Peggy Mädler: „Selbstregulierung des Herzens“

Selbstregulierung des Herzens von Peggy Mädler
Selbstregulierung des Herzens von Peggy Mädler. Longlist deutscher Buchpreis 2026.

Die Aufarbeitung der DDR eignet sich allein schon durch die übersichtliche zeitliche Beschränkung, nämlich auf vier Jahrzehnte, zum Romanstoff.  Einige Romane bearbeiten deshalb die DDR auf vollumfängliche Weise, wie zuletzt in Christoph Heins Das Narrenschiff (2025), von ihren Anfängen 1949 bis zu ihrem Ende 1989. Peggy Mädlers Selbstregulierung des Herzens kann als getreue Wiederaufnahme dieses von Christoph Hein vorangetriebenen DDR-Chronik-Projekts gelesen werden, das bislang noch einige narrative Längen und kompositorische Schwierigkeiten aufweist. Wie in diesem stehen auch bei Mädler eher leitende Angestellte und Kunstschaffende im Vordergrund, insbesondere Wirtschaftswissenschaftler und Filmschaffende, und wie bei Hein spiegelt sich das Auf und Ab der DDR in den Liebesbeziehungen der Einzelfiguren wider. Mädler konzentriert sich in Selbstregulierung des Herzens zumindest auf weniger Figuren und lediglich auf das Leben rund um eine Bungalowsiedlung nördlich von Berlin, in der Nähe von Bernau:

Es ist schon eine sehr seereiche Umgebung hier. Wie die Glieder einer Perlenkette verteilen sie sich über die Landschaft, teils durch Fließe oder Kanäle verbunden. Viele sagen, der schönste See der Umgebung sei ein großer, türkis schimmernder Waldsee mit einem Werder darin. Mit dem Fahrrad oder Moped war er vom Dorf aus gut zu erreichen und nur unbedarfte Ausflügler wussten damals nichts von den Sperrgebieten dort rund um eine geheime Funktionärssiedlung einige Kilometer weiter im Wald. Die war als Wohnsitz für die Mitglieder des Politbüros obligatorisch. Kein Feierabend von den Genossen erlaubt. Manche im Ort überkommt da noch heute die Schadenfreude, denn wer sich schon in der Arbeit nicht über den Weg traue, mache sich sicher auch im Privaten das Leben zur Hölle. Und dann schwärmen sie weiter vom samtenen See, der in ihren Beschreibungen wahlweise türkisfarben oder smaragdgrün funkeln kann.

Peggy Mädler aus: „Selbstregulierung des Herzens“
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Muri Darida: „King Cobra“

King Cobra von Muri Darida.
King Cobra von Muri Darida. Longlist deutscher Buchpreis 2026.

In die Longlist des deutschen Buchpreises werden stets ein bis zwei sprachlich innovativere Titel aufgenommen, im letzten Jahr bspw. Dorothee Elmigers Die Holländerinnen, und davor Maren Kames’ Hasenprosa. Muri Daridas King Cobra zeichnet sich ebenfalls durch Sprachexperimentiertum aus und lässt sich in der diesjährigen Auswahl als Repräsentant dessen verstehen, was einst Avantgardismus genannt wurde und in der Traditionslinie von Adornos Ästhetik steht. In dieser wendet sich die Form gegen ein Inneres und Stoffliches als zersetzende Kritik einer Gegenwart. Daridas King Cobra steht ganz im Zeichen eines solchen surrealistischen Unternehmens:

Immer dasselbe: Man ist hier, und hier ist man genau der, der man hier ist, oder die. Und dann ist man dort, und auf einmal ist man nur noch der, oder die, oder das Darüberhinaus, das man dort ist. Wie eine Ente, die lässig durchs Wasser slidet und sich denkt: Das bin ich, ein Wassertier. Dafür bin ich geschaffen. Kinn auf Hals, bisschen paddeln mit der Crew. Und dann watschelt die Ente an Land: Maßlos enttäuscht von sich selbst, vom Schotter, von ihrem ganzen verschissenen Leben, latscht sie frei von Eleganz daher. Kies piekt in ihre Schwimmhaut. Bis ein blonder Hund auf den Teich zugeschossen kommt.

Muri Darida aus: „King Cobra“
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Aisha Gamisch: „Parasiti“

Parasiti von Aisha Gamisch
Parasiti von Aisha Gamisch. Longlist deutscher Buchpreis 2026.

Parasiti von Aisha Gamisch reiht sich ein in eine realistische, an die Ästhetik von Lukács angelegte Gegenwartsliteratur, die zeithistorische Knotenpunkte literarisch erforscht und mit erzählerischen Mitteln zu erschließen sucht. Der Roman steht in sehr engem Zusammenhang mit Elli Unruhs Fische im Trüben (Shortlist Leipziger Buchpreis 2026), Svenja Leibers Nelka (Longlist deutscher Buchpreis 2026), Katerina Poladjans Goldstrand (Leipziger Buchpreis 2026) und Dmitrij Kapitelmans Russische Spezialitäten (Longlist deutscher Buchpreis 2025), um nur einige wenige zu nennen. Im Sinne des kritischen Realismus wird jedoch nicht ein Konflikt in seiner Totalität beschrieben, wie im Paradebeispiel Krieg und Frieden, sondern stattdessen aus dem Alltag heraus typische Problemzonen studiert. Im Falle von Parasiti ein sehr problematisches Ehe- und Liebesleben zwischen Lydia und ihrem Ehemann Sashka:

Ihr Sashka hat wieder gestunken, als hätte er im Klohäuschen gelegen. Wie oft hat sie ihm schon gesagt: »Wasch dich, bevor du ins Bett kommst! Trink, wenn es sein muss, aber wasch dich wenigstens!« Doch er spritzt sich immer nur Adekalon ins Gesicht. Als würde das helfen. Er ist nach Mitternacht gekommen, rumpelnd und mit einem Geruch, boshe moj! Davon ist ihr so schlecht geworden, dass sie aufstehen musste, ein paar Minuten auf und ab gehen – wie ein Geist.

Aisha Gamisch aus: „Parasiti“
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Doris Wirth: „Findet mich“

Findet mich von Doris Wirth.
Findet mich von Doris Wirth. Deutscher-Buchpreis 2024-Longlist.

Sobald sich die Frage nach Sinn stellt, gibt es im wesentlichen drei Wege, mit ihr umzugehen: Sie weltanschaulich-konstruktiv zu verschleiern; sie zu ignorieren oder sie begriffspulverisierend bis zur Dissoziation zuzulassen. Doris Wirth in Findet mich entschließt sich wie eine Elfriede Jelinek in Lust oder eine Marlene Streeruwitz in Partygirl für letzteres. Im Stoffkreis Familie/Generationen, mit einer Plotdynamik in Sachen Prekäre Kindheitserfahrungen und Aussteiger sucht die Ich-Erzählerin Florence in Findet mich nicht mehr den Sinn in den Ereignissen in ihrer Familie, im Verhalten ihres Vaters Erwin, ihrer Mutter Maria und dem ihres Bruders Lukas, nein, sie setzt auf rhapsodisches, rhythmisches Abhandeln des im Kern Unverständlichen:

Erwin stellt sich [auf ihrer Vernissage] mit einem Glas Weißwein neben Florence, legt den Arm um sie und schaut sie aufgekratzt an. »Das ist genial hier!«, sagt er mit lauter Stimme. Dann hält er ihr einen Vortrag über seine Ideen, ausgelöst durch die Bilder, Florence lächelt schmal.
Als sie daheim ist, klappt sie ihren Laptop auf und tippt ein paar Wörter in die Suchmaske. Dann schickt sie Maria eine Mail mit zwei Links.
»Ich mache mir Sorgen um Papa«, schreibt sie dazu.
Doris Wirth aus: „Findet mich“

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