Leh-Wei Liao: „Glaszeit“

Assoziatives-traumartiges Gleiten im Selbstfindungsversuch: mit leicht angezogener Handbremse.
Longlist deutscher Buchpreis 2026
Inhalt: 2/5 Sterne (Selbstfindungsproblematik)
Form: 5/5 Sterne (gleitend-assoziativ)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (ich-erzählend stimmig)
Komposition: 1/5 Sterne (Inhalt hält die Form nicht)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (ambivalent)
–> 16/5 = 3,2 = 3 Stern(e)
Glaszeit gehört definitiv zu den originären Vertretern eines neuen literarischen Tons, wie er auch bei Joshua Groß in Prana Extrem, Kaleb Erdmann in Die Ausweichschule oder Maren Kames in Hasenprosa zum Stilmittel erhoben wird: eine eindringlich sich selbst beobachtende, beurteilende, in Kontext stellende, detailversessene Sichtweise auf die Welt, also wie die Welt auf die zumeist Ich-erzählende Figur wirkt und einströmt. In Glaszeit erzählt die Intensivstationsärztin Novana von sich:
Das Wasser war heiß. Ich blieb eine Weile in der Wanne stehen, bevor ich in die Hocke ging und in dieser Position verweilte. Der Prof. erzählte von Algorithmen, die eine beginnende Sepsis bei Neugeborenen bis zu vierundzwanzig Stunden früher vorhersagen konnten als herkömmliche Methoden. Seine Stimme beruhigte mich, auch wenn seine professionelle Stimme unnahbarer klang als seine Alltagsstimme. […] Ich ließ mich ins Wasser gleiten. Mein Körper gewöhnte sich langsam an die Temperatur.
Die enorme Aufmerksamkeit auf kleinste Unterschiede und winzigste Emotionsmomente gibt dem Text eine hohe assoziative Impressionabilität. Die Figur wirkt aufgelöst in ihrer je befindlichen Szenerie und Konstellation, exponiert und bedrängt von innen wie außen, von Erinnerungen wie Ansprüchen ihrer Mitmenschen. Novana arbeitet sich in Glaszeit an einem Trauma ab, nämlich von ihrer Mutter ohne Ankündigung im Alter von zwölf Jahren verlassen worden zu sein. Der Roman beginnt damit, dass sie die Mutter in Taipei wiedersieht.
Als ich M. an einem lauen Februarabend in der unterirdischen Taipei Mall sehe, erkenne ich sie nicht sofort. Es gibt eine Latenzzeit von mehreren Sekunden. Ihr Körper erscheint vor mir, überlebensgroß und hell erleuchtet. Es gibt keinen Grund, stehen zu bleiben. Menschen drängen sich um mich herum. Glänzende Regencapes und tropfende Schirme. Ränder aus Wasser und Schmutz auf den glatten Bodenkacheln, das halbe Profil einer Sohle. Qīn’ài de bǎobèi.
Der hochgradig als Bewusstseinsstrom inszenierte Text besticht durch die Sprache, den Stil und die Erzählinstanzstimmigkeit. Performativ vorherrschend bleibt eine Auflösung, eine Suche nach der Lücke in einer zu engen, die Figur gefangennehmenden Welt. Diese Art der Ästhetik gehört der Tradition an, in der Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit oder Mrs. Dalloway die Paradigmen für Stimmigkeit vorgeben. Hier aber mischt sich dieses Verfahren mit einem kritischen Realismus, der politische Diskurse, Taiwans Bedrohung durch China, sehr stark in den Vordergrund schiebt, und auch medizintechnische Diskurse anbringt, die den Assoziationsfluss deutlich unterbrechen und zwar mit Absicht:
Dabei war alles, was ich sagen wollte: Taiwan ist wichtig. Vergesst dieses Land nicht. Ich fühlte mich verantwortlich, dafür zu sorgen. Tatsächlich kannte ich das Land nur von M. und ihren leidenschaftlichen Liebes- und Hasserklärungen. Ich kannte Taiwan nur im Zustand eines permanenten Kippbildes. Bevor ich nach Taipei ging, lernte ich es zu lieben, wie man nur ein Fantasieland lieben konnte. In Taiwan hatte M. Sterne vom Himmel geholt.
Hart und störend wirken auch die vielen fremdsprachigen Einsprengsel, die unübersetzt bleiben (Englisch und Mandarin) und die Inkommunikabilität der Hauptfigur unterstreichen, die im semantischen Code ihre Unzugänglichkeit ästhetifiziert. Leider bleibt m.E. der Text zu brav. Nur gelegentliche Gewaltphantasien lassen das Trauma im Text symbolisch-sichtbar werden. Wut, Angst, krasse Rachephantasien hätten dem stockenden, tapsenden Vorwärtsstreben der Hauptfigur gutgetan – hierfür aber war der Stil zu kantisch souverän und leger, fast cool. Ein Joshua Groß inszeniert diese Stimme deshalb auch in einer Urlaubsgegend mit kosmischen Asteroiden-Phantasien passender.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Novana, 30jährige Neonatologin, in einer Klinik in Taipeh tätig, Single, verliebt sich in die Tochter ihrer Oberärztin, Sihan, Aktivistin für Demokratie in Taiwan.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
– Eine Kinderärztin in Tapeih, trifft eine Kindheitsbekannte, M (die Mutter) wieder … die Tochter beschäftigt in de Neonatologie. Hat sich von Theo getrennt, der keine Verständnis vom Verschwinden der Erinnerung gehabt hat.
– Kollegin Yaling, vielleicht die bessere, fleißigere Ärztin.
– Sie heißt Novana (N). Ihre Mutter heißt M. Sihan (S), Tochter ihrer Oberärztin, sie lernen sich beim Karoake kennen. Sihan ist dabei, als N die Mutter wieder sieht.
– Mit 12 zog sie zu Theos Familie, M war oft tagelang abwesend. Trennung von Theo als diese sich ein Haus kaufen wollten. Vater von Theo, Klaus, den N Prof nennt.
– Glasinkubatoren, Babys werden gerettet. N wartet auf S, liest in einer Zeitung über die Künstlerin March, erkennt ihre Mutter wieder. Ihr wird speiübel und flieht, versetzt S mit einer Notlüge. Auch beim zweiten Date kommt was dazwischen, ein Notfall in der Klinik, N zwei Stunden zu spät. Tröstet sich mit einem Basketballspieler, von dem sie ein Damastmesser stiehlt.
– Konstellation: Perfekte Mutter von Sihan, die Oberärztin – fehlende Mutter M für S, Trennung von Theo in Köln, N verliebt in S, und dann gibt es noch Ben und die Kollegin Yaling in der Klinik.
– Spinnen in Ns Zimmer. Sie lässt jemanden kommen, tröstet sich mit ihm.
– S meldet sich, N schläft mit einigen Männern, dann kommt ein Treffen mit S zustande. Sie fahren in den Wald.
– N hört den Podcast von Theos Vater – Stellvertreter-Vater, denkt über ihren Vater nach, der verschwand, zwei Briefe sendete, die M und N verbrannten. N war sechs Jahre alt. M schien S Schmerzen zugefügt zu haben. Kneifspuren.
– Komplement: Verlassen von den Eltern, und die Sorge um die Babies, die ihre Eltern verlassen, weil sie zu früh geboren worden sind. Abschied. Elternschaft. Fürsorge.
– Sie kommt mit S zusammen. Sie stiehlt ein Buch. Sie schlafen miteinander bei S.
– Nachdenken über den Prof, Vaterfigur, sie hört die Nachricht ab, die freundlich ist.
– Plot: das Ablaufen der Möglichkeit, Ms Ausstellung mit S zu besuchen.
– Auf der Party nimmt sie eine Tablette, danach wartet S bei ihm im Zimmer. Sie beschließen auf die Ausstellung zu gehen.
– Nach der Ausstellung, wegen der Reaktion von S, macht N Schluss. Sie will keine Liebe zulassen, lieber davonrennen, sich von S nicht ihren Freundinnen vorstellen lassen.
– N erleidet einen Nervenzusammenbruch, trifft sich mit einem Typen, dem Spinnenmann, sie gehen Ramen essen. Er schlägt vor, dass N sich bei S entschuldigt.
– Die Mutter eines Säuglings, Lianlian, gibt das Kind, das gerade so gerettet ist, zur Adoption frei. N muss dabei sein. Die Mutter verabschiedet sich. N bricht zusammen, schließt sich ein, ihre Kollegin tröstet sie.
– N fährt erneut ins Museum, seit Tagen erzählt sie irgendwelchen Fremden vom Selbstmord ihrer Mutter. M, March, will sich ihre Uterus operativ entfernen lassen und dann ausstellen.
– N meldet sich bei S, fährt sie bei ihrem Vater an der Küste besuchen. Sie versöhnen sich. S will Klarheit. N weicht aus.
– N will auch Klarheit, reist nach Venedig, um ihre Mutter zu konfrontieren. Meldet sich bei Theo, fragt, ob sie noch Familie seien. Er sagt ja, er habe jemanden kennengelernt.
– In Venedig hat N einen kurzen Aggressionsschub, ruft S an, sagt, sie will eine Beziehung. M hat sie gesehen und kommt langsam auf sie zu.
●Kurzfassung: Eine Ärztin in Taipei arbeitet auf der Neugeborenen-Intensivstation. Sie trifft überraschend ihre Mutter, die 18 Jahre zuvor aus ihrem Leben verschwunden ist. Ein Jahr nach der Trennung von ihrem Kindheitsfreund Theo versucht Novana ihr Leben wieder auf die Reihe zu bringen und eine neue Beziehung mit der Tochter ihrer Oberärztin zu starten. Hierfür muss sie sich mit ihrer schmerzlichen Vergangenheit konfrontieren.
●Charaktere: (rund/flach) lebendig
●Überflüssige Szenen/Charaktere: die vielen Sextreffen tragen nichts bei, Ben auch nicht, und ihre Kollegin Yaling besitzt auch keine Konturen. Eigentlich gibt es kaum Figuren außer der Ich-Erzählerin selbst.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Gewaltphantasien mit dem Maskottchen, Aufschlitzen des Teddy-Bären, und auch gegen die Mutter. Intensive Szene in Venedig bei der Ausstellung.
●Diskurs: Taiwan-China-Konflikt, „regretting motherhood“
… intensives Psychogramm einer Frau, die sich gegen das Gefühl, abgelehnt worden zu sein, wehrt und aus dieser Ablehnung Befreiungsschritte unternimmt. Die Befreiung besteht einerseits darin, nicht in Deutschland zu bleiben, wo sie verlassen wurde; andererseits nicht die Verlobte von Theo zu bleiben, sondern sich neu zu erfinden; sich neue Wurzeln zu suchen und diese in Taiwan zu finden. Bevor sie aber ein neues Leben mit Sihan starten kann, muss sie einerseits hören, dass sie eine Familie hat (Anruf bei Klaus und Theo), und andererseits ihrer Mutter gegenübertreten, sich mit ihr konfrontieren. Nachdem sie das getan hat, kann sie sich verbindlich für Sihan entscheiden. Es ist also eine Liebesgeschichte, von der aber nur der eine Teil der Beziehung in Erscheinung tritt. Sihan bleibt ein Geheimnis, nur ihre aktivistischen Tätigkeiten nicht. Sie steht aber für das Wiedererstarken der Erinnerung (Great Recall – hier aber als Bedeutung, dass die Kuomintang abgewählt werden soll, da diese zu Beijing-nah operiere, also eben die Vergangenheit, die Oppression in Vergessenheit geraten lässt).
… das Buch erinnert durch die Handlung, Verlust der Mutter, die Mutter als Performerin, die durch die Performance wieder entdeckt wird, an „Märtyrer“ von Kaveh Akbar.
… das Buch handelt von Verlustängsten, einem Traum, dass durch das Verschwinden der Mutter bewirkt worden ist (und durch den gänzlich fehlenden Vater). Es zeichnet eine in ständiger Bedrohung sich befindende Psyche nach. Diese Bedrohung erzeugt verdichtende Momente und äußerst intensive Szenen. Hat aber Längen im On-and-Off zwischen Sihan und Novana, die im Laufe des Buches dann mit Diskursfetzen ausgefüllt werden, weshalb es gegen Ende sich sehr deeskaliert und entleert. Die Hauptfigur nimmt sich selbst nicht genug unter die Lupe. Ihr Augenmerk richtet sich auf die anderen, wie sie mit ihr umgehen. Das ist dann aber kein wirklich interessanter Plot mehr. Es gibt nur den Konflikt für die Hauptfigur selbst, die sich aber nicht darlegen kann – weil sie symbolisch gehemmt ist. Ihr fehlt die Sprache.
–> 2 Stern(e)
Form:
●Eindruck: eine sehr geschliffene, harmonische, gleitende Schreibweise, die assoziativ-monologisch einen eigenen Stil erschafft, erinnert stark an Joshua Groß „Prana Extrem“ oder in selbiger Erzählweise Kaleb Erdmann „Die Ausweichschule“ oder von Dana von Suffrin „Toxibaby“, mglw. auch an Maren Kames‘ „Hasenprosa“ …
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hohe Fiktionalität trotz vieler Diskurselemente
●Wortschatz/Auffälligkeiten/Innovation: extreme Brechung des Erzählflusses durch lange fremdsprachliche Sätze, die nicht übersetzt und auch nur teilweise erschlossen werden können. Es handelt sich um Mandarin-Chinesisch in Hanyu-Pinyin. „Hǎo ba, wǒmen huàngè huàtí ba.“
●Sprachform:
Poetisch: nein
Episch: nein
Experimentell: nein
Werbesprache: ja, illustrativ, professionell.
Schriftsprache: auch
Umgangssprache: nein
●Einschätzung: die gleitende Form, das Ineinanderwischen der englischen und chinesischen und deutschen Sprache bewirkt ein Semantikteppich, eine gewisse Losgelöstheit, sodass hier das Thema, die Wurzellosigkeit, die Lücke, ästhetisch eingebunden wird. An der Sprache selbst gibt es kaum etwas zu bemängeln. Sie überzeugt.
–> 5 Stern(e)
Erzählstimme:
●Eindruck (reflektiert, situiert, perspektiviert): Ich-Erzählerin, reflektiert, situiert, nämlich in Venedig aus der Retrospektive erzählend, Wechsel ins Präsens am Ende des Buches, in der Konfrontation mit der Mutter (der Beginn, die erste Seite auch im Präsens, also stets dort, wo die Mutter zugegen – die Mutter als Präsensanker). Die Erzählstimme ist zudem enorm ich-bezogen, auf sich und ihre Impression, sehr verschlossen, traumatisiert.
●Erzählform:
Kamera: nein
Allwissend: nein
Personal: nein
Ich-Erzählend: ja, monomanisch
Auktorial: nein
Unentschieden: nein
●Einschätzung: die Erzählposition ist stringent durchgesetzt, die Zeiten plausibel eingesetzt, die Reflexionsspur überzeugend angesetzt
–> 5 Stern(e)
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): Hauptproblem des Buches, denn die Verschlossenheit der Ich-Erzählerin lässt das Buch beschwerlich gegen Ende werden, das Nicht-Sprechen können trägt irgendwann nicht mehr, die ständige Unterbrechung des Textes mit unübersetzten Sätzen exkludiert das Publikum, das kein Mandarin spricht, überhaupt bleibt vieles sehr vage, und Sihan als Figur undeutlich. Das Problem selbst, von der Mutter verlassen worden zu sein, erlaubt keinen stimmigen Rahmen, der Stoff gibt das nicht ehr.
●Operative Geschlossenheit/Rahmen: Familie/Nichtfamilie, Heimat/Fremde
●Extradiegetische Abschnitte: keine, nur Träume, Vorstellungen
●Lose Versatzstücke: Taiwanesische Innenpolitik bleibt unausgestaltet
●Kompositionsform:
Interferierend: nein
Synthetisch: nein
Brüchig-offen: ja
Seriell-offen: nein
darstellend: ja,
●Einschätzung: Schwankt zwischen medizinisch-erklärend, über Taiwan aufklärend, und brüchig-Ich-erzählend offen sehr unentschieden. Die Figur bringt das nicht unter einen Hut.
–> 1 Stern(e)
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: sehr gemischt, sehr Auf und Ab für mich, einerseits tolle Sprache, überzeugende Erzählstimme, andererseits zu selbstbezogen, zu wenig offen für den Ansatz der Lücke, sehr verschlossen, zu viele Fremdwörter, zu viel Ablehnung und Wertung, zu viel Kampf für die lockere, flüssige Form
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) teilweise
●stimmig?(Komposition: ja/nein) nein
●ein zweites Mal lesen? denke nicht, Hauptproblem besteht in der Hauptfigur, die nicht sich selbst und ihre Gefühle, ihr eigenen Gefühle analysiert, sondern das Verhalten der anderen stets mit einbezieht.
–> 3 Stern(e)
Ästhetik: (jeweils 0-5)
●Kant (Werbesprache-humorvoll-icherzählend-seriell-offen): ich-erzählend – 1
●Lukacs (Schriftsprache-diskursiv-auktorial-darstellend): darstellend – 1
●Adorno (experimentell-allegorisch-personal-brüchig-offen): brüchig offen – 2
●Hegel (episch-heroisch-allwissend-synthetisch): nein – 0
●Kyberästhetik (poetisch-transgressiv-Kamera-interferierend): transgressiv – 1
●Einschätzung – stimmig?: keine stimmige Mischung aus Adorno und Lukacs, mit problematischer Erzählstimmenwahl.
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Cormac McCarthy: „Die Straße“

Reflexionsloses Draufhalten auf die Einöde – packendes, mitreißendes, wenig ergiebiges Kopfkino.
Inhalt: 5/5 Sterne (spannend-packend)
Form: 3/5 Sterne (illustrativ)
Erzählstimme: 0/5 Sterne (voyeuristisch)
Komposition: 4/5 Sterne (atmosphärisch)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (ernüchternd)
–> 15/5 = 3,0 = Stern(e)
Cormac McCarthys Roman Die Straße gilt als einer der wichtigsten Romane des 21. Jahrhunderts und gewann 2007 u.a. den Pulitzer-Preis. Er steht in einer Reihe mit dystopischen Romane wie Marlen Haushofers Die Wand, Anna Kavans Eis oder Dino Buzzatis Die Tartarenwüste oder Jacqueline Harpmans Ich, die ich Männer nicht kannte. Wie all diese Romane erscheint die Welt in Die Straße entleert. Nach einer nicht näher bestimmten Katastrophe liegt die Welt in Trümmern, fast keine Pflanzen, Tiere oder Menschen leben noch. Ein Vater und ein Sohn schlagen sich durch mit dem Ziel, ans Meer zu kommen:
In den folgenden Tagen und Wochen hielten sie sich weiterhin südlich. Einsam und hartnäckig. Unwirtliches Hügelland. Aluminiumverkleidete Häuser. Zuweilen konnten sie zwischen den kahlen Beständen von Nachwuchsholz hindurch Abschnitte des Interstate Highway sehen. Kalt, und es wurde immer kälter. Unmittelbar hinter dem hohen Sattel in den Bergen blieben sie stehen und blickten hinaus über die große Kluft nach Süden, wo das Land, so weit das Auge reichte, abgebrannt war: geschwärzte Felsformationen ragten aus den Aschebänken, Ascheschwaden wallten auf und wehten durch die Einöde Richtung Flachland. Hinter der Düsternis zog die stumpfe Sonne kaum sichtbar ihre Bahn.
Die Erzählung gerät zu einer deskriptiven Reise durchs Ödland. Die Erzählstimme wechselt von außen nach innen, schwenkt ihre Aufmerksamkeit hierhin und dorthin, bleibt kühl und hart und äußerst illustrativ. Der Roman operiert in seiner Reliefbildung deutlich filmischer als literarisch, wirkt eher plakativ als reflexiv, wirkt eher photographisch als dynamisch in seiner Figurenzeichnung. Es bleibt alles in einer dämmrigen Silhouettenstimmung befangen:
Dass die Namen der Dinge langsam den Dingen selbst in die Vergessenheit folgten. Farben. Die Namen von Vögeln. Dinge, die man essen konnte. Schließlich die Namen von Dingen, die man für wahr hielt. Zerbrechlicher, als er gedacht hätte. Wie viel war schon verschwunden? Das heilige Idiom wurde seiner Bezüge und damit seiner Wirklichkeit beraubt. Zog sich zusammen wie etwas, das Wärme zu halten versucht. Und irgendwann endgültig erlöschen wird.
Aus diesem atmosphärischen Ton entwickelt sich der Roman Die Straße nicht heraus. Er dient weiterhin nur als illustratives Bild einer Postapokalypse ohne einen aus den Bestandteilen (Ely, Gott, Vater und Sohn) heraus entwickelten Sinnzusammenhang. Die Zustandsbeschreibung gelingt, aber sie bleibt im puren Attestieren stehen. Die Sprache und so auch die Figuren bleiben statisch und im Grunde Abziehbilder ihrer selbst. Nur die Mutter, die verschwindet, scheint eine gewisse Dynamik, hier Verzweiflung, anzudeuten:
Dann lass es. Ich kann dir nicht helfen. Es heißt, Frauen träumen von Gefahren für ihre Schützlinge und Männer von Gefahren für sie selbst. Aber ich träume überhaupt nicht. Du sagst, du schaffst es nicht? Dann lass es. Das ist alles. Denn ich habe mein Hurenherz gründlich satt, und das schon lange. Du redest davon, Stellung zu beziehen, aber es gibt keine Stellung, die man beziehen könnte. In der Nacht, als er geboren wurde, hat es mir das Herz aus dem Leib gerissen, also verlange jetzt keinen Kummer von mir. Ich empfinde keinen.
Die wenigen literarisch-dynamischen Stellen ergeben kein gelungenes Netzwerk. Die Straße erscheint als Konstrukt und als Signifikat einer postapokalyptischen Tristesse, verwendbar für beliebige Assoziationen und Konnotationen, die der Text aber selbst nicht trägt. Er ist leer. Er erinnert nur daran, dass Systeme verschwinden können, und wenn sie verschwunden sind, nichts zurücklassen, denn Systeme bestehen aus Anschlussoperationen und nicht aus fassbaren und isolierbaren Elementen. Und genau das lässt den Text am Ende als Signifikat in sich zusammenstürzen, als zuerst eindrucksvolles, dann aber beliebiges Irren und Wirren im Nichts.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Ästhetik: (jeweils 0-5)
●Kant: verspielt-offen? [Leichtigkeit] – 0
●Lukacs: engagiert-realistisch? [typisch] – 2
●Adorno: avantgardistisch-defensiv? [innovativ] – 3
●Hegel: dynamisch-totalisierend? [pathetisch] – 0
●kybernetisch-materialistisch? [transgressiv] – zu wenig Objektbezug, aber in der Nähe
●Einschätzung – oder um welche Ästhetiktradition handelt es sich?: Da es keinerlei Heroismus noch Hedonismus beinhaltet, fallen Hegel und Kant weg. Es bleibt Adorno – dafür ist es aber nicht avantgardistisch genug geschrieben, formalästhetisch gesehen sehr brav und gefällig, wie ein Drehbuch, d.h. wie eine neutrale Kamera. Diese Kamera beleuchtet aber auch die leblosen Gegenstände und lädt sie mit Bedeutung auf, d.h. ein Gran kybernetisch-materialistische Ästhetik strahlt der Roman aus. D.h. etwas unentschieden. Die Form entspricht nun einmal dem kritischen Realismus eines Balzac –
Inhalt:
●Hauptfigur(en): ein Vater und sein Sohn auf der Straße in einem apokalyptischen Niemandsland. Keine Namen.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
– Ödnis, kein Leben, nur Brand. Sie wandern Richtung Süden, hin zum Warmen, Vater und Sohn. Sie überwinden einen Pass (mit Einkaufswagen).
– Sie treffen auf einen, der vom Blitz getroffen wurde. Sie helfen nicht, Sohn hat schlechtes Gewissen.
– Erinnerung daran, wie die Mutter sie verlassen hat. Sie bringt die Kraft nicht auf zu hoffen. Sie verschwand, ohne ihrem Sohn Lebewohl zu sagen. Der Sohn wurde bereits in der Apokalypse geboren, brennende Städte.
– Hinter dem Pass verstecken sie sich vor einer Gruppe Männer, mit einem Lkw. Ein Typ erwischt sie. Der Mann erschießt ihn, sie müssen bis auf den Rucksack des Mannes alles zurücklassen. Später sucht er das hinterlassene Zeug zusammen. Die Männer haben ihren Kollegen gegessen – alles Brauchbare mitgenommen. Sie ziehen weiter.
– Sie passieren ein Gebirge. Ihnen geht langsam das Essen aus.
– Sie schlafen in der Kälte, suchen in einem Supermarkt nach Essen, dort sehen sie einen Hund. Das Kind denkt einen anderen Jungen zu sehen. Das Kind macht sich Sorgen.
– Sie ziehen weiter, gelangen zu einer Villa. Dort hebeln sie eine Falltür auf, wo Menschen gefangengehalten werden. Sie dienen als Essen. „Die Bösen“ essen Menschen, halten sie gefangen, ziehen marodierend durchs Land. Die beiden werden in der Villa überrascht, müssen sich verstecken.
– Sie entkommen, verhungern fast im Schnee, in der Kälte. Tagelang nichts zu essen, dann findet er ein Haus mit einer Klappe, einem Bunker drunter. Dort gibt es Reserven. Sie stocken auf, erholen sich, spielen Dame, waschen sich, wechseln Kleidung. Müssen aber weiter, um nicht erwischt zu werden, Richtung Küste.
– Auf dem Weg treffen sie einen alten Mann, der Junge will ihm Essen geben. Der Mann heißt Ely (Eli – biblisch). Sie trennen sich vom Mann, der sich ihnen nicht offenbaren will.
– Sie gehen weiter. Männer lauern ihnen auf. Er bedroht sie mit der Pistole, in der außer einzigen Patrone nur Holzimitate stecken. Sie entkommen. Der Mann wird krank, hat Fieberträume von einem Schlangenball. Er erholt sich. Sie gehen weiter, haben das Gefühl, verfolgt zu werden. Sie warten und lauern, sehen drei Männer und eine schwangere Frau. Lassen sie passieren.
– Sie haben wieder kein Essen. Irgendwo Rauch. Sie finden die Feuerstelle, an der ein Kinderkopf gebraten worden ist. Der Junge ist entsetzt. Sie schleppen sich weiter, sehen ein Haus und beschließen es dort zu versuchen.
– Der Junge hat Angst in die oberen Stockwerke zu gehen. Der Kinderkopf sitzt tief. Der Junge hat die naive Hoffnung verloren. Sie finden Konserven, entkommen erneut dem Hungerstod. Packen alles zusammen und schaffen es bis zur Küste.
– An der Küste sind sie über das Meer enttäuscht, auch dieses liegt grau und aussagelos vor ihnen, der Himmel bedeckt. Der Junge geht schwimmen, und danach spazieren sie am verlassenen Strand. Sie entdecken ein Segelboot vor dem Ufer. Der Mann plündert es, findet einen Sextanten, findet ein Erste-Hilfe-Kit. Der Junge wird krankt, wird durch abgelaufenes Antibiotikum gerettet. Der Mann geht erneut aufs Schiff, schwimmt hin, und findet eine Leuchtpistole. Sie feuern in der Nacht eine Leuchtrakete ab. Sie verpufft.
– Am nächsten Tag wird ihr Wagen gestohlen. Sie verfolgen den Mann und stellen ihn mit der Leuchtpistole.
– Der Mann zwingt den Dieb sich ausziehen. Der Junge ist darüber verzweifelt, aber der Mann will kein Risiko eingehen, jagt den Mann nackt davon, später legen sie ihm die Kleidung wieder hin.
– Sie gehen die Küste weiter entlang. Die Tuberkulose wird schlimmer. In einer Stadt werden sie angegriffen. Der Mann wird von einem Pfeil getroffen. Er schießt mit der Leuchtrakete auf den Mann. Wahrscheinlich einer der vier, die sie verfolgt haben. Er muss seine Wunde nähen. Der Husten wird schlimmer. Es geht dem Ende zu.
– Die Küste entlang Richtung Süden, der Mann bricht zusammen. Kann nicht mehr. Er gibt dem Sohn die Pistole. Ein paar Nächte später stirbt er. Der Sohn bleibt zurück, ein Mann erscheint, mit Schrotflinte, und verspricht, einer von den Guten zu sein. Der Sohn gibt nach, und scheint in Sicherheit zu gelangen.
●Kurzfassung: ein Vater und ein Sohn laufen durch die Postapokalypse, verstecken sich vor Kannibalen. Es gibt nichts mehr, nur noch Reste und Müll. Sie versuchen zu überleben, am Ende stirbt der Vater an Tuberkulose, und der Sohn wird von einer Gruppe aufgenommen.
●Charaktere: (rund/flach) nur skizzenhaft
●Überflüssige Szenen/Charaktere: nein, stringent
●Besondere Ereignisse/Szenen: Keller mit Gefangenen, der Moment, als sie fast verhungern
●Diskurs: kein wirklicher
… durch die Hungerstellen erinnert das Buch an Hamsuns „Hunger“, und auch an Buzzatis „Die Tartarenwüste“ und an Anna Kavans „Eis“, und an Jacqueline Harpmans „Ich, die ich Männer nicht kannte“ … alle besitzen ähnliche Motive, ähnliche Vibes. Noch Marlene Haushofers „Die Wand“ … „Wittgensteins Mätresse“ von Markson.
… sehr überzeugender Plot, spannend, und deshalb gut lesbar, weil auf Stresssequenzen verzichtet wird, keine überflüssigen Problematiken, keine unnötigen Spannungserzeuger, alles tröpfelt einsam vor sich und lässt das Buch in seiner Leere wirken, gerade die Entspannung lässt es gelingen, die Leere, das Nichts um die beiden herum … die völlige Abwesenheit von Sinn. Das, was bleibt, wenn keine anderen Sinnfelder mehr vorhanden sind, alle Anschlussmöglichkeiten fehlen … weder Pflanzen, noch Tiere, noch kulturelle Aktivitäten, keine Bücher, kein Sport, kein gar nichts, keine Landwirtschaft … nur noch ein Absterben, ein planetares Abwickeln eines gescheiterten Projekts. Die Verbindung zwischen Sohn und Vater ist alles, was hier bleibt, und die bleibt ungetrübt, als Feuer, als Nähe, als Mitmenschlichkeit.
… keine Langeweile aufgekommen.
–> 5 Stern(e)
Form:
●Eindruck: Form ist sehr zweckdienlich. Die Sprache besitzt keinerlei eigene Qualitäten, die Sprachform existiert als Reflexionsmedium überhaupt nicht. Sie dient als Vehikel, um eine Szenerie vor Augen zu führen, als Darstellung … d.h. von der Sprache eher realistisch nach Lukacs, besitzt aber materialistisch-deskriptive Elemente
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoher Fiktionalität, sehr illustrativ-filmisch
●Wortschatz: unauffällig
●Auffälligkeiten: keine, theologische Ansätze und Anflüge.
●Innovation: formalästhetisch keine
… besitzt teilweise eher Drehbuch-Charakter und deshalb keine formunterstützende Elemente für die Literatur, spielt wenig mit den Möglichkeiten von Literatur, eher illustrativ, daher eher instrumentell und kein ästhetischer Umgang mit Sprache
–> 3 Stern(e)
Erzählstimme:
●Eindruck: etwas unentschieden personal, auktorial erzählt, teilweise uneinsichtige Beschleunigung, eher wie eine Kamera in Verfolgerperspektive, dann aber wieder mit Innenansichten, Erinnerungen, Träume, wechselnd, unklar … also allwissend, selbst beschränkend, unsituiert, unklar, eher eine Gottesperspektive eines Gottes, der sich nicht für sie interessiert.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nichts von allem, illustrativ
●Erzählverhalten, -stil, -weise: die Schreibweise ist klar auf den Effekt hin angelegt, d.h. Verdichtung, Verengung, aber ohne literarische Konsequenz der Perspektive, ohne Rahmung, deshalb aber auch die losgelöste Stimmung
●Einschätzung: im Grunde eine typische Thriller-Erzählweise ohne Reflexion und dadurch literarische Immersion, sehr graphisch
–> 0 Stern(e)
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): die schwebende Erzählstimme, das illustrative Schreiben und Beschreiben fügen sich zu einem filmischen Erlebnis zusammen, d.h. es passt, nur entwickelt es die Möglichkeiten des literarischen Mediums nicht wirklich. Eher Kopfkino, vor diesem Hintergrund aber kompositorisch gelungen.
●Signal/Noise-Ratio: gute Mischung zwischen Beschreibung und Plot-Fortschritt
●Operative Geschlossenheit: Überleben/Sterben
●Rahmenstabilisierende Details: die Einöde, die zerstörte Welt, die Ausweglosigkeit
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: keine
●Reliefbildung: der Hunger, die Not geben dem Buch die innere Spannung
●Einschätzung: siehe Eindruck. Gelungenes Kopfkino
–> 4 Stern(e)
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: eher fesselnd, nicht sehr dynamisch, eher auflösend, destruierend, desillusionierend. Der Effekt gelingt aber: die Frage, was bleibt, wenn alles zerstört ist, wenn es nur noch das Zwischenmenschliche gibt. Der letzte Ausweg, der Glaube an einen guten Gott, der aber stumm zusieht. Bücher wie diese unterhalten, beeindrucken, aber hinterlassen eher ein stumpfes Gefühl.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) teilweise
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja
●ein zweites Mal lesen? sehe ich nicht Anlass zu, alles liegt zu offen zutage.
–> 3 Stern(e)
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Anna Kavan: „Eis“

Symbol-allegorisch-intensiver Beginn, der sich gähnend ausdünnt.
Inhalt: 1/5 Sterne (implosiv, dann leer)
Form: 4/5 Sterne (extrem unterkühlt)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (abstraktes Ich)
Komposition: 1/5 Sterne (aus den Fugen, repetitiv)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (zu wankelmütig)
–> 13/5 = 2,6 = 3 Stern(e)
Eis von Anna Kavan besitzt einen ähnlichen Stellenwert in ihrem Werk wie der Roman Die Glasglocke in Sylvia Plaths. Beide Schriftstellerinnen kämpften auf ihre Weise mit Dämonen, beide besaßen einen destruktiven Selbstbezug, und beide Romane, Eis wie Die Glasglocke besitzen einen unheimlichen, sich entleerenden, nihilistischen Bezug. Im Gegensatz aber zu Plath schreibt Anna Kavan in einer apokalyptischen Welt – eine Art Eiszeit zieht sich über den Planeten, auf dem es überall schneit, nebelt und hagelt:
Kalt blitzendes Feuer in allen Farben des Regenbogens pulsierte über ihr, durchschnitten von reinweißem Glühen, das strahlenförmig von den ringsum aufgetürmten Gebirgen aus blankem Eis ausgeworfen wurde. Nahebei, an den eisummantelten Bäumen rund ums Haus, funkelten aberwitzige Edelsteinkristalle in allen Farben des Spektrums. Statt des gewohnten Nachthimmels bildete die Aurora borealis ein loderndes, vibrierendes Dach, bitterkalt und farbschillernd, unter dem die Erde und alle ihre Bewohner gefangen waren, eingemauert von den undurchdringlichen glitzernden Eisklippen. Die Welt war ein arktisches Gefängnis geworden, aus dem es kein Entkommen gab, alle ihre Bewohner so fest eingeschlossen wie die unter dem prangenden tödlichen Panzer bereits abgestorbenen Bäume.
Die unterkühlte Welt des Ich-Erzählers, der eigentlich über Lemuren und insbesondere über die Gattung der Indris schreiben will, dreht sich um ein weißblondes Mädchen, das permanent in die Fänge von irgendwelchen Männern gerät, von ihnen festgehalten, gezwungen, entführt und missbraucht wird. Dieses Mädchen gerät zu einer Obsession für den Ich-Erzähler, der wie alle Figuren im Roman namenlos bleibt. In der Eiswelt bricht er auf, sie zu retten:
Egal wie, ich musste sie finden, daran hatte sich nichts geändert. Ich empfand dasselbe zwanghafte Bedürfnis, das mich bei meiner Rückkehr getrieben hatte, sofort aufs Land fahren. Es gab keinen rationalen Grund dafür, ich konnte es mir nicht erklären. Es war wie eine Sucht und musste gestillt werden.
Und hier gibt der sehr an die brüchige, negativierende Ästhetik von Adorno erinnernde Text sein Schlüsselwort preis: „Sucht“; denn das Mädchen, das sich kaum zu helfen weiß, das viel zu dünn, viel zu schwach und verletzlich erscheint, vermittelt allegorisch einerseits den Todestrieb, andererseits den Eros oder Liebestrieb, in sich vereint als Sehnsucht und Angst, als verstörende Figur, die über das planetare Chaos hinausgreift. Mit anderen Worten: Sie erscheint als Droge für die Männer. Der Ich-Erzähler versucht zu entkommen und sie andererseits auch zu besitzen und reibt sich hierbei auf.
Leider zieht Kavan in Eis das Topos nicht durch. Der Ich-Erzähler besitzt zu wenig manische Phasen, zu wenig obsessive Szenen, zu wenig intrinsische Sterbensmelancholie und doch verhält er sich so. Was dem ganzen dann den Hut aufsetzt, ist das ständige Hin und Her des Buches, aus vielerlei verschiedenen, aber kompositorisch und inhaltlich nicht einsehbaren Gründen. So wirkt das Buch im Laufe der Zeit immer blasser, bis die Figur, die Welt und das Mädchen im Nebel eines Unwissen verschwinden. Dieser Nebel wirkt aber nicht ästhetisch. Er besänftigt keine Dämonen, keine Zacken. Er beschwört auch keine Kräfte und Geister. Er bedeckt alles mit gähnendem Gleichmut, aus dem sich dann bis zum Ende auch nichts mehr ergibt. Schade … hat mich im Mischmasch sehr an Karin Boyes Kallocain und Thea von Harbous Metropolis erinnert. Eis ist die schlechtere Version von Jacqueline Harpmans Ich, die ich Männer nicht kannte und Dino Buzzatis Die Tartarenwüste.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Ästhetik: (jeweils 1-5)
●Kant: verspielt-offen? [Leichtigkeit] – 0
●Lukacs: engagiert-realistisch? [typisch] – 0
●Adorno: avantgardistisch-defensiv? [innovativ] – 5
●Hegel: dynamisch-totalisierend? [pathetisch] – 0
●Einschätzung – oder um welche Ästhetiktradition handelt es sich?: ganz klar Adorno, klar in Tradition eines Kafkas, nur stilistisch runder, weniger hakelig. Sehr hermetisch, sehr auf sich bezogen, verschließend, aber im Verschluss negativierend öffnend. Als Abwehrgeste. D.h. in „Eis“ kommt es auf die innere, negative, auf sich selbst bezogene Durchschreitungsgeste an, das Hermetische als symbolträchtige Destruktionsstruktur.
Inhalt:
●Hauptfigur(en): Ein Mann, unklar welches Alter … in einer postapokalyptischen Welt.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) Der Ich-Erzähler (IE) fährt in ein abgelegenes Bergland, um ein Mädchen wiederzusehen. Sie lebt bei einem Mann, einem Maler, der sie behütet. Eis droht sie zu umschließen. Er fährt ab, lässt sie mit schlechtem Gewissen zurück. Die Ehe scheint schwierig geworden zu sein.
2.) IE hört, dass das Mädchen vom Ehemann fortgelaufen ist. Der Ehemann wirft ihr neurotisches Verhalten vor. Sie hat kaum etwas gesagt. IE beschließt, sie zu suchen. Er fährt zu einem Hafen, von wo aus das Mädchen ins Ausland hätte fahren können. Der IE sieht das Mädchen auf dem Schiff, wird aber vom Schiff gedrängt. Sie fährt ab. Er flieht, sucht ein anderes Schiff, sieht auf diesem ein Mädchen im grauen Mantel und folgt ihr.
3.) In der Stadt herrscht ein strenger Wächter in einem Fort. Dort vermutet er das Mädchen. Er gibt vor ein Archäologe zu sein, der dieses Land in seiner historischen Wichtigkeit untersuchen will. Der Wächter freut sich über den IE, denn er möchte, dass sein Land bekannter und angesehener wird.
4.) IE wird zum Essen beim Wächter eingeladen. Das Mädchen soll teilnehmen, sagt aber kurzfristig ab. Der Wächter ist enttäuscht über den fehlenden Fortschritt des IE. IE soll für das Land ein gutes Wort bei seinem Botschafter einnehmen. IE verlangt als Gegenleistung, das Mädchen zu sehen, aber das Mädchen will ihn nicht sehen. Die Tür bleibt in der Festung verschlossen.
5.) Das Land wird angegriffen. Mädchen werden geopfert. Es herrscht Krieg. Er findet das Mädchen nicht unter den Opfern.
6.) Zurück beim Wächter, der aus dem Land flieht, mit dem Mädchen, in einem pompösen Wagen. Der IE hat das Nachsehen. Der Wächter, als Kapitän, verlässt das sinkende Schiff.
7.) IE versucht das Mädchen, den Wächter zu vergessen. Er fliegt in den Süden. Er gerät in eine Gerichtsverhandlung wegen eines verschwundenen Mädchens. Es ist das Mädchen, das er sucht. Er wird als Psychopath eingestuft. Er erfährt den Namen der Stadt, aus dem der Wächter operiert. Ein Blumenmädchen hilft ihm. Sie organisiert eine geheime Passage zu der Stadt, nachdem sie miteinander eine Nacht verbracht haben.
8.) Die Stadt ist verwüstet. Der Wächter thront in seinem Hauptquartier. IE büchst aus, um zu ihm zu gelangen.
9.) IE trifft Mädchen im Hauptquartier. Die will ihn immer noch nicht sehen. Er beschließt sie zu entführen, da hört er, dass sie geflohen ist. Er reist hinterher.
10.) IE erreicht eine Stadt, wird dort Zeuge von einem Lynchmob, der einen Offizier tötet. Er schlägt sich dazwischen und wird selbst angegriffen. Er erbeutet einen Revolver, eine Zeugin sagt für ihn aus. Er trifft sie wieder, im grauen Mantel. Sie müssen vor einem weiteren Lynchmob fliehen. Der IE entführt sie. Sie reisen per Schiff aus der Kälte weg.
11.) Sie gelangen in eine heitere unzerstörte Stadt. Dort wird gefeiert. Das Mädchen findet Anschluss. Der IE beschenkt sie. IE hält daran fest, über Lemuren und die Indris forschen zu wollen. Ein Kapitän schlägt ihm eine Reise vor. Das Mädchen ist erbost, dass er sie verlassen will. Er reist dennoch ab, die Gelegenheit erscheint ihm zu verlockend.
12.) Die Weltlage ändert sich. Der IE verschafft sich einen Möglichkeit zurück zum Hauptquartier des Kapitäns zu gelangen. Nimmt teil an dem Gemetzel.
13.) Er trifft den Wächter wieder, der ihm vorwirft, dass der IE das Mädchen im Stich gelassen habe. Er wird von den Häschern des Wächters zusammengeschlagen, kann sich gerade noch blutend retten.
14.) IE kämpft sich zurück zu dem Mädchen, das noch in dem Hotel wohnt, in welchen der IE und sie gelebt haben, nur dass die Hotelbesitzer tot sind und der Sohn das Hotel übernommen hat, der mehr oder weniger mit ihr liiert ist.
15.) Er trifft sie, muss sie vor dem Eis retten, flieht mit ihr durch den Schnee. Die Pistole als Ausweg in seiner Tasche.
●Kurzfassung: Zwei namenlos bleibende Männer, ein Wächter und ein Forscher und Reisender, buhlen um die Liebe eines Mädchens. Beide enttäuschen das Mädchen, beide tun ihm Gewalt an. Am Ende reist der namenlose Ich-Erzähler mit dem Mädchen in die Eiswelt und Eisnacht.
●Charaktere: (rund/flach) strukturell-implodiert
●Überflüssige Szenen/Charaktere: nicht möglich
●Besondere Ereignisse/Szenen: die intensiven Tagträume und Nachtträume des Ich-Erzählers, die unvermittelt anfangen und die Erzählfolge durchbrechen.
●Diskurs: Apokalypse
… durchweg guter und interessanter Anfang erleidet das Buch für mich ab Zweidrittel Schiffbruch, da das Zusammenkommen mit dem Mädchen, die Trennung, dieses ganze Buch kompositorisch in einen Zirkelschluss verwandelt, ab da wird’s langatmig und langweilig und verliert das Geheimnisvolle. Vom Plot wird es sehr schnell sehr langweilig.
… erinnert unfassbar an „Das Schloß“ von Franz Kafka, nur ohne die stilistischen Brüche und hedonistischen Durchbrüche.
–> 2 Stern(e)
Form:
●Eindruck: die Form ist außergewöhnlich, brutal, eiskalt auf das Szenario ausgelegt, eine Art heftig unterkühlte Reflexionsform, die viel bessere Kafkavariante – insgesamt wirkt die Entleerung als ästhetische Möglichkeit nach, heftig und brutal, ernüchternd, zerstörend, zersetzend.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hochgradig fiktional
●Wortschatz: äußerst reduziert, aber nicht ohne Wirkung
●Auffälligkeiten: keine Namen kommen vor, ein Nebel der Uneindeutigkeiten, sehr stark mit Samuel Beckett und Franz Kafka verwandt.
●Innovation: die eisklirrende Abstraktion
… also fast überzeugend, ästhetisch, nur knapp an 5 Sterne vorbei
–> 4 Stern(e)
Erzählstimme:
●Eindruck: reflektierter, situierter Ich-Erzähler, der seine Obsession mitteilt, sich selbst exponiert, sie zu durchschreiten versucht. Es gelingt ihm aber nicht. Retrospektive, in einer namenlosen erkaltenden Welt.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): es gibt keine Erzählgegenwart. Er erzählt scheinbar von der Flucht nach hinten, aber Präsens und Vergangenheit konvergieren am Ende nicht.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: kalt
●Einschätzung: es fehlt die Rahmung, um es ästhetisch als gelungen bezeichnen zu können, keine Reflexionsgegenwart, nur nach hinten erzählt, aber von welcher Position aus. Hierdurch verspielt der Text Reflexionspotential, und Öffnungspotential, aber gerade hierdurch entsteht auch die Hoffnungslosigkeit, der Schmerz, die Sackgasse der Entwicklung, der eigenen Psychodramatik.
–> 4 Stern(e)
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): schwächste Part des Buches, denn die Reise zum Mädchen, die Suche (wie nach der blauen Blume) wirkt, aber als er sie findet, mit ihr zusammenkommt und sie dann wieder verlässt, dann wieder finden muss, am Ende wieder entführt … wirkt das alles repetitiv.
●Signal/Noise-Ratio: fast nur Signal, äußerst reduziert geschrieben.
●Operative Geschlossenheit: Zusammen/Nichtzusammen, Sucht/Ernüchterung
●Rahmenstabilisierende Details: leider zu wenig, das Eis, die Kälte wirken nicht
●Extradiegetische Abschnitte: Träume, die in die Welt hineinmontiert werden
●Lose Versatzstücke: nein
●Reliefbildung: zu schwach, zu flach, zu langweilig
●Einschätzung: das Buch verliert selbst auf knapp 200 an Wucht, die Einöde, die fehlenden Verwicklungen, aber insbesondere die Wiederholung, Zusammen/Nichtzusammen/Zusammen/Nichtzusammen … hat sogar Nervpotential.
–> 1 Stern(e)
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: zu Beginn sehr überzeugend wurde es im Gegensatz zu „Ich, die ich Männer nicht kannte“ immer schwächer, statt stärker, die Welt wurde leerer und sinnloser, nicht kämpferischer und dynamischer im Selbst … es verzettelt sich völlig
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) fast
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) teilweise zu Beginn, monomanisch
●stimmig?(Komposition: ja/nein) nicht wirklich gegen Ende, zu wankelmütig
●ein zweites Mal lesen? nein, dann eher Buzzatis „Die Tartarenwüste“
–> 3 Stern(e)
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Malcolm Lowry: „Unter dem Vulkan“

Berauschende Abschnitte im ödem Plotverlauf – desaströse Sinnverdrossenheit.
Inhalt: 1/5 Sterne (benebelte Todessehnsucht)
Form: 5+1/5 Sterne (beeindruckender Stil)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (verwirrend)
Komposition: 5/5 Sterne (aufwendig verflochten)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (zwiespältig)
–> 15/5 = 3,0 = 3 Stern(e)
Unter dem Vulkan gilt als einer der besten englisch-sprachigen Romane des 20. Jahrhundert. Er ist bekannt für das explizite Aufgreifen des Alkoholismus-Motivs, und lässt sich als eine englisch-sprachige Variante von Joseph Roths Die Legende vom heiligen Trinker und Hans Falladas Der Trinker begreifen. Insbesondere Roth besitzt ein gleichermaßen weitgestricktes Allegoriengeflecht, das Malcolm Lowry bis aufs intensivste in Unter dem Vulkan ebenfalls auffährt:
Sie näherten sich jetzt dem Wasserfall, und sein Rauschen klang, als trüge der Wind die erwachenden Stimmen von fünftausend Reisstaren über eine Savannah in Ohio. Der Sturzbach raste ungebärdig darauf zu, gespeist von oben, wo am linken Ufer, das sich mit einem Schlag in eine dichte Vegetationsmauer verwandelte, Wasser in ein von Windengirlanden durchflochtenes Dickicht sprudelte, das sich höher als die höchsten Bäume hinaufzog. Es war, als würde auch die eigene Seele von der reißenden Strömung mitgerissen, zusammen mit den entwurzelten Bäumen und zerfetzten Büschen in wilder Massenflucht dem endgültigen Absturz entgegen.
Ohne Zweifel handelt es sich um einen der wenigen, im wahrsten Sinne des Wortes, schönen Texte des 20. und 21. Jahrhunderts. Diktion und Stil, ornamentale Satzbewegungen, fugenhaftes Ineinandermontieren von Sinnmotiven beeindrucken auf Schritt und Tritt. Teilweise liest sich Unter dem Vulkan als klassisches Epos, nahe an einem Gesang über den Weltuntergang im Saufen. Leider jedoch hält der Stil das Buch nicht allein zusammen. Der Plot streckt sich auf fast 500 Seiten, und im Plot selbst passiert so gut wie gar nichts.
Trinken oder nicht trinken. Aber ohne Mescal hätte er die Ewigkeit vergessen, bildete er sich ein, er hätte ihre Weltreise vergessen und daß die Erde ein Schiff war, das, gepeitscht vom Schwanz Kap Horn, dazu verdammt war, nie sein Valparaiso zu erreichen. Oder daß sie einem Golfball glich, den ein Riese aus einem Irrenhausfenster in der Hölle in einer wilden Linkskurve zum Schmetterling des Herkules hinüberschlug. Oder daß sie ein Autobus war, der in sprunghaftem Kurs nach Tomalín und ins Nichts fuhr. Oder daß sie wie — was sie auch bald, nach dem nächsten Mescal sein mochte.
Im Gegensatz nämlich zu James Joyces Ulysses fehlt die symbolische Eindeutigkeit des Erzählten. Es kommt schlicht zu viel vor: britische Kolonialgeschichte, Journalismus, Spanischer Bürgerkrieg, Hollywoodkritik, politische Intrigen, Mexikanische Revolution, Kommunismuskritik, Seemannsgarn, Popmusikambitionen. Was Unter dem Vulkan fehlt, ist die einheitliche Figur, das eine Bewusstsein. Lowry hätte sich auf den Konsul, den Alkoholiker beschränken sollen – statt noch drei weitere Figuren mitreden und mitassoziieren zu lassen. Sie untergraben das monomanische Sich-Selbst-Zerstören-Wollen bis zur Unkenntlichkeit:
Schuld und Schmerz hatten auch Juan auf Schritt und Tritt verfolgt, denn er war kein Katholik, der gestärkt dem kalten Bad der Beichte entsteigen konnte. Dennoch blieb die banale Tatsache bestehen: die Vergangenheit war unwiderruflich vergangen. Und dem Menschen war ein Gewissen nur gegeben, damit er sie so weit bereute, wie es die Zukunft zu ändern vermochte. Denn der Mensch – jeder Mensch —, schien Juan ihm zu sagen, muß sich genau wie Mexiko unaufhörlich nach oben kämpfen. Was war das Leben anderes als Krieg und flüchtiges Verweilen eines Fremden? Auch in der tierra caliente jeder Menschenseele tobt die Revolution. Kein Friede, der nicht der Hölle den vollen Zoll entrichten muß […]
Warum ich mich für einen halbbrüdrigen Schlagersänger, eine orientierungslos gewordene Hollywoodschauspielerin, einen totgeschlagenen Indio, oder sogar für einen Barmann oder einen Juan, einem wirrsinnigen Katholiken interessieren muss, wird nicht klar. Lowry verzettelt sich im wahrsten Sinne des Wortes. Anders als bei Hermann Brochs Der Tod des Vergils wird aus der kurzen Erzählung, die dem Roman zugrundeliegt, kein totalisierender Text. Hermann Broch gelang aus einem schmalen Text ein breites Epos zu schmieden. Selbiges gelang Lowry leider nicht, und hat dennoch einen der interessantesten Stile in der Tradition von Joseph Conrad zu bieten. Absurde Kluft zwischen Form und Inhalt.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Ästhetik: (jeweils 1-5)
●Kant: verspielt-offen? [Leichtigkeit] – 0
●Lukacs: engagiert-realistisch? [typisch] – 0
●Adorno: avantgardistisch-defensiv? [innovativ] – 5
●Hegel: dynamisch-totalisierend? [pathetisch] – 0
●Einschätzung – oder um welche Ästhetiktradition handelt es sich?: von seiner Gesamtstruktur, negativ aufgeladen, sinn- und Geschichtszersetzend, desolate Avantgarde, Desillusion, nach innen gewendete Immunisierung, ein Paradebeispiel für eine Adorno-Ästhetik, die aber nicht gelingt, da der formale Aspekt zu brav bleibt, und kein einheitliches Motiv vorherrscht (wie bei Jelinek). Oder anders: zu klassisch und schön geschrieben.
Inhalt:
●Hauptfigur(en):
G: Geoffrey Firmin aus Indien, britischer Ex-Konsul in einer mexikanischen Kleinstadt, 43 Jahre alt.
Y: Yvonne Constable, Frau von Geoffrey, hat sich von ihm getrennt, kommt nach einem Jahr wieder.
H: Halbbruder von Geoffrey auch aus Indien, Gitarrist, Journalist.
J: Jacques Laruelle, Kindheitsfreund des Ex-Konsuls, Filmemacher, 43 Jahre alt.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Ort Quauhnahuac (Cuernavaca).
1. Kapitel – aus Sicht von J: Tag der Toten 1939, ein Jahr später als die eigentliche Handlung. H abgereist, um Ermittlung wegen der Ermordung des Konsuls zu entgehen. J abgehalftert, trinkt mit einem Dr. Kindheitsfreund von G, vor 25 Jahren, 1911, G anglo-indischer Waisenknabe. Freundschaft ging zu Ende wegen Gs Stolz, J hat ihn mit einem Mädchen erwischt, unklar. Vor 23 Monaten Trennung Gs von Y wegen dessen Trunksucht, vor einem Jahr kam sie wieder [der Tag, an dem G ermordet wird]. G vermeintlich ein Spitzel. Gs Geschichte – Verdienstkreuz für eine Schlacht mit einem U-Boot. Alle deutschen Gefangenen verbrannten. G wurde in Gerichtsverhandlung freigesprochen. Nach Abbruch der diplomatischen Beziehung zwischen England und Mexiko bleibt G in Mexiko, will an seinem Buch über Geheimwissen arbeiten. Säuft. J verbrennt die Briefe des Konsuls vor aller Augen. J will am nächsten abreisen [genau wie H vor einem Jahr].
2. Kapitel – aus Sicht von Y: [ein Jahr vorher] Y kommt an. Findet G in einer Kantine, wo dieser nach einer Saufnacht zittert. Sie gehen zu Gs Haus. Sehen im Schaufenster einen zerteilten Felsbrocken (La Despedida – die Verabschiedung). Haus von J flößt Schrecken ein? G sagt Y, dass H bei ihm wohnt. Als sie beim Haus von G ankommen, rennt ihnen ein streunender Hund hinterher, den sie vertreiben [später wird G mit einem Hund zusammen in die Schlucht geworfen].
3. Kapitel – aus Sicht von G: Geschichte Ys, 1932 ein Kind verloren an Gehirnentzündung, drei Jahre später lernt sie G in Granada kennen. Y 30, Schauspielerin. G hat keine Socken an, weil er sie nicht mehr anziehen kann. G kämpft gegen die Lust an, weiterzutrinken. Kaum ist Y im Bad, rennt er zur nächsten Kantine, kippt aber auf dem Weg um, wird von einem Engländer mit einem Drink aus dem Flachmann aufgepeppelt. Nachdem er etwas getrunken, kehrt er zurück, versucht im Schlafzimmer mit Y zu schlafen, was misslingt. Y weint, G schläft ein.
4. Kapitel – aus Sicht von H: H kommt an, trifft Y. G schläft. Sie machen mit Pferden einen Ausritt. H Journalist zerbrochen an Idealismus, überlegt in Spanien gegen Franco zu kämpfen. H verliebt in Y. An einer Bierbrauerei halten sie an, Mädchen mit Gürteltier. Y träumt von einer Farm mit G, bspw. in Kanada, wo G sein Buch beenden könnte.
5. Kapitel – aus Sicht von G: wacht auf, sucht seine Alkoholflaschen, wird vom Nachbarn Quincy beäugt. Ein Arzt, Dr. Vigil, auch verkatert, taucht auf, der G behandeln will. G säuft, danach Filmriss. Der zentrale Satz: „LE GUSTA ESTE JARDIN? QUE ES SUYO? EVITE QUE SUS HIJOS LO DESTRUYAN!“ mit dem das Buch auch endet, taucht auf, auf eine Flasche Tequila [«Gefällt Ihnen dieser Garten? Ist er Ihr Eigentum? Sorgen Sie dafür, dass Ihre Kinder ihn nicht zerstören!»] [Vigil = Vergil, will helfen, Referenz an göttliche Komödie].
6. Kapitel – aus Sicht von H: Seine Geschichte, etwas wild, will Schlagersänger werden, schreibt Songs, gibt sie zur Veröffentlichung frei, fährt dann auf See, um sich dadurch noch bekannter zu machen. Fährt auf der Philoktet, auf Yokohama wechselt er auf die Oedipus, wird krank, kommt wieder in London an. Aus den Songs ist nichts geworden. Legt sich mit dem Verleger Bolokowski an, schläft mit dessen Frau. H vergleicht sich mit Hitler, als H antisemitisch wird. H studiert weiter, versöhnt sich mit Bolokowski, H wird Journalist, Zionist. In Erzählgegenwart brechen alle auf einen Spaziergang nach Tomalin auf. Gehen zu Js Haus. Auf dem Weg wird ihm eine Postkarte von Y zugestellt.
7. Kapitel – aus Sicht von G: G versucht nicht zu trinken, sucht das Buch, das er J geliehen hat [das J ein Jahr später in der Kantine erhält, aus welchem er eine Karte von G an Y entnimmt]. Y und H gehen zur Fiesta. G säuft mit J, folgt ihnen, geht in eine Kantine, säuft weiter. Fährt mit einem Karussell, seine Habseligkeiten werden verstreut. Kinder geben sie ihm zurück, er vermisst seinen Pass, kümmert sich aber darum nicht. Der streuende Hund taucht wieder auf. G schafft es gerade noch zum Bus nach Tomalin, wo H und Y warten.
8. Kapitel – aus Sicht von G: Sie fahren mit dem Bus, sehen Vigil und J in Tennisklamotten, sehen die Bierbrauerei, wo das Mädchen mit dem Gürteltier gewesen ist. Fahren beinahe einen Indio um, der bewusstlos geschlagen, oder erschossen, oder tot in der Sonne liegt. Sie steigen aus, kümmern sich aber nicht um ihn, einer der Fahrgäste raubt den Indio auf. Der Indio hat ein Pferd mit der Zahl 7 eingebrannt, auf der Satteltasche.
9. Kapitel – aus Sicht von Y: Y denkt über ihr Leben nach, ihr Leben wie das des Stieres, ihr unfähiger Vater, wie sie mit 15 ein Hollywoodstar wurde, als sie 18 wird, stirbt ihr Alkoholikervater, der Onkel Macintyre holt sie zurück nach Hawaii, will ihr helfen. Sie brennt mit einem Cliff Wright durch, will nicht ins College. Chaos in der Arena, H springt hinein und reitet auf einen Stier. G trinkt vor Y, während H reitet. Y und G sagen, dass sie sich lieben. Dann gehen sie zusammen zu einer Taverne Todos Contentos y Yo Tambien. Einer auf Krücken trägt einen anderen auf Krücken heraus.
10. Kapitel – aus Sicht von G: Im Salon Ofelia, G greift wieder zu Mescal. Erinnerung an Lee Maitland, die er abgeholt hat, in Vavin. Sitzt bei einem Hahnkampfverrückten. Y und H baden draußen. Er sinniert über die Welt, wie er zur Jungfrau Maria gebetet hat. Y und H sprechen über eine mögliche Bergwanderung, auf den Vulkan hinauf. [Popocatepetl und Ixtaccihuatl] Fremdenführer-Einlässe über die Gegend. Dann treffen sie sich. Diskussion über Ausbeutung, Kommunismus, Faschismus. Kommunismus vergleichbar mit dem Christentum, das Rom zerstört hat. Über Tolstoi, freier Wille. G wettert gegen das Einmischen in fremde Angelegenheit, G stürmt raus, will sich in Ruhe betrinken.
11. Kapitel – aus Sicht von Y: Sie gehen G nach, Y befreit einen jungen Adler aus dem Gefängnis [Bild ihrer Liebe]. Y verliert sich ins Kosmische. Y probiert Mescal, mag es nicht. H kauft eine Gitarre. Gedicht von G auf einem Kantina-Zettel. Sie laufen durch den Wald, G hinterher, plötzlich taucht das Pferd des Indios auf, mit der eingebrannten 7. Als das Pferd über ihr hinweg springt, sieht sie das gemeinsam Haus von G und ihr brennen. [viele sehen das Sterbeszene von Yvonne – ich sehe das hier nicht].
12. Kapitel – aus Sicht von G: G säuft Mescal unverblümt, bekommt Briefe von Y ausgehändigt, völlig betrunken, wird von einer Prostituierten abgeschleppt, schläft mit ihr, kann danach nicht zahlen, gerät in einen Konflikt mit der Polizei, die ihn für einen Spitzel hält. Dann sieht G das Pferd mit der 7. Er gibt sich als William Blackstone aus, aber die Polizei will seinen Ausweis, den hat er aber verloren, also wird er vorsichtshalber erschossen, als er mit dem Pferd fliehen will. Am Ende wird er mit einem Hundekadaver in die Schlucht geworfen.
●Kurzfassung: Ein abgehalfterter Marinesoldat hat nach einem zweifelhaften Manöver, bei dem Kriegsgefangene zuhauf ums Leben kamen (Deutsche), einen Konsulposten in Mexiko inne, verheiratet mit einem Ex-Hollywoodstar, will dort ein Buch schreiben, trinkt sich aber lieber zu Tode.
●Charaktere: (rund/flach) sehr komplex, viel zu komplex im Grunde, pynchonartig.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: schwierig hier überhaupt von Konsistenz zu reden
●Besondere Ereignisse/Szenen: viele verschiedene Einzelsequenzen, insbesondere das letzte Kapitel, die Atmosphäre, die Anwesenheit der Vulkane als Todestrieb
●Diskurs: Politik vor und während des 2. Weltkrieges
… das Buch besitzt als roten Faden lediglich Geoffreys Drang, sich zu Tode zu saufen. Yvonne kann ihn nicht davon abbringen. Die Sucht sitzt zu tief. Er kämpft kurz dagegen an, aber lässt es dann bleiben. Er repräsentiert den Untergangswillen – das Nichthelfen als Faktum. Einmischen führt zu nichts, auch nicht das Einmischen in das eigene Leben. Fatalismus als Grund für Alkoholismus ließe sich das Buch deuten. Sie helfen dem Indio nicht, und nachher hilft auch niemand Geoffrey. Niemand hilft irgendwem überhaupt – alle beuten alle aus. Es gibt keinen Ausweg für Geoffrey, und Hugh und Yvonne stehen ratlos neben ihm.
… der Plot trägt leider gar nicht. Er ist tatsächlich sogar langweilig, zäh. Zu viele Anspielungen auf Dante, Faust, auf Shakespeare, Tolstoi, Cervantes etc … am Ende jedoch verbleibt es dabei, es gibt um einen Konsul, einen Filmemacher, der Golf und Tennis spielt, um ein Hollywood-Starlet und einem Möchtegern-Schlagerstar, die sich um die Welt bemühen, aber nichts hinbekommen, und deshalb saufen, Rodeo reiten, Karussell fahren, Affären haben und Bücher schreiben wollen. Die Tragik hält sich in Grenzen, bei aller Emphase auf Empedokles, Faust und Hamlet … einzelne Motive jedoch bleiben stark genug, doch das alles unklar bleibt, lässt mich inhaltlich unbefriedigt zurück
–> 1 Stern(e)
Form:
●Eindruck: die Form ist über jeden Zweifel erhaben. Es liest sich komplex, anspruchsvoll, interessant. Stilistisch überzeugend in jedem Sinne, vielleicht hier und da gewollt manieriert.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hohe Fiktionalität durch den Stil.
●Wortschatz: hochgradig komplex
●Auffälligkeiten: unübersetzte Passagen aus dem Spanischen, wiederkehrende Motive.
●Innovation: Bewusstseinsübergänge, Realitätsverwischung
… stilistisch außergewöhnlich
–> 5+1 Stern(e)
Erzählstimme:
●Eindruck: episodenhaft personal erzählt, unklar, nicht unterschieden zwischen Erzählstimme und Erzählfigur, Überblenden unklar, bewusst als Teppich inszeniert.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): weder noch
●Erzählverhalten, -stil, -weise: intensiv, berauscht, ornamental verknuddelt
●Einschätzung: schwächste Part, da es zum Stoff auch nicht passt, hier hätte eine monomanische Ich-Erzählstimme, eine klare Fokalisierung auf der Figurenebene bedurft, kein Außen, keine Polyphonie, völlig unklar, wer und wo die Erzählinstanz sitzt. Sie stiftet formalästhetisch Verwirrung, keine Klarheit, keinen Zug. Zumindest interessante Ich-Du-Er-Übergänge.
–> 1 Stern(e)
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): durch die mangelhafte Erzählstimme bleibt dennoch ein dichtes Gewebe, da die Motive aufgenommen und weitergetrieben werden, sehr atmosphärisch, sehr eindrucksvoll, als Stimmungsbuch, die Welt aus den Fugen, die Zeit aus den Fugen, Mexiko im Aufstand … und dann der Vulkan, die Todesnähe, der Todesruf, der Untergang der Zivilisation.
●Signal/Noise-Ratio: hoher Noise-Anteil, wenig Signal, um die Stimmung einzufangen.
●Operative Geschlossenheit: Trinken/Nichttrinken, Faschist/Nichtfaschist,
●Rahmenstabilisierende Details: der Bürgerkrieg in Mexiko und Spanien
●Extradiegetische Abschnitte: keine, aber seltsame Träume, Visionen
●Lose Versatzstücke: keine
●Reliefbildung: sehr mager, sehr gleichförmig, dicht und erstickend.
●Einschätzung: von der Verknüpfung äußerst überzeugend, alle Motive werden weitergetrieben und vorangetrieben, leider verwirrend, aber von der Komposition her dennoch ein gelungenes Buch
–> 5 Stern(e)
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Zwiegespalten … das Buch beeindruckt passagenweise, Motive, Ornamente, Allegorien fahren ineinander, stapeln sich, überlagern sich, erzeugen sehr eindrucksvolle Leseerlebnisse, und dann streckenweise Einöde, Leerlauf, da es an Plot und Charakterentwicklung fehlt, aber auch an Ideen, den Text über die barocke Komplexität zu heben.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) nein, kaum ohne historisches Verständnis dekodierbar
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) nein, zu verwoben, zu viel Rausch
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) ja, stellenweise äußerst schön.
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, als Atmosphäre, nicht als Roman.
●ein zweites Mal lesen? sehr unwahrscheinlich, aber stilistisch extravagant
–> 2 Stern(e)
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Peggy Mädler: „Selbstregulierung des Herzens“

Nicht alles, was möglich ist, wird wirklich. Immersiv-narrative DDR-Reflexion.
Longlist deutscher Buchpreis 2026
Inhalt: 5/5 Sterne (Scheitern eines Systems)
Form: 4/5 Sterne (unterstützend)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (auktorial-zurückhaltend)
Komposition: 5+1/5 Sterne (um eine verpasste Möglichkeit herum)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (immersiv-historisch)
–> 25/5 = 5,0 = 5 Stern(e)
Die DDR aufarbeitende Romane bleiben ein Hauptstrang der bundesrepublikanischen Gegenwartsliteratur. Neben Sanditz von Lukas Rietzschel und Helene Bukowskis Wer möchte nicht im Leben bleiben tritt auch noch Peggy Mädlers Selbstregulierung des Herzens hinzu. Anders aber als die meisten Gegenwartsromane setzt Mädler auf einer höheren, das System in seiner Dynamik überblickenden Erzählebene an, indem sie kybernetisch-systemtheoretische Begrifflichkeiten berücksichtigt:
Die menschliche Gesellschaft und ihre Ökonomik sind seit jeher kybernetische selbstregulierende Systeme, unabhängig davon, ob die Menschen das bisher wußten oder nicht.
Und selbst, wenn sie es wüssten, würde dieses Wissen systemisch nicht einfließen können, denn das System besitzt keine Parameter, um die Umwelt darzustellen, bspw. kann das Bewusstsein nicht sein je eigenes Gehirn reflektieren, aus dem es entspringt. Im Falle von Selbstregulierung des Herzens läuft es auf die Problematik hinaus, wie ein System dennoch aus seinen Fehlern lernen könnte, die DDR betreffend, lernen hätte können:
Georg strich sich über die Stirn. Vor ein paar Jahren schienen es ihm noch lauter Einzelfehler im System zu sein, die sich nach und nach finden und beheben ließen – Anfangsschwierigkeiten, aus denen das lernende System Erfahrungen gewinnt, um sich zu korrigieren und weiterzuentwickeln, aber längst kam es ihm vor, als lerne das System immerzu nur aus den falschen Annahmen, als verfestigten sich die Fehler immer mehr.
Wie in Jenny Erpenbecks Kairos wird die Liebesbeziehung in Selbstregulierung des Herzens zu einer Allegorie auf das System selbst. Drei Paare stehen im Zentrum des Geschehens: Georg-Helga, Mona-Konrad und Marlies-Roland mit dem verzagt, höflichen, etwas sehr vorsichtigen Georg als Dreh- und Angelpunkt oder die DDR in den 1960ern vor dem Prager Frühling, als eine Wende der allzu starren DDR-Ökonomie noch möglich schien:
Unter Benders Einfluss wurde ein kybernetisches Zusammenspiel von Plan und Markt plötzlich denkbar, vorstellbar. Die Idee einer Wirtschaft, die sich mithilfe von Anreizen wie ein Organismus in weiten Teilen selbst regulieren und flexibel an innere wie äußere Veränderungen anpassen kann. Mit Betrieben, die sich eigenständig steuern wie Zellen und Organe, während das Gehirn übergeordnete Werte und zentrale Ziele abwägt. Mit Nervenbahnen und Synapsen, die den Informationsaustausch im gesamten Körper gewährleisten. Im Gespräch mit Professor Benders schienen Systeme dynamisch und veränderbar, bereit, aus ihren Fehlern zu lernen. Das fühlte sich gut, vernünftig an.
Wie Systeme besitzen aber auch die Systemelemente, die wiederum auch Systeme für sich sind (bspw. Psychen), einen ausgeprägten Eigensinn und so führen Entscheidungsprozesse und Rückkopplungsmechanismen nicht immer zu den in Bezug auf die Selbsterhaltung optimalen Lösungen. Wie es mit der DDR ausging, ist hinlänglich bekannt. In Selbstregulierung des Herzens wird dieses Scheitern poetisch rückgekoppelt an das, was im Privaten vor sich gegangen ist, ohne das Private auf dieselbe Ebene zu hieven. Peggy Mädler gelingt so, was bereits Christa Wolf in Der geteilte Himmel und Brigitte Reimann in Franziska Linkerhand gelungen ist, und woran Christoph Heins Das Narrenschiff gerade krankte, ein literarischer Nachvollzug einer Epoche.
In seiner ganzen Anlage hat Mädler Heins Roman einfach neu geschrieben und ihm eine literarische Form jenseits der sequentiellen Reihung gegeben und sticht damit aus der aktuellen Gegenwartsliteratur weit heraus.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Ästhetik: (jeweils 1-5)
●Kant: verspielt-offen? [Leichtigkeit] – 0
●Lukacs: engagiert-realistisch? [typisch] – 5
●Adorno: avantgardistisch-defensiv? [innovativ] – 0
●Hegel: dynamisch-totalisierend? [pathetisch] – 0
●Einschätzung – oder um welche Ästhetiktradition handelt es sich?: Keine Verspieltheit, weder formal noch kompositorisch (Kant=0), keinerlei Formanspruch an die Sprache als Subversionsmittel und Immunisierungsstrategie (Adorno=0), und keiner dynamisch-kosmischer Weltentfaltungsprozess, aktive Durchschreitung findet nicht statt (Hegel=0), dafür aber typische, klar herausgearbeitete Totalitätsoptik im Sinne von Lukacs (Lukacs=5).
Inhalt:
●Hauptfigur(en): Georg Paschke, Ökonom und Programmierer; Mona Krüger, bildende Künstlerin; beide um 1940 geboren.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
… Georg, fängt an zu studieren, schüchterner Mensch, befreundet sich mit dem intellektuellen Draufgänger Roland an, der helfen will, als Ökonom, die DDR auf Vordermann zu bringen. 1966 lernt Georg Helga kennen, die bereits verheiratet gewesen ist, und wegen des wilden untreuen Mannes nach Berlin gezogen ist. Sie quartiert sich bei einem unversehens ein. Georg und Helga heiraten 1967, bekommen ein Kind, Frank, einen Sohn, aber Georg arbeitet zu viel und Roland flieht 1969 aus der DDR. 1971 lassen sie sich wieder scheiden. Fortan hat Georg nur noch wenig Kontakt zu seinem Sohn. Er verliebt sich in seine Nachbarin Mona, die aber glücklich mit ihrem Künstler-Partner Konrad liiert ist und in einer Künstler-WG wohnt. 1980 lernt Georg Annelies kennen, bereits mit zwei Töchtern, Krankenschwester. Sie heiraten und bekommen einen weiteren Sohn, Sebastian, mit dem Georg Kontakt hält. Nach der Wende verliert Georg Zugang zu den neuen gesellschaftlichen Umständen, zieht sich mehr und mehr zurück, geht 1998 auf Frührente. Danach beschäftigt er sich mit dem Garten und seinem Bungalow.
… Mona (Illustratorin im Werbebetrieb), übernimmt mit ihren Freunden ein baufälliges Bauernhaus, ihrem Partner Konrad (Schriftsetzer, Werbefachschule, später freischaffend für den Filmverleih), Rita (Kostümbildnerin, Ausreise 1987) und Volker (Schauspieler, 1988 bleibt im Westen, IM), später Uwe (Kameramann), Elke (Puppenspielerin, Ausreise 1987) und ihre zwei Töchter, (Irene, IM), später mit Partnerin Beate. Mona hat eine Schwester, die nach Westberlin gegangen ist, weshalb ihr das Studium der Malerei verwehrt wird, und sie später auch nicht als freischaffende Künstler akzeptiert wird. Sie befreundet sich mit Georg, interessiert sich für die Computer, und küsst ihn einmal. Aus der Beziehung wird aber nichts. Sie bleibt mit Konrad zusammen, sieht Georg aus der Ferne. Nach der Wende gibt es ein Treffen im Wald, in welchem Georg sich bei ihr ausweint. Als er seinen Bungalow aufgibt, verabschieden sie sich.
… Roland und Marlies. Sie lernen sich auf der Akademie kennen und kommen zusammen. Sie ist linientreuer, überzeugter vom System als er. Er aber motiviert, das System zu verbessern, mit der Kybernetik und Ökonomie. Sie streiten sich produktiv. Sie bandeln langsam an, bis klar wird, weshalb, Marlies hat bereits eine Tochter, die bei Marlies‘ Mutter lebt. Nach den Ereignissen während des Prager Frühlings 1968 hört Roland auf zu hoffen, das Kybernetikprogramm wird eingestampft, und er flieht in den Westen. Hierdurch gerät Marlies (auch Georg) unter Druck. Beide sind nun befreundet mit einem Flüchtling und können in ihren Berufen nicht weiter aufsteigen. Marlies arbeitet weiter, robust und unbeirrt. Sie wird später Leiterin der Materialbeschaffung, entfremdet sich aber völlig von der Tochter, darf die Enkelkind lange nicht sehen. Nach der Wende, 1993, treffen sich Roland und Marlies wieder, aber die Kluft ist zu tief, um sich wieder befreunden zu können, und auch für Marlies, um ihn um Hilfe zu fragen.
●Kurzfassung: die DDR in den 1960ern muss sich ökonomisch erneuern, was misslingt, das System igelt sich wie Georg ein, harrt aus und verpasst seine Chance, wie Georg bei Mona?
●Charaktere: (rund/flach) sehr rund und ausgestaltet, sehr lebendig
●Überflüssige Szenen/Charaktere: keine
●Besondere Ereignisse/Szenen: Abschied zwischen Mona und Georg, Wiedertreffen von Roland und Marlies
●Diskurs: Ökonomie, Systemtheorie, wäre die DDR zu retten gewesen?
… erinnert an Christoph Heins „Das Narrenschiff“ und Christa Wolf „Der geteilte Himmel“, sowie auch an „Nachdenken über Christa T.“ Durch das Episodenerzählen aber eher verwandt mit Heins Buch, nur eben fokussierter und systemischer angelegt, eingebettet in ökonomischen Reflexionen.
… inhaltlich lässt sich sagen, dass die Figuren extrem lebendig gezeichnet worden sind, dass der Fokus auf Georg, zurückhaltend, sanft, und auf Mona, abenteuerlustig, aber vernünftig, gelingt, und um sie herum das System zerfällt, das im Grunde gar nicht zerfallen müsste. Leider wiederum nur Fokus auf Intellektuelle in der DDR.
… die DDR wird weniger denunziert, als in ihrer Sackgassenentwicklung nachgezeichnet. Der Plot aber, wie Georg und Mona leben, bleibt spannend, abwechslungsreich und verdichtend erzählt. Vor allem werden die Fäden zu Ende gesponnen. Kein bisschen gelangweilt.
–> 5 Stern(e)
Form:
●Eindruck: nicht aufregend, aber flüssig, rund zu lesen, überhaupt sehr stimmige Form, sehr auf den Inhalt hin geeicht, diesen nicht verunklarend, angemessen für den kritischen Realismus, eher den Inhalt wiedergebend als die Form betonend, aber die Form so gewählt, dass sie sich auch nicht durch Irritationen in den Vordergrund schiebt, gelungene narrative Prosa.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoher Fiktionalität
●Wortschatz: abwechslungsreich, nie eintönig
●Auffälligkeiten: formal unauffällig
●Innovation: keine
… ein Stern Abzug, da die Prosa oft sehr stark von Aufzählungen geprägt, hier und da eher arg verdichtend als auserzählt, nicht immer mit langem Atem geschrieben.
–> 4 Stern(e)
Erzählstimme:
●Eindruck: die Erzählstimme bleibt draußen und kommentiert sanft, und eher empathisch, stellt klar, greift nur selten ein, wenn, dann meist explizit in Klammern … zwar sind die einzelnen Kapitel mit Fokus auf eine Figur, aber über der Figur steht die zurückblickende, alles in Perspektive rückende Erzählinstanz, die als Figur nicht auftaucht, aber reflexiv auftritt, auch durch die kybernetischen Einlassungen, die so nicht von den Figuren kommen müssen. Eine ordnende, sanfte auktoriale Erzählinstanz, unaufdringlich, eher nachdenklich.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): situiert nicht wirklich, sonst ja.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: nachdenklich, stoisch, unerschütterlich.
●Einschätzung: trotz Episodenform ergibt sich eine Einheit, die Erzählstimme selbst wechselt nicht, und sie bettet alles in einen höheren abstrakten Rahmen ein, systemtheoretisch angehaucht, insofern sehr gelungen.
–> 5 Stern(e)
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): vier Kapitel (1960-70-80-90) mit jeweils einem Prolog (über Fritzsch und das Bungalowgebiet), dann Georg, dann einen wechselnden Mittelteil, abgeschlossen von Mona. Der Mittelteil gilt der ersten Partnerin von Georg (Helga), dann dem Partner von Mona (Konrad), dann der zweiten Partnerin von Georg (Annelie), und am Ende das gescheiterte Paar (Roland-Marlies) … im Grunde also dreht es sich von der Komposition her um das Paar Georg und Mona, das, was zwischen ihnen steht (Helga, Konrad, Annelie) und letztlich der Systemkonflikt, repräsentiert durch Roland und Marlies.
●Signal/Noise-Ratio: beides vorhanden, stimmig in Verbindung gebracht
●Operative Geschlossenheit: Öffnung/Schließung, Dynamik/Statik, Liebe/Trennung.
●Rahmenstabilisierende Details: kybernetische Einlassung über Systembildung und die eher allgemeinen einleitenden Abschnitte zu den Kapiteln über die Gesamtsituation des Bungalowareals.
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: keine
●Reliefbildung: durch die Möglichkeit, Abwesenheit und die Entstehung von Liebe
●Einschätzung: der kritische Realismus gelingt her sehr gut aufgrund der abstrakten Höhe des Textes, die Distanz, die die Erzählinstanz einnimmt über den Stoff, der sehr intim, aber auch wiederum systemrelevant ist, es gibt das Innen und Außen des Systems, die Menschen im Privaten, die Menschen im Öffentlichen, und der Streit dazwischen. Sehr gelungen. Besonders eindrücklich die Inszenierung der Freundschaft/Liebe zwischen Mona und Georg, die nicht zustande gekommen ist, das Utopie, die Lücke im Text, die nicht geschlossen wurde.
–> 5+1 Stern(e)
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: sehr stimmiger Nachvollzug der DDR Realität, plausibel, glaubwürdig und immersiv mitzuerleben, eine Erzählstimme, die ein Lebensgefühl in Worte zu fassen versteht
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) ja
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja
●ein zweites Mal lesen? möglich
–> 5 Stern(e)
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Muri Darida: „King Cobra“

Rachetrip mit viel ungarischem Brimborium und Szene-Intensitäten. Unausgewogen.
Longlist deutscher Buchpreis 2026
Inhalt: 3.5/5 Sterne (spannendes Finish)
Form: 3.5/5 Sterne (innovativ-wild)
Erzählstimme: 2.0/5 Sterne (inkonsistent)
Komposition: 2.0/5 Sterne (aufgebauscht)
Leseerlebnis: 2.5/5 Sterne (okay)
–> 13.5/5 = 2.7 = 3 Stern(e)
King Cobra wagt stilistisch viel. Mit gewagten Metaphern, irren Vergleichen und teilweise fast unkodierbaren Metonymien wird ein Rachetrip von Berlin mit Umweg über Ungarn nach Bayern beschrieben. Stofflich sehr nahe an Alisha Gamisch Parasiti, u.a. durch die Abtreibungs- und die Familienzusammenführungsproblematik, andererseits vom Ton her stark mit Julia Josts Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht und Joshua Groß‘ Prana Extrem vergleichbar. Also, eher fett, stark artikuliert, durchstilisiert erzählt:
Lazi öffnete die Selfie-Kamera: im linken Ohr ein Ohrring, im rechten keiner. Haare gab es gerade keine zu sehen, sie waren unter einer Schirmmütze. Gesicht: na ja, Gesicht halt. Quadratkiefer, holzige Haarlinien über den Augen, der Oberlippe und der Stirn. »Faszom tudja«, dachte Lazi durch den Mund, aber leise und auf Ungarisch. (Weiß der Geier.) Nach zwanzig Minuten hielt der Bus an der Vagány-Straße und Lazi stieg aus. (Okay, ich habe geschönt. Faszom tudja heißt: Weiß mein Schwanz.)
Lazi, in einer Geschlechtsumwandlung begriffen, sucht nach einer neuen Identität. Er reist nach Ungarn, zum mütterlichen Teil seiner Familie, um sich ein Gewehr zu holen und um sich mit dessen Hilfe am väterlichen Teil der Familie zu rächen. Direkt zu Anfang wird Lazis instabiles Lebensgefühl mit Kindesmissbrauch in Verbindung gebracht. Lebenshungrig, willensstark sucht er seinen Weg zu einem Ich, das ihn in all seinen Gedanken zu begleiten vermag. Auf die Entwicklung dieses Ichs hin wurde der Roman von Muri Darida komponiert, aber eher im Sinne einer Foucault’schen statischen Rahmung (Narrationsdispositiv) als einer evolutiven hegelischen Entfaltung:
Alles bestens. Ein gestohlenes Gewehr zu suchen und mit dem Hungária EuroCity nach Deutschland zu schmuggeln: eine ausgezeichnete Idee. Einem Blutsverwandten damit ins Gesicht zu schießen: grandios! Nicht zu übertreffen der Einfall, mit einem fucking Luftgewehr zu üben, den Mord aber mit einem Jagdgewehr zu planen. Eh, und wenn der Schuss jetzt ins Pizzaschild ging statt in die Zielscheibe, dann konnte Lazi morgen einfach nach Berlin zurückfahren, Studium abschließen, Videos im Internet posten, Namensänderung beim Standesamt beantragen, Pass abholen, irgendwo in den Urlaub fahren, wo man nicht verboten war, whatever, irgendwas machen, wobei Dilettantentum niemandem schadete.
Vom Stoff her verlangt der Roman eine Ich-Erzählung, die tatsächlich auch irgendwann überraschenderweise gewählt wird – leider überwiegt ein eigentümlich überhebliches auktorial-personales Erzählen von Anfang an, und zudem wirken viele Sprachspiele nur bemüht, nicht flüssig, nicht syntagmatisch erschließbar. Sie zerschießen einfach nur den Lesefluss und wirken avantgardistisch-gewollt, eher dadaistisch-sprachzerstörend:
Lazi riss sich so weit zusammen, nicht mit einem Daumen zu reagieren, sondern in drei Sätzen Leos klare Ansage wertzuschätzen, alles Gute zu wünschen und sich ebenfalls zu bedanken. SonnenblumenEmoji. Doch da war der Selbstverdacht mit Mundgeruch, der an Lazis Gesicht hauchte wie an ein Schulbusfenster und mit dem Finger was Obszönes auf den Beschlag malte.
Die Unausgewogenheit lässt einen unstimmigen Gesamteindruck sowohl formalästhetisch wie narrativ-inhaltlich zurück. Das Ende gelingt jedoch. Zwischendrin lässt Muri Darida aber die Zügel schießen, in jeder Hinsicht, und macht das Leseerlebnis zu wild, rätselhaft, konstruiert und über-ornamentalisiert.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Ästhetik: (jeweils 1-5)
●Kant: verspielt-offen? [Leichtigkeit] – 0
●Lukacs: engagiert-realistisch? [typisch] – 2
●Adorno: avantgardistisch-defensiv? [innovativ] – 3
●Hegel: dynamisch-totalisierend? [pathetisch] – 0
●Einschätzung – oder um welche Ästhetiktradition handelt es sich?: Mit Hegel hat dieser Text nichts zu tun – kein innerer, vermittelter Entwicklungsprozess, eher eine statische Äußerlichkeit … für Kant besitzt es zu wenig Humor, zu wenig Leichtigkeit, eine gewisse Sprachfreude lässt sich erkennen, aber es geht nicht um die Inspiration und Beweglichlichkeit von Einbildungskräfte … tatsächlich eine Mischung aus Adorno und Lukacs, mit leichte Gewichtsverlagerung zu Adorno durch die komplexe Form und in sich reflektierte Komposition (3 Punkte). Lukacs durch das Politische und Didaktische, der Versuch, den Zeitgeist zu rahmen (2 Punkte). — (Nicht abgeklärt genug für Adornos Ästhetik – viel zu pathetisch, und viel zu wenig evolutiv für Hegel; und zu untypisch für Lukács; für Kant zu wenig Humor und Souveränität).
Inhalt:
●Hauptfigur(en): Lazi, Mitte/Anfang zwanzig, Journalist, Künstler, Wie-dschey (Video-DJ).
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Lazi (L) reist von Berlin nach Ungarn, über Budapest, in ein kleines Dorf namens Őzbarna, um dort ihre Familie mütterlicherseits zu besuchen. Der Großvater, András, hat aber ein Erbe hinterlassen, unter anderem ein Jagdgewehr, das L haben möchte, von denen Ls Mutter, Erina, denkt, dass es Mónika, ihre Schwester, mit der sie sich zerstritten hat, an sich genommen hat. L möchte mit dem Gewehr einen Mann erschießen, der L als Kind missbraucht hat [der Mann hat mit ihrem Großvater Heinrich zu tun – vielleicht dessen Sohn, dessen Bruder, dessen Kumpel – zumindest hängt er noch bei dem Großvater herum].
Der Plot geht nun darum: Den Kontakt zu Mónika wiederherzustellen, die sich wegen einer Erbangelegenheit mit dem Rest der Familie zerstritten hat, also durch sie an das Gewehr heranzukommen; und andererseits, inwiefern L ihren Plan der „radikalen Akzeptanz“ wirklich durchziehen will. Nach einigen Tagen in Őzbarna fährt sie wegen eines Jobs nach Budapest, soll dort eine nichtbinäre Person zu den Umständen für sie in Ungarn befragen. Sie lernt hierdurch die Kellnerin Kinga kennen, in die sie sich verliebt und eine Affäre beginnt. L selbst befindet sich in einer Übergangsphase zum Mann und kämpft u.a. damit, ihre Brustwarzen zu verlieren, nachdem sie sich die Brüste abnehmen lassen hat [Mónika wird sie annähen]. Außerdem kämpft L mit Alkoholismus. In Budapest beschließt sie, lieber einen Film über ihren Missbrauchsfall zu drehen. Sie plant den ersten Teil in Őzbarna, den zweiten Teil in Budapest und den dritten auf der Geburtstag ihres Großvater Heinrichs. Als sie zu filmen beginnt, ereilt sie die Nachricht, dass Heinrich an einer Nierenentzündung gestorben ist. Sie lässt sich das Gewehr von der Mitbewohner Mónikas, Zsuzsa, geben. Ihre Großcousine Zsófi hilft ihr, das Gewehr außer Landes zu schmuggeln. Sie fährt zur Trauerfeier, zerschlägt die Urne des Großvaters und zielt auf das Haupt des Kindesmissbrauchers. ENDE.
●Kurzfassung: Ein Missbrauchsopfer entschließt sich, an dem Täter Rache zu nehmen, mit dem großväterlichen Jagdgewehr.
●Charaktere: (rund/flach) komplex angelegt, etwas unscharf, verwirrend beschrieben
●Überflüssige Szenen/Charaktere: „die Landschaft“ – so richtig wichtig ist auch die Familie in Ungarn nicht, Sanyi, Zsófi etc … auch Zsuzsa erschließt sich mir nicht, oder Sara, Angelika, das ganze soziale Umfeld stiftet keinen Beitrag zum Plot. Typisiert aber auch die Hauptfigur nicht. Abtreibung der Mutter auch nicht nötig – eher konstruiert.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Sexszene mit Kinga, die Abtreibungsfolgen der Mutter.
●Diskurs: Rache
… verbindendes Motiv ist die Cobra, die sich, so die Sage, ein Bild ihres Opfers einprägt und dann ein Leben lang jagen wird. Kinga, die Liebe, die L jagt und findet, beides, das Rachebedürfnis und die Liebe liegen in einer Verbindung. Auch eine gewisse männliche Seite wird zelebriert, nämlich mit einem Gewehr eine Trauerfeier zu stürmen. L findet ein Ich, das Ich des Rächers, das Ich, das Kinga liebt. Ohne ihren Entschluss, Rache zu nehmen, hätte sie Kinga nicht kennengelernt.
… das Motiv der Schlange wird breitgetreten: die Versuchung? Vertreibung aus dem Garten Eden. Schlange, hinterhältig.
… gegen Ende wird das Buch spannender, der Anfang liest sich zäh und unergiebig, hat mich sehr an Julia Jost „Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht“ erinnert, von der Dramatik der Familienfeier auch an Toril Brekke: „Ein rostiger Klang von Freiheit“ … Anspielung auf den Film „Das Fest“ von Thomas Vinterberg.
… überflüssig im Handlungsverlauf klar die Problematik des Großvaters, der seine Frau in den Selbstmord treibt, auch: dass die Mutter chemisch ein Kind abtreiben muss, in Ungarn, mit Hilfe von Mónika, weil die Gesetzgebung in Deutschland eine schnelle Abtreibung nicht erlaubt. Trotzdem wirkt das Buch lebendig, dicht erzählt und spannend mit überzeugendem Ende, Punktabzug für den schleppenden Anfang und das verwirrende, aufgesetzt chaotische Nacherzählen.
–> 3.5 Stern(e)
Form:
●Eindruck: definitiv aufwendig geschrieben, in seiner Weise literarisch kodiert und sticht somit unter vielen Neuerscheinungen heraus, leider etwas unbalanciert, etwas sehr ungeschlacht surrealisiert, oft nicht mit einsehbaren Vergleichen, Metonymien etc … schwierig zu lesen dadurch, aber leider ergibt sich aus der Schwierigkeit kein Mehrwert. Es wirkt eher durchgeknallt, manchmal … aber immerhin experimentell.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hohe Fiktionalität
●Wortschatz: vielfältig, interessant
●Auffälligkeiten: absurde Vergleiche, Verdinglichungen, Reduktionen und Abstraktionen
●Innovation: krasse Vergleiche und überzogene Metaphern („Die Sonne machte einen Klimmzug über das Verandadach“ – macht keinen Sinn, da Klimmzüge heißt, hoch und runter, hoch und runter, nicht einfach nur hoch, und zudem wandert die Sonne…) … nicht ausgewogen, zu wild teilweise, zu beschwerlich.
–> 3.5 Stern(e)
Erzählstimme:
●Eindruck: im Grunde auktorial erzählt – da sich ein Kommentar einbindet, die Übersetzung, die er wählt, erklärt, lockert das Gefüge auf, personal erzählt mit Kommentar, und so, dass der Kommentierende rausfliegt, in dem Moment, als L zu sich findet. Die Erzählposition bleibt dennoch unklar, immersiv, parteilich, nicht durchschaubar, wirklich, eher unangenehm unklar. Es wirkt objektivierend, verdinglichend, etwas entmüdigend, wie über die Figuren erzählt wird, sehr viel Urteil, sehr viel Abgrenzung
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): teilweise reflektiert, unsituiert,
●Erzählverhalten, -stil, -weise: eher überheblich
●Einschätzung: macht keinen Spaß, dieser Erzählstimme zu folgen, erst als sie verschwindet, ergibt das Ganze Sinn, da es im Grunde als Stoff zu einer Ich-Erzählung tendiert, nicht zum personalen oder auktorialen.
–> 2 Stern(e)
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): unnötig die Songtitel, tragen nichts bei, aber der Twist, dass der auktoriale Erzähler verschwindet und endlich die Ich-Erzählung beginnt, hat einen kompositorischen Aha-Effekt, der mich überzeugt hat. Leider die 90% vorher beschwerlich komponiert, überlastet mit Beschreibungen, Ornamenten, Verunklarungen, wirkt eher aufgeplustert als stringent.
●Signal/Noise-Ratio: viel Noise, auch sehr verrückt, ungeprüft, irgendwelches Gebrabbel.
●Operative Geschlossenheit: schwierig, aber zumindest Rache ja/nein
●Rahmenstabilisierende Details: das Hin- und Zurück nach und von Ungarn
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: bin nicht überzeugt von der Auflösung mit der Mutter, mit dem Verhalten des Großvaters, auch der Anfang wirkt gewollt, diesbezüglich. Passt alles nicht in ein Panorama.
●Reliefbildung: anfänglich sehr schleppend …
●Einschätzung: die Komposition gelingt im letzten Viertel, dennoch zu verquast geschrieben, macht deshalb oft keinen Spaß, da es auch keinen Mehrwert besitzt, die einzelnen Metaphern zu dekodieren.
–> 2 Stern(e)
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Anfang langatmig, Thema eher unterbelichtet, das Rachebedürfnis, viel Verdrängung, viel Familie, viel personaler Selbstsinn, der eine stärke Ich-Erzählung benötigt hätte, deshalb öde bis 66%, dann nimmt das Geschehen Fahrt auf und endet gut.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, Sprache unausgewogen, kein Stil, zu wild.
●stimmig?(Komposition: ja/nein) stimmig im Sinne des Autonomiebegehrens ja.
●ein zweites Mal lesen? nein, kompositorisch, formal zu zäh
–> 2.5 Stern(e)
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Alisha Gamisch: „Parasiti“

Russlanddeutsches, unpoetisches Drama um ungewollte Schwangerschaften vor und nach der Wende.
Longlist deutscher Buchpreis 2026
Inhalt: 1/5 Sterne (Familiengeschichte)
Form: 1/5 Sterne (rudimentär)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (episodenhaft)
Komposition: 2/5 Sterne (narrativierte Historie)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (langweilig)
–> 7/5 = 1,4 = 1 Stern(e)
Parasiti nimmt den Faden von Elli Unruh aus Fische im Trüben und Jehona Kicajs ë auf und erzählt eine Familiengeschichte, geprägt von Flucht und teilweise von Gewalt, unter Verwendung von viel Sprachkolorit und Brauchtumserwähnung. Im Zentrum des Geschehens steht die Ehe zwischen Sashka und Lydia, die alles andere als harmonisch verläuft:
Ihr Sashka hat wieder gestunken, als hätte er im Klohäuschen gelegen. Wie oft hat sie ihm schon gesagt: »Wasch dich, bevor du ins Bett kommst! Trink, wenn es sein muss, aber wasch dich wenigstens!« Doch er spritzt sich immer nur Adekalon ins Gesicht. Als würde das helfen. Er ist nach Mitternacht gekommen, rumpelnd und mit einem Geruch, boshe moj! Davon ist ihr so schlecht geworden, dass sie aufstehen musste, ein paar Minuten auf und ab gehen – wie ein Geist.
Wir schreiben das Jahr 1961 im damals sowjetischen Novosibirsk. Lydia lebt mit ihrer Tochter Elvira und dem Ziehkind Valentina bei ihrem Mann und dessen Vater, Sashka, der als Trinker so gar nichts auf die Reihe bekommt. Lydia lernt dann Marusja kennen und durch sie ein wenig Freiheit, und auch Vera, in der Klinik, wo sie einem weiteren Kind von Sashka vorbeugt, der sich ihr immer wieder aufzwängt. Das Buch Parasiti hat den Namen durch Sashka erhalten:
Fort aus Sibirien? Die Schwester bereitete sich, ohne zu zögern, auf die Fahrt nach Estland vor. »Mama und Tante Gerda kommen mit. Für dich habe ich auch ein Ticket.«
Aber in Lydia regte sich Widerstand. »Wieso gehst du einfach davon aus, dass ich mitkomme und meinen Paren zurücklasse, dass dein Arto besser ist als mein Sashka?«
»Lass den Parasit laufen, pack deine Sachen, nächsten Monat geht’s los.«
»Er ist gar nicht so schlimm«, sagte Lydia. »Er ist ein guter Mann, wirst schon sehen.«
Tatsächlich bringt Sashka ein paar Sachen durch seine Trägheit in Gang, und davon handelt das sehr episodisch, höchst unklar erzählte Buch von Alisha Gamisch, das mit drei Stimmen und drei Zeitebenen noch die Handlungszusammenhänge zu rekonstruieren deshalb erschwert, da viele auf viele verschiedene Weise bezeichnet werden, bspw. Valentina heißt „Jelenatochter“, „Fledermausbalg“, „Tante“, „Schwester“ und „Valli“, und so geht es mit allen Figuren in allen drei Zeitebenen. Die Verwirrung tröstet leider nur schwach darüber hinweg, dass nicht allzu viel geschieht oder erzählt wird:
Lydia ist sowieso noch zu müde, sie dämmert davon wie ein Stückchen Holz im Fluss Ob.
Müde nach dem Buch bin ich auch. Weder werden die ökonomischen noch politischen, noch hygienischen Umstände klar, weder wird der Lebensraum beschrieben noch die Reisen, selbst das Äußere der Figuren bleibt verdunkelt. Schemen geistern durch den Raum der Nachkriegszeit, Gespenster im Leidensdruck der Verhältnisse. Das sehr Biographische wird durch das episodenhafte Erzählen und durch die realistische Ästhetik zu trocken und zu zerbröselt. Intensität kommt nicht auf. Leider. Da helfen auch die vielen schönen russischen Wörter nicht drüber hinweg.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Ästhetik: (jeweils 1-5)
●Kant: verspielt-offen? [Leichtigkeit] – 0
●Lukacs: engagiert-realistisch? [typisch] – 5
●Adorno: avantgardistisch-defensiv? [innovativ] – 0
●Hegel: dynamisch-totalisierend? [pathetisch] – 0
●Einschätzung – oder um welche Ästhetiktradition handelt es sich?: Weder besitzt es Sprachspiele, noch Akzent auf die Formästhetik, noch besitzt es Brechungen und Disruptionen des Negativen (weder Kant noch Adorno). Es besitzt auch keine Dynamik des Werdens, der Entwicklung (Hegel). Es bleibt nur der Realismus und die Typisierung von Lukacs.
Inhalt:
●Hauptfigur(en): Lydia, Erzählgegenwart (2021) sehr alt, über 80 Jahre. Tochter Elvira, um die fünfzig, Enkelin Rina, Mitte zwanzig? … Lydia ist auch die (quasi) Tanta von Valli, oder der Jelenatochter, die Tochter ihres Ehemannes Sashka. Großtante Gerda (Schwester von Mutter/Vater? Vater von Lydia wohl Deutsch. Onkel heißt Fritz.). Rina hat einen Bruder (sehr unwichtig), seine Ehefrau heißt Giulietta.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
… Novosibirsk (1961) – Valga 1963 (Estland) – Fürstenfeldbruck (2021)
… Lydia (deutschstämmig) bleibt in Novosibirsk zurück, zieht mit ihrer Familie nicht nach Estland (mit ihrer Mutter, Tante Gerda und Frida). Sie bleibt in Novosibirsk bei ihrem Ehemann Sashka, Alkoholiker, einstmals Musiker, der nichts wirklich hinbekommt. Er erhält ein Jobangebot, reist weg, und dann nimmt Lydia nach zwei Jahren Eheleben mit ihrer kleinen Tochter Elvira reißaus, fährt nach Valga, lässt Valli bei ihren Eltern zurück. Später schreibt Lydia Valli aus schlechtem Gewissen heraus, die zeigt den Brief Sashka, der fährt nach Estland und erobert sich Lydia zurück. Später reisen sie aus der Sowjetunion aus, nach Deutschland, und Lydia organisiert, dass ihr Ziehkind Valli mitkommen kann. Sie leben in Bayern, in Fürstenfeldbruck. Dort bekommt Elvira eine Tochter, Rina, die irgendwann studiert und Valli ausfragst. In der Erzählgegenwart wird Lydia dement, kaum ansprechbar. Eine Anti-Abtreibungspuppe erinnert sie an die Geschehnisse damals, als sie im Krankenhaus eine Schwangerschaft abgebrochen hat, Vera in ihrem Zimmer kennenlernte, die aber an den Folgen des Schwangerschaftabbruches stirbt. Vera repräsentiert hier Freiheit, ebenso wie Marusja, die später mit Olga zusammen in Russland lebt.
… Valli, Fledermausbalg, Jelenatochter, lebt bei ihrem Onkel Sashka, weil ihre Eltern sich nicht um sie kümmern können. Sie wird nur geduldet, wirkt wie ein Wildfang, prügelt sich oft, lernt Peter kennen, beginnt in der Jugend eine Liebesaffäre, aber betrügt ihn mit Vadim, der sie eher für Sex benutzt. Später, in Deutschland, muss sie dann abtreiben, vergiftet sich fast. Als Sashka in Deutschland stirbt, übernimmt sie seine Aufgaben in der Familie.
… Rina hat mehrere Affären, diese die Jeweiligen nennt. Fra könnte ein Bleibender sein, aber versteht sie nicht. Rina hat Angst schwanger zu werden, hört sich von Valli die Familiengeschichte an und beschließt eine Russlandreise zu unternehmen.
●Kurzfassung: aus Sicht von drei Frauen, Lydia, ihre Ziehtochter Valli, und ihre Enkelin Rina wird das Leben von den 1950ern bis 2020ern zwischen Sowjetunion und Deutschland erzählt. Lydia und Valli mussten abtreiben, Rina trennt sich von ihrem Freund Frau, um es zu verhindern, nachdem sie schon befürchtet hat, schwanger zu sein. Stattdessen beschließt sie auf den Spuren ihrer Familie nach Russland zu reisen.
●Charaktere: (rund/flach) keine wirklich Figuren, eher Mitmenschen, über die man etwas erfährt
●Überflüssige Szenen/Charaktere: bei dieser Art von Dokumentation nicht möglich
●Besondere Ereignisse/Szenen: Strandbesuch mit Marusja, die Abtreibung in Novosibirsk.
●Diskurs: Schwangerschaftsabbruch
… verwandt mit Annie Ernaux „Das Ereignis“ und vom Personal mit Elli Unruh „Fische im Trüben“ … Ernest Hemingway „Hügel wie weiße Elefanten“ … tatsächlich kein so häufiger Themenkomplex. In der deutschen Literatur wegbereitend: Friedrich Wolf „Cyankali“. Eine Gegenposition findet sich bei Karin Struck und „Ich sehe mein Kind im Traum: Plädoyer gegen die Abtreibung“.
… persönliche Rekonstruktion einer Familiengeschichte. Im Grunde kein Plot. Eine gewisse Spannung entsteht durch die Rekonstruktion der Familienverhältnisse, und der Entdeckung der Namen nach und nach (wer ist Tante, Onkel, wer Mutter, wer das Kuckuckskind etc …)
… inhaltlich gibt es nichts, was zum Lesen motivieren könnte.
–> 1 Stern(e)
Form:
●Eindruck: ungefilterte Sprache, rudimentär, kaum Schriftsprache. Hier und da ein paar Beschreibungen und Metaphern, sehr reduziert.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) kaum, Figuren besitzen keine Umwelt
●Wortschatz: Interessant durch das Kleines russlanddeutsches* Inventar, Glossar am Ende des Buches, das die Wörter, die verwendet werden, erklärt. Hier Ähnlichkeiten zu Jehona Kicajs „ë“, das sehr ähnlich angelegt ist, statt Abtreibung aber dort Zahnschmerzen. Viele Hinweise auf Folklore.
●Auffälligkeiten: Fremdwörter, bspw. Atlitshnik (Musterschüler) …
●Innovation: keine, außer die Sprachdurchmischung, die aber nicht aufgehoben, motiviert wird, also keine innerästhetische Notwendigkeit besitzt. Wirkt wie „Name dropping“ nur mit russlanddeutschem Vokabular.
–> 1 Stern(e)
Erzählstimme:
●Eindruck: episodenhaftes Erzählen, springen in der Zeit, keine klar erkennbare Fokalisierung. Unklare Personalisierung in den Abschnitten.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): eher parteilich, empathisch.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: eher nüchtern.
●Einschätzung: keine literarische Formalisierung in diesem Sinne.
–> 2 Stern(e)
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): es entwickelt sich auf die Namen hin: die Tante (Mutter von Elvira), Lydia Genrichovna (63%), Valentina Antonovna (94%) – Valli, die Jelenatochter. Von Anfang ihren Namen hat Rina, d.h. sie wächst am sichersten und am wenigsten eingeschränkt auf. Der Plot ist leider so wenig ergiebig, dass er durch Namen-Verunklarung (die Mutter – Lydia – die Tante; oder das Kuckuckskind – Jelenatochter – Valli – Valentina) aufwartet, die Zeiten durchmischt, ein wenig Demenz, Abtreibung und Eheproblematik hineinbringt, es durchschüttelt, um den Stoff in seiner Vorhersehbarkeit etwas aufzulockern.
●Signal/Noise-Ratio: nicht viel Noise, aber ein bisschen Lokalkolorit
●Operative Geschlossenheit: nein, es gibt keine Narration in dem Sinne
●Rahmenstabilisierende Details: Abtreibungen, in der Sowjetunion, in der BRD.
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: keine
●Reliefbildung: sehr langatmig, erst einigermaßen durch die Ehekrise zwischen Lydia und Sashka interessant.
●Einschätzung: Die Komposition ist die Stärke des Buches – aufgelockertes, mit neuen Worten durchmischtes Nacherzählen der Familiengeschichte mit Namensmischung.
–> 2 Stern(e)
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: extrem langweilig und langatmig, da ich lange nicht wusste, er wer ist in dem Spektakel an Namen und Verwandtschaftszuschreibungen, ab 40% ging es, nachdem ich begriff, begreifen durfte, wer Valli ist oder die Jelenatochter. Leider viel zu wenig realistisch, viel zu wenig mit Umgebung, mit Strukturen, viel zu wenig historisch.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) nein, nicht wirklich, nicht vollkommen selbsterklären.
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, weil nichts passiert
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) auf keinen Fall
●stimmig?(Komposition: ja/nein) nein, da kein Stoff vorhanden, kein Erzählung, keine Wut
●ein zweites Mal lesen? nicht im Traum
–> 1 Stern(e)
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Daphne du Maurier: „Rebecca“

Selbst-Annihilationsallüren des britischen Landadels mit sadistischen Untertönen.
Inhalt: 2/5 Sterne (schlimme Männerfigur)
Form: 3/5 Sterne (gut lesbar)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (konsequente Ich-Erzählerin)
Komposition: 0/5 Sterne (unklar, unentschieden)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (erzählend-intensiv)
–> 12/5 = 2,4 = 2 Sterne
Bereits 1938 publiziert, ist Rebecca noch immer durch Wiederauflagen millionenfach präsent, höchstwahrscheinlich auch deshalb, weil sich der Stoff besonders zum Ende hin zur Verfilmung eignet. Der Anfang jedoch, atmosphärisch und dicht, fast schwebend und nuanciert besitzt viel Literarizität, das Rebecca aber im Zuge seines Handlungsverlaufes verliert. Der Roman von du Maurier erscheint retrospektiv als De-Emanzipationsprozess einer Ich-Erzählerin, die hoffnungsvoll mit Anfang zwanzig ins Leben springt:
Die Straße wand sich endlos in die Hügel hinauf, und das Auto mit ihr, und wir kreisten in der Höhe wie ein Vogel in der Luft. Wie anders dieser Wagen als der Mrs Van Hoppers, den sie für diese Saison gemietet hatte, ein eckiger, altmodischer Daimler, der uns an friedlichen Nachmittagen nach Menton brachte, während ich mir auf dem kleinen Sitz mit dem Rücken zum Fahrer den Hals verrenkte, um die Aussicht zu genießen. Dieses Auto verfügte über Merkurschwingen, dachte ich, denn wir stiegen immer höher, und das gefährlich schnell, und diese Gefahr gefiel mir, denn sie war neu für mich, und ich war jung. Ich erinnere mich, dass ich laut lachte und dass dieses Lachen vom Wind davongetragen wurde […]
Die namenlos bleibende Ich-Erzählerin, die sich als Gesellschafterin bei Mrs Van Hoppers verdingt, Waise und gesellschaftlich weit entfernt von jenem Landlord Maxim de Witwer, frisch verwitwert, beginnt eine Affäre mit eben diesem in Monte Carlo und heiratet ihn überstürzt. Als sie auf sein Anwesen zurückkehren, Manderley, herrscht noch die Atmosphäre seiner verunglückten Ehefrau, Rebecca. Der Roman dreht sich nun darum, wie die Ich-Erzählerin mit der drückenden psychologischen Hypothek umgeht, die Nachfolge einer strahlenden, alle einnehmenden Gesellschaftsfrau wie Rebecca anzutreten. Schon die erste Schritte zeigen, dass es ein fast unmögliches Unterfangen wird:
Ein dünner Rauchfaden stieg vom Schornstein der Bibliothek auf. Ich kaute an meinem Daumennagel und beobachtete Frank aus dem Augenwinkel. Dann fragte ich ihn in einem möglichst ungezwungenen Ton, wie nebenbei: »Sagen Sie mir, war Rebecca sehr schön?«
Frank zögerte einen Moment. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen. Er hatte den Blick von mir abgewandt und auf das Haus gerichtet. »Ja«, antwortete er langsam, »ja, ich glaube, sie war das schönste Wesen, das ich je in meinem Leben gesehen habe.«
Leider, nach intensivem, außergewöhnlich atmosphärischem Anfang beginnt Rebecca vor sich hin zu dümpeln. Die Ich-Erzählerin leidet unter der Rebecca-Nachfolge und Maxim, ihr neu vermählter Ehemann, hilft ihr nicht, steht ihr nie bei mir. Ja, er lässt sie links liegen, kümmert sich um sich und sein Anwesen und weist sie nur manchmal zurecht. Statt aber wie Jane Eyre reißaus, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen, ergibt sich die Ich-Erzählerin nun und duldet alles, was auf sie zukommt, hält den Kopf hin, die erste wie die zweite Wange und nickt alles ab, selbst die unmöglichsten Tatsachen. Kompositorisch krankt Rebecca an dem schwachen, wenig ausgestalteten Maxim, der als gutmütiger Patriarch über seine unterwürfige, halb so alte Ehefrau verfügt:
Die Episode war abgeschlossen. Wir durften nicht mehr darüber reden. [Maxim] lächelte mir über die Teetasse hinweg zu und griff nach der Zeitung auf seiner Armlehne. Das Lächeln war meine Belohnung. Wie ein Klaps auf den Kopf für Jasper. Guter Hund, leg dich hin, mach mir keinen Kummer mehr. Ich war wieder Jasper. Ich war wieder dort, wo ich schon einmal gewesen war. Ich nahm ein Hefestückchen und teilte es zwischen den zwei Hunden auf. Ich selbst hatte keinen Hunger. Ich fühlte mich dumpf und zermürbt, sehr matt und ausgelaugt.
Das Hauptproblem des Buches besteht in seiner fahrigen Komposition, die die Entwicklung der Ich-Erzählerin, die eine besondere, schillernde Stimme erhält, abrupt abbremst. Im ersten Drittel erinnert Rebecca figurenanalogisch an Bonjour Tristesse von Françoise Sagan, im zweiten Drittel, unter umgekehrten Vorzeichen, plotstrukturell an Jane Eyre von Charlotte Brontë, im letzten jedoch an die Finsternis von Emily Brontës Sturmhöhe und der radikal de-emanzipatorischen Geste einer Jane Austen in Emma. In diesem wilden Gemisch lässt sich kaum eine Einheit finden, nicht zwischen wild-unschuldigem Coming-of-Age, dunkel-finstere dynastisch-statischer Vollstreckung und innerpsychologisch-dynamischer Selbstbewusstseinsentfaltung. Rebecca besitzt einfach zu viele schillernde Züge, um sie unter einen ästhetischen Hut zu bringen – der Gesamteindruck leidet unter dem Ende von Daphne du Maurier gewählten Ende beträchtlich. In Sternen ausgedrückt: Anfang 5, Mittelteil 2, Ende 0 Sterne.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): IE, ohne Namen, 21 Jahre alt, heiratet 42jährigen Maxime de Winter, seit einem Jahr Witwer, hat seine viel jüngere Frau (ca. 10-15 Jahre) vor einem Jahr verloren, als die Erzählung einsetzt.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: im Kommentar, da zu lang.
●Kurzfassung: Ein reicher Adliger mit berühmtem Anwesen heiratet eine unfruchtbare Frau, Rebecca, die ihm untreu ist. Er ermordet sie. Er zieht sich zurück, geht auf Reisen, lernt eine unbedarfte junge Gouvernante kennen, die Ich-Erzählerin, heiratet sie und nimmt sie mit zurück auf sein Landwesen. Sie hat es schwer, sich gegen ihre Vorgängerin durchzusetzen und das Vertrauen ihres viel älteren Ehemannes zu gewinnen. Als ein Schiff vor ihrem Besitz auf Grund läuft, wird Rebeccas Leiche gefunden. Er gesteht seiner Frau alles. Sie hält zu ihm und mehr oder weniger durch glückliche Umstände, kommt er mit dem Mord davon. Am Ende wird Selbstmord angenommen, da sie wenige Stunden vor ihrem Tod eine unheilbare Krebsdiagnose und Unfruchtbarkeit diagnostiziert bekommen hat. Auf dem Rückweg sehen sie, dass ihr Landwesen in Flammen steht. Sie reisen zum Mittelmeer. Die Ich-Erzählerin blickt zurück.
●Charaktere: (rund/flach) leider sehr flach
●Überflüssige Szenen/Charaktere: die Rolle von Ben, dem geistig behinderten Sohn eines Pächters, ist nicht klar, auch nicht die von Frank Crowley, dem Vorsteher; der Kostümball erscheint auch nicht wichtig genug für den Umfang, den er einnimmt.
●Besondere Ereignisse/Szenen: die einsamen Spaziergänge der IE durch Manderley.
●Diskurs: Erbnachfolge, Sohn als Erben, typischer Landadelroman
… Hauptproblem des Romans, die unbedarfte, lebensfrohe IE heiratet einen geheimnisvollen Prinzen, der nicht wirklich aus sich herauskommt. Als er durch äußere Umstände sich gezwungen sieht, mit der Wahrheit herauszurücken, ist sie lediglich erleichtert, dass er Rebecca nicht liebt, dass er kaltblütig seine Frau erschossen hat, bleibt nebensächlich (!). Hier hat der Roman arge Probleme in der Motivierung, denn Maxim wird zwar als gutaussehend beschrieben, aber er hält nicht zur IE, wochenlang lässt er sie links liegen, und dann kommt raus, er hat seine Frau umgebracht und alles ist gut?! Wie soll ich das als Leser verstehen? Motiviert wird dies durch die Mittelosigkeit und Ausgeliefertheit der IE, also eine Art Stockholmsyndrom. Der Adel, der sich nicht fortpflanzen kann, zerstört sich selbst, zerstört seine Basis und konsequenterweise steht am Ende der Landbesitz auch in Flammen. Fakt: Rebecca konnte Maxim keinen Erben schenken, von der Problematik wird kaum geredet, aber Rebecca wirft ihm das exponiert vor, Maxims großer Traum zerbricht, weil er keine standesgemäße Gattin findet, die ihm Kinder schenkt. Am Ende leben sie im Exil.
… große Ähnlichkeiten zu Jane Eyre und Sturmhöhe. Mit Sturmhöhe, da es um dynastische Verflechtungen geht, mit Jane Eyre aus der ganzen Anlage heraus, eine junge Gouvernante verliebt sich in einem geheimnisvollen Landbesitzer, der eine verrückt gewordene Ehefrau verbirgt. Unterschied: kurz vor der Heirat zwischen Jane Eyre und Edward Rochester kommt heraus, dass Rochester bereits verheiratet ist, und Jane Eyre verschwindet auf eigene Faust. Sie emanzipiert sich, muss sich völlig mittellos durchschlagen und baut sich ein eigenes Leben auf. Später passiert es, dass Thornfield Hall niederbrennt, Rochester seine Ehefrau zu retten versucht hat, aber sie durch die Flammen verstirbt. Edward verliert Hand und Augenlicht. Jane pflegt ihn, und sie heiraten nach einer Weile. Eine sehr ähnlich gelagerte, aber völlig andere Geschichte, denn die Ich-Erzählerin heiratet erst, nachdem sie zu sich gekommen ist.
… durch den Mord an seiner Ehefrau verspielt Maxim noch das letzte bisschen Sympathie, die im Grunde schon dadurch, wie er die IE auf Manderley behandelt kaum da gewesen ist (schreckliche Kostümballszene). Da es aber als Grundstruktur die Erbfolgeproblematik besitzt, erweist sich das Buch als Metanarration der Zerstörung des Landadels, wie auch Jane Eyre, die Verbürgerlichung, die Angleichung an den Mittelstand durch selbsthervorgebrachte Unglück.
… Hauptproblem des Buches ist die matte Figur von Maxim, der so unkonturiert, falsch, kaltblütig und eigensinnig erscheint, dass die ganze Dynamik des Buches dadurch zusammenbricht. Alles hängt von ihm ab, aber er ist schlaff – das, was er hinbekommt, ist seine Frau mit einem Gewehr abzuknallen, weil sie ihm ein Kuckuckskind andichtet. Er besitzt nicht die Auro des Gebildeten, nicht die des Kultivierten, nicht die eines Draculas und Verführers, nicht das Unheimlich-Monströse. Durch diese Figur werden die ganzen Interaktionen unglaubwürdig. Einzig Manderley existiert, als schwache Erinnerung eines einstigen Glanzes VOR Maxim.
… ein gelungenes Ende wäre bspw. gewesen, dass sie in Manderley bleiben, alles gut erscheint, und eines Nachts, nach ein paar Jahren, die Ich-Erzählerin die Kälte von Maxim nicht mehr erträgt und anfängt von einem anderen Mann zu phantasieren, und hierbei, plötzlich die Hände um ihren Hals spürt, die Hände desjenigen, der sie erdrosselt wird, Maxim, wie auch seine andere Frau. Das würde dem Gothic-Genre mehr entsprechen: die Ich-Erzählerin als Fortsetzung des Immergleichen. Aber dieses Ende wird nicht gewählt. Sie geht in die Falle, weiß es nur nicht. Deshalb leider nur:
–> 2 Sterne
Form:
●Eindruck: pendelt etwas zwischen Krimi-, Wohlfühl-, und Hochliteratur herum. Unentschiedenen Allegorien, etwas allzu deutliche Metaphern, ein paar gewollte übertünchte Figuren und Beschreibungen, die ornamental wirken und nicht in die Dialogstruktur hineinpassen
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoch, als erzählerischer Text ohne Frage
●Wortschatz/Wortzahl: interessant, mitreißend, aber nicht gerade originell
●Auffälligkeiten: viele Dualismen, aber als Sprache nicht interessant genug, um erforscht zu werden
●Innovation: keine, aber enorm gute Lesbarkeit
–> 3 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: die Erzählstimme brilliert hier, die Ich-Erzählerin ist klar involviert, völlig im Stoff, bleibt fokalisiert, überhebt sich nie, bleibt bei sich und hat Dringliches zu erzählen. Schon von Anfang an überzeugt die Stimme, die nach und nach sich aber verliert, verdünnisiert, aber nicht inkonsequent wird.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): ja, alles drei.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: empathisch, immersiv, literarisch-brillant
●Einschätzung: die Erzählinstanz ist eine der großen Stärken des Buches, weshalb es auch so gut anfängt, leider aber bricht die Stimme irgendwann in sich zusammen, in ihrem Versuch, Hauptfigur ihrer eigenen Geschichte zu werden.
–> 4 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): das Buch beginnt atmosphärisch eindrucksvoll, lahmt aber durch viel zu viele Theaterdialoge in der zweiten Hälfte ab, diese Strecken und Dehnen von Zeit zieht nicht mehr, da es keine Entwicklung mehr gibt, nur noch die Frage: Kommt der Typ mit dem Frauenmord davon.
●Signal/Noise-Ratio: gute Balance, vor allem zu Beginn
●Operative Geschlossenheit: operativ sehr geschlossen hinsichtlich der Erbfolgefrage
●Rahmenstabilisierende Details: Manderley als Ort, Sehnsucht und Horror, die Tradition, der Landsitz.
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nein
●Reliefbildung: schleicht sich aus, eher langgedehnt, 150 Seiten zu lang.
●Einschätzung: verliert gegen Ende an Intensität, wird zum Drama und Drehbuch, aber noch nicht einmal ein gewitztes. Kompositorisch durch das vorschnelle Geständnis von Maxim eine Katastrophe (als Krimi), vom kritischen Realismus her gesehen zu untypisch die Figuren, eher singulär und eigentümlich, zu wenig Allgemeinheit spürbar, und das Thema, mit einem Mord davonkommen, eignet sich auch nicht für die moralischen Untertöne des kritischen Realismus. Insgesamt sehr unausgewogen, entweder der Anfang unpassend, oder das Ende, mit langatmigem Mittelteil.
–> 0 Stern
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: den Anfang mochte ich in seiner stimmungsvollen Atmosphäre sehr. Es hat mir richtig Spaß gemacht, dieser Ich-Erzählerin zu folgen, für die das Leben ein riesengroßes Abenteuer ist – auch die erste Verliebtheit, die dann aber (erster Leseschock) sofort in Heirat endet. Bumm … und dann geht etwas anderes los, nämlich das Gefühl, nicht genügen zu können, okay, selbstgebautes Problem, wieso einen viel älteren Witwer mit Kommunikationsstörung direkt heiraten (!) … aber auch hier, gute Atmosphäre auf Manderley, langsames Heraufziehen der Problematik Rebecca. Bis 50% ging das noch für mich auf, dann aber brach ein Realismus ein – die ganze Symbolik verlor sich, weil Rebecca plötzlich ermordet worden ist, von Maxim, weil sie fremdgegangen ist, ihm Hörner aufgesetzt hat und mit einem unehelichen Sohn gedroht hat. Der Mord an ihr, den er gesteht, zerstört die Atmosphäre. Nun handelt es sich um ein Rechtfertigungsbuch, das ich dann kaum noch ertragen habe – es ist ein ganz anderes Buch geworden, aus: eine junge Frau findet ihren eigenen Weg, wird ein Mann kommt mit einem Mord davon und wird „geliebt“ dafür. Der Horror hat nichts atmosphärisches mehr für mich.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) nun – wer ist so verliebt, dass er ein Mord verzeiht?
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) ja, teilweise sehr schön geschrieben
●stimmig?(Komposition: ja/nein) von Code der Erbfolge, ja.
●ein zweites Mal lesen? nicht völlig ausgeschlossen, wiewohl Sturmhöhe von Emily und Jane Eyre von Charlotte Bronte bessere Bücher zum Wiederlesen wären. Wegen des tollen Anfanges bis 33% oder so
–> 3 Sterne
Ästhetik: (jeweils 1-5)
●Kant: verspielt-offen? [Leichtigkeit] – 0
●Lukacs: engagiert-realistisch? [typisch] – 4
●Adorno: avantgardistisch-defensiv? [innovativ] – 0
●Hegel: dynamisch-totalisierend? [pathetisch] -1
●Einschätzung: Besitzt poetische, naturbeschreibende Passagen, besitzt insbesondere zu Anfang eine gewisse eigene Sprachverfugung und Literarizität, die auch noch am Ende wieder aufblitzt. Das Geheimnisvolle, das Spukende, das Schwebende passt nicht so gut zu Lukacs, die Story jedoch schon, der kritische Realismus, wie er sich am Ende entpuppt (Lukacs=4). Die eher klassische Sprache hat nichts mit Avantgardismus zu tun (Adorno=0), mit Hegel hat der Anfang zu tun, die Möglichkeit der Selbstentwicklung, Selbstbefreiung der Ich-Erzählerin, aber die letzten zwei Drittel versperren diesen Weg, die Andeutungen reichen nur für den Anfang (Hegel=1). Verspielt an diesem Buch ist gar nichts (Kant=0).
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Dror A. Mishani: „Nicht“

Didaktisches Kabinettstückchen über Verlogenheit in einer Welt in Trümmern.
Inhalt: 1/5 Sterne (langweilig, quälend)
Form: 2/5 Sterne (professionell, lesbar)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (Doppelbödigkeit)
Komposition: 1/5 Sterne (misslungene Allegorie)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (seltsame Erzählperspektive)
–> 7/5 = 1,4 = 1 Stern
Nicht von dem Krimi-Autoren Dror Mishani sticht aus der Masse der Bucherscheinungen durch die seltene, mit Grund fast nie gewählte Du-Perspektive heraus. Die Du-Perspektive redet einer Figur im Sinne einer Ansprache das Wort, die das Publikum mittragen muss. Seltene Fälle, in denen der Spagat zwischen Aufoktroyieren und Reflexion gelingt, lauten: Michel Butor Paris-Rom oder die Modfikation – das Publikum nimmt teil an einem Entscheidungsprozess -; oder Ilse Aichingers Kurzerzählung Spiegelgeschichte aus dem Band Der Gefesselte – hier wird ein Leben voller Empathie rückwärts erzählt. Nicht jedenfalls kann als geradezu das Gegenteil gelten. Die Du-Perspektive wird gewählt, um das Publikum in der Rolle eines Lügners und Feigling zu demütigen:
Warum also erzählst du es ihr nicht? Vielleicht, weil du kleingläubig bist. Und nicht couragiert. Und nicht verstehst, dass bei der Wette zwischen dem, der dich Lia hat begegnen lassen, und dem, der den Hund hat gehen lassen, wohin es ihn zog, nicht deine Findigkeit zählt, sondern, allem Anschein nach, deine Anständigkeit. Nun gut, sicher kann niemand sein. Vielleicht werden wir es erst wissen, wenn wir die Geschichte ganz erzählt haben.
Ja, am Ende wird alles gewusst, und die Erzählinstanz, eine herablassende Schicksalsstimme, kommt voll auf ihre Kosten, denn sie beschreibt eine Welt, in der alle irgendwie Dreck am Stecken haben und die Wahrheit eben eher stört, da diese die „richtigen“ Gedanken verdeckt. Die Geschichte handelt von einem 52-jährigen Buchübersetzer, der eine Musikerin kennenlernt, die einen Hund hat, der ihm davonläuft. Aus dieser Minimalkonzeption entspinnt sich eine schleppend und quälend langsam erzählte Lügen- und Beziehungsgeschichte:
Zwischen euch hätte alles so einfach und wunderbar sein können. Erinnere dich. So einfach und wunderbar. Und vielleicht, wenn du es ihr jetzt erzählst, ist es noch immer möglich? Aber das tust du nicht, weil du nicht den Mut dazu hast, obwohl ihr beim Essen eine ganze Flasche aus dem Weinkeller des Skandinaviers leert und danach noch den halben Merlot, den du mitgebracht hast.
Nicht von Mishani wartet mit sardonischer Ironie auf. Die Erzählstimme genießt die Überlegenheit über einen Protagonisten, der zu schwach und willenlos ist, um sein Leben in die Hand zu nehmen. Zudem werden die Geschehnisse noch mit allerhand Diskursivität überlastet und Nebenordnungen, die zur Dissoziation beitragen. Der Spagat gelingt hier also nicht – die Du-Perspektive unterminiert noch den letzten Rest an Erträglichkeit, den dieses Setting hätte haben können, denn für die Du-Perspektive bedarf es einer ungetrübten Empathie zum Publikum wie zur Erzählfigur, ansonsten endet es in einer Publikumsbeschimpfung.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Eli Laniado, Übersetzer von Kriminalromanen, verwitwet (Ehefrau Oschra), Vater von einer Tochter (Dana) und einem Sohn (Yotami).
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
E lernt Lia Argow (L) bei einem Freundschaftsabend kennen. Sie kommen zusammen. L hat einen Hund, auf den E aufpasst, als sie für einige Tage (vier) nach Wien fährt, um dort ein Konzert zu geben. Sie ist Cellistin. Am letzten Abend passt E nicht auf und der Hund Felix läuft davon und wird überfahren. Statt dies zu melden, L zu sagen, vergräbt E den Hund und behauptet L gegenüber, Felix sei ihm entlaufen. Sie suchen ihn gemeinsam. Er spielt die Rolle, lügt. Als sich jemand meldet, der für den Hund Lösegeld fordert, geht L darauf ein, gibt das Geld. Als dieser ein zweites Mal sich meldet, mehr Geld möchte, wird L verdächtig. Sie lauern den Erpressern auf, fotografieren das Nummernschild, gehen zur Polizei. Dort beschäftigt sich eine Polizistin, Chaja Krasnowsky, mit dem Fall. Sie findet heraus, dass in der Nähe ein Autounfall in derselben Nacht gemeldet wurde und beraumt eine Gegenüberstellung des Autofahrers mit L und E. L weiß, dass er kurz davor steht, aufzufliegen. L und E fahren in den Wald, in ein B&B, L untröstlich, findet Leine und Halsband von Felix in Es Wagen, der sich herauswindet. Auf dem Rückweg sehen sie einen Hund, den L als Felix akzeptiert und adoptiert und aufpeppelt. Sie lässt das Verfahren einstellen. E geht zur Polizistin, gesteht, die schlägt ihm aber vor, liebe die Lüge zu leben, da es seiner Partnerin so besser geht. Nach fast einem Jahr sind E und L noch immer zusammen, trotz der Lüge. Der Ex-Partner von L sagt ihm aufs Gesicht zu, dass er weiß, was mit Felix geschehen ist, aber E lässt sich nicht mehr verunsichern, geht zurück zu L, die begonnen hat zu schreiben.
●Kurzfassung: Ein Übersetzer lässt den Hund seiner Partnerin überfahren und versucht die Beziehung durch eine Lüge zu retten. Erfolgreich.
●Charaktere: (rund/flach) eher flach
●Überflüssige Szenen/Charaktere: … die Erpressergeschichte, insbesondere mit der Hintergrundgeschichte, dass die Erpresser Jugendliche sind, die ihrer Mutter helfen wollen, da der Vater drogenabhängig ist und das Geld verprasst, statt zu arbeiten. Fällt aus dem Rahmen. Und die Eifersuchtsgeschichte mit Peter auch unnötig, fügt nichts hinzu, und der Konflikt mit dem Sohn nur skizziert, der vielleicht den Ehemann seiner Freundin umgebracht hat … ein bisschen zu viel des Guten … und die Geschichte, dass seine Frau sterben will, was sein Sohn ihm nicht verzeiht … häh … Ehefrau hat sich zu Tode geraucht, Lungenkrebs, lebensmüde … auch überflüssig, die Ermittlerin, die sich für die Lüge einsetzt, um einen Vatermörder zu schützen (der Junge, der seinen Vater abmetzelt, weil dieser das erpresste Geld für Drogen verwendet hat).
●Besondere Ereignisse/Szenen: seltsame Sexszene, in der sie der knurrende Hund beobachtet
●Diskurs: eher ein göttlicher Blick auf die Verfehlungen der Menschen und Menschheit, ihren Illusionen und Schwächen und Wünschen
… der Plot hatte arge Mängel, da das Herumlügen, das selbstgemachte Problem, nicht überzeugt und auch keine Spannung zulässt. Will Lia ihr Leben mit einem Lügner verbringen, der seine Unachtsamkeit nicht gesteht? Will ich, dass er auffliegt? … der Voyeurismus langt nicht und berührt unangenehm.
… der Plot hätte sich retten können, wenn Eli den Hund vom Halsband und Leine befreit hätte, dieser losgeprescht und verschwunden wäre. Eli hinterher, sieht einen Unfall mit einem Hund in der Dunkelheit, begräbt ihn, fühlt sich schuldig. Später treffen sie Felix wieder, plötzlich steht es in Frage, welchen Hund er begraben hat, ob Felix wirklich zurückgekommen ist … leider zerstört das blutige Halsband diese Möglichkeit, die auch die Du-Perspektive als Sicherheitserschütterung legitimiert hätte. Er, der sich nicht für Hunde interessiert, kann den einen vom anderen Hund kaum unterscheiden, vor allem nicht nachts. Das hätte Sinn gemacht, und nun hätte er nicht gewusst, was er zugeben soll. Leider wird diese Möglichkeit nicht genutzt.
… der Plot läuft vielmehr darauf hinaus, dass Rache nicht die Lösung ist. Lia sucht den Täter nicht mehr. Sie begnügt sich mit der Illusion, und die Mutter will ihren mordenden Sohn vor dem Gefängnis bewahren, und die Polizistin lässt dies zu, da sie den Vater verurteilt. Die Wahrheit bringt den Menschen keinen Frieden … deshalb die Illusion? Es lässt sich auch anders lesen: die Welt voller Lüge, voller Intrigen und Selbstsucht, wird als eine Form der Hölle dargestellt. (Sohn hat Ehemann der Freundin umgebracht, Ehefrau Oschra hat sich zu Tode geraucht, der Ex-Freund von Peter wird Alkoholiker, der Sohn der Mutter hat seinen Vater abgemetzelt, und die Polizistin entscheidet, was Lüge und Nichtlüge ist).
… leider ärgerlich windend, ziehend, schmerzhaft … oder wie interessant ist es, jemandem beim Lügen zuzuschauen?
–> 1 Stern
Form:
●Eindruck: Als Thriller, Kriminalroman schnell und leicht lesbar geschrieben, keine ärgerlichen Entgleisungen, professionell und auffällig, keine Poesie, keine Allegorien, aber eben auch keine Katechresen.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hohe Fiktionalität
●Wortschatz/Wortzahl: typisch, unauffällig
●Auffälligkeiten: keine
●Innovation: keine, wegen der Lesbarkeit und Professionalität
–> 2 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: Du-Perspektive extrem klaustrophobisch eingesetzt, unbekannte Stimme, die aus dem Off auf mich einredet, mir sagt, was ich gerade tue, in Präsens, aber zugleich auch in Rückschau, d.h. total schizophren. Die Stimme weiß, was passieren wird, aber sie beschreibt dennoch in Echtzeit. Schicksalsstimme … die urteilt, sich lustig macht, sich über ihn stellt, ihm keine Absolution erteilt.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): weder noch
●Erzählverhalten, -stil, -weise: überheblich, herablassend
●Einschätzung: schlimme Versklavung des Leseprozesses durch Double-Binding, ich werde in eine Rolle gezwungen und muss mich in dieser Rolle über mich selbst lustig machen. Ekelhaft. Konsequent im Präsens gehalten, meinetwegen, aber noch mit Vorausgriffen und Urteilen, trotz der Konsequenz, der sehr selten Du-Perspektive:
–> 1 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): langweilig, sich ziehend, haarsträubend
●Signal/Noise-Ratio: fast kein Rauschen, typischer Thrillerstil
●Operative Geschlossenheit: nein, die Du-Perspektive erlaubt nur ein Angesprochensein ohne literarischen Code. Im Grunde eine Form der Publikumsbeschimpfung.
●Rahmenstabilisierende Details: nein
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: konstruiertes Familiendesaster, alle sterben irgendwie.
●Reliefbildung: nein, Hauptproblem des Textes, er zieht sich trotz der Kürze.
●Einschätzung: unangenehm unausgewogen, konstruiert und urteilend.
–> 1 Stern
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: interessante Du-Perspektive, immersiv zu Anfang, dann durch die Lüge immer ätzender, bis kaum lesbar, anstrengend, demotivierend und schleppend
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, steht für sich als Allegorie der Vorhölle
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, leider
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) auf keinen Fall
●stimmig?(Komposition: ja/nein) auf seine Weise, als Vorverurteilung schon
●ein zweites Mal lesen? nein, dafür fehlt dem Text die Vielstimmigkeit, die Erzählperspektive hebt es ein wenig heraus
–> 2 Sterne
Ästhetik: (jeweils 1-5)
●Kant: verspielt-offen? [Leichtigkeit] – 0
●Lukacs: engagiert-realistisch? [typisch] – 5
●Adorno: avantgardistisch-defensiv? [innovativ] – 0
●Hegel: dynamisch-totalisierend? [pathetisch] – 0
●Einschätzung: moralinsauer, typisch, realistisch-fiktionalistisch
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Elfriede Jelinek: „Unter Tieren“

Brillierender Sprachwust und Formästhetik, die sich an gängiger Diskursivität anbiedert, ohne Widerspruchsgeist.
Inhalt: 2/5 Sterne (gähnende Repetivität)
Form: 5+1/5 Sterne (Sprachintensität)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (episodenhafte Ichs)
Komposition: 1/5 Sterne (keine)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (öde)
–> 13/5 = 2,6 = Sterne
Elfriede Jelinek hat sich mehr und mehr zu einer Theaterschriftstellerin entwickelt. Mit Gier erschien 2000 ihr letzter offiziell als Roman publizierter Text. Neid kann noch als Quasi-Roman beschrieben werden, der aber als Online-Text, also nicht in einer geschlossenen Form erschien, und nur nachträglich (2025) zu einer solchen komponiert geworden ist. Seit 2000 erscheinen mehrheitlich Theatertexte. Angabe zur Person gehört wie Unter Tieren zu diesem Genre. Es sind keine Romane. Es sind Improvisationen für die Bühne, die aber als Prosawerke erscheinen. Hier sprechen abwechselnd verschiedene Tiere, bspw. eine Kuh:
[…] muß ich schließlich selbst sterben und mich davor nach all meiner Arbeit zur Entwicklung der Menschheit auch noch demütigen lassen, weil ich auf dem von all dem Blut glitschigen Fliesenboden ausrutsche und auf den Bauch falle, ich schäme mich, wie das für Außenstehende aussehen muß!, da liegen mit gespreizten Beinen! So zerrt der Schlachtgehilfe an mir herum. Ich strample und verliere den letzten Rest meiner Würde.
Die Szenen mit der Kuh gehören zu den eindrucksvollsten, in denen die Brutalität der Zerfleischung von Tieren auch formalästhetisch nachvollzogen wird, eine Art Verzweiflungsgeste, die sich innersprachlich durch Katechresen vermittelt, in verstümmelten Zitaten vom Bann zu befreien sucht und in Verzweiflung ausgleitet, unter der Last der Bedeutung zusammenbricht und die Würde, auch in der Sprache, verliert. Leider hält der Rest des Buches überhaupt nicht diese Intensität, im Gegenteil:
Aufgrund der hohen Anzahl an schwerwiegenden Mängeln kann die Prüfungsbehörde gar nicht nachvollziehen, wieso die Bestätigungsvermerke für ganze drei Jahresabschlüsse ordnungsgemäß erteilt wurden, obwohl die Jahre längst abgesessen und abgeschlossen sind, was aber jetzt niemand bestätigen will. Ich kann es auch nicht nachvollziehen, kann aber auch Bilanzen gar nicht lesen, die sind mir blunzen. Doch wo kriminelle Energie am Werken ist, da hat die Bank ihre Lizenz verloren. Die aber nicht, noch lange nicht. Vorher läßt man sie noch brav arbeiten und mit Bananen, nein, Boni um sich schmeißen.
Häh .. ja, genau, fast 80% vom Buch faselt Jelinek über Geldprobleme, Probleme mit Steuern, Finanzämtern, Banken und Aktienkursen, ohne auch nur einen Gran an Informations- und Paradoxalisierungspotential zu entfalten, bspw. will sie nicht auf die Zeitproblematik im zweiten Band des Kapitals reflektieren, Geld als Symbol einer verpflichtenden und verpflichteten Zeit im Warenzyklus. Hier gibt es nichts. Dann noch ein paar gewichtige Referenzen zu akuten Problemen, alles durchmischt mit beeindruckender Sprachfreude, all dies noch zusammengemauschelt über Tiermasken, die gar nicht vonnöten gewesen wären, und dann noch die gefälligen Urteile, die allgemeinen Stellungnahmen, die allesamt völlig unprovozierend, alltäglich und überall zu lesen sind, und der Text darbt vor sich hin in inhaltlicher, kompositorischer Langeweile. Sehr ähnlich zu George Orwells Farm der Tiere, das nichts Neues über die Sowjetpolitik zu bieten hat, genauso schwatzt/lockt Jelinek keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Schade.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): keine
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Tauben – Verweis auf Thomas Piketty, bekennender Sozialist, über Versicherung, direkte Annotate über die 10 Gebote. Spatz in der Hand, Taube auf dem Dach.
Der Affe – sich zum Affen machen, Maschinenstürmerei.
Der Hase – Kredit, Kredithai, Geld.
Bär – das Eine, Parmenides, das Ganze und seine Teile. Platon. Alles Nullen. Geld als creatio ex nihilo.
Schwein – der Stall, das Renovieren, der glitschige Boden. Massentierhaltung. Namenlos.
Fuchs – die Toten, Mundraub, Flüchtlinge. Ein Volk, Debitkarte. Aug um Aug.
Dachs – Sparta, Sparbücher. Geld als unbewegter Beweger. Der Mensch, das Ungeheuerliche.
Hase – Leihmutterschaft, Geld, Lebenskreislauf.
Kuh – Spartaner wieder als Motiv. Das Liegen. Das Opfer. Weggenommene Kinder der Kuh, ihr Leid. Luhmann-Parodie, kommunikative Anschlüsse. Molekül-Molke. Nebenbuhlerin als dumme Kuh.
Stockenten – Rückzahlung, Eingabe, Eiergabe. Gegen die Christpartei. Schreiender Jesus. VW.
Kuh – Beschreibung auf dem Schlachthof.
Hund – Irrtum Geld, erlernter Irrtum der Indifferenz, im Einklang mit Siri, Alexa. Wo ist das Geld? Das Geld gibt es nicht.
Wombat – Kryptogeld.
Ratte – Perser, Atomenergie, Irankrieg, Hans im Glück. Belsazar, Daniel, die Banken haben’s genommen, die Banken haben’s gegeben.
Esel – Aktienkurse, Geld, das Geld vermehrt. Gegen die Selbstertüchtigung. Stirner: die eigene Sache auf’s Schiff gestellt.
Känguru – Briefkastenfirma, Goethes Mignon, das Land, in dem Zitronen blühen
Rabe – Zirkulation, Tausch, das Mündel will Vorwurf sein. Selbstentfremdung.
Bärenklau – Schuldnern und Schöpfern. Tönerne Füßen, die Griechen, hohle Phrasen.
Widder – Casino und Klassenkampf.
Schaf – abgeschoren, Wetten, Anschläge auf Raten und Anlagenratschläge.
Delphin – Aktienkurse stiegen.
Bärenklau – ständig, Achill und Schildkröte, Geld, Rückruf, Bewegung.
Lamm Gottes – Umfirmierung, du sollst dir kein Bildnis machen
Bärenklau – Kapitalkreisläufe, neues Haus. Immobilien.
Hund Peyta – verseucht, klapprig, radioaktiv, Tschernobyl, Fukushima.
Wolf – Kinder der Toten, Spekulationsgewinne, Korruption, Steuerfahndung.
Mole/Maulwurf – wühlt auf dem Golfplatz, verdrängt von Panzern. Dichotomie hoch/tief. Der Ort des Ortes.
Peyta – der Hundekadaver.
●Kurzfassung: Tiere treten auf, als Bühnenstück konzipiert und reden über Geld und Wirtschaft und die neuesten Probleme aus den Nachrichten.
●Charaktere: (rund/flach) keine
●Überflüssige Szenen/Charaktere: es gibt keinen Rahmen
●Besondere Ereignisse/Szenen: Hinrichtung der Kuh in einem Schlachthof. Die Kuh, der die Kinder geraubt werden. Der Dachs und der unbewegte Beweger.
●Diskurs: Kapitalismus/Ausbeutung/Geld/ökonomische Theorie.
… es gibt keinen Plot, reines Sprach-Diskurs-Experiment, eine Abfolge von Improvisation zwischen Bibelzitaten, Phrasen und Zitaten aus dem Kunst- und Kulturbetrieb, kein Dialog, nur kurze Monologe, keine Dramaturgie. Das Problem liegt daran, dass das, was gesagt wird, außer Schelmenstreiche (die Form) keine inhaltliche Spannung besitzt. Es ist schlicht und ergreifend inkohärent, was Jelinek über Geld und Aktien und Finanzmärkte sagt. Es wird dort intensiv, wo sie von Massentierhaltung spricht, aber selbst hier zieht sie nicht alle mit in ihren Schlund. Sie bleibt sogar moralisch. Wegen der Kuhszene:
–> 2 Sterne
Form:
●Eindruck: eindrucksvoll, sprachdurchwebend, sprachhebend, zerpflügend, unverkennbarer Stil, heftiges Sprachbefreien.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) durch die Sprache hoch, nicht durch Plot
●Wortschatz/Wortzahl: innovativ, aber nicht ganz so zersetzend
●Auffälligkeiten: typische Jelinek-Prosa
●Innovation: hoch, da sie im Sinne von Karl Kraus, Phrasen unterminiert, dissoziiert, im Grunde den Poststrukturalismus zur literarischen Form erhebt.
–> 5+1 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: episodenhaft, jeweils Ich-Figuren, die auftreten, als Tiere. Hier reflektiert, auflösend, sehr perspektiviert, nur die Komposition selbst erhält dadurch keinen Rahmen.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): in dein einzelnen kurzen Episoden, ja.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: ironisch, sarkastisch, hintergründig subversiv.
●Einschätzung: Als Kompendium taugt es nicht. Nutzt den Roman nicht als Stimme, oder Stimmenvielfalt. Zu divergent. Da die einzelnen Episoden passen, nur das Hinübergleiten nicht:
–> 2 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): die Form hält die Intensität aufrecht, aber hier scheitert das Buch daran, dass die Form gegen keinen Widerstand arbeitet. Das, was Jelinek schreibt, liest sich als kultureller Mainstream. Sie bricht keine Tabus. Sie zieht nicht alle Menschen hinein in den Schlund. Sie betreibt keine Alleszermalmerei. Hierdurch wirkt der Text schmerzfrei, vor sich hin blubbernd, nichtig und uninteressant.
●Signal/Noise-Ratio: hohe Noise-Dichte, kaum Signal.
●Operative Geschlossenheit: Geld und das Nichtsein, die Werterzeugung und -vernichtung
●Rahmenstabilisierende Details: Topik Geld.
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: keine, alles lose
●Reliefbildung: kaum, sehr flach, sehr repetitiv, äußerst schwach
●Einschätzung: schlimm beliebig, könnten noch viel mehr Tiere auftreten, andere Tiere, anderes sagen, gar keine Fokalisierung, gar keine Zurückbindung, reines Blubbern.
–> 1 Sterne
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: phasenweise, also im mittleren Drittel, funktionierte die Situation mit den Tieren gut, sie sprachen, spielten mit der Sprache, taumelten in der menschlichen Kommunikation mit der menschlichen Welt, das funktionierte so. Im ersten und letzten Drittel zu divergent, beliebig, und von den Stoffen her zu gefällig, zu mainstreamig, kein bisschen subversiv, kein bisschen gewagt, keine Provokation, dabei lebt Jelinek von der Provokation, ihre Sprache ästhetifiziert die Provokation, aber wo keine Provokation verliert sich die Form ins Blubbern.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) nein, diskursiv
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, als Offenbarungseid
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, sehr als Form, nicht als Gesamttext
●ein zweites Mal lesen? nein
–> 2 Sterne
Ästhetik: (jeweils 1-5)
●Kant: verspielt-offen? [Leichtigkeit] – 1
●Lukacs: engagiert-realistisch? [typisch] – 1
●Adorno: avantgardistisch-defensiv? [innovativ] – 3
●Hegel: dynamisch-totalisierend? [pathetisch] – 0
●Einschätzung: keine gute Mischung, zu verspielt und zu didaktisch für die ungebrochene Negativität, die keine Binnendifferenzierung erlaubt, die Geste des Nichts zerfällt hier weitestgehend in die verspielte Gefälligkeit.
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George Orwell: „Farm der Tiere“

Als Kritik überzeugend – ästhetisch verlässt es nicht den Pamphletcharakter.
Farm der Tiere (1945) ist mit 1984 (1949) wohl das bekannteste Werk von George Orwell, der bereits mit 46 Jahren an Tuberkulose verstarb. Nach seinen eigenen Angaben verfasste er Farm der Tiere als Satire auf den Sowjetkommunismus, nachdem er eine implizite Zensur in den Medien der westlichen Öffentlichkeit festgestellt hat, die den Alliierten im Krieg gegen Nazi-Deutschland nicht unnötig schwächen wollten. In seinem Vorwort sagt er hierzu:
Seit gut einer Dekade bin ich der Meinung gewesen, daß das existierende russische Regime größtenteils ein Übel ist, und ich beanspruche das Recht, dies zu sagen, obgleich wir und die UdSSR Verbündete in einem Krieg sind, den ich gewonnen sehen möchte. Müßte ich mir einen Text zu meiner Rechtfertigung aussuchen, würde ich die Zeile von Milton wählen: »Nach den bekannten Regeln uralter Freiheit« Das Wort uralt betont die Tatsache, daß intellektuelle Freiheit eine tiefverwurzelte Tradition ist, ohne die unsere typisch westliche Zivilisation nur ungewißen Bestand hätte. Von dieser Tradition kehren sich viele unserer Intellektuellen sichtlich ab. Sie haben den Grundsatz akzeptiert, daß ein Buch nicht auf Grund seiner Meriten veröffentlicht oder unterdrückt, gelobt oder verdammt werden sollte, sondern gemäß der politischen Zweckdienlichkeit.
In diesem Sinne handelt es sich gar nicht um einen ästhetischen Text oder um eine Spielart desselben und ästhetische Kriterien verlieren deshalb hier ihre Gültigkeit. Ich habe dennoch unten meine übliche Bewertung hinzugefügt, belasse es aber dabei, denn Orwell wollte die englische Zensur umgehen, nicht eine Dichtung veröffentlichen.
Der einzige ästhetische Moment, der entsteht, ist das Leiden und der Kampf Boxers beim Bau der Windmühle und sein Verhältnis zu Kleeblatt, aber diese wenigen Momente lassen diesen sehr nahe an der historischen Wirklichkeit der UdSSR gestrickten Text nicht zur Literatur werden. Wer diese historische Wirklichkeit auch noch kennt, langweilt sich sogar. Da aber zur Zeit der Abfassung von Farm der Tiere exakt diese fehlten, besitzt der Text in seiner von Orwell selbst eingestandenen (maßlosen) Vereinfachung, eine historische Berechtigung. Als ästhetische Bearbeitung dieses komplexen Stoffes betrachte ich ihn deshalb noch lange nicht. Sein Roman 1984 setzt da ganz andere Maßstäbe.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: 3/5 Sterne (wenn Geschichte der UdSSR unbekannt, sonst 1 Stern)
Form: 2/5 Sterne (simpel, traktatähnlich)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (keine Fiktionalität)
Komposition: 1/5 Sterne (schablonenhaft)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (Kleeblatt und Boxer rühren)
–> 10/5 = 2,0 = 2 Sterne
Inhalt:
●Hauptfigur(en):
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) Mr. Jones führt eine Farm und knechtet seine Tiere. Old Major, sein ältestes Schwein, ruft zu einer Versammlung mitten in der Nacht. Er spricht von einer Utopie, von der Möglichkeit, dass Tiere frei leben dürfen, und er singt ihnen das Lied „Tiere Englands“ vor, das von der Einheit und Freiheit der Tiere handelt. Er gibt ihnen auch Gebote: Alle Tiere sind gleich. Kein Tier darf je ein anderes töten, und andere [die allesamt als Rahmenwirkung von den Schweinen später gebrochen werden].
2.) Old Major stirbt [Lenin]. Andere Schweine, insbesondere Napoleon (N) [Stalin] und Schneeball (S) [Trotzki] übernehmen die Ausarbeitung des Systems von Old Major, und nennen es Animalismus [Kommunismus]. Zudem gibt es einen Propagandaleiter: Schwatzwutz [Molotow]. Mr. Jones trinkt zu viel, vergisst die Tiere zu füttern, die daraufhin rebellieren, und die Mitarbeiter wie Mr. und Mrs. Jones vertreiben. Die Tiere nennen ihre Farm um in „Farm der Tiere“ statt „Herren-Farm“ und schreiben Gebote an die Scheune, und sie beginnen mit der Arbeit.
3.) Besonders fleißig sind die Pferde Kleeblatt und Boxer, richtiggehende Arbeitstiere und überzeugte Animalisten. Der Esel Benjamin hält sich zurück. Das Vorzeigepferd mit Schleife Mollie wie die Katze geben sich keine Mühe, und der Rabe quakt von einem Paradies im Jenseits [Kirche]. Tiere werden ausgebildet und Arbeitsgruppen gebildet. Die Gebote werden auf die Formel vereinfacht: Vierbeiner gut, Zweibeiner schlecht. Bereits aber mit der Milch beginnen die Schweine sich selbst zu bevorzugen. Und erste Unstimmigkeiten zwischen N und S treten auf.
4.) Die Schlacht am Kuhstall findet statt. S schlägt die Menschen, insbesondere die Jones, tapfer in die Flucht und erhält eine Auszeichnung.
5.) Mollie flieht die Farm, will Zucker und lässt sich vor eine Kutsche spannen. S schlägt vor, eine Windmühle zu bauen, um Elektrizität zu erzeugen und die Tiere zu entlasten. Er schmiedet die Pläne, als es zur Abstimmung kommt, vertreibt N ihn von der Farm und zeiht ihn des Verrats. N stellt den Schädel von Old Major auf, an dem alle vorbeigehen müssen [Lenin Mausoleum auf dem Roten Platz]. Bald darauf plant N dieselbe Windmühle.
6.) Sie arbeiten nun für die Windmühle. Um Rohstoffe und Werkzeug zu kaufen, geht N Verhandlungen mit den Menschen ein, über den Anwalt Whymper. Die Schweine ziehen, obwohl dies untersagt worden ist, in as Farmhaus. Nach und nach werden die Gebote abgeschwächt [Kein Tier soll in einem Bett schlafen – mit Leintüchern, als Nachtrag]. Durch ein Unwetter kommt die Windmühle kurz vor Abschluss zu Schaden. N schiebt es auf S.
7.) N treibt die Arbeit an der Windmühle voran, verkauft die Eier der Henne, was ebenfalls vorher ausgeschlossen worden ist. Es kommt wegen den vermeintlichen Sabotageakten zu Schauprozessen in der Scheune [in Moskau 1936-1937]. Tiere bekennen sich schuldig und werden ermordet. Vier Schweine werden ermordet [vgl. Bucharin, Rykow, Kamenew, Sinowjew]. Die Tiere rundum Kleeblatt und Boxer trösten sich, melancholisch, da nie ein Tier ein anderes töten durfte. Sie singen „Tiere Englands“, aber das Lied wird verboten. [1944 Ablösung von „Die Internationale“ zu „Hymne der Sowjetunion“].
8.) N verbündet sich mit angrenzenden Farmern [Hitler-Stalin-Pakt]. Boxer arbeitet unermüdlich für die Windmühle. N verkauft Bauholz, wird aber übers Ohr gehauen, dann findet ein Angriff statt, die Windmühle wird wieder in die Luft gesprengt. Die Schweine werden immer dekadenter und beginnen zu saufen [Kein Tier soll Alkohol trinken – im Übermaß, als Nachtrag].
9.) Erneut erschöpft sich Boxer, eine Republik wird ausgerufen [UdSSR] und der theologische Priester kehrt zurück. Boxer fällt total entkräftet um und wird abgeholt, aber auf dem Wagen steht Pferdemetzger. Die Tiere wollen ihn retten, aber vergeblich. Die Schweine feiern seinen Heldentod mit einem Bankett.
10.) Neue Generationen von Tieren erinnern kaum noch die Revolution. Die Tiere arbeiten so hart wie vorher, nur nicht die Schweine und ihre Nachkommen und die Hunde. An „Alle Tiere sind gleich“ wird „aber manche sind gleicher“ hinzugefügt. Die Schweine handeln mit den Farmern, verbünden sich. Die Farmern gratulieren den Schweinen, die mittlerweile auf zwei Beinen laufen, zu ihrer Effizienz der Ausbeutung der Tiere.
●Kurzfassung: Die Revolution, die einen menschlichen Tyrannen absetzt, führt zu einer neuen Tyrannei, dieses Mal durch die Tiere selbst, die Schweine. Gute Tiere werden von bösen Schweinen betrogen.
●Charaktere: (rund/flach) flach, parabelhaft
●Überflüssige Szenen/Charaktere: keine
●Besondere Ereignisse/Szenen: Tod von Boxer, Trauer von Kleeblatt nach Schauprozessen
●Diskurs: Eskalation der Oktoberrevolution zum landesweiten Bürgerkrieg
… leider vom Plot her unbefriedigend, wer die Geschichte der Sowjetunion von 1920-1944 kennt. Die Analogien zu dicht, keine Fiktionalität, nur eine gewisse Entfremdung durch Verwendung von Tieren. Sehr plakatives Schwarz-Weiß-Denken, die Tiere sind alle gut, wollen alle nichts Böses, sind alle vertrauensselig, fleißig und engagiert, nur die Schweine und der Rabe sind korrupt und beuten alle aus. Problematisch: es gibt keine wirkliche Bearbeitung des Stoffes.
… das Buch besitzt gar keine Fiktionalität, höchstens durch die Figuren Kleeblatt und Boxer, die elendig zugrunde gehen und eine gewisse Traurigkeit in den Text hineinbringen. Wer die Geschichte der UdSSR nicht kennt, könnte von den Vorkommnissen überrascht werden. So wie sie aber dargestellt sind, als Märchen, wie der Untertitel sagt, ist das nicht informativ.
–> 3 Sterne
Form:
●Eindruck: gut geschrieben, flüssig, als Parabel, sehr zweckdienlich, sehr einfach, klar als Aufklärungsstück inszeniert, deshalb eher instrumentell, alles in allem.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) sehr gering, eigentlich nur durch „Vertierung“ der Geschichte, das reicht aber nicht.
●Wortschatz/Wortzahl: Eher Kinderbuchcharakter.
●Auffälligkeiten: keine
●Innovation: keine
–> 2 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: ein nicht auftauchender Erzähler komponiert, stellt klar und legt auch den Tieren Gedanken in den Kopf, die sie selbst nicht fassen können, d.h. er ist mehr als allwissend, gibt sich nicht zu erkennen.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nichts von allem
●Erzählverhalten, -stil, -weise: märchenhaft-allegorisch, dezidiert.
●Einschätzung: das Verschwinden der Erzählinstanz wirkt hier konsequent, unterminiert aber hier auch den fiktionalen Charakter. Es wirkt wie ein Pamphlet, und dem Vorwort von Orwell zu entnehmen, ist es auch eher eine politische Streitschrift, um im England der 1930er und 1940er offiziell Kritik an den Vorgängen in der Sowjetunion üben zu dürfen. Dieser journalistische Aspekt stört die Ästhetik empfindlich.
–> 1 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): problematisch, wegen journalistisches Charakters, eher aufklärend, eher verfremdend, um eine gewisse implizite Zensur zu umgehen, deshalb eher Maskerade.
●Signal/Noise-Ratio: kein Noise
●Operative Geschlossenheit: Gute Farmtiere – Böse Schweine (nur gut, gegen nur böse)
●Rahmenstabilisierende Details: die Gebote, im ersten Kapitel, die alle nacheinander gebrochen werden, weil die sittlichen Umstände nicht kontrolliert bleiben.
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: keine
●Reliefbildung: nicht wirklich, die Tyrannei nimmt ihren Lauf, wie es historisch geschehen ist
●Einschätzung: Das Problem liegt in der „journalistischen“ Mache, eine Zensur zu umgehen, die in der englischen Öffentlichkeit existiert hat – leider wird die Entfremdung nicht narrativ durchgezogen. Selbst bei treffender Kritik besitzt der Text kaum literarische Qualitäten. Er findet nicht einmal das Typische. Es bleibt Schablonenhaft.
–> 1 Stern
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: wer die frühe Geschichte der Sowjetunion gut kennt, kann sich mit der nicht wirklichen Verfremdung langweilen, da alles bekannt ist, keine Überraschungen geschehen, und die Ästhetik dem Stoff nichts hinzufügt, leider. Wer die Schauprozesse, die NEP, wer den Stalin-Trotzki-Konflikt kennt, der sieht, dass Orwell den einfach nur „übersetzt“, aber in der Übersetzung nicht gestaltet hat. Das Problem liegt hier zweifach: Wer die Geschichte nicht kennt, lernt über Machtmissbrauch. Wer die Geschichte der UdSSR kennt, lernt aber nichts hinzu, und die Sache wurde über die Maße simplifiziert.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) durch die märchenhaften Ton, ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, als Parabel
●ein zweites Mal lesen? nein
–> 2 Sterne
Ästhetik: (jeweils 1-5)
●Kant: verspielt-offen? [Leichtigkeit] – 0
●Lukacs: engagiert-realistisch? [typisch] – 3
●Adorno: avantgardistisch-defensiv? [innovativ] – 0
●Hegel: dynamisch-totalisierend? [pathetisch] – 0
●Einschätzung: es entgeht fast dem Kunstcharakter, entfernt mit der Lukácschen Ästhetik verwandt.
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David Markson: „Wittgesteins Mätresse“

Kunst- und Kulturgeschichte als Flucht vor Einsamkeit und Isolation. Reflexionsliteratur.
Inhalt: 3/5 Sterne (teilweise langweilig)
Form: 4/5 Sterne (protokollaristisch-innovativ)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (Welt bindend)
Komposition: 4/5 Sterne (Längen im zweiten Drittel)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (inspiriert, aber teilweise zu flottierend)
–> 20/5 = 4,0 = 4 Sterne
David Marksons Wittgensteins Mätresse (1988) gilt als Höhepunkt der experimentellen Literatur Nordamerikas, bspw. so von David Foster Wallace oder Elfriede Jelinek bezeichnet, die in der deutschen Ausgabe ein Nachwort beigesteuert haben. Der Roman fällt auch mit der Tür ins Haus, wenn er direkt vorwitzig, wahllos, kursorisch anfängt. Eine Ich-Erzählinstanz befindet sich auf einer menschenleeren Erde und hinterlässt Botschaften:
Am Anfang hinterließ ich manchmal Botschaften auf der Straße. Jemand lebt im Louvre, lauteten einige dieser Botschaften. Oder in der National Gallery. Natürlich konnten sie so nur lauten, wenn ich in Paris oder London war. Jemand lebt im Metropolitan Museum, so lauteten sie nämlich, als ich noch in New York war. Niemand kam, selbstverständlich. Schließlich hörte ich auf, Botschaften zu hinterlassen. Um die Wahrheit zu sagen, vielleicht hinterließ ich insgesamt nur drei oder vier Botschaften. Ich habe keine Ahnung, wie lange es her ist, seit ich das getan habe. Müsste ich schätzen, ich glaube, ich würde zehn Jahre schätzen. Möglicherweise ist es auch einige Jahre länger her. Allerdings. Und selbstverständlich war ich für eine bestimmte Periode auch nicht bei Sinnen. Damals.
Im Zentrum des Geschehens steht die kristallklare, sich selbst korrigierende, sich selbst erforschende und behütende Ich-Erzählinstanz, eine Künstlerin namens Kate, die sich vor den eigenen Schmerz verbirgt. Um sich zu betäuben, einerseits vor den unerträglichen Erinnerungen an den Tod ihres Sohnes, andererseits vor der unerträglichen Einsamkeit in der Gegenwart, in der es weder Tiere noch Menschen, nur Pflanzen und Landschaft gibt, zieht sie sich in imaginierte Spekulation über die Kunst- und Kulturgeschichte zurück.
Aber wie dem auch sei, und selbst wenn sie auch keinerlei Neuigkeiten über Odysseus hätte, hätte Helena trotzdem fraglos jede Menge interessante Dinge zu berichten gehabt. Nun, und insbesondere, da Ithaka eine Insel ist, so dass jeder, der von dort herkommt, häufig nicht auf dem neuesten Stand gewesen wäre. Gütiger Himmel, Penelope, willst du mir ernsthaft sagen, dass du bisher noch nicht einmal von meinem Schwager und der Badewanne gehört hast?
Die Kunst als Fluchtort vor dem Leben, wie auch als Benebelungspunkt für die wirren Gedanken bildet hier den Gegenstand des Erzählens des Nicht-Erzählens. In Protokollsätzen reflektiert sie, stets apodiktisch, dann korrigierend, dann abschwächend, relativierend, wiederum festnagelnd eindeutig über sich und ihren Schmerz in der Welt, über die fehlenden Namen, fehlenden Dinge, über das, was ist und nicht ist, der behütende, aber auch zerstörende Wahnsinn der vernebelten Zwischenmenschlichkeit.
Markson zelebriert hier einen dekonstruktivistischen, assoziativen Blick einer der verrammelten Welt gegenüber souveränen Ich-Erzählerin, die sich durch sich und ihre Sprache lebendig und dynamisch hält, ja Sinnschöpfung betreibt, und zwar aus dem sprichwörtlichen Nichts des Fundus einer untergegangenen Kultur. Fast kulturarchäologisch. Leider mit einem langweiligen Hänger in der Mitte, und fällt deshalb gegen Jacqueline Harpmanns Ich, die ich Männer nicht kannte oder Dino Buzzattis Die Tatarenwüste ab.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Kate, bildende Künstlerin, schreibt auf einer Schreibmaschine ihre Gedanken auf, während sie in einem Haus am Strand wohnt.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Zentral: die Ehe mit Adam, ihren Mann, in Mexiko, in einem Dorf, nicht weit von Oaxaca. Der Mann trinkt, und ihr Sohn, einmal Simon (15x) und das andere Mal Lucien (15x) genannt, stirbt. Sie reist um die Welt, besucht auch wieder das Grab von ihrem Kind und fackelt das Haus ab, in dem sie mit ihrem Mann gelebt hat.
Eine der wichtigsten Erinnerungen an Simon/Lucien ballt sich in der Katze, die mit ihnen gelebt hat, der der Sohn einen Namen geben sollte, aber keinen fand, so dass sie die Katze nur „Katze“ nannten. Katzen spielen in dem Erinnerungsfluss eine große Rolle (201x), die mögliche Katze. Sie hat eine Katze im Kolosseum in Rom gesehen; sie denkt über eine Katze nach, die Helena von Troja geschenkt worden ist; und sie erinnert sich an eine Katze, die mit ihr im Atelier in Soho gelebt hat (nach dem Tod ihres Sohnes). Dann gibt es noch Rembrandts Katze, die Argus genannt wurde (nach dem Hund von Odysseus), und die Vorstellung einer Katze, durch das Kratzgeräusch eines Klebebandes am Fenster ihres Hauses; und eine Katze, die ein Maler namens Pintorcchio auf dem Gemälde der webenden Penelope verewigt hat.
Zwei weitere wichtige Knotenpunkte des Textes: die Schlacht um Troja, das Nachwirken, die Reise Odysseus‘, das Schicksal Kassandras, Klytämnestras … immer wieder Reflexionen auch um Rembrandts, Vermeer, Schüler und Nachlassenschaften, Spinoza in Amsterdam.
Szenario: Sie, Kate, allein auf der Welt, keine Menschenseele zu sehen. Sie sucht nach anderen. Es gibt auch keine Tiere mehr. Nur Pflanzen, die Sonne, die Landschaft. Sie reist um die Welt, spielt die Rückfahrt Odysseus‘ nach, setzt mit dem Boot über von Nordamerika nach Asien etc … bei einem Versuch, eine große Leinwand zu tragen, verstaucht sie sich den Knöchel, und bei einem Autounfall, sie rutscht die Böschung hinab, in der Nähe von Savona ertrinkt sie beinahe und zieht sich eine Zerrung in der Schulter zu. Beides verdonnert sie vielleicht zur Ruhe, die sie mit Schreiben ausfüllt.
– Hauptfigur reist durch die Welt, vor allem kulturhistorisch bedeutsame Stätte wie Uffizien, Tate Gallery, Louvre, Parthenon, und auch am Hellespont, nach Troja.
– Sie ist allein. Alles ist verlassen, menschenleer. Sie fährt nach Mexiko, wo sie ihren Sohn, sieben Jahre alt, verloren hat. Sie nennt ihn Adam. Sie schätzt sich auf 50 Jahre, hat noch ihre Periode.
– Gespräche/Ausschau halten nach Figuren der Kunst, Raskolnikow, Anna Karenina, nach Künstler, Gesprächspartner nur die Welt der Kunst. Roter Faden: Krieg um Troja, Helena, Homer.
– Ehemann hieß Adam. In Mexiko versuchte sie zu malen, gab auf, verschwand.
– Autounfall in Savona (beim Masturbieren?) von der Küste ins Wasser, Todesangst.
– Mutter stolz, dass Kate Künstlerin geworden ist.
– Katze im Kolosseum in Rom, orangefarben oder eingebildet? Frau am Fenster. Motiv.
– Knöchel verstaut beim Gemäldetragen.
– Kunst als das Du, Griechenland als Quelle der Kunst und der Kultur, als das verstandene Gegenüber.
– Eine eigene Form der Odyssee findet statt. Ihre Suche. Nach dem Verlust ihres Kindes, ihres Ehemannes? Penelope als Bezugsfigur, Medea, Kassandra.
– Unglück/Unfall in der Nähe von Savona.
– Roter Faden: die hochgradige Reflektiertheit, das Suchen im eigenen Gedächtnis, die Einsamkeit der Erzählerin.
– Prostitution, Periode, totes Kind, Einsamkeit der Künstler, Escort, Odyssee.
– Über Rembrandt, Vermeer, Spinoza, Blütezeit der Malerei – und dann über die Antike, Alexander, Aristoteles, Platon. Die Genealogien. Zwei Höhepunkte der Kunst- und Kulturgeschichte. Michelangelo, Raffael.
– Bücherkiste, Regale, leer, voll. Bücher mit deutschen Texten, Martin Heidegger, zwei spanische Texte.
– Kunstgeschichte als Verschiebung und Verdrängung der Tragödie um den verstorbenen Sohn.
●Kurzfassung: Eine Künstlerin verarbeitet ihr Gefühl der Verlassenheit in einer leeren, vom Menschen befreiten Welt.
●Charaktere: (rund/flach) nur Kate selbst, als Fluidum.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: keine, in dieser Art Text nicht möglich – etwas längliche Passage über Rembrandts „rostbraun“
●Besondere Ereignisse/Szenen: der Text selbst ist das Besondere
●Diskurs: Kunst, Künstler in den verschiedenen Epochen, die Kunst als Opium, als Ablenkungsmittel, Remedium gegen den Schmerz und ungewollte Erinnerung, das „Gepäck“
… inhaltlich glänzt der Text im ersten und zweiten Drittel, hat enorme Längen im zweite, als es um Rembrandt und Amsterdam, Vermeer und die Schülerschaften ging. Dort digressiert der Text zu stark. Schwierige Phase. Über ein Drittel langweilig hat das Erlebnis des Textes sehr geschmälert. Vielleicht wird es besser am zweiten Lesen.
… vgl. Buzzatis „Tartarenwüste“, Anne de Marcken „Es währt für immer und dann ist es vorbei“, Jacqueline Harpman „Ich, die ich Männer nicht kannte“ und „Dissipatio humani generis“ von Guido Morselli.
–> 3 Sterne
Form:
●Eindruck: klare Strukturierung nach Wittgensteins Tractatus. Protokollsätze. Die Form der Sätze eher simpel. Hier geht es eher um das Verweben, Weiterweben, Weiterentwickeln von Motiven, die den ganzen Text durchziehen, deshalb Penelope, die auf Odysseus wartet, der Text als Textum, Gewebtes. Rhythmus und Melodie des Textes klar erfassbar. Musikalisches dominiert die Lektüre, ähnlich zu Thomas Bernhard.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoch
●Wortschatz/Wortzahl: Wortschatz eher Namen betont, viele bekannte, unbekannte Namen aus der Kunst- und Kulturgeschichte.
●Auffälligkeiten: Nach Aussagen, ein Wort-Sätze der Art: „Nebenbei bemerkt.“, „Übrigens.“, „Aber dennoch.“, „Selbstverständlich.“ ….
●Innovation: hohe Innovation durch Radikalität des Fokus, durch Subversionismus, aber teilweise zu inhaltistisch.
–> 4 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: Ich-Erzählung aus einer reflektierten Gegenwart heraus, mit klarer Fokalisierung, klarer Selektion und Reflexion, als Prozess des Erinnerns und Verdrängens gestaltet. Konsequent Ich-zentriert, als Solipsismus-Poesie.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): alles drei.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: eher souverän, leicht, locker, als Reflexionsübung, als Ablenkung vor dem Hintergrund der Niedergeschlagenheit und Einsamkeit
●Einschätzung: sehr überzeugende Erzählinstanz, durch die hindurch die einsame Welt lebt.
–> 5 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): Leider haut das zweite Drittel die Komposition etwas aus dem Ruder, insgesamt funktioniert das Abdriften und Wegdriften sehr gut, nimmt nur im zweiten Drittel überhand in die Beliebigkeit, sehr unzusammenhängend, da für diese Zeit kein Wort mehr über die Problematik, das Allein-Seins, die Hoffnung, wieder Leichtigkeit zu finden, erwähnt wird.
●Signal/Noise-Ratio: viel Noise, wenig Signal, sehr assoziativ
●Operative Geschlossenheit: sehr klarer Code von Verdrängung und Surrogat der eigenen Leere, Präsens/Vergangenheit als Code, die Welt vor und nach dem Tod des Sohnes.
●Rahmenstabilisierende Details: Katzen, Mexiko, Kunst- und Kulturgeschichte.
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nein
●Reliefbildung: starker Abfall im zweiten Drittel
●Einschätzung: leider nicht völlig gelungen durch das Rembrandt-Gefasel, ca bei 50%. Ansonsten meditative Einstimmung, insbesondere die Reisebeschreibung, das Suchen, das Hoffen, die Langsamkeit des Daseins ohne jede Menschen.
–> 4 Sterne
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: von begeistert, bis abgeschwächt, bis versöhnt und wieder begeistert, vielleicht liegt es auch an meiner eigenen Konzentration, insgesamt außergewöhnliches und gutes Leseerlebnis, gute Erzählstimme, starke Erzählposition, die die eigene fiktionale Welt zusammenhält
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nicht wirklich, aber stimmig
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja
●ein zweites Mal lesen? vielleicht, eine gewisse Wahrscheinlichkeit ist gegeben
–> 4 Sterne
Ästhetik: (jeweils 1-5)
●Kant: verspielt-offen? [Leichtigkeit] – 3
●Lukacs: engagiert-realistisch? [typisch] – 0
●Adorno: avantgardistisch-defensiv? [innovativ] – 3
●Hegel: dynamisch-totalisierend? [pathetisch] – 0
●Einschätzung: eher ein Fall der Cyberästhetik, oder Technoästhetik, passt in die anderen nicht hinein durch den Antihumanismus der Wahrnehmung.
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Ezra Pound: „ABC des Lesens“

Randbezirke des Dichterischen als Provokation. Homer, immer nur Homer.
In ABC des Lesens verarbeitet Ezra Pound, einer der Neuerer der englischen Lyrik, seine Erfahrung mit Sprache und wie die Sprache, die er für seine Dichtung verwendet, lebendig bleiben könnte. Hierfür gibt er einen sehr eigenwilligen Kanon an, der sich aus den Sprachen der ganzen Welt speist. Pound geht es offensichtlich darum, die englische Sprache zu begeisten:
Es ist umsonst oder beinah umsonst, dass meine Verleger mich bitten, die englische Literatur so groß wie möglich herauszustellen. Es geht nicht – wenn ich nämlich redlich handeln soll an dem Schüler. Man kann nicht Schreiben lernen, indem man Englisch liest. Wenn man von den Dichtern der Frühzeit angesteckt ist, wird man »Kostümiertes« verfassen. Chaucer ist unverständlich ohne ein Glossar. Elisabethanismen sind leicht als vergilbte Pracht erkennbar. Chaucer hat seine Kunst nicht ERFUNDEN.
In aller Kürze: Pounds Heroen lauten Homer und Chaucer und Francois Villon, nicht Shakespeare oder Dante. Er schüttelt noch mehr eher unwahrscheinliche Namen aus dem Ärmel, um die Problematik zu veranschaulichen, dass der sprachliche Mainstream zur Langeweile, schlechter Prosa und fataler Lyrik führt. Pound geht die Seitenwege der Literaturgeschichte ab und dies in salopper, fröhlich naiver Leutseligkeit. Für ihn ist Literatur = Sprache mit Sinn geladen, und wiederum das Kriterium der Schönheit die höchstmögliche Dichte an Sinn, die Kondensation, die Wiederlesbarkeit erlaubt.
Die Sprache ist offensichtlich zur Mitteilung geschaffen und wird dazu GEBRAUCHT.
»Literatur ist Neues, das neu BLEIBT.«
Aber das ist Sache des Grades. Eine Mitteilung kann mehr oder minder exakt sein. Das INTERESSE an einer Aussage kann mehr oder minder dauerhaft sein.Mein Interesse an dem Ta Hio des Konfuzius oder dem homerischen Gedichtwerk zum Beispiel kann nicht erlöschen.
Pounds schmales Bändchen besteht aus vielen Aphorismen, irrsinnigen Übertreibungen und interessantem Querdenken. Vor allem jedoch bricht er eine Lanze für das treffende Wort, die Kürze, die Klarheit, weshalb er Jane Austen, Gustave Flaubert, Henry James und Stendhal bevorzug, wiewohl er in Sachen Roman eher desinteressiert bleibt. Im geht es um das Erweitern der Sprache auf das Grenzmögliche.
Phanopoeia: den Gegenstand auf die imaginäre Netzhaut projizieren
Melopoeia: durch Klang und Rhythmus der Rede emotionale Entsprechungen herzustellen.
Logopoeia: beides bewirken, indem man die intellektuellen oder emotionalen Assoziationen wachruft, die hinsichtlich der eigentlich verwendeten Worte oder Wortgruppen im Bewusstsein des Empfängers zurückgeblieben sind.
Und: Eine Definition des Schönen ist: die Stimmigkeit.
Leider gereicht das Buch nicht vielmehr als zu ein paar Denkanstößen und Nennung von nicht so offensichtlichen Namen der Literaturgeschichte. Überzeugen will Pound nicht, eher anregen, deshalb ist er auch Dichter geblieben ist.
Lew Tolstoi: „Was ist Kunst?“

Radikale Kunstvision – Kunst als Gefühlsübertragung und Menschheitsbefriedung.
Viele Jahre, ungefähr 15, kämpfte Leo Tolstoi mit seinem Aufsatz über die Kunst. 1897, kurz vor seinem letzten Roman Die Auferstehung, veröffentlichte er schließlich seinen über zweihundert Seiten langen Traktat, der zuerst stark zensiert veröffentlicht wurde. Kurz nach Veröffentlichung dieser beiden Texte wurde Tolstoi 1901 von der orthodoxen Kirche letztlich exkommuniziert. Der moralische Rigorismus traf auch die Praxis der Kirche, der er dieselbe Dekadenz wie der Kunst vorwirft. Dies gilt für alle Kirchen und fast alle Kunstwerke, seine eigenen eingeschlossen.
(Wenn ich Muster der Kunst, die ich für die besten halte, anführe, messe ich meiner Auswahl keinen besonderen Wert bei, da ich abgesehen davon, daß ich nicht genügend in allen Arten der Kunst bewandert bin, dem Stande der Menschen angehöre, die vermöge der falschen Erziehung einen verdorbenen Geschmack haben. […] Dabei muß ich noch bemerken, daß ich meine künstlerischen Arbeiten in das Gebiet der schlechten Kunst rechne, mit Ausnahme der Erzählung „Gott sieht die Wahrheit“, die der ersten Art [der religiösen] zuzugehören wünscht[,] und den „Kaukasischen Gefangenen“, die der zweiten [der universellen] angehören. Anm. d. Verfassers.)
Wie Sören Kierkegaard zu christlich für die evangelische Kirche wurde und in Konflikt mit ihr aus der Welt ging, ein Konflikt, den er als seine Haupthinterlassenschaft betrachtete, brach Tolstoi mit allen Autoritäten und schwor lediglich auf die Moral der Menschen, die hart für ihr Leben arbeiteten, die bescheiden und leise sich gegenseitig halfen und von Dekadenz und Größenwahn, von Pomp und Glamour nichts wissen wollen. Diesen Menschen soll die Kunst dienen, deren Hauptaufgabe für Tolstoi in der Gefühlsübertragung liegt. Transportiert gewöhnliche Sprache Information, Wissen von Mensch zu Mensch, so Kunst Gefühle:
Um die Kunst genau zu definieren, muß man vor allem aufhören, sie als Mittel zum Genuß anzusehen, und muß die Kunst als eine der Bedingungen des menschlichen Lebens betrachten. Wenn wir die Kunst so betrachten, müssen wir sehen, daß die Kunst eines der Mittel für die Einigung der Menschen untereinander ist. […] Die Thätigkeit der Kunst ist darauf begründet, daß der Mensch, indem er durch das Gehör oder das Auge die Gefühlsäußerungen eines anderen Menschen empfängt, fähig ist, dasselbe Gefühl, das der Mensch, der sein Gefühl äußert, empfand, nachzuempfinden.
Um Gefühle zu übertragen, muss der Künstler aber Gefühle empfinden und zwar aufrichtig und innerlich, um eine ästhetische Form für sie zu erschaffen, die eine Art Bewusstseinsverschmelzung erlaubt. Kunst zur Unterhaltung, Kunst als Profession, Kunst als Informationsüberträger oder als Phantasielabor bedeuten Tolstoi gar nichts. Kunst entsteht für ihn nur aus dem Alltag heraus, niemals aus Luxus, niemals aus Müßiggang, niemals aus einer artistischen Vision und Inspiration. Mit diesem Anspruch bleibt von der Welt der Kunst nur noch wenig übrig, seitdem die Renaissance mit dem Glauben an die Menschheit und deren moralischer Entwicklung, so Tolstoi, kurzen Prozess gemacht.
Und in den höheren Klassen vollzog sich das, was die „Renaissance der Wissenschaft und der Künste“ genannt wird, und was im Grunde genommen nichts anderes ist, als nicht allein die Negation jeder Religion, sondern auch das Bekenntnis, daß diese ganz überflüssig sei.
Tolstoi schlägt eine radikale Rückkehr zur Schlichtheit, Aufrichtigkeit und Kürze vor, verwirft sein eigenes Werk und das fast aller anderen auch (Ausnahmen sind George Eliot, Charles Dickens, Victor Hugo … und ein paar wenige andere noch). Tolstois Hauptargument gegen die dekadente Kunst basiert auf deren Fremdfinanzierung, andere müssen für den Lebensunterhalt der Kunstschaffenden aufkommen, und auf deren Hermetismus, dass nur wenige Zugang zu dieser Kunst finden können.
Beide Argumente werden durch populäre Kunstschaffende, die Millionen von Menschen erreichen und begeistern, sich allein durch ihre Fans finanzieren und breite Bevölkerungsschichten erreichen, ausgehebelt (siehe Helene Fischer oder Sebastian Fitzek). Was dann bleibt: der bloße Amoralismus-Vorwurf auf Basis seiner Entsagungsreligion. Das wiederum hat aber nichts mehr mit Ästhetik zu tun. Tolstoi argumentiert in diesem Sinne idealistisch: Kunst darf, laut Tolstoi, die Menschen in ihrer Liederlichkeit nicht bestärken, dann lieber, wie Platon es vorschlug, sie ganz verbieten.
Früher fürchtete man, daß unter die Zahl der Gegenstände der Kunst Dinge geraten könnten, die die Menschen verdürben und man verbot sie ganz. Jetzt aber fürchtet man nur, daß irgend ein Genuß, den die Kunst bereitet, verloren gehen könnte, und protegiert jede. Und ich denke, daß der letzte Irrtum viel gröber als der erste ist, und daß seine Folgen viel schädlicher sind.
Tolstoi hat einen Punkt, wo er auf die Stimmigkeit, auf die Komposition des Ausdrucks hinaus will und die Gefühlslage betont, das, was die Kunst transportiert. Er kritisiert zurecht Kunstwerke, die aus (auch nur partiell) finanziellem Interesse am Verkauf produziert werden und deshalb kein artistisches Grundanliegen besitzen (und so auch keine Ästhetik). Leider will er die Ganzheit des Lebens unter das Primat der Notdurft stellen – alles muss religiösen Sinn erhalten, alles kausal gerechtfertigt werden können. Mit dieser ontologischen Grundannahme schüttet er das Kind mit dem Bade aus und landet, gewollt und bewusst, im gedanklichen Mittelalter.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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1.) Tolstoi stellt sich die Frage, welchen Nutzen die Mehrheit der Bevölkerung aus den Kunstwerken zieht, die in ihrer Entstehung soviel Reichtum und Kapital verschlingen [später beschreibt er den Aufwand einer Wagner-Oper-Inszenierung].
2.) Er sieht, dass ein Künstler, um Kunst zu schaffen, von anderen ernährt werden muss. Für ihn stellt dies eine vermittelte Sklaverei dar. Die Rechtfertigung sei das Schöne. Er verweist auf die Vieldeutigkeit des Begriff des Schönen hin, in den meisten europäischen Sprachen. Im Russischen bezieht es sich nur auf das, was dem Auge gefällt.
3.) Er beschreibt nun die verschiedenen Ästhetik, die verschiedenen Versuche, das Schöne und die Kunst zu definieren. Im Gegensatz zu „Geist“ umfängt den Begriff „Schönheit“ die Illusion wahrnehmbar zu sein.
Baumgarten: Schönheit, das sinnlich Vollkommene, Übereinstimmung der Ordnung der Teile und des Ganzen. Schönheit gefällt.
Sulzer: Schönheit erweckt das moralische Gefühl und erzieht es.
Winckelmann: Schönheit nur auf die plastische Gestalt bezogen, der menschliche Körper.
Hume: Schönheit nur abhängig vom Geschmack.
Burke: Selbsterhaltung (Krieg)=Erhabenheit; Gemeinwesen (Vermehrung) = Schönheit.
Hemsterhuis: Schönheit = Genuss der größten Anzahl von Ideen auf engstem Raum.
Schelling: Schönheit = das Unendliche im Endlichen.
Spencer: Kunst als Kraftüberschuss, Spiel und Reiz.
4.) Tolstoi zieht nach der Rekonstruktion der Ästhetik den Schluss, dass nur mittels Induktion auf Geschmack geschlossen wird, also Beliebigkeit herrscht, und diese Beliebigkeit kann, lt. ihm, nur Genuss zur Grundlage habe, die ein schlechter Richter ist, denn Essen, das einem gut schmeckt, muss nicht gut für die Gesundheit sein. Die Rechtfertigung der Kunst auf Basis von Schönheit gelingt nicht.
5.) Kunst definiert nun: Kunst basiert darauf, dass Menschen sich Gefühle mitteilen und durch diese Mitteilung von Gefühlen einigen, harmonisieren. Kunst kommuniziert im Gegensatz zur Wissenschaft, die Informationen und Gedanken mitteilt, Gefühle. Nicht-künstlerische Sprache = Information. Künstlerische Sprache = Gefühl. Kunst in diesem Sinne ist sehr allgemein. Alles, was Gefühle mitteilt, ist Kunst. Kunst für Tolstoi notwendig zur Gemeinschaftsbildung.
6.) Das Urteil über Kunst geschieht also über das Gefühl, und die Religion einer Zeit (nicht die Institution, sondern das Sittliche der Zeit) entscheidet über das Gute und Schlechte. Ab Mittelalter Aushöhlung des christlichen Glaubens. Kunst gerät ins Fahrwasser der Dekadenz einer ent-religionifizierten Aristokratie. In diesem Sinne bedeutet Renaissance = die Wiedergeburt des heidnischen Menschen.
7.) Baumgartens Ästhetik rechtfertigt diese Form der dekadenten Genussästhetik. Tolstoi hält auch nicht viel von der altgriechischen Kunst, da die Zeit eine Sklavenhalterzeit gewesen ist. Schönheit ist für Tolstoi nie geistig – „schön ist, was gefällt.“
8.) Schisma zwischen Volkskunst und der Kunst für 1% der Bevölkerung.
9.) Diese dekadente Kunst zeichnet sich durch drei Dinge aus:
i) Verarmung am Inhalt
ii) Verlust der Schönheit der Form
iii) Unaufrichtigkeit.
Mit anderen Worten der Stoff der Kunst speist sich aus: Stolz, Wollust, Überdruss.
10.) Durch den kleinen Publikumskreis: Insidergags, Insidersprache, nur für Eingeweihte lesbar. Literatur erzeugt Stimmung für Auserwählte. Tolstoi demonstriert dies an Baudelaire, Verlaine, Mallarmé, Maeterlinck. Er wettert gegen den Hermetismus. Kunst, da sie Gefühl mitteilt, muss allen verständlich sein.
11.) Ursprung der dekadenten Kunst: Zerstreuung. Gefühlsübertragung nur möglich, wenn der Künstler das Gefühl, das er übertragen will, auch gefühlt hat. Da die Kunst aus Dekadenz entsteht, müssen Gefühle gefakt werden. Tolstoi nennt dies die Falsifikation von Kunst. Sie besteht aus:
i) Entlehnung (Copy&Paste);
ii) Nachahmung (sinnlos detailliert-realistisch);
iii) Auffälligkeit (Kontraste, Schockelemente);
iv) Verwendung von interessanten Stoffen (Intrigen, Kriminalität).
„Faust“ von Goethe entspricht all diesen Formen und ist nur entlehnt, nicht organisch. Künstler der Dekadenz können ständig neue Texte schreiben. Sie müssen nur den initialen Selbstekel überwinden. Hohe Produktivität das Resultat.
12.) Fördernde Bedingung dieser falsifizierten Kunst:
i) hohe Belohnung;
ii) Kunstkritik, ein korruptes Publikum (die Dummen urteilen über die Klugen);
iii) Kunstschulen (Kunst stellt individuelle Gefühle dar, deshalb kein Lehrer-Schüler-Verhältnis möglich – Kunst wie das Predigen können nicht gelernt werden).
13.) Gegen Wagners Versuch Musik und Poesie zu vereinigen. Tolstoi macht sich über eine Aufführung des „Der Ring der Nibelungen“ von Wagner in Moskau lustig. Wagner betreibe eine Rauschmittelform.
14.) Kunstschwemme, Kunstrauschen. Die meisten Bücher transportieren nur das Gefühl, ein Buch schreiben zu wollen. Kunst bescheiden, nur die falsche ist laut und aufdringlich.
15.) Wahre Kunst eine Form von Bewusstseinsverschmelzung. Ansteckung des Gefühls. Aufrichtigkeit eine Bedingung der Kunst, nebst Klarheit und Eigenartigkeit, und zwar unabhängig von jedwedem Inhalt.
16.) Sprache wie Kunst ein Verbindungsmittel. Das religiöse Bewusstsein seiner Zeit besteht in der Friedlichkeit und Einigkeit, der Verbrüderung aller Menschen. Tolstois Kanon seiner Gegenwartsliteratur:
„Die Räuber“ von Schiller;
„Les Miserables“ von Victor Hugo;
„Two cities“ von Charles Dickens;
„Adam Bede“ von George Eliot;
„Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ von Fjodor Dostojewski;
„Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe.
Seine eigenen Werke rechnet er der dekadenten Kunst zu, bis auf zwei Erzählungen, „Gott sieht die Wahrheit“ und „Kaukasische Gefangenen“. Auch Beethovens 9. Sinfonie schlecht.
17.) Die Jugend wird verkrüppelt, indem sie Spaßmacher der Reichen werden wollen. Falsche Vorbilder wie Puschkin, der nur Liebesgedichte schreibt. Tolstoi will dekadente Kunst bekämpfen.
18.) Kunst eine Form von Prostitution geworden. Detaillierter Vergleich.
19.) Über die Kunst der möglichen Zukunft:
i) Klarheit;
ii) Schlichtheit;
iii) Kürze.
Vor allem, Künstler dürfen kein dekadentes Leben jenseits vom Alltag der Massen leben. Sie müssen den Alltag, die Gefühle, das Leben der Menschen aus erster Hand kennen (Bitterfelder Weg).
20.) Wissenschaftskritik, dasselbige gilt für die Wissenschaft. Kunst soll die Gewalt beseitigen. Tolstoi strebt eine Umwertung der Kunst an.
Ewald Arenz: „Fünf, sechs, sieben, acht“

Ein Antipath als Hauptfigur, der mit seinem Alter nicht klarkommt. Konstruiert.
Inhalt: 3/5 Sterne (ansatzweise spannend)
Form: 0/5 Sterne (kein Anspruch)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (auktorial-personal)
Komposition: 2/5 Sterne (Steiküstenszene)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (Hauptfigur Antipath)
–> 7/5 = 1,4 = 1 Stern
Der im Nebenberuf erfolgreiche Journalist Ewald Arenz, insbesondere mit seiner Literatur-Kolumne „Meine kleine Welt“, schreibt seit einiger Zeit sehr erfolgreiche Romane, die viele Woche in den Bestsellerlisten verbleiben, auch Fünf, sechs, sieben, acht gehört dazu. Dieser Roman handelt von Anton Wagner, sechzig Jahre alt, Choreograf an einem Theater für den Tanzbereich, der nach einer gescheiterten Ehe nun auch beruflich vor dem Neuanfang steht:
Nein. Er wusste gar nichts. Sie hatten ihn alle ins Messer laufen lassen. Die Bergedorf war ihm egal. Aber Werner. Sultan. Und vor allem Emma. Sie hatten ihn ins Messer laufen lassen, und das gleich zweimal hintereinander. Herrgott, wie dumm war er eigentlich, dass er nichts gemerkt hatte? Gar nichts? Er zitterte. Nicht nur vor Wut. Vor plötzlichem Hass und vor Wut und vor … ja, vor Angst auch.
»Fickt euch!«, sagte er. »Fickt euch einfach!«
Dann stürmte er aus dem Zimmer.
Anton fühlt sich verraten, als er seine Stelle verliert und zwar an seine eigene Tochter Emma, die auch Tänzerin ist. Anton, nun von allen Seiten in Bedrängnis geraten, schwelgt in Jugenderinnerungen, denkt an die Jugendliebe Johanna, die fünfunddreißig Jahre zuvor in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verschwand und nie wieder auftauchte. Als eine Art Versöhnungsprojekt fahren Emma und Anton gemeinsam nach Irland, diese besagte Johanna zu suchen und das Rätsel um ihr Verschwinden zu lüften. Währenddessen und drumherum gibt es viele zwischenmenschliche Probleme, die gelöst werden wollen:
»Liebe ist schon ein bisschen was anderes als nur ein Schönwettergefühl. Liebe ist leicht, wenn man den anderen mag. Aber wenn sie sofort aufgibt, nur weil man den anderen gerade mal nicht erträgt, dann ist es bloß ein aufgeblasenes Wort!«
Sie war stehen geblieben. Drehte ihr Gesicht zu ihm. Voller Leidenschaft. Voller Zorn. Ihre Augen konnte er noch von hier oben sehen. »Was?«, gellte es höhnisch hoch. »Was?«
»Ja!«, schrie er nun mit aller Kraft zu ihr hinunter. »Liebe ist Verzeihung, mein Herz. Wusstest du nicht, oder?«
»Fick dich!«, schrie sie zurück. »Fick dich einfach.«
Sie drehte sich nicht mehr um, als sie zum Parkplatz rannte und außer Sicht geriet.
Über den Roman lässt sich nur so viel sagen, dass er ein Minimum an Plot aufweist (der Grund des Verschwindens von Johanna) und eine gewisse emotionale Dramatik (Streit mit der Tochter). Beides wird aber sprachlich in einer Weise abgehandelt, dass einem vor lauter „immer“ und „eigentlich“ schwindlig wird. Zu dick aufgetragen, zu wenig vollständige Sätze wirkt das ganze wie ein Hörspiel, das aber überraschenderweise einen Mann ins Zentrum des Geschehens rückt, der überhaupt keine Interesse für seine Mitwelt aufbringt. Der Narzissmus von Anton kennt keine Grenzen, und so schleppt sich das Buch statisch dahin, und wenn sie nicht gestorben sind, dann streiten sie weiter.
»Ja!«, schrie sie voller Zorn. Das Zittern war fort. »Aber nur, bis es dich betrifft. Wie immer. Weißt du, was? Du bist ein alter weißer Mann. Das bist du einfach. Wer hat denn nie Rücksicht auf die Familie genommen? Wem war es denn egal, wie das für mich ist, als du plötzlich eine Fünfundzwanzigjährige gefickt hast? Genau zehn Jahre älter als ich? Wir waren dir scheißegal, oder? Und du verlangst von mir, dass ich …«
Leider passt bei Fünf, sechs, sieben, acht im Grunde gar nichts zusammen, weder die Erzählperspektive noch das Erzählrelief noch die Figurenkonstellation. „Fünf, sechs, sieben, acht“ wird gesagt, um auf die folgende „eins“ vorzubereiten, also wenn das Musikstück oder das Tanzstück anfangen. Auf den Roman übertragen heißt das, dass das Grundgerüst steht, nun müsste der Roman geschrieben werden. So aber als Grundgerüst bleibt Fünf, sechs, sieben, acht ein bloßes Versprechen und unverdauliche Rohkost.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Anton, 60 Jahre alt
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Handlungsumfang etwa ein Jahr.
1.) Premiere im Theater, Anton (A) sehr begeistert von seiner eigenen Choreographie, empfindet das als Höhepunkt seiner bisherigen Tanzlaufbahn. Die Premiere läuft gut.
2.) Premierenparty, Antons Tochter Emma (E) beglückwünscht ihn, seine Ex-Frau Katja auch, seine Mutter ist auch mit von der Party. Werner, der Intendant hört nach dieser Spielzeit auf. Ein Umbruch steht an. E auch Tänzerin.
3.) A denkt an seine Jugendliebe Jo, als er spät nach Hause kommt und daran denkt, dass er bereits drei Viertel seines Lebens hinter sich hat.
4.) Frühstück mit Künstlerbruder Jörg. Sie reden über As Jugendliebe, die einfach verschwunden ist.
5.) In der Tanzschule trifft A Katja. Sie reden über Emma, die fand, dass A bei sich selbst geklaut hat, ihm also die Ideen ausgehen. Er ist frustriert, danach gibt er Unterricht.
6.) Mit Katja in einer Bar. A spricht über seine „Midlife“-Krise, spricht wieder über Jo. Katja fühlt sich schlecht, nur die Nummer zwei in seinem Leben gewesen zu sein.
7.) A erfährt im Theater, dass sein Vertrag unter der neuen Intendantin nicht verlängert wird. Steht mit 60 als Tänzer auf der Straße, außerdem hört er, dass seine Tochter seinen Job bekommen hat. A frustriert, verärgert.
8.) Spricht mit dem Ex-Intendanten, der hält sich raus.
9.) A erinnert sich an Jo, geht Emma aus dem Weg. Seine Mutter will, dass er Emma zum Bahnhof fährt. Sie sprechen auf der Fahrt kaum miteinander. Während der Fahrt gibt Emma A Tipps, wie er Jo finden könnte, übers Internet.
10.) A breitet Fotos von Jo aus. Sie ist damals einfach verschwunden, aus dem Nichts. Er ist zur Polizei gegangen, aber vergebens. Er lässt die Bilder mit einer App altern und beginnt die Internetsuche.
11.) Geht Steptanz-Üben im Wald, dort trifft er auf zwei Schülerinnen, eine davon heißt Aya und lässt sich für den Tanz begeistern.
12.) A macht Katja und Emma Vorwürfe, ihn nicht auf die Kündigung vorbereitet zu haben. Seine Affäre vor 15 Jahren kommt zur Sprache, als er in Hamburg Katja betrog, Emma war 15. Sie hat Johanna (Jo) in Irland ausfindig gemacht. Bevor er sie fragt, steht Aya in der Tanzschule vor der Tür und will mit dem Tanzen anfangen. Sie klären das mit den Tanzschuhen und der Bezahlung.
13.) Erinnerung an ein Wintertag mit Jo, als sie einen Typen, der ihr krumm kommt, mit einem Kopfstoß die Nase gebrochen hat.
14.) A holt Emma vom Bahnhof ab, sagt, dass er stolz auf sie ist, dass sie den Job bekommen hat, ist aber immer noch verärgert. Sie reden über Johanna. Sie zeigt ihm das Foto, dass sie gefunden hat. Johanna lebt im Norden der Republik Irland.
15.) Am Grab seine Vaters. Die ganze Familie versammelt. A streitet sich wieder mit Katja über die Theaterstelle. Katja schlägt vor, dass er mit Emma nach Irland fährt.
16.) In Irland, Emma fährt. A hat Angst vor dem Linksverkehr. A bekommt eine Absage per Email. Kein neues Engagement in Sicht.
17.) Am nächsten Tag machen sie einen Ausflug, zur Burgruine Grianan. Sie sprechen sich aus, streiten sich fürchterlich. Emma haut mit dem Wagen ab, als er von ihr eine Entschuldigung will. Sie wirft ihm die Affäre vor. Er muss im Regen zu Fuß zurückgehen. Im Pub angekommen sagt ihm die Wirtin, seine Tochter sei abgefahren.
18.) Er macht mit dem Rad einen Ausflug in den besagten Ort, Letterkenny, am Sonntag, trifft einen Pfarrer, der von einer Lehrerin erzählt, die ihm geholfen hat trotz Homosexualität katholischer Pfarrer zu werden.
19.) Am nächsten Tag trifft er dort Johanna. Sie gehen einen Cafe trinken und verabreden sich zu einem Ausflug. A telefoniert mit Katja, erzählt von ihrem Streit. A soll weiter Emma anrufen.
20.) Er unternimmt eine Wanderung mit Jo an eine Steilküste. Dort erzählt sie ihm, warum sie verschwand. Sie wurde von einer Alkoholikerin nach Geld gefragt, als diese handgreiflich wurde, hat Jo ihr einen kräftigen Stoß verpasst, mit dem Kopf, so dass diese von der Brücke, übers Geländer, ins Wasser fiel. Daraufhin ist sie abgehauen, vor 35 Jahren. Oben auf der Klippe gibt Jo zu, sie hat überlegt A dort oben umzubringen. Sie wollte sich das Leben nicht nehmen lassen, dass sie sich aufgebaut hat.
21.) Glaubt jetzt an Gott, ans Schicksal. Sie gehen noch etwas trinken, dann beschließe sie, sich nie wieder zu sehen.
22.) Im Ort geht A zum Pfarrer, sagt ihm, dass ihre gemeinsame Bekannte, die Lehrerin, ein Gespräch benötigt, da sie unglücklich sei. A fährt nach Dublin, schlägt die Zeit tot, ruft Katja an, die ihm zwingt, Emma anzurufen. Emma nimmt ab. Sie verbringen Zeit miteinander. Sie versöhnen sich, tanzen auf der Straße. Sie springt auf ihn los und er fängt sie und hebt sie über den Kopf. Passanten klatschen.
23.) In der Tanzschule, Aya fleißige Schülerin, bringt ihren Freund mit, Veit, der aber nicht tanzen kann. Aya ist sehr talentiert.
24.) Anruf von Aya, sie hat mit Veit Drogen genommen, Veit bewusstlos. A hilft ihr, ruft den Sanitäter, sodass sie ihre Personalien nicht aufgeben muss. Veit wird gerettet.
25.) A vermittelt Aya an Emma für ihr erstes Stück. Aya tanzt vor, Emma interessiert.
26.) A holt Katja zur Premiere von Emmas Stück ab. Aya taucht erst am Ende auf, auf der Bühne steht groß in Rot „Daddy“. Eine Interpretation von King Lear, Aya überzeugt. Anton und Aya sprechen, sie weigert sich ihn zu duzen, aus Respekt für den Älteren.
●Kurzfassung: Ein 60jähriger Stepptänzer hadert mit dem Altwerden und wird von seiner eigenen Tochter im Theater ersetzt. Er sucht nach seiner Jugendliebe, die damals einfach verschwand. Es stellt sich heraus, dass sie damals eine Frau umgebracht hat und aus dem Land geflohen ist, um nicht ins Gefängnis zu kommen. Durch die Desillusion kommt er seiner Tochter und eigentlichen Familie wieder näher, die er vor 15 Jahren durch eine Affäre zerstört hat.
●Charaktere: (rund/flach) sehr holzschnittartig
●Überflüssige Szenen/Charaktere: Drogenszene mit Veit und Aya völlig unnötig. Überhaupt Aya als Figur nicht notwendig. Jörg, der Bruder, auch nicht nötig. Die Mutter ist auch nicht nötig. Conor auch völlig unnötig, der homosexuelle Priester in Irland.
●Besondere Ereignisse/Szenen: das Tanzen in Dublin, die rührende Szene mit der Tochter, die sich von ihm auffangen lässt; und die Alfred Hitchcock ähnliche Szene auf den Klippen mit der etwas gruseligen Johanna.
●Diskurs: Altwerden, Ehekrise, Familiendrama.
… manipulatives Buch. Der Plot eigentlich: die Aufklärung von Johanna damals verschwunden ist (vor 35 Jahren), und wie Anton seinen Stolz überwindet und sich für seine Tochter freut. Letzteres sehr konstruiert und zeichnet ein sehr schwaches Bild von der Hauptfigur. Überhaupt ist Anton unerträglich: betrügt seine Ehefrau, labert nur von seiner großen Jugendliebe, selbstmitleidig, will nicht altern, kann sich nicht zusammenreißen, und dann baggert er noch (halb) die junge Aya an (oder warum will er geduzt werden). Anton zerstört das Familienleben mit seinem Narzissmus.
… hat viele identifikatorische Momente, insbesondere in der Vater-Tochter-Dynamik, aber im ganzen sehr zäh und nicht sehr interessant, und der Mord erscheint überzogen. Großes Ärgernis, warum das Buch nicht mit der Versöhnung mit seiner Tochter aufhört, sondern noch 30 Seiten weitergeht …
–> 3 Sterne
Form:
●Eindruck: schlimm repetitiv, sehr einfache Hörbuch-Sprache, nicht der Rede wert, immer Superlative (immer, nie) und hinzu stets Abschwächungen (fast, eigentlich…) … keine Schriftsprache
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hohe Fiktionalität, eigenständige Erzählwelt
●Wortschatz/Wortzahl: sehr häufig ähnliche Satzstrukturen, Satzbauten, öde
●Auffälligkeiten: „immer“ (332x), „eigentlich“ 66x … und stets unvollständige Sätze, Ein-Wort-Sätze, etwas gewollt.
●Innovation: keine
–> 0 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: im Grunde personal aus Antons Sicht, nicht völlig durchgezogen und klar, bspw hier: „»Schon okay. Ich wollte sowieso gehen. Wir sehen uns, alter Mann«, sagte sie schnell, um den letzten Sätzen ein wenig die Schwere zu nehmen. Sie umarmten sich. Wie immer. Dann war sie gegangen, und er sah aus dem Fenster in den Abend. Gegen Träume hat man keine Chance. Aber das war es eigentlich nicht, was sie meinte. Es waren nicht die Träume, sondern das andere Leben, gegen das man keine Chance hatte. Das ungelebte Leben mit all seinen tausend Möglichkeiten, tausend Glücksmomenten, die vielleicht alle hätten Wirklichkeit werden können. Nach denen sehnte man sich, weil man dieses Leben nicht gelebt hatte.“ Fast auktorial, fast allwissend, denn wie soll Anton wissen, was Katja meinte.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): unklar, verschwommen
●Erzählverhalten, -stil, -weise: pathetisch, empathisch mit Anton
●Einschätzung: unklar, eher wischi-waschi, nicht durchgezogen, eine Schwebung zwischen selbstkommentierend und auktorial, aber selbstkommentiert in der personalen Erzählweise seltsam, zudem noch wenn die Erzählinstanz dann „Papa“ sagt für den sechzigjährigen Anton am Grabe seines Vaters.
–> 1 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): leidliche Zuspitzung mit der Steilküste, Todesgefahr, Anton in Gefahr mit der Mörderin etc …
●Signal/Noise-Ratio: wenig Noise, aber nicht völlig abwesend, viel Geruch, Parfüm.
●Operative Geschlossenheit: Alter/Jugend, nicht Altern-Wollen, Zeit …
●Rahmenstabilisierende Details: Suche nach der Jugendliebe
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: Pfarrer Conor, Ayas Tanz- und Drogenszene
●Reliefbildung: ehr schleppend das Ganze
●Einschätzung: wirkt also schematisch, nicht homogen, wirkt konstruiert, ein Pluspunkt für die Klippenszene, drei Minuspunkte für das hinausgezögerte Ende
–> 2 Sterne
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: durch die Hauptfigur kaum zu ertragen
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein
●stimmig?(Komposition: ja/nein) nein
●ein zweites Mal lesen? nein
–> 1 Stern
Ästhetik: (jeweils 1-5)
●Kant: verspielt-offen? [Leichtigkeit] – 2,5
●Lukacs: engagiert-realistisch? [typisch] – 2,5
●Adorno: avantgardistisch-defensiv? [innovativ] – 0
●Hegel: dynamisch-totalisierend? [pathetisch] – 0
●Einschätzung: hat keine Dynamik, keine formalästhetischen Dimensionen, eher typisch (Lukacs) und ein wenig verspielt (mit Parfüm und lockeren Assoziationen).
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Lew Tolstoi: „Die Kreutzersonate“

Ein Frauenmörder redet sich um Kopf und Kragen. Leicht essayistisch.
Inhalt: 4/5 Sterne (monomanisch – essayistisch)
Form: 5/5 Sterne (klassisch-aufwendig)
Erzählstimme: 5+1/5 Sterne (Ich-erzählte Ich-Erzählung)
Komposition: 4/5 Sterne (intensiv – leicht essayistisch)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (narrative Selbstdestruktion)
–> 23/5 = 4,6 = 5 Sterne
Lew Tolstoi hat sich nicht nur einen Namen als Literat, sondern auch als eine Art Volksbekehrer, Prediger und Moralist gemacht. In Die Kreutzersonate (1890) verdichtet er viele Motive seines Spätwerkes, insbesondere Auferstehung, nämlich den Einfluss von Sex aufs Eheleben, auf die Seelenstabilität und den Geist. In Die Kreutzersonate steht Posdnyschew im Zentrum des Geschehen, der seine Ehefrau umgebracht hat. Wegen Unzurechnungsfähigkeit aus Eifersucht wurde er freigesprochen, wiewohl Eifersucht gar nicht das Motiv seines Mordes gewesen ist:
Mit dieser Begründung [seine Ehre wiederherzustellen] wurde ich auch freigesprochen. Bei der Gerichtsverhandlung versuchte ich alles zu erklären, doch das deutete man nur als Versuch, die Ehre meiner Frau zu retten. Ihre Beziehungen zu diesem Musiker [der Geiger Truchatschweski], welcher Art sie auch gewesen sein mögen, haben weder für mich noch für sie eine ausschlaggebende Rolle gespielt. Ausschlaggebend war das, wovon ich Ihnen erzählt habe, das heißt meine schweinemäßige Lebensweise. Alles ist deshalb geschehen, weil zwischen uns jener Ihnen schon geschilderte unüberbrückbare Abgrund klaffte und eine von so elementarem Haß erfüllte Spannung herrschte, daß schon der geringste Anlaß genügte, zur Katastrophe zu führen.
Der Ich-Erzähler, der sich mit besagtem Posdnyschew unterhält, bleibt ungerührt und geduldig. Sie fahren mit dem Zug, während der Frauenmörder sich um Kopf und Kragen redet: Was Männer wirklich wollen, was Männer nie sind, was Frauen wirklich wollen usw. Die Klischees spielen weniger eine Rolle, als der Versuch von Posdnyschew, den zivilisatorischen Schein zu bekämpfen, die Masken, die alle spielen, während sie so tun, als ob sie nicht alle nur das eine wollen. Tolstoi, der sicherlich viele seiner Meinungen, die er anderswo, bspw. im Nachwort seiner Erzählung, kundgibt, in den Mund dieser Figur gelegt hat, besticht hier jedoch durch die literarische Konstruktion, die dem Schein eher das Wort redet als dem Sein. Posdnyschew erscheint nämlich immer schwächer und unsicherer und verwirrter, grunzt sogar hier und da seltsame Laute.
“[Meine Frau] schlug den ersten Akkord [auf dem Klavier] an. [Truchatschweskis] Gesicht bekam einen ernsten, strengen, sympathisch wirkenden Ausdruck, als er nun, auf die seiner Geige entlockten Töne lauschend, mit den Fingern behutsam an den Saiten zupfte und dem Klavier antwortete. Und das Spiel begann …“
Er unterbrach sich und stieß mehrmals nacheinander seine eigentümlichen Laute aus. Als er weitersprechen wollte, brachte er nur ein Schnaufen durch die Nase hervor und hielt abermals inne. »Sie spielten die Kreutzersonate von Beethoven. Kennen Sie das Presto im ersten Satz? Ja – Sie kennen es?“ rief er aufgeregt.
Posdnyschew verliert, je näher er zum Höhepunkt seiner Erzählung gelangt, immer mehr die Contenance, und Beethovens Stück gibt ihm am Ende den letzten Rest, wie nämlich der Geiger und seine Ehefrau in harmonischer Eintracht spielten und musizierten. Tolstoi lässt mit diesem Kontrapunkt seine pädagogischen Intentionen gegen die Wand fahren. Die Musik erscheint nicht als etwas Schauriges, sondern als eine sublime Form der Kommunikation, die Posdnyschew abgeht. Er besitzt diese Fähigkeiten nicht. Für ihn ist alles Maske und Heuchelei. Dass ein Begehren durchschritten, sublimiert, wie ein Musikstück transponiert werden kann, kommt ihm nicht zu Bewusstsein oder in den Horizont der Möglichkeit. Auf diese Weise kritisiert Tolstoi sein eigenes didaktisches Unterfangen mit der Kunst seines Schreibens, indem er ein vernetztes Sprachkunstwerk mit Kontrapunkten, Juxtapositionen und Symboliken erschafft, das sich einer klarer Position dadurch literarisch, allegorisch entzieht.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Posdnyschew (P), eingeführt als Mörder seiner Gattin. Seine Ehefrau (bleibt namenlos – wird nicht als Individuum erkannt), und der Geiger Truchatschweski.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) Anfang Frühling. Im Zug. Der namenlose Ich-Erzähler (IE) sitzt mit einigen Fahrgästen in einem Abteil. Ein Gespräch unter den Reisenden über Scheidungsfragen beginnt. Ein alter Mann sieht den Grund der Scheidungen für einen Moralwandel. Die Frau müsse streng kontrolliert werden. Liebe sollte in der Ehe keine Rolle spielen. Der alte Mann, zum Entsetzen der anderen Fahrgäste, behauptet, die Problematik der zerstörten Ehe liege allein daran, dass Frauen zu wenig gezügelt werden würden. Als der Zug hält, verlässt der alte Mann das Abteil.
2.) Die Dame betont die Wichtigkeit der Liebe zwischen den Eheleuten. Nur die Liebe heiligt die Ehe. Der Sitznachbar des IE meldet sich zu Wort und will wissen, was sie mit Liebe meint. Sie definiert die Liebe als ausschließliche Bevorzugung eines bestimmten Menschen, eine moralische Verpflichtung, etwas Geistiges. Er will wissen, wie lange die Bevorzugung hält. Die Dame hält ein Leben lang für möglich. Der Sitznachbar bezweifelt die Möglichkeit einer Liebe, die auf geistiger Übereinstimmung, Gemeinsamkeit der Ideale beruht. Der Sitznachbar wird als Posdnyschew erkannt, der seine Ehefrau umgebracht hat. Bei der nächsten Station wechseln die Dame und andere das Abteil. Der IE bleibt mit P zurück. P entschuldigt sich, falls seine Anwesenheit stört.
3.) Der IE lädt P ein, seine Geschichte zu erzählen.
4.) Seine Leben vor der Ehe, ein Lebemann, geht ins Bordell, hat seine Freuden, genießt die Unabhängigkeit. Mit 15 geht er zum ersten Mal ins Freudenhaus (Törleß/Joyce). Er wird zum Wüstling, Hetze auf Rat der Ärzte, junge Männer sollten ihr Horn abstoßen.
5.) Mit 30 verliebt er sich in eine junge Frau, und gibt ihr sein Tagebuch zu lesen (Anna Karenina, Lewin zeigt Kitty das Tagebuch).
6.) Männerbild von P. Sie wollen nur den Körper. Die ständigen Prostituierten werden geachtet, die gelegentlichen verachtet.
7.) Liebesexzess aus Untätigkeit und Völlerei.
8.) Brautwerben. Alles nur Heuchelei.
9.) Männer wollen Frauen, Frauen kontrollieren darüber die Männer.
10.) Zwischen P und seiner Frau keine Gespräche, kein Geist, alle Zeremonien nur eine Maske für den Trieb.
11.) Über das Unnatürliche am Sex. Ziel des Lebens, die Enthaltsamkeit, die wahre Harmonie der Sinnlichkeit.
12.) in den Flitterwochen der erste Streit (aus unwichtigen Gründen), nachdem die Sinnlichkeit befriedigt wurde, keine Gemeinsamkeit mehr.
13.) Hass und Liebe, Streit aus Hass auf sich selbst, Unzucht zu begehen, seine Ehefrau zu schändigen. P hat das Gefühl, durch den Sex, seine Frau schon getötet zu haben. Der Mord am Ende nur das Abreißen der Maske, eine Seele zerstört zu haben.
14.) Verheuchelte Erhöhung und Verklärung der Frau durch die Männer. Frauen für Männer aber nur Mittel zum Genuss. Sex darf für beide Geschlechter nicht mehr das Höchste sein.
15.) Das Stillen des Kindes hilft gegen die Unzucht – nur Barbaren haben Sex während der Stillzeit.
16.) Intuitive Liebe zum Kind verschüttet unter den Ratgebern und Ärzten. Medizin schädlich. P will Gottes Entscheidungen akzeptieren.
17.) Nach vier Jahren Ehe und fünf Kindern, vollendete Feindschaft. Ablenkung durch Zigaretten und Drogen vor dem eigenen Leben.
18.) Leben in der Stadt hilft als Zerstreuung. So diffusionierend, dass man am lebendigen Leib sterben kann, ohne es zu merken. Kipppunkt: Die Ehefrau lernt zu verhüten. Nun keine Grenze des „Schweinischen“ mehr. Ehefrau wird immer zügelloser.
19.) Ehefrau wird vergnügungssüchtig, kümmert sich kaum noch um die Kinder. Ein Geiger taucht auf. Sie beginnt wieder mit dem Klavier. Mord aber an ihr nicht aus Eifersucht, sondern aus der Schändlichkeit des gemeinsamen Lebens, an dem sie schuld sei.
20.) Grässlicher Streit. Sie verschwindet, kommt erst spät wieder. P ratlos, Schwester versucht zu schlichten, vergebens. Sie kommt wieder, schluckt eine Dosis Opium, aber überlebt. Sie versöhnen sich.
21.) P spielt mit seiner Eifersucht, bringt den Geiger T stärker ins Leben hinein. Fördert das gemeinsame Musizieren mit der Ehefrau.
22.) P dennoch wütend, tobt, zerschlägt Dinge. Sie bleiben aber bei der Verabredung zum gemeinsamen Musizieren, das von ihm ausgegangen ist.
23.) P begeistert vom musikalischen Vortrag – Beethovens Kreutzersonate, fühlt die Utopie, fühlt sich geheilt, insbesondere vom Presto des ersten Satzes. Alles friedlich. T reist ab. P auch, weiß aber seine Frau vor T sicher.
24.) Auf Reisen erhält er nun einen Brief von ihr, dass T zurückgekehrt sei. Kann seine Eifersucht nicht kontrollieren, reist ab.
25.) Zuerst zufrieden in Kutsche, dann rastlos im Zug. Begreift, dass er volle Kontrolle über sie verlangt, diese aber nicht realisierbar ist.
26.) Kommt rasend nach Hause, schickt seinen Diener weg, sein Gepäck zu holen, als er den Mantel von T sieht.
27.) Mechanische Wut. Greift nach einem Damaszenerdolch, stürmt ins Esszimmer, Gerangel. Sie beteuert, es sei nichts zwischen ihr T und passiert. Er zeiht sie der Lüge und erdolcht sie, geht in sein Zimmer, schließt sich ein, überlegt sich umzubringen, lässt es aber, schläft ein. Am Morgen wird er von der Schwester geweckt. Seine Frau liegt im Sterben.
28.) Seine Frau schimpft ihn aus. Sie schwört, er wird nicht die Kinder bekommen, sagt von T nichts, nichts von der Affäre. Sie stirbt, P wird klar, dass er eine nicht rückgängig zu machende Tat begangen hat. P hört auf zu erzählen, setzt sich weg, wickelt sich in eine Decke ein. Am nächsten Bahnhof verabschiedet sich der IE von P, der sich für seine Aufdringlichkeit zweimal entschuldigt hat.
●Kurzfassung: Auf einer Zugfahrt erzählt ein Mörder, der seine Ehefrau umgebracht hat, von seiner Tat, die nicht aus Eifersucht, sondern aus Scham und Pein begangen wurde, Unzucht getrieben zu haben.
●Charaktere: (rund/flach) nur Posdnyschew hat Konturen, diese aber äußerst klar herausgearbeitet. Frau existiert nur als Projektionsfläche, wie der Geiger auch, der aber wenigstens als Nebenbuhler einen Namen erhält, die Frau jedoch nicht.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: keine
●Besondere Ereignisse/Szenen: das Ende, das In-Sich-Zusammen-Sinken
●Diskurs: Ehe, Betrug, Unzucht
… Posdnyschew und Portnoys Leiden von Philip Roth, kein Zufall, die Ähnlichkeit der Namen.
… strukturelle Ähnlichkeit zu James Joyce „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“ und Robert Musils „Die Verwirrung des Zögling Törleß“, Bordellbesuche.
… der Plot hat Probleme, wenn Tolstoi zu essayistisch wird, also offensichtlich die Gesprächssituation verwendet, um eigene Gedanken über die Themen seinem Publikum zu unterbreiten. Der Plot läuft auf die Selbstdekonstruktion hinaus, der, der am Anfang schweigt, kann nicht an sich halten, platzt irgendwann los, lässt seinen Sermon ab, und bricht, beschämt, in sich zusammen. Diese Intensität hält den Plot aufrecht. Es läuft auf eine Zusammenbruch hinaus.
–> 4 Sterne
Form:
●Eindruck: stilistisch über jeden Zweifel erhaben, keine langweiligen Sätze, keine fehlenden Satzanschlüsse, ideenreiche Formulierungen, Ausschmückungen, teilweise trocken, kontrolliert, aber mit einer hintergründigen Dunkelheit.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoch
●Wortschatz/Wortzahl: hochgradig variabel
●Auffälligkeiten: hier dominiert durch die Erzählperspektive der Monolog. Sprachlich äußerst lebendig.
●Innovation: nicht avantgardistisch, poetisch, aber formvollendet wortgewandt
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: wie Joseph Conrad, ein Ich-Erzähler, der einem Ich-Erzähler zuhört, immersiv. Ein Ich-Erzähler als Zeuge, der die Glaubwürdigkeit attestiert. Die Perspektive ist hier konsequent durchgehalten und hält den Redeschwall auch zusammen. Es wirkt daher durch die Selektion äußerst realistisch.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): alles drei, nur tritt die Reflexion des Ich-Erzählers zugunsten der Selbstreflexion des erzählten Ich-Erzählers zurück.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: intensiv, monomanisch, rechtfertigend, explosiv
●Einschätzung: literarisch gesehen bietet „Die Kreutzersonate“ ein Modellstück für Glaubwürdigkeitserzeugung. Der Ich-Erzähler, der in der Ich-Erzählung eines anderen aufgeht, der Spiegel des Spiegels, dadurch abgeschlossen.
–> 5+1 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): relativ statischer Hintergrund, das Zugabteil, dann das wechselnde Personal, die langsame Entwicklung zum Dialog, mit einem klar herausgearbeiteten Code Enthaltsamkeit/Unzucht.
●Signal/Noise-Ratio: wenig, fast gar kein Noise, durch die hohe Dialogdichte
●Operative Geschlossenheit: klare Strukturierung, Geist/Körper, Tier/Mensch.
●Rahmenstabilisierende Details: die Zugfahrt, das Ein- und Aussteigen
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nein
●Reliefbildung: das Crescendo Posdnyschews
●Einschätzung: die Komposition ist dennoch der Schwachpunkt der Erzählung, zu sehr darauf ausgerichtet, dass die Figur ihren Monolog hält, und der hier und da nicht einmal sehr zielführend dargestellt wird. D.h. die Erzählung hat Längen, und die werden literarisch nicht ausgeglichen. Die Komposition rettet jedoch das Gesagte vor einer Predigt, indem die Figur selbst narrativ untermauert wird, d.h. das Gesagte wird vielschichtig durch das Arrangement.
… anders gesagt: ein Mörder spricht, jemand, der seine Frau getötet hat, deshalb besitzt das, was er sagt, bereits eine schillernde Qualität, und die Ruhe des Ich-Erzählers als Kontrapunkt unterläuft die Apodiktizität Posdynschews. Hinzu die Kreutzersonate als Themenkomplex, ein Duett Klavier/Geige, bei dem kein Instrument das andere dominiert, eine wuselige, harmonische Juxtaposition.
–> 4 Sterne
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: beeindruckende Raserei, beeindruckende Figur, die sich selbst zerredet, quasi kommunikativ entblößt und als Gesprächspartner zerstört, dementsprechend bricht er am Ende auch zusammen und entschuldigt sich für seine Brachialität. Es geht um die Maske, inwiefern der Schein etwas schützt, inwiefern die Wahrheit nicht nackt ausgesprochen werden kann, ohne selbst Teil des Kritisierten zu werden. Das Weg-Reißen zerstört auch ihn als Sprecher, er schweigt am Ende, ohne etwas noch in den Händen zu haben, ja, auch ohne auf Verständnis gestoßen zu sein.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, stimmig, rasend
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja
●ein zweites Mal lesen? vielleicht, teilweise zu essayistisch
–> 4 Sterne
Ästhetik: (jeweils 1-5)
●Kant: verspielt-offen? [Leichtigkeit] – 0
●Lukacs: engagiert-realistisch? [typisch] – 5
●Adorno: avantgardistisch-defensiv? [innovativ] – 0
●Hegel: dynamisch-totalisierend? [pathetisch] – 0
●Einschätzung: klar in die Linie der pädagogischen Literatur, in Reinform.
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Christine Wunnicke: „Der Fuchs und Dr. Shimamura“

Medizinische Tour de Force rundum die Welt als stilistisches Schreibexperiment ohne Erzählkraft.
(Georg-Büchner-Preis 2026)
Inhalt: 4/5 Sterne (wirr-interessant)
Form: 5+1/5 Sterne (partiell-avantgardistisch)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (beliebig)
Komposition: 1/5 Sterne (beliebig)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (gute Szenen)
–> 15/5 = 3,0 = 3 Sterne
Im Rahmen des Georg-Büchner-Preises 2026 lässt sich mit Wachs, Die Dame mit der bemalten Hand und hier Der Fuchs und Dr. Shimamura ein klares stilistisches inhaltliches Muster erkennen: stets Wissenschaftler, die sich von ihrer Wissenschaft entfremden; Wissenschaftler, die im Sterben liegen, und eine Wissenschaft, die mehr trügt als nach Wahrheit sucht. Wunnicke besitzt ein Herz für wissenschaftliche Außenseiter, die in dem Rädergetriebe der alleszermalmenden Begriffswirklichkeit der herrschenden Diskursstrukturen untergehen:
Penetrantes Auf-dem-Boden-Hocken, alter Rettich zum Frühstück, eine Sprache ohne Numerus oder Genus, wegfliegende Häuser, Familienstammbäume, Familienbadewannen, acht Millionen Götter, Erdbeben, Seebeben et cetera. Das stähle alles die Nerven, argumentierte ich, und flocht viel medizinisches Wissen ein. Was für lustige Artikel das waren. Ich spielte mit dem Gedanken, sie an den Kladderadatsch zu schicken, welches eine Berliner Zeitschrift ist. Doch dann schickte ich sie in den Ofen. Ich war nie ein lustiger Mensch, Luise. Das Lustige ist in meiner Konstitution nicht angelegt. Ich lernte alles über neurologische Elektrodiagnose und alles über die Lues vier. Ich schnitt viele Gehirne entzwei. Ich kaufte mir diesen Morgenrock und zog ihn an, und ich setzte meinen ägyptischen Fez auf, und so wurde ich dreißig.
Die Hauptfigur heißt Shimamura Shunichi (1862 – 1923) und ist, wie die meisten Figuren bei Wunnicke, historisch verbürgt und ein japanischer Neurologe. Er reist in die Provinz, um eine seltsame mythologische Krankheit namens „Fuchs“ zu heilen, verliert auf dieser Reise seinen Studenten aus den Augen und muss zusehen, wie ein junges Mädchen an Wutanfällen zugrunde geht. Verdrossen reist er nach Europa, um sich Rat und Tat zu holen, und bekommt jedoch nur Scharlatanerie geboten:
»Sie haben ihr«, sagte Shimamura, »meine Holzschnitte gezeigt. Sie waren mit ihr bei der Weltausstellung. Sie sind ein Betrüger. Ein Schwindler. Ein Blender, ein Lump, ein Lügenpeter, Schuft und Scharlatan.« Der deutsche Thesaurus ergoss sich über Shimamuras schmale Lippen. »Sie sind eine Schande«, sagte Shimamura, »für die gesamte Neurologie. Sie … Sie Theatermann!« Der Hals pochte. Der Thesaurus lief aus. »Kanaille«, fauchte Shimamura Shunichi, und dann beugte er sich tief und reckte sich hoch und begann zu schreien. Das hörte er noch, diesen Schrei. Dann hörte er nichts mehr.
Die Größen der Psychologie und Physiologie und Psychoanalyse beeindrucken ihn nicht. Er kehrt zurück, etwas verbittert und kehrt sich nach innen, lebt mit seiner Frau, seiner Schwiegermutter und seiner Mutter und einem Dienstmädchen und daddelt vor sich hin. Dieses Kunterbunt gestaltet Wunnicke über weite Strecken sprachlich intensiv, aber inhaltlich zu lose und beliebig komponiert. Wunnicke erschafft einfach keine Erzählinstanz, keine Erzählung. Es sind Sprachspiele und Sprachübungen über ein interessantes und vielschichtiges, wissenschaftshistorisches Thema neben dem Mainstream (bspw. hire Siegmund Freud). Raphaela Edelbauer in Die Inkommensurablen hat dieselbe Zeit narrativer dargestellt und deshalb einen überzeugenderen Roman geschrieben. Bei Wunnicke setzt sich auch in Der Fuchs und Dr. Shimamura einfach kein Gesamtbild zusammen.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Shimamura Shunichi (1862 – 1923), japanischer Neurologe, Biographie nach Wiki-Eintrag. 1891 Untersuchung des Fuchs-Aberglaubens in der Präfektur Shimane. Reist Ende 1891 nach Europa, um sich weiterzubilden, nach Paris, dann nach Berlin. Schließlich nach Wien. 1894 über Genua zurück nach Japan. Professor in Kyoto. Erkrankt 1910, mit 48, stirbt mit 59.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) Erzählgegenwart: 1922, S leidet an Schwindsucht, lebt zurückgezogen in seinem Haus in Kameoka. Hat vier Pflegerinnen: seine Frau Sachiko, seine Schwiegermutter Yukiko, Hanako, seine eigene Mutter, und eine Dienstmagd namens Sei, die er Anna-Luise nennt, die er aus dem Kyotoer Irrenhaus mitgenommen hat. Hana und Yukiko weit über 80. S nimmt Scopolamin. S denkt an den Fuchsgeist.
2.) S unterwegs mit einem Studenten. In einer Provinz, dort herrscht eine Fuchskrankheit, eine Art Besessenheit. Befällt zumeist Frauen. [Name von Student wird nicht gesagt.] Gefäße als Blitzableiter der Krankheit, stellen sich zur Verfügung, auf dass die Besessenheit auf sie übergeht. S wird vom örtlichen Krankenhausdirektor auf die Fischhändlertochter aufmerksam gemacht, der Fuchsprinzessin.
3.) Erzählgegenwart: Spaziergang mit seiner Frau, Ende 50 hoch gewachsen, passen im Körperbau zusammen. Frau muss Anfragen per Brief abschmettern, auch wegen der kostbaren Holzschnitte. Sei sing ein Lied. Diskussion über den Text, der erfunden sein könnte.
4.) Steigen einen Felsen hinauf, zu einem Haus auf der Klippe. Tochter, Kiyo, vielleicht 16. Fängt plötzlich an zu schreien. Unter der Haut zeichnet sich ein Fuchs ab. Untersucht sie. S schlaflos, eines Nachts geht Kiyo übers Dach, ein Schatten springt zu ihr auf den First. S denkt, der Student. Nach der Nacht ist dieser verschwunden. S am Boden zerstört, diagnostiziert für Kiyo Hysterie.
5.) Mutter von S schreibt eine Biographie, die sie stets wieder verwirft, da ihr ein ordnendes Motto fehlt, wie Pflicht und Neigung, oder Genie und Wahnsinn. Improvisiert über den Fuchs, über das Leiden von S, die Schuldgefühle über des Studenten Tod, und dass er Kiyo nicht helfen konnte.
6.) Auf der Reise nach Europa. Sitzt in Alexandria. Nimmt eine Mappe mit Holzschnitten mit, auch mit schmutzigen, um als Nervenarzt durchzugehen, Fuchsschweinereien. In Paris eingetroffen, wird er von zwei japanischen Juristen aufgenommen. Lernt das Bidet kennen.
7.) Spaziert durch Paris. Findet seine Mitbewohner nervig. Besucht ein neuropathologisches Laboratorium, wo Tierversuche durchgeführt werden. Lernt physiologische Psychologen kennen, Dr. Beaunis und Dr. Bidet. S lacht sich kaputt. Sie messen Reaktionszeiten. S langweilt sich, isst Käse im Jardin du Luxembourg, wandert durch die Stadt. Bis er, dahingetrieben von Frauen und Entzücken, am Hôpital de la Salpêtrière ankommt, ein Frauenirrenhaus mit 5000 Betten.
8.) In S Haus werden ständig Dinge versteckt. Die vier Frauen verbergen vor S Gegenstände. Sie wollen ihn am Leben haben, indem sie ihn irritieren, motivieren, Dingen auf den Grund zu gehen.
9.) In Hôpital de la Salpêtrière lernt S Jean-Martin Charcot kennen. Tierlieb, gegen Tierversuche. Assistenten Tourette und Babinski. Lernt die Behandlungsmethoden kennen. Charcot gibt ihm eine Einführung in die Grande Hysterie, zeigt einen Bildband. Erste Phase: epileptoide, Frauen tanzen etwas vor, Grimassen, Speichelfluss, knapp nicht enthüllte Brüste. Zweite Phase: Clownisme. Phase der Posen. Charcot springt auf, äfft die Fotos nach, kichert, fleht, rauft sich das Haar. Dritte Phase: Verkörperung von Ideen. Spott, Ärger, Ekstase in unlogischer Folgen. Charcot nimmt Kissen und mimt Sex damit. Phase fünf Schimpfwörter. Und Phase fünf, terminale, Paroxysme. Wie eine Theateraufführung [die 5 Akte]. S bezichtigt ihn der Lüge. Charcot gibt zu, Lüge sei ein Teil. S versteht nichts, aber Charcot versteht auch den Fuchs nicht. S soll etwas auf Japanisch sagen. Plötzlich beginnt eine Patientin vor ihm zu rasen.
10.) EG: S hat Charcot nie verziehen. Zieht ein Bündel Spielzeug hervor, stets meint er andere Spielzeuge zu erblicken. Es regt ihn zu Untersuchungen an. S wohnt einer Vorführung im Hôpital de la Salpêtrière. Wissenschaft als Theater. Steigerung bis hin zu der Aufführung einer Bambusprinzessin, einer Dame Rokujo. Improvisation über Japan. S blickt die Scharade, dass Charcot der Schauspielerin seine Holzschnitte gezeigt hat. Er nennt ihn Betrüger und rastet völlig aus, und wird damit zum ersten Fall männlicher Hysterie.
11.) S reist enttäuscht ab. Nach Berlin. Dort Elektrodiagnose. Gerlachsche Karminmasse in Gelatine. Färben von Gehirnen in der Charité. Wohnt in der Hannoverschen Straße. Patientin Martha Jäger, die ein Jahr lang stirbt und untersucht wird. S fragt, beim Erinnern, Sei, warum sie ihn so liebenswert findet. Lernt Virchow kennen.
12.) In Wien, seine Wirtin hilft ihm ein aufsehenerregendes Faschingskostüm zu kreieren, sie näht sich auch eines für sich selbst, er aber vergisst sie einzuladen und mitzunehmen. Bricht auf der Party zusammen, wird von einem Dr. Breuer versorgt. Sie lernen sich kennen.
13.) Breuer behandelt ihn. Er entdeckt das Schuldgefühle ob des Verschwinden des Studenten. S blockt. Die Erzählung vom Fuchs macht die Runde, da Freud ein Klatschmaul ist. S empfindet die Welt der Psychoanalyse als unhöflich.
14.) Nach seiner Rückkehr Karriere in Kyoto. Hat viele Interessen, auch an Mythen. Viele zeigen Interesse an seinen Holzschnitten.
15.) Ein Kollege namens Takaoka und dessen Frau. Es handelt sich um den Studenten und Kiyo. Er erkennt sie kaum wieder. Sie sind damals ausgebüchst.
16.) Auf und ab der Gesundheit, S stirbt, kurz nachdem er die Diagnose Schwindsucht verwirft.
●Kurzfassung: Ein japanischer Nervenangst behandelt eine Fabelkrankheit, reist nach Europa, um die Wissenschaft kennenzulernen, wird verulkt und kehrt zurück, übt dort als Nervenangst einige in Kyoto und stirbt, nachdem sich ein lebenslanges Schuldgefühl als Irrtum herausgestellt hat, inmitten seiner Familie.
●Charaktere: (rund/flach) Shimamura komplex
●Überflüssige Szenen/Charaktere: keine wirkliche inhaltliche Abgrenzung möglich
●Besondere Ereignisse/Szenen: ja, die Tobsuchtsanfälle, die Theateraufführung in Paris, das Wüten und Schreien der Frauen
●Diskurs: Nervenkrankheit, Hysterie, Fuchskrankheit
… durch die Fokussierung auf Shimamura plausibel und leidlich ab der Hälfte interessant, lediglich das irre Zusammenleben in der Erzählgegenwart dehnt sich. Die Charakterisierung gelingt, wirkt dadaistisch, verspielt, gelungen und nimmt etwas vom Mystizismus der Jahrhundertwende mit. Erinnerung an Raphaela Edelbauers „Die Inkommensurablen“, aber auch Anleihen bei Joris Huysmans „Schule der Satanisten“. Zumindest etwas spannender zu lesen als „Die Dame mit der bemalten Hand“ – wiederum aber Ähnlichkeiten, sterbender Wissenschaftler, und wieder die Wissenschaft und wieder das Irreseins.
… hier gibt es aber ein narratives Telos, das bei „Wachs“ und „Die Dame mit der bemalten Hand“ fehlt. Das Ereignis: das Verschwinden des Studenten, und dadurch das Schuldgefühl, die Scham, und am Ende das Missverständnis, der Student ist mit dem Mädchen abgehauen. Shimamura hat’s nur nicht begriffen.
… auch gut, die Szene des ersten „Hysterikers“ … gute Pointe
–> 4 Sterne
Form:
●Eindruck: wiederum intensiv und mitreißend geschrieben, insbesondere die Anfälle, die Tobsucht, hier reicht der Text über sich hinaus, erzeugt eine Verdichtung, und zwar eine Sprachliche, am Surrealismus geübte Schreibweise, deshalb auch anfängliches Motto von André Breton gerechtfertigt.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) gemischt, durch das kunterbunte Schreiben fiktionaler als die anderen Werke
●Wortschatz/Wortzahl: komplex
●Auffälligkeiten: avantgardistische Experimente
●Innovation: mittelhoch, interessant, deshalb erneut lesbar
–> 5+1 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: wieder der schwächste Part, da beliebig montiert, leicht kommentierend, ohne als Figur aufzutreten, hierdurch wird viel Fiktionalität für Montage und Beliebigkeit aufgegeben.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nicht vorhanden
●Erzählverhalten, -stil, -weise: eher witzig, humoristisch, etwas ironisch
●Einschätzung: keine wirkliche Bindung durch die Erzählinstanz, so zu erzählen, bedürfte eines wirklich spannenden, mitreißenden Plots, um das Fehlen zu vergessen, als Immersion. Die ist hier aber Fehlanzeige.
–> 1 Stern
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): die Rhythmik der poetischen Passagen gelingt hier besser als woanders
●Signal/Noise-Ratio: hohes Noise, wenig Signal
●Operative Geschlossenheit: keine operative Geschlossenheit, beliebig
●Rahmenstabilisierende Details: Shimamuras Demenz vielleicht?
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: keine, da kein Rahmen
●Reliefbildung: durch sprachliche Exuberanzen
●Einschätzung: eher langweilig, zu wenig intellektualistisch für die Trockenheit, zu wenig phantastisch für die Buntheit …
–> 1 Sterne
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: anfänglich wieder dröge, dann immer besser, dann wieder dröge, da die Tollheit verschwindet, die den Text ausmacht, aber wenigstens gibt es hier einen Clou, das missverstandene Verschwinden des Studenten, der Narzissmus von Shimamura, der sich als Grund erblickt, dabei sind die beiden einfach nur abgehauen, als Liebespärchen, Selbstüberschätzung. Der Twist zieht aber.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) nicht wirklich
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) eher montiert
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) ja, stellenweise mitreißend
●stimmig?(Komposition: ja/nein) stellenweise, ja. Zur Mitte hin.
●ein zweites Mal lesen? vielleicht, wegen dieser Exzesse des Schreiens, und auch wegen der lyrischen Sprachabschnitte und interessanten Worten.
–> 3 Sterne
Ästhetik: (jeweils 1-5)
●Kant: verspielt-offen? [Leichtigkeit] – 5
●Lukacs: engagiert-realistisch? [typisch] – 0
●Adorno: avantgardistisch-defensiv? [innovativ] – 2
●Hegel: dynamisch-totalisierend? [pathetisch] – 0
●Einschätzung: klares Sprach- und Fabulierspiel mit einem Hauch Avantgarde, dennoch unentschieden, da zu Kants Ästhetik mehr Harmonie und Homogeneität gehört, weniger abrupt, weniger abgehackt.
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Ayn Rand: „We the living“

Zerstörtes Ende dadurch maßlos didaktisch-plakativ, aber atmosphärisch.
Inhalt: 4/5 Sterne (spannend, zäh)
Form: 4/5 Sterne (pathetisch-dicht)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (episodisch)
Komposition: 1/5 Sterne (schwacher Antagonist)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (Ende frustrierend)
–> 14/5 =2,8 = 3 Sterne
Von Ayn Rands drei Romanen, die allesamt umfangreich sind, lief We the living (1936), auch bekannt als Ungebeugt und ungebrochen oder Vom Leben unbesiegt am schlechtesten. Sie führt in ihrem Roman-Debüt zwar ihr Grundthema ein, das Ich gegen das Kollektiv, Kapitalismus gegen Sozialismus, aber hier ohne eine stoffliche interessante Figur zu erschaffen. Diesem Buch fehlt die Dynamik eines Howard Roark aus Der Ursprung oder eines Hank Rearden aus Atlas Shrugged, wohingegen die Frauenfiguren sich gleichen Dagny Taggart/Dominique Francon und in We the living Kira Argunowa.
Kira Argunowa fuhr auf dem Trittbrett eines Güterwagens in Petrograd ein. Aufrecht und unbeweglich stand sie dort, mit der eleganten Gleichgültigkeit eines Reisenden, der auf einem Luxusdampfer über den Ozean fährt. Sie trug ein verblichenes blaues Wollkostüm, und ihre schlanken nackten Beine waren von der Sonne braungebrannt. Um den Hals hatte sie einen alten karierten Seidenschal geschlungen und eine gelbe Strickmütze über das kurze verstrubbelte Haar gestülpt. Sie hielt den Mund geschlossen, und in ihren halb geöffneten Augen spiegelten sich Trotz, Begeisterung und eine feierliche und zugleich beklommene Erwartung, wie in denen eines Soldaten, der in eine fremde Stadt kommt und nicht ganz sicher ist, ob er sie als Eroberer oder als Gefangener betritt.
Ayn Rands Frauenfigur verbleiben zwischen den extremen Polen des Individualismus und der Selbstopferung für einen starken Mann hin und her gerissen. In We the living jedoch fehlt zumindest der nachvollziehbare Grund der Faszination, denn Kira verliebt sich in einen abgehalfterten Admiralssohn namens Leo, der nichts auf die Kette bringt, außer potentiell großartig zu sein, aber in einer Gesellschaft lebt, die ihn nicht zu würdigen weiß … öhem. Kira opfert sich dennoch für ihn auf, mit offenkundig mäßigem Erfolg, da er schnöselig lieber die eingeschnappte Leberwurst spielt:
„Leo, liebst du mich?“
„Ach, was für eine Frage! Was für eine Frage zu was für einer Zeit! … Du wirst ganz weiblich, Kira … Das passt nicht zu diг … Das passt so gar nicht zu dir …“
„Verzeih, Liebster. Ich weiß, das ist dumm. Warum habe ich das nur gerade jetzt gefragt? Du bist so erschöpft… Ich hole dir jetzt deine Unterwäsche, und dann mache ich dir Abendbrot. Du hast doch wohl noch kein Abendbrot bekommen?“
„„Nein, aber ich will auch nichts essen. Hast du etwas zu trinken im Hause?“
„Leo … du wirst doch nicht wieder ..“ „Lass mich jetzt bitte allein. Geh aus, okay? Geh zu deinen Eltern … oder zu sonst jemandem.“
Die ganze Tragik des Buches handelt um die Rettung dieses Widerborstling. Zum Glück gibt es noch andere Figuren, die viel mehr Zug haben, dennoch misslingt hier die Komposition völlig, und am Ende, um den Sack zuzumachen, vernagelt Rand noch den Wiederlesewert, denn so wie es endet, muss das Buch nicht nochmal gelesen werden und wird zu einem Pamphlet über einen Staat, den es schon seit dreißig Jahren nicht mehr gibt. Schade darum, da das Buch über weite Strecken sehr atmosphärisch dicht und psychologisch überzeugend Figuren agieren und eine Welt entstehen lässt. Kein Vergleich zu Der Ursprung und Atlas Shrugged.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Kira Argunowa (K), 18 Jahre alt, Tochter von Unternehmern. Leo Kowalenski (L), Mitte 20, Sohn eines berühmten zaristischen Admirals, und Andrei Taganow (A), GUP Offizier, überzeugter Kommunist.
Sozialer Hintergrund: Familie von K. Vater Alexander Dimitrjewitsch, Mutter Galina Petrowna und Schwester Lydia. Familie von der Mutter, Tante Marina Petrowna, Wasilij Iwanowitsch (60), Kusine Irina (18), Acia (noch ein kleines Kind), Kusin Viktor.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Teil I:
1. Ankunft 1922 in Petrograd, später Leningrad, NEP wird ausgerufen. Hoffnung der Bürger auf Veränderung. Familie von K hofft, ihr altes Gewerbe wieder aufnehmen zu können.
2. Besuchen die Schwester der Mutter, alle überzeugte Nicht-Kommunisten, bis auf Viktor. K verkündet Ingenieurin werden zu wollen, da es der einzige Job ist, in welchem sie nicht lügen muss.
3. K erhält ein Arbeitsbuch, einen Sowjetpass.
4. Familie zieht in kleinere Wohnung, K studiert, Viktor hat ein Auge auf K geworfen. Sie gehen aus. Sie lässt ihn abblitzen, streift durch die Stadt, gelangt ins Rotlichtmilieu, trifft einen geheimnisvollen jungen Mann, der auf der Suche nach einer Prostituierten ist, spielt eine [Lüge von Anfang an]. Sie beschließen sich in einem Monat wiederzusehen. Der Mann heißt Leo.
5. Eine Genossin Sonya versucht K linientreu zu gestalten. Sie soll an den Wahlen teilnehmen.
6. L und K treffen sich nach einem Monat. Sie wollen sich in einem Monat wiedertreffen. K lernt A kennen. Sie befreunden sich, obwohl ein A ein linientreuer Kommunist ist und bei der GUP arbeitet.
7. K und A gehen in die Oper. L erscheint früher, lauert K auf. Sie küssen sich das erste Mal.
8. L wird als Kollaborateur gesucht. Pawel Syerow (S), Kollege von A, will seine Adresse erfahren. A unterbricht Verhör.
9. L muss fliehen. K beschließt mitzufliehen [nach dem dritten Date]. Auf dem Schiff, das sie schmuggelt, haben sie ersten Sex.
10. Sie werden gefasst. Stefan Timoschenko, der Offizier, beschließt K und L zu helfen. Sie kommen frei. Eltern bekommen Ks Affäre mit, werfen sie wegen Liederlichkeit heraus. K und L ziehen zusammen.
11. L und K studieren, er Philosophie, sie Ingenieurswissenschaften. K trifft sich mit A, L eifersüchtig. Lenin stirbt, 1923.
12. Ks Familie braucht Hilfe, wollen sich versöhnen. Party bei Wawa Milowskaja, die mit Viktor anbandelt. A auch auf der Party, weiß von der Beziehung zwischen L und K nichts.
13. L lässt sich nicht einspannen für Ehrenposten, verliert den Job, findet keinen mehr.
14. Ks Tante stirbt, weil sie auf den Wartelisten der Ärzte als Bürgerin zu weit hinten rangiert. A besorgt K eine Arbeit im Haus der Bauern. L und K bekommen Mitbewohnerin Marischa.
15. K gerät auf Arbeit in Verdacht, asozial zu sein. L hat schlimmen Husten, sich anbahnende Tuberkulose.
16. K und L fallen den Säuberungen auf der Hochschule zum Opfer. Auch Irene verliert ihren Kunststudiumsplatz, Viktor nicht, tritt in die Partei ein. Bandelt mit Marischa an. L benötigt einen Kuraufenthalt. K fragt, bettelt, bietet sich zur Prostitution an, vergebens. A geht K aus dem Weg.
17. K geht zu A, konfrontiert ihn. A liebt sie. Sie spielt vor, ihn auch zu lieben. So bekommt sie das Geld für den Kuraufenthalt von L.
Teil II:
1. K besucht A, gibt sich ihm hin. L noch auf der Krim. Ankunft steht kurz bevor.
2. Irene verliebt sich in einen Sascha, Widerstandskämpfer.
3. L nach acht Monaten zurück. K arbeitet als Museumsführerin. Bekannte von der Krim, Antonia Pawlowna, Tonia, hat einen Narren an L gefressen. A und K reden viel.
4. Schieber Koko, Karp Karpowitsch Mozorow (M) schlägt Geschäft mit veruntreuten Lebensmitteln vor, von Syerow (S) beschafft. L lebensmüde, K will es verhindern, kann nicht. Auf einer Party betrinkt sich S, schläft mit Sonya [die daraufhin schwanger wird].
5. L nun wohlhabend, benimmt sich daneben, hochmütig, trotzig. Hochzeit zwischen Marischa und Viktor. Vater von Marischa, als Proletarier, will von den Sowjets nichts wissen.
6. Anti-Trotzki-Rede von S. Viktor führt sich auf Patriarch. Stefan rausgeflogen bei der GUP, besoffen, hat alle Ideale verloren, spricht mit A. K träumt davon, Bauleiterin zu sein.
7. Irene und Sascha verlobt, Sascha wird verfolgt, findet Unterschlupf bei Irene. Viktor verpfeift ihn, um in der Karriereleiter aufzusteigen.
8. Irene und Sascha werden verhaftet. Beide nach Sibirien, aber nicht ins selbe Lager. Vater protestiert, fragt überall um Gnade. Irene und Sascha heiraten. Vater überwirft sich mit seinem Sohn Viktor, zieht aus.
9. Viktor erfolgreich, vernachlässigt Marischa. A will K heiraten, mit ihr fliehen. L wie eine Droge für K.
10. Syerow braucht Geld, macht Morozow Druck, der beim Geld eintreiben Stefan über dem Weg läuft, der ihn aufhält, auf ihn einredet. Morozow verliert verräterische Notiz gegen Syerow, Beweis, dass dieser mit Schiebern zusammenarbeitet. Stefan erbeutet den Zettel, läuft davon. Stefan bringt sich um, sendet davor aber die Notiz an A.
11. A und K gehen ins Kino. A warnt K vor L, da dieser in Syerows Machenschaften verwickelt ist. K fleht ihn an, die Untersuchung sein zu lassen.
12. A reicht Untersuchung ein. Alles wird auf L gewälzt. A begreift, dass K die Geliebte von L ist. L wird verhaftet.
13. K zu A, macht ihm Vorwürfe, erklärt alles. A beschließt L loszuseisen. Hält eine Rede auf einer Versammlung für die geistigen Werte und die Freiheit des Ichs.
14. Syerow wird erpresst mit Fotokopien der verräterischen Notiz [die es gar nicht gibt], dieser gibt klein bei. L kehrt zurück, desillusioniert, frustriert. A besucht sie, erklärt sich. L ist alles egal, will saufen. K läuft A hinterher. Sie haben einen Moment. A wird versetzt, in einen Vorort, und bringt sich dort um.
15. Großes militärisches Begräbnis von A, K macht sich Schuldgefühle.
16. L erfährt, dass A und K eine Affäre hatten, missversteht es aber, trennt sich von K. Syerow hat’s ihm verraten. L beschließt mit Tonia zu gehen, als Gigolo. K akzeptiert, dass sie den Kampf 1:150 Millionen verloren hat. Verkauft alles, bereitet Flucht vor.
17. K fährt mit dem Zug an die Grenze zu Litauen, zieht sich um, in Weiß, läuft durch den Schnee, wird von einem Grenzsoldaten angeschossen und verblutet.
●Kurzfassung: Kira kehrt mit ihrer Familie aus dem Exil zurück nach Petrograd, verliebt sich in Leo, einen Admiralssohn, der gesucht wird, befreundet sich mit einem linientreuen Kommunisten, Andrei, und verarmt so sehr, dass sich Leo eine Tuberkulose zuzieht. Um ihn zu retten, beginnt sie eine heimliche Affäre mit Andrei, so dass Leo auf die Krim fahren kann. Die Sache eskaliert nach Leos Rückkehr, der kriminell und desillusioniert wird, von Andrei überführt und dann gerettet wird. Andrei bringt sich darauf hin um, Leo verlässt, nachdem er von der Affäre mit Andrei erfahren hat, Kira und beginnt ein Leben als Gigolo. Kira, fertig mit allem, flieht über die Grenze nach Litauen, wird aber beim Versuch erschossen.
●Charaktere: (rund/flach) komplex genug, eher Abenteuergeschichte.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: nein
●Besondere Ereignisse/Szenen: die Flucht am Ende, das Kennenlernen von Leo, die Flucht mit Leo auf dem Schiff.
●Diskurs: sozialistische Mangelwirtschaft
… Rand verhagelt wieder das Ende, indem die Kira sterben lässt, verliert das ganze Buch an Wiederlese-Potential, zu negativ, zu viel Drangsal, um dann auch noch negativ zu enden. Das Buch schreit danach, dass Ayn Rand zeigen wollte, ausführlich, wie sehr sie die Sowjetunion verachtet. Spannend zu lesen, bis am Ende, als sie dann stirbt, bricht das Buch auch als Geste in sich zusammen.
… das Buch ist darauf ausgelegt, kompositorisch, dass sowohl Kira wie Andrei ihren großen Anderen durchschreiten, sich von ihrem Ideal lösen, ihrem Begehren, das Objekt transponieren – d.h. Andrei und Kira könnten, so wird das Drama angelegt, eine Entwicklung durchlaufen. Er gibt die Partei, sie Leo auf, und sie fliehen gemeinsam, aber so macht es keinen Sinn. Es bleibt zu statisch.
–> 4 Sterne
Form:
●Eindruck: eher pathetisch-kitschig, aber mit fiktionalen Anteilen und narrativ überzeugend
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoch
●Wortschatz/Wortzahl: abwechslungsreich
●Auffälligkeiten: nicht wirklich, konsequent, stilistisch rund geschrieben
●Innovation: wenig, vielleicht die Mischung und Kollage von Sätzen während der Party, der innere Monolog von Kira etc ….
–> 4 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: allwissend, kommentierend, aber schwach ausgeprägt, eher in alle Köpfe springend, episodisch erzählt, daher in seiner Rahmenwirkung geschwächt, nicht stimmig, episodenhaftes Erzählen benötigt dann viele gleichgewichtete Hauptfiguren, hier ist Kira die einzige
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): weder noch
●Erzählverhalten, -stil, -weise: eher pathetisch
●Einschätzung: kein formaler Anspruch, eher auf Effekt erzählt, keine Perspektive reflektiert
–> 1 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): teilweise träge, zu viele schlimme Situation, zu oft kein Geld, zu oft zu kalt, zu oft zu viel Korruption etc … sehr repetitiv. Rahmenwirkung Anfang und Ende mit Zugfahrt, gute Hauptfigur, aber schwache Szenen, etwas zu skizzenhaft teilweise.
●Signal/Noise-Ratio: wenig Noise
●Operative Geschlossenheit: Freiheit gegen Totalitarismus, Egoismus vs. Kollektivismus
●Rahmenstabilisierende Details: Züge, Bahnhöfe
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: keine
●Reliefbildung: schleppend, zu wenig Dynamik.
●Einschätzung: Hauptproblem der Komposition, die schwache Figur von Leo, die mehr als Droge für Kira eingeführt wird. Leo hat nichts Interessantes an sich. Dadurch fällt das Buch in sich zusammen, da er der Grund von allen Verstrickungen ist.
–> 1 Stern
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Spannend, mit Längen in der Mitte, etwas repetitiv über die schlimmen Zustände in Sowjetrussland, dann leider die unverständliche Liebe zu Leo, der sich im Grunde die ganze Zeit destruktiv verhält, etwas unpassend, wie Kira sich aufopfert. Nervpotential. Unpassend auch das Ende, der Tod von Kira. Unpassend für den Ton, für das Pathos. Viel zu didaktisch (soll heißen: alles stirbt in einer Diktatur wie dieser, auch die stärksten Menschen gehen vor die Hunde, auch Kira, auch Leo, auch Andrej). Die Lust aufs Wiederlesen wurde mit dem Ende, das pädagogisch ist, zerstört. Warum nochmal 600 Seiten lesen, wie dann alle sterben, und auf dem Weg nur Misstrauen, Lüge, kein Sieg, nirgendwo. Zu pessimistisch für den heroischen Ton – zu gewollt das Ende. Kira durchläuft keine Entwicklung.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, selbst ohne historische Kenntnisse verstehbar
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) teilweise in den Beschreibungen
●stimmig?(Komposition: ja/nein) unausgewogen, besonders zum Ende hin
●ein zweites Mal lesen? schwierig, eher nicht.
–> 4 Sterne
Ästhetik: (jeweils 1-5)
●Kant: verspielt-offen? [Leichtigkeit] – 0
●Lukacs: engagiert-realistisch? [typisch] – 5
●Adorno: avantgardistisch-defensiv? [innovativ] – 0
●Hegel: dynamisch-totalisierend? [pathetisch] – 0
●Einschätzung: klare Typologie einer desaströsen, korrupten Gesellschaftsform, als Lukacs Traditionslinie.
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James Joyce: „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“
Paradigma des personalen Erzählens: narzisstisch unkörperlicher junger Mann sucht Sex mit Kunst zu ersetzen und scheitert.

Inhalt: 5/5 Sterne (Desumblierungsdrang)
Form: 5/5 Sterne (innovativ-verdichtet)
Erzählstimme: 5+1/5 Sterne (Paradigma: personales Erzählen)
Komposition: 5/5 Sterne (Pseudoversöhnung)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (narzisstische Selbstbeweihräucherung)
–> 24/5 = 4,8 = 5 Sterne
James Joyces erster Roman, 1915 erschienen, lässt sich als Grundstein und Paradigma einer ganzen Ästhetik-Genealogie verstehen, die der Moderne, des Avantgardismus, die, zwischen Leib und Seele pendelnd, in der formalästhetischen Negativität die Ausflucht aus der Beschränkung im Hier und Jetzt sucht. In Ein Porträt des Künstlers als junger Mann gestaltet Joyce alle entscheidenden Facetten der ambivalent Modernen: Politik, Glauben, Sex bekämpfen sich im Geist eines Iren, wobei schließlich der Sex, gesühnt als diffus symbolische Ästhetik, den Sieg davonträgt:
Die Faszination von Armen und Stimmen: die weißen Arme der Straßen, ihre Verheißungen inniger Umarmungen und die schwarzen Arme von Großseglern, die sich vor dem Mond abheben, ihre Mär von fernen Ländern. Ausgestreckt, als wollten sie sagen: Wir sind allein. Komm. Und die Stimmen rufen im Verein mit ihnen: Wir sind von deinem Fleisch und Blut. Und die Lüfte sind berstend voll von ihresgleichen, da sie mich rufen, einen von ihrem Fleisch und Blut, bereit, sich aufzumachen, die Schwingen ihrer jubelnden und fürchterlichen Jugend aufschüttelnd.
Der Plot lässt sich leicht zusammenfassen. Ein Junge wächst in einem strenggläubigen katholischen Umfeld auf, gerät mit seinem sexuellen Begehren in Konflikt, projiziert dieses auf ein ästhetisches Niveau, aber erst nach dem er die Sau rausgelassen hat und gemerkt hat, dass es viel mehr Spaß macht, keinen Regeln zu gehorchen und lieber in Bordellen die Nacht zum Tage zu machen. Doch das Umfeld als Über-Ich schlägt zu. Er bekehrt sich zum Guten, wird vom Saulus zum Paulus, sieht dann aber ein Mädchen am Strand und lässt alle Hoffnungen auf Entsühnung fahren.
Ein Mädchen stand vor ihm mitten in der Strömung: allein und still, aufs Meer starrend. Sie kam ihm vor wie eine, die durch Zauberei in das Ebenbild eines befremdlichen und wunderschönen Seevogels verwandelt worden war. Ihre langen schlanken bloßen Beine waren grazil wie die eines Kranichs und ganz rein außer an jener Stelle, wo eine smaragdgrüne Seetangspur ihr Muster auf das Fleisch gezeichnet hatte. Ihre Schenkel, fülliger und zartgetönt wie Elfenbein, waren entblößt bis fast zu den Hüften, wo die weißen Fransen ihrer Hosen dem Gefieder weicher weißer Daunen glichen. Ihre schieferblauen Röcke waren ungeniert über ihrer Taille geschürzt und hinten zum Schwalbenschwanz zusammengebunden. Ihre Brust glich der eines Vogels, so zart und schmächtig; schmächtig und zart wie die Brust einer Taube mit dunklem Gefieder. Aber ihr langes blondes Haar war mädchenhaft; und mädchenhaft, und berührt vom Wunder sterblicher Schönheit, ihr Gesicht.
Hin und weg, beschließt er alles, Eltern, Geschwister, Glauben und Vaterland hinter sich zu lassen, um ihn Schuld und Sünde zu leben, aber in Schuld und Sühne, als sich scharwenzelnder Molch, das hohe Ideal der irischen symbolischen Kunst anzustreben, das Retten des Vaterlands aus einem Vagabundenleben. Er predigt also Wasser und trinkt den Wein aus Fässern. Dieser moralische Konflikt wird ästhetisch, psychisch überformt mit außerordentlicher Diffusionskunst. Joyce überführt aber seine eigene Figur, wenn dieser seine Wiederholungsträume nicht zu durchschreiten vermag, und in Phrasen stets wieder dieselben Reminiszenzen durchspielt. Krasse Entwicklung eines Narzissten mit verstörend ehrlichen sich und andere hassenden Zwischenspielen, die das Dunkle, Zerrüttete, das Unbändige einer negativen Ästhetik zusammenfasst, und dies in der konsequentesten Weise des personalen Erzählens überhaupt: ein Mensch im Zentrum seiner eigenen Welt.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Stephen Dedalus (S), aus Irland, aus einer wohlsituierten Familie, die etwas vor die Hunde geht, hat mehrere Geschwister.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Teil 1: S lebt bei den Eltern, überlegt Eileen, die Nachbarstochter zu heiraten. Eltern bringen ihn in eine Jesuitenschule, Clongowes. Hat dort Heimweh, Kinder lieben Sport, er nicht [distanzierte Körperlichkeit]. Klassenkamerad führt ihn vor, mit der Frage, ob er seine Mutter Gute-Nacht küsst. In den Winterferien zuhause erlebt SD eine Diskussion über Politik, über die katholische Kirche und einen Parnell [ein irischer Politiker, der Irland von England emanzipieren wollte, aber wegen einer Affäre mit einer verheirateten Frau in Ungnade fällt, insbesondere in den Augen des Klerus]. Dante Giordan, sein Kindermädchen, ergreift die Partei der Kirche, die Kirche solle Irland führen. Mr. Casey und Ss Vater wollen Staat von Kirche trennen. Wieder in der Schule, eine Schüler, u.a. Simon Moonan haben Ärger. Es gibt mehrere Gerüchte: haben die Eucharistie gestohlen, oder haben sie gefummelt? Während des Lateinunterrichts werden S und ein Mitschüler geprügelt, von Pater Dolan, S zu Unrecht. Wegen seiner Brille ist er vom Unterricht befreit gewesen. S fast den Mut auf, sich beim Rektor über Pater Dolan zu beschweren. S kurzzeitig der Held.
Teil 2:
Sommer wieder zuhause. Lauftraining mit Onkel Charles. Lernt die Welt durch Wörter kennen. Finanzielle Gründe erlauben nicht die Rückkehr nach Clongowes. S beginnt von einem unstofflichen Bild des Wirklich zu träumen. Fühlt sich von anderen getrennt. Familie zieht um nach Dublin. S liest Der Graf von Monte Christo, spielt die Sehnsucht nach Mercedes nach, wandelt durch Dublin wie Monte Christo durch Marseille, wird auf die Schule Belvedere geschickt. Situation nach einer Geburtstagsfeier mit einem Mädchen. Er geht auf ihre Annäherungsversuche nicht ein. Er ist vierzehn. Verliebt sich, schreibt Gedichte für eine E … C … [Emma]. S wird beim Schreibwettbewerb mal nicht Erster und wird wegen Ketzerei beschuldigt. S nun sechzehn Jahre alt, zweitbester Schüler. Nennt Byron als größten Dichter, nicht Kardinal Newman. Lampenfieber vor einem Theaterauftritt, der erfolgreich verläuft, indem er sich Emma im Publikum vorstellt. Erwartet sie vor dem Theater, trifft sie nicht an und rennt in die Ställe, in den Mief, um sich zu beruhigen.
Fährt mit Vater nach Cork, um dort Teil des Familienbesitzes zu versteigern. S verstört vom Wort „Fötus“, das er in der alten Schule seines Vaters in einem Pult eingeritzt sieht. Vater trifft alte Freunde. S verschwendet sein Preisgeld für akademische Exzellenz. S außer sich, geplagt von seinen erotischen Begierden, spaziert umher, versucht sich zu beruhigen und landet im Rotlichtmilieu, wo er schließlich seine Begierden stillt.
Teil 3:
S voller Sünde, fühlt sich verloren, wirft sich ins theologische Studium. Er hört von Franz Xavers Vorbildlichkeit. Der Pater Arnall, aus Clongow, predigt. S will sich bessern, imaginiert die Vergebung von Emma. Predigt über Hölle, Feuer, das nicht verlöscht (Schwefel), Folterung der Sinne. S schwer betroffen. Entzieht sich aber der Beichte. Fortsetzung der Predigt. Veranschaulichung des Unanschaulichen. Hölle, Marter, Folter. Hieronymus-artige Visionen. Ss Hochmut gegen niederes Handwerk. S empfindet seine Sünde schlimmer als Mord (!). S geht beichten, wartet, sind andere, die beichten. Er beichtet, fühlt sich erlöst. Er ist immer noch sechzehn.
Teil 4:
S übermotiviert im Glauben, widmet sein Leben der Vergebung. Kampf gegen die Sinne. Bild der Flut als Versuchung, je mehr aber der Widerstand schwindet, desto weniger entflammt sein Begehren gut zu bleiben. Wird ins Zimmer des Direktors gerufen. Dieser bietet ihm eine Aufnahme in den Jesuitenorden an. S sieht sich aber nicht im Vordergrund. Priesterweihe zu einschränkend. Der individuelle Stolz meldet sich. Fühlt sich als Wanderer. Als er nach Hause kommt, wirken seine Geschwister auf ihn lebensmüde und trist. Beschließt auf die Universität zu gehen. Vater ergattert eine Platz. Mutter empört. Am Strand sieht er nackte badende Jungs, die ihn hänseln. S holt sich Selbstbewusstsein aus seinem Namen. Das Antike gegen das Klerikale. S wandert weiter, im Wattenmeer trifft er auf ein Mädchen, das an einem Priel steht, wieder eine erotische Begegnung, Mädchen aber androgyn, jung. Keine Frau. Er widersteht nicht mehr der Lust, dem Weltlichen. Blickt sie an. Sie blickt ihn zurück an.
Teil 5:
S in der Universität. Sprachtranszendenz, die Gewissen verschiebt. Mönchische Gelehrsamkeit ohne Kloster. Davin, ein Bauernjunge, erzählt von einer Heimfahrt, als ihn eine Frau ins Haus locken wollte. S wehrt sich gegen aufdringliches Blumenmädchen, er sei zu arm. S sieht vertrockneten Studiendekan. Moonan nun erfolgreich. Diskussion über Weltfrieden und Sozialismus. S will eine solche Petition nicht unterschreiben. S will sich von keiner Ideologie binden lassen. [Code: Freiheit/Verbindlichkeit]. S „wolle nicht dienen“. Gespräch mit Lynch über Kunst, das Statische gegenüber dem Dynamischen, das Dynamische, Kinetische betrügt. Ausweichen aus den rein „physischen Reflexen“. Ganzheit, Harmonie, Ausstrahlung als notwendige Eigenschaft in den erscheinenden Formen des Sensiblen. S verschiebt Religiosität ins Ästhetische. [Kleriker zum Akademiker]. S wieder in der Nähe von Emma, vergleicht sie mit einem Vogel. [Vogel als rahmendes Motiv]. Erinnert sich an einen Traum. Wiederholung der Straßenbahnszene. Emma als Muse. Zehn Jahre vergangen. S also 24 Jahre alt. Erotik mit Scham und Mitleid verbunden. S muss die Ordnung verlassen. S mit Eschenstock, wirkt wie ein Methusalem. Lesung in einem Theater. Studentengebrabbel. Emma kommt aus dem Portal. Sie spricht S nicht, auch keine Frau lädt ihn zu sich ein. Wieder geht es um das Mutter-Küssen. [Muttersprache]. Cranly, Studienkollege, will sein Freund sein. Er will aber nicht.
Buch endet mit Notizbucheinträgen in der Ich-Perspektive. Hofft auf Emma, trifft sie, gibt vor ihr an. Sie wünscht ihm, dass er das, was er vorgibt tun zu wollen, auch tut. Er will das Gewissen Irlands schmieden.
●Kurzfassung: Irischer Junge zwischen Religion und Lust gefesselt, hat ein Mädchen als Muse, das er nicht anzusprechen vermag. Statt dessen geht er zu Prostituierten, schämt sich, wirft sich in die Religion, aber auf Dauer hält sie ihn nicht. Er beschließt kein Jesuit zu werden, Irland zu verlassen und Kunst zu schaffen.
●Charaktere: (rund/flach) rund, ausgestaltet
●Überflüssige Szenen/Charaktere: nein
●Besondere Ereignisse/Szenen: die Predigt über die Hölle und die Sünde
●Diskurs: Nationale irische Identität zwischen Gälischem und Katholischem, gegen das Englische.
… eine besondere Art des Entwicklungsromans, eine, in die artistische Isolation hinein. Stephen will nicht „dienen“, d.h. er will kein normales Leben wie die anderen führen. Dieses Leben stimmt ihn traurig. Stephen wählt das Risiko, das Vagabundenleben, wider die Ordnung, um dem irischen Nationalismus, der irischen Identifikation, das Gälische, aber auch dem Katholizismus oder dem britischen Kolonialismus zu fliehen. Diese Ungebundenheit treibt ihn aus allem heraus, eine gewisse Asozialität herrscht um ihn. Was ihm bleibt, als einzigen sozialen Kontakt zum nächsten, da ihn Freundschaft nicht interessiert, ist die Erotik – auf diese Weise muss die Erotik alles kompensieren und enttäuscht ihn, oder er wagt auch ihre Realisierung hin nicht im Verbindlichen. Das Erotische steht hier für die Freiheit des libidinösen Selbst, unsublimiert.
… zwei entscheidende Stellen: es wird sein erster Sex nicht beschrieben im Bordell; und auch nicht beschrieben, wie er dem Priester absagt, gesteht, kein Jesuit zu werden. Hier geht Joyce der Problematik aus dem Wege. Überhaupt geht er dem Ordinären aus dem Wege. Er diffusioniert die Libido ins Sprachliche, um sich ihm und der Welt nicht zu stellen.
… vgl. Robert Musil „Zögling Törleß“, sehr ähnlicher Roman, Internat, sexuelle Begegnung unter den Schülern, Faszination Sex führt zu Bordellversuch, Demütigungen untereinander. Nur handelt es sich beim Törleß um keinen Künstlerwerdegang. Er geht den entgegengesetzten, den angepassten Weg.
… auch Ähnlichkeiten zu Kafkas „Die Verwandlung“, vom Vorzeigekind zum Bordellbesucher-Jugendlichen, dann von Saulus zu Paulus und wieder zurück, als er beschließt, nicht Jesuit zu werden. Besitzt hier auch Züge vom „Glasperlenspiel“, raus aus der geschützten Welt des Intellektuellen, nur hier konnotiert mit Erotik, nicht sozialem Verantwortungsbewusstsein. Die Szene am Strand erinnert an Thomas Manns „Der Tod in Venedig“, als Aschenbach Tadzio sieht.
… unangenehm abstrakte, verschoben-ignorierte Frauenfiguren, anästhetisiert, androgyn, stets versehen mit Mitleid. Offenkundig besitzt Stephen kein wirkliches Gefallen an Mädchen und seinen Mitstudentinnen. Eher zwanghaft, verfolgt, rastlos im Trieb.
… der Plot besitzt keine Längen, klare Entwicklung, präzise Charakterisierung.
–> 5 Sterne
Form:
●Eindruck: abwechslungsreiche, expressive Sprache, die bspw. die Kindheit mit Kindheitsworten beschreibt, wechselt, reflektiert, abstrahiert, schwungvoll, diffusiv in den Beschreibungen, signifizierend-illustrierend mit Metaphern und Symbolen, keine langweiligen Passagen, durchdrungen von Emphase, die sich aber gegen sich selbst richtet, eine zerstörerische, umgreifende Sprachposse. Die Intellektualität verzehrt sich sprachlich selbst ins Ornamentale auf. Durch und durch ein symbolischer Kampf gegen das Motiv und Erkennen seiner Selbst.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoch, stilistisch.
●Wortschatz/Wortzahl: sehr abwechslungsreich
●Auffälligkeiten: onomatopoetisch, syntaktisch mitreißend, semantisch provozierend, alliterierend
●Innovation: hohe Dichte an Erfindungen, an Flexibilisierungen von Phrasen, die dadurch nicht vorkommen, keine manierierten Sequenzen.
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: Paradigma des personalen Erzählens, verliert nie den Fokus, klar organisiert um die Welt um Stephen, keine Innensicht einer anderen Person, kein auktoriales Erzählen, nirgendwo, in dieser Radikalität Kafka verwandt, nur hier adäquat, da die Person eine Entwicklung durchläuft (bei Kafka bleibt alles statisch).
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): personal, unsituiert, perspektiviert
●Erzählverhalten, -stil, -weise: dicht und immersiv an Stephen, seine Welt, sein Blick, seine Gefühle als Zentrum der Welt, der Künstler, der sich als Zentrum der Welt betrachtet, der das Gewissen seiner Nation mit seinem Herzen zu schmieden gedenkt.
●Einschätzung: personales Erzählen in die Vollendung getrieben, wie Tolstoi „Krieg und Frieden“ fürs auktoriale Erzählen, und Ich-Erzählung durch „Tristram Shandy“ von Lawrence Sterne.
–> 5+1 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): in 5 Teile, der erste Teil, die Kindheit, als Exposition: Streit um die Kirche als staatsprägend oder nicht im Elternhaus, und Stephen rebelliert gegen die kirchliche Strafe, beschwert sich beim Rektor. Zweiter Teil als Ausbruch des Konflikts: Umzug, Dublin, Entdeckung der Literatur, lernt mit 14 Emma kennen, seitdem von Sexualität geplagt, geht am Ende mit sechzehn ins Bordell. Teil 3 als Über-Ich: Predigt des Paters über die Strafen in der Hölle, Stephen bekommt es durch die Sprache mit der Angst zu tun. Teil IV als Weg zur Heilung: Radikalisiert seine klerikale Laufbahn, ihm wird die als Jesuit angeboten, er lehnt aber ab, scheint ihm zu tot und zu trist. Will seinem Namen entsprechend schaffen. Teil 5 als Lösung des Konflikts: Er geht auf die Uni, und beendet er auch diese vorzeitig, um Künstler zu werden. Komposition wie im Drama: Exposition/Komplikation/Peripetie/Retardierung/Katastrophe.
●Signal/Noise-Ratio: dichte, weniger dichte Sequenzen ergeben einen nachvollziehbaren Rhythmus
●Operative Geschlossenheit: Glaube/Nichtglaube
●Rahmenstabilisierende Details: Begegnung an der Straßenbahn, abstraktes Elternhaus
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: keine
●Reliefbildung: stark durch Szenen und Träume, Erinnerungen und Parallelisierungen
●Einschätzung: auch wenn die Komposition gelingt, es fehlt der Mut zur Beschreibung des Konfliktes, einigen Szenen wird aus dem Weg gegangen, keine erneute Konfrontation mit dem Direktor des Jesuitenorden, keine wirkliche Beschreibung seiner Sünden. Einfach: Schwamm drüber. Hierzu: identische Wiederholung der Tramszene illustriert sprachliche Überformung, sehr klar herausgearbeitet, als Entfremdung, als Distanzierungsversuch, als Maske durchschaubar und ausgestellt.
–> 5 Sterne
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: mitreißend, ästhetisch ansprechend, negativ, haarsträubend zynisch, narzisstisch, aber konsequent ausgestellt, ein Charakter, der alles links liegen lässt, heuchelt, einen Weg gehen will als Retter der freien Nation, aber als Künstler, der keine Verantwortung übernimmt im wirklichen Leben, dafür die volle Verantwortung im symbolischen, eine Pseudoversöhnung des Leibes mit dem Geist, als Statik der Harmonie. Extremer Klerikalismus, teilweise unangenehm herablassende Frauenbeschreibungen, kaum Frauenfiguren, nur die Mutter, die geküsst und nicht geküsst werden darf, Muttersprache, die Sprache Irlands.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) leider ja, junger narzisstischer Poet
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) ja, mit extrem dichten Passagen
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, in seiner Entfremdung
●ein zweites Mal lesen? vielleicht, aber die theoretische Tiefe reicht nicht hin, nicht intellektuell genug, in der Breite und Tiefe, um den Stil zu legitimieren, ziemlich banale Ästhetik und Kunstauffassung, ziemlich banale Theologie, im Grunde fast ein Stammtischniveau an Geistesleben, unterkomplex, nicht die Sprache, die Ästhetik, aber der Stoff, im Stoff vergriffen (macht er im Ulysses nicht, dort geht es um den Alltag).
… der Spaß wurde durch die Ungereimtheiten und den teilweise sehr hässlichen Blick auf die Menschen und ihr Lieben getrübt
–> 3 Sterne
Ästhetik: (jeweils 0-5)
●Kant: verspielt-offen? [Leichtigkeit] – 0
●Lukacs: engagiert-realistisch? [typisch] – 0
●Adorno: avantgardistisch-defensiv? [innovativ] – 5
●Hegel: dynamisch-totalisierend? [pathetisch] – 2
●Einschätzung: deutliches Paradigma der avantgardistischen Kunst
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Christine Wunnicke: „Die Dame mit der bemalten Hand“

Atmosphärische Beschreibung zweier Naturforscher im 18. Jahrhundert, aber ohne Erzählung.
(Georg-Büchner Preisträgerin 2026)
Inhalt: 3/5 Sterne (amüsant-exotisch)
Form: 5/5 Sterne (poetisch-innovativ)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (unauffällig)
Komposition: 1/5 Sterne (keine Fiktionalität)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (interessant-ziellos)
–> 15/5 = 3,0 = 3 Sterne
Wunnicke hat 2026 den Georg-Büchner-Preis zugesprochen bekommen, insbesondere für ihren subtilen Sprachwitz, und tatsächlich besitzt Die Dame mit der bemalten Hand oder auch Wachs einen hintergründigen Humor, der sich mit dem Zeitgeist auseinandersetzt und mit diesem bei der Figurencharakterisierung in Spannung verbleibt. Wie schon in Wachs improvisiert Wunnicke eher am historischen Material entlang, als dass sie eine Geschichte erzählt:
Carsten Niebuhr stand auf seiner Terrasse in Bombay und bestimmte Sonnenhöhen mit dem Hadley-Oktanten. Morgen, falls das Fieber nicht kam, wollte er nach Elephanta fahren, um dort die Altertümer zu besichtigen, von denen die Engländer sprachen. Eine gewaltige Darstellung des Urteils Salomonis, in biblischen Zeiten aus einem Felsen gehauen, befinde sich auf dieser Insel, hatte Obristleutnant Dow erzählt. Das war vom historischen Standpunkt her erstaunlich und wollte betrachtet werden.
Der Duktus ist souverän, etwas altklug, aber stets mit Augenzwinkern und im Versuch, der Sprache ältere Redewendungen und Adverbialkonstruktionen zu entlocken, die nicht mehr ganz so gebräuchlich sind, lebendig. Die Sprache passt auch sehr gut, um die Zeitdistanz zu untermalen. Die Dame mit der bemalten Hand spielt nämlich um 1760. Einige Szenen auf der einsamen Insel mit möglicherweise Geistern und Dschinns wirken nach, vieles aber geht in der Dichtheit und Menge der Informationen verloren, da sie keiner Erzählung angehören:
Ein schwarzweißer Vogel ließ sich neben ihm nieder und pfiff. Er pfiff wie ein Mensch, der seinem Hund pfeift, schrill und befehlerisch. Es interessiert mich, dachte Niebuhr noch einmal. Der Gedanke war ungewohnt. Er fühlte in sich hinein. Er fühlte sich, wie man sich gemeinhin fühlt nach einer durchwachten Nacht. ‚Pisst du noch Blut, Kapitän?‘ Danke der Nachfrage, nein. Ich pisse eigentlich gar nicht mehr. Ist das ein schlechtes Zeichen? Ich bin gesund. Ich fahre nach Persien, wohin ich nicht soll, und dann fahre ich wieder nach Hause. Er zog die Schuhe aus. Seine Füße waren geschwollen. Der Vogel, eine Art Elster, hüpfte und pfiff. Ein zweiter Vogel pfiff Antwort aus dem Gebüsch.
Das ist musikalisch, rhythmisch, ornamental und poetisch gelungen, passt sich aber nicht in den Erzählrahmen ein, wie so vieles. Das Buch von Wunnicke, wie Wachs, ist viel zu kurz und erzählt viel zu stroboskopartig zerfetzt und assoziativ. Ihre Bücher lassen sich eher als ästhetische Entkrampfung und Meditationen verstehen, denn als eine Geschichte im Rahmen einer fiktionalen Welt, die gibt es hier nämlich nicht. Mit anderen Worten, ernstgenommen, etwas akademisch, einfach weggelesen, ganz nett, aber unzentriert.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en):
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. (1764). Erzählgegenwart: Musa al-Lahuri (M), aus Jaipur, hat sich im Alter von 50 Jahren auf die Reise nach Arabien begeben, seine Familie ist dagegen, er reist dennoch ab. Als Zwischenstopp befindet er sich in Manbai (Mumbai), von wo er zu einem Kunden reist, der ein Astrolabium von ihm kauft. Auf dem Rückweg mit dem Schiff halten sie an einer Insel an, Gharapuri, Elephanta Insel. Dort beschließt er allein durch den Dschungel auf einen Hügel zu wandern. Auf dem Weg dorthin erreicht er einen Eingang ins Erdreich. Er folgt dem Gang und landet in einer Halle, wo er einen Europäer trifft, mit Fernglas. Als sie sich begrüßen, bricht dieser zusammen.
2. (1759). Carsten Niebuhr (N) wohnt der Vorlesung von Michaelis bei, der sich auf die Ergebnisse einer Arabienreise freut, um seine Bibelnachforschungen weiterzutreiben. Michaelis hält Niebuhr für unbegabt, Mathematiker, der versucht, das Arabische zu lernen. Sein Mentor Mayer sorgt sich um ihn. Sie messen den Nachthimmel aus. Die Franzosen haben noch Göttingen besetzt (im Rahmen des Siebenjährigen Krieges). N, ein Philologus namens von Haven und der Physikus Forsskal, einem Zeichner, samt Arzt und schwedischen Diener reisen nach Konstantinopel ab.
3. M hat mit dem brabbelnden, kranken N zu kämpfen, den er in der Höhle auf der Elephanta Insel entdeckt hat. M benutzt Ns Fernglas, aus Interesse. M kann nicht viel für N tun, lässt Malik, seinen Diener bringen, geht mit dem Fernglas wieder in die Höhle. Er schaut in den Himmel, schaut auf die Sternenkonstellation, sieht zum Sternenbild Dame-mit-der-bemalten-Hand. Hofft, dass N, er nennt ihn Kapitän, nicht stirbt. M schläft ein. Als er wieder zurückkommt, gehen Malik, N und M zum Strand, aber das Schiff von M ist fort.
4. Kurz vor seiner Übersetzung nach Elphanta: N reflektiert darüber, wie alle auf der Expedition außer ihm an seltsamen Krankheiten gestorben sind. Er gedenkt seinen Mitreisenden und Freunden, und überlegt sich, wie er ihre Aufzeichnungen nutzen und weitergeben kann, bspw. Forsskals Aufzeichnungen seinem Lehrer Linné zu schicken. Ihm fällt auch auf, dass er aus Michaelis‘ Fragenkatalog kaum etwas beantworten kann, nach der Reise. Auf Elephanta hofft er König Salomo Fresken zu bestaunen.
5. M kämpft mit dem kranken N. M badet seine Füße in einer Wanne im Tempel. M erzählt von einem Portugiesen, der Heiligtümer auf der Insel zerschossen hat, ein Jesuit namens Manuel. M und N erkennen, dass sie beide Astronomen sind. N sieht eine alte und eine junge Bettlerin auf der Insel herumstreichen. Hat Fieberanfälle. Kurzwortsätze.
6. M hat eine Ziege gekauft. Sie schlachten die Ziege, N hilft. Beide sind auf dem Land aufgewachsen. Sie lassen die Ziege ausbluten. M lässt sie als Curry zubereiten. M erzählt seine Lebensgeschichte, wie sein Vater südlich des Kaukasus ausgebüchst ist, hat ein Pferd für sich behalten. M erzählt Märchen. N übergibt sich. Fragt M, ob er weitererzählen könne. M will auch von Ns Vater hören. N skizziert die Lebensgeschichte. M erzählt vielleicht wahre Geschichte, wie sein Vater Astronom in Jaipur wurde. Beide verständigen sich übers Lügen.
7. Erzählung von der Gründung des Observatoriums in Jaipur, Fürst Jaisingh. Jaipur künstlich angelegte Stadt, wie römische Siedlungen. Vater von M arbeitete mit Guru Jagannatha zusammen. N sagt, er hasse Religionen. M erzählt von einem uralten Dschinn, der die Zeit anhält, dann von einer Piri geweckt wird, die ihm beim Spiel alle Schätze wegnimmt und alles wieder ins Chaos stürzt.
8. N benutzt Ms Astrolabium (wie dieser dessen Teleskop genutzt hat). Zeichnet aber nichts auf. M will gar nicht mehr nach Arabien. Hintergrundgeschichte von Malik, Ms Diener. Malik will nicht mehr zurück. Malik und die junge Bettlerin, Dipti, kommen sich näher. Die alte Frau schmückt Dipti. Mali organisiert von ihnen Hühner für N und M.
9. Sie streiten über das Sternbild Kassiopeia. M sieht nur eine bemalte Hand, N eine ganze Frau. Sie verstehen, wie unterschiedlich Kulturen die Welt wahrnehmen. N erzählt von seiner Expedition, nun flüssiger, hat sich M angepasst. M will plötzlich nichts mehr davon hören. Als M zurückkommt, zittert N wieder. M kümmert sich um ihn. Legt ihn kalte Wickeln um.
10. Briten reisen an. Ein Captain Phelps, ein Mr. Turnbridge. Sie retten N und M und Malik. Zuerst, als sie M und N schlafen sehen, dachten sie an Mord, dann erwacht M, dann N.
11. (1767). Zurück in Göttingen, Mayer, Ns Mentor ist tot, Michaelis will nichts von seinen Ergebnissen wissen, das Observatorium zerfällt, er beschließt es aufzuräumen, bevor er zurück zu seinem Vater aufs Land fährt, den Hof zu übernehmen.
12. (1784). M hat aufgehört mit seinen astronomischen Studien und ist auch nicht nach Arabien gefahren, kümmert sich um seine Tochter. Malik verheiratet. M liest Bücher, bekommt das Buch von N über seine Reise in die Hand. Erzählt seiner Tochter, kurz vor einer Geburt, von den Ereignissen, aber dann kommt das Kind. Malik baut Moscheen.
●Kurzfassung: Zwei Astronomen stranden auf einer Insel vor Mumbai und verbringen ein paar Tage miteinander.
●Charaktere: (rund/flach) eher Skizzen, eher eine Meditation
●Überflüssige Szenen/Charaktere: zu kurz
●Besondere Ereignisse/Szenen: Schlachtung der Ziege, Rückkehr von Niebuhr nach Göttingen
●Diskurs: Wissenschaft der Aufklärung
… vom Inhalt nur leidlich spannend, da es im Grunde keinen Plot gibt, eher eine Reisebeschreibung, zusammenmontiert, kunstvoll, aber ohne narrativen Zug. Die Reisebeschreibung gelingt, eine Atmosphäre auf der Insel entsteht, etwas wie Jonathan Swift „Robinson Crusoe“ oder „Gullivers Reisen“. Eine sehr leichte, unanstrengende, freundliche Prosa, eher eine kunstvolle Zusammenfassung des Ursprungsmaterials „Beschreibung von Arabien (1772)“ etc …
… lässt sich als Wissenschaftskritik lesen, beide Forscher, nach der Begegnung und Ausgesetztheit hören mit der Naturbetrachtung auf. Sie erkennen, nicht nur die Natur ist fremd, schon der Mitmensch ist ein Wunder und ein Rätsel, und eine Universalität gibt es in dieser Weise schon gar nicht. Sie tauchen Messgeräte aus und erkennen die Relativität ihrer Forschungsbemühungen.
–> 3 Sterne
Form:
●Eindruck: sehr elaborierte, kunstvolle, immersive Sprache, die aus gelungener Verflechtung von Motiven besteht
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) gering, eher Reisebeschreibung
●Wortschatz/Wortzahl: abwechslungsreich, polyglott, mit vielen Sprachspielen
●Auffälligkeiten: sehr poetisch, sprachdezentrierend, freischreibend
●Innovation: vorhanden, aber in der Kürze ohne Richtung
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: montierende Berichterstatterin im Hintergrund, in den einzelnen Szenen personal
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nichts von all dem, berichtend
●Erzählverhalten, -stil, -weise: neutral, freundlich, humoristisch
●Einschätzung: lockeres Verweben von Motiven zu einer Atmosphäre, einer stillen Insel in Indien, Exotik und Sprachspiel, sehr ornamental. Narrative Erzählweise stofflich nicht zuordenbar.
–> 3 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): leider linear die Geschichte der beiden Forscher erzählt, am historischen Material entlang improvisiert, keine eigene Entwicklung, keine Komposition
●Signal/Noise-Ratio: viel Noise, viele Beschreibungen, fast kein Plot
●Operative Geschlossenheit: keine
●Rahmenstabilisierende Details: keine
●Extradiegetische Abschnitte: keine, es sei denn die Fabeln von al-Lahuri
●Lose Versatzstücke: keine besonderen, sehr viele Einzelszenen, bspw. Malik, wieso gibt es Malik? Wieso die Bettlerinnen? …
●Reliefbildung: durch die Insel, die Krankheiten gewisser Abwechslungsreichtum
●Einschätzung: schwach
–> 1 Stern
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: hat amüsiert, teilweise intensive Szenen, aber auf die Länge, trotz der Kürze, sogar langweilig, und etwas zielloses Improvisieren, sehr verspielt und freundlich, leicht und locker, eine gewisse Anekdote über das Fremdsein und Fremdfühlen.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) nein
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) nein
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) ja
●stimmig?(Komposition: ja/nein) nicht bewertbar, da keine Erzählung
●ein zweites Mal lesen? nein
–> 2 Sterne
Ästhetik: (jeweils 1-5)
●Kant: verspielt-offen? [Leichtigkeit] – 5
●Lukacs: engagiert-realistisch? [typisch] – 2
●Adorno: avantgardistisch-defensiv? [innovativ] – 0
●Hegel: dynamisch-totalisierend? [pathetisch] – 0
●Einschätzung: klares Sprachspiel, informativ, Geistes- und Schreibübung, ganz im Sinne einer ornamentalen, humoresken, verspielten Ästhetik um die Einbildungskräfte zu entspannen.
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Ayn Rand: „Der Ursprung“

Narrativ-explosiv und intensiv über das Pathos des Gestaltens. Soziale Zähmung eines widerspenstigen Architekten.
Inhalt: 4/5 Sterne (beruflicher Erfolg eines self-made Mannes)
Form: 4/5 Sterne (plakativ-überzeugend)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (kommentierend-dienlich)
Komposition: 4/5 Sterne (zum Ende hin didaktisch)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (versautes Ende, intensiv)
–> 20/5 = 4,0 = 4 Sterne
Voller Verve, Pathos, Intensität und Mitteilungsdrang schreibt Ayn Rand in Der Ursprung oder The Fountainhead über einen Architekten namens Howard Roark, der sich von nichts und niemandem beeindrucken lässt und seinen eigenen Weg trotz aller Misshelligkeiten geht. Mit klarem Fokus auf seinen Erfolg gestaltet sie eine Welt, die ihn ständig korrumpieren, beeinflussen und von seinem Weg abbringen will. Er wehrt alle Angriffe ab, nur die der Liebe seines Lebens, Dominique, kann er auf Dauer nicht widerstehen und erfüllt letztlich ihren Wunsch, für eine Welt zu kämpfen, die seiner Kunst würdig sein könnte:
Dieser [von Howard Roark gebaute] Tempel ist ein Sakrileg, wenn auch nicht in dem von ihm gemeinten Sinne. Aber ich glaube Mr. Toohey weiß das. Wenn man jemanden Perlen vor die Säue werfen sieht, ohne auch nur ein Schnitzel zurück zu bekommen, ist man nicht entrüstet über die Säue, sondern über den, dem seine Perlen so wenig bedeuten, dass er sie bereitwillig in den Kot wirft und zum Anlass für ein großes – vom Gerichtsstenographen aufgezeichnetes – Grunzkonzert werden lässt.“
Dominique Francon erträgt es nicht, dass die Welt Howard Roark nicht würdigt und anerkennt. Howard Roark ist dies egal, aber ihm ist Dominique nicht egal, und so läuft die Zähmung des Widerspenstigen darauf hinaus, dass Roark irgendwann sich für die Demütigungen rächt, die die Welt seinen Bauten und seiner Geliebten angedeihen lässt. Bis fast zum Ende hält er seine materielle, Lust zentrierte, fröhliche und eifrige Bau- und Schaffensfreude bei, doch dann zieht der Roman den Objektivismus aus dem Hut und preist statt der Tat das Wort, und gibt an entscheidender Stelle dem Roman seinen Namen:
Der Druck verschwand mit dem ersten Wort, das [Wynand] schrieb. Während seine Hand sich über das Papier bewegte, dachte er: Wie viel Macht Worte haben! Über die, die sie hören, aber vor allem über den, der sie findet. Eine heilende, erlösende Macht – wie der Durchbruch durch eine Mauer. Er dachte: Vielleicht liegt das Grundgeheimnis, das die Wissenschaftler nie entdeckt haben, die Quelle allen Lebens, darin, was geschieht, wenn ein Gedanke in Worten Form annimmt.
Kompositorisch fällt das Kartenhaus damit zusammen. Der, der kaum redet, der seine Taten für sich sprechen lassen will, und seine Gebäude unkommentiert lässt, der, der das ganze Buch lang zusieht, wie seine Ideen beschmutzt und benutzt werden, knickt ein, hält eine Rede für den Eigennutz und ein Recht auf Zerstörung des Selbstgeschaffenen. Das mag noch angehen. Aber dass der Roman mir erzählen will, dass jemand schuldfrei davonkommt, wenn er eigenmächtig einen riesigen Gebäudekomplex in die Luft jagt, der Millionen gekostet hat, nur weil er, der sonst nie redet, mal redet, ist zu viel des Guten.
Ayn Rand hat mal wieder, wie in Atlas Shrugged ihr Blatt überreizt, wahrscheinlich wohlwissend. Es zieht aber nicht. Es wirkt platt. Ein anderes Ende hätte besser gepasst und hätte das Buch in eine außergewöhnliche singuläre Stellung manövriert, die es nun nur fast inne hat. Vergleichbar mit Werner Bräunigs Rummelplatz und Franziska Linkerhand beide nicht von letzter Hand in einer Version erhalten, hätte dieses Buch auch besser mit offenem Ende überliefert werden sollen. Dennoch lesenswert.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en):
1. Howard Roark, 1900 geboren, betrachtet Welt als Material zur Selbstverwirklichung, hat vorher als Handwerker gearbeitet. Arbeitet sich als selbständiger Architekt hoch, verliebt sich in die Tochter eines gesellschaftlich-erfolgreichen Architekten, Dominique Francon, geht keine Kompromisse ein, verkauft sich nicht, arbeitet nicht im Kollektiv, lässt sich nicht bestechen, geht lieber selbst auf der Baustelle arbeiten, als sich korrumpieren zu lassen. Lehnt den leichten Weg ab, braucht keine Anerkennung, keine Würdigung durch andere. Lässt die Welt, wie sie ist, will sich einfach in ihr als Bauherr verwirklichen. Sein einziger Berührungspunkt mit dem sozialen System ist Dominique. Als er seinem Studienfreund aus der Patsche hilft, unentgeltlich für ihn eine Sozialwohnungskomplex entwirft, unter der Bedingung, dass nichts verändert wird, dann aber erfährt, dass etwas verändert wurde, sprengt er aus Wut den Gebäudekomplex. Vor Gericht verteidigt er sich mit einem vermeintlichen geistigen Eigentumsrecht. Er wird freigesprochen, damit rehabilitiert. Er kann Dominique heiraten und den höchsten Wolkenkratzer in New York bauen.
2. Dominique Francon (D), Journalistin, reich, Guy Francons Tochter, will frei sein, will Exzellenz feiern, sucht die Unabhängigkeit, findet aber keine eigenen Projekte, keine eigenen Inhalte, und arbeitet aus Selbstverachtung bei der Zeitung Banner, eine Regenbogenpresse. Während ihres Sommerurlaubes verliebt sie sich in Howard, den sie provoziert, bis dieser sie vergewaltigt. Howard wird ihr Projekt. Sie will sich zuerst rächen, ihn demütigen, provozieren, aber er lässt es nicht zu. In einem aufsehenerregenden Projekt, dem Tempel des menschlichen Geistes, integriert Howard eine Skulptur von Dominique. Sein Projekt wird verachtet. Dominique spricht sich für Howard aus, akzeptiert aber die Heirat mit Peter, um Howard weiter zu provozieren. Sie gibt sich in der Ehe als perfekte Ehefrau, bleibt aber kalt. Sie wird eingespannt, ihren Ex-Chef vom Banner, Gail Wynand, zu überzeugen, Peter ein Großprojekt zu verschaffen. Sie muss mit ihm zwei Monate auf einer Yacht verbringen. Wynand verliebt sich, will Dominique zur Frau. Peter akzeptiert die Bedingung. Ehe zwischen Dominique und Peter wird geschieden. Bevor sie Wynand heiratet, besucht sie den in Ungnade gefallenen Howard, wie er auf einer Baustelle sich verdingt, will mit ihm Leben, wenn er die Architektur aufgibt. Er lacht nur. Sie heiratet Wynand, durch den sie wieder in Kontakt mit Howard kommt, insbesondere weil Howard ihr Haus bauen soll. Sie hilft Howard, als dieser sich rächen will und den Sozialbaukomplex in die Luft sprengt, und verlässt Wynand, als dieser in der Verteidigung von Howard eingeknickt und den Banner wieder gegen Howard ausrichtet und berichten lässt. Nach dem Freispruch von Howard, heiratet sie ihn und besucht ihn auf der Großbaustelle des Wynand-Buildings in Hell’s Kitchen.
3. Peter Keating, das genaue Gegenteil von Howard, überlegt nach dem Berufsabschluss nach Europa zu gehen, ist aber zu feige, lässt sich von Guy Francon engagieren, intrigiert sich dort die Hierarchieleiter hoch, erpresst den Miteigentümer von Guy Francon, treibt ihn in einen Herzinfarkt, und wird mit Teilhaber durch dessen Testament. Er ist verliebt in die bescheidene, schüchterne Catherine, Ellsworth Tooheys Nichte, aber lässt sich vom Glamour Dominiques berauschen, heiratet sie, wird Alleineigentümer vom Francons Architekturbüro. Misswirtschaftet, bis er am Rand des Ruins steht, und sich um einen weiteren Auftrag zu ergattern, von Dominique scheiden lassen mus. Muss wie so oft Howard um Hilfe bei einem Entwurf bitten, ein Projekt, das die Firma retten könnte, aber er kann den Entwurf nicht verteidigen, wie er es Howard versprochen hat, und muss Veränderungen wie Balkone, ein Spitzendach akzeptieren. Er lässt sich erpressen, gibt Howards Beitrag zu, liefert ihn damit aus. Als er nach Jahren Catherine wieder sieht, gibt es keine Gefühle mehr zwischen ihnen.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
- 1. Teil: Peter Keating
- 1922. Howard Roark (H), zum Dekan, wird aus dem Architekturstudium des Stanton Institute of Technology geschmissen. H fühlt sich wie in der Kirche. Streitpunkt zwischen ihnen das Parthenon. H will sich keiner Tradition unterwerfen.
- P hält Abschlussrede.
- P spricht mit GF über eine Anstellung. Größter Erfolg von GF, die Frink National Bank, danach hat er nichts wirkliches mehr gebaut. H beginnt bei C, für wenig Geld, dessen größter Erfolg das Dana Building.
- P will nicht über C ins Blickfeld von E geraten. GF beeindruckt von E. C will H feuern, auf dass dieser nicht so scheitert wie er. H geht nicht, überzeugt C.
- Ein Jahr vergangen. P intrigiert sich die Karriereleiter bei GF hoch, holt sich Hilfe bei H. C scheitern beim Security Trust Company Building, stehen mittellos da.
- 1925. E publiziert „Predigten in Stein“, populärwissenschaftliches Buch, das den Alltag der Masse vergötzt. E Sozialist. C bricht zusammen, schließt das Büro. H will keine Hilfe. Ps Mutter gegen Ehe mit CH. P soll GFs Tochter erobern, die für die Zeitung Banner schreibt. P und CH verloben sich dennoch.
- P stellt H bei GF ein. Auf einer Baustelle lernt H einen Elektriker kennen, Mike. Für beide zählen nur die Taten und das demonstrierte Können.
- H soll etwas für GF entwerfen, H verbittet sich Interventionen und Verbesserungen. Sie streiten, GF kündigt ihn. H mittellos in der Stadt.
- H heuert bei John Erik Snyte an, der einen Modernisten sucht. P besucht eine Veranstaltung von E, auf der auch CH weilt. E deeskaliert Streit im Sinne seines Arbeitgebers beim Banner, Wynand. P lernt GFs Tochter kennen, Dominique Francon. P vernarrt sich, merkt aber, dass sie ihn zerstören wird.
- Auf einer Party beim Architekten-Gilde-Präsidenten, Ralston Halcombe. D angeekelt, will sich an allem rächen. GF hofft auf einen guten Einfluss von P auf D. H schon 5 Monate bei Snyte, bei einen Projekt für Austen Heller, ein Liberaler, zerstreiten sie sich. Heller und H gehen, H macht sich selbständig.
- 1926: H baut das erste Haus, aber niemand beachtet es.
- CH hat Angst vor E, will heiraten, will aber, dass P sie erobert. P unentschieden, seine Mutter und GF haben D für ihn ausersucht, die gar nicht zu ihm passt. P verpasst die Chance, CH zu heiraten.
- H schlägt sich mit Kleinaufträgen durch, eine Tankstelle, ein Haus für Whitford Sanborn, endet in einer Katastrophe, H zahlt drauf, um die Änderungen der Ehefrau einzuarbeiten.
- H hilft P beim Cosmo-Slotnick-Building. H monatelang arbeitslos. C liegt im Sterben. H besucht ihn. Erster Kuss zwischen P und D, D duldet es, unbewegt.
- P intrigiert gegen Mitinhaber von Francons Architekturfirma. Heyer stirbt vor Wut, als P ihn erpresst. Heyers Korruptionen. Heyer hat P im Testament berücksichtigt. P gewinnt Cosmo-Slotnick-Wettbewerb. P hasst H heimlich, fühlt sich unterlegen und abhängig. H soll eine Bank mit klassischer Front bauen. H lehnt ab, verliert Auftrag und geht Pleite. P wird Teilhaber von Francons Büro, H verlässt pleite und geschlagen die Stadt.
- 2. Teil: Ellsworth M. Toohey.
- H arbeitet im Steinbruch, lebt als Handwerker, spaziert im Wald. D verbringt in der Nähe ihren Sommer. D sieht H im Steinbruch, fühlt sich von ihm körperlich angezogen. D arrangiert, dass H für sie eine Marmorplatte, die sie selbst zerstört hat, austauscht. H schickt jemand anderen. D erbost, trifft H beim Waldritt auf einem Pferd und schlägt ihn mit einer Gerte. H erscheint daraufhin nachts, und nimmt ihr gewaltsam die Jungfräulichkeit. H reist ab nach New York für Roger Enright, D fühlt sich vergewaltigt.
- Es Artikel über P als große Hoffnung. Auf E wird ein Attentat begangen. Er überlebt. Der Attentäter Mallory wird gefasst. Gründe für das Attentat sind unbekannt [Verhinderung von Exzellenz, Vermittelmäßigung]. E lobt Lois Cook über den Klee, größtes Genie seit Goethe, trivialisiert die ganze Kultur.
- Scharlatansliteratur von Lois Cook. [Anspielung auf Gertrude Stein].
- D hasst ängstliche Mitmenschen. E verhilft Mallory zu einer geringen Strafe fürs Attentat. E gründet Kreis junger Architekten. Als D und P sich wiedertreffen, erkennt P, dass etwas mit D geschehen ist. D erträgt P nicht mehr.
- H erhält einen Auftrag von Roger Enright, Öl-Millionär. H eröffnet Büro. Auf einer Party bei den Holcombs treffen sich H und D wieder. E will H trotz seines Großauftrages nicht kennenlernen.
- D schreibt über H, bringt damit Joel Sutton davon ab, H zu engagieren. Sutton geht zu P. D besucht H, will sich rächen dafür, dass sie ihn begehrt. Sie hat ihre Unabhängigkeit durch ihn verloren. Sie schlafen miteinander.
- E zynisch, will den Massen geben, was sie wollen. Schlägt D ein Bündnis gegen H vor, P zu fördern mit Aufträgen. Öffentlich befeindet D H und verhindert, dass dieser Aufträge bekommt. D will H von der Masse fernhalten. Sie eskaliert die Situation, versucht H aus der Reserve zu holen. [D agiert als Hintergrundmotor des Konflikts.] E hält Nivellierungsrede auf dem Council of American Builders.
- Lebensgeschichte von E. Kränkliches Kind, hasst Sport. Tante wirft ihm, sich wie eine Made an Wunden zu laben. Nach Ausprobieren des Religiösen wendet er sich dem Sozialismus zu, wird Kunstkritiker. Lob des Leids, des Schwachen. Spitzname „Monk“ – „Mönch“.
- Fertigstellung des Enright Building, und weitere Aufträge folgen. D und H schlafen heimlich miteinander. E schanzt H einen unmöglichen Auftrag zu, für Hopton Stoddard den Tempel des menschlichen Geistes zu bauen, nachdem sich dieser geweigert hat, ein Kinderkrankenhaus zu finanzieren. Es Strategie gegen H ändert sich. [E rächt sich gegen Hopton, er weiß, mit H wird es zu einem Eklat kommen.]
- 1929, Dezember, Cosmo-Slotnick-Building wird eröffnet. P auf dem Höhepunkt seiner Karriere. H heuert den Attentäter von E an, Mallory. H besucht ihn in seiner Höhle. H will von Mallory eine Figur, Mallory Bildhauer, nämlich eine Skulptur von D.
- Nach Fertigstellung des Tempels, Stoddard entsetzt. E schreibt eine vernichtende Kritik gegen H. Stoddard verklagt H. D vor Gericht sagt aus, dass Menschheit noch nicht bereit für Hs Kunst sei.
- Stoddard gewinnt Prozess, D wird vom Banner gefeuert. P und CH sollen heiraten. E indoktriniert CH.
- D bietet P Heirat an. Sie will sich bestrafen, sich dekonstruieren, Teil einer Welt zu sein, in der H nicht gefeiert wird. Ehe mit P als Höchststrafe. Sie sieht H 6 Monate nicht, betrügt P mit ihm, gesteht ihre Ehe. Sie will nicht kämpfen. H lässt D in dieser Verfassung ziehen, zu schwach. Er will sie stark, nicht hoffnungslos.
- GF erfährt, dass D, seine Tochter, P geheiratet hat und beschließt sich zur Ruhe zu setzen. E bekommt sein Kinderheim, in das der Tempel verwandelt wurde. CH leitet das Heim. E will von H beschimpft werden, H bleibt ruhig. H wieder arbeitslos.
- 3. Teil: Gail Wynand
- 1932. Oktober. G, 51 Jahre, überlegt sich zu erschießen, aus Überdruss, aus Langeweile, und ein wenig Selbstekel. Möchte ein großes Bauprojekt realisieren, auf Long Island, Stoneridge. Serviert Partnerinnen ab. Verliert Lust auf Lust. Lebensgeschichte von G, früh desillusioniert. G hat den Banner gegründet, Zeitung für den Pöbel. G beweist sich, dass alle ihr Ideale für Geld über Bord werfen. E will, dass G P für das Stoneridge-Projekt wählt, schickt ihn die Skulptur aus dem Tempel, die von D, für seine heimliche Kunstsammlung.
- D hat sich P völlig ergeben, mimt die perfekte Ehefrau, aber ist gegenüber P kalt. Sie sprechen sich aus, haben einen Moment der Klarheit – P fühlt sich H und D gegenüber unterlegen. Ein Anruf von E unterbricht sie. E möchte, dass D sich bei G dafür einsetzt, dass dieser P engagiert. E will G niederringen.
- D trifft G, gibt zu, dass sie sich aus Selbstverachtung prostituiert. G schlägt Handel vor, zwei Monate verbringt D mit auf seiner Yacht, dann erhält P den Zuschlag. P wird von G demaskulinisiert. G zeigt D seine geheime Kunstsammlung. G verliebt sich in D, G voller Selbstbewusstsein, macht ihr ein Heiratsantrag. D erinnert sich, wie G H mit seinen Artikel zerstört hat und sagt zu, aus Selbsthass, Teil dieser Welt zu sein. G drängt sich nicht auf. Will D für sich ganz. P ergibt sich dem Vorschlag. D lässt sich scheiden. H baut weiter, unverdrossen. D besucht in in Clayton, Ohio, wo er sich verdingt. Sie erträgt es kaum, schlägt ihn vor, sich gemeinsam zurückzuziehen. H geht nicht darauf ein, sie solle einfach aufhören, die Welt in ihre Entscheidungen einzubeziehen. D und G schwächer, die eine gibt auf, der andere will sich rächen (Objektbindung).
- Literaturclub. Bewusst werden schlechte Stücke zum Hype aufgemotzt [hier wieder das Bewusste ist unwahrscheinlich, die bewusste Manipulation funktioniert oft nicht]. GF scheidet aus, P übernimmt. P müde.
- Rückkehr nach einem Monat, D will protzige Hochzeit mit G. Sie schlafen miteinander. E treibt doppeltes Spiel, um das Banner zu übernehmen oder zu schaden, publiziert kritische Artikel, und lässt kommunistische Radikale Anteile am Banner kaufen.
- Gs Glaspenthouse abgeschottet. D und er verbringen abgeschottet zwei Wochen. D schleppt ihn in ein Theaterstück, das seine Zeitung hoch gelobt hat. Es ist miserabel. G desinteressiert, D wütend darüber, dass er den schlechten Geschmack ausbeutet. D erkennt die Ähnlichkeit zwischen G und H, G, der eine geheime Kunstsammlung hat.
- G erkennt, dass D ihn nicht liebt. Sie lässt sich von ihm für das Gebäude begeistern, dass er als Hinterlassenschaft plant, das Wynland-Building. D will, dass E gekündigt wird. G sieht die Gefahr nicht.
- 4. Teil: Howard Roark.
- Kindheit und Jugend von H. H hat Feriendorf in Monadnock Valley gebaut. Rückkehr nach New York, um das Aquitana zu bauen. Monadnock Valley sollte ein Betrug werden, durch H wurde es ein Erfolg, macht Plan zunichte, die Eigentümer in den Konkurs zu treiben. H will in keinem Kollektiv arbeiten, auch nicht für die Weltausstellung. P wird Vorsitzender. P jähzornig. 1936. G lädt H ein.
- G will, dass H ein Haus für ihn und D baut, ein Tempel für die lebendige D, die niemand sehen darf.
- H und G sprechen sich aus. G will ihn kontrollieren. H lässt es nicht zu. Sie einigen sich. G lädt ihn nach Hause ein, weiß von der Affäre zwischen D und H nichts.
- G und H befreunden sich, G erzählt von seiner Katze, unterbindet nun auch, dass etwas über H im Banner geschrieben wird. D eifersüchtig auf die Freundschaft.
- G hängt Foto von H im Büro auf.
- E will die Gesellschaft auf Knopfdruck in sich zusammenbrechen lassen. Schart oberflächliche Menschen um sich, im Intellektuellensalon, vermisst D.
- Niedergang von Ps Architekturbüro. Letzte Chance, der Sozialwohnungskomplex Cortlandt. P bittet E um Hilfe. E kann nicht helfen, besorgt aber die Unterlagen, die P H gibt, um ihn um Hilfe zu bitten.
- 1937. H hilft P. H liebt das Bauen um seiner selbst willen. Sie schließen einen Deal: H entwirft, und P setzt es unverändert in den Gremien durch. P hat zu malen begonnen, zeigt H seine Gemälde, H ergreift Mitleid.
- D fühlt sich kontrolliert, verzehrt sich nach H. P legt Hs Pläne fürs Courtlandt E vor, der nichts von Hs Beitrag weiß. E bricht in Begeisterung aus. G beginnt eine PR-Kampagne für H. G weiht H in seinen Plan ein, das Wynland Building in Hell’s Kitchen zu bauen, den höchsten Wolkenkratzer.
- P und CH treffen sich, CH abgeklärt, hat sich innerlich von ihrer Vergangenheit abgewendet.
- G und H im Südpazifik auf der Yacht. G fühlt sich inspiriert und von H bedroht, überlegt, als H im Wasser schwimmt, wegzufahren und ihn einfach ertrinken zu lassen. Theorie der Zweithänder, die alles aus Zweiter Hand tun.
- Drei Monate auf der Yacht. P bricht sein Versprechen. Courtlandt wird extravagant designt. H erkennt, er hätte auf P nicht setzen sollen. H plant das verschandelte Courtlandt zu zerstören. D hilft ihm, lenkt Wächter ab, H sprengt es in die Luft. Die Druckwelle reißt D mit.
- D im Krankenhaus. G erleichtert, droht D, dass er H und sie erschießt, sollten sie eine Affäre beginnen. H will D schützen. Muss erst freigesprochen werden. H wird nun öffentliches Feindbild. G setzt den Banner ein, um ihn zu verteidigen. Der Absatz bricht ein. E will den Banner übernehmen.
- E bei P, P gibt E den Vertrag zwischen H und ihm. E will alles gleichmachen. P fühlt sich allein, will, dass E bleibt. E geht.
- Im Banner schreibt E gegen H. G stoppt die Auflage, feuert E. G schreibt einen Leitartikel über den Ursprung. [Idealismus: im Wort ist der Anfang, nicht die Tat]. Obwohl alle genug verdienen, streiken die Angestellten wegen Gs Verteidigung von H. D hilft G bei dem Kampf. H unterstützt G, da es um das Seelenheil von G geht. Streik dauert zwei Monate.
- Aufsichtsratssitzung. G muss nachgeben, sonst ist seine Zeitung Geschichte. Streunert durch die Straßen, sein Verrat. G kann sich nicht verzeihen, gehorcht zu haben, will einen riesigen Wolkenkratzer bauen.
- G zieht sich zurück, lässt H nicht mehr vor. D verlässt G, zieht zu H und gibt per Anzeige ihre Affäre bekannt. G lässt sich sofort scheiden. Die Öffentlichkeit hat D als Feindbild, G reingewaschen.
- Verhandlung. H Plädoyer über geistige Sklaverei. H gibt die Sprengung zu. Die Geschworen plädieren am Ende für nicht schuldig. [Worte verändern die Welt, Hs starke Worte …]
- G kauft alle Anteile von Banner auf, und, nachdem er E wieder einstellen hat müssen, der sich eingeklagt hat, schließt er die Zeitung auf immer. Er ruft H zu sich, behandelt ihn distanziert, will von ihm den höchsten Wolkenkratzer bauen lassen, auch wenn sein Leben und die Erinnerung daran nichts mehr wert ist.
- Ein Jahr später, D und H sind verheiratet. Er baut den höchsten Wolkenkratzer, und sie fährt zu ihm hoch, wie er oben steht, über der Stadt thronend, völlig unabhängig. Kurz wird an Henry Cameron gedacht.
●Kurzfassung: Ein unabhängiger, nur mit sich beschäftigter Architekt will einfach nur Häuser bauen, bis ihn die Liebe seines Lebens zu gesellschaftlichen Verantwortlichkeit erzieht.
●Charaktere: (rund/flach) komplex, allesamt
●Überflüssige Szenen/Charaktere: keine Stelle tanzt wirklich aus der Reihe, das ganze Ende bleibt aber konstruiert.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Vergewaltigung von Dominique; Sprengung des Sozialgebäudekomplexes Courtlandt.
●Diskurs: Demokratisierung, Leistungsgesellschaft, Eigentum und Eigennutz
… das Ende von „Fountainhead“ ist überhaupt nicht stimmig (in sich, als Roman). Warum schert sich Howard Roark um Cortlandt? Er steht über der Anerkennung, etwas wurde gebaut, aber nicht nach seinem Sinne wie vorher schon (Cosmo Slotnick Building). Er hätte einfach den Kontakt zu Peter abbrechen können. Er war selbst schuld, und so muss er nach seiner eigenen Logik büßen (auch wenn er ohne Geld für P gearbeitet hat). Ayn Rand muss hier eine „Eskalation“ aus dem Hut ziehen, um Gail Wynland zu dekonstruieren, aber das wäre auch anders möglich. Bspw. hätte Ellsworth mit seinem Übernahmeplan erfolgreich sein können, und dann hätte Gail zu Kreuze kriechen müssen, bei Ellsworth. Das hätte ihn gebrochen und Dominique gegen ihn aufgebracht, so dass der Weg zu Howard frei ist. In Rands Logik musste aber Dominique noch gewinnen, weil sie Howard dazu bringen musste, sich an der Welt zu rächen, und dieser Akt, an dem er sie teilnehmen lässt, die Sprengung Courtlandts, bringt sie zusammen. Sie sind nun beide Märtyrer auf ihre Weise, und er ist der Verbrecher, der freigesprochen werden muss, während sie die Ehebrecherin ist, die von allen verachtet wird. Erst das lässt sie wieder an die Welt und an ein mögliches Glück glauben. Howard ist endlich in der sozialen Ordnung über ihr, und baut dann den höchsten Wolkenkratzer für Wynland, nachdem sich dieser auch vor Howard gedemütigt hat. Dominique fährt zu ihm hoch, nicht er zu ihr. Auch musste dazu das ganze familiäre Geld durch die gescheiterte Heirat mit Peter verschwinden.
… im Grunde wird Howard dekonstruiert. Er muss, das der Plot, gezwungen werden, der Gesellschaft einen Platz in seinem Leben zu geben. Dies geschieht über Dominique, die ihn dazu verführt, sich an etwas zu rächen, das er verachtet, also eine Story wie Der Widerspenstigen Zähmung [Katharinas Produktivität muss in die Ehe und soziale Ordnung gebracht werden.] Parallele: Katherina benimmt sich widerborstig, Petruchio, der sie wegen des Geldes heiraten will, benimmt sich noch mehr daneben, so sehr, dass sie ihm mit guten Beispiel vorangeht, sich immer mehr der sozialen Ordnung unterwirft, bis sie auf der Hochzeit ihrer Schwester die Rede über eine gute Ehefrau hält. In „Fountainhead“ werden die Rollen verdreht, aber die Situation bleibt dieselbe. Howard benimmt sich daneben. Seine Partnerin, Dominique, blamiert sich vor allen Augen, so dass er sie retten und ihre Ehre wiederherstellen muss, zugleich rettet er damit nicht nur ihre, sondern auch die architektonische Schönheit. Er hält eine Rede, um sich ins rechte Licht zu stellen (wie Katherina), und übernimmt nun die Verantwortung, so dass sich Dominique auf die Ehe einlassen kann.
… höchstproblematisch (nicht für den Rest des Romans, die 98% davor) ist die Freisprechung Howards, die lässt sich nur symbolisch, hyperbolisch verstehen, aber nicht inhaltlich-rechtlich, in der Logik des Romans. Dort gibt es Verträge, Eigentumsrechte, eine normale soziale Ordnung, eine Zerstörung eines Wohnkomplexes eigenmächtig lässt sich nicht rationalisieren. Der Freispruch demonstriert Ayn Rands mythomanisch überzogener Glaube an die Verführungskraft der Sprache.
… große Ähnlichkeiten mit Bräunigs „Rummelplatz“ und Reimanns „Franziska Linkerhand“ vom Stoff her, von der materiellen Ausrichtung her.
… ist dennoch bis zu den letzten 10% stimmig, liest sich spannend, überzeugend, mit gut geführten Dialogen. Wegen des Endes 1 Punkt Abzug.
–> 4 Sterne
Form:
●Eindruck: stimmig, eindrucksvoll, atmosphärisch, mit Hang zur Übertreibung und kitschigen Metaphern. Ihre Sprache ist oft bombastisch, dem Stoff gemäß, sehr dem Futurismus angelehnt, viele Technologie-Metaphern, viele Vergleiche zwischen Mensch und Maschine
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoch
●Wortschatz/Wortzahl: rund, abwechslungsreich, nicht repetitiv
●Auffälligkeiten: die futuristischen Metaphern, die Übertreibung, „die Haut eines Panzerschiffes, die Augen eines Rehs“ etc …
●Innovation: dennoch vom Qualitätsgrad der Sprache zu unpoetisch, undynamisch in letzter Instanz, eher eine Schlagwortsprache, eine Dialogsprache, eine Drehbuchsprache; sie bleibt Vehikel für die Story, die erzählt wird. Sie bekommt insofern nichts Eigenständiges, nichts Selbsterschaffenes. Die Erzählung nutzt die Möglichkeiten der Sprache, kämpft und ringt nicht um eine Erweiterung des Sprachlichen.
–> 4 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: auktorial (indirekt) kommentierend, allwissend, über den Dingen schwebend, greift nicht als Person in den Erzählvorgang ein, bleibt im Hintergrund, unreflektiert
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nichts von all dem
●Erzählverhalten, -stil, -weise: zynisch, feiernd, parteiisch, hart mit Gegensätzen arbeitend
●Einschätzung: auch hier fehlt die zweite Reflexion, das Erzählerische als fiktionale Gestaltung, die mediale Selbstkontrolle. Das Abenteuerbuch jedoch in Perfektion erzählt.
–> 4 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): insgesamt sehr stofflich, sehr dialoglastig, sehr Plot basiert, wenig lange Beschreibung, wenig Spiel mit Tempo, hart auf den nächsten Konflikt fokussiert, mit eindeutigem Expressionswillen, Howards Vorzüge zu feiern.
●Signal/Noise-Ratio: wenig Noise, viel zu viel Inhalt, jedoch dadurch spannend.
●Operative Geschlossenheit: wäre die, dass allein die Taten, nicht die Worte zählen, allein das Bauen, das Gestalten, nicht das Meinen, also Worte vs. Taten. Hält das Buch aber nicht durch, das Ende kippt das Buch und zerstört es. So dass der Code eher Herrschen/Unterwerfen lautet.
●Rahmenstabilisierende Details: die Liebe zwischen Dominique und Howard
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: vielleicht die sinnlose Gerichtsverhandlung, die unlogische Beweisführung, die an den Haaren herbeigezogene Freisprechung Howards.
●Reliefbildung: durch das berufliche Auf und Ab Howards diktiert.
●Einschätzung: Komposition eindrucksvoll, bis es am Ende aus dem Ruder läuft. Wie oben beschrieben, passt das Ende nicht. Howard kein Mann des Wortes, auch niemand, der sich verteidigen will oder muss, schon gar nicht rechtfertigen. Zerstört den eigenen Code, zerlegt damit die ganze Aussage. Da nur das Ende konstruiert ist, dennoch
–> 4 Sterne
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: viel Freude, Intensität, mitreißende Dialoge, spannende Entwicklungen, eine intensive Welt, eindrucksvoll, mit leider vielen kleinen Szenen, die stören und nicht passen wollen.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) völlig eigenständig, dieses New York ist reine Fiktion
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, bis auf das Ende, das jede Glaubwürdigkeit in den Wind schießt
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) techno-ästhetisch, futuristisch, schöne Passagen, aber nicht durchgängig, eher durchschimmernd, als wäre der ästhetische Stil, die Einordnung nicht klar genug vernommen worden
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, bis auf das Ende, das eher Ayn Rands Philosophie des Objektivismus propagiert
●ein zweites Mal lesen? vielleicht, das Ende macht es eher schwer erträglich, wie bei Atlas Shrugged dominiert das Bekehrungsbedürfnis zu sehr, um ein Buch einfach enden zu lassen, dennoch, wegen seiner monomanischen Exzessivität und Mono- und Mythomanie.
–> 4 Sterne
Ästhetik: (jeweils 1-5)
●Kant: verspielt-offen? [Leichtigkeit] – 0
●Lukacs: engagiert-realistisch? [typisch] – 3
●Adorno: avantgardistisch-defensiv? [innovativ] – 0
●Hegel: dynamisch-totalisierend? [pathetisch] – 3
●Einschätzung: hängt zwischen Hegel und Lukacs, unentschieden, insbesondere eben dadurch, dass eine gewisse Wirkungsstruktur sich herauslesen lässt, die in der Hegel Ästhetik von selbst emergiert. Hauptsächlich trennt sich 25% Lukacs, 75% Hegel. Aber es ist klar, dass die Erzählinstanz genau das, was sie erzählt hat, auch so erzählen wollte. Zerstörung auch der eigenen Ästhetik, der eigenen Figur.
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Robert Seethaler: „Die Straße“

Großstadt-Potpourri mit theologisch aufgeladener Letztinstanzmoral.
Inhalt: 1/5 Sterne (beliebige Gerüchteküche)
Form: 3/5 Sterne (illustrativ-impressionabel)
Erzählstimme: 0/5 Sterne (keine)
Komposition: 2/5 Sterne (leidlich-chronologisch)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (immer ärgerlicher)
–> 7/5 = 1,4 = 1 Stern
Nach Das Café ohne Namen, das durch Atmosphäre und Intensität und Melancholie überzeugen konnte, heißt der nächste Kurzroman Die Straße und nimmt das Thema, ein Fremder gründet ein Geschäft in einer neuen Gegend, hier ein Antiquariat, kein Café, wieder auf. Beide Bücher zusammen erinnern an eine etwas kitsch-pathetische Gestaltung von Tauben im Gras von Wolfgang Koeppen, nur mit theologischen Aspekten und Hintergründen versehen. Der Roman Die Straße beginnt konsequent mit folgendem Motto:
»Ich bekenne mich schuldig, Padre, daß mir ein Gedicht eingefallen ist. Ich habe gerade den Gang gefegt, und da ist es mir eingefallen.«
Juan José Arreola, Der Jahrmarkt
Das Motto ist wohlfeil gewählt, denn tatsächlich gleicht die Situation von Die Straße eine Sodom und Gomorrha-Vorhölle mit Gefallenen, Sündern, Mördern, Schlägern, Dieben und Geizhälsen. Zudem wird der Höllenhund Zerberus erwähnt, die Töchter Lots, und vieles dreht sich um den Priester, die religiösen Feste und erzeugt deshalb insgesamt eine Andachts- und Beichtstimmung, sodass der Text wie die Beichte und das Publikum wie der Priester oder in die Rolle des deus absconditus gedrückt wird.
Und er sagte: Als ich zum ersten Mal das Buch las, brach mein Herz auf und ich begann zu sehen. Wir wissen, welches Buch gemeint ist, ihr alle hattet es schon oft in euren Händen. Aber wer war der Mann, der diese Worte sprach? Was hat ihn bewegt in diesem Moment? An wen hat er seine Worte gerichtet? Hat ihm jemand zugehört oder hat er mit sich selbst gesprochen, allein mit seiner Freude oder in seinem Leid? Hat dieser Mann überhaupt gelebt? Wir wissen es nicht. Wir können es nicht wissen. Aber ist es nicht auch vollkommen unerheblich? Die Worte stehen nicht nur geschrieben. Sie leben.
Auf die eine oder andere Weise haben alle in Die Straße ihren Dreck am Stecken. Vieles bleibt ungesagt. Vieles wird nur angedeutet. Manches jedoch wird offensichtlich. Robert Seethaler stellt sein theologisches Projekt der humanistisch-theologisch geläuterten Melancholie unverfroren vor: Die Menschheit als gefallene Herde, und das Publikum darf sich beruhigt im Sessel zurücklehnen, dem tristen Alltag folgen und den Kopf schütteln, verständnisvoll, denn ja, sie sind ja alle schwach, zu schwach, um der Versuchung zu widerstehen, man selbst vielleicht auch. Nun gut. Literarisch bleibt dabei alles auf der Strecke. Von einer Erzählinstanz keine Spur, und sprachlich dümpelt eine Aussage auf die andere ein.
Geh über belebte Märkte und verlassene Plätze. Setz dich in eine Kirche, auf Parkbänke, in die Bibliothek. Setz dich irgendwohin in der Stille und im Lärm. Schau dir die erleuchteten Auslagen an. Kinder, Frauen, Vögel, Polizisten. Die Schichtarbeiter. Trink noch etwas. Geh weiter, so müde bist du noch nicht.
Eine Zeitung titelt, anlässlich seines neuesten Roman, Robert Seethaler sei der literarische Gott der kleinen Leute. Mit Die Straße unterstreicht er vorzüglich diesen Anspruch. Was das aber mit Literatur zu tun hat, weiß ich nicht. Auf mich wirkt es wie ein frühneuhochzeitliche Erbauungsgebetsstundenbuch.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Namenloser, der ein Antiquariat eröffnet und es ein Jahr später wieder schließt. „sic transit gloria mundi“
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: spielt in der Heidestraße, einer Stadt, in den 1980ern der Bundesrepublik Deutschland.
– jemand eröffnet ein Antiquariat, streicht, renoviert, baut Regale, verkauft dann aber nichts, dann gibt es ein Buchwurmbefall, dann verkauft er etwas, muss aber dennoch schließen und verhökert die Bücher, um keine Verluste zu machen
– die Nichte der Tante Insa bezieht ihre Wohnung, kümmert sich um den Nachlass, wird der Erbschleicherei beschuldigt
– Ein Sanierungsprojekt muss Wohnung räumen lassen. Die Einwohner weigern sich. Manche werden ausgezahlt. Die letzten durch ein Brand gezwungen.
– Die Blumenverkäuferin liebt einen Mann, der sie nicht zurückliebt, woraufhin sie sich vergiftet.
– Ein Junge schießt Tauben vom Dachgeschossfenster ab.
– Ein Jugendlicher prügelt sich andauernd und verletzt einen Polizisten bei einem Straßenfest.
– Eine Frau wird beim Duschen heimlich beobachtet; einige rächen sich an ihrer Stelle und schlagen den Voyeur windelweich.
– Ein Fall von häuslicher Gewalt, führt aber nicht zur Trennung.
– Ein Pfarrer leidet an Demenz und wird ersetzt. Im Pfarrhaus wird Kokain gefunden.
– Insassen des Altenheims beklagen sich übers Essen. Der Wärter säuft in der nahen Kneipe, statt aufzupassen. Einer der Insassen entrückt und zeigt den blanken Hintern. Die Sozialarbeiterin des Heims wird Elefant genannt, weil sie so viel mampft.
– Es gibt noch eine Bäckerei … etc …
●Kurzfassung: das Auf und Ab innerhalb eines Jahres in der Heidestraße.
●Charaktere: (rund/flach) unklar, zu skizzenhaft
●Überflüssige Szenen/Charaktere: alles nur Staffage
●Besondere Ereignisse/Szenen: die biblische Stelle vom heiligen Jolander
●Diskurs: sehr Diskurse, Emigration, häusliche Gewalt, Religion.
… Seethaler kreiert eine Leere, indem er sich auf Dialoge, Rede und Widerrede und innere Monologe konzentriert, kaum beschreibt. So entsteht kein Bild der Straße, nur eines des Gemurmels der Anwohner, die zum Publikum wie zu einem abwesenden Gott sprechen, beichten, sich aussprechen und ausdrücken. Diese Form der Manipulation erleichtert zuerst das Lesen, ermüdet aber auf Dauer. Die Melancholie wird eine Form der Andacht. Die verlorenen Schäfchen hoffen, und sie hoffen auf Gott oder das Publikum. Etwas sehr einfach konstruiert, und ärgerlich in seiner Konsequenz, zumal fast gar nichts geklärt wird.
… viel Gewalt (Tauben abschießen, Prügelei, Stechereien, Brandstiftung, häusliche Gewalt), um das Ganze nicht einschlafen zu lassen. Seethaler kreiert ein wenig ein Sodom und Gomorrha, deshalb auch die Heiligengeschichte von Jolander, der Höllenhund Zerberus, und die Erzählung von Lots Töchter. Im Grunde herrscht Mord- und Todschlag, Brandstiftung und Erbschleicherei, und die Angst vor wiederkehrenden Toten, Selbstmordversuche, Ehebruch etc … all dies beichten die Einwohner, und im stoischen Ton gehen sie auch fast alle unter.
… hat ein Gebet und Andachtscharakter, keinen wirklich interessanten Plot
–> 1 Stern
Form:
●Eindruck: liest sich flüssig und einfach durch die sehr einfache, aber geschickt eingesetzte, illustrative Werbesprache, aber mit kaum pathetischen Stellen, dazu bleibt alles zu fern. Dennoch lässt sich sprachlich nur wegen der Unterkomplexität meckern.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoch
●Wortschatz/Wortzahl: abwechslungsreich
●Auffälligkeiten: keine, seltsam viel von Schweiß die Rede, Gerüche …
●Innovation: keine
–> 3 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: eine unreflektierte, nicht perspektivierte allwissende Erzählinstanz
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): weder noch
●Erzählverhalten, -stil, -weise: nüchtern, lakonisch, stoisch, priesterlicher Blick
●Einschätzung: uninteressant, ein wenig wie eine aus dem Ruder gelaufene Muppet Show
–> 1-1=0 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): die Rede/Widerrede-Abfolge funktioniert leidlich und lässt einiges interessant bleiben, lebendige Dissonanzen, die aber auf Dauer wenig stimulierend wirken, ein paar gute innere Monologe, aber zu wenig Tiefenschärfe, zu wenig Konturen der Figuren, um interessante Wechselwirkungen zu erlauben, zu oberflächlich. Die Idee des Textes liegt darin, eine Szene anzudeuten, viele Informationen auszulassen, sie aber in der nächsten oder übernächsten Szene zu geben, aufzulösen.
●Signal/Noise-Ratio: alles Noise
●Operative Geschlossenheit: Sünde/Vergebung/Hölle
●Rahmenstabilisierende Details: das Antiquariat, das öffnet und schließt, zwischen zwei Straßenfesten, die jeweils zu wenig Schutzpersonal besitzen (Polizisten sind wohl rar).
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: es gibt keine Bindung also auch keine losen Versatzstücke
●Reliefbildung: kaum, höchstens durch das Ansprechen von einer Sache, das Gegensprechen, eine Art Dialog ohne Dialog, d.h. jemand redet von einem Unfall, im nächsten Absatz redet jemand über die Schuld, und was beim Unfall passiert ist, stets wiederkehrend als Komposition.
●Einschätzung: von der Leseleichtigkeit extrem geschmeidig, aber unergiebig auf Dauer. Ein Extrapunkt dafür, dass es sich wenigstens um genau ein Jahr handelt, es einen leidlichen roten Faden und Rahmen gibt, und nicht alles ins Leere läuft.
–> 2 Sterne
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung:
– Eindrücke: ein gewisser Raum entsteht durch die Polyphone, eine gewisse Leerstelle inmitten der Erzählungen und kleinen Anekdoten, etwas Strukturelles. Leitfaden momentan die Aufkäufe und Verkäufe der Immobilien, die Angebote an die Bewohner, die sich aber der Modernisierung verweigern, weil sie dort schon immer gewohnt haben. Zudem das Antiquariat, frisch eröffnet, hat schwerlich begonnen, nach dem Winter erste Verkäufe. Dazwischen Schocker: wie die Leichen im Keller von den Sowjets gefunden. Wann spielt es? Anfang der 80er in Wien? Nachkriegszeit länger zurück. Hat eine heißer Sonntagsnachmittag-Stimmung.
– Hat etwas von „Tauben im Gras“, Verwirrung, Eintagesfliege der Mensch, seltsame kleine Geschichte, viel Gewalt, tote Tauben, ein sich prügelnder Sohn, Voyeure, ein Fest …
– Brandstiftung, Briefe an einen Unbekannten, Elefant, als dicke Sozialarbeiterin.
– Rede, Gegenwiderrede, Rede und Antwortspiel funktionieren.
– Viel innerer Monolog, Dialog, wenig Beschreibung.
– Endlichkeit, viel Religion, Einsamkeit, Verlassenheit, Zeitlichkeit als Eindruck. Leere, Sinnlosigkeit, die Obdachlosigkeit des modernen Menschen, gestaltet in der Anonymität und der Vergeblichkeit der Dinge. Das Antiquariat (die Erinnerungskultur) hat wieder zugemacht. Ein neues Fest beginnt.
– Viele Riten für Gott der Leser ist der abwesende Gott, der Zeuge, unangenehme, aber funktionelle Konstruktion, deus absconditus.
– Allgegenwärtiger Voyeur – das Theologische insbesondere durch die vielen Symbole der Religion
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, als eine Gebetsmühle und Andacht
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, realistisch
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nicht wirklich, sprachlich gesehen zu simpel
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, als eine Andachtsform
●ein zweites Mal lesen? nein, hierfür zu lückenhaft, zu wenig Details und Verbindlichkeit … während des Lesens wie eine Hypnose durch die Manipulation, die gegen Ende bewusst wird und mich geärgert hat
–> 1 Sterne
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