Ernst Bloch: „Experimentum Mundi“

Ernst Bloch: „Experimentum Mundi“
Der Materie auf der Spur …

Selten wird der Zukunft wirklich viel Aufmerksamkeit entgegengebracht. Sie ist zu unbequem, unterminiert jede Selbstgewissheit und Selbstzufriedenheit bis zur Kenntlichkeit, sobald sie beim Namen genannt wird. Das liegt an dem Diffusiven, Trüben, Bevorstehenden und Ominösen um sie herum. Explizit würde nämlich niemand ernsthaft sagen, es sei möglich, in die Zukunft zu schauen, wahrscheinlich nicht einmal Nostradamus selbst. Implizit jedoch wird stillschweigend davon ausgegangen, es sei möglich. Unmöglichkeitssätze, die tagtäglich hörbar sind, was unmöglich, irreal, utopisch ist, und die nur vor dem Hintergrund dieser Annahme formuliert werden können, geben beredtes Zeugnis davon ab. Ernst Blochs philosophisches Werk stellt diesbezüglich eine Ausnahme dar. Es beschäftigt sich ausschließlich mit der Utopie, dem Vorschein und Noch-Nicht, kurz: mit der Zukunft. Experimentum Mundi lautet seine letzte philosophische Schrift, die er um das Jahr 1973 herum, also im hohen Alter von 88 Jahren geschrieben und als Summa seines philosophischen Gesamtwerkes und utopisch-ontologischen Kategorienlehre verstanden hat:

Dies also ist Experimentum Mundi, nicht nur als eines an der Welt, sondern in ihr, eben das Realexperiment der Welt selber. […] Dem entspricht eine endlich betonte Ontologie des Noch-nicht-Seins im noch nicht Bewussten, noch nicht Gewordenen, beide wesend in den Perspektiven der Tendenz und Latenz, im Realexperiment der Kategorien (Daseinsweisen, Daseinsformen) wie ihrer Materie nach vorwärts.

Ernst Bloch aus: „Experimentum Mundi“

Im Zentrum seiner Untersuchung steht die Materie selbst. Bloch besitzt einen sehr spielerischen, allumfassenden Begriff von Materie. Weit entfernt von jedwedem Reduktionismus, der in allem nur einen Haufen Atom sieht, nur kontingente Elemente, die sich zu zufälligen Strukturen zusammengeschlossen haben, besteht Bloch auf einen Zusammenhang, einen Kosmos, auf ein Kreis aus Kreisen. Sein Materialismus lebt an allen Ecken und Kanten und symbiotisiert in vielfacher Daseinsweise und unbegrenzten Daseinsformen. Tiere wie Pflanzen, Kristalle wie Luft und Wasser, Feuer und Erde vorsokratisch einbeziehend, sieht er die Welt als Abenteuer, als Aufbruch hin zu unbekannten Ufern, Spuren, Chiffren einer real-existierenden Geheimsprache:

Denn was die Realchiffern angeht, als die bedeutsamsten Erscheinungen dieser Welt, so ist ihr Konstituens nicht bloß subjektive, sondern objektive kosmische Unwissenheit. Und nicht bloß Unwissenheit, sondern die gesamte Angelegenheit dieses Kosmos ist objektiv noch nicht hell und eben deshalb voller vorgreifender, jedoch noch nicht ausreichender Naturutopie, von ihr bewegt durchzogen, unfertig gefüllt.

Die kosmische Unwissenheit bringt sich selbst hervor, probt sich aus, spielt, experimentiert mit Formen und Existenzweisen, um ein Ultimum an Glück, Harmonie, an dynamischem Gleichgewicht zu erreichen. Nach Bloch strebt die Materie danach, einem tief verborgenen Wünschen nach Geben und Nehmen, Sehen und Gesehen-Werden zu entsprechen, mit der Kunst und Musik als Universalssymbol- und Klangsprache von aufgelösten Ängsten, Nöten und Widrigkeiten. In diesem Weltprozessen sieht Bloch in Nachfolge von Friedrich Wilhelm Josef Schelling den Menschen als Mediator, als Geburtshelfer und Statthalter des Neuen, als den Teil der Natur, wo sie ihre Augen aufschlägt und ihr selbstgestelltes Rätsel löst:

Die Aufgabe des Menschen bestünde daher darin, eben Schlüssel für das Selbstverständnis des größtenteils anorganischen Stoffs in diesem Prozeß zu sein, damit das Rätsel erraten werde, das die Natursphinx des Weltseins insgesamt, die Kosmos-Sphinx sich selber noch ist.

Hierbei scheint es Bloch unwichtig, ob die Gattung Mensch ausgezeichnet ist oder nicht. Es fehlen in Experimentum Mundi wie in seinem ganzen Werk typische Formulierungen und Versuche, den Menschen von Tieren und Pflanzen zu scheiden. Weder eignet er jenem die Sprache, diesen die Stummheit, jenem die Vernunft, jenen die Blindheit, jenem die Seele, diesen die Verdammnis zu. Sein Materialismus kennt keine geläuterten und so auch keine verdammten Seinsbezirke. Holistisch pantheistisch strebt das All, das Weltganze, diesem einen, alle zufriedenstellenden Zustand an. Das Zuhause für alle, das erst als für alle und jedes und jeden, als aufgehobener Widerstreit als Heimat beschrieben wird, mit welchem Wort auch Blochs Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung endet, nur hier nicht nur auf die Menschen und ihr Gemeinwesen bezogen:

Die Welt ist eine einzige noch unablässige Frage nach ihrem herauszuschaffenden Sinn, worin allein der Hunger zu stillen ist, mit offenem Plus und noch ausstehendem Ultimum in objektivrealer Möglichkeit. Darum eben geschieht die große Drehung, Hebung aus dem Dunkel des Unmittelbaren heraus, die Weltprozeß heißt: Mit tätiger Antizipation im Subjekt gerichtet auf Glück, in einer Gesellschaft ohne Herr und Knecht gerichtet auf dadurch mögliche Solidarität aller, id est auf Freiheit und menschliche Würde, in Natur als einem nicht mit uns Fremdem behafteten Objekt gerichtet auf Heimat.

Mit diesem emphatischen Begriff der Materie im Rücken stellt sich die Frage, ob Ernst Blochs Schriften noch herkömmlicher Philosophie zugerechnet werden können, oder ob sie nicht vielmehr diese hin zur Literatur, Mystik und lyrischen Esoterik überschreitet, also beispielsweise mit den Predigten eines Meister Eckharts oder einer Hildegard von Bingen zu vergleichen sind. Im Gegensatz zu diesen argumentiert Bloch nämlich. Unklar bleibt dann aber, inwiefern Begriffe wie Experiment und Ontologie, wie Zukunft und Welt zusammenfinden, wie also eine philosophische Argumentation im Bereich des Noch-Nicht und Utopischen zustande kommen kann. Urteile, Schlussverfahren bedürfen nun einmal irgendeiner Plausibilitätsgrammatik, also irgendwie gearteter Anschluss- und Erwartbarkeitsmomente. Im Funktionskreis des Unbekannten fehlt bekanntermaßen aber die Erwartbarkeit. Dass Bloch dennoch argumentiert, weist auf einen Restbestand an Ontologie hin, der möglicherweise den schwebenden, schwer zu fassenden Charakter seiner Schriften näher bestimmt.

Im Folgenden also eine Suche nach solchen letzten Resten einer solchen Übergangsmetaphysik in Blochs Experimentum Mundi, nach jenem blinden Fleck, der die Überlegungen und Ideen noch in einem überkommenen Hierarchiegefälle, also die Tür zum Unbekannten, zur Zukunft, zum Möglichen, trotz aller gegenteiliger Bekundungen überraschenderweise noch ein klein wenig geschlossen hält. Bloch erwähnt selbst die Problematik von blinden Flecken, insbesondere innerhalb Kategorien:

Im Optischen heißt diejenige Stelle, wo der Sehnerv in die Netzhaut eintritt und das geringste Sehen statthat, der blinde Fleck. Entsprechend verhält es sich in allem Abstandslosen, daher gibt es in Ansehung des Unmittelbaren an sich den blinden Fleck in jedem Kategorialen selber.

Statt jedoch seinem eigenen blinden Fleck, seinen Begriff von Zukunft, zumindest nachzuforschen, beharrt Bloch von Anfang auf der Gültigkeit der aristotelischen Logik und einem janusköpfigen, rückwärtsgewandten Zukunftsbegriff. Er spricht von Quantität, Qualität, von den verschiedenen Modalitäten der Vernunftschlüsse wie dem Problematischen, Assertorischen und Apodiktischen. Er grenzt deduktive von induktiven Schlussweisen ab, unterscheidet zwischen konjunktiven und kopulativen Urteilen, korrigiert Raum-Zeit-Maße und vermag auf diese Weise die Subjekt-Objekt-Dialektik als Kategorienlehre einzuführen und zu begründen. Mit anderen Worten, er arbeitet sich am klassischen Triptychon der Sätze vom Widerspruch, vom Grund und von der Identität ab, bettet diese nun aber nicht in einen Ideenhimmel wie Platon oder Immanuel Kant ein, sondern in die Materie selbst, indem er die Tautologie ablehnt:

In einem reinen Logikon an und für sich ohne thelisches Daß gibt es überhaupt keine Kategorien und vorher auch keine präformierenden logischen Grundsätze. Es gäbe nur tautologische Selbstbefriedigung eines einsam sogenannt Logischen mit seiner Leere selber, leerste Identität eines aufgaben- und problemlosen Gedankenspiels, ohne Spur irgendeiner Spannung, gar einer objektiv-real dialektischen.

Schlüssel liegt in der Formulierung „objektiv-real dialektischen“. Zwar grenzt sich Ernst Bloch von der vulgär-materialistischen Formulierung eines Determinismus und naturgegebenen Schicksals ab, einen Begriff der Welt als Uhrwerk oder blind ablaufendes Programm, jedoch, geht man der Argumentationsform akribisch nach, überraschenderweise nicht völlig. Er bleibt in seinen assertorischen Urteilen und Schlüssen bis zu einem gewissen Grad der Leibnizschen Abbildtheorie verhaftet, nach der das, was sichtbar wird, auch mit dem, was gesehen wird, intrinsisch und objektiv-real zusammenhängt. Diese Abbildtheorie einmal gesetzt, folgt die von Bloch vorexerzierte Logik von ganz allein. Lässt sich nämlich die Geschichte, ob Natur- oder Menschheitsgeschichte spielt keine Rolle, mit der Dialektik nahtlos beschreiben, so muss aufgrund der Abbildtheorie die Dialektik auch in den Dingen liegen. Bloch zitiert hierfür Plotin:

Denn ein dem zu sehenden Gegenstande verwandt und ähnlich gemachtes Auge muss man zum Sehen mitbringen. Nie hätte das Auge jemals die Sonne gesehen, wenn es nicht selber sonnenhaft wäre; so kann auch eine Seele das Schöne nicht sehen, wenn sie nicht selbst schön ist. 

Plotin aus: „Enneaden“ (1. Enneade, 6. Kapitel)

Mit dieser Prämisse lassen sich nun Beschreibungsformen und Aufschreibsysteme gegeneinander auf- und abwiegen. Je beschreibungsmächtiger eine Theorie, je allumfassender, desto überlegener, also besser ist sie. Für Bloch unterscheidet sich der Kosmos nämlich doch, nur jetzt hinter vorgehaltener Hand, in einen Seinsbereich der Determinierung und der willentlichen Entscheidungen innerhalb der vorgegebenen Strukturen. Sein Begriff vom Naturgesetz zeigt dies deutlich:

Der fallende Stein etwa »gehorcht« sozusagen ausnahmslos dem Fallgesetz, es steht ihm nicht frei, mit irgendeinem Zufall, anders als so lückenlos determiniert zu fallen.

D.h. mit anderen Worten, ein Teil der Zukunft ist doch festgelegt, und zwar durch die Vergangenheit, durch die ihr innewohnenden Potentialitäten. Wo einmal ein Stein gefallen ist, wird auch immer wieder ein Stein fallen. An anderer Stelle spricht Bloch von dem „lückenlosen Gesetz“, einer „kausalen Determiniertheit“ und gar von „immer“ währenden Kreisen und Fallgesetzen und Naturprozessen. Das Weltabenteuer tritt also nicht ins Offene und Freie. Eine Struktur zeichnet sich ab und diese muss, da sie erkennbar, formulierbar ist, nach Plotin, Leibniz und Bloch auch mit den Dingen in Zusammenhang stehen. Dies gilt insofern auch für den dialektischen Materialismus:

ltem, um Kausalität und Gesetz ebenso dialektisch wie die Dialektik neu kausal zu verstehen, muß eine doppelte Beschränkung aufgehoben werden, die allzu lineare im kausalen Nexus und die allzu äquivalente im kausalen Effekt; die einzige weltbewegende Kausalität ist die der Dialektik. Und diese selber ist, wie nun spruchreif wird, keine einer isotropen, sondern entschieden allotropen, das heißt verändernden, mit Teleologie auf Neues hin gezielten Kausalität.

Bloch gibt hier nicht den Kausalitätsbegriff auf, was er nach David Hume oder John Stuart Mill, oder zumindest nach den Ergebnissen des Fallibilismus von Karl Raimund Popper tun könnte, er erweitert ihn additiv zu einem Netz- und Feldgedanken, jedoch mit hinleitender und objektiv-realer Entwicklungsfiber, nämlich als weltbewegende Kausalität, die für ihn die Dialektik ist. Der Philosoph der Utopie und der Zukunft projiziert insofern noch immer die Vergangenheit ungemindert in die Zukunft, unterscheidet auf diese Weise apodiktisch und onto-logisch Allegorie von Symbol, Prinzipien von Akzidenzien und Notwendiges vom Kontingenten, Sein vom Schein, um nur einige Begriffspaare zu nennen. Er relativiert diese zwar auf Schritt und Tritt, aber stets mit der argumentationslogischer Breitseite zum Festen und Gültigem, wie bspw. die Naturgesetze, die Naturdialektik oder die logischen Grundsätze:

Die logischen Grundsätze [Modalitäten des Problematischen, Assertorischen, Apodiktischen] reichen allerdings in ihrer mehr oder weniger uneingeschränkten Geltung weit über die formale Richtigkeit hinaus, doch kommen sie in ihr zuerst zur Geltung, nämlich als Satz vom ausgeschlossenen Dritten, Satz vom (verbotenen oder unhaltbaren) Widerspruch, Satz vom ausreichenden Grund, Satz der Identität.

Bloch schreibt „mehr oder weniger uneingeschränkt“, was offensichtlich ein Oxymoron ist, da etwas entweder uneingeschränkt gültig ist oder eben nicht. Er beendet den Satz aber, indem er die formale Richtigkeit und Geltung betont und entblößt die Einschränkung als lediglich rhetorische Formel. Die Ontologie des Noch-Nicht schwächt sich ab als eine Viel-Welten-Theorie, von denen eine kommt, und zwar mit Notwendigkeit, nur ist noch nicht klar, in welche Richtung das Pendel ausschlagen wird. Hat es aber ausgeschlagen, gibt es eine erneute Abzweigung festgelegter, vorgeschriebener, in die Materie hineingestempelter, abzählbarer Anzahl von Möglichkeiten, die im Entweder-Oder-Schluss, im ausgeschlossenen Dritten umkämpft bleiben. Blochs Schrift transzendiert insofern nur pro forma den Satz vom ausgeschlossenen Dritten. Sein Blick bleibt auf die Vergangenheit geheftet, in welcher er Potentiale für die Zukunft zu erblicken sucht. Auf diese Weise jedoch verwischt er den Unterschied zwischen gegenwärtiger Zukunft und zukünftiger Gegenwart. Nur die letztere ist die Zukunft, das Offene, das Ungeschriebene und Noch-Nicht. Der Vorschein jedoch ist die gegenwärtige Zukunft, also wie sich die Zukunft im Bild der jeweils angeschauten Vergangenheit kleidet. Die reine, unbekannte, ungewisse Zukunft wird von Bloch erwähnt, aber argumentationslogisch nicht zur Kenntnis genommen.  

Eigenartigerweise konvergiert hier Ernst Blochs Philosophie mit der seines Zeitgenossen Martin Heidegger, auch wenn jener sich von diesem in Experimentum Mundi explizit abgrenzt. Beide richten ihre Blicke ausschließlich in die Vergangenheit, um die Zukunft zu verstehen. Beide kommen zum Ergebnis, dass die Vergangenheit die Zukunft nicht erhellt, stellen sich aber nicht dem Offenen, Ungeschriebenem der Zukunft selbst. Bloch sieht darin eine Chance, Martin Heidegger dagegen eine Gefahr. In dem berühmten Spiegel-Interview, das erst nach Heideggers Tod abgedruckt werden durfte, sagte dieser:

Das Walten des Ge-Stells besagt: Der Mensch ist gestellt, beansprucht und herausgefordert von einer Macht, die im Wesen der Technik offenbar wird und die er selbst nicht beherrscht. Zu dieser Einsicht zu verhelfen: mehr verlangt das Denken nicht. Die Philosophie ist am Ende.

Martin Heidegger aus: „Nur ein Gott kann uns noch retten“ (Spiegel 23/1976)

Diese Meinung teilt Ernst Bloch ganz und gar nicht. Für Bloch besitzt die Philosophie eine entsühnende Kraft. Sie ist es, die das Rätsel weitertreibt, in ihr liegt eine entmystifizierende, befreiende Kraft, eine kreative, spontane Phantasie, die zum Guten gereicht. Karola Bloch, Ernst Blochs Ehefrau, fasst seine Haltung zur Philosophie und deren Aufgabe in ihrem Geleitwort „Denken heißt überschreiten“ wie folgt:

Und Bloch glaubte, dass es die Philosophie ist, die diese Realisierung [einer gerechten Welt] ermöglicht, weil sie aufdeckend, schöpferisch, informierend und eine identifizierende Kraft ist. Dieses Aufdeckende und Schöpferische ist ohne Transzendieren nicht möglich – der Mensch braucht den utopischen Stern.

Karola Bloch aus: „Reden und Schriften“ (Band 1)

Dennoch argumentiert Bloch wie Heidegger aus einer in der Vergangenheit verankerten Ontologie heraus. Für beide herrscht ein geschichtliches Gesetz. Heidegger nennt es das Gestell. Für Bloch ist es die Dialektik. Nur diese Annahme erlaubt ihnen überhaupt zu argumentieren, zu bewerten, Allgemeinsätze zu formulieren und bindet sie an klassische Metaphysikvorstellungen:

Kausal-finale Transmission ist darin keineswegs durch verdinglichte Notwendigkeit stillstehend, sondern prozeßhaft und als ihr einziges Gesetz zieht Dialektik hindurch, ganz ohne Stillstand und ausweglose Notwendigkeit angeblich eherner ewiger Gesetze, nach denen wir unseres Daseins »Kreise« zu vollenden hätten.

Bloch beschreibt das dialektische Gesetz verwoben, im Netz von Möglichkeiten, aber immer noch innerhalb einer voranschreitenden, in der Natur wurzelnden ontologischen Prozesshaftigkeit. Gleicht Heideggers Ontologie einer ablaufenden, gerade gezogenen Eisenbahnstrecke ins Verhängnis oder in die Erlösung, beides zieht Heidegger in Betracht, so gleicht Blochs einem Rangierbahnhof an Möglichkeiten und Gleisen, jedoch mit fest vorgegebenen Streckenabschnitten. Wären sie nicht vorgegeben, gäbe es keine objektiv-reale Dialektik, und seine Argumentationen würden sich in Wahrscheinlichkeitsannahmen verwandeln, die optional, nie zwingend, stets kontingent, nie notwendig sind und sein können. Das Offene unterläuft den zwingenden Schluss.

Martin Heideggers Antwort auf die Frage, was kommt nach der Philosophie, sofern sie am Ende ist, lautete im besagten Spiegelinterview: „Die Kybernetik“. In dieser wird die Wahrscheinlichkeitstheorie und das neuartige Bewusstsein neuronaler Systeme bereits antizipiert und Heidegger war sich dessen bewusst. Ernst Bloch antwortet dagegen mit: die Hoffnung, also fröhlicher und zukunftsgewandter, voller inbrünstiger Abenteuerlust, aber weniger präzis. Den Schritt über die Ontologie hinaus haben aber beide nicht gewagt. Hoffnung benötigt nämlich keine.

2 Antworten auf „Ernst Bloch: „Experimentum Mundi““

  1. Die Seele hat das Universum
    den Kosmos des Lebens
    den Mikrokosmos entworfen

    das Innere Auge
    sonnen gleich
    verwandt dem äusseren

    seit Anbeginn
    an jedem Tag
    so sieht die Seele
    in uns
    in allem
    ihr selbst
    das Geschaffene

    wir sind auf die Erde
    im Blutschrei Gefallene

    wir wissen
    der einzigen Tatsache
    das Ziel ist uns der Tod

    wir müssen lernen
    der Seele zu gehorchen

    das Denken soll
    nicht die Wirklichkeit
    damit überschreiten zu wollen

    zwischen Wahrheit
    und mit dem Zweifel
    allem menschlichen
    der Materie den Dingen
    einen eindeutigen Massstab
    setzen zu können zu wollen

    im subjektiven Moment
    der Versuch
    ein Gleichgewicht zu schaffen

    der Mensch wird
    mit seinen Werken
    nie das Vollkommene
    die Vollendung schaffen

    die Seele der Geist
    ist in uns
    nicht da draussen

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