Ernst Bloch: „Experimentum Mundi“

Ernst Bloch: „Experimentum Mundi“
Der Materie auf der Spur …

Selten wird der Zukunft wirklich viel Aufmerksamkeit entgegengebracht. Sie ist zu unbequem, unterminiert jede Selbstgewissheit und Selbstzufriedenheit bis zur Kenntlichkeit, sobald sie beim Namen genannt wird. Das liegt an dem Diffusiven, Trüben, Bevorstehenden und Ominösen um sie herum. Explizit würde nämlich niemand ernsthaft sagen, es sei möglich, in die Zukunft zu schauen, wahrscheinlich nicht einmal Nostradamus selbst. Implizit jedoch wird stillschweigend davon ausgegangen, es sei möglich. Unmöglichkeitssätze, die tagtäglich hörbar sind, was unmöglich, irreal, utopisch ist, und die nur vor dem Hintergrund dieser Annahme formuliert werden können, geben beredtes Zeugnis davon ab. Ernst Blochs philosophisches Werk stellt diesbezüglich eine Ausnahme dar. Es beschäftigt sich ausschließlich mit der Utopie, dem Vorschein und Noch-Nicht, kurz: mit der Zukunft. Experimentum Mundi lautet seine letzte philosophische Schrift, die er um das Jahr 1973 herum, also im hohen Alter von 88 Jahren geschrieben und als Summa seines philosophischen Gesamtwerkes und utopisch-ontologischen Kategorienlehre verstanden hat:

Dies also ist Experimentum Mundi, nicht nur als eines an der Welt, sondern in ihr, eben das Realexperiment der Welt selber. […] Dem entspricht eine endlich betonte Ontologie des Noch-nicht-Seins im noch nicht Bewussten, noch nicht Gewordenen, beide wesend in den Perspektiven der Tendenz und Latenz, im Realexperiment der Kategorien (Daseinsweisen, Daseinsformen) wie ihrer Materie nach vorwärts.

Ernst Bloch aus: „Experimentum Mundi“
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Kalenderwoche 23: Lesebericht.

Die Lesewoche stand im Zeichen von Ingeborg Bachmann, deren Werke ich seit langem wieder einmal besuchen und erneut lesen wollte, insbesondere den Roman Malina und die anderen unvollendeten Romane im Zyklus Todesarten. Eigenartigerweise fiel dies zusammen mit der Nachricht, die mich dann ein paar Tage später ereilte, dass der Briefwechsel Ingeborg Bachmann – Max Frisch Wir haben es nicht gut gemacht im September erscheinen wird, zudem nun die Briefe, Traumnotate und Berichte von Bachmann an ihre Ärzte Male oscuro in den 1960er Jahren veröffentlicht wurden. Neben den bereits veröffentlichten Briefen mit Paul Celan Herzzeit liegt dann bald Ingeborg Bachmanns Privatleben der Allgemeinheit vor – Texte, Nachrichten und Mitteilungen, die im Grunde sehr privat gewesen sind. Inwieweit dieses ein unentbehrlicher Schlüssel zu ihrem Gesamtwerk ist, bleibt dahingestellt. Ingeborg Bachmann hat selbst so formuliert:

Die kristallinischen Worte kommen in Reden nicht vor. Sie sind das Einmalige, das Unwiederholbare, sie stehen hin und wieder auf einer Seite oder in einem Gedicht. Es sind für mich, da ich nur für mich einstehen kann, zu den getreusten geworden: Die Sprache ist die Strafe. Und trotzdem auch eine Endzeile: Kein Sterbenswort, ihre Worte.

Ingeborg Bachmann aus: „Rede zur Verleihung des Anton-Wildgans-Preises“
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