Bereits 1995 geschrieben, hat Jacqueline Harpmans Roman Ich, die ich Männer nicht kannte durch eine Wiederauflage erneute Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Höchstwahrscheinlich auch durch den andauernden Erfolg von Margaret Atwoods Der Report einer Magd, mit der Harpmans Roman wesentliche dystopische Momente teilt. Über Atwoods Thema der Frauenunterdrückung hinaus beschäftigt sich Harpman in Ich, die ich Männer nicht kannte noch mit der psychisch-anthropologischen Situation, in einer kargen Welt isoliert auf sich allein zurückgeworfen zu werden, und kommuniziert so intensiv mit Dino Buzzatis Die Tatarenwüste, mit Guido Morsellis Dissipatio humani generis, Marlene Haushofers Die Wand oder Abe Kōbōs Die Frau in den Dünen. Wenige jedoch ziehen aus ihrem Stoff derart verstörend anthropologisch-psychologische Konsequenzen wie Harpman:
Ob irgendjemand oder irgendetwas irgendwo den Sinn von alldem kannte? Und ob die Dinge anderswo einfach so weitergingen? Gab es auf diesem Planeten, von dem ich, so lange ich auch weiterliefe, nur einen Teil sehen würde, oder auf einem anderen einen Ort, wo die Keller noch in Betrieb waren? Wo Männer und Frauen der Peitsche gehorchten, zu willkürlichen Zeiten aßen und schliefen und wo ein rebellisches Mädchen anfing, ihren Herzschlag zu zählen? War ich die Einzige? Gab es an diesem Sternenhimmel noch tausend andere Planeten wie den, auf dem ich umherirrte, und wenn ich nachts auf den Schlaf wartete, streifte mein Blick dann manchmal eine ferne Erde, wo sich die gleiche Szene abspielte?
Jacqueline Harpman aus: „Ich, die ich Männer nicht kannte“
Inhalt/Plot:
Die Szenerie des Romans ist denkbar einfach gehalten. Eine Ich-Erzählerin lebt mit neununddreißig anderen Frauen in einem Gefängnis, bewacht von männlichen Wärtern in einem Keller, ohne Freigang, in radikaler Isolation. Sie leben in einem Käfig, müssen dort ohne jede Privatsphäre auskommen, auf Toilette gehen, kochen, gemeinsam essen und auf Matratzen schlafen, ohne sich gegenseitig Trost und Nähe spenden zu dürfen. Sollten sie sich zu nahe kommen, werden sie bestraft. Um den Käfig herum stehen die Wärter mit Waffen und beobachten sie. Die Ich-Erzählerin kennt als einzige der Frauen keine Welt vor der Gefangenschaft.
Meine Erinnerungen reichen nicht weiter zurück als bis zu der Zeit im Keller. Kann man das überhaupt Erinnerungen nennen? Die wenigen Geschichten, die die Frauen mir aus ihrem früheren Leben erzählt haben, enthielten Ereignisse, Kommen und Gehen, Männer. Für mich hingegen ist eine Erinnerung nichts als das Gefühl, an einem bestimmten Ort zu existieren, zusammen mit denselben Personen, und die immergleichen Dinge zu tun, nämlich essen, seine Notdurft verrichten und schlafen.
Insbesondere kennt sie keine Männer außer den Wärtern, die sie bewachen. Sie kennt keine Liebe, keine Verbindung, keine Zärtlichkeiten. Sie lebt ganz in der Gegenwart im Unterschied zu den sie umgebenden Frauen, die Erinnerungen von früher austauschen. Um sich die Zeit zu vertreiben, beginnt die Ich-Erzählerin über einen Wärter zu phantasieren, der sich in etwa in ihrem Alter befindet. Sie tauschen Blicke aus, und sie beginnt sich Situationen auszumalen, die erste physisch-libidinöse Erlebnisse gestatten, die die Ich-Erzählerin aber, auch als Autonomiegeste, vor den anderen Frauen für sich behält. Als sie dieses innere Phantasieleben wieder zu langweilen beginnt, fängt sie an mit ihrem Herzschlag die Tagesabläufe zu messen, die Wachablösungen, die Essensausgabe, den Zeitpunkt, ab dem sie schlafen gehen müssen. Sie verwandelt sich in eine Form von menschlicher Uhr und gibt so der Gemeinschaft der Frauen ein Zeitmaß, einen Rhythmus, der alle belebt, zumal sie nach und nach mitwirken:
Also ließ ich mir eine neue Methode einfallen: Ich zählte bis zweiundsiebzig und merkte mir eine eins, begann dann wieder bei null und merkte mir eine zwei, wenn ich wieder bei zweiundsiebzig angelangt war … Aber ich befürchtete, ich könnte die zwei Zahlenfolgen durcheinanderbringen. Darum stellte sich eine der Frauen als Rechenbrett zur Verfügung: Ich sagte »eins«, sie merkte es sich, ich sagte »zwei« und so weiter. Aber das erwies sich bald als überflüssig, denn ich machte nie einen Fehler. Mit der Zeit musste ich nicht einmal mehr bewusst mitzählen. Irgendetwas in mir gab mir automatisch Bescheid, wenn mein Herz zweiundsiebzigmal geschlagen hatte. Ich wurde zu einer lebenden Uhr.
Was der Roman Ich, die ich keine Männer kannte hier nachzeichnet, ist ein intellektuelles Erwachen der ersten Reflexion, eine Form der Maß und Raum- und Zeitvorstellungen im Sinne der Kantischen Verstandesbegriffe. Dieses Messen lässt die Ich-Erzählerin selbstbewusst werden und integriert sie in die Gemeinschaft, aus der sie vorher ausgeschlossen blieb, u.a. durch die fehlenden Erinnerungen an ein Vorher und auch wegen des großen Altersunterschieds, der zur nächstjüngeren ungefähr zwanzig Jahre beträgt. Dann, eines Tages, aus dem Nichts sind die Wärter weg und eine Entdeckungsreise beginnt.
Thematisch fusioniert Jacqueline Harpman die anfangs genannten drei Romane: Atwoods Der Report der Magd mit der erbarmungslosen Gefangennahme der Frauen, der Unterdrückung ihrer Bildung und Lebensräume; Buzzatis Die Tatarenwüste mit dem Warten und Harren im Leeren und ausdauernden Nichts; und schließlich Guido Morsellis Dissipatio humani generis mit der drohenden, allein durch den Altersunterschied irgendwann eintretenden Einsamkeit der Ich-Erzählerin als letzte Überlebende, da die Möglichkeiten für einen Nachwuchs nicht gegeben sind.
Ich sitze auf einer Alleebank und betrachte das Leben, das sich in dieser merkwürdigen Ewigkeit unter meinen Blicken vorbereitet. Die Luft ist klar, von einer geradezu kompakten Feuchtigkeit. Rinnsale schießen herab (in der Oberstadt werden die Gullys verstopft sein), fließen auf der Allee zusammen und haben, Tag um Tag, eine dünne Erdschicht über den Asphalt gebreitet. Nicht viel mehr als ein Schleier, und doch grünt und wächst bereits etwas, und zwar nicht das übliche städtische Gräslein; es sind Wildpflanzen. Der Markt der Märkte wird sich in eine Wiesenlandschaft verwandeln. Mit Hahnenfuß und blühender Wegwarte.
Guido Morselli aus: „Dissipatio humani generis“
Morselli und Harpman beschreiben jeweils die komplementäre Welt, mit dem einen Unterschied, dass die Ich-Erzählerin von Harpman kein Vorher kennt und sich deshalb eine eigene Form der Bewusstwerdung erkämpfen muss, und Ich, die ich Männer nicht kannte hieraus zu einer innovativen philosophischen Form des Bildungsromans wird.
Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stoffbereich: Körper-Geist-Bewusstsein mit Plot: Welt in Trümmern
Stil/Sprache/Form:
Die Erzählposition gleicht hingegen sehr der von Atwood in Der Report der Magd, die auch aus einem Rückblick die Ereignisse Revue passieren lässt, ebenfalls sich selbst und die anderen Frauen genauestens analysiert und die eigenen Reaktionen und Gefühlsregungen seziert. Dieser Eindruck resultiert aus der Isolation und der Ausgeliefertheit beider Ich-Erzählerinnen:
Die Zeit kann aus jedem noch so unbedeutenden Gespräch entstehen. Vielleicht habe ich versucht, sie zu erschaffen, indem ich diese Seiten geschrieben habe: Ich fange oben an, reihe ein Wort an das andere, staple die Blätter aufeinander – und existiere am Ende trotzdem nicht, weil niemand sie lesen wird. Sie sind für einen Leser bestimmt, der vielleicht nie kommen wird. […] Aber wenn doch jemand diese Seiten lesen wird, dann werde ich für eine gewisse Zeit in seinem Kopf existieren. Er wird meine Gedanken in sich tragen, und so werden wir beide zu etwas Lebendigem verschmelzen, das weder ich sein werde […] noch er, wie er vorher war, denn meine Geschichte wird von da an Teil seines Denkens sein.
Beide suchen durch die Erzählung ein Gegenüber zu erschaffen, das ihnen eine Orientierung, eine Relation, eine Position verleihen könnte, ein Gegenüber, durch das sie schreibend zu einem Selbstbewusstsein gelangen. Isoliert durch die Gefangenschaft müssen sie sich eine Welt erst erobern, in der sie, auch nur in der Vorstellung, wieder frei atmen können, für einen Moment, und dieser Moment soll im Ausdruck ihres Schmerzes, ihrer Sehnsucht, ihrer Hoffnung entstehen und sich verwirklichen. Bei Atwood klingt eine ähnliche Szene wie folgt:
Was ich erzähle, ist auch eine Geschichte, in meinem Kopf, während ich weitermache. Erzähle, nicht schreibe, denn ich habe nichts, womit ich schreiben könnte, und Schreiben ist ohnehin verboten. Aber wenn es eine Geschichte ist, und sei sie auch nur in meinem Kopf, muss ich sie jemandem erzählen. Man erzählt eine Geschichte nicht nur sich selbst. Es gibt immer irgendeinen anderen Menschen. Auch wenn niemand da ist. Eine Geschichte ist wie ein Brief. Liebes, Du, werde ich sagen. Einfach nur Du, ohne Namen. Einen Namen mit Dir zu verbinden verbindet Dich mit der Welt der Tatsachen, die riskanter, gefährlicher ist: Wer weiß, wie da draußen die Überlebenschancen sind für dich. Ich werde sagen: Du, Du, Du wie in einem alten Liebeslied. Du kann mehr als nur einen Menschen meinen.
Margaret Atwood aus: „Der Report der Magd“
Beide Literaturen leben von einem basalen Ausdruck, einer aufgezeichneten Rede, die keine Poesie verträgt noch zu erreichen vermag, allein schon aus der isolierten Drangsal heraus, in der sich beide Ich-Erzählerinnen befinden. Die Kargheit bedingt hier der Erzählstoff selbst, der düster ist, nur im Erzählen ein Leuchtfeuer der Hoffnung entfacht. Beide, auf ihre Weise, suchen nach Freiheit.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Harpmans Ich, die ich Männer nicht kannte spielt mit allegorischen Konnotationen einer Hegelschen Phänomenologie des Geistes. Die Ich-Erzählerin entdeckt nach und nach ihre geistigen Fähigkeiten und kämpft gegen die Grenzen und Barrikaden an, die die Umwelt und Mitwelt ihr auferlegen. Ihr Widerstand zeigt sich im Phantasieren, Fabulieren, dann im Zählen und Messen, dann im Erforschen und Aufzeichnen und Weitergeben. Was ihr aber fehlt, was ihr nach den ersten libidinösen Erlebnissen abhanden kommt, ist das fremde und anziehende, potentiell sich nähernde, intime Gegenüber. Ihr Geist trocknet aus, verknöchert. Sie verliert den Mut, denn es fehlen die Impulse:
Manchmal blickte ich bei klarem Himmel hinauf zu den Sternen und sagte mit meiner krächzenden Stimme: »Herr, wenn du irgendwo da oben bist und nicht zu viel zu tun hast, dann sprich doch bitte mit mir. Du würdest mir eine große Freude machen, ich bin nämlich sehr einsam.« Aber es ist nie etwas geschehen. Diese Menschheit, von der ich nicht weiß, ob ich wirklich dazugehöre, muss eine blühende Fantasie gehabt haben!
Das Drama, das Harpman in einer Art Science-Fiction-Setting ausbuchstabiert, lässt sich als eine völlig über jedwede Binnendifferenzierung hinausreichende Bedürftigkeit der conditio humana nach einem dynamischen, selbständigen freien Gegenüber begreifen. Nur wurde der Ich-Erzählerin just diese Entwicklung verwehrt, weshalb ihre Einbildungskräfte verkümmern und sie die jugendlichen Phantasiegebilde, die sie vor dem Verknöchern bewahren könnten, nicht wiederfindet. Hätte sie die Poesie, die Ästhetik, das Lyrische entfalten dürfen, hätte sie selbst in Abgeschiedenheit träumen und hoffen und dynamisch-materialistisch der Welt Leben einhauchen können, wie Roberto in Umberto Ecos Die Insel des vorigen Tages:
Aber dann, sagte er sich, wenn es das große Meer der großen und einzigen Substanz ist, in das wir alle zurückkehren müssen, dort unten oder dort oben oder wo immer das sein mag, dann werde ich mich dort vollkommen mit der Signora vereinigen! Wir werden beide Teil und das Ganze desselben Makrokosmos sein. Ich werde sie sein, und sie wird ich sein. Ist dies nicht der tiefe Sinn des Mythos vom Hermaphroditen? Lilia und ich, ein Körper und ein Gedanke … […] Sie ist bereits Denken von meinem Denken. Vielleicht ist es dies, das Romaneschreiben: dass man durch die eigenen Figuren lebt, dass man dafür sorgt, dass sie in unserer Welt leben, und dass man sich selbst und die eigenen Geschöpfe dem Denken der Nachgeborenen übergibt, die kommen werden, wenn wir nicht mehr ich sagen können.
Umberto Eco aus: „Die Insel des vorigen Tages„
Roberto, einsam gestrandet, hilflos verlassen im weiten Meer vermag durch die erinnerte Liebe zurück zum Leben zu finden. Hierin erkennt Ecos Hauptfigur den Sinn, es weiter zu versuchen, sich weiter Mühe zu geben, just das, was der Ich-Erzählerin am Ende fehl. Ihr fehlt die innere Poesie, und sie weiß, dass sie ihr fehlt, und hierin besteht das existenzielle Drama von Harpmans Studie: Ihrer Hauptfigur wurde es verwehrt, diese Welt lieben zu können; wie in Atwoods Drama der Hauptfigur ausgetrieben wird, sie zu lieben.
Aber dann fingen [die anderen Frauen] auf einmal an zu weinen, und da konnte ich sie nicht mehr verstehen. Sie bedauerten mich, weil ich selbst nie die Liebe erfahren würde, aber das war für mich, wie wenn sie von Schokolade erzählten oder dem herrlichen Gefühl, ein heißes Bad zu nehmen: Ich glaubte ihnen, ohne mir wirklich vorstellen zu können, worum es eigentlich ging.
Ich, die ich Männer nicht kannte lässt sich auf vielen Ebenen produktiv lesen und verstehen. Sie geht über die meisten dystopischen Romane hinaus, indem sie ein allegorisches Szenario wählt, dass die conditio humana ganz unabhängig von sozialen Räumen selbst bewegt. Sie erforscht die Grenze zum maschinellen Sein, wenn die Fähigkeit zu lieben, oder wie Novalis es fassen würde, zu romantisieren vollends versagt bleibt. Im Zeitalter einer voranschreitenden Kybernetik hochbrisante Fragestellung, die in rasenden Datenströmen ganz eigene Formen von Isolation zu realisieren versteht.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.
Andere (mir bekannte) Rezensionen:
schiefgelesen
Zeichen&Zeiten
Lust auf Literatur
Bionoema
Die Kurzversion findet sich bald hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.



Das wäre ja wieder einmal etwas für mich!
Das klingt nach einem Buch für mich! Schreibe ich doch grade ähnliches… Danke für die Vorstellung!