Georg Lukács: „Die Eigenart des Ästhetischen“ (iii: Aktualität)

Die Eigenart des Ästhetischen von Georg Lukacs.
Die Eigenart des Ästhetischen von Georg Lukacs.

Mit Lukács‘ Kunstbegriff im ersten Teil, dass die Kunst als Widerspiegelung der menschlichen Verhältnisse zur Sinnstiftung dient, und mit den Maßstäben des Gelingens im zweiten Teil, die hauptsächlich auf der Abgeschlossenheit, Organizität und dem Typischen beruhen, lässt sich nun Georg Lukács‘ Die Eigenart des Ästhetischen ob seiner Aktualität überprüfen. Es wird sich zeigen, dass sich Lukács eigentümlicherweise mit seinen Begriffen, seinem Blickwinkel und seiner Kunstvorstellung durchgesetzt hat. Dies gilt insbesondere für sein Interesse für den Alltag, das Alltägliche und die hieraus hervorgehenden zwischenmenschlichen Konflikte:

Einer der entscheidenden Grundgedanken dieses Werks besteht darin, daß alle Arten der Widerspiegelung – wir analysieren vor allem die durch das Alltagsleben, die Wissenschaft und die Kunst – stets dieselbe objektive Wirklichkeit abbilden. Dieser als selbstverständlich, ja als trivial scheinende Ausgangspunkt hat aber weittragende Konsequenzen. Da die materialistische Philosophie alle Gegenständlichkeitsformen, alle den Gegenständen und ihren Beziehungen zugehörigen Kategorien [als] eine vom Bewußtsein unabhängig existierende objektive Wirklichkeit erblickt, können sich alle Divergenzen, ja Gegensätzlichkeiten in den einzelnen Widerspiegelungsarten nur innerhalb dieser materiell und formell einheitlichen Wirklichkeit abspielen.

Georg Lukács aus: „Die Eigenart des Ästhetischen“

Tua res agitur – Ein „das geht alle an“

Von den ausgeführten und begrifflich fixierten Ästhetiken legt keine soviel Wert auf den Alltag, das Historische, die Aktualität und die Gegenwart wie Georg Lukács‘ Die Eigenart des Ästhetischen. Für ihn steht in der Kunst die Artikulation des tatsächlich, objektiv, herrschenden Zeitgeistes im Vordergrund, nicht, wie bei Adorno, formalästhetische Innovationen, die neue Artikulationswege, neue Methoden wagen, um sich gegen das gesellschaftlich Vereinnahmende abzugrenzen; oder gar singuläre Heldentaten und Heldengeschichten, wie sie Hegel seinen ästhetischen Erwägungen zugrunde legt, als Vorbilder und Idealtypen der Menschheitsgeschichte; noch steht das freie assoziative Spiel der Erkenntniskräfte im Vordergrund, der Humor, die Leichtigkeit und Witz, auf die Kant seine ästhetischen Begriffe basiert. Lukács legt die Sorgen, die Nöte des Menschen ins Zentrum der künstlerischen Gestaltung:

Wir können schon aus diesem Kontrast [zwischen Religion und Diesseits] klar ersehen, daß es sich um eine das gesamte menschliche Leben umspannende, extensiv wie intensiv universalistische Sphäre handelt, in welcher jedoch die Bewahrung der partikularen Persönlichkeit das zentrale Moment bildet; jenes Bindeglied, das das pathetisch Höchste und das praktisch-alltäglich Geringfügigste mit Notwendigkeit aneinander fügt. Ist doch der Alltag keineswegs bloß ein Schauplatz für unmittelbar praktische Aktivitäten, sondern zugleich der einer großen Dramatik im Menschenleben.

Stoff und Plot, Dramatik und Fabel müssen sich nach Lukács aus dem Alltagsleben ergeben, und die Kunst, soll sie gelingen, muss sie verdichten und so kompilieren, dass sich aus ihr ein Zeitgeistabbild ergibt. Schon allein durch diese Perspektive besitzen viele Gegenwartsromane einen direkten Anschluss an Lukács. Wiewohl sie nicht allen Kriterien von ihm genügen, oft erschließen sie keine Totalität, bleiben zu fragmentiert und unabgeschlossen, in ihrer Gestaltung zu abhängig von Nachrichten und Tagesgeschehen, stellen sie jedoch das Alltägliche, die zeitgeistlichen Details, die Fetzen des Weltgefüges zusammen und explorieren die sinnstiftenden Möglichkeiten der Dichtung ausgiebig. Wie Lukács vorschlägt, konzentrieren sich die meisten Kunstwerke auf Probleme, Konflikte, diesseitige Widersprüche und Sorgen.

Denn eine evokative Wirkung auf konkrete Menschen kann nur durch Abbildung konkreter Wirklichkeit hervorgerufen werden, einer Wirklichkeit, die alle wesentlichen Züge des Objektiven zum Ausdruck bringt, freilich mit der Modifikation, daß jene Gestalten, die dieses vom Menschen Selbstgemachte in der Entwicklung repräsentieren, einen bevorzugten Akzent erhalten, um im Rezeptiven das Erlebnis des »tua res agitur« [„Das betrifft alle“] evokativ hervorzurufen.

Es spielt keine Rolle, ob die einzelnen Werke das Typische in der Gestaltung des Konflikts erreichen oder nicht, um Lukács‘ Idee einer Ästhetik, wie er sie in Die Eigenart des Ästhetischen ausführt, anzugehören. Es lassen sich leicht viele Werke der Gegenwartsliteratur nennen, die Kunst im Sinne Lukács praktizieren: Hannah Häffners Die Riesinnen, Nobert Gstrein Im ersten Licht oder Lukas Rietzschels Sanditz wären als aktuellste Varianten zu nennen. Auch die erfolgreichsten Bücher der letzten Jahrzehnte gehören dieser Ästhetik an wie Uwe Tellkamps Der Turm oder Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt.

Kunst als Profession

Darüberhinaus begreift Lukács in Die Eigenart des Ästhetischen die Kunst auch als eine eigenständige Form der Arbeit, was ebenfalls in den letzten Jahrzehnten im Kunst- und Kulturbereich als Strukturwandel zu beobachten ist. Es gibt mittlerweile Schulen, ganze Institute, Studienfächer und eine Unzahl an Möglichkeiten, sich professionell als kunstschaffend zu registrieren und zu bewerben. Hinter dieser gesellschaftspolitischen Entscheidung stehen viele Begründungsmuster und Begründungsschemata, die auf Begriffen eines Lukács aufbauen, nicht so sehr auf den eines Adorno, Hegels oder Kants, die die Ästhetik mehr als ein Exotentum begriffen haben, sogar ihr Ende in Aussicht stellten wie Adorno und Hegel, oder als freies Spiel der Einbildungskräfte sicherlich nicht zu monetarisieren gedachten wie Kant. Für Lukács steht der Arbeitscharakter im Ästhetischen außer Frage:

[Der] künstlerische Schaffensprozeß ist eine sehr eigenartige, äußerst komplizierte Aktivität ausgesprochen teleologischen Charakters. Abstrakt angesehen unterscheidet er sich in dieser Hinsicht prinzipiell kaum von anderen menschlichen Handlungsarten, vor allem von der Arbeit; es ist historisch bekannt, daß lange Zeit hindurch die Grenzen zwischen Handwerk und Kunst äußerst flüssig, übergangsreich waren.

Wie bereits im ersten Teil beschrieben, schließt Lukács den Charakter eines Luxusproduktes für Kunstwerke aus und besteht darauf, nach Herleitung seines Signalsystems 1‘ im Sinne von Pawlow, dass Kunst an der sittlichen Substanz des Menschen und seines Taktvermögens arbeitet und produziert. Zu dieser der Öffentlichkeit verträglichen Fassung der künstlerischen Tätigkeit gehört selbstverständlich, Hermetik, Esoterik oder interpretierbedürftige Erzählweisen zu vermeiden. Auch hier entspricht der anti-allegorische Zug der Lukács’schen Ästhetik ebenfalls dem momentan herrschenden Zeitgeist. Werke wie die von Franz Kafka Das Schloßoder Albert Camus Die Pest mit abstrakt auszudeutenden Erzählarten, oder gar die eines Samuel Becketts wie in Der Namenlose geraten ebenfalls selten auf den Literaturmarkt. Der Akzent liegt durchweg in der Form einer Menschenkenntnis, die Lukács nur in der künstlerischen Form für verallgemeinerbar und kommunizierbar hält:

Wir gehen nun auf ein entscheidendes Problem des Alltagslebens, nämlich auf die Menschenkenntnis über. Hier werden wir zu zeigen versuchen, daß die damit verbundenen, praktisch höchst wichtigen Aufgaben ohne wesentliche Inanspruchnahme des Signalsystems 1‘ [die künstlerische Sprache mit den Kunstwerken als Objektivation] überhaupt nicht lösbar wären.

Dass die Zeitspanne zwischen Schreiben und Veröffentlichung verkürzt, viele Werke nicht den Reifeprozess durchlaufen können, um aus dem extensiven einen intensiven Detailreichtum zu kompilieren, dass die Schnelllebigkeit zu Stilblüten, Abkürzungen führt und wenig dem Absolut einer ästhetischen Totalität eines Lukács entspricht, können keine prinzipiellen Einwände dagegen sein, dass er mit seiner Perspektive die begrifflichen Grundlagen des Kunst- und Kulturbetriebs im Spätkapitalismus gelegt hat, weshalb er unter anderem im sozialistischen Lager bereits in den 1950er Jahren als Revisionist galt, nicht nur ob seiner ihnen nicht genehmen politischen Entscheidungen.

Unsichtbarkeit durch Allgegenwart

Der Witz an Lukács‘ Ästhetik Die Eigenart des Ästhetischen liegt darin begründet, dass er der Öffentlichkeit nach dem Mund geredet hat, die ihn deshalb auch gar nicht zur Kenntnis nehmen musste. Im Gegensatz zu monolithischen Strukturabwehrgesten eines Adorno hält sich Lukács zahm an die Klassiker der bürgerlichen Kunst und Kultur und plädiert mit seinem ästhetisch-pluralistischen Begriffssystem für eine Hoffnung auf die systemintegrierende und zivilisierende Kraft der Kunst und ihrer Kunstwerke, die sofern nicht länger auf Schönheit basieren müssen, sondern auf Wirkung, Bewusstmachung von Strukturen und Typen und Sprachlenkung:

Die Wahrheit des Lebens, daß die Gedanken, die wir uns über die Welt machen, oder die uns zuströmend ein so entscheidendes Element unseres individuellen Lebens werden, daß wir sie nicht im Sinne von objektiven Erkenntnissen aufnehmen und aufarbeiten, sondern daß sie – gerade in ihrer objektiven Wahrheit – zu Motiven des Wachstums, der Krisen, der Höherentwicklung der Leidenschaften etc. unserer Persönlichkeit werden, bildet die Grundlage, die Möglichkeit einer solchen Formung. Die Tatsache, daß im Leben selbst in solchen Fällen das Signalsystem 1’ [die Kunst und Kunstwerke] in Bewegung gesetzt werden muß, um die Welt der Gedanken zu einem solchen Besitz unseres Ich zu machen, weist auf die Lebensgrundlage dieser Forderung der Poetik.

Um dem Sprachgebrauch seiner eigenen (marxistischen) Ideologie gerecht zu werden, entwickelt er aus der Sprache der Kunst eine Signalsystem 1‘ mit Seinsqualitäten, so dass das Sein wieder das Bewusstsein verändern kann statt andersherum, wie es seine eigenen viel zitierten Klassiker behaupten. Diesen Trick hat ihm seine eigene Partei und sein Diskurs damals nicht verziehen. Seine Ästhetik Die Eigenart des Ästhetischen schrieb er dennoch unbekümmert weiter, als hätte er den Sieger in der Geschichte bereits im voraus gewusst, und gelangte so zu einer bis heute noch gültigen konsistenten Beschreibung der Kunst- und Kulturöffentlichkeit, die tatsächlich eher einem kritischen Realismus genügt als einer formal-ästhetischen Avantgarde, die sich deshalb auch verabschiedet hat. Über sechzig Jahre später liest sich deshalb Georg Lukács‘ Die Eigenart des Ästhetischen ein wenig wie ein Nachtreten. 1971 sammelte er noch, kurz vor seinem Tod, Stichworte für eine Autobiographie, die wie folgt schließen:

Menschwerdung des Menschen als Inhalt des Geschichtsprocesses, der sich – sehr variiert – in jedem einzelnen menschlichen Lebenslauf verwirklicht. So ist jeder Einzelmensch – einerlei, mit wieviel Bewußtheit – aktiver Faktor im [des] Gesamtprozesses, dessen Produkt er zugleich ist: Annäherung an Gattungsmäßigkeit im individuellen Leben ist die reale Konvergenz der untrennbaren beiden realen Entwicklungswege. Richtung und Resultat: Richtung (Rolle der individuellen Entscheidung; historisch + (untrennbar) zutiefst persönlich). Ergebnis. Begabung: auch nicht einfach »gegeben«. Verhältnis von Richtung – entscheidend, ob wirkliche Begabung sich entfalten kann. Lebensführung als Kampf von (echter!) Neugier und Eitelkeit – Eitelkeit als Hauptlaster: nagelt Menschen in Partikularität fest (Frustration als Stehenbleiben auf Niveau der Partikularität).

Georg Lukács aus: „Gelebtes Leben“

Das Zitat fasst seine Offenheit, die Verwirrung, die Pluralität, den ernsthaften Wunsch, über sich hinauszugelangen, gut zusammen. Es zeigt aber den begrifflichen Wust, die Überlagerungen, Redundanzen, Multiplizitäten, die Lukács‘ Werk teilweise mit einer großen terminologischen Hypothek belegen. Das von Brecht geflügelte Wort trifft auf Lukács, mit dem er sich einst über den Expressionismus stritt, vorzüglich zu: Etwas wird unsichtbar, wenn es sich durchsetzt oder in Massen auftritt. Dass Lukács nicht mehr rezipiert wird, hat mit seiner Ubiquität zu tun.

Nächste Woche gibt es dann einen Dreiteiler zu Lukács‘ Paradigma des Romans Lew N. Tolstois Anna Karenina. Eine Kurzfassung der Rezension gibt es hier.

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