Cemile Sahin: „Kommando Ajax“

Kommando Ajax von Cemile Sahin
KOMMANDO AJAX von Cemile Sahin. Shortlist Leipziger Buchmessepreis 2025.

Kommando Ajax von Cemile Sahin handelt von den prekären Lebensbedingungen einer kurdischen Familie in Rotterdam. Der Text bearbeitet mit Familie einen Stoffbereich, der in der Literaturwelt in den letzten Jahren viel Beachtung gefunden hat. Sei es Radio Sarajevo von Tijan Sila (Bachmann-Preisträger 2024), Dinçer Güçyeters Unser Deutschlandmärchen (Leipziger Buchmessepreis 2023), Emine Sevgi Özdamars Ein von Schatten begrenzter Raum (Georg Büchner-Preisträger 2022) oder Necati Öziris Vatermal (Shortlist Deutscher Buchpreis 2023). In all diesen Büchern steht der Problemkreis Migration im Vordergrund, bei Sahin nun explizit, zudem, im kriminellen Milieu und schließt bei Die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht an, wie weiter unten ausgeführt wird, dynamisiert von einem Plot über Gewalt, Verbrechen und Krieg:

Aber der Geschäftsmann ist nicht irgendein Mann, den Ali Ekber leichtsinnig austricksen kann. Celal musste ins Gefängnis, und der Geschäftsmann schickt einen Scharfschützen nach Rotterdam. In einem anderen Land hat Ali Ekber eine Tat ins Rollen gebracht, die seiner Familie Schaden zufügt. Der tragischste Charakter dieser Geschichte ist Keko. Der musste für die Spielsucht seines Bruders mit dem Leben bezahlen. Die nächste Strafe traf Xidir. Er musste für die Spielsucht seines Bruders mit der Freiheit bezahlen.
Cemile Sahin aus: „KOMMANDO AJAX“

„Cemile Sahin: „Kommando Ajax““ weiterlesen

Christian Kracht: „Air“

Dass eine Parallelwelt in einer erzählten Welt auftaucht, gehört zu den üblichen Weisen in der Literatur, Allegorien zu schaffen oder symbolische Vermittlungsversuche zu bewerkstelligen. Mark Twains Ein Yankee aus Conneticut an König Artus‘ Hof verarbeitet bspw. die Konfrontation von der Moderne mit dem Mittelalter, wenn er einen US-amerikanischen Vorarbeiter und Ingenieur einer Waffenfabrik in Hartford, Conneticut, die gesellschaftlichen Vorstellungen aus dem 19. Jahrhundert dem 6. Jahrhundert überstülpt. Ein anderes Beispiel wäre Astrid Lindgrens Die Brüder Löwenherz, in der die Konfrontation mit der Sterblichkeit durch den Tod in einer Parallelwelt vollzogen wird. Christian Krachts neuer Roman Air betreibt ein ähnliches Zwei-Welten-Unterfangen und bezieht sich explizit auf Lindgrens Roman:

Dort war schon das steinerne, weiß getünchte Haus mit dem Grasdach, die alte rote Telefonzelle daneben, die zur Gratisbuchhandlung umfunktioniert worden war – man nahm sich ein Buch, und wenn man Zeit hatte, stellte man ein anderes wieder hinein. Es war meistens nur Schund, dennoch hatte [Paul] neulich Die Brüder Löwenherz von Astrid Lindgren gefunden, eine schöne englische Erstausgabe, und sie mitgenommen, aber kein neues wieder nachgefüllt, und er fühlte deshalb eine unbestimmte Schuld.
Christian Kracht aus: „Air“

„Christian Kracht: „Air““ weiterlesen

Wolf Haas: „Wackelkontakt“

Wackelkontakt von Wolf Haas
Wackelkontakt von Wolf Haas. Shortlist Leipziger Buchmessepreis 2025.

Bei Wackelkontakt von Wolf Haas, auf der Shortlist des Leipziger Buchmessepreises 2025, handelt es sich nicht um einen gewöhnlichen Krimi, wie es von dem Brenner-Krimi-Autor Haas zu erwarten wäre. Wackelkontakt unternimmt ein erzählerisches Experiment und reiht sich in die experimentelleren Texte ein, die ohnehin gerne von der Jury des Leipziger Buchmessepreises beachtet werden, bspw. Barbi Marković mit Minihorror, das den Preis ein Jahr zuvor zugesprochen bekommen hat. Haas betreibt aber weniger eine medienkritische Montage- und Kollagentechnik, mit der Marković subversiv gegen Erzählkonventionen vorgeht, sondern eher eine Perspektivdämonologie à la Maurits Cornelis Escher, indem er über eine Figur schreibt, die einen Roman über sich selbst liest:

Das erste Kapitel, das Escher vor dem Einschlafen gelesen hatte, war eine erschütternde Aufzählung der Gewalttaten, zu denen der Kronzeuge aussagte. Seit dem zweiten Kapitel zitterte Escher um das Leben des jungen Häftlings. Er hieß Elio, doch seit er so schön sang, nannten die Zeitungen ihn Luciano. In vier Tagen sollte er aus seiner Hochsicherheitszelle entlassen werden und seinen alten Namen für immer ablegen.  [… Elio] konzentrierte sich wieder auf das Buch, das ihm helfen sollte, so lange wach zu bleiben […] Es handelte von einem Typen, der Escher hieß wie irgendein anderer Typ, der ebenfalls Escher hieß. Escher wartete schon den halben Tag auf den Elektriker.
Wolf Haas aus: „Wackelkontakt“

„Wolf Haas: „Wackelkontakt““ weiterlesen

Gustave Flaubert: „Salammbô“

Salammbô von Gustave Flaubert
Salammbô von Gustave Flaubert. Impulskontroll-Drama.

Nach seinem Skandalerfolg Madame Bovary (1856), der sogar zu einer Gerichtsverhandlung ob der freizügigen, unterstellt verherrlichten Darstellung des Ehebruchs führte, veröffentlichte Gustav Flaubert sechs Jahre später Salammbô, das ebenfalls beim Publikum ein Bestseller, von der Kritik u.a. Charles-Augustin Sainte-Beuve aber eher kühl aufgenommen wurde. Salammbô stellt sich in die Tradition der historischen Romane, in die fiktionalisierte Gestalten eingebaut werden, wie Sir Wilfred of Ivanhoe in Walter Scotts Ivanhoe (1819) oder der Mönch William von Baskerville in Umberto Ecos Der Name der Rose (1980). Flaubert dramatisiert in seinem zweiten Roman die Ereignisse des nach dem Ersten Punischen Krieg in Karthago entflammenden Söldneraufstandes um eine erfundene Hauptfigur, besagte Salammbô:

In hundert Sprachen machten sich ihre wilden Lüste Luft. Immer wilder wurde der Lärm. In der Dunkelheit brüllten die verwundeten Löwen. Plötzlich leuchtete der Palast auf seiner höchsten Terrasse auf. Die mittlere Tür öffnete sich, und auf ihrer Schwelle erschien in schwarzen Gewändern Hamilkars Tochter. Sie stieg die erste Treppe hinab, die schräg am ersten Stockwerk entlangführte, dann die zweite, die dritte und blieb auf der letzten Terrasse, oben an der Treppe mit den Galeeren stehen. […] Sie ließ einen langen, entsetzten Blick über sie gleiten, dann zog sie den Kopf zwischen die Schultern, breitete die Arme aus und wiederholte mehrere Male: »Was habt ihr getan! Was habt ihr getan! Und doch hattet ihr alles, was euch ergötzen konnte, Brot, Fleisch, Öl und alles Malobathrum, das die Speicher bargen.«
Gustave Flaubert aus: „Salammbô“

„Gustave Flaubert: „Salammbô““ weiterlesen