Lew Tolstoi: „Krieg und Frieden“ (iii: Resümee)

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi
Krieg und Frieden von Lew Tolstoi.

Inhaltlich bietet Krieg und Frieden die Entwicklungsläufe verschiedener Figuren, die summarisch darauf hinauslaufen, dass der Altadel bestehen bleibt, der Stadtadel ausgetauscht wird, und die Schönen charakterschwach (Hélène und Anatol) und die Unschönen charakterstark (Marja und Pierre) gezeichnet werden. Reflektorisch behandelt Tolstoi die verschiedenen Formen der Geschichtsphilosophie und kam zu dem entschiedenen Schluss:

Ursachen für historische Ereignisse gibt es nicht und kann es auch nicht geben, außer der einzigen Ursache aller Ursachen. Aber es gibt Gesetze, die die Ereignisse steuern, teils unbekannte, teils von uns zu entdeckende. Die Entdeckung dieser Gesetze ist nur dann möglich, wenn wir uns vollständig davon frei machen, nach den Ursachen im Willen eines einzelnen zu suchen, genauso wie die Entdeckung der Gesetze der Planetenbewegung erst dann möglich wurde, als die Menschen die Vorstellung aufgegeben hatten, die Erde stehe still.
Lew N. Tolstoi aus: „Krieg und Frieden“ [übers. von Barbara Conrad]

Im letzten und abschließenden Teil möchte ich die Fäden zu einem literarisch-kommunikativen Resümee zusammenführen, das die sehr radikale Desillusionierung nachzeichnet, die in Krieg und Frieden ihre Darstellung findet, die öffentliche Welt als heilloses Chaos von Intrigen und Eitelkeiten, das nur im Stillen und Privaten seine Läuterung erfahren kann, nämlich im Stoizismus eines unerschütterlichen Gottesglauben.

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Lew Tolstoi: „Krieg und Frieden“ (ii: Chronik)

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi.
Krieg und Frieden von Lew Tolstoi.

Im ersten Teil meiner Besprechung von Lew Tolstois Krieg und Frieden habe ich die latente dynastische Struktur herausgearbeitet, dass unter Krieg insbesondere die Schwächsten und Ärmsten zu leiden haben und wie dies Tolstoi durch die Verschiebungen im aristokratischen Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel von Krieg und Frieden gnadenlos dargestellt hat. Diese moralisch-gestützte Anti-Kriegshaltung sticht aus jeder Facette seines Romanganzen heraus, in welchem der auktoriale Erzähler am Krieg gar nichts finden, schon gar nichts Heroisches oder Fortschrittliches erkennen kann:

Unmöglich zu verstehen, was diese [politischen] Umstände mit dem eigentlichen Faktum des Tötens und der Gewalt zu tun haben; weshalb Tausende Menschen vom anderen Ende Europas, nur weil der Herzog [von Oldenburg] beleidigt war, die Menschen in den Gouvernements Smolensk und Moskau totschlugen und zugrunde richteten und von ihnen totgeschlagen wurden. […] Es mussten Millionen Menschen ihre menschlichen Gefühle und ihre Vernunft verleugnen und von West nach Ost ziehen, um ihresgleichen totzuschlagen, genauso wie einige Jahrhunderte zuvor Massen von Menschen von Ost nach West gezogen waren, um ihresgleichen zu töten.
Lew N. Tolstoi aus: „Krieg und Frieden“

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