Georg Wilhelm Friedrich Hegel: „Vorlesungen über die Ästhetik“ (ii: Maßstäbe)

Vorlesungen über die Ästhetik von G.W.F. Hegel
Vorlesungen über die Ästhetik von G.W.F. Hegel.

Im ersten Teil von der Besprechung der Vorlesungen über die Ästhetik habe ich Hegels Kunstbegriff erläutert, der auf dem sinnlichen Erscheinen der Idee basiert. Hierunter versteht er die im Ideal verkörperte Schönheit, die auf einem gespeicherten Moment einer Inspiration basiert, einer Lebendigkeit, die durch den jeweiligen Rezeptionsakt erweckbar ist. Im zweiten Teil möchte ich nun dieses Kunstideal und Hegels Maßstäbe des artistischen Gelingens vorstellen. Der zweite Teil fragt nun, unter welchen Voraussetzungen Schönheit erscheint und wie sich das Ideal im künstlerischen Prozess verwirklicht. Im folgenden Zitat charakterisiert Hegel in Vorlesungen über die Ästhetik das Kunstwerk:

So ist denn jedes wahrhaft poetische Kunstwerk ein in sich unendlicher Organismus: gehaltreich und diesen Inhalt in entsprechender Erscheinung entfaltend; einheitsvoll, doch nicht in Form und Zweckmäßigkeit, die das Besondere abstrakt unterwirft, sondern im Einzelnen von derselben lebendigen Selbständigkeit, in welcher sich das Ganze ohne scheinbare Absicht zu vollendeter Rundung in sich zusammenschließt; mit dem Stoffe der Wirklichkeit erfüllt, doch weder zu diesem Inhalte und dessen Dasein noch zu irgendeinem Lebensgebiete im Verhältnis der Abhängigkeit, sondern frei aus sich schaffend, um den Begriff der Dinge zu seiner echten Erscheinung herauszugestalten und das äußerlich Existierende mit seinem innersten Wesen in versöhnenden Einklang zu bringen.

Georg Friedrich Hegel aus: „Vorlesungen über die Ästhetik

Maßstab: Organizität

In der zitierten Passage wird klar, dass das Organische eines Kunstwerks in Hegels Vorlesungen über die Ästhetik zentrale Bedeutung erfährt. Alle Aspekte und Teile des Kunstwerks betonen seinen Gesamtcharakter und unterstreichen seine Selbständigkeit und Selbstgenügsamkeit. Im Kunstwerk erscheint die Welt für einen Moment als gelungen und versöhnt. Alle Teile verweisen aufeinander. Alle Eigenschaften kommunizieren und fügen sich zu einem Ganzen zusammen. Die Details durchdringen sich, erzeugen Schwebungen und Interferenzen derart, dass die Gesamtstimmung der ästhetischen Expression verstärkt und weiterentwickelt, über sich hinaus abgerundet und vervollkommnet wird. Er schreibt hierzu im ersten Satz:

So ist denn jedes wahrhaft poetische Kunstwerk ein in sich unendlicher Organismus: gehaltreich und diesen Inhalt in entsprechender Erscheinung entfaltend […]

Er betont hiermit den für ihn wichtigen Sachverhalt, dass sich Erscheinungsweise (Form) und Inhalt (Gegenstand) des Kunstwerkes entsprechen, d.h. bspw., dass eine Schlacht in grellen Farben gemalt, eine Skulptur eines Heros durch Zacken und scharfe Kanten modelliert werden kann, ohne den Stoff, hier die Schlacht oder das Heldische, zu untergraben, dass aber gedämpfte, weichgezeichnete Formen für eine Schlacht ungeeignet sind, oder ein schwelgerischer Moment in einem Text keine kurzen, unzusammenhängenden Sätze oder Obszönitäten erlaubt.

Die Form-Inhalt-Äquivalenz liegt dem Kunstwerk als zentraler Ausdrucksgestus zugrunde. In der Form selbst spiegelt sich der Inhalt wider und die Form im Inhalt. Auf diese Weise verweisen die Aspekte, die Farbgestaltung, die Melodie oder die Sprache auf das Dargestellte, Erdachte oder den Plot. Sie fügen sich ineinander und entstehen auseinander auf eine von Hegel vorgestellte organische Art und Weise, wie die Physis aus der Tätigkeit eines Menschen, aus seinem Können, aus seinen Bewegungsabläufen und Fähigkeiten. Hierdurch entsteht ein lebendiger Zusammenhang, der im Prozess der Rezeption alle Teile in einem harmonischen Ganzen nach und nach einbettet, sowohl nach dem Äußeren (der Form) wie nach dem Inneren (dem Inhalt) hin.

Hinter dem Kunstwerk steht in diesem Sinne eine substanzielle Perspektive, aus der heraus sich Ausdruck wie Gegenstand des Kunstwerks entwickeln und die durch die Stimmigkeit rückwärts in der Rezeption erschlossen werden kann. Mathematisch ausgedrückt stellt das Kunstwerk eine bijektive Abbildung dar, die durch die Konzentration im Schaffensprozess zustande kommt, die durch die fokussiert aufmerksame Rezeption sich wieder entfaltet, ohne auf störende, widersprechende, ins Nichts laufende Details zu stoßen. Als Sinnbild nimmt Hegel das geistige Individuum:

Das einzelne Individuum endlich gibt uns in dieser Rücksicht denselben Anblick. Das geistige Individuum ist eine Totalität in sich, zusammengehalten durch einen geistigen Mittelpunkt. In seiner unmittelbaren Wirklichkeit erscheint es in Leben, Tun, Lassen, Wünschen und Treiben nur fragmentarisch, und doch ist sein Charakter nur aus der ganzen Reihe seiner Handlungen, seines Leidens zu erkennen. In dieser Reihe, welche seine Realität ausmacht, ist der konzentrierte Einheitspunkt nicht als zusammenfassendes Zentrum sichtbar und erfaßbar.

Wie der Wille eines Menschen, sein Geist, sein Charakter, nur indirekt durch die Handlung sichtbar wird, so kann die Inspiration, die zum Kunstwerk führte, ebenfalls nur indirekt durch seine klanglichen, farblichen, sprachlichen Eigenschaften erschlossen werden. Fehlt diese Inspiration, fällt das Kunstwerk auseinander, und gibt es unbearbeitete, unsystematische Aspekte, wirkt es unfertig und roh und zufällig und dem Kunstschönen fremd. Hegel umschreibt diese Verfahrensweise als Ironie, die er jenseits des Bereichs der Kunst verortet und im deutlichen Bezug zu der deutschen Romantik um Friedrich Schlegel herum gelesen werden kann:

Wird nun aber die Ironie zum Grundton der Darstellung genommen, so ist dadurch das Allerunkünstlerischste für das wahre Prinzip des Kunstwerks genommen. Denn teils kommen platte Figuren herein, teils gehalt- und haltungslose, indem das Substantielle sich in ihnen als das Nichtige erweist, teils treten endlich noch jene Sehnsüchtigkeiten und unaufgelösten Widersprüche des Gemüts hinzu. Solche Darstellungen können kein wahrhaftes Interesse erwecken.

Als erster Maßstab für Hegels Gelingen des Kunstschönen steht die Organizität fest, das sich auf sich Beziehen aller Eigenschaften des Werkes, so dass nichts Willkürliches, Zufälliges und Rohes übrigbleibt und als Totalität idealisiert wird und den Kunstgegenstand durch die Präsenz eines organisierenden Geistes von zufällig entstandenen Dingen abhebt.

Maßstab: Zwecklosigkeit

Zum ersten Zitat zurückgehend, wird nach der Organizität des Kunstwerks, des Ideals als Abbild der der Vergänglichkeit trotzenden Lebendigkeit, von Hegel die Freiheit und Zwecklosigkeit des Kunstwerk benannt:

[…] einheitsvoll, doch nicht in Form und Zweckmäßigkeit, die das Besondere abstrakt unterwirft, sondern im Einzelnen von derselben lebendigen Selbständigkeit, in welcher sich das Ganze ohne scheinbare Absicht zu vollendeter Rundung in sich zusammenschließt […]

Hier betont Hegel den zweiten wichtigen Aspekt für das Gelingen des Kunstschönen: die freie Entfaltung seiner selbst ohne Hintergedanken oder subsumierenden Wunsch, eine Information, eine Meinung, eine Moral zu propagieren. Die Instrumentalisierung der Kunst liegt ihm nicht nur fern. Er begreift die Anwesenheit eines abstrakten organisierenden, urteilenden Gedankens als Indiz dafür, dass der Bereich der Kunst verlassen worden ist, oder genauer: das Kunstwerk wird zu einem Vehikel seines Schöpfers mit seinem Publikum in Kontakt zu treten und verliert hierdurch die Zeitlosigkeit und Widerstandskraft dem Zeitlichen zu trotzen, also das Kunstspezifische, das im sinnlichen Erscheinen der Idee liegt.  

Der Effekt überhaupt ist die überwiegende Richtung nach dem Publikum hin, so daß sich das Gebilde nicht mehr für sich ruhig, selbstgenügend, heiter darstellt, sondern sich herauskehrt und den Zuschauer gleichsam zu sich heranruft und sich mit ihm durch die Darstellungsweise selbst in Verhältnis zu setzen versucht. […] Dies Heraustreten [zum Publikum] fällt dann in die Zufälligkeit des Erscheinens und macht das Gebilde selbst zu solch einer Zufälligkeit, in welcher wir nicht mehr die Sache und ihre durch sich selbst begründete notwendige Form, sondern den Dichter und Künstler mit seinen subjektiven Intentionen, seinem Machwerk und seiner Geschicklichkeit der Ausführung erkennen.

Das Unfreie liegt hier darin begründet, dass das Kunstwerk sich seiner Zeit und seiner Wirkung unterwirft, sich also nicht als Moment einer Inspiration setzt, einer Lebendigkeit, die vor lauter Schaffensfreude ihre Existenz im Ausdruckswillen und -wunsch zelebriert, worin gerade Hegel das magische Kunstvermögen erkennt. Die Kunst mag nützlich sein, aber unfreiwillig. Das Kunstschöne entsteht aus einem positiven Akt der Welt gegenüber heraus, hin zu dem sich hinter den Rücken der Individuen entfaltenden Weltprozess in seiner durchgängig sich gegen das Spröde des Materiellen behauptenden Lebendigkeit hinein.

Hiergegen steht zu behaupten, daß die Kunst die Wahrheit in Form der sinnlichen Kunstgestaltung zu enthüllen, jenen versöhnten Gegensatz darzustellen berufen sei und somit ihren Endzweck in sich, in dieser Darstellung und Enthüllung selber habe. Denn andere Zwecke, wie Belehrung, Reinigung, Besserung, Gelderwerb, Streben nach Ruhm und Ehre, gehen das Kunstwerk als solches nichts an und bestimmen nicht den Begriff desselben.

Als zweiter Maßstab erscheint also die Unabhängigkeit vom jeweiligen Moment des Entstehungsprozesses. Das Historische erscheint als Form, aber nicht als Ausdruck, als Stand einer Technik, nicht als Kommentar, Meinung oder Behauptung. Mit diesem Maßstab grenzt Hegel in Vorlesungen über die Ästhetik die Kunst vom journalistischen Alltagsgeschehen ab.

Maßstab: Phantasie

Als dritten Punkt betont Hegel im Eingangszitat nun die Kraft des künstlerischen Prozesses eine Welt zu formen, die zwar aus der Wirklichkeit hervorgeht und im Material teilweise mit der rohen Realität übereinstimmt, aber über diese hinausgeht, diese Inhalte vermittelt und zu etwas Eigenem und Beständigen umschafft:

[…] mit dem Stoffe der Wirklichkeit erfüllt […] frei aus sich schaffend, um den Begriff der Dinge zu seiner echten Erscheinung herauszugestalten und das äußerlich Existierende mit seinem innersten Wesen in versöhnenden Einklang zu bringen.

Für dieses Vermögen verwendet Hegel in Vorlesungen über die Ästhetik den Begriff Phantasie.

Endlich ist die Quelle der Kunstwerke die freie Tätigkeit der Phantasie, welche in ihren Einbildungen selbst freier als die Natur ist. Der Kunst steht nicht nur der ganze Reichtum der Naturgestaltungen in ihrem mannigfachen bunten Scheinen zu Gebot, sondern die schöpferische Einbildungskraft vermag sich darüber hinaus noch in eigenen Produktionen unerschöpflich zu ergehen.

Er betont hier die Eigenschaften der Phantasie, eigene Stoffe kreieren zu können. In ihr beweist sich also einerseits die Unabhängigkeit von Zwecken und Meinungen, andererseits auch emergiert aus dem systemischen Geist der Inspiration der Stoff durch die Phantasie hin zu einem Neuen, zu etwas Eigenem, das das Kunstwerk von der Realität seiner Produktionsbedingungen abhebt. In der Literatur bspw. werden Figuren erschaffen, Persönlichkeiten, die über die historischen Beschränkungen hinausgehen, unwahrscheinlich und wahrscheinlich zugleich wie ein Don Quijote de la Mancha oder eine Antigone oder Achill sind. Die bildende Kunst imaginiert sich Situationen oder göttliche Individuen und die Musik melodisch neuartige Zeitverläufe, die möglicherweise von Klängen aus der Natur ausgehen, aber neue Klänge und Harmonien erfinden.

Die Erinnerung bewahrt und erneut die Einzelheit und äußere Art des Geschehens solcher Ergebnisse mit allen Umständen und läßt dagegen nicht das Allgemeine für sich heraustreten. Die künstlerische produktive Phantasie aber ist die Phantasie eines großen Geistes und Gemüts, das Auffassen und Erzeugen von Vorstellungen und Gestalten, und zwar von den tiefsten und allgemeinsten menschlichen Interessen in bildlicher, völlig bestimmter sinnlicher Darstellung.

In den erschaffenen Motiven, Sujets, Figuren und Themen bildet sich ein Allgemeines, über die jeweilige Zeit hinaus bestehendes Eigenes ab, das eben nicht ausschließlich von der Erinnerung und dem Erlebten stammt. Der Maßstab der Phantasie grenzt das Kunstschöne von der Geschichtsschreibung und dem Dokument ab. In ihr, gleichsam absichtslos, greift die Kunstschöpfung über sich in einen anderen Bereich hinaus und verdichtet zugleich das Erlebte zu einem allgemein Nachvollziehbaren.

Gnade des Gelingens

Das Kunstwerk im Hegelschen Sinne zeichnet sich also besonders durch Zwecklosigkeit, Phantasie und Organizität aus, wobei keiner der drei Maßstäbe des Gelingens beabsichtigt und anvisiert werden können. Sie gehen aus einem inspirierten Zustand hervor, einem, der sich in seiner eigenen künstlerischen Expressivität Gestalt geben will, in diesem Prozess sich und seine Welt überwindet und absichtslos Kunstschönes erschafft. Ein gelungenes Kunstwerk erscheint als eine Unwahrscheinlichkeit, als ein Gnadenakt, ein Ereignis, das über den freien Willen, das handwerkliche Können, die Erfahrungsbreite des Individuums hinausreicht:

Die Phantasie dagegen hat eine Weise zugleich instinktartiger Produktion, indem die wesentliche Bildlichkeit und Sinnlichkeit des Kunstwerks subjektiv im Künstler als Naturanlage und Naturtrieb vorhanden sein und als bewußtloses Wirken auch der Naturseite des Menschen angehören muß. […] Deshalb kann es zwar bis auf einen gewissen Grad hin fast jeder in einer Kunst bringen, doch um diesen Punkt, wo die Kunst eigentlich erst anfängt, zu überschreiten, ist angeborenes höheres Kunsttalent notwendig.

Für Hegel fängt Kunst dort an, wo das Individuum, der je einzelne Mensch, über sich hinaus wächst und durch sein Können einem sinnlich erfahrbaren Allgemeinen Gestalt verleiht. Das Kunstschöne gelingt insofern selten. Es gelingt wahrscheinlich auch nicht mehrmals in einer Epoche und auch nicht zwangsweise in allen Kunstformen und -typen. Hegel begreift das Kunstschöne als Ausnahme und Seltenheit, und von allen solchen Kunstwerken empfindet er Sophokles‘ Antigone als das Vortrefflichste:

Von allem Herrlichen der alten und modernen Welt – ich kenne so ziemlich alles, und man soll es und kann es kennen – erscheint mir nach dieser Seite die Antigone als das vortrefflichste, befriedigendste Kunstwerk.

Im nächsten Teil möchte ich nun darlegen, weshalb Hegel in seinen Vorlesungen über die Ästhetik das Drama und insbesondere die griechische Tragödie Antigone als Höhepunkt der Kunst schlechthin begreift. Hierzu gehe ich kurz die Kunstepochen, Kunstformen und Entwicklungsgrößen durch und diskutiere Hegels berühmtes Diktum vom Ende der Kunst.

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