein und treibt es mit Ks Jean Paul Gaultier Parfümflasche.
47.) K macht nach der Reise Schluss.
48.) W erzählt die Sache mit K Frannie. Sie weint vor ihr.
49.) W schiebt Frust, zieht sich Reality-TV Shows rein.
50.) K zeigt ihr in der Schule die kalten Schulter.
51.) Nolan spricht sie wieder an. Sie verabreden sich.
52.) Erster Kuss mit Nolan.
53.) Double-Date mit Frannie und Tristan. W sieht K im Restaurant. W geht auf die Toilette und masturbiert mit Chili-Cheese-Fingern.
54.) W stalkt K, parkt vor seinem Haus, frisst Chips.
55.) K warnt W, dass sie durch seinen Kurs rasselt, wenn sie sich weiter keine Mühe gibt. W hält das für eine leere Warnung.
56.) Nolan und W haben Sex in Nolans Star-Wars-Zimmer.
57.) Auf einer Party am See haben Nolan und W Sex. Nolan benimmt sich respektvoll.
58.) W donnert sich auf für Nolan. Sie gehen auf einen Ball.
59.) Auf dem Ball sieht sie K.
60.) W und K haben Sex auf der Toilette.
61.) Nolan und W trennen sich. Nolan spürt, dass W nicht voll für ihn da ist.
62.) Am Tag danach am Beluga Point. W und K kommen wieder zusammen.
63.) W graduiert.
64.) W muss sich wieder zurückhalten, auf K warten.
65.) W wird immer wütender über die Situation.
66.) K ruft W spontan zu sich. W menstruiert. Sie haben Sex. K gibt ihr mit seinem blutverschmierten Penis Ohrfeigen. Plötzlich erscheint Gwen. W versteckt sich und blutet auf dem Boden. K entzieht sich Gwen. W kann unentdeckt entwischen.
67.) W beendet die Affäre.
68.) K lässt nicht locker, schreibt ihr Nachrichten, spricht ihr aufs Band, dann verspricht er ihr, seine Familie für sie zu verlassen.
69.) Er verlässt Gwen. Sie treiben es in einem Captain Cook Hotel.
70.) Sie verbringen die erste Nacht als Paar.
71.) Sie verbringen den Tag und haben sich schnell nichts mehr zu sagen.
72.) Sie ziehen um in ein schäbiges Motel.
73.) K gesteht W seine Liebe. Sie schauen 1940er Jahre Filme.
74.) K schreibt wieder, sitzt inmitten seiner Habseligkeiten, ist nun ausgezogen von Zuhause.
75.) W kommt nach Hause. Die Mutter hat geputzt und ist einer Selbsthilfegruppe für Liebessüchtige beigetreten, hat eine Sponsorin, um über Tony hinwegzukommen. Mutter erzählt von der Suchtgruppe.
76.) K zieht in ein Loft und schreibt. Empfiehlt W Don Quijote und Unendlicher Spaß. Hängt ein Clockwork Orange Poster auf.
77.) Beim Cookie-Backen hat W keine Lust auf Sex. Der Alltag gestaltet sich als schwierig.
78.) W beginnt wieder Online zu shoppen.
79.) W beginnt sich vor K zu ekeln.
80.) W zögert Wiedersehen heraus, K engagiert, aber W sagt ab.
81.) Mutter immer noch gewillt, ihr Leben selbst auf die Reihe zu bekommen, verspricht Tour nach Seward.
82.) K betrunken, das Schreiben läuft schlecht. Er will mit ihr über ihre Zukunft reden. Das Clockwork Orange Poster hält nicht.
83.) Frannies Abschiedsparty. Tristan geht auf Mission. Sie wollen schnell heiraten und viele Kinder. Sie geht aufs College. W fühlt sich entfremdet. Beide gehen im guten auseinander.
84.) K gibt seinen Roman auf, säuft.
85.) K gibt sich Mühe, lädt W zu einer Reise nach Hawaii ein, macht eine Schnitzeljagd daraus.
86.) Auf dem Flughafen warten sie. W geht auf Toilette, wo ihr übel wird. Sie entscheidet sich spontan wegzugehen, nicht mit K zu verreisen.
87.) Zuhause erwischt sie die Mutter, wie sie sich wieder Tony hingibt, all ihre guten Vorsätze über Bord geworfen hat. Statt auszurasten, bleibt sie ruhig und geht.
88.) W fährt nun allein, ohne Frannie, K oder ihre Mutter nach Seward.
●Kurzfassung: Waldo befindet sich in einer Krise, und zwar mit ihrer Freundin Frannie, mit ihrem Typen Randy und ihrer Mutter. Zuerst serviert sie Randy ab, dann verliebt sie sich in ihren Kreatives-Schreiben-Lehrer Korgy, der sie abserviert, dann aber wieder zurückwill, also serviert sie den Zwischenfreund Nolan ab, aber Korgy stellt sich doch als der Loser heraus, der er auch zugibt zu sein, also serviert ihn Waldo am Ende doch ab, und dann gibt sie auch ihre Mutter und ihre Mormonen-Freundin Frannie den Laufpass und fährt los in eine ungewisse, aber selbstgewählte Zukunft.
●Charaktere: (rund/flach) Waldos Psyche schlägt ein paar Salto-Mortale, bleibt aber nachvollziehbar. Alle anderen erscheinen eher dürftig ausgeschnitzt.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: Tatsächlich erschließt sich die Freundinnen-Erzähllinie mit Frannie nicht wirklich. Besuch bei Korgys Familie auch nicht. Nolan als Charakter auch ziemlich überflüssig, Randy auch. Gwen, Korgys Ehefrau, völlig ungestaltet, schattenrisshaft.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Menstruationsblutung beim Sex und Bluten auf dem Teppich, als sie sich im Schrank versteckt. Und als Waldo bei Korgys einbricht und Sex mit seiner Parfümflasche hat.
●Diskurs: Aussehen, Frauen, Liebessucht, Coming-of-Age.
… erfüllt vieles nicht – keine Fiktionalität, eher das Gefühl von einer Reality-TV Show!! Insgesamt vom Plot äußerst vorhersehbar mit ein paar Schockmomenten (Käsegeruch, Chili-Cheese-Finger, Menstruationsbröckchen, Penis-Blut-Ohrfeigen). Der Plot selbst konnte nicht begeistern. Die Story hierzu, ein Loser-Mitte-40er hält nicht, was er verspricht…
–> 1 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: äußerst naturalistisch gehalten, gewinnt über die Länge aber Plausibilität, bis sie überzeugt, als Waldo anfängt zu existieren, eben eine Erzählerin, die sich nicht ins Bockshorn jagen lässt von Hochkultur, Prätention, Selbsthilfegruppe und Fürsorger-Attacken christlicher Nächstenliebe. Sie ist kein Wohlfahrtsprojekt, und der Text besteht daraus, wie sie völlig zu sich findet, als Erzählerin, als junger Mensch, frech, tollkühn und heroisch unbesiegbar, so gibt sie sich zumindest.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): keine Reflexion, aber situiert und perspektiviert, durchweg konsequent in Präsens erzählt.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: dreist, frech, abgeklärt.
●Einschätzung: Als Erzählhaltung überzeugend.
–> 4 Sterne
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) keine ästhetische Brechung, eher Alltagssprache und Alltagsthemen, die sich im Diskurs der Schönheits- und Modeindustrie verlieren.
●Eindruck: Formal gesehen nicht der Rede wert.
–> 1 Stern
Komposition:
●Signal/Noise-Ratio: wenig Überflüssiges, ja, und im Sinne eines psychologischen Crescendos überzeugend. Das etwas wuselige Erzählich findet nach und nach zur Stärke, gibt nicht auf, setzt sich durch, und zwar durch die Ablenkung der Mutter, der Freundin, des Freundes hindurch, also Abhängigkeitsverhältnisse durchschreitend, in diesem Sinne auch kompositorisch überzeugend.
●Operative Geschlossenheit: ja, Code: Emanzipation, operativ mit dualistischen Verhältnissen durchexerziert und am Ende durchschritten, als Unabhängigkeitserklärung. Die drei Linien, Mutter/Freundin/Freund gehen durch Hoffnung/Enttäuschung/Hoffnung/Trennung, also sehr konsequent.
●Rahmenstabilisierende Details: leider keine, Anchorage als Ort funktioniert nicht und ist beliebig. Anchorage existiert gar nicht, könnte jeder andere Ort in den USA sein.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): problematische Dynamik, da oft eintönig, mit dennoch steigender Bewusstseinskurve
●Extradiegetische Abschnitte: nein, gar nicht.
●Lose Versatzstücke: Randy, Nolan, die Typen spielen keine Rolle bei Waldo, auch Tony nicht, der Freund der Mutter.
●Reliefbildung: zu wenig.
●Einschätzung: Besitzt sehr viele gelungene Aspekt in der Codierung und der systembildenden Formung, leider aber besitzt das Werk gar keine Fiktionalität und keine Ästhetik.
–> 4 Sterne
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Slata Roschal: „Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt“

Dadaistisch-lyrisches Verlangsamungsbestreben einer bedeutungsüberfrachteten Lebensrealität.
Nach 153 Formen des Nichtseins und Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten bringt Roschal nun einen Gedichtband namens Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt heraus, eine intuitiv verständliche Entwicklung, denn ihre Prosatexte erscheinen weniger autofiktional oder fiktionalisiert als dichterisch-rhythmisch geschlossen. Der atmosphärischen Stimmigkeit lässt sie nun mittels des dadaistischen Selbstverständnisses, das Sprache sich selbst zu regulieren habe, in ihren Gedichten freien Lauf:
Männer horten unter dem Tisch Nistmaterial demonstrieren
Ihre geringe durchschnittliche Lebenserwartung
Sie sind zu wenige um miteinander froh zu sein
Mein Rouge besteht aus Roter Beete
Ich schreite en passant und tue deutsch
Gerade werden viele Kinder auf Bahnhöfen geboren
Diese Art Schreiben funktioniert assoziativ. Die Poesie treibt bestimmte Wörter zusammen, aus denen überraschende Querverbindungen hervorgehen. Roschal betreibt eine Art surrealistisches Traum-Aufschreib-System: Sätze schließen nicht; Wörter werden erfunden; Deiktika erhalten nebulöse Bestimmtheiten. Im Zitat, bspw., wird „gerade“ in „gerade werden viele Kinder auf Bahnhöfen geboren“ völlig von der Semantik des Restgedichtes entkoppelt und mit einem seltsamen Humor quergelesen, denn das, worauf sich diese Aussage bezieht, kann unmöglich zeitlos noch zeitgebunden sein, zumal das pointillistische „gerade“ nicht so recht zum Prozesses des Gebärens passen will.
Die Wäsche riecht nach fremdem Wohnsitz neu oder mit Perwoll gewaschen
Ich unterdrücke nicht mehr das Verlangen zu sagen was ich denke
Die Mine bricht und zieht sich durchs Gesicht nun ist Ein Auge rot und eines violett
Die scheinbare Einfachheit solchen Dichtens besteht in der suggestiven Kraft der Sinnentriegelung. Roschal bleibt zentriert, spricht aus einem selbstkritischen, aufmerksamen Ich heraus und lässt alles miteinander in Interferenz geraten. Die poetische purifizierende Dynamik, die hieraus entsteht, erinnert an eine Colette Peignot alias Laure in ihren Gedichten, oder an die Dadaistin Emmy Hennings in Die Letzte Freude. Die Wörter überraschen. Die Aussagen verschlieren sich. Die Überforderung wird sichtbar und verarbeitet sich als Sprachstrudel. Hieraus ergibt sich aber eine poetische Wachsamkeit gegenüber Kurzschluss-Aussagen, die bei Slata Roschal dadaistisch überbetont geläutert und vermittelt werden, sodass sich das lyrische Ich einen Freiraum gegen die bedrängende soziale Realität erkämpfen kann.
Trotz aller diffusiven Bedeutungsgehalte bleibt so der melancholisch-zögerliche Ton Roschals, der schon ihren Prosatexten eine überraschende Geschlossenheit verleiht, auch hier erhalten. Die Kunst liegt hier darin, es leicht erscheinen zu lassen.
Walter Benjamin: „Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik“

Die Idee der immanenten Kritik der Kunst als eines Reflexionsmediums
Benjamins Dissertation Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik erschien 1920 und beinhaltet bereits die wichtigsten Komponenten des späten Benjamins, der mit den geschichtsphilosophischen Thesen das Kontinuum des falschen Bewusstseins zu sprengen gedachte, seines Zeichen aber Angst vor dem jubelnden Missverständnis verspürte und vieles unpubliziert ließ. Um Benjamin ranken sich zwar Mythen, Hoffnungen, die um das Spannungsfeld messianischer Marxismus kreisen, von den politischen, meist subversiv unterstellten, Aspekten aber abgesehen, hält Benjamin in seiner Tätigkeit als Kritiker, als Leser, als Rezensent und Übersetzer stets aufs Neue provozierende und aufrüttelnde Einsichten bereit. All dies versammelt er bereits in seinem Grundlagentext über den Kunstkritikbegriff der Frühromantiker, namentlich über die Ästhetik von Friedrich Schlegel und Novalis:
Es ist klar: für die Romantiker ist Kritik viel weniger die Beurteilung eines Werkes als die Methode seiner Vollendung. In diesem Sinne haben sie poetische Kritik gefordert, den Unterschied zwischen Kritik und Poesie aufgehoben und behauptet […]
Um zu dieser Rekonstruktion zu gelangen, durchforscht Benjamin die Paradoxie des frühromantischen Denkens, das neben der ersten Stufe (Reflexion) und der zweiten (Selbstreflexion) noch eine dritte kennt, nämlich ein Denken, dass das Denken des Denkens denkt. Hier entsteht ein suspendierter Übergang zwischen Objekt und Subjekt, denn das Denken der dritten Stufe vermag zwischen dem Denken über das Denken des Denkens und dem Denken des Denken über das Denken zu oszillieren. Mit anderen Worten, die Reflexion reflektiert über den Gegenstand der Selbstreflexion oder die Selbstreflexion reflektiert sich im Gegenstand. Diese Schwebung erlaubt eine Transposition im medialen Prozess der Kunsterkenntnis. Kunst wird ein Reflexionsmedium der symbolischen Formen:
Die Idee der Kunst als eines Mediums schafft also zum ersten Male die Möglichkeit eines undogmatischen oder freien Formalismus, eines liberalen Formalismus, wie die Romantiker sagen würden. Die frühromantische Theorie begründet die Geltung der Formen unabhängig vom Ideal der Gebilde.
Von hier aus nun entfesselt Benjamin die Möglichkeit einer immanenten Kritik, die es zum Ziel hat, die Idee eines Kunstwerks hinter seinen Zeichen aus den Zeichen heraus zu lesen, um auf diese Weise das Kunstwerk in seiner ihm gemäßen Form als Reflexionsmedium eines infiniten Progress und Regress erscheinen zu lassen, also als in symbolische Formen gebanntes dynamisches Gleichgewicht. Diese Idee der Kunstkritik führt Benjamin dann später an Einzelwerken wie die von Charles Baudelaire oder von Johann Wolfgang Goethes Wahlverwandtschaften durch, bevor er sie auf den geschichtlichen Prozess selbst anwendet in seinen Geschichtsphilosophischen Thesen.
Die Idee aber einer immanenten Kritik, die nicht diskursiv-ideologisch argumentiert, sondern aus dem Kunstwerk selbst die Mittel seiner Kritik entnimmt, als Idee von sich selbst, sprengt zumindest, in jedem Fall herkömmliche Methoden der Kunst- und Kulturkritik, indem sie das Identitätspolitische als der Kunst Fremdes dekuvriert.
Pascal Mercier: „Der Fluss der Zeit“

Zeit und die Spuren von ihr im eigenen Leben: kurze Episoden.
Inhalt: 3/5 Sterne (Alter und Zeit)
Form: 3/5 Sterne (reflexiv-erzählt)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (nachdenklich)
–> 9/3 = 3,0 = 3 Sterne
Mercier wurde vor allem bekannt durch Nachtzug nach Lissabon, als literarische Verarbeitung seines Buches über die Freiheit des Willens. Die Bücher bedienen ein gewisses Reflexionslevel, ohne aber die formalästhetischen Grenzen des ungezwungenen Erzählens anzutasten. Ihn zeichnet eine gewisse Unaufgeregtheit aus, die besonders in seinem kleinen posthum-veröffentlichten Erzählband Der Fluss der Zeit zur Geltung kommt:
Ich machte das Fenster auf und sah in die leere Gasse hinunter. Aus der Kneipe gegenüber war Gelächter zu hören. Ich nahm den Schlüssel, den mir Schweikerts gegeben hatten, ging leise hinaus und betrat die Kneipe. Der Raum selbst hatte sich kaum verändert, aber die Tische und Stühle waren neu, und ich war verblüfft, dass ich die Veränderung nach der langen Zeit sofort sah. Ich setzte mich in eine Ecke, bestellte einen Wein und sah den Leuten zu. Zwei alte Männer meinte ich von früher zu erkennen. Ich war damals nicht oft hierhergekommen, Kneipen dieser Art habe ich nie gemocht. Ab und zu streifte mich jemand mit seinem Blick, und einer prostete mir zu. Ich hatte keine Ahnung, was ich hier machte. Mehr und mehr kam mir mein ganzes Unternehmen abstrus vor, und ich zahlte bald.
Seine Erzählweise erinnert stark an Christoph Heins Der Tangospieler oder Der fremde Freund. Sie verzichtet auf jede Emphase, auf jedes Ornament. Sie dröppelt und träufelt und schwebt durch ihren selbstgestifteten Raum, aber transportiert dadurch eine träge, sattsam sich ihrer selbstgewisse Melancholie, die aus dem Hier und Jetzt nach Antworten sucht, aber keine findet, weder in sich noch in den Beziehungen zu anderen. Mercier schreibt im Sinne eines Cees Nootebooms, eines Christoph Heins über Einzelgänger, traurige Schattengestalten ihrer Selbst, die ihr Leben verfehlen, sich im Verfehlen aber irgendwie wohlfühlen und bleiben, wohin es sie nun einmal getrieben hat.
Die Frau war aufgestanden und ging, hastig rauchend, im Korridor auf und ab. »Glauben Sie, dass wir, der Junge und ich, uns aus seinem Leben hätten zurückziehen sollen? […] Jemand tritt in das Leben eines anderen und bleibt dann darin. Bleibt einfach. Ich weiß nicht, ob das richtig ist. Wissen Sie, was ich meine?«
Ja, sagte ich, ich wisse, was sie meine. Ich wagte nicht hinzuzufügen: Ich habe nie jemanden länger als acht Tage in meinem Leben ausgehalten. Die Frau setzte sich wieder aufs Bett und versank in Schweigen. Sie versank so tief, dass ich Angst hatte, sie könnte darin verloren gehen und nie wieder zurückkommen.
Die Figuren von Mercier immunisieren sich durch ihre Einsamkeit. Diese erlaubt Entschleunigung und Entzauberung, aber auch ein gewissen kleinodisches Erzählen, das hier und da eine Authentizität besitzt, die etwas Großväterliches, aber auch Überzeugendes, ja Direktes und Eindringliches erhält. Leider verbleiben die Bücher von Mercier, wie auch dieses, lediglich am Rand eines psychologischen Problems. Sie lassen sich nicht fallen. Sie halten eine Pose aufrecht, und diese Maske bewahrt die Sprache davor, wahrscheinlich das Gesicht zu verlieren.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: angenehme, unanstrengende Lektüre, gemäßigt, gedämpft, lau, und etwas meditativ, hochgradig deeskalierend, jede Intensität vermeidend, aber fließend-flüssig mit der Zeit und der Erzählung rollend. Besitzt überhaupt kein Widerstandspotential.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, die Erzählungen wirken wie Erinnerungen
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) na ja, geschmeidig geschrieben, aber eher konventionell
●ein zweites Mal lesen? Wahrscheinlich nicht.
–> 3 Sterne
Inhalt:
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: 5 Erzählungen, die unabhängig voneinander sind.
Die Übergabe: Ein Ehepaar nimmt die Schlüssel eines ältlichen Hausbesitzers, Karl Prager, entgegen, der als Restaurator in diesem Haus gewirkt und sein ganzes Leben verlebt hat. Da seine Tochter kein Interesse an der Weiterführung seines Geschäfts gehabt hat, seine Frau verstorben ist, die Tochter woanders wohnt, verkauft er das Haus und geht von dort aus direkt ins Pflegeheim. Offenkundig fällt ihm der Abschied schwer. Das Ehepaar verfällt in eine gewisse Tristesse, zumal er trotz Verabschiedung immer wieder kommt. Höhepunkt, als Prager seine Pfeife holt, diese aber vor ihren Augen ins Gebüsch wirft, als letztes Zeichen, dass er aufgibt, auch das Rauchen, scheinbar den ganzen Lebenswillen. – Seltsame Sache mit der Weihnachtsdeko, und er behält einen Satz Schlüssel, wie sie feststellen.
Die Wohnung: Ein Ich-Erzähler freundet sich mit einem Pianisten an, Luca Gasparin. Mit seiner Frau haben sie ein Konzert besucht. Wenige Wochen später lernt er ihn auf der Geburtstagsfeier einer Vera kennen. Luca hat sich an der Hand verletzt und wirkt melancholisch. Eine Freundschaft beginnt. Als Luca aus der Wohnung geschmissen werden soll, falls er die Wohnung nicht selbst kauft, kauft das Ehepaar für ihn die Wohnung und überschreibt sie ihn großzügig. Er kann sein Glück nicht fassen, aber eine Distanz stellt sich nun zwischen den Gönnern und ihn ein. Am Ende läuft es darauf hinaus, dass er die Wohnung wieder zurückgibt und für das Wohnen Miete zahlt, zum Glück hat sich seine Hand erholt und er kann mit Filmmusik wieder Geld verdienen. Dem Pianisten war die innere Freiheit lieber als die äußere, Dankbarkeit für eine Wohnung verspüren zu müssen, die ganze Zeit. Am Ende treffen sie sich zum Schachspielen, wieder auf Augenhöhe, nachdem Luca die Miete gezahlt hat.
Warten auf den Befund: Ein Deutschlehrer hat mit dem Rauchen aufgehört. Kurze Zeit später hat sich ein hartnäckiger Husten eingestellt. Der Arzt führt eine Bronchoskopie durch, um einen Befund zu erstellen, zur Sicherheit. Der Lehrer fürchtet sich sehr, redet mit seiner Ehefrau, von der er getrennt lebt, redet mit seinem Sohn, der in der IT arbeitet, redet mit seiner Tochter, die sich über ihr Leben beklagt, fährt mit seiner Frau nach Paris. Doch stets begleitet ihn die Sorge um den Befund. Immer wieder wird alles durch das über ihn hängende Damoklesschwert gedämpft, bis sich am Ende herausstellt, dass es keine Auffälligkeiten gibt.
Tödlicher Lärm: Ein Nachbar in einem italienischen Ferienort springt vom Balkon in den Freitod, ohne offensichtliche Fremdeinwirkung. Er bezeugt, dass die Ehefrau mit dem Sprung nichts zu tun hat, und erfährt nun von dieser die Leidensgeschichte des schwer am Lärm leidenden Mannes. Sie hat ihn kennengelernt und sich ihm angeschlossen, weil er so groß und stabil erschien, Wilhelm, „ein Koloss“. Sie hat aus der ersten Ehe ein Kind mitgebracht, aber Wilhelm und der Sohn kamen nie miteinander aus. Wilhelm wurde zudem immer geräuschempfindlicher. Der Sohn nutzt diese Schwäche aus, quält den Vater, der sich im Gegenzug über das Stottern lustig macht. Als die Situation im Italienurlaub eskaliert, stürzt sich der Koloss lieber aus dem Fenster als auf den Jungen.
Noch einmal die Mansarde: Ein Linguist besucht seine alte Studentenschaft, soll zu einem Vortrag eines Konkurrenten, der seine Thesen angreift. Statt sich der Debatte zu stellen, vertrödelt er seine Zeit und geht durch die Straßen, hängt seinen Studentenerinnerungen nach, wie ins Kino ging, wo er wohnte, bis er tatsächlich die Vermieter seines alten Studentenzimmers besucht, mit ihnen speist, und kurzerhand auch dort übernachtet. Er merkt aber, dass er die Zeit nicht zurückholen kann, wird nostalgisch, desillusioniert. Eine Entzauberung fand statt. Die Situation lässt ihn nicht los, also schreibt er sie auf.
–> 3 Sterne
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) Mercier schreibt leichte Prosakost, wenig Konzentrationsaufwendung nötig, sehr eingängige und gefällige Sprache, wenig Bombast, kein Experimentieren, sehr eng gestrickt im Erwartungshorizont. Fiktional durch das Erzählte, nicht das Erzählen. Keine formale Abgrenzung direkt.
●Wortschatz: eher konventionell
●Type-Token-Ratio: 0,17 abwechslungsreich, geschliffen (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 11,8 – Median 10 – STAB 7,4
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 85% (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: 661 Wörter.
●Auffälligkeiten: keine
●Innovation: keine
–> 3 Sterne
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Tezer Özlü: „Suche nach den Spuren eines Selbstmordes“

Reise am Rande der Einsamkeit – Flucht und Todesverarbeitung.
Inhalt: 3/5 Sterne (Selbstvergegenwärtig – langatmig)
Form: 4/5 Sterne (rhythmisch-ozeanisch)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (intensive Todesauseinandersetzung)
–>12/3 = 4,0 = 4 Sterne
Nach Die kalten Nächte der Kindheit, das hauptsächlich im poetisch-autobiographischen Stil gehalten ist, montiert Özlü in Suche nach den Spuren eines Selbstmordes eine weitere Ebene in den Textfluss: eine Reise von Hamburg über Prag, Triest nach Turin, um einerseits Italo Svevos und Cesare Paveses Spuren nachzuforschen, aber auch um den Tod einer nahestehenden Freundin, Christa, zu bewältigen. Özlü schreibt keinen Roman, eher eine poetische Todesverarbeitung, eine Interjektion gegen die Einsamkeit, gegen die Verlassenheit:
Es ist nicht nur seine Schwermut, seine Hoffnungslosigkeit, seine Einsamkeit, die ich in diesen kleinen Gebäuden, in diesen Gärten wiederfinde, durchlebe. Es sind die Bäume, die Verlassenheit dieses Grüns, die heute genauso zeitlos sind wie damals, und bedrücken und bedrücken und bedrücken. Nirgends auf der Welt empfing mich die Einsamkeit so stark wie im Giardino Valentino. Nicht einmal in dem stillen Grün am Rande von Stockholm. Es ist etwas hier. Es ist etwas in dieser Stadt. Es ist etwas in diesem Grün, was ich nicht benennen kann, was seinen Todestrieb nährte, vertiefte, vollendete, dem er entfliehen musste, nicht entflohen ist, sondern sich davon treiben ließ.
Texte dieser Art leben vom Feuer des Erzähl-Instanz, und Özlü hat viel Intensität, viel Wucht, viel inneren Antrieb, die Widersprüchlichkeiten, die Desillusionen und Frustrationen aus sich herauszuschreiben. Ihr dient das Schreiben als Ventil, als Verarbeitung und Erweiterung einer ins Leere laufenden Psychomaschinerie, die sich ihr wie ein Schraubzwingenscharnier aufs Gemüt legt. Sie kämpft, und Suche nach den Spuren eines Selbstmordes legt Zeugnis davon ab:
Als er eine weitere Tür öffnet, erwarte ich einen Schrank oder eher ein Badezimmer. Wir betreten einen dunklen Raum. Die Holzläden sind geschlossen. Ich nehme die dunkle Enge wahr. Nicht nur die dunkle Enge. Ich nehme den Selbstmord wahr. Die Kluft verschwindet. Er ist in meinem Wesen. In jeder Zeit und in der Zeitlosigkeit meines Wesens. Ich bin erfüllt mit seinem ewigen Selbstmord. Allein wäre ich hier zusammengebrochen. Ich hätte mich auf dieses Bett gelegt. Ich hätte geschrien. Und geweint. Hier ist Tod. Tod jeder Art. Selbstmord. Das Zimmer ist ein Sarg. Ein Grab, ein verstecktes Grab im Zimmer 305 des Hotel Roma.
Pavese, ein Schriftsteller der 1940er des italienischen Neorealismus, eine Vor-Form der Nouveau Roman-Ästhetik oder als metaphysisch-entleerter Existentialismus, hat das Kämpfen gegen die Einsamkeit 1950 aufgegeben, sein Handwerk des Lebens, das sich die Ich-Erzählinstanz bei Özlü zurückerobern möchte. Ihr Weg geht vor allem über die sinnliche-leibliche Nähe, über sexuelle Erfahrungen, hautnahem Kontakt zu den Mitmenschen. Dort glüht sie. Dort öffnet sich sie anderen, weniger für die Worte als über die Vertraulichkeit der Berührungen in der Dunkelheit.
In diesem Sinne lässt sich Suche nach den Spuren eines Selbstmordes als kämpferisches und widerständiges Buch bezeichnen, eines, das eine Schriftstellerin zeigt, die viel zu geben gehabt hat, nur nicht genügend Zeit dazu bekommen hat. Sie starb bereits 1986 mit nur 43 Jahren. Ihr Text gesellt sich in jedem Fall in das Spannungsfeld einer Ingeborg Bachmann, Brigitte Reimann und Emine Sevgi Özdamar mit bspw. Ein von Schatten begrenzter Raum.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Insgesamt angenehme poetische Prosa, die über eine Fahrt aus dem Norden Deutschlands hinunter zum Balkan und dann nach Norditalien handelt, wo das lyrische Ich den Spuren des Selbstmordes von Cesare Pavese nachforscht. Auf dem Weg wollen ihr viele Männer an die Wäsche, und sie denkt über den Tod und das Leben, die Abschiede und die Unmöglichkeiten des Zusammenlebens nach. Für sich sehr hermetisch, sprunghaft, assoziativ, eher wie ein Gedankenstrom, eine Art innere Anhörung dessen, was das lyrische Ich auf dieser Reise überkommt. In seiner poetischen Schreibweise, seinen Auslassungen und Ausschweifungen überzeugt mich der Text, der kein Roman, auch keine Erzählung zu sein anstrebt, aber einen roten Faden besitzt, die Reise. Es ist eher Lyrik, Selbstsuche, Bericht, dynamisches Sich-selbst-Erfassen, gehobene, geformte Briefmitteilung an Unbekannt.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, durch die Thematik – Leben, Lust, Einsamkeit, Tod.
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, durch die Intensität der Sprache, Originalität.
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) ja, auch schön, da rhythmisch, immersiv, fließend.
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, denn das lyrische Ich bringt sich zum Erwachen, erwacht.
●ein zweites Mal lesen? Vielleicht, im Rahmen von Pavese, oder in Bezug auf Bachmann, oder andere türkische Schriftstellerinnen.
–> 5 Sterne
Inhalt:
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) IE, eigentlich das lyrische Ich (LI), findet heraus, dass Pavese und sie beinahe am selben Tag geboren sind, mit der Zeitverschiebung eingerechnet. Zeit in Berlin. Schmerzen des Seins. Hört Don Giovanni. Besuch der Kneipe „Alte Liebe“ mit einem Freund. Jemand ist gestorben, unklar wer. Vermischung mit Erinnerungen an Wien. Nichtlineare Erzählweise. Reise beginnt in Hamburg. Nimmt Zug nach Berlin Bahnhof Zoo. Unterhaltung mit studiertem Katholiken über Krieg, Holocaust und die CDU. Erinnerungen aus 1961 mischen in ihr Bewusstsein. Datum: 5.7.1982. In Berlin. Sie besucht Freunde in Storkwinkel, beschließt nach Prag zu fahren, vom Ostbahnhof aus. Sie lernt einen Künstler kennen, Latislav. In Prag besucht sie das Grab von Kafka. Erinnerungen an den Besuch von Wien aus (stets vor und zurück in der erzählten Zeit). Latislav hat ihr aufgelauert. Sie verabschieden sich. Sie fährt Richtung Wien. Übernachtet dort im Prinz-Eugen-Hotel. Sie hat Zahnschmerzen.
2.) Sie versucht zu schlafen. Wegen der Zahnschmerzen unmöglich, durchnächtigt nach 30 Stunden wird sie am Ersten Kärntner-Ring abgeholt, von einem Er, der sie fast nicht erkannt hätte. Sie fahren die E5 Richtung Süden, der Route, die türkische Gastarbeiter auf der Reise zurück in die Türkei nehmen. Rückblick vom Hotel Niš aus. Ihr Mitfahrer hat sie zurückgelassen. Er ist unterwegs in die Türkei, in ihre Heimatstadt – vor Zagreb gibt es einen Zwischenfall, sie steigt aus, weiß aber nicht wohin. Sie hat Zahnschmerzen. Das Verhältnis zwischen den beiden wird nicht klar. Sie trennen sich, treffen sich aber in Zagreb wieder. Sie will nach Belgrad. Sie fahren wieder gemeinsam.
3.) Brüllende Zahnschmerzen. Samstag, 10.7., sie fährt mit dem Zug den Weg zurück. Eine Christa ist gestorben, die gemeinsame Bekannte? Achim, Freund Christas?
4.) In Triest, im Hotel. 11. Juli. Sie hat mit einem Griechen angebandelt. Der Grieche fährt nach Turin zu einem Rolling Stones-Konzert. Schmerzen. Fußballweltmeisterschaft findet statt. Endspiel: Deutschland-Italien. Siegesjubel.
5.) 12. Juli. Forscht Svevo Italo nach, besucht die Tochter. Eindrucksvolle Gestalt, hat Englisch bei James Joyce gelernt. Am 13. geht sie zu Svevos Grab. Läuft durch Triest am 14. Ist mit Achim die E5 runter gefahren. Sie fährt nach Turin. Trifft den Griechen wieder. Sie wird von einem Maschinisten angebaggert. Dann vom Kaffeeverkäufer, der noch bei seinen Eltern lebt.
6.) Befindet sich in S. Stefano Belbo, in der Nähe von Turin. Rückblick auf Einfahrt nach Turin. Besuch bei Paveses Verleger. Besuch des Hotels, in welchem er Selbstmord begangen hat, Hotel Roma. Ein junger Sekretär, Orazio, führt sie ins Zimmer 305.
7.) Christas Tod, Traum. Achim und sie, Süm und LI hat es nicht am Totenbett ausgehalten.
8.) Orazio begleitet sie nach S. Stefano Belbo. Er findet sie außergewöhnlich. Sie schlafen miteinander. Besuch Nutos, Freund Paveses, Handwerker.
9.) Rückkehr nach Turin. Sie nimmt Zimmer 211 im Hotel Roma, nicht 305. Erinnerung an den Sommer im Vorjahr mit Christa und Achim. Caffé Platti. Turin, 19. Juli. Abfahrt aus Turin am 20. Juli, 8 Uhr 36. Tag zuvor bei Paveses Schwester. Keiner da.
●Kurzfassung: Eine gemeinsame Freundin stirbt, Christa. Achim, ihr Lebenspartner und die Ich-Erzählerin trauern in Berlin. Später im Jahr bringt sie ein Kind nach Hamburg zum Flughafen. Sie selbst fährt über Berlin nach Prag, Wien, dann über Belgrad, Triest nach Turin, um den Spuren von Pavese nachzuforschen. Einerseits denkt sie über ihr Leben, über Christa und Pavese nach, um im Schmerz ein neues Lebensgefühl zu entwickeln.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Gespräch mit Katholiken in der Bahn über den Holocaust.
●Diskurs: Einsamkeit, Tod eines Freundes, Allein-Sein.
… Stimmungsmäßig Bodo Kirchhoff: „Seit dem er sein Leben mit einem Tier teilt“ – wegen Italien und der Erschöpfung; Jehona Kicaj: „ë“ – wegen der Zahnschmerzen und der Balkanreise; Heinz Strunk: “Es ist immer so schön mit dir” – wegen Wien und der Balkanreise, der Desperation, der Urlaub in dem Betonhotel.
… vor allem geht es um den vorzeitigen Tod, durch Krankheit (Christa), durch Selbstmord (Pavese).
… es ist eher eine Art lyrisches Schreiben um eine Erfahrung und Todesverarbeitung herum, Tod Svevos, Kafkas, Christas und Paveses, und ihr eigener Selbstmordversuch im Kindesalter. Die Thematik bricht sich in der Form. Die Handlung selbst teilweise zu konfus, zu unklar, zu indirekt erzählt, dass sich die Umstände unklar herausarbeiten lassen. Daher vom Plot her teilweise zäh.
–> 3 Sterne
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) lange, rhythmische, poetische Sätze, Welt- und Todesmetaphern, sehr holistische, Zeit überspannende Erzählweise, zwischen Vergangenheit und Zukunft in Schwebe gehaltene Gegenwart. Sprache abwechslungsreich, eindringlich, sehr erfahrungsnah, wie Briefe, wie direkte Mitteilung, als Botschaft dennoch ästhetisch gefiltert, verarbeitet, so dass das Ganze weniger roh erscheint, eher mittel-unmittelbar. Es besitzt nicht ganz den letzten Schliff in der Rhythmik und Sprachfärbung.
–> 4 Sterne
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Jean Paul: „Siebenkäs“

Intensiv romantisch-ironische Verhandlung über die Trauer, einen Menschen zu verlieren.
Inhalt: 5/5 Sterne (Trauer der Endlichkeit)
Form: 5/5 Sterne (einzigartig wortgewandt)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (wild-artistisch, frei)
Komposition: 5/5 Sterne (intensiver Weltausschnitt)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (nachhallend-traurig)
–> 25/5 = 5,0 = Sterne
Siebenkäs stammt aus dem Jahr 1797, neu herausgegeben 1818, und gilt als einer der zugänglichsten Romane des Satiriker-Eudämoniums, Jean Paul, der vor allem durch sein Hesperus Berühmtheit erlangt hat und sogar durch Anraten Georg Wilhelm Friedrich Hegel eine Ehrendoktorwürde verliehen bekam. Er selbst fand wohl, dass Titan sein Hauptwerk sei. Neben Siebenkäs verblassen seine andere Werke jedoch, zumindest ideen- und literaturgeschichtlich gesehen, denn in diesem wird statt das kontrovers Zeitpolitische des ausgehenden 18. Jahrhunderts das Thema Ehe und Beziehung in aller Ausführlichkeit behandelt und zudem der Verlust eines geliebten Menschen und die Trauer darüber:
Auch keine Freunde mehr – nein – wir stehen alle auf ausgehöhlten Gräbern nebeneinander – und wenn wir nun einander so herzlich an den Händen gehalten und so lange miteinander gelitten haben: so bricht der leere Hügel des Freundes ein, und der Erbleichende rollt hinab, und ich stehe mit dem kalten Leben einsam neben der gefüllten Höhle – – Nein, nein; aber dann, wenn das Herz unsterblich ist, wenn einst die Freunde auf der ewigen Welt beisammen stehen, dann schlage wärmer die festere Brust, dann weine froher das unvergängliche Auge, und der Mund, der nicht mehr erblassen kann, stammele: nun komm‘ zu mir, geliebte Seele, heute wollen wir uns lieben, denn nun werden wir nicht mehr getrennt.
Jean Paul vermag wie kaum ein anderer Alltäglichkeit mit romantischer Sehnsucht, Trivialität mit berauschenden kosmogonischen Allüren zu beschreiben, in denen, nebst Erbsen und Bohnen und Kohl eben die Träume, das Möglichkeitsdenken sich stets wieder aufs neue entfalten. Siebenkäs handelt von zwei Freunden, die nicht gemeinsam durchs Leben gehen können, da beide doch in ihrer Eigenart zu unterschiedlich sind: der eine eher sittsam, der andere eher abenteuerlich, reisefröhlich; der eine eher nachhaltig-verzeihend, der andere eher aufbrausend und rächend. Grundthema des Romans lautet nun, wie der abenteuerliche Freund dem sittsamen hilft, nicht im Leben schon zu sterben, und zwar, indem er aus einer selbsterwählten Ehetristesse einen Ausweg findet. Er ist sich aber nicht sicher:
Aber als die Sonne hinter die Erde sank – – so flog in die leuchtende Welt, die hinter den zwei wasservollen Augen Firmians wie eine ausgedehnte, flackernde, feurige Lufterscheinung zitterte, plötzlich der Engel eines höhern Lichts, und er trat blitzend wie ein Tag mitten in den nächtlichen Fackeltanz der hüpfenden Lebendigen, und sie erblichen und standen alle. – – Als er seine Augen abtrocknete, war die Sonne hinunter und die Erde stiller und bleicher, und die Nacht zog tauend und winterlich aus den Wäldern. Aber das zerflossene Menschenherz schmachtete nun nach seinen Verwandten und nach allen Menschen, die es liebte und kannte, und es schlug unersättlich in diesem einsamen Kerker des Lebens und wollte alle Menschen lieben. O an einem solchen Abend ist die Seele zu unglücklich, die viel entbehret oder viel verloren hat! –
Siebenkäs lässt sich mit kaum einem Buch vergleichen, vielleicht noch mit Friedrich Hölderlins Hyperion, vielleicht auch ein wenig, nicht sprachlich, aber inhaltlich mit Hermann Hesses Narziss und Goldmund, nur eben doch völlig anders, denn Jean Paul vermag es mit seiner eigentümlich wirren, ausufernden Sprache den tristen Alltag literarisch produktiv zu gestalten. Siebenkäs lässt seine Figuren äußerst lebendig werden, sodass alles, was ihnen zustößt, intensiv erfahren wird. Insgesamt erscheint Jean Pauls Roman als großes Bekenntnis zum Hier und Jetzt, zu dem Getümmel, Rummel, zum Chaos des Menschlich-Allzumenschlichen, eine Fabulation ins Unendliche, um gegen das Endliche zu protestieren.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: es liest sich schwer, anstrengende Metaphern verbauen zuerst den Leseeindrücke, nach und nach wird klar, dass diese Art zu schreiben, den Schreibenden vom Realismus befreit, alles wirkt artistisch, verfremdet, erfunden, die Fiktionalität wird unterstrichen, und hierdurch verschafft er sich eine große lebendige Meinungs- und Kommentarfreiheit, die er wild ausspielt. Mich hat das Buch sehr mitgenommen, mitgerissen, mit Traurigkeit und Humor erfüllt, mich in das Leben von Firmian und Lenette hineingezogen, und auch in die Trauer dieser Menschen, nicht das Leben führen zu können, das ihnen vorschwebt, ohne zu wissen, worin denn ein solches Leben bestehen könnte.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) ja
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja
●ein zweites Mal lesen? Auf jeden Fall.
–> 5 Sterne
Inhalt:
●Hauptfigur(en): Firmian Stanislaus Siebenkäs; Ehefrau Lenette Egelkraut; Schulrat Stiefel; Heinrich Leibgeber; Heimlicher von Blaise; Venner Everard Rosa von Meyern; Natalia Aquiliana. 1784 in Kuhschnappel.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Vorrede: Ich-Erzähler (IE) kehrt bei einem Jakobus ein, Kaufmann, dessen Tochter Pauline ein tristes Leben führt. Er schläfert den Jakobus mit Reden ein, um Pauline aus dem Hesperus und den Blumenstücken („Siebenkäs“) vorzulesen.
1. Bändchen:
1.) Armenadvokat Stanislaus Siebenkäs (S) wartet auf eine Braut Lenette Egelkraut (L), die ihr Geld mit dem Anfertigen von Hauben verdient. S hat seine Erbschaft von 1200 Gulden verheimlicht, um nicht des Geldes wegen geheiratet zu werden. Zur Hochzeit erscheint sein bester Freund Heinrich Leibgeber (H) und will sich über die Hochzeit lustig machen. H bestraft, S verzieht lieber. H hinkt, S hat ein pyramidales Muttermal am linken Ohr. Sie haben die Namen getauscht, aus Jux. H und S haben sich sechs Monate nicht gesehen. H verdient sein Geld mit dem Schneiden von Schattenrissen. Schulrat Stiefel (ST) wundert sich, dass H und S sich lieber unter Handwerker mischen. S tischt groß auf beim Hochzeitsschmaus. H lässt sich von der Romantik beeindrucken. Alle drei umarmen sich fröhlich.
2.) S freut sich darüber, L bald die Summe seines Erbes vorweisen zu können. Den Namenstausch nutzend, verwehrt Heimlicher v. Blaise (B) das Geld, und dies obwohl er schriftlich (aber mit Zaubertinte) die Problemlosigkeit vorher bestätigt hat. Das Schreiben verschwindet. B behält das Geld für sich. H und S lauern B zuhause auf, können ihn nicht überzeugen. H erlaubt sich einen Ulk mit B, hat mit selbiger Zaubertinte von Bs Schandtat auf dessen Wand kundgegeben, wiewohl sich Vokalinjurien erlaubt. H muss verschwinden, mindestens für ein Jahr, um der Strafe zu entgehen. H und S verabschieden sich unter Tränen.
Beilage zu 2.) Verstädterung des Landes, Kuhschnappel als Ort ungewöhnlich, da es viele Bürger wie Patrizier gibt.
3.) S regt eine Klage gegen B an und beschließt ein Buch zu schreiben („Auswahl aus des Teufels Papieren“). ST verliebt in L. S verteidigt eine Kindsmörderin und verdient sich sein Geld als Rezensent bei ST. Ein Freund von B kommt zu Besuch Venner Everard Rosa von Meyern (R), der die Kindsmörderin geschwängert hat und sich als übler Casanova aufspielt. Auch R drängt sich L auf. Feier des Michaelistag (29. September). Bettelarmee zieht auf. R versucht L zu verführen, erwartet eine Locke, aber L bleibt S treu. R will L damit Erpressen, dass er bei B ein gutes Wort wegen der Erbschaft für sie einlegen will. L enttäuscht, dass S sie angelogen, ihr etwas verschwiegen hat, bspw. auch, dass er den Namen getauscht hat. Derweil schlägt sich S durch die Massen und flieht in die Einöde, H vermissend. L aufgebracht über S, ST versucht zu versöhnen.
4.) L beleidigt, schweigt. S verfügt, dass R von L fernzubleiben habe. Brief von Heinrich über die Menschheit seit Adam, wirft sich zum Universalmonarchen auf. Geschichte Adams und Evas. Adam grämt sich über die Menschheit, tröstet sich nur mit den einzelnen gelungenen Exemplaren, den Genies wie Aristoteles, Platon, Shakespeare, Newton, Rousseau, Kant und Leibniz. H berichtet, dass dieser nach Italien reist. H hat eine aufregende Frau kennengelernt, die wohlmöglich nach Kuhschnappel kommt (Natalie Aquiliana – N), Verlobte von R. Freut sich auf Wiedersehen im Frühjahr. L und S versöhnen sich.
Ende der Vorrede: IE liest Pauline vor, gegen den Willen des Vaters, der die Tochter gefügig halten will. IE enthält sich Pauline am Neujahrsabend zu verführen. IE sentimental, gedenkt aller Mitmenschen.
2. Bändchen:
Vorrede: IE hat zu viele Vorreden verfasst und muss sie nun unterbringen. Er bringt sie unter die Leute, u.a. findet er den Autor des Hesperus als williges Opfer. Der Roman Titan wird angekündigt. Jean Paul tritt auf.
5.) S fühlt sich bei seiner Schriftstellerei durch L gestört. Verarmt setzt er seine Hoffnung aufs Schießfest, bei dem er zu gewinnen gedenkt. Das Ehepaar ist pleite. Verhökern ihr Silber. S fühlt sich durch Ls Putzen gestört. Über das Kerzenschneuzen. Ehekonflikt. ST bringt Bücher zum Rezensieren.
6.) Rezension über latinisierte Emilia Galotti. L versetzt den Mörser, ST hat kein Geld bei sich, kann S Lohn nicht zahlen. S fordert L auf, ST einen Kuss zu geben. S eifersüchtig, testet L. Trostlosigkeit des Novembers. Extrablättchen über den Trost. Andenken an die Verlorenen auch ein Trost. Vorblick auf das Schwenk- und Andreasschießen. Zankapfel: das grillierte Kattun (Trauerkleid Ls). Martinstag, Abschweifung über das Verhältnis Christen-Juden. L peinlich berührt über die Armut, will nicht den Mitbürgern zeigen, was sie alles versetzen. S prüft L, als er vorschlägt, den Brautstrauß zu versetzen. Sie weigert sich. Er ist erleichtert. S erinnert sich an den schlagenden Vater und verkauft dessen Jägerzeugs.
7.) Schützenfest. B Meister der Schützenloge. S schießt einen Hecht u. ein Zepter, einen Apfel. Schließlich, im spannenden Wettkampf, wird er Schützenkönig, derweil R sich wieder L aufdrängt. Sie lehnt ab. R will sie erpressen, sie jagt ihn davon, der daraufhin sein Glück bei der Nachbarin von L sucht. Muss sich aber vor dem Ehemann verstecken. R wird entdeckt. Abschweifung über Landmiliz.
8.) S ein Gelehrter. Festessen zu ehren seines Schützentitels. S will Verlobungsstrauß auslösen, erfährt, dass dies schon R getan hat, L es ihm aber verschwiegen hat. Die Blumen, die S stattdessen kaufte, schmeißt er auf ein Grab. ST versucht Streit zwischen L und S zu schlichten.
Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab: Rückkehr der Gefühle das Ziel. Sonnenfinsternis, die Erde bebt. IE rettet sich in Kirche, in der Christus vom Himmel herabsinkt und sagt, es sei kein Gott. Riesenschlange der Ewigkeit umschließt die Welt, lässt sich röchelnd bersten. IE erwacht. Traum im Traum. Maria weint um die Erde, um die unendliche Liebe zu den Menschen, die als Traum im Traum erwacht.
3. Bändchen:
9.) IE traut sich nicht abzuschweifen. Weiter im Text. Liebe zwischen L und S erkaltet. Eheleben trist, L für S zu bieder, S für L zu springhasig. Sie treffen B auf einem Spaziergang am Tag von Marias Empfängnis (8. Dezember), S schafft es nicht zum Verdrusses Ls seinen Hut zu ziehen. Abschweifung über das Hutziehen. L ärgert sich über einen Schneider, der sie kopiert.
10.) S will zu Silvester 1785 das grillierte Kattun versetzen. S sieht auf einem Spaziergang einen Kindersarg und wird melancholisch. Leidet an Herzrhythmusproblemen. Will zurück, sich bei L entschuldigen, aber ST ist schon bei L, sodass S es nicht über sich bringt, sich zu entschuldigen vor Eifersucht. S versöhnt sich mit dem Rat, versteht Ls Probleme, dass sie nicht wie er das Schreiben hat, um sich zurückzuziehen. S fragt ST um Hilfe wegen B. ST hilft. Dennoch versöhnen sich L und S nur leidlich. Sie korrespondieren nur schriftlich, wenn überhaupt. S beschließt an Ls Geburtstag, ihr zu verzeihen, ST einzuladen, das Kattun zu kaufen. Alle versöhnen sich.
11.) H schreibt, dass er nicht mehr berühmt sein will. Vom Kosmischen aus gibt es zu wenig Unterschiede. H meldet seine Rückkehr am 1. Mai an. S eifersüchtig, traurig, fiebert seinem Freund entgegen. S fühlt sich krank und dem Tode nahe.
12.) H schickt 30 Taler. S soll kommen, nicht mehr darben, nach Bayreuth. S bereitet alles zum Abschied vor. Sentimentalität ergreift ihn. Er bricht auf, Euphorie beim Gehen, kurz vor Bayreuth trifft er eine geheimnisvolle Frau in Fantaisie. Am nächsten Morgen erreicht er Bayreuth (8. Mai). Freunde wieder vereint. Tischrede Hs, über die Schwierigkeit Kronprinzen zu zeugen. H lüftet das Geheimnis um die Unbekannte. Es ist Rs Verlobte N, Nichte des B. B hat N gedroht, sie verhungern zu lassen, sollte sie R nicht heiraten. H schlägt S vor, sich von L scheiden zu lassen, aber das kommt wegen Ls Glauben nicht in Frage, also muss S seinen Tod vortäuschen. H hat außerdem eine Stelle für ihn in Vaduz ergattert.
13.) H und S klären N über R auf. Sie soll ihn fortschicken, trotz Bs Drohung. Auftritt von R, der sein wahres Gesicht zeigt. N enttäuscht. Sie schickt zuerst alle weg, dann lädt sie aber H und S wieder ein.
14.) S und N gehen im Mondschein spazieren. Sie fühlen sich nah. Romantische Szene.
1. Fruchtstück: Brief am 1. April 1795 über die singend schreitende Nachtigall. Diskussion über Hass, Vergebung und die Übung, sich im Urteil über andere zu mäßigen. Falsche Menschenabneigung, nur weil die anderen nicht mit einem selbst übereinstimmen.
Nachschreiben von Jean Paul: Frankreichs Nationalkonvent. Gewaltmonopol des Staates. Strom der Zeit. Rheinfahrt.
4. Bändchen:
15.) S von N berauscht, H genervt. N bereits gen Schraplau abgereist. H lauert ihr auf, trotz ihr ein Ja ab, dass S ihr eine Witwenrente ergaunert (durch seinen – vorgetäuschten – Tod). H sieht sich als Wanderphilosophen und reisenden Lehrer.
16.) S reist zurück nach Kuhschnappel. ST bereits bei L, leben bereits in einem harmonischen Alltag.
17.) R hat S bei L verpetzt. Ungemach im Haus. L eifersüchtig auf Ns Gelehrsamkeit.
18.) IE wehrt sich gegen den Vorwurf, Betrug bei der Witwenrente Vorschub zu leisten. S und er nicht dieselbe Person. H kündigt sich in Kuhschnappel an, S bereitet seinen Tod vor.
19.) Gewitter in Kuhschnappel. L beleidigt H. S erbost. L ekelt sich vor Hs Hund Saufinder. Särge sind teuer. S soll an Schlagfluss erkranken.
20.) L und S umarmen sich auf dem Sterbebett. Hinweis auf Molière. S mimt den Tod.
21.) Wucherei mit dem Tod. Sie drängen H ihre Dienste auf. H wehrt sie alle ab, hat S aber vorsichtshalber einen Totenkopf gegeben, den dieser benutzt, um seinen Nachbarn zu foppen. S bricht nach Hof auf. H hält kurze Grabesrede am 24.8.1786. Grabesrede an Friedrich den Großen (17.7.1788 gestorben).
22.) S auf Wanderschaft, zur Fantaisie. Die Freunde treffen sich noch vor Hof. Sie dürfen sich nicht zusammensehen lassen, nicht mehr, müssen getrennter Wege gehen, denn allein würde man sie beide für H halten, aber nicht zu zweit. Wanderung von Bayreuth-Berneck-Gefrees-Münchberg. Sie verabschieden sich auf dem Glücksberg, in der Nacht, Spiegelung des Monds im Wasser eines Sees. S bricht das Herz. IE spricht von seinem verstorbenen Freund Christian. Konklusion: Wärmer gegen die lebendigen Menschen sein, überhaupt wärmer.
23.) S muss Hs gute Laune in Vaduz spielen und wird auch fröhlicher dabei. Arbeitet beim Grafen, erledigt Arbeit gewissenhaft. Zeitsprung 6 Monate, 1787. Brief Natalies, in welchem sie nach den letzten Momenten von S fragt. S antwortet nicht.
24.) Brief von ST. H hat B Angst eingejagt, so dass B nun gewillt ist, die Erbschaft auszuzahlen. L schwanger, beide sind glücklich. Gewohnheit überzieht die Welt mit Borke. Um Ls Glück willen entschließt sich S zu schweigen. Graft lädt N ein. S beichtet ihm alles. Der Graf lauscht beglückt. S reist nach Kuhschnappel, um N aus dem Weg zu gehen.
25.) S in Kuhschnappel. L im Kindsbett gestorben. 22. Juli 1787. Ihr letzter Wunsch ist es gewesen, S im Himmel wiederzusehen. S hört von einer Unbekannten, die nach S letzten Stunden forscht. Am Grab von S treffen N und S sich. Zuerst denkt sie, er ist ein Gespenst, dann finden sie zusammen.
●Kurzfassung: Zwei beste Kumpels, Firmian und Heinrich, sehen sich sehr ähnlich und tauschen aus Jux die Namen. Der eine, nun Firmian, beschließt ein bürgerliches Leben als Advokat zu führen und eine Frau zu heiraten (Lenette); der andere bleibt ein Springinsfeld und Lebenskünstler. Der Namenstausch führt dazu, dass Firmian das Erbe mütterlicherseits nicht antreten kann. Der zuständige Vormund weigert sich und Heinrich beleidigt ihn so sehr, dass er für ein Jahr das Weite suchen muss. Firmian vermisst ihn sehr und gerät in arge Geldnöte. Auch die Ehe mit Lenette kriselt, da sie, sehr hausbacken, ihn eher bei seiner kreativen Arbeit stört als unterstützt. Als Schützenkönig bringt er sie noch über den Winter und bekommt ein wenig Geld von Heinrich, der ihn fast ein Jahr später nach Bayreuth beordert, wo er die gleichgesinnte, intellektuelle Natalie kennenlernt. Dort beschließen Heinrich und Firmian, dass Firmian stirbt, um Lenette von ihrem Ehegelöbnis freizusprechen. Sie inszenieren seinen Tod. Heinrich hat Firmian zudem eine Stelle bei Grafen in Vaduz verschafft. Da sie nun, nachdem Firmian gestorben ist, nicht mehr zusammen gesehen werden dürfen, müssen sich ihre Wege trennen. Wieder ein Jahr später erfährt Firmian, dass Lenette wieder geheiratet hat, aber im Kindsbett gestorben ist. Er besucht ihr Grab und trifft dort Natalie wieder.
●Charaktere: (rund/flach) sehr ausgestattet, mit vielen Facetten, sehr detailliert, widersprüchlich und ambivalent dynamisch.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: schwierig, viele seltsame Vorreden, Zwischenreden, Dornen- und Blumenstücke, die den Text aufsprengen. Der Fall der Kindsmörderin wird nicht wirklich aufgelöst. Die Rahmenhandlung mit Pauline, Teil der Vorreden, erscheint auch etwas müßig, da diese Vorreden eher Werbetrommeln für Jean Pauls andere Werke (Titan, Hesperus) schlägt.
●Besondere Ereignisse/Szenen: „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei“ – berühmter Abschnitt über die leere, triste Welt des Atheisten. Etwa gleichzusetzen mit dem Großinquisitor von Dostojewski.
●Diskurs: Armut, vor allem alltägliches Eheleben, Zusammenleben von Adel und Bürgern, der wirre menschliche Kosmos.
… „Siebenkäs“ verhandelt die Problematik, wie der einzelne im dichten Lebensgewirr, im sozialen System, noch lebendig, spontan, glücklich, gleitend bleiben kann. Es geht um Person vs. Selbst, also Authentizität und Form, Förmlichkeit, um die Problematik Sicherheit und Glück, Opferbereitschaft für ein gesichertes Auskommen. Die Welt erscheint in Jean Pauls Roman weit und groß – nur die der Menschen nicht, die sich aber abschotten gegen die Riesigkeit des Kosmos.
… „Siebenkäs“ ist auch einer der Eheromane, in denen sehr früh bereits das Zusammenleben von verschiedenen Charakteren beobachtet, beschrieben, reflektiert worden ist, auch die Vorstellung von Mann und Frau.
… es ist aber auch ein Roman über den Tod, die Problematik des Endlichen, des Sterben-Müssens, die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen, Partner, Freund. Die Endlichkeit selbst gegen die Unendlichkeit der Welt, des Alls, des Gottes- und Seelenglaubens, und die Ethik, die sich daraus entspinnt, gnädiger mit den Mitmenschen zu sein.
… sehr einmaliges Werk, das sich sehr heraushebt, unheimlich intensiv das Nicht-Zusammenpassen zweier Menschen erörtert, zweier Menschen, die sich aber mögen, sich nichts Böses wollen, nur ein anderes Leben führen möchten.
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: verrückt, verschwurbelt, aber doch konsistent im roten Faden, klarer Rahmen, klarer Fokus auf die Freundschaft, auf die Sehnsucht, lebendig zu bleiben, spontan, frei und offen. Dies inmitten eher versteinerter Verhältnisse.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nicht wirklich klar, der Erzähler erweist sich als ein Reisender, der Paulines tristes Leben aufheitern möchte, und zwar mit Siebenkäs‘ Lebensgeschichte.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: ironisch, kauzig, driftend, abschweifend, überdreht, verschwurbelt, allegorisiert.
●Einschätzung: Jean Paul besitzt große Leichtigkeit durch seinen sprachlichen Frei- und Unsinn. Hierdurch kann er über alles und nichts erzählen, abdriften, ohne dass es stört. Seine Texte gleichen riesigen monumentalen Wandgemälden, die so detailliert geschaffen wurden, dass einem stets etwas zum Entdecken bleibt, so überladen erzählt er.
–> 5 Sterne
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) durch die Sprache enorm artistisch, absolut fiktional, Schriftdeutsch, kein bisschen alltäglich, funktional.
●Wortschatz: überbordend, mittelalterlich, gehäuft, gewandt, der Romanschriftsteller mit dem breitesten Wortverwendungsfeld
●Type-Token-Ratio: 0,15 bei sehr langen Texten außergewöhnlich – vgl. klassische Erzähprosa 0,06-0,09 und realistische Romantradition 0,08-0,11 bei einem Textumfang von 180 000 Wörtern.
●Satzlängen-Verteilung-Median: 28,6 Wörter – Median 23 Wörter – STAB 24,5.
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: knapp unter 70% (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: unglaubliche 2790 Wörter (assoziative Expansion).
●Auffälligkeiten: die Metaphern, die Verfremdung, die Verballhornungen von Sinnornamenten.
●Innovation: an seiner Sprache und seinem Schreiben fast alles innovativ
–> 5 Sterne
Komposition:
●Signal/Noise-Ratio: wohlaustariert, Jean Paul kommt immer schnell zum Punkt zurück. Er hat eine wirkliche Problematik vor Augen.
●Operative Geschlossenheit: Rahmen, Kuhnschnappel, das alltägliche Leben und darin, der Code, die Dynamisierung, die beiden Freunde, die nicht aufhören wollen, spontan und frei zu bleiben.
●Rahmenstabilisierende Details: Kuhnschnappel wirkt sehr lebendig, die Bewohner, die Nachbarn interagieren, großes Geflecht.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): eher gleichlaufend, ironisch-fröhlich beruhigend.
●Extradiegetische Abschnitte: Die Rede des toten Christus, der Traum Marias, viele kleine Abschnitte, bspw. wenn Heinrich sich vorstellt, Adam zu sein.
●Lose Versatzstücke: der Kindsmörderin-Fall
●Reliefbildung: starkes Relief, Szenen mit großer Intensität und Leidenschaft, und dann auch solche des Rummels, des Gewusels.
●Einschätzung: der Text erschafft sich selbst eine Welt, in der er lebt, auf die er Bezug nimmt, die er kommentiert und erschafft zugleich
–> 5 Sterne
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Jürgen H. Petersen: „Formgeschichte der deutschen Erzählkunst“

Informativer Schnellritt durch Prosaformen mit vielen Beispielen
Petersen legt mit Formgeschichte der deutschen Erzählkunst ein knappes und sehr übersichtliches Sachbuch über die Erzählformen vor, die von 1500 an im deutschsprachigen Raum in Romanen und Epen praktiziert wurden. Seine Analysen legen den Akzent auf den Text selbst, nicht seine politischen Bedeutungen, und so führt er eine Art Liste an, die zeigt, wie sich die Erzählweisen selbst evolutionieren. Hierbei ergibt sich ein Dualismus zwischen Sprachexperiment und Sprachrestauration: Bspw. findet zuerst Wildwuchs im Barock statt, der gedämpft wird in der Aufklärung, die aufgeputscht wird durch den Sturm und Drang, der wiederum eingezäunt wird von der deutschen Klassik, die wieder von der Romantik unterwandert wird, um dann vom Biedermeier vom Sockel gestoßen zu werden, bevor die Erzählexperimente der absoluten Prosa in der Moderne stattfinden, die dann aber durch spröde erzählte Faktenphantasien in der Postmoderne abgelöst werden.
Leider hat er es nicht vermocht, eine Ästhetik des Schönen zu schreiben, die ich weiterhin suche. Das Buch Formgeschichte der deutschen Erzählkunst stellt eine Anwendung seines sehr übersichtlichen und informativen Buches über Erzählsysteme dar, zusammen ergeben sie eine sehr offene, wenig tendenziöse Literaturgeschichte deutscher Prosa.
Hier nun, mehr oder weniger in Stichworten, der Inhalt:
● Anfänge deutscher Erzählprosa: Volksbücher, digressive Unterhaltung, Schelmenromane wie Ulenspiegel und Lalebuch (Die Schildbürger) – kommentierende Erzähler, nachdrücklich diskursiv, sprachexperimentell. Herausstechend: Johann Baptist Friedrich Fischart mit Geschichtsklitterung (1575), eine Art deutschsprachliche Verarbeitung von Rabelais Gargantua (1564), dominierend Sprachspiele, Unsinn, Erzählspaß. Viel Schwank, viel Erbauung.
●Arten des Barockromans: Erste wirkliche Polyphone in Adriatische Rosemund, Mosaik, montierendes Erzählverfahren. Barockstil: rhetorisch durchwirkter, den Erzähltext verzierender Sprachschwulst. Herausstechend: Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen mit Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch (1669) durch Erweiterung und Erprobung der Ich-Perspektive: auktorialer Weltbeschreiber; kritischer Zeitzeuge; selbstkritischer Autobiograph; neutraler Beobachter; Verschmelzung mit handelnder Figur, von erlebendem und erzählendem Ich. Stets unter Vorzeichen von Horaz: Unterhaltung und Belehrung.
●Epik des 18. Jahrhunderts: Zeit der Aufklärung, auktoriales Erzählen ohne frei expressive subjektive Elemente, räsonierend, argumentierend. Gefühle sollen analysiert, durchrationalisiert werden. Herausstechend: Christoph Martin Wieland mit Agathon (1767). Entdeckung der Innerlichkeit einerseits als Psychologem, andererseits dann auch als Sentimentalität, als subjektives Erlebnisidiom. Zweiter Hauptstrom, Sturm und Drang, Selbstexpression. Hier herausstechend: Johann Wolfgang Goethes Leiden des jungen Werther (1771). Zwei Wege führen aus dieser Zeit, einen in die deutsche Klassik (Agathon), der andere in die Romantik (Werther). Daneben Kitsch von Johann Martin Miller in Siegwart (1776).
●Deutsche Klassik: Mehr oder weniger Goethe im Alleingang mit Wahlverwandtschaften (1809) und Wilhelm Meisters Lehrjahre (1794). Das Extreme tritt zurück, auch das Sprachexperimentelle. Goethe eher dämpfend im Literaturbetrieb.
●Romantik: Dagegen die Romantiker als Vollstrecker des Sturm und Drangs. Beharren auf das Dunkle, auf eine Universalpoesie, auf Märchen und das Unheimliche. Vorliebe für Chaos und und das Unzusammenhängende. Die Romantik begreift den Roman als entgrenzende Form. Herausstechend: Ernst Theodor Amadeus Hoffmann mit Lebensansichten des Katers Murr (1819/1821), in welchem die Kohärenz völlig aufgegeben wird, Montage und Überlagerung, Mischung, Kompilation, Wirrsinn. Romantik bricht formale Verhältnisse statt sprachsemantische Artikulation zu verfeinern. Wissen wird von Erzählinstanz vorenthalten.
●Erzählen im 19. Jahrhundert: Rekonstituierung des Erzählens nach der Romantik durch historische Romane, eher biedermeierliche Kontemplation, rückwärtsgewandte Sozialphantasien in Bildungsromanen. Herausstechend: Karl Leberecht Immermann mit Die Epigonen(1836). Priesterliche Ton, Phantasmata. Entdeckung des Unbewussten. Daneben Zensurprobleme, die Heinrich Heine mit Deutschland ein Wintermärchen (1842) bekämpfte, gleichzeitig Höhepunkt der deutschsprachigen Versepik. Viel konstruiertes, erlebnisarmes in den Erzählungen.
●Bürgerlicher Realismus: Abstrakta und Kategorien setzen sich thematisch durch, Soll und Haben, öffentlicher Dienst, Desillusion durch allwissenden, konstruierten-fingierten Erzähler, erste Diskursromane mit stark dialogischen Sequenzen, zusammengesetzt, Einbindung von Briefen, Tagebüchern und Selbstgesprächen. Herausstechend: Heinrich Theodor Fontane mit Effi Briest (1895) und Der Stechlin (1899). Preis der Beliebtheit: große Chance vergessen zu werden, wie Paul Heyse, Nobelpreisträger von 1910, mit seinen damals aktuellen Diskursromanen.
●Klassiker der Moderne (Sinnlosigkeit): Nach Realismus, Abgrenzung zur Tradition, zur Antike, Feiern der Technologie, Naturbeherrschung, das Ich stellt sich in das Zentrum, homo artifex, Künstlichkeit wird gepriesen. Paradigma: Unverständlichkeit, Reflexion, Dekonstruktion der eigenen Psyche. Paradigma hier Robert Musils Reflexionsprosa in Der Mann ohne Eigenschaften (1933). Biographiephantasien prägen die Literatur. Mythosgeplänkel. Abschaffungsphantasien. Die Moderne entgrenzt die Erzählung in die Beliebigkeit, alle dürfen sich selbst den Sinn im Text suchen. Erzählen unter Vorbehalt. Das erzählerische Präsens tritt den Siegeszug an – unvorhersehbares Echtzeit-Erleben.
●Erzählen am Rand der Moderne (Sinnsuche): Die Beliebigkeit eingrenzend, neben der Moderne herlaufend, teilweise naturalistisch-realistisch, mehr politisch, teilweise auch satirisch, dennoch montierend, kompilierend. Herausstechend: Anna Seghers in Das siebte Kreuz (1942). Versuch, einen Teil des Mythos als Sinngebung und Allegorie zu retten. Gegen Sinnverlust.
●Neuerungen in der Moderne (Sinn-Entriegelung): Beide moderne Erzählstrategien (Sinnlosigkeit und Sinnsuche) werden formalästhetisch durch Formexperimente synthetisiert. Das offene Kunstwerk als Erprobung der Sprache, das Nichts wird ins Zentrum gestellt, aber formal klar ausgezeichnet, so dass das Sinnlose formal aufgehoben ist, der Sinn nicht gesucht, die Sinnsuche nicht irritiert wird, sondern der Sinnanspruch ins Kreativ-Leere verläuft. Herausstechend hier: Thomas Bernhard in Das Kalkwerk (1970). Direkte Ansprache, dynamisch suchend, ums Nichts kreisend, das Sprachvermögen erweiternd. Es wird nicht unzulänglich erzählt, sondern die Unzulänglichkeit wird reflektiert und formalästhetisch durchdekliniert. Hier findet auch die erste Auseinandersetzung zwischen Wirklichkeitssätzen und Fiktionalitätssätzen statt, in Max Frischs Tagebuch 1946-59 (1950).
●Postmodernes Erzählen: Hier wird ein Rückgriff auf die ästhetischen Normen vor der Modernität durchgeführt, epische Inkohärenzen treten wieder zurück, eher verwandt mit dem bürgerlichen Realismus mit Traumeinschüben und Geschichtserfindungen. Herausstechend: Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt
Natascha Wodin: „Die späten Tage“

Briefe an Unbekannt – ein sentimentales, gebrochenes Echo.
Inhalt: 3/5 Sterne (anekdotisch)
Form: 2/5 Sterne (bemüht,hakelig)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (authentisch-offen)
Komposition: /5 Sterne (entfällt)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (desillusionierte Stimme)
–> 14/4 = 3,5 = 4 Sterne
Natascha Wodin schreibt in Die späten Tage von ihrem Leben an einem mecklenburgischen See, von ihren Altersgebrechen, ihrem Zusammenleben mit einem ein paar Jahre älteren Partner (Ende 80) und ihrer Angst vor dem Alleinsein. Ihr Buch liest sich erstaunlich parallel zu Helga Schuberts Der heutige Tag und Irvin D. und Marilyn Yaloms Unzertrennlich. Auf dem zweiten Blick liegt jedoch eine ganz andere Reflexionsform zugrunde, die die Prosa unversehens langsam, unter der Hand, in eine Art Gedicht- und Lyrikform bringt:
Es war, als wäre ich mein ganzes Leben blind gewesen und könnte zum ersten Mal sehen. Ich sah alles, ich sah glasklar. Ich war zu Hause, wo ich immer schon gewesen war, ich hatte es nur nicht gewusst. Nichts hatte sich verändert und gleichzeitig alles. Das ganze Leben bestand aus Problemen, mit denen wir uns unentwegt herumschlugen, aber jetzt begriff ich, dass es überhaupt keine Probleme gab, wir machten sie uns alle selbst, wir dachten sie uns aus.
Die selbsterklärte Nachteule löst sich aus alten Verbindungen. Für einen kurzen Moment fühlt sie sich frei, selbständig und unabhängig, bevor sie wieder zurücksinkt, und dieses Zurücksinken befremdet sie. Sie trauert um die fehlende Kraft, aus sich selbst zu schöpfen, statt sich nur von dem eigenen Debakel durchs Schreiben abzulenken, statt mit einem Mann zusammenleben, nur weil sie nicht alleinsein will, Angst vor der Einsamkeit hat, ohne diesen Mann jedoch, selbst nach ihrer eigenen Maßgabe, zu lieben.
Wenn man mich nach meiner Lebensbilanz fragen würde, wüsste ich nicht viel zu sagen. Ich habe viel geliebt und wurde viel geliebt, ich habe viel gelitten und mitgelitten, ich habe ein paar Bücher geschrieben, und ich habe immer Angst gehabt. Mein Leben war der vergebliche Versuch, die Angst zu besiegen. Alles, was ich gemacht habe, war letztlich diktiert von der Angst. Insofern weiß ich gar nicht, ob ich das Leben überhaupt erreicht habe.
Das Buch zeichnet sich nicht durch formalästhetische Geschmeidigkeit aus. Es gleicht mehr einer Briefsammlung, Notizen, Geständnissen, die ihr direkt und spontan aus der Feder fließen. Sie zitiert viel, montiert, tröstet sich mit dem Schicksal von anderen, schämt sich ob ihrer Schwäche, ihrer Gefallsucht, aber kann sich aus all ihren inneren und äußeren Verstrickung nicht befreien. Ihr Ton gleicht sehr Slata Roschal in Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten – hier spricht nicht eine Erzählstimme, sondern ein wachsendes, im Entstehen begriffenes lyrisches Ich.
Als versteckt-verkappte Elegie des Sterbens ergreift Natascha Wodins Die späten Tage sehr. Sie befindet sich auf dem Weg und der führt sie zu einer Friederike Mayröcker, die mit da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete poetisch das Altwerden bearbeitete und Trost in der Sprache fand, die Wodin noch sucht. Doch die Suche beeindruckt und rührt, auch wenn sie nicht zu einem zweiten Lesen einlädt, aber welches Gespräch will man wortwörtlich schon zweimal führen?
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Anfangs sehr inkohärent, zerfahren, die Liebe zu Friedrich wirkte aufgesetzt, unwirklich, geradezu abstrakt, nach und nach stellt sich aber heraus, dass diese tatsächlich auch von dem Ich als solche erfahren wird, sie bleibt mit ihm zusammen aus Angst vor dem Alleine-Sein, und diese Stimmigkeit breitet sich erst nach und nach, erst ab Mitte des Textes, dann auch rückwirkend auf den Text aus. D.h. ich glaube ihr, nehme ihr die Angst, die Verzweiflung ob ihres Alters, ihrer Isolation ab, und hiermit entsteht ein atmosphärisch sehr stimmiges, aber nicht schön geschriebenes Gebilde, eine Art Monolog, eine Briefsammlung an Unbekannt, eine Mitteilung, die sich nicht aus ihrer Angst heraus befreien kann. Komposition gibt es nicht – Inhaltliches nur über Anekdoten, die teilweise grausam sind; sprachlich wirkt der Text schnöde und einfallslos auf mich. Die Erzählstimme aber trägt das Buch.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) nein, lebt von der gegenwärtigen Geisteskultur
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, offen, authentisch
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, eher bemüht, langweilig
●stimmig?(Komposition: ja/nein) also Beichtform schon, entfällt hier
●ein zweites Mal lesen? Nein, wie ein gutes Gespräch, das ich aber auch nicht ein zweites Mal führen wollen würde (welches Gespräch schon?)
–> .. Sterne
–> 4 Sterne
Inhalt:
●Hauptfigur(en): Eine Art Monologistin, die denselben Namen wie die Autorin besitzt, aber eigentlich Natalia Nikolajewna Wdowina heißt, 79 Jahre alt.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Das lyrische Ich schreibt kurze Passagen. Sie befindet sich in einem mecklenburgischen Haus am See. Dort lebt sie mit Friedrich zusammen, wahrscheinlich Ende 80. Beide leiden unter ihrem Alter, suchen Nähe, finden sie aber nicht. Insbesondere sie hat ein sehr ambivalentes Gefühl dazu, ihm beim Sterben zuzusehen. Der Rahmen dieses Buches beschreibt ihr Zusammenleben und Zusammenkommen, und ihre Schwierigkeit zu gehen, ihre Schmerzen und Probleme, beim Schlafen, ihre Zahnschmerzen.
Sie erinnert sich zusätzlich an Begebenheiten aus ihrem Leben:
– Die USA als gelobtes Land, Angst vor Stalin, da sie als deutsche Zwangsarbeiter unter Generalverdacht standen, emigrierte ihre Eltern nach Deutschland
– Als sie eines Sommers nur Paul Auster-Bücher las
– Ihre Ehe mit einem DDR-Schriftsteller namens Jakob (Wolfgang Hilbig)
– Ihre Dolmetschertätigkeit in der Sowjetunion, die Angst bei der Einreise, das Hotel Rossja, Affäre mit Jan Lankwitz (als sie 27 Jahre alt war), Aufbauleiter der deutschen Messegesellschaft, während des Aufenthaltes, Vergehen gegen die Hotelregeln, aber lokal und temporal auf Moskau beschränkt, da er seine Ehefrau liebte. Nur ein kurzes, kommentarloses Wiedersehen.
– Reise mit Friedrich zur Familie ihres verstorbenen Cousins, Igor. Das Wiedersehen kam zu spät. Er starb vorher. Episode mit der Schwalbe, die zum Übernachten zu ihnen kam, Armbeuge der Laterne.
– Der kleine Adoptivjunge, dem sie Klavierunterricht erteilte, in den sie vernarrt gewesen ist, und der dann wieder zurück ins Heim gegeben worden ist, als die Pflegemutter schwanger wurde.
– Der Vermieter, der keinen alten Mensch in seinem Haus leben lassen wollte.
– Wie sich Friedrich weigerte, in die SED einzutreten.
– Passverlängerung und Namensdebakel mit der Beamtin, die kein Sütterlin lesen kann.
– Friedrich verliebte sich in das Cover von „Sie kam aus Mariupol“.
– Hitzenacht, Umzug ins Literaturhaus Wannsee, Zimmer mit Porträt von Alain Delon.
– Zahnarztangst
– Astrid, Bürgerrechtlerin für Sterbehilfe, Kind des Lebenborn, die einsam und verlassen stirbt, das lyrische Ich um Beistand bittet, das ihr aber eine Abfuhr erteilt und sie allein sterben lässt. Das lyrische Ich schickt Blumen; am Tag ihres Todes noch eine Mail an den Blumenladen, dass ihre Freundin nie so eine Geschmacklosigkeit sich erlaubt hätte, das lyrische Ich im CC.
– Die Einladung nach China, in die Region Zheijang, Hüterin des weinenden Feuers.
– Besuch des Alkoholiker-Nachbarn Kurt im Pflegeheim.
– Ihre Tätigkeit für einen Vieh- und Fleischhändler.
– Trennung von Hilbig, Jakob.
– Reise im Schneesturm nach Südtirol, ihr Verliebtsein in Marie, aus der Liebe, die sie ihr in einem Brief später gestand, wurde nichts. Marie heiratete und bekam ein Kind.
– Die Fast-Witwe, mehrmals, Tod des Ehemannes kurz nach Scheidung, Tod des Verlobten Lew kurz vor der Hochzeit, Tod Jakobs nach Scheidung, etwas später.
– Ihr plötzlicher literarischer Erfolg
– Tod ihrer Freundin Nadja, nach der Wende, erstes Auto und direkt ein Autounfall.
… zitiert ein Benn, ein Bachmann Gedicht. Gioconda Belli. Anna Achmatowa.
●Besondere Ereignisse/Szenen: siehe oben, die Sache mit dem Klavierspiel-Jungen und der Tod der Freundin
●Diskurs: ordnet sich in die Reihe der Bücher übers Altwerden ein, Helga Schubert „Der heutige Tag“ – Irvin D. und Marilyn Yalom: “Unzertrennlich: Über den Tod und das Leben”, Friederike Mayröcker: “da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete” – Georgi Gospodinov: „Der Gärtner und der Tod“ … Kalender- oder Stundenbuch. Julia Schoch: „Das Liebespaar des Jahrhunderts“. Slata Roschal: „Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten“.
… durch die Anekdoten zum Ende hin interessanter, bewegender. Der Anfang zog sich deutlich. Sehr verwandt zu Schuberts „Der heutige Tag“.
–> 3 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: durchgängig sehr klar, sehr offen, sehr selbstbezogen. Auf eine eigenartige Weise durchlässig, zugänglich, mitteilsam. Sie öffnet sich, zeigt sich, dies auch sehr konsequent durchgehalten.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): ja, in dreifacher Hinsicht.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: aufrichtig, geradeheraus, nach Anschluss suchend
●Einschätzung: über die Dauer hat das Buch etwas von einer Lebensbeichte, einer Botschaft, einer Sammlung Briefe an Unbekannt, ein Lebensresümee. Als Stimme erzeugt sie aber eine sehr klare Atmosphäre, gibt ihre Persönlichkeit preis, hat eine sehr zugängliche, nackte Sprache.
–> 4 Sterne
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) kaum gegeben, eigentlich eher eine Mitteilung
●Wortschatz: sehr alltagssprachlich bis auf ein paar gewollte Lateinismen.
●Type-Token-Ratio: (Musil >0,25 – Genre < 0,1) 0,171
●Satzlängen-Verteilung-Median: 22,2 Wörter –
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: 1603 Wörter
●Auffälligkeiten: die Sprache wirkt auf mich oft bemüht, etwas gedrechselt und nicht flüssig, feinfühlig. Sie wirkt sehr direkt und oft wenig schriftsprachlich, und die brüchigen Metaphern und Wortfeldschwierigkeiten erzeugen einen gestörten Sprachrhythmus.
●Innovation: nein
–> 2 Sterne
Komposition: kein fiktionaler Text
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Tezer Özlü: „Die kalten Nächte der Kindheit“

Sprach-motivisch intensive Selbstbehauptungsgeste – stellenweise noch etwas roh.
Inhalt: 4/5 Sterne (Selbstbehauptungslyrik)
Form: 5/5 Sterne (dicht-verwoben-alp(träumend))
Erzählstimme: /5 Sterne (keine Erzählung)
Komposition: /5 Sterne (keine Erzählung)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (intensiv-teilweise etwas roh)
–> 13/3 = 4,3 = 4 Sterne
Tezer Özlüs Buch Die kalten Nächte der Kindheit erschien 1980 auf Türkisch und 1985 das erste Mal auf Deutsch. Es wurde 2025 im Rahmen der Erst-Veröffentlichung von Auf den Spuren eines Selbstmords neu übersetzt. Sie steht klar in der Traditionslinie Sylvia Plaths Die Glasglocke, Ingeborg Bachmanns Malina und verhandelt eine ähnliche Europa-Türkei-Problematik wie die Georg-Büchner-Preisträgerin von 2022 Emine Sevgi Özdamar mit ihrem Roman Ein von Schatten begrenzter Raum. Im Gegensatz aber zu Özdamar verbleibt Özlü klar in einem lyrischen Duktus, sodass die autofiktionale Thematik eine literarische Selbstbehauptungsgeste wird, die sprachlich, nicht inhaltlich von der Durchschreitung und Entgrenzung von Oppositionspaaren getragen wird:
Die Unendlichkeit in der Vereinigung zweier Menschen macht das Wesen eines Menschenlebens aus. Sie muss das Wesen der Sonne sein. Das Wesen der Kraft, die liebt und lieben lässt. Das Wesen der Wärme, die uns umhüllt. Der abkühlenden Nächte. Und der Sterne, die nachts den Himmel übersäen. Das Wesen des blauen Himmels über dem Mittelmeer muss diese Vereinigung sein. Diese Feuchtigkeit. Diese Kraft reicht ins Unendliche, sie schafft Leben und rückt schließlich das Leben in die Ferne, zu den Horizonten hinter der weißschäumenden Gischt des Mittelmeers oder seiner grünen Stille.
In Die kalten Nächte der Kindheit steht das Sexuelle klar im Vordergrund. Das lyrische Ich wächst in einer ärmlichen, prekären Dorflandschaft auf, mit einem Vater, der das Militärische einhämmert, der auf Disziplin besteht und der die sehr engen Wohnverhältnisse mit seiner Präsenz noch enger wirken lässt. Sexuelle Phantasien und Erfahrungen erscheinen so von Anfang an als der Ausweg für das lyrische Ich, das im Text zu einer Sprache sucht und findet, die nicht allein vom Körperlichen abhängt.
Plötzlich, auf diesem kleinen Platz mit Pflastersteinen, umzingelt von Wohnhäusern, rieche ich den Herbst. Der Wind vom Bosporus lässt meine Haare fliegen. Der Duft der Natur steigt von den gelben und orangefarbenen Herbstblättern am Boden auf zu mir – nichts habe ich je lieber gerochen. In dem Duft der Blätter auch er. Quicklebendig. Die schmale Gasse, die zum Markt hinter den Häusern am Wasser führt, ich laufe sie hoch.
Das verspürt sie, nachdem sie die Trennung und Scheidung von ihrem Mann durchschreitet. Sie erträgt die Kluft, die Lücke, und sie gibt dem Herbst den Hauch eines Lebendigen zurück. Sie arbeitet sich aus der Enge der Gassen, der Häuser, der sie bedrängenden Wohn- und Lebensverhältnisse heraus, denn sie läuft hoch und dort oben, wird die Gasse enden, sich weiten und ihr den Blick auf den Ozean, ihr geliebtes Meer freigeben, denn das nächste Kapitel heißt: „Mittelmeer, erneut“.
Özlü, in der Thematik eng mit Plaths Die Glasglocke verwandt, beschreibt, wie ein lyrisches Ich aus der Elektroschocktherapie und missbräuchlichen Geschlechterverhältnissen zu einem sich öffnenden Ich erwacht, das sprachlich gegen die hochgezogenen Panzer des Körperlichen arbeitet, um dem Sanften und Gewaltlosen Raum in ihrem Leben zu geben. Leider hat Özlü nicht weiter an dieser Thematik arbeiten können. Manches wirkt noch roh, noch zu wenig lyrisch bearbeitet, geformt, noch zu sehr einfach hineinmontiert, um vollends zu überzeugen. Die Grundstimmung und Intensität jedoch bleibt – das Ich, das in Die kalten Nächte der Kindheit entdeckt worden ist, ist zur vollen Blüte erwacht und lässt sich nicht mehr zum Schweigen bringen. Die Autorin ist leider nur zu jung verstorben (1986).
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): keine Erzählung
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
„Das Haus“. Familienverhältnisse. Vater Handwerker, liebt das Militär, Anfang der 1950er Jahre. Bäume als Motiv (Han Kang – Die Vegetarierin?). Kindliche sexuelle Erfahrung mit Schwester Süm. Bunni, die Großmutter, die verwelkt wirkt. IE folgt Schwester nach Istanbul. Kino. Beengte Wohnverhältnisse. Die IE schluckt Pillen, um sich umzubringen. Wacht in einer psychiatrischen Anstalt wieder auf. Bunni bereitet ihren Tod vor. Bunni bleibt zuhause.
„Schule und Schulweg“. IE besucht katholische Schule mit Nonnen, die abweisend wirken. Gottesversessen. Jenseitig. Müssen ein Gedicht zur Übung vom Buchstaben O singen. Hetzrede gegen Nietzsche. Dort lernt IE Günk kennen, mit der sie Literatur entdeckt. Beide Familien aus dem Schulmilieu, Vater und Mutter sind Lehrer. Brüder wollen nach Paris, Intellektuelle werden. Sexuelle Erfahrung mit Schwester hören in der Pubertät auf. Nachtleben in Istanbul. Günk und IE lernen Hayalet kennen, einen schmierigen Typen, kennt die Nachtschwärmer. Erster Sex mit einem namenlosen Mann. Günk geht nach Europa. IE beschließt jung zu heiraten, bloß raus aus dem Elternhaus. Abschied von Günk.
„Das Konzert von Léo Ferré“. In Berlin, wohnte bei einem Schriftsteller. Sie vermisst die Natur, den Ozean. IE wird wieder in die Nervenklinik gebracht. Ihr Mann lebt in Paris, unglückliche Ehe, er ist zu depressiv. „Einer flog übers Kuckucksnest“ hat große Wirkung auf IE, sie teilt die Erfahrung. Die Kranken können unter den Kranken nicht gesund werden. Fünf Jahre Aufenthalt im Krankenhaus. Fahrt nach Paris, durch die Porte des Lilas. Eheliche Untreue. Sie ist schwanger von einem anderen Mann. Abtreibung. Ehemann träumt nur von Paris. Besessen von Léo Ferré. Scheidung von ihm. Sie befindet sich noch in der Klinik. Krankenschwester will, dass sie sich vor einem Fremden auszieht. Sie weigert sich. Eine Frau springt zweimal aus dem Fenster, keiner hilft ihr. Frühling 1971. In Antalya, zum Nervenarzt. Elektroschocks. Kettenrauchen. Wieder auf freiem Fuß.
„Das Mittelmeer, erneut“. Sitzt an der Küste, am Bosporus. Nachbar hat sich umgebracht, fette Maus hinter Fensterglas, Ganis. Nachtleben in Istanbul.
… in jedem der Kapitel eine klare Bezugsperson, Süm (die Familie), Günk (die Schulfreundin), Ehemänner (Das Konzert von Léo Ferré), Ganis (Selbstmörder-Nachbar).
●Kurzfassung: Ich-Erzählerin spricht über ihre Erfahrungen, Reisen, Eheprobleme und Schwierigkeiten, sich anzupassen. Sie hat manisch-depressive Schübe, weshalb sie in eine Nervenklinik gebracht wird, wo sie Elektroschocks verpasst bekommt.
●Charaktere: (rund/flach) – keine Narration in dem Sinne.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: nein, in dieser Form des gleitenden Bewusstseinsbericht gar nicht wirklich möglich, alles erscheint als Phantom, Phantasma, als Erfahrungsrohmasse, die sich sprachlich langsam selbst bearbeitet
●Besondere Ereignisse/Szenen: die Elektroschocks; die geschwisterlichen sexuellen Erfahrungen.
●Diskurs: Wahnsinn, Irrsinn, Heilung von psychotischen Zuständen.
… autofiktionaler Bericht, der sich nicht durch einen Plot, aber durch Bilder auszeichnet, also eher Prosagedicht, kein Narrativum, kein wirklicher Plot, aber dichte Bilder. Sehr verwandt zu Ingeborg Bachmanns „Malina“ und Emine Sevgi Özdamar: „Ein von Schatten begrenzter Raum“. Der Text wirkt sehr kurz und teilweise noch sehr roh, was seiner Wirkung nicht schadet, was aber im Nachgang nicht völlig überzeugt.
–> 4 Sterne
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) klar sich abgrenzende Gestaltung, keine Erzählung, Erinnerungsdurchmischungen, keine klaren Bilder, Gefühls- und Bewusstseinszustände, Zeugnis, das sich dichterisch bearbeitet, um neue Bilder zu erschließen, neue Perspektiven zu finden. Klar im therapeutischen Diskurs angesiedelt, rettet sich aber hier durch die extrem poetische Spracheinfärbungen, die das Gleiten des Bewusstseins weg vom Dokumentarischen hin zum Künstlerischen gelingen lässt. Sprache als Mittel der Selbstbehauptung schiebt sich in den Vordergrund.
●Wortschatz: Tanne (1x), Platane (2x), Kiefer (2x), „Bäume“ (29x), Weide (1x). ABER: kein Wald. Vereinzelung, Individuum/Gesellschaft. Land/Stadt.
●Type-Token-Ratio: 0,212 hoch-lyrisch-verdichtet (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 9,7 Wörter – STAB 9,72, Median 8 Wörter. Kurz.
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: 1013, relativ früh, eher beharrend.
●Auffälligkeiten: starke Oppositionspaare, Licht/Schatten, Stadt/Land, Religion/Sex.
●Innovation: schwierig bei einem so selbstbezüglichen Text, aber die Sprachverquickungen wirken frisch und unverbraucht. Kein Stern Abzug, da die Schreibweise nicht an Spannung verliert, immer wieder zu ihrer Lyrizität zurückfindet, auch wenn diese nicht eine völlig einheitliche Grundstruktur beibehält wie Sylvia Plath in „Die Glasglocke“
–> 5 Sterne
Erzählstimme: kein erzählerischer Text, fällt aus.
Komposition: kein erzählerischer Text, fällt aus.
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein, mitreißend, verstörend, aber auch ermunternd
●Geärgert: nein, sehr subjektive Stimme, die sich absolut setzt
●Amüsiert: nein, dazu passt das Thema nicht, ernst, kämpfend, sich behauptend
●Gefesselt: ja, wie es ihr gelingt, sich abzugrenzen
●Zweites Mal Lesen?: vielleicht
… mich hat das übertriebene Beharren auf das Sexuelle gestört, was aber dazu passt, dass das lyrische Ich keine Worte für ihr Umfeld findet, um sich in ihrem Lebenswillen verständlich zu machen. Das Körperliche ersetzt die Vokabel, das Vokabular. Sie kommuniziert mit Berührung, weil sie ansonsten überhaupt keinen Zugang zu ihren Mitmenschen findet. Vereinzelung und Entfremdung der Grundtenor. Fehlende Zärtlichkeiten. Fehlender Raum, um Sanftheit zu entwickeln. Ein Stern Abzug für mich, da ich die geschwisterlichen sexuellen Erfahrungen eher überflüssig und daher eher entblößend, distanzlos empfand. Es gab für mich im Gesamtton keinen Grund, kindliche Sexualität auf diese Weise zu thematisieren.
–> 4 Sterne
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