
Die sogenannte hardboiled-Erzählstimme, die Raymond Chandler in Der große Schlaf (1939) oder Dashiell Hammett in Der Malteser Falke (1929) in die Literaturgeschichte eingeführt haben, entlastet die literarische Bearbeitung einer überkomplexen chaotischen Welt von jedweder Sinngebungserwartung und moralischer Wertung. Thomas Pynchon praktiziert eine solche in Schattennummer (2025) und auch in seinem Erstling V. (1963). Rachel Kushners See der Schöpfung, nominiert für den Booker-Preis und Gewinner des zum ersten Mal in diesem Jahr ausgelobten Spiegel Buchpreises, stellt nun neben Philipp Marlowe und Samuel Spade eine weitere markante Erzählfigur, Sadie Smith:
Ich stand um vier Uhr morgens am Fenster und sagte mir: Auch du hast einen Kern aus kostbarem Salz. Der menschliche Salzkern, wie dieses Salz von Cardona, kommt aus dem tiefsten Teil von uns. Menschliches Salz, wie dieses Salz, ist unvergänglich. Baut es ab, benutzt es, und es wird sich nicht erschöpfen.
In meinem ureigenen Salz, meinem Kern, wusste ich dies:
Das Leben dauert eine Zeit lang an. Dann endet es.
Es gibt keine Gerechtigkeit.
Schlechte Menschen werden geehrt, gute bestraft.
Auch das Gegenteil stimmt.
Rachel Kushner aus: „See der Schöpfung“
Inhalt/Plot:
Sadie Smith, 34 Jahre alt, arbeitet, nachdem sie aus dem staatlichen Dienst einer Geheimorganisation der US-Administration entlassen worden ist, im privaten Sektor als Anstifterin oder Eskalateurin, die vom Auftraggeber ungeliebte und unangenehme Unternehmungen unterwandert und von innen heraus Taten provoziert, für die diese dann haftbar gemacht werden können. Ihre Aufgabe besteht also in einem kontrollierten Kontrollverlust, auf den hin diese oder jene Unternehmung, meistens politische, linksradikale, also antistaatliche Gruppierungen, unschädlich gemacht werden können. Vor dem in See der Schöpfung beschriebenen Auftrag, in welchem sich die Kommune Le Moulin im Südwesten Frankreichs, in der Guyenne, im Visier Sadies befindet, hat sie eine Tierrechtsorganisation, eine Bikergang oder Anti-Monsanto-Gruppe unterwandert. Der Auftrag gegen die Tierrechtsorganisation, der letzte als offizielle Geheimagentin, lief aber schief:
Der Junge war für die Verbrechen, deren er angeklagt war, nicht prädisponiert, das meinten jedenfalls die Geschworenen. Mit anderen Worten: Er war unschuldig gewesen, bis ich des Weges kam. […] Ich verlor meinen Job. Ich hatte die Feds zwei Verurteilungen gekostet. Die Dienststelle, die mich angeheuert hatte, drückte quasi auf einen Schalter: Ihre getönten Scheiben gingen hoch, und das war’s.
Sadie besitzt Selbstbewusstsein, spricht abgeklärt und kontrolliert und zeigt kaum Gewissensbisse. Sie setzt zielsicher ihr Aussehen und ihre Klugheit ein. Wie sie aber zu ihrem Beruf gekommen ist, erzählt sie genauso wenig wie irgendetwas über ihre Familie oder über Freunde und Bekannte. Sie besitzt keinen persönlichen Hintergrund, und auch den Namen, Sadie Smith, führt sie nur vorübergehend. Einige der wenigen Informationen, die sie über sich gibt, zeigt sie als unzufriedene Collegestudentin, die sich von ihren Kommilitoninnen distanziert und mit deren rhetorisch-beflissenem Eifer sie nichts zu tun haben möchte:
In meinem Leben vor diesem, als Studentin, gab es Alleswisserinnen in meinem Fach, die beide Hände hoben und Zeige- und Mittelfinger krümmten, um ein Wort oder eine Wendung als ironisch oder kritisch gemeint zu kennzeichnen. Das waren pseudo-toughe Mädchen, in Wahrheit überhaupt nicht tough, deren Modepräferenzen zu klobigen Schuhen und einer Lederjacke aus dem Kaufhaus tendierten. Sie promovierten an der Universität von Berkeley in Rhetorik, so wie auch ich es vorgehabt hatte, bevor ich den Plan fallen ließ […]
In Frankreich hat sie nun den Fall übernommen, die sogenannten Moulinarden auszuheben, ihren Konflikt mit einem Unterminister der Abteilung Ländliche Geschlossenheit zu nutzen, um im Sinne ihrer unbekannt bleibenden Auftraggeber beide loszuwerden, Unterminister wie Aktivisten. Beide Parteien zanken sich um die Nutzung oder Nichtnutzung des Grundwassers der Region für die industrielle Entwicklung. Beide aber stellen ein Hindernis für ihre Auftraggeber dar. Nachdem sie einige Monate den Unterminister verfolgt hat, schleust sie sich bei den Kommunarden ein, um bei einer bevorstehenden Landwirtschaftsmesse dafür zu sorgen, dass der Konflikt eskaliert und, wenn möglich, Opfer gezeitigt werden.
Ich hatte schon Plakate für diese Messe gesehen. Zum Beispiel am Straßenrand, wenn ich vom Haus zur Kommune fuhr. Und vor Leader Price in Boulière, wo ich jede Woche einkaufte. Naïs war gerade dabei, eins in der Bar in Vantôme aufzuhängen, als ich hereinkam, allein, ohne anderen Grund, als noch mal einen Blick auf sie zu werfen. Ich hatte einen Kaffee bestellt und den alten Männern zugehört, die über die Messe redeten [… Sie] sollte in ein paar Wochen stattfinden, Mitte September, und zwar am See, meinem und Renés See, wo der Angler mit seinen Karpfenruten saß, einem See, der womöglich selbst dem [geplanten] Megabassin zum Opfer fallen würde.
Sadie versteht ihr Handwerk, liest E-Mails an die Kommunarden von einem ihrer Mentoren, Bruno Lacombe, dessen Tochter Naïs als Kellnerin in einem von den Kommunarden gegründeten Café arbeitet, und beginnt eine Affäre mit René, einem der Kommunarden, um sich den Anstrich der Unbescholtenheit und Naivität zu geben. Der Roman See der Schöpfung schaukelt sich auf diese Weise, zwischen den E-Mails Lacombes über die Menschheitsgeschichte, und den Beschreibungen von Sadies Wirken als Übersetzerin in der Kommune langsam und gemächlich dem Höhepunkt zu.
Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stoffbereich: Öffentliches Miteinander mt Plot: Soziale Renitenz
Stil/Sprache/Form:
Außergewöhnlich an See der Schöpfung von Kushner erscheint sofort die Erzählstimme, die fokussiert, perspektiviert vor Selbstsicherheit strotzt, als Ich-Erzählerin wirkt und keinen Zweifel an ihrer Sicht der Dinge aufkommen lässt. Sie hält ihren Bericht streng und geschlossen zusammen, rahmt die Ereignisse, bewertet und beurteilt sie, soweit sie sich zu Urteilen und Bewertungen bemüßigt fühlt, bleibt aber im Grunde ihres Herzens lediglich Beobachterin in einem ungeordneten, unvermögenden, unheilschwangeren Ganzem und ist sich der Vorläufigkeit ihrer Einschätzungen nur durchaus bewusst:
Sollte ich einmal Zeugin werden, wie eine Armee aus Frauen in Hauskleidern einen Marktplatz besetzt oder mit Nudelhölzern Schaufenster einschlägt, werde ich wissen, dass ich unrecht hatte, und es wird mich amüsieren, dass ich unrecht hatte, aber solche Szenen muss ich erst noch zu sehen bekommen. Was nicht heißt, dass ich mit wütenden Frauen, die Schaufenster einschlagen, sympathisiere. Ich mache das, wozu man mich angeheuert hat. Und doch, wer weiß, vielleicht könnte auch ich mit dem Nudelholz ein Schaufenster einschlagen, wenn ich eine Hausfrau wäre und den Auftrag hätte, solche Küchengeräte zu benutzen. Aber ich bin keine Hausfrau und auch keine orthodoxe Subalterne mit industriell gefertigter Feinstrumpfhose und Gemeinschaftsperücke. Und wenn ich je irgendetwas zertrümmern sollte, würde ich einen Vorschlaghammer benutzen, der einem mit seinem Gewicht die ganze Arbeit abnimmt.
Diese Stärke des Romans, die außergewöhnlich selbstsichere, in sich ruhende, nach außen blickende Sadie bildet den Mittelpunkt, um den herum sich ein etwas unergiebiger Plot entspinnt. Da die Ich-Erzählerin die Ereignisse aber rahmt, sie mit Witz, Trockenheit kommentiert, als ruhendes Zentrum wirkt, und die Reflexionen des pensionierten Aktivisten Lacombe anthropologische Details einstreut, um das Gefüge zu lockern, erscheint der Roman geschlossener, als es der Plot im Rückblick eigentlich erlauben sollte. Sprachlich wirkt Kushner in See der Schöpfung eher konventionell, fast schriftschulenmeisterlich-professionell, was dem Duktus einen gleitenden, störungsfreien Aspekt verleiht, aber auch keine poetische Intensität erlaubt, zumal teilweise sehr verunglückte Metaphern das Textganze verunsichern:
[…] Meine Schritte auf den breiten, unebenen Holzbohlen knarzten laut, als weckte mein Gewicht den Boden aus einem langen Winterschlaf. […]
[…] Die Sonne war untergegangen, und durch die Fenster beim Bett sah ich ein paar Sterne, die hinter dem Schleier der Abenddämmerung ihre Nachtwache antraten. […]
[…] Dieser Bordeaux aus dem Médoc war so weich wie ein Seidengewand aus der Brautgabe einer Jungfer. […]
[…] Ich und mein Kormoran und der Fels, wir waren wie in das Silikon eingefügte Figuren. Während der spätere Tag oft Wind brachte, der die Meeresoberfläche riffelte, war die Morgendämmerung immer gleich. Ein Neustart. Das Silikon glatt vergossen. […]
Diese Metaphern wirken zu aufgesetzt für eine skrupellose Ich-Erzählerin, die sich keinen Deut um ihre Mitmenschen kümmert, diese allein für ihr eigenes Amüsement verwendet und sich darin auch zu gefallen versteht, ganz ähnlich zu einem Sam Spade in Der Malteser Falke.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Die Einordnung von Kushners Roman in den hardboiled-Krimibereich liegt auf der Hand. Kushner erweitert ihr Buch See der Schöpfung jedoch um den dynamischen Aspekt der Menschheitsgeschichte, der Anthropologie, der Kulturreflexion durch die E-Mails, die Bruno Lacombe den Kommunarden, teilweise auch selbstinitiativ, schreibt. See der Schöpfung erscheint also der Form nach als Krimi, inhaltlich überwiegt bei weitem aber das reflektierende, sich seiner Begrenzung bewusst werdende Subjekt, hier die Ich-Erzählerin Sadie und der der Revolutionsgewalt müde werdende Bruno Lacombe. Sie beide stellen das handlungsgebende Zwillingspärchen des Romans dar, der im Ganzen betrachtet eine Läuterungsgeschichte erzählt:
Wenn die Astrologie auf Mythen beruhe, so werde ihm [Bruno], wie sehr es ihn auch schmerze, das zuzugeben, allmählich klar, dass er selbst sich an eine andere Reihe von Mythen geklammert habe. Um zu verstehen, wo wir falsch abgebogen seien, habe er sich mit Gattungen beschäftigt. Er habe geglaubt, das Leben sei «früher besser» gewesen, und beginne jetzt zu ahnen, dass dies eine Art umgekehrter Teleologie sei, eine Mystifizierung der Vergangenheit einschließlich der Ansicht, Fortschritt sei schlecht, ja Fortschritt selbst sei überhaupt kein Fortschritt. […] Im Zuge meiner Neubewertungen habe ich die Orientierung verloren, und ich werde eine neue finden müssen.
Sadie, wie auch Bruno, wissen genau, was ihnen fehlt, ein Vertrauen in die Dynamik, in die sich entfaltende, sich weiterentwickelnde Welt, die mehr als eine Faktensammlung, mehr als ein Haufen Atome in sich birgt. See der Schöpfung erhascht das Transzendente nur als Versprechen um jenen See herum, an dem sich alles abspielt: Sex, Mord, Betrug, Lüge und Ausbeutung, einem See, den Sadie und Bruno entfliehen, hin zu den Sternen und dem Sternenhimmel, den sie beide getrennt voneinader am Ende betrachten. Sie entfliehen dem See als Schöpfung hin zur reinen Betrachtersituation.
Hier, über das dunkle, stille Bett des spanischen Meers gebreitet, war der Himmel derselbe wie der Himmel in der Guyenne. Wenn ihr euch dem Firmament zuwendet, hatte Bruno geschrieben, taucht ihr in den Fluss der Zeit ein, des Jetzt und des Vorher und des noch Kommenden. Ihr werdet Teil eines Kontinuums, einer Allgegenwart. Ihr seht mit euren Augen und mit den Augen anderer. Unterschiede lösen sich auf. Aber ihr bleibt ihr.
Hier spricht das anti-heraklitische Subjekt, das, das denkt, es erhalte sich durch die Zeit hindurch; das, das denkt, nur weil der Fluss sich ändert, steige es niemals in denselben Fluss, deshalb sagt auch Bruno: „aber ihr bleibt ihr“ und Sadie folgt ihm. Die Kosmogonie des Heraklit, der auch der Dunkle genannt wird, umfasst aber mehr, nämlich alles, den gesamten Kosmos, Meer und Feuer, alles verwandelt sich, fließt und mischt sich, berstet und formt Gestalten und mit ihnen neue Welten:
Diese Weltordnung hier hat nicht der Götter noch der Menschen einer geschaffen, sondern sie war immer und ist und wird sein: immer-lebendes Feuer, aufflammend nach Maßen und verlöschend nach Maßen. Feuers Wende: zuerst Meer; des Meeres eine Hälfte Erde, die andere flammendes Wetter … Das Meer zerfließt und erfüllt sein Maß nach demselben Sinn, der auch galt, bevor es Erde wurde.
Heraklit aus: „Fragmente“
Das Vertrauen ins Dynamische wird von Bruno erahnt, und am Ende auch von Sadie, aber nur thetisch, begrifflich, nicht inhaltlich und poetisch. Sie wissen, dass die Welt nur approximativ den kartesischen Koordinaten genügt, klammern sich aber an die Coolness und Abgeklärtheit des Logos. Sie verstehen, dass die Orientierung in einer tieferen Spannung mit Welt und Umwelt, im Chorus des Kosmos geschieht, dennoch suchen sie es in eine unterkühlte Sprache zu bannen, statt in der zugelassenen Eingebung des Offenen zu gewahren.
Der Seelen Tod ist Wasser zu werden, Wassers Tod Erde zu werden; aus Erde aber gewinnt Wasser Leben und aus Wasser die Seele.
Heraklit aus: „Fragmente“
Rachel Kushner bringt mit See der Schöpfung viel ins Rollen. Sie verwebt ein allegorisches Spiel mit dem Real-Politischen und dem Symbolisch-Mächtigen, füttert Verdachtshermeneutik und taucht die Welt in eine Nacht, in der alle Katzen grau sind. Ihre Protagonistin besitzt ein Gespür für das Leere und das Maskenhafte, und diesem Gespür folgt sie, nur drückt sich davon nichts in der Erzählweise aus. Die Erzählstimme bleibt cool.
Wenn man ein gutes Gedächtnis hat und seinem konstruierten Ich nicht in die Quere kommt, ist es selbst unter Zwang nicht schwer, sich zu merken, wer man sein soll.
Das Ich als Person, als Maske wird in See der Schöpfung nicht durchbrochen. Das Phantastische, das Imaginäre, bleibt außen vor, steht am Sternenhimmel, der sie vor ihrer inneren transzendentalen Obdachlosigkeit schützen soll, aber nicht schützt. Sie exponieren sich nur. Dennoch immunisiert sich Sadie und geht hierdurch unbeschadet aus der Sache und ihren Aufträgen hervor. Ihre Erzählform bedeutet einen Aufschub, eine Atempause, ein Gelingen, Freiraum zu schaffen, auf dass sie irgendwann, möglicherweise, aus ihrem Ich-Panzer herausschaut, in die Welt. So weit aber hat Kushner Sadie im Roman See der Schöpfung noch nicht getrieben. Sie hat, wie ein Sam Spade, den ganzen Schlamassel überlebt und das ist auch schon mal was.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.
+beeindruckende Ich-Erzählerin
+überzeugend komponierte Underground-Story
-zwiespältige Metaphern
-nicht sehr poetisch, sehr abgeklärt
Andere Rezensionen:
– Zeichen und Zeit
– mabekuwe
Nächste Woche am 30. Dezember 2025 auf Kommunikatives Lesen: findet mein Jahresabschluss statt. Ich ziehe Resümee und kröne meine persönlichen Bücher des Jahres.
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