Volter Kilpi: „Im Saal von Alastalo“
Formalästhetisch überzeugendes Erzählexperiment, dem der Treibstoff ausgeht.
Inhalt: 1/5 Sterne (karg)
Form: 5/5 Sterne (prächtig-hymnisch)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (unausgewogen)
Komposition: 3/5 Sterne (ausgedünnt)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (klaustrophobisch)
–> 13/5 = 2,6 = 3 Sterne
Ohne Zweifel handelt es sich bei Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi um ein außergewöhnliches Buch: Es macht die Probe aufs Exempel, nämlich die narrative Entschleunigung bis ins Extrem zu treiben. Knapp sechs Stunden Handlung bedürfen ungefähr um die 60 Stunden Lesezeit – die erzählte Zeit selbst vergeht also ein Zehntel so schnell wie die Erzählzeit. Von der Erzählanlage erinnert Im Saal von Alastalo also an James Joyces Ulysses , der ungefähr einen erzählten Tag über eine größere Erzählzeit hinwegdehnt. Ein anderes Beispiel Mrs. Dalloway von Virginia Woolf erzählt auch von einem Tag, aber in kürzerer Zeit. Beide jedoch kommen an das Zeitlupentempo, das Kilpi anschlägt, nicht heran:
Alastalo weihte also zufrieden seine Jackenaufschläge und ließ im Saal von Mann zu Mann ein freundliches Auge schweifen, was sich der Schafhüter leisten kann, wenn die Herde zahm im Verschlag umherspringt und es nebenan von Mutterschafen wimmelt, willig, sich zwischen die Knie nehmen zu lassen, und zwar so wollig, dass die Schurschere zu beißen hat: Blöken wir auf der Weide alte Geschichten, dann kommt sogar beim Scheren schöner Saft zum Wiederkäuen in den Mund!, dachte er, Alastalo.
Eigentliche Hauptfigur von Kilpis Roman heißt aber nicht Alastalo, sondern Pukkila, der aus einer Knecht-Familie stammend, sich nicht verkneifen kann, gegen die Großkopferten der Gemeinde, Silberrücken wie Langholma und Alastalo aufzubegehren. Er will seinen Sohn an Alastalos Tochter Siviä verheiraten und auch den Großgrundbesitzer Langholma übertrumpfen, gerät aber in Gefahr sich allzu sehr bei diesem Unternehmen zu verschulden. Im ständigen Vergleich (Bauchumfang, Pferde, Schiffsgröße, Kinnlänge etc…) sieht er sich von der Natur benachteiligt und zürnt dieser umso mehr:
Und doch ist Herman neben Efram bloß ein Bub, ein Bub auch nach der Meinung von uns anderen! Es ist gottlos, dass es so sein muss, es wurmt mich selbst, es fuchst mich bis in die Wurzel eines jeden Härchens auf der Haut, dass der eine Mann neben mir einer Wanne gleicht, während ich wie ein Eimer bin, dass mir dort, wo ich gegen Langholma ankommen müsste, die Natur in den Stiefelschaft rutscht und ich bis in die Härchen aus weicher Schafswolle bin, obwohl jede Schuppe meiner Haut wie ein Hammel dagegen anstößt!
Über die Dauer der Erzählzeit erschöpfen sich leider die Sprachspiele und wiederholen sich auch bedenklich (Stichwort: „Bachstelze“). Weder Pukkila noch Alastalo noch Langholma kommen aus ihrer Haut. Eine narrative Dynamik entfaltet sich so nicht. Auch besitzt Im Saal von Alastalo keinen überraschenden Perspektivwechsel wie bspw. Ulysses, als plötzlich Molly Blooms Monolog beginnt und eine Mehrdimensionalität im ehelichen Bett erzeugt.
Was jedoch wirklich bedenklich in Kilpis Roman fehlt, ist die Welt. Der Ostseehandel wird gar nicht beschrieben (setzt aber den Rahmen), vom Schiffsbau und Währungen, vom Handel und Tausch gibt es so gut wie keine Details (das eigentliche Ziel des Romans), und politische Verstrickungen und Rechts- und Zollsysteme finden ebenfalls kaum (wenn überhaupt) eine Erwähnung. Nach dem Lesen eines auktorialen Berichts über den Plan eines Schiffsbaus bleibt die finnische Welt des 19. Jahrhunderts weitestgehend verschlossen – nur die Männer, die Bärte tragen, Pfeife rauchen und sich Anekdoten an den Kopf schmettern, ja von denen und ihrem Bauchumfang weiß ich (vielleicht) nun mehr, doch hinterlässt der Roman bei mir hierdurch ein extremes klaustrophobisches Gefühl.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: insgesamt enttäuschend, hinterlässt fast gar nichts, eine verrauchte, trunklustige Atmosphäre, ein paar Schaukelstühle, Lachen und Brummen, geteilte Unhöflichkeiten, Pfeifenputzen, Bartansabbern, Bartspitzendrehen … Problem: alles läuft auf die schwache Figur von Pukkila hinaus, Pukkila (aus einer Knecht-Familie) will aufsteigen, der große Hecht sein (wie Efram Langholma), eifert Alastalo nach, ohne das Geld, den Einfluss, die Weitsicht zu besitzen und neidet allen und jedem Erfolg, vermag sich aber dennoch stets kurz vor dem finalen Exzess zusammenzureißen. Pukkila jedoch interessiert in seiner Problematik nicht. Es wird nicht deutlich, was worin sein Problem besteht. Kilpis Buch besitzt die richtige Architektur, besitzt aber zu wenig Sprachumfang für die Größe und Länge und zu wenig Wissen für die Breite und Weite. Ich habe zu wenig über die finnische Schifffahrt, zu wenig über den Handel, zu wenig über den Schiffsbau und das Pfeifenschnitzen erfahren (so gut wie gar nichts) – ich habe nur von Interrelationalem gehört (er hat den Größten, dieser den Kleinsten etc…). Ich habe nichts von der Währung, der Wirtschaft, dem Ackerbau erfahren (nur Belanglosigkeiten), nur vom Stolz, von der Ehre, der Inbrunst der Geltungssucht. Ich habe nichts von der Flora und Fauna Finnlands erfahren (außer ein paar Tieren), nur von der Robbenhaftigkeit Alastalos und der Bachstelzenhaftigkeit seiner Tochter.
… eigentlich interessant durch die Erzählanlage, nämlich der Zeitdehnung, für das es ein Paradigma darstellt (Minuten in der erzählten Welt dauern Stunden für das Erzählen), jedoch herrscht eine unfassbare Diskrepanz zwischen Form und Inhalt
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, kein Diskurs, ein eigenes Setting, fest und klar umrissen
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, Figuren besitzen allesamt Schärfe
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) ja, bis es zu Schaumschlägerei wird
●stimmig?(Komposition: ja/nein) nein, kein Konflikt, keine Perspektivierung, kein Telos
●ein zweites Mal lesen? Nein, höchstens Auszugsweise für die sprachliche Form
–> 1 Sterne
Inhalt:
●Hauptfigur(en): Herman Mattsson Alastalo (A), Gastgeber, Ehemann von Eevastiina (E), Vater von Siviä (S), Kapitän.
Seine (wichtigsten) Gäste:
1.) Efram Eframsson von Langholma (L), Gemeindeoberhaupt;
2.) Malakias Afrodite Härkäniemi (H), Geschäftspartner und Nachbar von Alastalo, ledig;
3.) Petter Filemon Pihlman-Pukkila (P), Gegenspieler, Neider von Alastalo, will aber dessen Tochter Siviä für seinen Sohn Ewald, auch Vater von Janne durch eine Affäre mit der Netzfang-Fiina;
4.) Taavetti Taavetinpoika Lahdenperä (LP), Schöffe, Richter und Besitzer eines guten Waldstücks in Vaarniemi;
5.) Eenok Eenokinpoika Karjamaa, geiziger Reeder, Investor, Gläubiger auch von Pukkila;
6.) Mikkel Mikkelinpoika Krookla (MK), reich durch Erbe.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Vorwort: Gang über den Friedhof, was bleibt vom Männerleben übrig
Kapitel 1: As Gäste finden sich nach und nach ein.
Kapitel 2: P mokiert sich über As Sofa, Saal und Teppich.
Kapitel 3: H wählt sich eine Pfeife aus dem Regal aus, loyal zu A.
Kapitel 4: A begrüßt L feierlich entgegen, P erbost.
Kapitel 5: S serviert Kaffee, E Kringel.
Kapitel 6: A zögert Bark-Thema heraus.
Kapitel 7: Anekdote, wie sie mit Rum den Zucker-Zoll überlistet haben.
Kapitel 8: Zweite Zoll-Anekdote, die vor den Engländern fliehen.
Kapitel 9: A spricht die Bark an. L wohlgesonnen.
Kapitel 10: P wirft A Unehrlichkeit beim Handel vor.
Kapitel 11: S serviert das Grogwasser, Gerangel.
Kapitel 12: A trinkt auf die Bark.
Kapitel 13: H erzählt die Erfolgsgeschichte von Villes Albatros.
Kapitel 14: A präsentiert den Bauplan der Bark.
Kapitel 15: L unterschreibt. Streit um S, die den Grog serviert.
Kapitel 16: H rettet die Situation, trägt die Grogkanne zum Tisch.
Kapitel 17: Nach Aufforderung unterschreibt P.
Kapitel 18: MK und andere unterschreiben.
Kapitel 19: LP denkt an Friisi.
Kapitel 20: P mokiert sich über L, während andere unterschreiben.
Kapitel 21: A und L unterstützen Janne zu unterschreiben.
Kapitel 22: P überlegt Evald mit Janne konkurrieren zu lassen, bleibt vernünftig.
Kapitel 23: A reißt P aus der Tristesse, gehen im Kreis. L angeödet. E hält L davon ab zu gehen.
●Kurzfassung: Alastalo lädt die wichtigsten Person und noch andere zu sich ein, um einen Barkvertrag zu unterzeichnen, ein größeres Schiff, um noch mehr Wohlstand für die Gemeinde einzubringen. Erst werden Anekdoten zum besten gegeben (wie der königliche Zoll überlistet wurde), dann wird Grogwasser von E und S serviert, und Kringel; dann wird der Vertrag unterschrieben und dann das Essen serviert.
●Charaktere: (rund/flach) sehr ausführliche Psychogramme
●Überflüssige Szenen/Charaktere: nein, da es keinen Plot gibt
●Besondere Ereignisse/Szenen:
… die Erzählung innerhalb der Erzählung von Härkäniemi über den Reeder, der 7 Jahre auf sein Schiff wartet, Ville aus Vaasa und sein Schiff Albatros
… Wutrede von Eevastiina über die Männer, als Härkäniemi sich aufspielt
●Diskurs: –> kein wirklicher Diskurs, höchstens, wie sich Männer denken, männlich sein zu müssen.
… es gibt keinen Konflikt. Der Vertrag wird einfach unterzeichnet. Es gibt nur die Spannung, ob Pukkila sich völlig ruiniert und seinen Sohn Evald gleich mit, oder ob er sich zu beherrschen versteht. Außerdem gibt es den hintergründigen Konflikt, dass Pukkila seinen Sohn Evald mit Alastalos Tochter Siviä verheiraten will, die aber Janne, Pukkilas Bastardsohn vorzieht, der auch noch von Alastalo und Langholma protegiert wird. Pukkilas Plan geht also in die Binsen, weil er sich damals an seiner Magd, der Netzfang-Fiina vergriffen, sich also nicht in Zaum zu halten verstanden hat. Grund für Pukkilas Versagen, der eigentlich Protagonist, Donald Duck, der Veranstaltung.
… für die völlig Abwesenheit jeder Grundproblematik (weder Finanzierung wird problematisiert, noch der Handel, noch der Refinanzierung etc … nichts dergleichen) kann ich für den Plot nur einen Stern geben, weil die Anekdoten teilweise interessant und lustig gewesen sind, besonders die über Ville und Kalle.
1 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: es wird von einer allwissenden Erzählinstanz gestaltet, due den inneren Monolog kennt, nach außen und nach innen changiert, die Zeiten sich überlagern lässt. Im Vorwort erscheint eine Figur, die über einen Friedhof schlendert, könnte die Erzählinstanz mimen, aber unklare Situierung, unklares Interesse, keine Perspektivierung.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nein, eher berichtend, schmausend
●Erzählverhalten, -stil, -weise: belustigt, ehrend, freundlich, feiernd, hymnisch.
●Einschätzung: Die Erzählfigur inszeniert ein Spektakel, wie auf einer Bühne, sehr restriktiv, verwendet die literarischen Möglichkeiten des inneren Monolog, aber die Erzählstimme selbst, so wie sie angelegt ist, müsste größeren Ereignisumfang besitzen wie „Krieg und Frieden“ bspw. Das Ereignis, Unterzeichnung eines Barkvertrages in einer kleinen Gemeinde, erscheint unproportioniert zum erzählerischen Gewicht und zur Erzählanlage, die kosmisch ausgerichtet ist. Schieflage. Der innere Monolog der verschiedenen Figuren überzeugt jedoch sehr. Daher:
–> 3 Sterne
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoher Fiktionalitätsgrad durch gehobene, hymnische, feierliche, teilweise überzogene Sprache.
●Wortschatz: bis zu 40% des Buches überzeugend, überladen, reich und fröhlich, dann zunehmend in seinen Allegorien repetitiv, wie „Bachstelze“, „robbenhaft“ etc … hält der Textmasse nicht stand, überzogen.
●Auffälligkeiten: sehr lange, wohlgeschmiedete Sätze, kunstvolle Allegorien, rhythmisch und melodisch beeindruckend, weitestgehend. In der Sprache, der Form, liegt die Stärke des Buches.
●Innovation: massive Dehnung und Streckung und Überschnörkelung und Hyper-Ornamentalisierung erzeugt poetische Kraft.
–> 5 Sterne
Komposition:
●Signal/Noise-Ratio: überwiegend Noise, überwiegend Abschweifungen, Wiederholungen, sehr weitschweifige Allegorien, und immer wieder dieselben Problemen von Pukkila.
●Operative Geschlossenheit: es gibt keinen Konflikt, die Situation ist zu eng, die operative Geschlossenheit findet im Konkurrenzkampf zwischen Alastalo und Pukkila statt, aber die beiden Gegner sind leider nicht ebenbürtig, daher keine wirkliche Opposition, eher ein An-die-Wand-Drücken Pukkilas durch Alastalo. Es fehlt der Gegenpol.
●Rahmenstabilisierende Details: die Welt außerhalb des Saales fehlt völlig, und so auch die historischen Wendemarken und Problematiken des Ostseehandels.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): wahnsinnig deskriptiv, ausladend und dekorativ, kaum Tempiwechsel.
●Extradiegetische Abschnitte: nein, alles bleibt in der Welt der Männer, die Bärte tragen, Pfeife rauchen und Grog trinken.
●Lose Versatzstücke: nicht wirklich, zu eng komponiert.
●Einschätzung: Kilpis Komposition geht auf (als Schema), denn die Versatzstücke erzeugen einen Zug. Zuerst die Anekdote, wie sie gemeinsam, als Gemeinde, den Zoll überlistet haben; dann die Anekdote von Ville, der Geduld bewies, um reich durch sein Schiff zu werden; dann das Unterzeichnen des Vertrages und das Lüften des Problems zwischen Pukkila und Alastalo, dass Alastalo nicht daran denkt, seine Tochter Pukkilas Sohn zu überlassen. Dies bereits vorher schon angedeutet, und Janne, als zukünftiger Schwiegersohn inszeniert, als Janne beim Zoll-Überlisten hilft. Dennoch wirkt das ganze zu eng.
–> 3 Sterne
Jennette McCurdy: „Half his age“
Invulnerabilitätserklärung einer 18jährigen. Wilde, ungeschlachte hypernaturalistische Alltagsstimme.
Inhalt: 1/5 Sterne (vorhersehbar)
Form: 1/5 Sterne (keine)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (überzeugend)
Komposition: 4/5 Sterne (Konflikt-codiert)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (aufgeweckte Ich-Erzählerin)
–> 14/5 = 2,8 = 3 Sterne
In ihrem Debüt-Roman Half his age lässt Jennette McCurdy eine aufsässige Teenagerin auf ihr Publikum los und verschafft dem Genre des Coming-of-Age eine weitere lebhafte, zum Selbstbewusstsein erwachende Frauenfigur, die sich tatsächlich durch den Roman hindurch von Fremderwartungen letztlich zu befreien versteht. Sie stimmt hierin mit Rachel Kushner in See der Schöpfung und Caroline Wahl in Die Assistentin erzählstimmentechnisch überein, indem diese drei, rein erzählpsychologisch betrachtet, auf eine weniger gefallsüchtige, als abgeklärte, die Lücke zur Welt bejahende Ich-Erzählerin setzen. Bei McCurdy klingt das so:
Ich will diesen kleinen Schmerz, das spritzende Blut, den metallischen Geruch. Es ist eklig, aber ich will genau das. Ich will keine Gedichte. Zittrigen Hände. Sehnsüchtigen Blicke. Picknickdecken und Gänseblümchen und Dinner bei gedimmtem Licht. Ich will so viel mehr. Etwas Echteres, Hässlicheres. Ich will gemeinsam mit ihm an einem Ort sein, der so schamlos und widerwärtig ist, dass wir nicht mehr zurückkönnen. An dem wir irgendwie vereint sind. Ich will ein Zeichen auf ihm hinterlassen, das unauslöschlich ist.
Half his age bespielt das Thema Alter Mann-Junge Frau mit allen Klischees, die das „Genre“ so zu bieten hat. Vom Plot her gesehen lässt sich über die vielen kurzen (über 80 Kapitel) hinweg nur gähnen. Story wie Erzählweise verbleiben im Alltagsgeplänkel. Ungeschönt, ungeformt, roh und barsch nudelt besagte Waldo ihre durchweg in Präsens gehaltene, reflexionslose Lebensgeschichte eines Jahres herunter. Fiktionalität gibt es nicht. Phantasie auch nicht. Völlig vom Rädergetriebe der Gegenwart zermalmt verbleibt sie völlig überfordert inmitten der Dinge:
Ich schmeiße meine Zimtschnecke in den Müll, reiße die Packung Sour Patch Kids auf und stopfe mir eine Handvoll in den Mund. Ich renne in mein Zimmer und werfe mich aufs Bett, reiße meinen Laptop auf, um verzweifelt diese Leere zu vertreiben. Sie mit Dingen zu füllen, die mich woanders hintragen, mich aufrichten, in eine Version meines Selbst verwandeln, die leicht und ganz und happy ist, zufrieden mit dem, was sie hat. Die nichts mehr will, weil sie alles hat, was sie je brauchen könnte.
Jugendbuch, Coming-of-Age, brüllen, weinen, Gier nach Leben, nach Sex, nach Begegnung und Wechselwirkung, nach ernsthafter Auseinandersetzung mit dem, was Waldo zu sein oder zu werden versucht – all das verbleibt ziemlich genrehaft klischiert. Nicht jedoch die Erzählfigur selbst, die einen äußerst unwehleidigen, ungeschminkten, heftig naturalistischen und erbarmungslosen Blick auf sich selbst wirft. Dieser Blick erlaubt es Waldo, nach und nach sämtliche Konflikte neu zu bewerten und dementsprechende Konsequenzen für ihr eigenes Handeln zu ziehen. Es handelt sich also um ein leise-lautes Buch der Selbstbestimmung und Invulnerabiltätsbekundung, denn am Ende, so erschien das zumindest mir, bleibt der Eindruck zurück, dass Waldo krass durchs Leben gehen wird und keiner ihr so schnell das Wässerchen wird reichen können. Diese Positivität sich selbst gegenüber fand ich sehr überzeugend. Den Roman, den Half his age darstellen soll oder will, aber nicht.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Zuerst hat mich die simple Sprache genervt – es besitzt kaum formal-ästhetisch gesehen nennenswerte Qualitäten. Kaum Deskription. Keine sprachliche Atmosphäre, keine wirkliche Situierung der Figuren. Alles bleibt extrem abstrakt – abgezogen, schematisch, schablonenhaft. Dann aber, nach längerem Lesen ergibt die Figur als nebulöse, schwebende Erzählerin Sinn durch Komik, durch etwas Slaptstickhaftes, etwas Unzerstörbares. Waldo erscheint nach und nach als eine Art Rabauke, die durch die Welt zieht, mit ihrer Mutter abschließt, die Männer durchwandert, sich nichts anhaben lässt. Sie hat eine Art transzendentes Verhältnis zur eigenen Physis, insofern wirkt das Buch zurecht filetiert, unnahbar, maskiert – sie schiebt zwischen sich und der Erfahrung eine massive Kluft, diese Kluft bleibt spürbar und lässt das Geschehnis an ihr selbst vorübergleiten als Epiphänomen. Niemand kann Waldo etwas anhaben. Insofern hat das Buch wenigstens eine richtige Heldin, obgleich in einem sehr unterbestimmten Szenario.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) kaum fiktionalisiert, sehr dicht an Realität, weder formal noch narrativ gebrochen, kaum verständlich jenseits des Diskurses
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, als Teenagerstimme ziemlich glaubwürdig
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) absolut nicht, es handelt sich nicht um ein ästhetisches Gebilde
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, als Ich-Erzählerin
●ein zweites Mal lesen? Nein, dafür gibt das Buch zu wenig hin. Aber als dritte Stimme, neben Kushner, Caroline Wahl, eine interessante Invulnerabilitätserzählerin.
–> 4 Sterne
Inhalt:
●Hauptfigur(en): Waldo (W), 17 Jahre, wird 18 im Laufe des Jahres, in welchem sie die Highschool abschließt. Verkäuft BH bei Victoria’s Secret, lebt mit ihrer wilden Mutter allein, eher prekär, weiße Unterschicht.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) W hat Sex mit Randy, Randy macht Schluss, ihr macht’s nichts aus. Ihr Mutter hat ihr gesagt, sie sei schwer zu lieben.
2.) W kommt nach Hause, ihre Mutter ist nicht da, bei ihrem Freund Tony. W shoppt im Internet, verschleudert ihr ganzes Geld.
3.) Korgy, ihr neuer Lehrer für kreatives Schreiben, bekennt sich als Versager, um seine Schüler zur Aufrichtigkeit zu motivieren.
4.) Eine Kundin bei Victoria’s Secret fragt sie, ob sie weiß, was sie wert sei. W bejaht die Frage.
5.) Zuhause, wieder allein, shoppt sie weiter.
6.) Sie verguckt sich in der nächsten Stunde in Mr. Korgy, und will auch seine ekligen Seiten kennenlernen.
7.) Frannie, ihre beste Freundin, ist entsetzt darüber, dass W mit Randy Schluss gemacht hat, ohne ihr davon zu erzählen. Frannie stammt aus einer Mormonenfamilie. W fühlt sich wie ein Wohltätigkeitsprojekt von ihr.
8.) W liest in Korgys (K) Unterricht aus ihrem Text vor. Er ist begeistert. W schließt sich auf Toilette ein und masturbiert über Ks Instagram-Feed.
9.) W schreibt, um K zu beeindrucken.
10.) Mitte Oktober, K sucht Gespräch mit W. K attestiert ihr eine starke Stimme.
11.) Zuhause, Tony hat mit ihrer Mutter Schluss gemacht. Mutter am Boden zerstört. Mutter schlägt den lang gehegten Plan eines Roadtrips nach Seward vor.
12.) W stellt sicher, dass K kein Wohltätigkeitsprojekt in ihr sieht. Er beteuert, dass er Respekt vor ihr hat.
13.) Zuhause, Tony und ihre Mutter wieder zusammen.
14.) K sucht W bei ihrem Job auf und lädt sie zu sich und seiner Familie ein.
15.) W stylt sich für den Besuch auf.
16.) W lernt Gwen und Gregory kennen. Unterkühlter Besuch.
17.) W gibt K ihre Telefonnummer.
18.) K ruft sie während Thanksgiving an, das sie bei Frannies Familie verbringt. K unglücklich damit, dass Gwens Eltern ihn ablehnen.
19.) Black Friday. Mutter besucht sie.
20.) K und W gehen spazieren. K sieht W im College. Ihre Mutter sagt, das sei nur eine Falle. K und W treffen sich wieder. K spricht vom Tod seiner Schwester. Sie kommen sich näher. W küsst ihn, K lehnt ab. W entsetzt.
21.) W und K sprechen über den Kuss. K wird nichts sagen, will sich aber nicht auf W einlassen.
22.) Tony und ihre Mutter sind zuhause. Tony geht sofort wieder. Mutter unterwürfig.
23.) W donnert sich für nächste Stunde auf, aber K nicht da – ein Mr. Condren gibt seine Stunden, sagt Ks Namen falsch.
24.) W und F im Zoo. Ein Elefanten scheißt und bleibt gerne für sich.
25.) Auf dem Winterball lernt W Nolan kennen. Sie schleicht in Wehmut zum Zimmer von K und findet ihn dort zu ihrer Überraschung auf. Er musste zur Beerdigung seines Vaters. W drängt sich ihm auf, reibt sich auf ihn, bis er kommt.
26.) Frannie, ihr Freund Tristan und W fahren vom Winterball zurück. K schreibt im Chat W, dass sie reden müssten.
27.) W und K treffen sich. W beteuert, sie will nur eine Affäre, keine Beziehung. K entsetzt, aber schwach.
28.) K will W nach einer Pokerrunde mit Freunden sehen.
29.) K besucht W bei ihr Zuhause. Sie schämt sich für ihre Wohnung, erinnert sich, wie Frannie damals geschaut hat. Sie haben das erste Mal Sex miteinander. W glücklich.
30.) W geht’s gut. Sie macht einen Workout-Clip auf YouTube mit.
31.) W und K chatten. K will ihr Kultur näherbringen.
32.) W und K verbringen Zeit miteinander, aber auswärts. Sprechen von ihren familiären Hintergründen. W von ihrem Trailerpark-Leben.
33.) Mutter und W bei Denny’s. W liebt Ks Nachrichten.
34.) W und K haben ein Date und versuchen ihre Affäre mit der bald beginnenden Schulzeit zu vereinbaren.
35.) Schulbeginn. Sie treiben es in der Besenkammer und werden fast erwischt.
36.) Während W K oral befriedigt, ruft seine Ehefrau an. W unterdrückt Eifersucht.
37.) K muss kurzfristig den Geburtstagsausflug von W zum Beluga Point absagen. Dann sagt er doch zu. Sie fahren.
38.) K gibt ihr Tipps, sich kulturell zu bilden, Kinofilme. Sie verbringen ein Picknick miteinander.
39.) Frannie merkt etwas. W verheimlicht ihre Affäre, die ihr aber immer schwerer fällt wegen Ks Familienleben.
40.) K besucht W bei der Arbeit. Sie haben während der Mittagspause Sex. Ws Eifersucht auf Gwen wächst.
41.) Das dritte geplante Date nach Alyeska. K muss wegen eines Streites mit Gwen absagen.
42.) Im Restaurant entschuldigt sich K, aber wieder ruft G an. W unterdrückt ihre Wut. Sie werden von der Kellnerin für Vater und Tochter gehalten.
43.) K muss für sechs Nächte verreisen, in den Frühlingsferien. Er verspricht E-Mails zu schreiben.
44.) W wartet auf eine Nachricht, erhält keine. Sie ruft ihre Mutter an, die Zeit mit Tony verbringt.
45.) Ein Arbeitstag bei Victoria’s Secret, eine Kundin beschwert sich.
46.) Sie bricht bei W ein und treibt es mit Ks Jean Paul Gaultier Parfümflasche.
47.) K macht nach der Reise Schluss.
48.) W erzählt die Sache mit K Frannie. Sie weint vor ihr.
49.) W schiebt Frust, zieht sich Reality-TV Shows rein.
50.) K zeigt ihr in der Schule die kalten Schulter.
51.) Nolan spricht sie wieder an. Sie verabreden sich.
52.) Erster Kuss mit Nolan.
53.) Double-Date mit Frannie und Tristan. W sieht K im Restaurant. W geht auf die Toilette und masturbiert mit Chili-Cheese-Fingern.
54.) W stalkt K, parkt vor seinem Haus, frisst Chips.
55.) K warnt W, dass sie durch seinen Kurs rasselt, wenn sie sich weiter keine Mühe gibt. W hält das für eine leere Warnung.
56.) Nolan und W haben Sex in Nolans Star-Wars-Zimmer.
57.) Auf einer Party am See haben Nolan und W Sex. Nolan benimmt sich respektvoll.
58.) W donnert sich auf für Nolan. Sie gehen auf einen Ball.
59.) Auf dem Ball sieht sie K.
60.) W und K haben Sex auf der Toilette.
61.) Nolan und W trennen sich. Nolan spürt, dass W nicht voll für ihn da ist.
62.) Am Tag danach am Beluga Point. W und K kommen wieder zusammen.
63.) W graduiert.
64.) W muss sich wieder zurückhalten, auf K warten.
65.) W wird immer wütender über die Situation.
66.) K ruft W spontan zu sich. W menstruiert. Sie haben Sex. K gibt ihr mit seinem blutverschmierten Penis Ohrfeigen. Plötzlich erscheint Gwen. W versteckt sich und blutet auf dem Boden. K entzieht sich Gwen. W kann unentdeckt entwischen.
67.) W beendet die Affäre.
68.) K lässt nicht locker, schreibt ihr Nachrichten, spricht ihr aufs Band, dann verspricht er ihr, seine Familie für sie zu verlassen.
69.) Er verlässt Gwen. Sie treiben es in einem Captain Cook Hotel.
70.) Sie verbringen die erste Nacht als Paar.
71.) Sie verbringen den Tag und haben sich schnell nichts mehr zu sagen.
72.) Sie ziehen um in ein schäbiges Motel.
73.) K gesteht W seine Liebe. Sie schauen 1940er Jahre Filme.
74.) K schreibt wieder, sitzt inmitten seiner Habseligkeiten, ist nun ausgezogen von Zuhause.
75.) W kommt nach Hause. Die Mutter hat geputzt und ist einer Selbsthilfegruppe für Liebessüchtige beigetreten, hat eine Sponsorin, um über Tony hinwegzukommen. Mutter erzählt von der Suchtgruppe.
76.) K zieht in ein Loft und schreibt. Empfiehlt W Don Quijote und Unendlicher Spaß. Hängt ein Clockwork Orange Poster auf.
77.) Beim Cookie-Backen hat W keine Lust auf Sex. Der Alltag gestaltet sich als schwierig.
78.) W beginnt wieder Online zu shoppen.
79.) W beginnt sich vor K zu ekeln.
80.) W zögert Wiedersehen heraus, K engagiert, aber W sagt ab.
81.) Mutter immer noch gewillt, ihr Leben selbst auf die Reihe zu bekommen, verspricht Tour nach Seward.
82.) K betrunken, das Schreiben läuft schlecht. Er will mit ihr über ihre Zukunft reden. Das Clockwork Orange Poster hält nicht.
83.) Frannies Abschiedsparty. Tristan geht auf Mission. Sie wollen schnell heiraten und viele Kinder. Sie geht aufs College. W fühlt sich entfremdet. Beide gehen im guten auseinander.
84.) K gibt seinen Roman auf, säuft.
85.) K gibt sich Mühe, lädt W zu einer Reise nach Hawaii ein, macht eine Schnitzeljagd daraus.
86.) Auf dem Flughafen warten sie. W geht auf Toilette, wo ihr übel wird. Sie entscheidet sich spontan wegzugehen, nicht mit K zu verreisen.
87.) Zuhause erwischt sie die Mutter, wie sie sich wieder Tony hingibt, all ihre guten Vorsätze über Bord geworfen hat. Statt auszurasten, bleibt sie ruhig und geht.
88.) W fährt nun allein, ohne Frannie, K oder ihre Mutter nach Seward.
●Kurzfassung: Waldo befindet sich in einer Krise, und zwar mit ihrer Freundin Frannie, mit ihrem Typen Randy und ihrer Mutter. Zuerst serviert sie Randy ab, dann verliebt sie sich in ihren Kreatives-Schreiben-Lehrer Korgy, der sie abserviert, dann aber wieder zurückwill, also serviert sie den Zwischenfreund Nolan ab, aber Korgy stellt sich doch als der Loser heraus, der er auch zugibt zu sein, also serviert ihn Waldo am Ende doch ab, und dann gibt sie auch ihre Mutter und ihre Mormonen-Freundin Frannie den Laufpass und fährt los in eine ungewisse, aber selbstgewählte Zukunft.
●Charaktere: (rund/flach) Waldos Psyche schlägt ein paar Salto-Mortale, bleibt aber nachvollziehbar. Alle anderen erscheinen eher dürftig ausgeschnitzt.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: Tatsächlich erschließt sich die Freundinnen-Erzähllinie mit Frannie nicht wirklich. Besuch bei Korgys Familie auch nicht. Nolan als Charakter auch ziemlich überflüssig, Randy auch. Gwen, Korgys Ehefrau, völlig ungestaltet, schattenrisshaft.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Menstruationsblutung beim Sex und Bluten auf dem Teppich, als sie sich im Schrank versteckt. Und als Waldo bei Korgys einbricht und Sex mit seiner Parfümflasche hat.
●Diskurs: Aussehen, Frauen, Liebessucht, Coming-of-Age.
… erfüllt vieles nicht – keine Fiktionalität, eher das Gefühl von einer Reality-TV Show!! Insgesamt vom Plot äußerst vorhersehbar mit ein paar Schockmomenten (Käsegeruch, Chili-Cheese-Finger, Menstruationsbröckchen, Penis-Blut-Ohrfeigen). Der Plot selbst konnte nicht begeistern. Die Story hierzu, ein Loser-Mitte-40er hält nicht, was er verspricht…
–> 1 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: äußerst naturalistisch gehalten, gewinnt über die Länge aber Plausibilität, bis sie überzeugt, als Waldo anfängt zu existieren, eben eine Erzählerin, die sich nicht ins Bockshorn jagen lässt von Hochkultur, Prätention, Selbsthilfegruppe und Fürsorger-Attacken christlicher Nächstenliebe. Sie ist kein Wohlfahrtsprojekt, und der Text besteht daraus, wie sie völlig zu sich findet, als Erzählerin, als junger Mensch, frech, tollkühn und heroisch unbesiegbar, so gibt sie sich zumindest.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): keine Reflexion, aber situiert und perspektiviert, durchweg konsequent in Präsens erzählt.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: dreist, frech, abgeklärt.
●Einschätzung: Als Erzählhaltung überzeugend.
–> 4 Sterne
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) keine ästhetische Brechung, eher Alltagssprache und Alltagsthemen, die sich im Diskurs der Schönheits- und Modeindustrie verlieren.
●Eindruck: Formal gesehen nicht der Rede wert.
–> 1 Stern
Komposition:
●Signal/Noise-Ratio: wenig Überflüssiges, ja, und im Sinne eines psychologischen Crescendos überzeugend. Das etwas wuselige Erzählich findet nach und nach zur Stärke, gibt nicht auf, setzt sich durch, und zwar durch die Ablenkung der Mutter, der Freundin, des Freundes hindurch, also Abhängigkeitsverhältnisse durchschreitend, in diesem Sinne auch kompositorisch überzeugend.
●Operative Geschlossenheit: ja, Code: Emanzipation, operativ mit dualistischen Verhältnissen durchexerziert und am Ende durchschritten, als Unabhängigkeitserklärung. Die drei Linien, Mutter/Freundin/Freund gehen durch Hoffnung/Enttäuschung/Hoffnung/Trennung, also sehr konsequent.
●Rahmenstabilisierende Details: leider keine, Anchorage als Ort funktioniert nicht und ist beliebig. Anchorage existiert gar nicht, könnte jeder andere Ort in den USA sein.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): problematische Dynamik, da oft eintönig, mit dennoch steigender Bewusstseinskurve
●Extradiegetische Abschnitte: nein, gar nicht.
●Lose Versatzstücke: Randy, Nolan, die Typen spielen keine Rolle bei Waldo, auch Tony nicht, der Freund der Mutter.
●Reliefbildung: zu wenig.
●Einschätzung: Besitzt sehr viele gelungene Aspekt in der Codierung und der systembildenden Formung, leider aber besitzt das Werk gar keine Fiktionalität und keine Ästhetik.
–> 4 Sterne
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Slata Roschal: „Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt“
Dadaistisch-lyrisches Verlangsamungsbestreben einer bedeutungsüberfrachteten Lebensrealität.
Nach 153 Formen des Nichtseins und Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten bringt Roschal nun einen Gedichtband namens Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt heraus, eine intuitiv verständliche Entwicklung, denn ihre Prosatexte erscheinen weniger autofiktional oder fiktionalisiert als dichterisch-rhythmisch geschlossen. Der atmosphärischen Stimmigkeit lässt sie nun mittels des dadaistischen Selbstverständnisses, das Sprache sich selbst zu regulieren habe, in ihren Gedichten freien Lauf:
Männer horten unter dem Tisch Nistmaterial demonstrieren
Ihre geringe durchschnittliche Lebenserwartung
Sie sind zu wenige um miteinander froh zu sein
Mein Rouge besteht aus Roter Beete
Ich schreite en passant und tue deutsch
Gerade werden viele Kinder auf Bahnhöfen geboren
Diese Art Schreiben funktioniert assoziativ. Die Poesie treibt bestimmte Wörter zusammen, aus denen überraschende Querverbindungen hervorgehen. Roschal betreibt eine Art surrealistisches Traum-Aufschreib-System: Sätze schließen nicht; Wörter werden erfunden; Deiktika erhalten nebulöse Bestimmtheiten. Im Zitat, bspw., wird „gerade“ in „gerade werden viele Kinder auf Bahnhöfen geboren“ völlig von der Semantik des Restgedichtes entkoppelt und mit einem seltsamen Humor quergelesen, denn das, worauf sich diese Aussage bezieht, kann unmöglich zeitlos noch zeitgebunden sein, zumal das pointillistische „gerade“ nicht so recht zum Prozesses des Gebärens passen will.
Die Wäsche riecht nach fremdem Wohnsitz neu oder mit Perwoll gewaschen
Ich unterdrücke nicht mehr das Verlangen zu sagen was ich denke
Die Mine bricht und zieht sich durchs Gesicht nun ist Ein Auge rot und eines violett
Die scheinbare Einfachheit solchen Dichtens besteht in der suggestiven Kraft der Sinnentriegelung. Roschal bleibt zentriert, spricht aus einem selbstkritischen, aufmerksamen Ich heraus und lässt alles miteinander in Interferenz geraten. Die poetische purifizierende Dynamik, die hieraus entsteht, erinnert an eine Colette Peignot alias Laure in ihren Gedichten, oder an die Dadaistin Emmy Hennings in Die Letzte Freude. Die Wörter überraschen. Die Aussagen verschlieren sich. Die Überforderung wird sichtbar und verarbeitet sich als Sprachstrudel. Hieraus ergibt sich aber eine poetische Wachsamkeit gegenüber Kurzschluss-Aussagen, die bei Slata Roschal dadaistisch überbetont geläutert und vermittelt werden, sodass sich das lyrische Ich einen Freiraum gegen die bedrängende soziale Realität erkämpfen kann.
Trotz aller diffusiven Bedeutungsgehalte bleibt so der melancholisch-zögerliche Ton Roschals, der schon ihren Prosatexten eine überraschende Geschlossenheit verleiht, auch hier erhalten. Die Kunst liegt hier darin, es leicht erscheinen zu lassen.
Walter Benjamin: „Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik“
Die Idee der immanenten Kritik der Kunst als eines Reflexionsmediums
Benjamins Dissertation Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik erschien 1920 und beinhaltet bereits die wichtigsten Komponenten des späten Benjamins, der mit den geschichtsphilosophischen Thesen das Kontinuum des falschen Bewusstseins zu sprengen gedachte, seines Zeichen aber Angst vor dem jubelnden Missverständnis verspürte und vieles unpubliziert ließ. Um Benjamin ranken sich zwar Mythen, Hoffnungen, die um das Spannungsfeld messianischer Marxismus kreisen, von den politischen, meist subversiv unterstellten, Aspekten aber abgesehen, hält Benjamin in seiner Tätigkeit als Kritiker, als Leser, als Rezensent und Übersetzer stets aufs Neue provozierende und aufrüttelnde Einsichten bereit. All dies versammelt er bereits in seinem Grundlagentext über den Kunstkritikbegriff der Frühromantiker, namentlich über die Ästhetik von Friedrich Schlegel und Novalis:
Es ist klar: für die Romantiker ist Kritik viel weniger die Beurteilung eines Werkes als die Methode seiner Vollendung. In diesem Sinne haben sie poetische Kritik gefordert, den Unterschied zwischen Kritik und Poesie aufgehoben und behauptet […]
Um zu dieser Rekonstruktion zu gelangen, durchforscht Benjamin die Paradoxie des frühromantischen Denkens, das neben der ersten Stufe (Reflexion) und der zweiten (Selbstreflexion) noch eine dritte kennt, nämlich ein Denken, dass das Denken des Denkens denkt. Hier entsteht ein suspendierter Übergang zwischen Objekt und Subjekt, denn das Denken der dritten Stufe vermag zwischen dem Denken über das Denken des Denkens und dem Denken des Denken über das Denken zu oszillieren. Mit anderen Worten, die Reflexion reflektiert über den Gegenstand der Selbstreflexion oder die Selbstreflexion reflektiert sich im Gegenstand. Diese Schwebung erlaubt eine Transposition im medialen Prozess der Kunsterkenntnis. Kunst wird ein Reflexionsmedium der symbolischen Formen:
Die Idee der Kunst als eines Mediums schafft also zum ersten Male die Möglichkeit eines undogmatischen oder freien Formalismus, eines liberalen Formalismus, wie die Romantiker sagen würden. Die frühromantische Theorie begründet die Geltung der Formen unabhängig vom Ideal der Gebilde.
Von hier aus nun entfesselt Benjamin die Möglichkeit einer immanenten Kritik, die es zum Ziel hat, die Idee eines Kunstwerks hinter seinen Zeichen aus den Zeichen heraus zu lesen, um auf diese Weise das Kunstwerk in seiner ihm gemäßen Form als Reflexionsmedium eines infiniten Progress und Regress erscheinen zu lassen, also als in symbolische Formen gebanntes dynamisches Gleichgewicht. Diese Idee der Kunstkritik führt Benjamin dann später an Einzelwerken wie die von Charles Baudelaire oder von Johann Wolfgang Goethes Wahlverwandtschaften durch, bevor er sie auf den geschichtlichen Prozess selbst anwendet in seinen Geschichtsphilosophischen Thesen.
Die Idee aber einer immanenten Kritik, die nicht diskursiv-ideologisch argumentiert, sondern aus dem Kunstwerk selbst die Mittel seiner Kritik entnimmt, als Idee von sich selbst, sprengt zumindest, in jedem Fall herkömmliche Methoden der Kunst- und Kulturkritik, indem sie das Identitätspolitische als der Kunst Fremdes dekuvriert.
Pascal Mercier: „Der Fluss der Zeit“
Zeit und die Spuren von ihr im eigenen Leben: kurze Episoden.
Inhalt: 3/5 Sterne (Alter und Zeit)
Form: 3/5 Sterne (reflexiv-erzählt)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (nachdenklich)
–> 9/3 = 3,0 = 3 Sterne
Mercier wurde vor allem bekannt durch Nachtzug nach Lissabon, als literarische Verarbeitung seines Buches über die Freiheit des Willens. Die Bücher bedienen ein gewisses Reflexionslevel, ohne aber die formalästhetischen Grenzen des ungezwungenen Erzählens anzutasten. Ihn zeichnet eine gewisse Unaufgeregtheit aus, die besonders in seinem kleinen posthum-veröffentlichten Erzählband Der Fluss der Zeit zur Geltung kommt:
Ich machte das Fenster auf und sah in die leere Gasse hinunter. Aus der Kneipe gegenüber war Gelächter zu hören. Ich nahm den Schlüssel, den mir Schweikerts gegeben hatten, ging leise hinaus und betrat die Kneipe. Der Raum selbst hatte sich kaum verändert, aber die Tische und Stühle waren neu, und ich war verblüfft, dass ich die Veränderung nach der langen Zeit sofort sah. Ich setzte mich in eine Ecke, bestellte einen Wein und sah den Leuten zu. Zwei alte Männer meinte ich von früher zu erkennen. Ich war damals nicht oft hierhergekommen, Kneipen dieser Art habe ich nie gemocht. Ab und zu streifte mich jemand mit seinem Blick, und einer prostete mir zu. Ich hatte keine Ahnung, was ich hier machte. Mehr und mehr kam mir mein ganzes Unternehmen abstrus vor, und ich zahlte bald.
Seine Erzählweise erinnert stark an Christoph Heins Der Tangospieler oder Der fremde Freund. Sie verzichtet auf jede Emphase, auf jedes Ornament. Sie dröppelt und träufelt und schwebt durch ihren selbstgestifteten Raum, aber transportiert dadurch eine träge, sattsam sich ihrer selbstgewisse Melancholie, die aus dem Hier und Jetzt nach Antworten sucht, aber keine findet, weder in sich noch in den Beziehungen zu anderen. Mercier schreibt im Sinne eines Cees Nootebooms, eines Christoph Heins über Einzelgänger, traurige Schattengestalten ihrer Selbst, die ihr Leben verfehlen, sich im Verfehlen aber irgendwie wohlfühlen und bleiben, wohin es sie nun einmal getrieben hat.
Die Frau war aufgestanden und ging, hastig rauchend, im Korridor auf und ab. »Glauben Sie, dass wir, der Junge und ich, uns aus seinem Leben hätten zurückziehen sollen? […] Jemand tritt in das Leben eines anderen und bleibt dann darin. Bleibt einfach. Ich weiß nicht, ob das richtig ist. Wissen Sie, was ich meine?«
Ja, sagte ich, ich wisse, was sie meine. Ich wagte nicht hinzuzufügen: Ich habe nie jemanden länger als acht Tage in meinem Leben ausgehalten. Die Frau setzte sich wieder aufs Bett und versank in Schweigen. Sie versank so tief, dass ich Angst hatte, sie könnte darin verloren gehen und nie wieder zurückkommen.
Die Figuren von Mercier immunisieren sich durch ihre Einsamkeit. Diese erlaubt Entschleunigung und Entzauberung, aber auch ein gewissen kleinodisches Erzählen, das hier und da eine Authentizität besitzt, die etwas Großväterliches, aber auch Überzeugendes, ja Direktes und Eindringliches erhält. Leider verbleiben die Bücher von Mercier, wie auch dieses, lediglich am Rand eines psychologischen Problems. Sie lassen sich nicht fallen. Sie halten eine Pose aufrecht, und diese Maske bewahrt die Sprache davor, wahrscheinlich das Gesicht zu verlieren.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: angenehme, unanstrengende Lektüre, gemäßigt, gedämpft, lau, und etwas meditativ, hochgradig deeskalierend, jede Intensität vermeidend, aber fließend-flüssig mit der Zeit und der Erzählung rollend. Besitzt überhaupt kein Widerstandspotential.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, die Erzählungen wirken wie Erinnerungen
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) na ja, geschmeidig geschrieben, aber eher konventionell
●ein zweites Mal lesen? Wahrscheinlich nicht.
–> 3 Sterne
Inhalt:
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: 5 Erzählungen, die unabhängig voneinander sind.
Die Übergabe: Ein Ehepaar nimmt die Schlüssel eines ältlichen Hausbesitzers, Karl Prager, entgegen, der als Restaurator in diesem Haus gewirkt und sein ganzes Leben verlebt hat. Da seine Tochter kein Interesse an der Weiterführung seines Geschäfts gehabt hat, seine Frau verstorben ist, die Tochter woanders wohnt, verkauft er das Haus und geht von dort aus direkt ins Pflegeheim. Offenkundig fällt ihm der Abschied schwer. Das Ehepaar verfällt in eine gewisse Tristesse, zumal er trotz Verabschiedung immer wieder kommt. Höhepunkt, als Prager seine Pfeife holt, diese aber vor ihren Augen ins Gebüsch wirft, als letztes Zeichen, dass er aufgibt, auch das Rauchen, scheinbar den ganzen Lebenswillen. – Seltsame Sache mit der Weihnachtsdeko, und er behält einen Satz Schlüssel, wie sie feststellen.
Die Wohnung: Ein Ich-Erzähler freundet sich mit einem Pianisten an, Luca Gasparin. Mit seiner Frau haben sie ein Konzert besucht. Wenige Wochen später lernt er ihn auf der Geburtstagsfeier einer Vera kennen. Luca hat sich an der Hand verletzt und wirkt melancholisch. Eine Freundschaft beginnt. Als Luca aus der Wohnung geschmissen werden soll, falls er die Wohnung nicht selbst kauft, kauft das Ehepaar für ihn die Wohnung und überschreibt sie ihn großzügig. Er kann sein Glück nicht fassen, aber eine Distanz stellt sich nun zwischen den Gönnern und ihn ein. Am Ende läuft es darauf hinaus, dass er die Wohnung wieder zurückgibt und für das Wohnen Miete zahlt, zum Glück hat sich seine Hand erholt und er kann mit Filmmusik wieder Geld verdienen. Dem Pianisten war die innere Freiheit lieber als die äußere, Dankbarkeit für eine Wohnung verspüren zu müssen, die ganze Zeit. Am Ende treffen sie sich zum Schachspielen, wieder auf Augenhöhe, nachdem Luca die Miete gezahlt hat.
Warten auf den Befund: Ein Deutschlehrer hat mit dem Rauchen aufgehört. Kurze Zeit später hat sich ein hartnäckiger Husten eingestellt. Der Arzt führt eine Bronchoskopie durch, um einen Befund zu erstellen, zur Sicherheit. Der Lehrer fürchtet sich sehr, redet mit seiner Ehefrau, von der er getrennt lebt, redet mit seinem Sohn, der in der IT arbeitet, redet mit seiner Tochter, die sich über ihr Leben beklagt, fährt mit seiner Frau nach Paris. Doch stets begleitet ihn die Sorge um den Befund. Immer wieder wird alles durch das über ihn hängende Damoklesschwert gedämpft, bis sich am Ende herausstellt, dass es keine Auffälligkeiten gibt.
Tödlicher Lärm: Ein Nachbar in einem italienischen Ferienort springt vom Balkon in den Freitod, ohne offensichtliche Fremdeinwirkung. Er bezeugt, dass die Ehefrau mit dem Sprung nichts zu tun hat, und erfährt nun von dieser die Leidensgeschichte des schwer am Lärm leidenden Mannes. Sie hat ihn kennengelernt und sich ihm angeschlossen, weil er so groß und stabil erschien, Wilhelm, „ein Koloss“. Sie hat aus der ersten Ehe ein Kind mitgebracht, aber Wilhelm und der Sohn kamen nie miteinander aus. Wilhelm wurde zudem immer geräuschempfindlicher. Der Sohn nutzt diese Schwäche aus, quält den Vater, der sich im Gegenzug über das Stottern lustig macht. Als die Situation im Italienurlaub eskaliert, stürzt sich der Koloss lieber aus dem Fenster als auf den Jungen.
Noch einmal die Mansarde: Ein Linguist besucht seine alte Studentenschaft, soll zu einem Vortrag eines Konkurrenten, der seine Thesen angreift. Statt sich der Debatte zu stellen, vertrödelt er seine Zeit und geht durch die Straßen, hängt seinen Studentenerinnerungen nach, wie ins Kino ging, wo er wohnte, bis er tatsächlich die Vermieter seines alten Studentenzimmers besucht, mit ihnen speist, und kurzerhand auch dort übernachtet. Er merkt aber, dass er die Zeit nicht zurückholen kann, wird nostalgisch, desillusioniert. Eine Entzauberung fand statt. Die Situation lässt ihn nicht los, also schreibt er sie auf.
–> 3 Sterne
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) Mercier schreibt leichte Prosakost, wenig Konzentrationsaufwendung nötig, sehr eingängige und gefällige Sprache, wenig Bombast, kein Experimentieren, sehr eng gestrickt im Erwartungshorizont. Fiktional durch das Erzählte, nicht das Erzählen. Keine formale Abgrenzung direkt.
●Wortschatz: eher konventionell
●Type-Token-Ratio: 0,17 abwechslungsreich, geschliffen (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 11,8 – Median 10 – STAB 7,4
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 85% (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: 661 Wörter.
●Auffälligkeiten: keine
●Innovation: keine
–> 3 Sterne
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Tezer Özlü: „Suche nach den Spuren eines Selbstmordes“
Reise am Rande der Einsamkeit – Flucht und Todesverarbeitung.
Inhalt: 3/5 Sterne (Selbstvergegenwärtig – langatmig)
Form: 4/5 Sterne (rhythmisch-ozeanisch)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (intensive Todesauseinandersetzung)
–>12/3 = 4,0 = 4 Sterne
Nach Die kalten Nächte der Kindheit, das hauptsächlich im poetisch-autobiographischen Stil gehalten ist, montiert Özlü in Suche nach den Spuren eines Selbstmordes eine weitere Ebene in den Textfluss: eine Reise von Hamburg über Prag, Triest nach Turin, um einerseits Italo Svevos und Cesare Paveses Spuren nachzuforschen, aber auch um den Tod einer nahestehenden Freundin, Christa, zu bewältigen. Özlü schreibt keinen Roman, eher eine poetische Todesverarbeitung, eine Interjektion gegen die Einsamkeit, gegen die Verlassenheit:
Es ist nicht nur seine Schwermut, seine Hoffnungslosigkeit, seine Einsamkeit, die ich in diesen kleinen Gebäuden, in diesen Gärten wiederfinde, durchlebe. Es sind die Bäume, die Verlassenheit dieses Grüns, die heute genauso zeitlos sind wie damals, und bedrücken und bedrücken und bedrücken. Nirgends auf der Welt empfing mich die Einsamkeit so stark wie im Giardino Valentino. Nicht einmal in dem stillen Grün am Rande von Stockholm. Es ist etwas hier. Es ist etwas in dieser Stadt. Es ist etwas in diesem Grün, was ich nicht benennen kann, was seinen Todestrieb nährte, vertiefte, vollendete, dem er entfliehen musste, nicht entflohen ist, sondern sich davon treiben ließ.
Texte dieser Art leben vom Feuer des Erzähl-Instanz, und Özlü hat viel Intensität, viel Wucht, viel inneren Antrieb, die Widersprüchlichkeiten, die Desillusionen und Frustrationen aus sich herauszuschreiben. Ihr dient das Schreiben als Ventil, als Verarbeitung und Erweiterung einer ins Leere laufenden Psychomaschinerie, die sich ihr wie ein Schraubzwingenscharnier aufs Gemüt legt. Sie kämpft, und Suche nach den Spuren eines Selbstmordes legt Zeugnis davon ab:
Als er eine weitere Tür öffnet, erwarte ich einen Schrank oder eher ein Badezimmer. Wir betreten einen dunklen Raum. Die Holzläden sind geschlossen. Ich nehme die dunkle Enge wahr. Nicht nur die dunkle Enge. Ich nehme den Selbstmord wahr. Die Kluft verschwindet. Er ist in meinem Wesen. In jeder Zeit und in der Zeitlosigkeit meines Wesens. Ich bin erfüllt mit seinem ewigen Selbstmord. Allein wäre ich hier zusammengebrochen. Ich hätte mich auf dieses Bett gelegt. Ich hätte geschrien. Und geweint. Hier ist Tod. Tod jeder Art. Selbstmord. Das Zimmer ist ein Sarg. Ein Grab, ein verstecktes Grab im Zimmer 305 des Hotel Roma.
Pavese, ein Schriftsteller der 1940er des italienischen Neorealismus, eine Vor-Form der Nouveau Roman-Ästhetik oder als metaphysisch-entleerter Existentialismus, hat das Kämpfen gegen die Einsamkeit 1950 aufgegeben, sein Handwerk des Lebens, das sich die Ich-Erzählinstanz bei Özlü zurückerobern möchte. Ihr Weg geht vor allem über die sinnliche-leibliche Nähe, über sexuelle Erfahrungen, hautnahem Kontakt zu den Mitmenschen. Dort glüht sie. Dort öffnet sich sie anderen, weniger für die Worte als über die Vertraulichkeit der Berührungen in der Dunkelheit.
In diesem Sinne lässt sich Suche nach den Spuren eines Selbstmordes als kämpferisches und widerständiges Buch bezeichnen, eines, das eine Schriftstellerin zeigt, die viel zu geben gehabt hat, nur nicht genügend Zeit dazu bekommen hat. Sie starb bereits 1986 mit nur 43 Jahren. Ihr Text gesellt sich in jedem Fall in das Spannungsfeld einer Ingeborg Bachmann, Brigitte Reimann und Emine Sevgi Özdamar mit bspw. Ein von Schatten begrenzter Raum.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Insgesamt angenehme poetische Prosa, die über eine Fahrt aus dem Norden Deutschlands hinunter zum Balkan und dann nach Norditalien handelt, wo das lyrische Ich den Spuren des Selbstmordes von Cesare Pavese nachforscht. Auf dem Weg wollen ihr viele Männer an die Wäsche, und sie denkt über den Tod und das Leben, die Abschiede und die Unmöglichkeiten des Zusammenlebens nach. Für sich sehr hermetisch, sprunghaft, assoziativ, eher wie ein Gedankenstrom, eine Art innere Anhörung dessen, was das lyrische Ich auf dieser Reise überkommt. In seiner poetischen Schreibweise, seinen Auslassungen und Ausschweifungen überzeugt mich der Text, der kein Roman, auch keine Erzählung zu sein anstrebt, aber einen roten Faden besitzt, die Reise. Es ist eher Lyrik, Selbstsuche, Bericht, dynamisches Sich-selbst-Erfassen, gehobene, geformte Briefmitteilung an Unbekannt.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, durch die Thematik – Leben, Lust, Einsamkeit, Tod.
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, durch die Intensität der Sprache, Originalität.
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) ja, auch schön, da rhythmisch, immersiv, fließend.
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, denn das lyrische Ich bringt sich zum Erwachen, erwacht.
●ein zweites Mal lesen? Vielleicht, im Rahmen von Pavese, oder in Bezug auf Bachmann, oder andere türkische Schriftstellerinnen.
–> 5 Sterne
Inhalt:
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) IE, eigentlich das lyrische Ich (LI), findet heraus, dass Pavese und sie beinahe am selben Tag geboren sind, mit der Zeitverschiebung eingerechnet. Zeit in Berlin. Schmerzen des Seins. Hört Don Giovanni. Besuch der Kneipe „Alte Liebe“ mit einem Freund. Jemand ist gestorben, unklar wer. Vermischung mit Erinnerungen an Wien. Nichtlineare Erzählweise. Reise beginnt in Hamburg. Nimmt Zug nach Berlin Bahnhof Zoo. Unterhaltung mit studiertem Katholiken über Krieg, Holocaust und die CDU. Erinnerungen aus 1961 mischen in ihr Bewusstsein. Datum: 5.7.1982. In Berlin. Sie besucht Freunde in Storkwinkel, beschließt nach Prag zu fahren, vom Ostbahnhof aus. Sie lernt einen Künstler kennen, Latislav. In Prag besucht sie das Grab von Kafka. Erinnerungen an den Besuch von Wien aus (stets vor und zurück in der erzählten Zeit). Latislav hat ihr aufgelauert. Sie verabschieden sich. Sie fährt Richtung Wien. Übernachtet dort im Prinz-Eugen-Hotel. Sie hat Zahnschmerzen.
2.) Sie versucht zu schlafen. Wegen der Zahnschmerzen unmöglich, durchnächtigt nach 30 Stunden wird sie am Ersten Kärntner-Ring abgeholt, von einem Er, der sie fast nicht erkannt hätte. Sie fahren die E5 Richtung Süden, der Route, die türkische Gastarbeiter auf der Reise zurück in die Türkei nehmen. Rückblick vom Hotel Niš aus. Ihr Mitfahrer hat sie zurückgelassen. Er ist unterwegs in die Türkei, in ihre Heimatstadt – vor Zagreb gibt es einen Zwischenfall, sie steigt aus, weiß aber nicht wohin. Sie hat Zahnschmerzen. Das Verhältnis zwischen den beiden wird nicht klar. Sie trennen sich, treffen sich aber in Zagreb wieder. Sie will nach Belgrad. Sie fahren wieder gemeinsam.
3.) Brüllende Zahnschmerzen. Samstag, 10.7., sie fährt mit dem Zug den Weg zurück. Eine Christa ist gestorben, die gemeinsame Bekannte? Achim, Freund Christas?
4.) In Triest, im Hotel. 11. Juli. Sie hat mit einem Griechen angebandelt. Der Grieche fährt nach Turin zu einem Rolling Stones-Konzert. Schmerzen. Fußballweltmeisterschaft findet statt. Endspiel: Deutschland-Italien. Siegesjubel.
5.) 12. Juli. Forscht Svevo Italo nach, besucht die Tochter. Eindrucksvolle Gestalt, hat Englisch bei James Joyce gelernt. Am 13. geht sie zu Svevos Grab. Läuft durch Triest am 14. Ist mit Achim die E5 runter gefahren. Sie fährt nach Turin. Trifft den Griechen wieder. Sie wird von einem Maschinisten angebaggert. Dann vom Kaffeeverkäufer, der noch bei seinen Eltern lebt.
6.) Befindet sich in S. Stefano Belbo, in der Nähe von Turin. Rückblick auf Einfahrt nach Turin. Besuch bei Paveses Verleger. Besuch des Hotels, in welchem er Selbstmord begangen hat, Hotel Roma. Ein junger Sekretär, Orazio, führt sie ins Zimmer 305.
7.) Christas Tod, Traum. Achim und sie, Süm und LI hat es nicht am Totenbett ausgehalten.
8.) Orazio begleitet sie nach S. Stefano Belbo. Er findet sie außergewöhnlich. Sie schlafen miteinander. Besuch Nutos, Freund Paveses, Handwerker.
9.) Rückkehr nach Turin. Sie nimmt Zimmer 211 im Hotel Roma, nicht 305. Erinnerung an den Sommer im Vorjahr mit Christa und Achim. Caffé Platti. Turin, 19. Juli. Abfahrt aus Turin am 20. Juli, 8 Uhr 36. Tag zuvor bei Paveses Schwester. Keiner da.
●Kurzfassung: Eine gemeinsame Freundin stirbt, Christa. Achim, ihr Lebenspartner und die Ich-Erzählerin trauern in Berlin. Später im Jahr bringt sie ein Kind nach Hamburg zum Flughafen. Sie selbst fährt über Berlin nach Prag, Wien, dann über Belgrad, Triest nach Turin, um den Spuren von Pavese nachzuforschen. Einerseits denkt sie über ihr Leben, über Christa und Pavese nach, um im Schmerz ein neues Lebensgefühl zu entwickeln.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Gespräch mit Katholiken in der Bahn über den Holocaust.
●Diskurs: Einsamkeit, Tod eines Freundes, Allein-Sein.
… Stimmungsmäßig Bodo Kirchhoff: „Seit dem er sein Leben mit einem Tier teilt“ – wegen Italien und der Erschöpfung; Jehona Kicaj: „ë“ – wegen der Zahnschmerzen und der Balkanreise; Heinz Strunk: “Es ist immer so schön mit dir” – wegen Wien und der Balkanreise, der Desperation, der Urlaub in dem Betonhotel.
… vor allem geht es um den vorzeitigen Tod, durch Krankheit (Christa), durch Selbstmord (Pavese).
… es ist eher eine Art lyrisches Schreiben um eine Erfahrung und Todesverarbeitung herum, Tod Svevos, Kafkas, Christas und Paveses, und ihr eigener Selbstmordversuch im Kindesalter. Die Thematik bricht sich in der Form. Die Handlung selbst teilweise zu konfus, zu unklar, zu indirekt erzählt, dass sich die Umstände unklar herausarbeiten lassen. Daher vom Plot her teilweise zäh.
–> 3 Sterne
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) lange, rhythmische, poetische Sätze, Welt- und Todesmetaphern, sehr holistische, Zeit überspannende Erzählweise, zwischen Vergangenheit und Zukunft in Schwebe gehaltene Gegenwart. Sprache abwechslungsreich, eindringlich, sehr erfahrungsnah, wie Briefe, wie direkte Mitteilung, als Botschaft dennoch ästhetisch gefiltert, verarbeitet, so dass das Ganze weniger roh erscheint, eher mittel-unmittelbar. Es besitzt nicht ganz den letzten Schliff in der Rhythmik und Sprachfärbung.
–> 4 Sterne
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Jean Paul: „Siebenkäs“
Intensiv romantisch-ironische Verhandlung über die Trauer, einen Menschen zu verlieren.
Inhalt: 5/5 Sterne (Trauer der Endlichkeit)
Form: 5/5 Sterne (einzigartig wortgewandt)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (wild-artistisch, frei)
Komposition: 5/5 Sterne (intensiver Weltausschnitt)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (nachhallend-traurig)
–> 25/5 = 5,0 = Sterne
Siebenkäs stammt aus dem Jahr 1797, neu herausgegeben 1818, und gilt als einer der zugänglichsten Romane des Satiriker-Eudämoniums, Jean Paul, der vor allem durch sein Hesperus Berühmtheit erlangt hat und sogar durch Anraten Georg Wilhelm Friedrich Hegel eine Ehrendoktorwürde verliehen bekam. Er selbst fand wohl, dass Titan sein Hauptwerk sei. Neben Siebenkäs verblassen seine andere Werke jedoch, zumindest ideen- und literaturgeschichtlich gesehen, denn in diesem wird statt das kontrovers Zeitpolitische des ausgehenden 18. Jahrhunderts das Thema Ehe und Beziehung in aller Ausführlichkeit behandelt und zudem der Verlust eines geliebten Menschen und die Trauer darüber:
Auch keine Freunde mehr – nein – wir stehen alle auf ausgehöhlten Gräbern nebeneinander – und wenn wir nun einander so herzlich an den Händen gehalten und so lange miteinander gelitten haben: so bricht der leere Hügel des Freundes ein, und der Erbleichende rollt hinab, und ich stehe mit dem kalten Leben einsam neben der gefüllten Höhle – – Nein, nein; aber dann, wenn das Herz unsterblich ist, wenn einst die Freunde auf der ewigen Welt beisammen stehen, dann schlage wärmer die festere Brust, dann weine froher das unvergängliche Auge, und der Mund, der nicht mehr erblassen kann, stammele: nun komm‘ zu mir, geliebte Seele, heute wollen wir uns lieben, denn nun werden wir nicht mehr getrennt.
Jean Paul vermag wie kaum ein anderer Alltäglichkeit mit romantischer Sehnsucht, Trivialität mit berauschenden kosmogonischen Allüren zu beschreiben, in denen, nebst Erbsen und Bohnen und Kohl eben die Träume, das Möglichkeitsdenken sich stets wieder aufs neue entfalten. Siebenkäs handelt von zwei Freunden, die nicht gemeinsam durchs Leben gehen können, da beide doch in ihrer Eigenart zu unterschiedlich sind: der eine eher sittsam, der andere eher abenteuerlich, reisefröhlich; der eine eher nachhaltig-verzeihend, der andere eher aufbrausend und rächend. Grundthema des Romans lautet nun, wie der abenteuerliche Freund dem sittsamen hilft, nicht im Leben schon zu sterben, und zwar, indem er aus einer selbsterwählten Ehetristesse einen Ausweg findet. Er ist sich aber nicht sicher:
Aber als die Sonne hinter die Erde sank – – so flog in die leuchtende Welt, die hinter den zwei wasservollen Augen Firmians wie eine ausgedehnte, flackernde, feurige Lufterscheinung zitterte, plötzlich der Engel eines höhern Lichts, und er trat blitzend wie ein Tag mitten in den nächtlichen Fackeltanz der hüpfenden Lebendigen, und sie erblichen und standen alle. – – Als er seine Augen abtrocknete, war die Sonne hinunter und die Erde stiller und bleicher, und die Nacht zog tauend und winterlich aus den Wäldern. Aber das zerflossene Menschenherz schmachtete nun nach seinen Verwandten und nach allen Menschen, die es liebte und kannte, und es schlug unersättlich in diesem einsamen Kerker des Lebens und wollte alle Menschen lieben. O an einem solchen Abend ist die Seele zu unglücklich, die viel entbehret oder viel verloren hat! –
Siebenkäs lässt sich mit kaum einem Buch vergleichen, vielleicht noch mit Friedrich Hölderlins Hyperion, vielleicht auch ein wenig, nicht sprachlich, aber inhaltlich mit Hermann Hesses Narziss und Goldmund, nur eben doch völlig anders, denn Jean Paul vermag es mit seiner eigentümlich wirren, ausufernden Sprache den tristen Alltag literarisch produktiv zu gestalten. Siebenkäs lässt seine Figuren äußerst lebendig werden, sodass alles, was ihnen zustößt, intensiv erfahren wird. Insgesamt erscheint Jean Pauls Roman als großes Bekenntnis zum Hier und Jetzt, zu dem Getümmel, Rummel, zum Chaos des Menschlich-Allzumenschlichen, eine Fabulation ins Unendliche, um gegen das Endliche zu protestieren.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: es liest sich schwer, anstrengende Metaphern verbauen zuerst den Leseeindrücke, nach und nach wird klar, dass diese Art zu schreiben, den Schreibenden vom Realismus befreit, alles wirkt artistisch, verfremdet, erfunden, die Fiktionalität wird unterstrichen, und hierdurch verschafft er sich eine große lebendige Meinungs- und Kommentarfreiheit, die er wild ausspielt. Mich hat das Buch sehr mitgenommen, mitgerissen, mit Traurigkeit und Humor erfüllt, mich in das Leben von Firmian und Lenette hineingezogen, und auch in die Trauer dieser Menschen, nicht das Leben führen zu können, das ihnen vorschwebt, ohne zu wissen, worin denn ein solches Leben bestehen könnte.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) ja
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja
●ein zweites Mal lesen? Auf jeden Fall.
–> 5 Sterne
Inhalt:
●Hauptfigur(en): Firmian Stanislaus Siebenkäs; Ehefrau Lenette Egelkraut; Schulrat Stiefel; Heinrich Leibgeber; Heimlicher von Blaise; Venner Everard Rosa von Meyern; Natalia Aquiliana. 1784 in Kuhschnappel.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Vorrede: Ich-Erzähler (IE) kehrt bei einem Jakobus ein, Kaufmann, dessen Tochter Pauline ein tristes Leben führt. Er schläfert den Jakobus mit Reden ein, um Pauline aus dem Hesperus und den Blumenstücken („Siebenkäs“) vorzulesen.
1. Bändchen:
1.) Armenadvokat Stanislaus Siebenkäs (S) wartet auf eine Braut Lenette Egelkraut (L), die ihr Geld mit dem Anfertigen von Hauben verdient. S hat seine Erbschaft von 1200 Gulden verheimlicht, um nicht des Geldes wegen geheiratet zu werden. Zur Hochzeit erscheint sein bester Freund Heinrich Leibgeber (H) und will sich über die Hochzeit lustig machen. H bestraft, S verzieht lieber. H hinkt, S hat ein pyramidales Muttermal am linken Ohr. Sie haben die Namen getauscht, aus Jux. H und S haben sich sechs Monate nicht gesehen. H verdient sein Geld mit dem Schneiden von Schattenrissen. Schulrat Stiefel (ST) wundert sich, dass H und S sich lieber unter Handwerker mischen. S tischt groß auf beim Hochzeitsschmaus. H lässt sich von der Romantik beeindrucken. Alle drei umarmen sich fröhlich.
2.) S freut sich darüber, L bald die Summe seines Erbes vorweisen zu können. Den Namenstausch nutzend, verwehrt Heimlicher v. Blaise (B) das Geld, und dies obwohl er schriftlich (aber mit Zaubertinte) die Problemlosigkeit vorher bestätigt hat. Das Schreiben verschwindet. B behält das Geld für sich. H und S lauern B zuhause auf, können ihn nicht überzeugen. H erlaubt sich einen Ulk mit B, hat mit selbiger Zaubertinte von Bs Schandtat auf dessen Wand kundgegeben, wiewohl sich Vokalinjurien erlaubt. H muss verschwinden, mindestens für ein Jahr, um der Strafe zu entgehen. H und S verabschieden sich unter Tränen.
Beilage zu 2.) Verstädterung des Landes, Kuhschnappel als Ort ungewöhnlich, da es viele Bürger wie Patrizier gibt.
3.) S regt eine Klage gegen B an und beschließt ein Buch zu schreiben („Auswahl aus des Teufels Papieren“). ST verliebt in L. S verteidigt eine Kindsmörderin und verdient sich sein Geld als Rezensent bei ST. Ein Freund von B kommt zu Besuch Venner Everard Rosa von Meyern (R), der die Kindsmörderin geschwängert hat und sich als übler Casanova aufspielt. Auch R drängt sich L auf. Feier des Michaelistag (29. September). Bettelarmee zieht auf. R versucht L zu verführen, erwartet eine Locke, aber L bleibt S treu. R will L damit Erpressen, dass er bei B ein gutes Wort wegen der Erbschaft für sie einlegen will. L enttäuscht, dass S sie angelogen, ihr etwas verschwiegen hat, bspw. auch, dass er den Namen getauscht hat. Derweil schlägt sich S durch die Massen und flieht in die Einöde, H vermissend. L aufgebracht über S, ST versucht zu versöhnen.
4.) L beleidigt, schweigt. S verfügt, dass R von L fernzubleiben habe. Brief von Heinrich über die Menschheit seit Adam, wirft sich zum Universalmonarchen auf. Geschichte Adams und Evas. Adam grämt sich über die Menschheit, tröstet sich nur mit den einzelnen gelungenen Exemplaren, den Genies wie Aristoteles, Platon, Shakespeare, Newton, Rousseau, Kant und Leibniz. H berichtet, dass dieser nach Italien reist. H hat eine aufregende Frau kennengelernt, die wohlmöglich nach Kuhschnappel kommt (Natalie Aquiliana – N), Verlobte von R. Freut sich auf Wiedersehen im Frühjahr. L und S versöhnen sich.
Ende der Vorrede: IE liest Pauline vor, gegen den Willen des Vaters, der die Tochter gefügig halten will. IE enthält sich Pauline am Neujahrsabend zu verführen. IE sentimental, gedenkt aller Mitmenschen.
2. Bändchen:
Vorrede: IE hat zu viele Vorreden verfasst und muss sie nun unterbringen. Er bringt sie unter die Leute, u.a. findet er den Autor des Hesperus als williges Opfer. Der Roman Titan wird angekündigt. Jean Paul tritt auf.
5.) S fühlt sich bei seiner Schriftstellerei durch L gestört. Verarmt setzt er seine Hoffnung aufs Schießfest, bei dem er zu gewinnen gedenkt. Das Ehepaar ist pleite. Verhökern ihr Silber. S fühlt sich durch Ls Putzen gestört. Über das Kerzenschneuzen. Ehekonflikt. ST bringt Bücher zum Rezensieren.
6.) Rezension über latinisierte Emilia Galotti. L versetzt den Mörser, ST hat kein Geld bei sich, kann S Lohn nicht zahlen. S fordert L auf, ST einen Kuss zu geben. S eifersüchtig, testet L. Trostlosigkeit des Novembers. Extrablättchen über den Trost. Andenken an die Verlorenen auch ein Trost. Vorblick auf das Schwenk- und Andreasschießen. Zankapfel: das grillierte Kattun (Trauerkleid Ls). Martinstag, Abschweifung über das Verhältnis Christen-Juden. L peinlich berührt über die Armut, will nicht den Mitbürgern zeigen, was sie alles versetzen. S prüft L, als er vorschlägt, den Brautstrauß zu versetzen. Sie weigert sich. Er ist erleichtert. S erinnert sich an den schlagenden Vater und verkauft dessen Jägerzeugs.
7.) Schützenfest. B Meister der Schützenloge. S schießt einen Hecht u. ein Zepter, einen Apfel. Schließlich, im spannenden Wettkampf, wird er Schützenkönig, derweil R sich wieder L aufdrängt. Sie lehnt ab. R will sie erpressen, sie jagt ihn davon, der daraufhin sein Glück bei der Nachbarin von L sucht. Muss sich aber vor dem Ehemann verstecken. R wird entdeckt. Abschweifung über Landmiliz.
8.) S ein Gelehrter. Festessen zu ehren seines Schützentitels. S will Verlobungsstrauß auslösen, erfährt, dass dies schon R getan hat, L es ihm aber verschwiegen hat. Die Blumen, die S stattdessen kaufte, schmeißt er auf ein Grab. ST versucht Streit zwischen L und S zu schlichten.
Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab: Rückkehr der Gefühle das Ziel. Sonnenfinsternis, die Erde bebt. IE rettet sich in Kirche, in der Christus vom Himmel herabsinkt und sagt, es sei kein Gott. Riesenschlange der Ewigkeit umschließt die Welt, lässt sich röchelnd bersten. IE erwacht. Traum im Traum. Maria weint um die Erde, um die unendliche Liebe zu den Menschen, die als Traum im Traum erwacht.
3. Bändchen:
9.) IE traut sich nicht abzuschweifen. Weiter im Text. Liebe zwischen L und S erkaltet. Eheleben trist, L für S zu bieder, S für L zu springhasig. Sie treffen B auf einem Spaziergang am Tag von Marias Empfängnis (8. Dezember), S schafft es nicht zum Verdrusses Ls seinen Hut zu ziehen. Abschweifung über das Hutziehen. L ärgert sich über einen Schneider, der sie kopiert.
10.) S will zu Silvester 1785 das grillierte Kattun versetzen. S sieht auf einem Spaziergang einen Kindersarg und wird melancholisch. Leidet an Herzrhythmusproblemen. Will zurück, sich bei L entschuldigen, aber ST ist schon bei L, sodass S es nicht über sich bringt, sich zu entschuldigen vor Eifersucht. S versöhnt sich mit dem Rat, versteht Ls Probleme, dass sie nicht wie er das Schreiben hat, um sich zurückzuziehen. S fragt ST um Hilfe wegen B. ST hilft. Dennoch versöhnen sich L und S nur leidlich. Sie korrespondieren nur schriftlich, wenn überhaupt. S beschließt an Ls Geburtstag, ihr zu verzeihen, ST einzuladen, das Kattun zu kaufen. Alle versöhnen sich.
11.) H schreibt, dass er nicht mehr berühmt sein will. Vom Kosmischen aus gibt es zu wenig Unterschiede. H meldet seine Rückkehr am 1. Mai an. S eifersüchtig, traurig, fiebert seinem Freund entgegen. S fühlt sich krank und dem Tode nahe.
12.) H schickt 30 Taler. S soll kommen, nicht mehr darben, nach Bayreuth. S bereitet alles zum Abschied vor. Sentimentalität ergreift ihn. Er bricht auf, Euphorie beim Gehen, kurz vor Bayreuth trifft er eine geheimnisvolle Frau in Fantaisie. Am nächsten Morgen erreicht er Bayreuth (8. Mai). Freunde wieder vereint. Tischrede Hs, über die Schwierigkeit Kronprinzen zu zeugen. H lüftet das Geheimnis um die Unbekannte. Es ist Rs Verlobte N, Nichte des B. B hat N gedroht, sie verhungern zu lassen, sollte sie R nicht heiraten. H schlägt S vor, sich von L scheiden zu lassen, aber das kommt wegen Ls Glauben nicht in Frage, also muss S seinen Tod vortäuschen. H hat außerdem eine Stelle für ihn in Vaduz ergattert.
13.) H und S klären N über R auf. Sie soll ihn fortschicken, trotz Bs Drohung. Auftritt von R, der sein wahres Gesicht zeigt. N enttäuscht. Sie schickt zuerst alle weg, dann lädt sie aber H und S wieder ein.
14.) S und N gehen im Mondschein spazieren. Sie fühlen sich nah. Romantische Szene.
1. Fruchtstück: Brief am 1. April 1795 über die singend schreitende Nachtigall. Diskussion über Hass, Vergebung und die Übung, sich im Urteil über andere zu mäßigen. Falsche Menschenabneigung, nur weil die anderen nicht mit einem selbst übereinstimmen.
Nachschreiben von Jean Paul: Frankreichs Nationalkonvent. Gewaltmonopol des Staates. Strom der Zeit. Rheinfahrt.
4. Bändchen:
15.) S von N berauscht, H genervt. N bereits gen Schraplau abgereist. H lauert ihr auf, trotz ihr ein Ja ab, dass S ihr eine Witwenrente ergaunert (durch seinen – vorgetäuschten – Tod). H sieht sich als Wanderphilosophen und reisenden Lehrer.
16.) S reist zurück nach Kuhschnappel. ST bereits bei L, leben bereits in einem harmonischen Alltag.
17.) R hat S bei L verpetzt. Ungemach im Haus. L eifersüchtig auf Ns Gelehrsamkeit.
18.) IE wehrt sich gegen den Vorwurf, Betrug bei der Witwenrente Vorschub zu leisten. S und er nicht dieselbe Person. H kündigt sich in Kuhschnappel an, S bereitet seinen Tod vor.
19.) Gewitter in Kuhschnappel. L beleidigt H. S erbost. L ekelt sich vor Hs Hund Saufinder. Särge sind teuer. S soll an Schlagfluss erkranken.
20.) L und S umarmen sich auf dem Sterbebett. Hinweis auf Molière. S mimt den Tod.
21.) Wucherei mit dem Tod. Sie drängen H ihre Dienste auf. H wehrt sie alle ab, hat S aber vorsichtshalber einen Totenkopf gegeben, den dieser benutzt, um seinen Nachbarn zu foppen. S bricht nach Hof auf. H hält kurze Grabesrede am 24.8.1786. Grabesrede an Friedrich den Großen (17.7.1788 gestorben).
22.) S auf Wanderschaft, zur Fantaisie. Die Freunde treffen sich noch vor Hof. Sie dürfen sich nicht zusammensehen lassen, nicht mehr, müssen getrennter Wege gehen, denn allein würde man sie beide für H halten, aber nicht zu zweit. Wanderung von Bayreuth-Berneck-Gefrees-Münchberg. Sie verabschieden sich auf dem Glücksberg, in der Nacht, Spiegelung des Monds im Wasser eines Sees. S bricht das Herz. IE spricht von seinem verstorbenen Freund Christian. Konklusion: Wärmer gegen die lebendigen Menschen sein, überhaupt wärmer.
23.) S muss Hs gute Laune in Vaduz spielen und wird auch fröhlicher dabei. Arbeitet beim Grafen, erledigt Arbeit gewissenhaft. Zeitsprung 6 Monate, 1787. Brief Natalies, in welchem sie nach den letzten Momenten von S fragt. S antwortet nicht.
24.) Brief von ST. H hat B Angst eingejagt, so dass B nun gewillt ist, die Erbschaft auszuzahlen. L schwanger, beide sind glücklich. Gewohnheit überzieht die Welt mit Borke. Um Ls Glück willen entschließt sich S zu schweigen. Graft lädt N ein. S beichtet ihm alles. Der Graf lauscht beglückt. S reist nach Kuhschnappel, um N aus dem Weg zu gehen.
25.) S in Kuhschnappel. L im Kindsbett gestorben. 22. Juli 1787. Ihr letzter Wunsch ist es gewesen, S im Himmel wiederzusehen. S hört von einer Unbekannten, die nach S letzten Stunden forscht. Am Grab von S treffen N und S sich. Zuerst denkt sie, er ist ein Gespenst, dann finden sie zusammen.
●Kurzfassung: Zwei beste Kumpels, Firmian und Heinrich, sehen sich sehr ähnlich und tauschen aus Jux die Namen. Der eine, nun Firmian, beschließt ein bürgerliches Leben als Advokat zu führen und eine Frau zu heiraten (Lenette); der andere bleibt ein Springinsfeld und Lebenskünstler. Der Namenstausch führt dazu, dass Firmian das Erbe mütterlicherseits nicht antreten kann. Der zuständige Vormund weigert sich und Heinrich beleidigt ihn so sehr, dass er für ein Jahr das Weite suchen muss. Firmian vermisst ihn sehr und gerät in arge Geldnöte. Auch die Ehe mit Lenette kriselt, da sie, sehr hausbacken, ihn eher bei seiner kreativen Arbeit stört als unterstützt. Als Schützenkönig bringt er sie noch über den Winter und bekommt ein wenig Geld von Heinrich, der ihn fast ein Jahr später nach Bayreuth beordert, wo er die gleichgesinnte, intellektuelle Natalie kennenlernt. Dort beschließen Heinrich und Firmian, dass Firmian stirbt, um Lenette von ihrem Ehegelöbnis freizusprechen. Sie inszenieren seinen Tod. Heinrich hat Firmian zudem eine Stelle bei Grafen in Vaduz verschafft. Da sie nun, nachdem Firmian gestorben ist, nicht mehr zusammen gesehen werden dürfen, müssen sich ihre Wege trennen. Wieder ein Jahr später erfährt Firmian, dass Lenette wieder geheiratet hat, aber im Kindsbett gestorben ist. Er besucht ihr Grab und trifft dort Natalie wieder.
●Charaktere: (rund/flach) sehr ausgestattet, mit vielen Facetten, sehr detailliert, widersprüchlich und ambivalent dynamisch.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: schwierig, viele seltsame Vorreden, Zwischenreden, Dornen- und Blumenstücke, die den Text aufsprengen. Der Fall der Kindsmörderin wird nicht wirklich aufgelöst. Die Rahmenhandlung mit Pauline, Teil der Vorreden, erscheint auch etwas müßig, da diese Vorreden eher Werbetrommeln für Jean Pauls andere Werke (Titan, Hesperus) schlägt.
●Besondere Ereignisse/Szenen: „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei“ – berühmter Abschnitt über die leere, triste Welt des Atheisten. Etwa gleichzusetzen mit dem Großinquisitor von Dostojewski.
●Diskurs: Armut, vor allem alltägliches Eheleben, Zusammenleben von Adel und Bürgern, der wirre menschliche Kosmos.
… „Siebenkäs“ verhandelt die Problematik, wie der einzelne im dichten Lebensgewirr, im sozialen System, noch lebendig, spontan, glücklich, gleitend bleiben kann. Es geht um Person vs. Selbst, also Authentizität und Form, Förmlichkeit, um die Problematik Sicherheit und Glück, Opferbereitschaft für ein gesichertes Auskommen. Die Welt erscheint in Jean Pauls Roman weit und groß – nur die der Menschen nicht, die sich aber abschotten gegen die Riesigkeit des Kosmos.
… „Siebenkäs“ ist auch einer der Eheromane, in denen sehr früh bereits das Zusammenleben von verschiedenen Charakteren beobachtet, beschrieben, reflektiert worden ist, auch die Vorstellung von Mann und Frau.
… es ist aber auch ein Roman über den Tod, die Problematik des Endlichen, des Sterben-Müssens, die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen, Partner, Freund. Die Endlichkeit selbst gegen die Unendlichkeit der Welt, des Alls, des Gottes- und Seelenglaubens, und die Ethik, die sich daraus entspinnt, gnädiger mit den Mitmenschen zu sein.
… sehr einmaliges Werk, das sich sehr heraushebt, unheimlich intensiv das Nicht-Zusammenpassen zweier Menschen erörtert, zweier Menschen, die sich aber mögen, sich nichts Böses wollen, nur ein anderes Leben führen möchten.
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: verrückt, verschwurbelt, aber doch konsistent im roten Faden, klarer Rahmen, klarer Fokus auf die Freundschaft, auf die Sehnsucht, lebendig zu bleiben, spontan, frei und offen. Dies inmitten eher versteinerter Verhältnisse.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nicht wirklich klar, der Erzähler erweist sich als ein Reisender, der Paulines tristes Leben aufheitern möchte, und zwar mit Siebenkäs‘ Lebensgeschichte.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: ironisch, kauzig, driftend, abschweifend, überdreht, verschwurbelt, allegorisiert.
●Einschätzung: Jean Paul besitzt große Leichtigkeit durch seinen sprachlichen Frei- und Unsinn. Hierdurch kann er über alles und nichts erzählen, abdriften, ohne dass es stört. Seine Texte gleichen riesigen monumentalen Wandgemälden, die so detailliert geschaffen wurden, dass einem stets etwas zum Entdecken bleibt, so überladen erzählt er.
–> 5 Sterne
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) durch die Sprache enorm artistisch, absolut fiktional, Schriftdeutsch, kein bisschen alltäglich, funktional.
●Wortschatz: überbordend, mittelalterlich, gehäuft, gewandt, der Romanschriftsteller mit dem breitesten Wortverwendungsfeld
●Type-Token-Ratio: 0,15 bei sehr langen Texten außergewöhnlich – vgl. klassische Erzähprosa 0,06-0,09 und realistische Romantradition 0,08-0,11 bei einem Textumfang von 180 000 Wörtern.
●Satzlängen-Verteilung-Median: 28,6 Wörter – Median 23 Wörter – STAB 24,5.
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: knapp unter 70% (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: unglaubliche 2790 Wörter (assoziative Expansion).
●Auffälligkeiten: die Metaphern, die Verfremdung, die Verballhornungen von Sinnornamenten.
●Innovation: an seiner Sprache und seinem Schreiben fast alles innovativ
–> 5 Sterne
Komposition:
●Signal/Noise-Ratio: wohlaustariert, Jean Paul kommt immer schnell zum Punkt zurück. Er hat eine wirkliche Problematik vor Augen.
●Operative Geschlossenheit: Rahmen, Kuhnschnappel, das alltägliche Leben und darin, der Code, die Dynamisierung, die beiden Freunde, die nicht aufhören wollen, spontan und frei zu bleiben.
●Rahmenstabilisierende Details: Kuhnschnappel wirkt sehr lebendig, die Bewohner, die Nachbarn interagieren, großes Geflecht.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): eher gleichlaufend, ironisch-fröhlich beruhigend.
●Extradiegetische Abschnitte: Die Rede des toten Christus, der Traum Marias, viele kleine Abschnitte, bspw. wenn Heinrich sich vorstellt, Adam zu sein.
●Lose Versatzstücke: der Kindsmörderin-Fall
●Reliefbildung: starkes Relief, Szenen mit großer Intensität und Leidenschaft, und dann auch solche des Rummels, des Gewusels.
●Einschätzung: der Text erschafft sich selbst eine Welt, in der er lebt, auf die er Bezug nimmt, die er kommentiert und erschafft zugleich
–> 5 Sterne
——–
Jürgen H. Petersen: „Formgeschichte der deutschen Erzählkunst“
Informativer Schnellritt durch Prosaformen mit vielen Beispielen
Petersen legt mit Formgeschichte der deutschen Erzählkunst ein knappes und sehr übersichtliches Sachbuch über die Erzählformen vor, die von 1500 an im deutschsprachigen Raum in Romanen und Epen praktiziert wurden. Seine Analysen legen den Akzent auf den Text selbst, nicht seine politischen Bedeutungen, und so führt er eine Art Liste an, die zeigt, wie sich die Erzählweisen selbst evolutionieren. Hierbei ergibt sich ein Dualismus zwischen Sprachexperiment und Sprachrestauration: Bspw. findet zuerst Wildwuchs im Barock statt, der gedämpft wird in der Aufklärung, die aufgeputscht wird durch den Sturm und Drang, der wiederum eingezäunt wird von der deutschen Klassik, die wieder von der Romantik unterwandert wird, um dann vom Biedermeier vom Sockel gestoßen zu werden, bevor die Erzählexperimente der absoluten Prosa in der Moderne stattfinden, die dann aber durch spröde erzählte Faktenphantasien in der Postmoderne abgelöst werden.
Leider hat er es nicht vermocht, eine Ästhetik des Schönen zu schreiben, die ich weiterhin suche. Das Buch Formgeschichte der deutschen Erzählkunst stellt eine Anwendung seines sehr übersichtlichen und informativen Buches über Erzählsysteme dar, zusammen ergeben sie eine sehr offene, wenig tendenziöse Literaturgeschichte deutscher Prosa.
Hier nun, mehr oder weniger in Stichworten, der Inhalt:
● Anfänge deutscher Erzählprosa: Volksbücher, digressive Unterhaltung, Schelmenromane wie Ulenspiegel und Lalebuch (Die Schildbürger) – kommentierende Erzähler, nachdrücklich diskursiv, sprachexperimentell. Herausstechend: Johann Baptist Friedrich Fischart mit Geschichtsklitterung (1575), eine Art deutschsprachliche Verarbeitung von Rabelais Gargantua (1564), dominierend Sprachspiele, Unsinn, Erzählspaß. Viel Schwank, viel Erbauung.
●Arten des Barockromans: Erste wirkliche Polyphone in Adriatische Rosemund, Mosaik, montierendes Erzählverfahren. Barockstil: rhetorisch durchwirkter, den Erzähltext verzierender Sprachschwulst. Herausstechend: Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen mit Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch (1669) durch Erweiterung und Erprobung der Ich-Perspektive: auktorialer Weltbeschreiber; kritischer Zeitzeuge; selbstkritischer Autobiograph; neutraler Beobachter; Verschmelzung mit handelnder Figur, von erlebendem und erzählendem Ich. Stets unter Vorzeichen von Horaz: Unterhaltung und Belehrung.
●Epik des 18. Jahrhunderts: Zeit der Aufklärung, auktoriales Erzählen ohne frei expressive subjektive Elemente, räsonierend, argumentierend. Gefühle sollen analysiert, durchrationalisiert werden. Herausstechend: Christoph Martin Wieland mit Agathon (1767). Entdeckung der Innerlichkeit einerseits als Psychologem, andererseits dann auch als Sentimentalität, als subjektives Erlebnisidiom. Zweiter Hauptstrom, Sturm und Drang, Selbstexpression. Hier herausstechend: Johann Wolfgang Goethes Leiden des jungen Werther (1771). Zwei Wege führen aus dieser Zeit, einen in die deutsche Klassik (Agathon), der andere in die Romantik (Werther). Daneben Kitsch von Johann Martin Miller in Siegwart (1776).
●Deutsche Klassik: Mehr oder weniger Goethe im Alleingang mit Wahlverwandtschaften (1809) und Wilhelm Meisters Lehrjahre (1794). Das Extreme tritt zurück, auch das Sprachexperimentelle. Goethe eher dämpfend im Literaturbetrieb.
●Romantik: Dagegen die Romantiker als Vollstrecker des Sturm und Drangs. Beharren auf das Dunkle, auf eine Universalpoesie, auf Märchen und das Unheimliche. Vorliebe für Chaos und und das Unzusammenhängende. Die Romantik begreift den Roman als entgrenzende Form. Herausstechend: Ernst Theodor Amadeus Hoffmann mit Lebensansichten des Katers Murr (1819/1821), in welchem die Kohärenz völlig aufgegeben wird, Montage und Überlagerung, Mischung, Kompilation, Wirrsinn. Romantik bricht formale Verhältnisse statt sprachsemantische Artikulation zu verfeinern. Wissen wird von Erzählinstanz vorenthalten.
●Erzählen im 19. Jahrhundert: Rekonstituierung des Erzählens nach der Romantik durch historische Romane, eher biedermeierliche Kontemplation, rückwärtsgewandte Sozialphantasien in Bildungsromanen. Herausstechend: Karl Leberecht Immermann mit Die Epigonen(1836). Priesterliche Ton, Phantasmata. Entdeckung des Unbewussten. Daneben Zensurprobleme, die Heinrich Heine mit Deutschland ein Wintermärchen (1842) bekämpfte, gleichzeitig Höhepunkt der deutschsprachigen Versepik. Viel konstruiertes, erlebnisarmes in den Erzählungen.
●Bürgerlicher Realismus: Abstrakta und Kategorien setzen sich thematisch durch, Soll und Haben, öffentlicher Dienst, Desillusion durch allwissenden, konstruierten-fingierten Erzähler, erste Diskursromane mit stark dialogischen Sequenzen, zusammengesetzt, Einbindung von Briefen, Tagebüchern und Selbstgesprächen. Herausstechend: Heinrich Theodor Fontane mit Effi Briest (1895) und Der Stechlin (1899). Preis der Beliebtheit: große Chance vergessen zu werden, wie Paul Heyse, Nobelpreisträger von 1910, mit seinen damals aktuellen Diskursromanen.
●Klassiker der Moderne (Sinnlosigkeit): Nach Realismus, Abgrenzung zur Tradition, zur Antike, Feiern der Technologie, Naturbeherrschung, das Ich stellt sich in das Zentrum, homo artifex, Künstlichkeit wird gepriesen. Paradigma: Unverständlichkeit, Reflexion, Dekonstruktion der eigenen Psyche. Paradigma hier Robert Musils Reflexionsprosa in Der Mann ohne Eigenschaften (1933). Biographiephantasien prägen die Literatur. Mythosgeplänkel. Abschaffungsphantasien. Die Moderne entgrenzt die Erzählung in die Beliebigkeit, alle dürfen sich selbst den Sinn im Text suchen. Erzählen unter Vorbehalt. Das erzählerische Präsens tritt den Siegeszug an – unvorhersehbares Echtzeit-Erleben.
●Erzählen am Rand der Moderne (Sinnsuche): Die Beliebigkeit eingrenzend, neben der Moderne herlaufend, teilweise naturalistisch-realistisch, mehr politisch, teilweise auch satirisch, dennoch montierend, kompilierend. Herausstechend: Anna Seghers in Das siebte Kreuz (1942). Versuch, einen Teil des Mythos als Sinngebung und Allegorie zu retten. Gegen Sinnverlust.
●Neuerungen in der Moderne (Sinn-Entriegelung): Beide moderne Erzählstrategien (Sinnlosigkeit und Sinnsuche) werden formalästhetisch durch Formexperimente synthetisiert. Das offene Kunstwerk als Erprobung der Sprache, das Nichts wird ins Zentrum gestellt, aber formal klar ausgezeichnet, so dass das Sinnlose formal aufgehoben ist, der Sinn nicht gesucht, die Sinnsuche nicht irritiert wird, sondern der Sinnanspruch ins Kreativ-Leere verläuft. Herausstechend hier: Thomas Bernhard in Das Kalkwerk (1970). Direkte Ansprache, dynamisch suchend, ums Nichts kreisend, das Sprachvermögen erweiternd. Es wird nicht unzulänglich erzählt, sondern die Unzulänglichkeit wird reflektiert und formalästhetisch durchdekliniert. Hier findet auch die erste Auseinandersetzung zwischen Wirklichkeitssätzen und Fiktionalitätssätzen statt, in Max Frischs Tagebuch 1946-59 (1950).
●Postmodernes Erzählen: Hier wird ein Rückgriff auf die ästhetischen Normen vor der Modernität durchgeführt, epische Inkohärenzen treten wieder zurück, eher verwandt mit dem bürgerlichen Realismus mit Traumeinschüben und Geschichtserfindungen. Herausstechend: Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt
Natascha Wodin: „Die späten Tage“
Briefe an Unbekannt – ein sentimentales, gebrochenes Echo.
Inhalt: 3/5 Sterne (anekdotisch)
Form: 2/5 Sterne (bemüht,hakelig)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (authentisch-offen)
Komposition: /5 Sterne (entfällt)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (desillusionierte Stimme)
–> 14/4 = 3,5 = 4 Sterne
Natascha Wodin schreibt in Die späten Tage von ihrem Leben an einem mecklenburgischen See, von ihren Altersgebrechen, ihrem Zusammenleben mit einem ein paar Jahre älteren Partner (Ende 80) und ihrer Angst vor dem Alleinsein. Ihr Buch liest sich erstaunlich parallel zu Helga Schuberts Der heutige Tag und Irvin D. und Marilyn Yaloms Unzertrennlich. Auf dem zweiten Blick liegt jedoch eine ganz andere Reflexionsform zugrunde, die die Prosa unversehens langsam, unter der Hand, in eine Art Gedicht- und Lyrikform bringt:
Es war, als wäre ich mein ganzes Leben blind gewesen und könnte zum ersten Mal sehen. Ich sah alles, ich sah glasklar. Ich war zu Hause, wo ich immer schon gewesen war, ich hatte es nur nicht gewusst. Nichts hatte sich verändert und gleichzeitig alles. Das ganze Leben bestand aus Problemen, mit denen wir uns unentwegt herumschlugen, aber jetzt begriff ich, dass es überhaupt keine Probleme gab, wir machten sie uns alle selbst, wir dachten sie uns aus.
Die selbsterklärte Nachteule löst sich aus alten Verbindungen. Für einen kurzen Moment fühlt sie sich frei, selbständig und unabhängig, bevor sie wieder zurücksinkt, und dieses Zurücksinken befremdet sie. Sie trauert um die fehlende Kraft, aus sich selbst zu schöpfen, statt sich nur von dem eigenen Debakel durchs Schreiben abzulenken, statt mit einem Mann zusammenleben, nur weil sie nicht alleinsein will, Angst vor der Einsamkeit hat, ohne diesen Mann jedoch, selbst nach ihrer eigenen Maßgabe, zu lieben.
Wenn man mich nach meiner Lebensbilanz fragen würde, wüsste ich nicht viel zu sagen. Ich habe viel geliebt und wurde viel geliebt, ich habe viel gelitten und mitgelitten, ich habe ein paar Bücher geschrieben, und ich habe immer Angst gehabt. Mein Leben war der vergebliche Versuch, die Angst zu besiegen. Alles, was ich gemacht habe, war letztlich diktiert von der Angst. Insofern weiß ich gar nicht, ob ich das Leben überhaupt erreicht habe.
Das Buch zeichnet sich nicht durch formalästhetische Geschmeidigkeit aus. Es gleicht mehr einer Briefsammlung, Notizen, Geständnissen, die ihr direkt und spontan aus der Feder fließen. Sie zitiert viel, montiert, tröstet sich mit dem Schicksal von anderen, schämt sich ob ihrer Schwäche, ihrer Gefallsucht, aber kann sich aus all ihren inneren und äußeren Verstrickung nicht befreien. Ihr Ton gleicht sehr Slata Roschal in Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten – hier spricht nicht eine Erzählstimme, sondern ein wachsendes, im Entstehen begriffenes lyrisches Ich.
Als versteckt-verkappte Elegie des Sterbens ergreift Natascha Wodins Die späten Tage sehr. Sie befindet sich auf dem Weg und der führt sie zu einer Friederike Mayröcker, die mit da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete poetisch das Altwerden bearbeitete und Trost in der Sprache fand, die Wodin noch sucht. Doch die Suche beeindruckt und rührt, auch wenn sie nicht zu einem zweiten Lesen einlädt, aber welches Gespräch will man wortwörtlich schon zweimal führen?
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Anfangs sehr inkohärent, zerfahren, die Liebe zu Friedrich wirkte aufgesetzt, unwirklich, geradezu abstrakt, nach und nach stellt sich aber heraus, dass diese tatsächlich auch von dem Ich als solche erfahren wird, sie bleibt mit ihm zusammen aus Angst vor dem Alleine-Sein, und diese Stimmigkeit breitet sich erst nach und nach, erst ab Mitte des Textes, dann auch rückwirkend auf den Text aus. D.h. ich glaube ihr, nehme ihr die Angst, die Verzweiflung ob ihres Alters, ihrer Isolation ab, und hiermit entsteht ein atmosphärisch sehr stimmiges, aber nicht schön geschriebenes Gebilde, eine Art Monolog, eine Briefsammlung an Unbekannt, eine Mitteilung, die sich nicht aus ihrer Angst heraus befreien kann. Komposition gibt es nicht – Inhaltliches nur über Anekdoten, die teilweise grausam sind; sprachlich wirkt der Text schnöde und einfallslos auf mich. Die Erzählstimme aber trägt das Buch.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) nein, lebt von der gegenwärtigen Geisteskultur
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, offen, authentisch
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, eher bemüht, langweilig
●stimmig?(Komposition: ja/nein) also Beichtform schon, entfällt hier
●ein zweites Mal lesen? Nein, wie ein gutes Gespräch, das ich aber auch nicht ein zweites Mal führen wollen würde (welches Gespräch schon?)
–> .. Sterne
–> 4 Sterne
Inhalt:
●Hauptfigur(en): Eine Art Monologistin, die denselben Namen wie die Autorin besitzt, aber eigentlich Natalia Nikolajewna Wdowina heißt, 79 Jahre alt.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Das lyrische Ich schreibt kurze Passagen. Sie befindet sich in einem mecklenburgischen Haus am See. Dort lebt sie mit Friedrich zusammen, wahrscheinlich Ende 80. Beide leiden unter ihrem Alter, suchen Nähe, finden sie aber nicht. Insbesondere sie hat ein sehr ambivalentes Gefühl dazu, ihm beim Sterben zuzusehen. Der Rahmen dieses Buches beschreibt ihr Zusammenleben und Zusammenkommen, und ihre Schwierigkeit zu gehen, ihre Schmerzen und Probleme, beim Schlafen, ihre Zahnschmerzen.
Sie erinnert sich zusätzlich an Begebenheiten aus ihrem Leben:
– Die USA als gelobtes Land, Angst vor Stalin, da sie als deutsche Zwangsarbeiter unter Generalverdacht standen, emigrierte ihre Eltern nach Deutschland
– Als sie eines Sommers nur Paul Auster-Bücher las
– Ihre Ehe mit einem DDR-Schriftsteller namens Jakob (Wolfgang Hilbig)
– Ihre Dolmetschertätigkeit in der Sowjetunion, die Angst bei der Einreise, das Hotel Rossja, Affäre mit Jan Lankwitz (als sie 27 Jahre alt war), Aufbauleiter der deutschen Messegesellschaft, während des Aufenthaltes, Vergehen gegen die Hotelregeln, aber lokal und temporal auf Moskau beschränkt, da er seine Ehefrau liebte. Nur ein kurzes, kommentarloses Wiedersehen.
– Reise mit Friedrich zur Familie ihres verstorbenen Cousins, Igor. Das Wiedersehen kam zu spät. Er starb vorher. Episode mit der Schwalbe, die zum Übernachten zu ihnen kam, Armbeuge der Laterne.
– Der kleine Adoptivjunge, dem sie Klavierunterricht erteilte, in den sie vernarrt gewesen ist, und der dann wieder zurück ins Heim gegeben worden ist, als die Pflegemutter schwanger wurde.
– Der Vermieter, der keinen alten Mensch in seinem Haus leben lassen wollte.
– Wie sich Friedrich weigerte, in die SED einzutreten.
– Passverlängerung und Namensdebakel mit der Beamtin, die kein Sütterlin lesen kann.
– Friedrich verliebte sich in das Cover von „Sie kam aus Mariupol“.
– Hitzenacht, Umzug ins Literaturhaus Wannsee, Zimmer mit Porträt von Alain Delon.
– Zahnarztangst
– Astrid, Bürgerrechtlerin für Sterbehilfe, Kind des Lebenborn, die einsam und verlassen stirbt, das lyrische Ich um Beistand bittet, das ihr aber eine Abfuhr erteilt und sie allein sterben lässt. Das lyrische Ich schickt Blumen; am Tag ihres Todes noch eine Mail an den Blumenladen, dass ihre Freundin nie so eine Geschmacklosigkeit sich erlaubt hätte, das lyrische Ich im CC.
– Die Einladung nach China, in die Region Zheijang, Hüterin des weinenden Feuers.
– Besuch des Alkoholiker-Nachbarn Kurt im Pflegeheim.
– Ihre Tätigkeit für einen Vieh- und Fleischhändler.
– Trennung von Hilbig, Jakob.
– Reise im Schneesturm nach Südtirol, ihr Verliebtsein in Marie, aus der Liebe, die sie ihr in einem Brief später gestand, wurde nichts. Marie heiratete und bekam ein Kind.
– Die Fast-Witwe, mehrmals, Tod des Ehemannes kurz nach Scheidung, Tod des Verlobten Lew kurz vor der Hochzeit, Tod Jakobs nach Scheidung, etwas später.
– Ihr plötzlicher literarischer Erfolg
– Tod ihrer Freundin Nadja, nach der Wende, erstes Auto und direkt ein Autounfall.
… zitiert ein Benn, ein Bachmann Gedicht. Gioconda Belli. Anna Achmatowa.
●Besondere Ereignisse/Szenen: siehe oben, die Sache mit dem Klavierspiel-Jungen und der Tod der Freundin
●Diskurs: ordnet sich in die Reihe der Bücher übers Altwerden ein, Helga Schubert „Der heutige Tag“ – Irvin D. und Marilyn Yalom: “Unzertrennlich: Über den Tod und das Leben”, Friederike Mayröcker: “da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete” – Georgi Gospodinov: „Der Gärtner und der Tod“ … Kalender- oder Stundenbuch. Julia Schoch: „Das Liebespaar des Jahrhunderts“. Slata Roschal: „Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten“.
… durch die Anekdoten zum Ende hin interessanter, bewegender. Der Anfang zog sich deutlich. Sehr verwandt zu Schuberts „Der heutige Tag“.
–> 3 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: durchgängig sehr klar, sehr offen, sehr selbstbezogen. Auf eine eigenartige Weise durchlässig, zugänglich, mitteilsam. Sie öffnet sich, zeigt sich, dies auch sehr konsequent durchgehalten.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): ja, in dreifacher Hinsicht.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: aufrichtig, geradeheraus, nach Anschluss suchend
●Einschätzung: über die Dauer hat das Buch etwas von einer Lebensbeichte, einer Botschaft, einer Sammlung Briefe an Unbekannt, ein Lebensresümee. Als Stimme erzeugt sie aber eine sehr klare Atmosphäre, gibt ihre Persönlichkeit preis, hat eine sehr zugängliche, nackte Sprache.
–> 4 Sterne
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) kaum gegeben, eigentlich eher eine Mitteilung
●Wortschatz: sehr alltagssprachlich bis auf ein paar gewollte Lateinismen.
●Type-Token-Ratio: (Musil >0,25 – Genre < 0,1) 0,171
●Satzlängen-Verteilung-Median: 22,2 Wörter –
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: 1603 Wörter
●Auffälligkeiten: die Sprache wirkt auf mich oft bemüht, etwas gedrechselt und nicht flüssig, feinfühlig. Sie wirkt sehr direkt und oft wenig schriftsprachlich, und die brüchigen Metaphern und Wortfeldschwierigkeiten erzeugen einen gestörten Sprachrhythmus.
●Innovation: nein
–> 2 Sterne
Komposition: kein fiktionaler Text
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Tezer Özlü: „Die kalten Nächte der Kindheit“
Sprach-motivisch intensive Selbstbehauptungsgeste – stellenweise noch etwas roh.
Inhalt: 4/5 Sterne (Selbstbehauptungslyrik)
Form: 5/5 Sterne (dicht-verwoben-alp(träumend))
Erzählstimme: /5 Sterne (keine Erzählung)
Komposition: /5 Sterne (keine Erzählung)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (intensiv-teilweise etwas roh)
–> 13/3 = 4,3 = 4 Sterne
Tezer Özlüs Buch Die kalten Nächte der Kindheit erschien 1980 auf Türkisch und 1985 das erste Mal auf Deutsch. Es wurde 2025 im Rahmen der Erst-Veröffentlichung von Auf den Spuren eines Selbstmords neu übersetzt. Sie steht klar in der Traditionslinie Sylvia Plaths Die Glasglocke, Ingeborg Bachmanns Malina und verhandelt eine ähnliche Europa-Türkei-Problematik wie die Georg-Büchner-Preisträgerin von 2022 Emine Sevgi Özdamar mit ihrem Roman Ein von Schatten begrenzter Raum. Im Gegensatz aber zu Özdamar verbleibt Özlü klar in einem lyrischen Duktus, sodass die autofiktionale Thematik eine literarische Selbstbehauptungsgeste wird, die sprachlich, nicht inhaltlich von der Durchschreitung und Entgrenzung von Oppositionspaaren getragen wird:
Die Unendlichkeit in der Vereinigung zweier Menschen macht das Wesen eines Menschenlebens aus. Sie muss das Wesen der Sonne sein. Das Wesen der Kraft, die liebt und lieben lässt. Das Wesen der Wärme, die uns umhüllt. Der abkühlenden Nächte. Und der Sterne, die nachts den Himmel übersäen. Das Wesen des blauen Himmels über dem Mittelmeer muss diese Vereinigung sein. Diese Feuchtigkeit. Diese Kraft reicht ins Unendliche, sie schafft Leben und rückt schließlich das Leben in die Ferne, zu den Horizonten hinter der weißschäumenden Gischt des Mittelmeers oder seiner grünen Stille.
In Die kalten Nächte der Kindheit steht das Sexuelle klar im Vordergrund. Das lyrische Ich wächst in einer ärmlichen, prekären Dorflandschaft auf, mit einem Vater, der das Militärische einhämmert, der auf Disziplin besteht und der die sehr engen Wohnverhältnisse mit seiner Präsenz noch enger wirken lässt. Sexuelle Phantasien und Erfahrungen erscheinen so von Anfang an als der Ausweg für das lyrische Ich, das im Text zu einer Sprache sucht und findet, die nicht allein vom Körperlichen abhängt.
Plötzlich, auf diesem kleinen Platz mit Pflastersteinen, umzingelt von Wohnhäusern, rieche ich den Herbst. Der Wind vom Bosporus lässt meine Haare fliegen. Der Duft der Natur steigt von den gelben und orangefarbenen Herbstblättern am Boden auf zu mir – nichts habe ich je lieber gerochen. In dem Duft der Blätter auch er. Quicklebendig. Die schmale Gasse, die zum Markt hinter den Häusern am Wasser führt, ich laufe sie hoch.
Das verspürt sie, nachdem sie die Trennung und Scheidung von ihrem Mann durchschreitet. Sie erträgt die Kluft, die Lücke, und sie gibt dem Herbst den Hauch eines Lebendigen zurück. Sie arbeitet sich aus der Enge der Gassen, der Häuser, der sie bedrängenden Wohn- und Lebensverhältnisse heraus, denn sie läuft hoch und dort oben, wird die Gasse enden, sich weiten und ihr den Blick auf den Ozean, ihr geliebtes Meer freigeben, denn das nächste Kapitel heißt: „Mittelmeer, erneut“.
Özlü, in der Thematik eng mit Plaths Die Glasglocke verwandt, beschreibt, wie ein lyrisches Ich aus der Elektroschocktherapie und missbräuchlichen Geschlechterverhältnissen zu einem sich öffnenden Ich erwacht, das sprachlich gegen die hochgezogenen Panzer des Körperlichen arbeitet, um dem Sanften und Gewaltlosen Raum in ihrem Leben zu geben. Leider hat Özlü nicht weiter an dieser Thematik arbeiten können. Manches wirkt noch roh, noch zu wenig lyrisch bearbeitet, geformt, noch zu sehr einfach hineinmontiert, um vollends zu überzeugen. Die Grundstimmung und Intensität jedoch bleibt – das Ich, das in Die kalten Nächte der Kindheit entdeckt worden ist, ist zur vollen Blüte erwacht und lässt sich nicht mehr zum Schweigen bringen. Die Autorin ist leider nur zu jung verstorben (1986).
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): keine Erzählung
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
„Das Haus“. Familienverhältnisse. Vater Handwerker, liebt das Militär, Anfang der 1950er Jahre. Bäume als Motiv (Han Kang – Die Vegetarierin?). Kindliche sexuelle Erfahrung mit Schwester Süm. Bunni, die Großmutter, die verwelkt wirkt. IE folgt Schwester nach Istanbul. Kino. Beengte Wohnverhältnisse. Die IE schluckt Pillen, um sich umzubringen. Wacht in einer psychiatrischen Anstalt wieder auf. Bunni bereitet ihren Tod vor. Bunni bleibt zuhause.
„Schule und Schulweg“. IE besucht katholische Schule mit Nonnen, die abweisend wirken. Gottesversessen. Jenseitig. Müssen ein Gedicht zur Übung vom Buchstaben O singen. Hetzrede gegen Nietzsche. Dort lernt IE Günk kennen, mit der sie Literatur entdeckt. Beide Familien aus dem Schulmilieu, Vater und Mutter sind Lehrer. Brüder wollen nach Paris, Intellektuelle werden. Sexuelle Erfahrung mit Schwester hören in der Pubertät auf. Nachtleben in Istanbul. Günk und IE lernen Hayalet kennen, einen schmierigen Typen, kennt die Nachtschwärmer. Erster Sex mit einem namenlosen Mann. Günk geht nach Europa. IE beschließt jung zu heiraten, bloß raus aus dem Elternhaus. Abschied von Günk.
„Das Konzert von Léo Ferré“. In Berlin, wohnte bei einem Schriftsteller. Sie vermisst die Natur, den Ozean. IE wird wieder in die Nervenklinik gebracht. Ihr Mann lebt in Paris, unglückliche Ehe, er ist zu depressiv. „Einer flog übers Kuckucksnest“ hat große Wirkung auf IE, sie teilt die Erfahrung. Die Kranken können unter den Kranken nicht gesund werden. Fünf Jahre Aufenthalt im Krankenhaus. Fahrt nach Paris, durch die Porte des Lilas. Eheliche Untreue. Sie ist schwanger von einem anderen Mann. Abtreibung. Ehemann träumt nur von Paris. Besessen von Léo Ferré. Scheidung von ihm. Sie befindet sich noch in der Klinik. Krankenschwester will, dass sie sich vor einem Fremden auszieht. Sie weigert sich. Eine Frau springt zweimal aus dem Fenster, keiner hilft ihr. Frühling 1971. In Antalya, zum Nervenarzt. Elektroschocks. Kettenrauchen. Wieder auf freiem Fuß.
„Das Mittelmeer, erneut“. Sitzt an der Küste, am Bosporus. Nachbar hat sich umgebracht, fette Maus hinter Fensterglas, Ganis. Nachtleben in Istanbul.
… in jedem der Kapitel eine klare Bezugsperson, Süm (die Familie), Günk (die Schulfreundin), Ehemänner (Das Konzert von Léo Ferré), Ganis (Selbstmörder-Nachbar).
●Kurzfassung: Ich-Erzählerin spricht über ihre Erfahrungen, Reisen, Eheprobleme und Schwierigkeiten, sich anzupassen. Sie hat manisch-depressive Schübe, weshalb sie in eine Nervenklinik gebracht wird, wo sie Elektroschocks verpasst bekommt.
●Charaktere: (rund/flach) – keine Narration in dem Sinne.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: nein, in dieser Form des gleitenden Bewusstseinsbericht gar nicht wirklich möglich, alles erscheint als Phantom, Phantasma, als Erfahrungsrohmasse, die sich sprachlich langsam selbst bearbeitet
●Besondere Ereignisse/Szenen: die Elektroschocks; die geschwisterlichen sexuellen Erfahrungen.
●Diskurs: Wahnsinn, Irrsinn, Heilung von psychotischen Zuständen.
… autofiktionaler Bericht, der sich nicht durch einen Plot, aber durch Bilder auszeichnet, also eher Prosagedicht, kein Narrativum, kein wirklicher Plot, aber dichte Bilder. Sehr verwandt zu Ingeborg Bachmanns „Malina“ und Emine Sevgi Özdamar: „Ein von Schatten begrenzter Raum“. Der Text wirkt sehr kurz und teilweise noch sehr roh, was seiner Wirkung nicht schadet, was aber im Nachgang nicht völlig überzeugt.
–> 4 Sterne
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) klar sich abgrenzende Gestaltung, keine Erzählung, Erinnerungsdurchmischungen, keine klaren Bilder, Gefühls- und Bewusstseinszustände, Zeugnis, das sich dichterisch bearbeitet, um neue Bilder zu erschließen, neue Perspektiven zu finden. Klar im therapeutischen Diskurs angesiedelt, rettet sich aber hier durch die extrem poetische Spracheinfärbungen, die das Gleiten des Bewusstseins weg vom Dokumentarischen hin zum Künstlerischen gelingen lässt. Sprache als Mittel der Selbstbehauptung schiebt sich in den Vordergrund.
●Wortschatz: Tanne (1x), Platane (2x), Kiefer (2x), „Bäume“ (29x), Weide (1x). ABER: kein Wald. Vereinzelung, Individuum/Gesellschaft. Land/Stadt.
●Type-Token-Ratio: 0,212 hoch-lyrisch-verdichtet (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 9,7 Wörter – STAB 9,72, Median 8 Wörter. Kurz.
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: 1013, relativ früh, eher beharrend.
●Auffälligkeiten: starke Oppositionspaare, Licht/Schatten, Stadt/Land, Religion/Sex.
●Innovation: schwierig bei einem so selbstbezüglichen Text, aber die Sprachverquickungen wirken frisch und unverbraucht. Kein Stern Abzug, da die Schreibweise nicht an Spannung verliert, immer wieder zu ihrer Lyrizität zurückfindet, auch wenn diese nicht eine völlig einheitliche Grundstruktur beibehält wie Sylvia Plath in „Die Glasglocke“
–> 5 Sterne
Erzählstimme: kein erzählerischer Text, fällt aus.
Komposition: kein erzählerischer Text, fällt aus.
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein, mitreißend, verstörend, aber auch ermunternd
●Geärgert: nein, sehr subjektive Stimme, die sich absolut setzt
●Amüsiert: nein, dazu passt das Thema nicht, ernst, kämpfend, sich behauptend
●Gefesselt: ja, wie es ihr gelingt, sich abzugrenzen
●Zweites Mal Lesen?: vielleicht
… mich hat das übertriebene Beharren auf das Sexuelle gestört, was aber dazu passt, dass das lyrische Ich keine Worte für ihr Umfeld findet, um sich in ihrem Lebenswillen verständlich zu machen. Das Körperliche ersetzt die Vokabel, das Vokabular. Sie kommuniziert mit Berührung, weil sie ansonsten überhaupt keinen Zugang zu ihren Mitmenschen findet. Vereinzelung und Entfremdung der Grundtenor. Fehlende Zärtlichkeiten. Fehlender Raum, um Sanftheit zu entwickeln. Ein Stern Abzug für mich, da ich die geschwisterlichen sexuellen Erfahrungen eher überflüssig und daher eher entblößend, distanzlos empfand. Es gab für mich im Gesamtton keinen Grund, kindliche Sexualität auf diese Weise zu thematisieren.
–> 4 Sterne
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