Vorstufen einer Taxonomie des Romans (i): Literaturstoffe

Ich möchte eine Reihe beginnen, in der ich über die Kategorisierung, die Ordnungsschemata und Bezugsgrößen reflektiere, die sich bei der Besprechung und Beurteilung und In-Bezug-Setzung von Romanen ergeben haben.

Ich unterscheide hierfür in drei materiale Bereiche: Inhalt, Form und Komposition, die sich am Textganzen, anhand von Textbeispielen, festmachen, also dokumentieren lassen (im Unterschied zum Leseerlebnis).

Diese Bezugsgrößen sollen eine erhöhte Kommunikabilität der Romane herstellen, also ein In-Bezug-Setzen erleichtern, durch Vergleiche Eigenschaften hervorheben und hervortreten lassen, also eine Umgebung des Romans schaffen, in welchem er literaturhistorisch kommuniziert. Romane entstehen nicht im luftleeren Raum, und so möchte ich einen Versuch unternehmen, die jeweilige Umgebung der Romane zu entdecken und so einen multiperspektivischen Raum der Literatur zu entfalten, der das Leseerlebnis möglicherweise bereichert (so die Hoffnung).

Ich beginne heute mit dem Begriff Stoffe, aus dem Bereich Inhalt.

Inhalt (Literaturstoffe):

Die offensichtlichste Unterscheidung zwischen verschiedenen Romanen besteht im verhandelten Thema, also im Gegenstand des Romans. Klassischerweise wurde der Gegenstand in vier Genres unterteilt, also in: Tragödie (Johann Wolfgang Goethes Faust), Komödie (William Shakespeares‘ Ein Sommernachtstraum), Romanze (Joseph von Eichendorffs Aus dem Leben eines Taugenichts),und Satire (Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch). Diese Unterscheidung selbst erscheint mir jedoch zu grob und zu wenig spezifisch und erlaubt keine guten Vergleiche, zumal die Oberbegriffe völlig an Schärfe verloren haben. Im Folgenden versuche ich mich eher in der Unterscheidung zwischen Stoff und Plot, für die ich dann weitere Unterkategorien vorschlage.

Was verstehe ich unter „Literaturstoff“? Stoff zeigt an, aus welchem Erfahrungsbereich hauptsächlich berichtet wird, die Einfärbung und Umgebung eines Plots, die Gesamtatmosphäre, das generelle Setting, das Wortfeld – welche Welt beschrieben wird, die Szenerie, also das Medium der Ereignisfolge. Beispielsweise: Familie, Jugend und Öffentliches Miteinander. Der Stoff beschreibt also nicht die Kulisse, sondern das Medium der Handlung. Die Kulisse (Szenerie) wäre die geographische, folkloristische Umgebung, die Bühne (welches Land, welche Epoche, welches Milieu). Der Stoff beschreibt das Medium der Handlung. Die Kulisse kann aber zum Medium der Handlung werden, bspw. bei einem Bergsteigerroman. In diesem Falle wäre der Stoff Natur, mit Hinblick auf die Gebirgswelt, in dem Sinne, dass die Natur selbst zum Handlungsträger wird. Der Stoff dient als passives Medium, das durch den Plot Entdeckungsdrang, bspw. kosmische Selbstüberschreitung oder Selbstzerstörungstendenzen, dynamisiert wird.

Beispielsweise in Middlemarch von George Eliot handelt sich beim Stoff um das Familien- und Liebesleben in der ländlichen Idylle. Die Natur aber stellt keinen Handlungsträger dar, auch nicht die Tierwelt wie etwa das Leben und Arbeiten auf einem Bauernhof. Vielmehr reichert sich der Text durch die wechselwirkenden, dynastischen, karriereorientierten Bestrebungen der Individuen im sozialen Auf- und Abstieg durch Erbfolge an. Die Landschaft bleibt Kulisse, Szenerie, das England des 19. Jahrhunderts, ein Setting. Der Stoff bei Middlemarch heißt vielmehr Generationen und Öffentliches Miteinander, denn die Figuren werden im Widerstreit der sozialen Konkurrenz und Erwartungshorizonte beschrieben und dynamisiert.  

Literaturstoff bezeichnet also einen weit angelegten Themenbereich. Das Thema eines Buches umreißt die Handlung als Situierung. Ich unterscheide vorerst in folgende Stoffe:

  1. Kindheit
  2. Jugend
  3. Alter
  4. Körper-Geist-Bewusstsein
  5. Generationen (Familie)
  6. Liebe
  7. Freundschaft
  8. Öffentliches Miteinander (Diskurs)
  9. Brutalität
  10. Katastrophen
  11. Parallelwelt
  12. Natur

Anhand dieser Kategorien wird die generelle Richtung eines Romanes spezifiziert. Selbstredend gehen manche Romane in viele Richtungen, und nicht immer lässt sich klar auswerten, in welche stärker, in welche schwächer, weshalb Mehrfachnennungen möglich sind. Ich bin alle rezensierten Bücher auf Kommunikatives Lesen durchgegangen und habe die Kategorien erprobt, beim Durchgehen verändert, bin wieder durchgegangen und habe so versucht, ein lebendiges System von Kategorien zu erstellen, das die Romane alle umfasst.

Die Kategorien erscheinen auf der ersten Hand auch trivial. Sie entstehen durch eine einfache Überlegung, beginnend mit Mensch/Nichtmensch, also die Kategorie Natur, in der der Stoff von der nichtmenschlichen Welt geprägt wird: die Tiere, die Mineralien, das Meer, der Himmel, die Erde, also auch eine mögliche Welt ohne den Menschen, ein entleerter Kosmos.

Nach dieser Differenz bleibt der Mensch im Zentrum, von denen die gewichtigsten die Gefahren für die körperliche Unversehrtheit darstellen, also Gewalt, einwirkende, beängstigende Kräfte, die wiederum in intentionale (menschliche) und nicht intentionale (natürliche) Gewalt unterschieden werden kann, also Brutalität (Verbrechen, Krieg, Mord und Totschlag) und Katastrophen (Meteoriteneinsturz, Wechsel der Polarität des Magnetfeldes, Hurricanes, Protuberanzen etc…, Stürme, Fluten, Viren).

Spielt eine solche, alles beherrschende Bedrohung keine Rolle, also leben die Menschen sicher, lässt sich das zwischenmenschliche Leben unterscheiden in Person, die sozialen Konstellationen, also das Öffentliche Miteinander, zum privaten, verbindlichen, aufeinander als Individuen bezogenen Verhältnissen, die Freundschaft, bis hin zum intimen, erotischen Bereich der Liebe. Hier stellt die Verbindlichkeit das graduelle Kriterium dar: ein öffentliches Verhältnis kann professionell, entfremdet, distanziert, desinteressiert sein, ohne dass dieses Desinteresse problematisch werden könnte. Eine Freundschaft, die auf Ignoranz basiert, also Ignoranz in Bezug auf das Individuum selbst, auf sein Wohlergehen, lässt sich nicht denken, und die Freundschaft als noch intensivere Verbindlichkeit heißt dann Liebe, in der zwei Menschen ein neues System an aufeinander bezogener Verbindlichkeit erstellen.

Von hier gleitet die Differenzierung in den Privatbereich des Individuums ab, das zunächst mit einer gewissen Genealogie, also Herkunft konfrontiert ist, der jeweiligen Generationen, dann mit sich selbst als einzelnes Individuum, mit einem spezifischen Körper und einem ebenso spezifischen Geist, was in der Kategorie Körper-Geist-Bewusstsein thematisch wird.

Die Geschichte des Individuums bildet sich als letztes Dreigestirn aus, nämlich Kindheit, Jugend, und Alter. Das Erwachsenenalter stellt keine für sich bestehende Thematik dar. Kindheit und Jugend und Alter dagegen enthalten Übergangsprozesse (Bewusstwerdung für das Kind, Geschlechtsreife für die Jugend, Erschöpfung für das Alter).

Und all dies bereits genannte, kann nun in einer bekannten oder unbekannten, mystischen Welt spielen, und so kommt die letzte Stoffkategorie zustande: Parallelwelt, die Fantasybereiche, Außerirdische, intentionale Lebewesen, sprechende Drachen, unwirkliche Ereignisse voller Magie, aber durch Magie, also als Phantasie des Menschen noch in der Region des Menschlich-Phantastischen, umfasst.

Ob sich nun im Laufe der Analysen noch weitere Kategorien für Stoffe ergeben, lässt sich schwerlich abschätzen, aber die Zahl der kategorisierten Romane beläuft sich bereits auf über dreihundert, sodass eine gewisse statistische Signifikanz gegeben ist.

Ich werde wahrscheinlich dennoch nicht umhin gekommen, hier und da kleinere Veränderungen oder Differenzierungen vorzunehmen, wenn eine Kategorie allzu sehr ausufert. Am ehesten kommt hier die Kategorie Öffentliches Miteinander infrage, die bereits zu viele Einträge besitzt. Auf seine Weise aber hat sich die Funktion des Romanes von der Romanze, der Darstellung von erotischen Verhältnissen zum öffentlichen Diskurs verlagert, eine allgemein geteilte Einschätzung innerhalb der Literaturwissenschaft, sodass die Übergewichtung dieser Kategorie auch das Medium Roman selbst kennzeichnet.

Im Folgenden nun die verschiedenen Kategorien, nur etwas spezifischer vorgestellt mit den zugeordneten, bislang auf Kommunikatives Lesen besprochenen Titeln. Ich freue mich über Anmerkungen, Kritik, Anregungen, Korrekturen und Hinweise! Ich hoffe, dieser etwas trockene Post hat dennoch Freude und Spaß und Neugier aufs Lesen gemacht!

PS: Als nächstes werde ich Vorstufen einer Taxonomie des Romans (ii): Plot besprechen, und zudem für jede einzelne Kategorie jeweils eine eigene Seite erstellen, um Crossverweise besser organisieren zu können. Eine Excel-Liste mit Selektionen, um verwandte Titel durch Mausklick herauszufinden, ist ebenfalls im Arbeit.

Stoff-Kategorien:

1.) Kindheit: Die ersten Eindrücke, Kindheitserinnerung, das Dasein als angewiesenes Lebewesen, die impressionistischen Zufälle und naiven Bedeutungszuschreibungen, auch die Unterstellung von Magie, von Undurchschaubarem, die Wissenslosigkeit als Zusammenhangslosigkeit. Das Kind vermag die Umstände nicht miteinander in Verbindung zu bringen. Die Tatsachen bleiben isolierter, einfach als Reihe, Reihung, Serialität der Emotionen, ohne innere, stärkere Konsistenz, prägend vor allem das Ausgeliefert-Sein.
Paradigma: Marcel Proust: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Beispiele:

„Maman“ „Das dritte Licht“ „Das andere Mädchen“ „Junge mit schwarzem Hahn“ „Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht“ „Emil und die Detektive“ „Pünktchen und Anton“


2.) Jugend: Die Jugendjahre mit allen Konflikten in Bezug auf den Übergang ins voll zurechnungsfähige Erwachsenenalter. Die Schuljahre, die erste Liebe, der erste Sex, die ersten intensiven Freundschaften, Triumphe, Niederlagen, die Konflikte mit den Eltern, wer entscheidet darüber, wie wer wann und wo die Zeit verbringt. Hier wird aufbegehrt, protestiert, gesucht, Schule, Ausbildung, Universität, der langsame (erfolgreiche oder unerfolgreiche) Ausgang aus der unverschuldeten finanziellen und psychologischen Abhängigkeit.
Paradigma: Robert Musil: „Die Verirrungen des Zögling Törleß“; Robert Walser: „Jakob von Gunten“; Wolfgang Goethe: „Die Leiden des jungen Werther

Beispiele

„Echtzeitalter“ „Vatermal“ „Unterm Staub der Zeit“ „22 Bahnen“ „Unser Deutschlandmärchen“ „Heroin Chic“ „Nordstadt“ „Liebe ist gewaltig“ „Spitzweg“ „Herumtreiberinnen“ „Paradais“ „Lichtungen“ „Radio Sarajevo“ „Gittersee“, „Junge mit schwarzem Hahn“ „Blaue Frau“ “Die Fremde” “Später” “Hard Land” “Ministerium der Träume” „Die Glasglocke“ „Die neuen Leiden des jungen W.“ „Die Leiden des jungen Werther“  „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ “Das verlorene Paradies”  



3.) Alter: Reflexion des Altwerdens als körperlicher, psychischer Vorgang. Demenz, Schwäche, Inkontinenz, Angst vor dem Tod, Abschiednehmen, die Zeitlichkeit und Finalität selbst. Konfrontation mit der Endlichkeit, die fehlende körperliche Kraft, der fehlende Mut, die Müdigkeit, das langsame Verschwinden des eigenen sozialen Umfeldes, der Horizont ins Nichts, die Angst vor dem Vergessenwerden, der Tod selbst, der sich ankündigt – all dies reflektiert, erzählt, Leben, das sich Revue passieren lasst, das mit sich abrechnet, in der Stimmung oft breit und weit, die Erinnerung als Fläche, der Rückblick.
Paradigma: Hermann Broch: „Der Tod des Vergil“; Leo Nikolajewitsch Tolstois: „Der Tod des Iwan Iljitsch

Beispiele:

„Melody“ „Im Auge der Pflanzen“ “Stay away from Gretchen” … „Seit dem er sein Leben mit einem Tier teilt“, „Das späte Leben“, „Der heutige Tag“ “Unzertrennlich: Über den Tod und das Leben” “da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete” „Baumgartner“ „Der alte Mann und das Meer“ „Der Tod in Venedig“ „Der andere Name“


4.) Körper-Geist-Bewusstsein: Die Erfahrung des eigenen Körpers, die Lust, der Schmerz, die Angst um die Unversehrtheit, das Empfinden, das Flirren, das Erleben der Haut, der Hitze und Wärme, des Begehrens, der physischen Reaktionen, der Vorgänge, der Vivisektion im Inneren. Jedwede Form der Gesundheit und Krankheit, die sich körperlich manifestiert, als Körperregung. Hier gehen alle Beschreibungsvarianten des physischen, somatischen Erlebens ein, die Praktiken, die Wörter, das Leben als Körper mit und unter anderen Körpern zu empfinden, in Lust, Angst, Auflösung, Traum und Phantastik, aber auch die Vergeistigung, die Verarbeitung der Sinnlichkeit, das Vergegenwärtigen der Situation durch das Verständnis, die Erinnerung, die Konstruktion und Rekonstruktion eines wie auch immer gearteten Realen. Also Thema: der eigene Körper, der eigene Geist.
Paradigma: Anais Nin: „Das Venus der Delta“; Joshua Groß „Prana Extrem“; Miguel de Cervantes Saveedra: „Don Quijote

Beispiele:

„Empusion“ „Lügen über meine Mutter“ „Mama“ …  „Griechischstunden“ „Ich stelle mich schlafend“ „Zeiten der Langeweile“ „Kaspar“ “Monstrosa”, „Maniac“ „Prana Extrem“ „Heroin Chic“ „153 Formen des Nichtseins“ „Aufruhr der Meerestiere“ „Die göttlichen Kindchen“  „Das Ereignis“ „Blutbuch“ „Über die See“  „Ein Sommer in Niendorf“ „Unterm Teppich“ „Vernichten“ “Die Aufdrängung”„Red Pill“ „Blaue Frau“ „Nadja“ „Die Glasglocke“ „Schachnovelle“ „Der Tod in Venedig“ „Lolita“ „Bebuquin“ „Hunger“ „Der andere Name“ „Stiller“ „Giovannis Zimmer“ „Das Seidenraupenzimmer“  „Unendlicher Spaß“  „Aufzeichnungen eines Serienmörders“


5.) Generationen (Familie): Das Leben zwischen und mit den Generationen, die Vater-Mutter-Kind-Verhältnisse, im Haus, unter einem Dach, oder bereits auseinander gelebt, aber noch in Kommunikation, die nicht abbricht, oder sich noch sucht, das Verbindliche einer verwandtschaftlichen Beziehung exploriert, die Nähe, Möglichkeit, das Kennen, das Miteinander, das schwer aufgekündigt werden kann. Auf seine Weise wird hier ein Schicksal thematisch, in diese und keine andere familiäre Situation geboren worden oder geworfen zu sein.
Paradigma: Thomas Mann: „Buddenbrooks

Beispiele:

„Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten“ „Eine Arbeiterin“ „Eigentum“ „Birobidschan“ „Die Ballade des letzten Gastes“ „Maman“ „Wovon wir leben“ „Das dritte Licht“ „Die Möglichkeit von Glück“ „Das andere Mädchen“ „Lügen über meine Mutter“  „Ein rostiger Klang von Freiheit“  „Was ich nie gesagt habe“ „Der Silberfuchs meiner Mutter“ „Serge“ „Mama“ „Das Versprechen“ “Crossroads” “Die Enkelin” “Stay away from Gretchen” “Hast du uns endlich gefunden” “Die Fremde” “Eurotrash” “Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid” „Middlemarch“ „Dass die Erde einen Buckel werfe“ „Unser Deutschlandmärchen“ „Der Markisenmann“ „Dschinns“ „Menschenkind“ „Blutbuch“ „Violeta“ „Tunnel“


6.) Liebe: Jede Form der Romantik, des erotischen Interesses an einem Mitmenschen, die Nähe, Intimität, das Flirten, Ersuchen, Umwerben, Liebesbriefe, das Drama, jemandem näherkommen zu wollen, die Tragödie, dass jemand wegrückt, kein Interesse zeigt, das Heiraten, die Probleme in der Beziehung, das Kinder-Bekommen, das Unglücklich-Sein, Sich-Nicht-Gesehen-Fühlen, die Eifersucht, das langsame Aufeinander-zu-Bewegen, auch die Angst vor Nähe, Zärtlichkeit, die Flucht, die Immunisierung, der Skandal und Perversion der Intimität, vor allem die Form der eingegangenen, definitiven, zumindest einseitigen Verbindlichkeit.
Paradigma: Stendhal „Rot und Schwarz“; Ingeborg Bachmann: „Malina“; oder Leo Nikolajewitsch Tolstois „Anna Karenina

Beispiele:

 „Griechischstunden“ „Ich stelle mich schlafend“ „Wir sehen uns im August“ „Seit dem er sein Leben mit einem Tier teilt“  „Flammengeküsst“ „Die Stadt und ihre geheimnisvolle Mauer“ „Das späte Leben“ „Muna“ „Zu zweit“ „Der Pole“ „Blue Skies“ „Melody“ „Das Liebespaar des Jahrhunderts“ „Der junge Mann“ „Liebe ist gewaltig“ „Nachmittage“ „Die Nacht unterm Schnee“ „Blaues Blut“ „Vernichten“ “Kairos” “Der Brand” “Es ist immer so schön mit dir” “Unzertrennlich: Über den Tod und das Leben” “Das Land der Anderen”   “Mädchen, Frau etc.” “Daheim” “Monschau”  “Erste Person Singular” „Nadja“ „Hundert Jahre Einsamkeit“ „Aus dem Leben eines Taugenichts“ „Mistral“ „Der Tunnel“ „Der Kreis des Weberknechts“  „Brief an D.“  „Das Ungeheuer“ „Allerseelen“ “Schicksal”  „Die folgende Geschichte“ „Rot und Schwarz“ “Vom Aufstehen” „Der Totschläger“ „Ansichten eines Clowns“


7.) Freundschaft:  Thema des Akzeptierens, Kennenlernens, nicht intime Begegnungen, die dennoch Spuren hinterlassen. Keine körperlich-intensiven Erlebnisse zwischen Figuren, mehr die Gespräche, das gemeinsame Aufwachsen, das gegenseitige Respektieren, das Auseinanderleben, über Aktivitäten verbunden sein, Freundeskreise, entfernte Verwandte, gemeinsame Reisen, Zufallsbegegnungen mit Figuren, die eine Vergangenheit, einen Charakter erhalten, auf der Arbeit, im Verein, im Studium. Alle Zwischenstufen des privaten zwischenmenschlichen verbindlichen Begegnens ohne erotische und familiäre Liebe.
Paradigma: Henri-Alban Fournier: „Der große Meaulnes“; Mark Twain: „Tom Sawyer

Beispiele:

„Zonen der Zeit“ „Lichtungen“ „Drifter“ „Wir hätten uns alles gesagt“ „Diese ganzen belanglosen Dinge“ “Der erste letzte Tag” „Der große Meaulnes“ „Dirac“ „Kruso“ „Rituale“ “Klara und die Sonne”   „Nebenan“  „Yoga“ „Das Traumbuch“    „Der Untergeher“ „Ein von Schatten begrenzter Raum“ „Wovon wir leben“ “Echos Kammern”  „Am Gletscher“ „Die Inkommensurablen“


8.) Öffentliches Miteinander (Diskurs): unverbindliche Begegnungen, eher anonyme Erwägungen, entfernte Bekanntschaften, die eher über öffentliche Kriterien zustande gekommen sind, äußere Nöte, Zufallsereignisse, Arbeitsgespräche, unverbindliche Gespräche, Kommunikationen. Hier gehen die Gesprächsthemen des Kollektivs ein, das allgemeine Zeitgespräch, die jeweiligen herrschenden Stimmungen, eine Art erweiterter Stimmenchor, der ein Zeitporträt schafft, eine Zeit einfängt, deren Vorurteile, Politik, deren soziale Konflikte, ohne das private, intime in den Vordergrund zu stellen. Die Figur als öffentliche Person, als Person mit einem gewissen Status, einer gewissen Zugehörigkeit.
Paradigma: George Eliot: „Middlemarch“; Werner Bräunig: „Rummelplatz“; Peter Weiss: „Die Ästhetik des Widerstandes“; James Joyce: „Ulysses„; Virginia Woolf: „Die Wellen

Beispiele:

„Minihorror“ „Trophäe“ „Zeiten der Langeweile“ „Was ihr nicht seht“ „Krass“ „Sinkende Sterne“ „Die Krume Brot“ „Der belgische Konsul“ „Pompeji oder Die fünf Reden des Jowna“ „Noch wach?“ „Mindset“ „Liebes Arschloch“ „Die Woche“ „Eine runde Sache“ „Zukunftsmusik“ “Die Rache ist mein” „Zandschower Klinken“ „Der Beamte sagte: Erzählung“ “Über Menschen” “Ministerium der Träume” „Kochen im falschen Jahrhundert“ „Mein Lieblingstier heißt Winter“ „Angabe der Person“ „RCE“ „Der Schlaf in den Uhren“ “Der falsche Gruß“ „Irre“   “Die Kandidatin” „Stoner“ „Der menschliche Makel“ „Die Ladenhüterin“ „Zur See“ „Der Tangospieler“ „Warten auf die Barbaren“ „Zwischen Welten“ „Die Erweiterung“ „Das glückliche Geheimnis“  “Ciao” „Fabian“ „Rummelplatz“ “Guldenberg” “  „Annette, ein Heldinnenepos“ „Lektionen in dunkler Materie“ „Trottel“  „Die Insel des vorigen Tages“ „Der Untertan“ „Der Fuchs war schon damals der Jäger“ “Es war einmal in Hollywood”   “Liebe in Zeiten des Hasses”  „Das Café ohne Namen“ „Professor Unrat“ “Dunkelblum” „Der Tod des Empedokles“ „Tauben im Gras“ „Middlemarch“  „Der Ölprinz“ „Antigone“ „Lord Jim“ „Herz der Finsternis“ „Empusion“ „Lichtspiel“ „Der Mann, der Donnerstag war“


9.) Katastrophe (nicht intendierte Gewalt): Zerstörungen, verheerende Ereignisse wie Fluten, Überschwemmung, Erdbeben, aber auch Giftgaswolken, Unfälle, Zugentgleisungen, Kraftwerkexplosionen, Bodenwasservergiftungen, Seuchen und Pestilenzen, alles Unkontrollierbare und Überindividuelle, Dürren, Missernten, Plagen, ein elektrischer Fallout, Meteoriteneinschläge, Klimakatastrophen, Unfälle, neuartige Krankheiten, alles, was die körperliche Integrität unintendiert (also nicht durch einen anderen Menschen) in Mitleidenschaft zieht.  
Paradigma: Esther Kinsky: „Rombo“; Valerie Fritsch: „Winters Garten

Beispiele:

„Pompeji oder Die fünf Reden des Jowna“ „Rombo“ „Die Nächte der Pest“ “Der Zorn des Oktopus” “Die Anomalie” “Der neunte Arm des Oktopus” „Die andere Seite“ “Winters Garten” „Die Kinder der Toten“ „Eine runde Sache“


10.) Brutalität: Jede Form physischer, gewalttätiger und militärischer Konflikte, also alle anderen Formen von zwischenmenschlicher Brutalität und Gewaltausübung, Übergriffe, Verletzungen, Rohheiten, in der die Integrität des Körpers nicht nur bedroht, sondern auch verletzt, in Mitleidenschaft gezogen wird.
Paradigma: Homer: „Illias“; Ernst Jünger: „In Stahlgewittern“; Erich Maria Remarque: „Im Westen nichts Neues“; Bret Easton Ellis: „American Psycho“; William Shakespeare: „Hamlet

Beispiele:

„Trophäe“ „Radio Sarajevo“ „Flammengeküsst“ „Lichtspiel“ „Um mich herum Geschichten“ „Die göttlichen Kindchen“ „Die Nacht unterm Schnee“ „Die Nächte der Pest“ “Die Verlorenen” “Mädchen, Frau etc.”  “Der Heimweg” „Lord Jim“ „Herz der Finsternis“ „Die Bestie im Menschen“ „Die Brücke über die Drina“ „Menschenkind“ „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ „American Psycho“ „Der Thron der sieben Königreiche“ „Das Erbe von Winterfell“ „Paradais“ “Das Land der Anderen”  „Die Herren von Winterfell“ „Die Kinder der Toten“


11.) Natur (Idyll-Bucolica): Wo die Landschaft, die Tiere, die Materie ein selbständiges Handlungsgefüge erhalten, aus der Rolle der Kulisse steigen, der Berg, der bestiegen werden soll, das Tier, das gejagt wird, die Kälte, die besiegt werden muss, das Meer, auf dem Durst herrscht, die Wüste mit der sengenden Sonne, die Konfrontation mit den Elementen, Feuer, Wasser, Luft und Erde, Tiere, die Pflanzen, die Unzurechenbarkeiten, die aus dem Nichts unwillkürlich entstehen. Die Natur als Gegenüber, als kommunikativer Partner, Gegner, als eigene, zu verhandelnde Größe.
Paradigma: Herman Melville: „Moby Dick“; James Graham Bell: „Kristallwelt

Beispiele:

Nachtarbeit, „Trophäe“, „Empusion“  „Rombo“ „Mama“ „Der alte Mann und das Meer“ „Der Mensch erscheint im Holozän“ „Das Erbe“ „Schattenfuchs“ „Dass die Erde einen Buckel werfe“ „Die Kinder der Toten“


12.) Parallelwelt: Jede Form von Phantastik, die also den gegebenen Rahmen überbietet, eine neue Existenzform einführt wie Zeitreisen, wie Traumwelten, wie ein ganz eigener Kosmos, wie Außerirdische, Monster, Fabelwesen, hochgradig unwahrscheinliche Szenarien, Unplausibilitäten. Hier wird das Erwartbare transformiert hin zu etwas Unerwartetem, aber gänzlich ohne Anlass zum Möglichen.
Paradigma: Alfred Kubin: „Die andere Seite“; Franz Kafka: „Die Verwandlung“; Mary Shelley „Frankenstein“; Dante Aligheri: „Die göttliche Komödie“; Stanislaw Lem: „Solaris“; Johann Wolfgang Goethe: „Faust

Beispiele:

„Kaspar“, „Die Stadt und ihre geheimnisvolle Mauer“, „Ist hier das Jenseits, fragt Schwein“ „Eine runde Sache“ “Die Anomalie” “Später” „Die andere Seite“ „Die Prinzessin von Babylon“ „Bebuquin“ „Im Farindelwald“  „Der Thron der sieben Königreiche“ „Das Erbe von Winterfell“ „Die Herren von Winterfell“ „Atlas Shrugged“  „Der Mann, der Donnerstag war“ „Die Kinder der Toten“ „Birobidschan“


6 Antworten auf „Vorstufen einer Taxonomie des Romans (i): Literaturstoffe“

  1. Eine sehr analytische und strukturierte Herangehensweise an Literatur. Das war lange meine Welt. Und ja, diese Form des Lesens und Interpretierens öffnet den Blick für Verborgenes, für vielleicht nur Gedachtes, vielleicht nicht mal das, sondern nur zu Verbindendes. Damit werden neue Schlüsse und Ebenen geöffnet, neue Welten kreiert. EIn doppelter Sinn wird unterlegt.

    Ich bin irgendwann müde geworden. Und es tat mir für mich und meine Lesefreude und das Eintauchen leid. Das Intuitive, das bei meiner viel zu überbordenden Ratio immer etwas kämpfen muss.

    Literatur ist für mich persönlich geworden. Ein Erlebnis. Ich geniesse das. Wer weiss, vielleicht ändert es wieder. Beeindruckend und gewinnbringend finde ich deinen Weg noch immer. Danke für den Einblick!

    1. Ich sehe das sehr ähnlich. Ich merke nur, hinsichtlich der Menge, die ich lese, du liest ja vielleicht sogar noch mehr, dass ich den Überblick völlig für das Einzigartige verliere, und so hilft mehr der Vogelblick, um auf und wieder abzutauchen, ein bisschen in der Intuition zu schwimmen, mich zurückzubinden, mich Neuem zu öffnen. Ich kann ansonsten mein Gedächtnis vergessen – ich erinnere mich schlicht nicht mehr an die Bücher, was schade ist. Vieles von meinen Bemühen zielt auf das Nichtvergessen. Danke fürs Kommentieren. Ich denke, wie so oft, ist ein nicht so striktes Nebeneinander von Intution und Struktur am lebendigsten, aber wie das Nebeneinander aussieht, ob es ein Aufeinander, Übereinander, Durcheinander ist, weiß man nicht. Ich glaube, ich benötige auch ein bisschen Durcheinander! Viele Grüße aus dem sonnigen Berlin!

  2. Danke für die Grundlagenarbeit! Du sagst ja selbst, dass das Leserlebnis dazukommen kann. Frage: ist das eine vom anderen zu trennen, ja sind die Kategorien nicht oft auch ineinandergehaeuft? Jedenfass gibt Deine Arbeit einem jeden ZU DENKEN 🙂

    1. „Stoffe“ ist nur die Vorstufe der Taxonomisierung. Die wirkliche Arbeit beschäftigt mich gerade, nämlich die Dynamisierung des Stoffes durch den Plot. Ich habe mich momentan auf 15 Kategorien geeinigt, die ich dann noch im einzelnen beschreibe. Jedenfalls habe ich die 300 gelesenen Titel der letzten Jahre zuordnen können und sogar einen Erkenntnisgewinn hier und da gehabt – Stereotypen sind nicht dabei, eher klandestine poetologische Versicherungspraktiken. Zusammen mit den Stoffen soll der Plot dann eine gute Übersicht geben, welche Bücher inhaltlich miteinander korrespondieren und kommunizieren. Der nächste Akt dann: Kategorien der Stimmbildung/Erzählhaltung … brrrhh. Aber es macht Spaß! Danke fürs Lesen und Kommentieren!!

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