Svenja Leiber: „Nelka“

Nelka von Svenja Leiber
Nelka von Svenja Leiber. Spiegel Belletristik-Bestseller 2026.

Nelka von Svenja Leiber thematisiert ein rohes Thema, das der Kriegsgefangenschaft und Vergewaltigung im Zweiten Weltkrieg, mit märchenhaften Mitteln, die das Grauen, aber auch das Durchhaltevermögen der Figuren auszutarieren verstehen. Leibers Roman steht hiermit im Zusammenhang mit Annett Gröschners Schwebende Lasten, Susanne Abels Gretchen-Saga oder auch Elli Unruhs Fische im Trüben. All diese Romane zeichnet einen warmen Ton aus. Leicht entrückt, schillernd schwebend über dem sich ausbreitenden Schrecken ihrer von Mord und Totschlag handelnden Stoffe ruhen sie in sich als Märchen ohne unmittelbare Moral, aber mit klarer Empathie für ihre Figuren. Nelka erzählt von der gleichnamigen Tochter eines Apfelbauern aus Lwów:

Womit beginnen? Mit den Herren oder mit den Knechten? Mit den Erzählten oder den Unerzählten? Womit beginnen? Mit dem Kummer oder mit dem Trost? Es muss von allem handeln, und es muss vorn beginnen, und seinen Anfang nahm es vor vielen Jahren im armen Kronland Galizien, in der Stadt Lemberg, damals gerade polnisch Lwów, wo ein Mann namens Wendelin Lechner lebte, der aber kein Pole war, dafür ein nicht unbekannter Pomologe. Oder jedenfalls den Bauern und Pächtern bekannt, die eine Ahnung von Äpfeln hatten, diesen so selbstverständlichen und dabei so eigenartigen Früchten, verwandt mit Erdbeeren und Rosen, die angeblich einmal im Paradies wuchsen, in seiner Mitte sogar, und die doch auch das Paradies zerstörten und die Menschen lehrten, sich zu schämen, was immer Scham ist und was immer das Paradies gewesen sein mochte, eine Idee oder schon Ideologie.

Svenja Leiber aus: „Nelka“

Inhalt/Plot:

Am 12. Februar 1925 geboren, verlebt Nelka eine idyllische Kindheit an der Seite ihres Vaters Wendelin, lernt von ihm, wie Apfelbäume veredelt, wie sie gepflanzt werden, wie sich ihre Früchte unterscheiden und auf welche Weise die Bäume den höchsten Ertrag bringen können. Die Idylle endet ziemlich abrupt mit dem Einmarsch der deutschen Armee 1941, die Razzien durchführt, die jüdische Bevölkerung verschleppt und tötet und willkürliche Morde begeht, auch an Wendelin Lechner, nachdem er sich, der deutschen Sprache mächtig, für seine Freunde bei einer Razzia eingesetzt hat. Nelka wird ihre Kenntnis der deutschen Sprache ebenfalls zum Verhängnis, als sie deutsche Soldaten auf einem morgendlichen Spaziergang trifft und zur Zwangsarbeit nach Norddeutschland verschleppt wird. Sie findet sich alsbald in einem LKW wieder und trifft die junge Margaryta:

Nelka wartet hinter der jungen Frau aus dem LKW. Margaryta heißt sie und war, das weiß Nelka inzwischen, vor kurzem noch Verkäuferin im zweiten Uhrengeschäft in der Kopernikusstraße, ein gutes Stück die Straße rauf. Zwar sind sie sich dort nie begegnet, aber es ist ein Umstand, der sich in diesen zerrissenen Zeiten beinahe wie Verwandtschaft anfühlt, darum sind sie sich nicht mehr von der Seite gewichen und stehen auch jetzt beieinander.

Die Freundschaft zwischen Margaryta und Nelka vertieft sich schnell, und als Dritte im Bunde gesellt sich alsbald Schura zu ihnen, eine kräftig, spuckende, militärisch erscheinende Frau mit kurzem Haar, die sich wie eine Bauarbeiterin gibt und fortan die eher zierlich gebauten Freundinnen schützen wird. Sie leben zusammen, eingepfercht in Baracken, bis sie auf ein Landgut gelangen, wo sie gezwungen werden, in Ställen und auf dem Feld zu arbeiten. Wie für die drei Frauen von Anfang an vorherzusehen, lassen sich die Soldaten, der Verwalter, die Männer mit Befehlsgewalt auf Dauer nicht von den Frauen fernhalten trotz des deutlich ausgesprochenen Verbots durch die Oberkommandantur: 

‚Sofern nicht ein Umgang mit Kriegsgefangenen durch die Ausübung einer Dienst- oder Berufspflicht oder durch ein Arbeitsverhältnis der Kriegsgefangenen zwangsläufig bedingt ist, ist jedermann jeglicher Umgang mit Kriegsgefangenen und jede Beziehung zu ihnen untersagt. Soweit hiernach ein Umgang mit Kriegsgefangenen zulässig ist, ist er auf das notwendigste Maß zu beschränken.‘ Der Verwalter blättert weiter: ‚Wer vorsätzlich …‘, er überfliegt die Zeilen, ,… wird mit Gefängnis, in schweren Fällen mit Zuchthaus bestraft.‘

Der Verwalter jedoch, jung in eine Zweckehe zur Vermehrung des Volkskörpers gezwungen, der sich vor dem Militärdienst, sehr zum Verdruss seiner Eltern drückt, legt sich eine offensichtliche Rechtfertigung für seine Gefühle Nelka gegenüber zurecht. Anlässlich des Besuches eines Hauptsturmführers auf dem Gut, der mit Nelka seine sadistischen Spiele treibt, versucht der Verwalter sie zu beschützen. Der Hauptsturmführer durchschaut jedoch die Scharade. Nelka muss in diesem Moment jedoch einsehen, dass sie hoffnungslos ausgeliefert ist und sich nur zwischen Pest oder Cholera entscheiden kann, und wählt die Pest.

Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stoffbereich: Generationen  mit Plot: Gewalt/Verbrechen/Krieg     

Stil/Sprache/Form:

Svenja Leiber wählt in Nelka für den Stoff eine ungewöhnliche Erzählform. Sprachlich flüssig, lyrisch, beinahe verträumt, betont sie hierdurch die unzerstörbare Innerlichkeit ihrer Heldin. Ihre Weltwahrnehmungsweise immunisiert sie davor, das Grauen allzu sehr an sich heranzulassen, obwohl es sie von allen Seiten bedrängt. Leibers Ton vermeidet Pathos, aber nicht das Romantische, das Gleitende. Sie entscheidet sich in Nelka für den souveränen Blick zurück, der das Schrecken erkennt und mit dem Selbstbewusstsein akzeptiert, davongekommen zu sein, ohne jegliche Illusion, die vermeint, es hätte anders werden können. Sinnbildlich steht hier der stille, den Himmel widerspiegelnde Mühlenteich auf dem Gut des Verwalters:

Hinter dem Herrenhaus liegt der Mühlenteich. Er wird auf der einen Seite von einem Bach gespeist, der durch ein tiefes Kerbtal fließt, auf der anderen Seite befindet sich die Mühle. Sie liegt drei Meter tiefer als die Teichoberfläche, hier setzt sich das Kerbtal fort, der Teich ist wie die Pause des Baches. Ruhig und glatt und dunkel liegt er da, umwachsen von schwarzen Erlen. Von der Strömung ist nichts zu sehen, gleichwohl ist sie immer da, als wäre sie das Heimweh des Baches. Vor der Mühle befindet sich eine Staumauer mit einem Durchlass, einem verstellbaren Schott und einer Wasserrinne, die das Wasser auf das Mühlrad spült. In der Mühle arbeiten die französischen Kriegsgefangenen. Die Mühle mahlt Tag und Nacht.

Lyrisch verdichtet die Erzählstimme die Zwangsarbeit mit der Naturidylle und die Hoffnungslosigkeit der nicht enden wollenden Tortur mit der Weite des möglichen, über ihnen sich ausbreitenden Himmels. Das Heimweh beruhigt sich in der Tiefe und Stille des Grauens des stillgestellten Zwangsmoments. Denken, Fühlen und Erinnern schmerzen. Es bleibt nur die nichtmenschliche Natur, die Tierwelt, die noch einen Moment des Friedens in sich trägt. Hier gemahnt Nelka, weniger symbolisch verdichtet, nichtsdestotrotz in Atmosphäre, Bedrohung und Zerstörbarkeit an Ingeborg Bachmanns Malina und dem Kapitel „Die Geheimnisse der Prinzessin von Kagran“, in welchem sich die Prinzessin dem tiefbedrohlichen Reich der Menschen nähert:

Auf einer Schotterbank war sie von ihrem Rappen gestiegen, der nicht mehr weiterkonnte, sie sah die Fluten schlammig und schlammiger werden und fürchtete sich, weil es das Anzeichen für Hochwasser ist, sie sah keinen Ausweg mehr aus der befremdlichen Landschaft, die nur aus Weiden, aus Wind und aus Wasser war, sie führte ihr Pferd langsam weiter, betört von dem Reich aus Einsamkeit, einem verschlossenen verwunschenen Reich, in das sie geraten war. Sie begann, nach einem Nachtlagerplatz Ausschau zu halten, denn die Sonne ging unter, und das ungeheure Lebewesen, das dieser Strom war, verstärkte seine Laute und Stimmen, sein Klatschen, sein anschwellendes Gelächter am Ufergestein, sein zartes Flüstern an einer ruhigen Strombiegung, sein zischendes Aufkochen, sein beständiges Grollen auf dem Grund, unter allen Geräuschen der Oberfläche.

Ingeborg Bachmann aus: „Malina“

Mit Bachmanns Roman eint Nelka einige Motive, insbesondere die selbstimmunisierende Geste. Im Gegensatz zu Malina bleibt jedoch Leiber in Nelka im rein Erzählerischen und vermeidet Allegorien und Symbolik, von der bloßen Nennung des Apfels als Sinnbild der Versuchung, die Frau, Nelka, als Verführerin und Paradieszerstörerin einmal abgesehen, ein Sinnbild, das im Kontext der Zwangsarbeit und Vergewaltigungen sowieso ins Leere läuft und klappert. Nelka erzählt blitzlichthaft die Lebensgeschichte einer Kriegsgefangenen, die überlebt und im Überleben sich über die Drangsal hinaus gerettet hat.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Erzählerisch gesehen hält Nelka über die Länge des Romans ein hohes Maß an Spannung und Intensität, die jedoch von der Komposition des Textes eher unterhöhlt als verstärkt wird. Von Anfang an a-personal auf zwei Ebenen spielend, einerseits in der Gegenwart, Nelka besucht das Gut in den 1990er Jahren, andererseits in der Vergangenheit, die Ereignisse im und nach dem Zweiten Weltkrieg werden rekapituliert, haftet dem Roman also etwas Zwiespältiges und Unentschiedenes an. Leiber wählt nämlich eigenartigerweise eine über den Ereignissen schwebende Erzählstimme, statt sich allein Nelka, ihrem Leben, ihren Gefühlen zu widmen. Es bleibt kompositorisch und stimmungstechnisch völlig zweifelhaft, weshalb der Verwalter eine eigene Welt, ein eigenes Innenleben und eine von Nelka unabhängig erzählte Vergangenheit besitzt:

Als er sich zu [Inge] legt, ist sie schon eingeschlafen. Er weckt sie und flüstert, die Arbeit wachse ihm langsam über den Kopf, aber er plane eine hervorragende Plantage, die einmal viel Geld einbringen werde. Er streichelt sie, ein wenig ungeschickt. Dann schläft er mit seiner Frau. Er schläft mit ihr, denn dafür ist sein Körper da, das wird von ihm erwartet. Er soll das Volk vermehren. Es ist immerhin ein angenehmer Dienst an einer angenehmen Waffe.

Szenen wie diese passen nicht in den im Grunde allzu entschiedenen, auf Nelka fokussierten, auf ihrer Seite stehenden Text. Sie wirken illustrativ, hineinmontiert und trotz sprachlich-stilistischer Homogenität fehl am Platze. Die Taten des Verwalters reichen zur Kontrastierung und Charakterisierung der dynamischen Spannung aus. Er hätte nicht einmal einen eigenen Namen bekommen müssen. Auch sein Familienleben spielt keine Rolle, auch nicht seine eigenen, inneren Zwangslagen. Von der Psychologisierung abgesehen hätte für einen derartigen Text die historische Ebene noch breiter das Geschehen des Weltkrieges umfassen müssen. Nelka besitzt in diesem Sinne eine willkürliche, dem Stoff aufgepresste Erzählstimme.

Der Verwalter sieht den schmalen Hals vor sich und die hervortretenden Halswirbel unterhalb des Kopftuchs. Er sieht die dunklen Haare, die von den Wirbeln nach außen wachsen. Er sieht die Grube zwischen den Sehnen am Nacken, wenn sie sich aufrichtet. Diese empfindliche Stelle, diese gefährdete, an der ein Raubtier zubeißen würde. Er sieht das alles.

Die Stärken von Leibers Roman liegen im Märchenhaften, in der Weise, wie trotz härtesten Unbill Nelka ihren Mut nicht verliert und wie die Rache, die sie an sich und dem Verwalter nehmen will, sich in ihrer selbstauferlegten Konsequenz letztlich auflöst. Ihre Geschichte bleibt bis zum letzten Schritt bewegend, dynamisch und selbsterklärend. Als Figur überzeugt Nelka. Als Roman jedoch gerät Nelka in die Schieflage, indem er zu viel auf einmal in zu kurzer Zeit will, ohne ein allegorisches Sinnangebot wie Gröschners Schwebende Lasten anzubieten, wenn diese im Blumenbesteck, im Stillleben eines Blumenarrangement die Schuld an ein Verbrechen verarbeitet, die nicht getilgt, aber eben versinnbildlicht werden kann. Zwar besitzt Nelka einen auflösenden, harmonisch-erzählerischen Höhepunkt, wenn sie die gegenwärtige Haushälterin des Verwalters darüber aufklärt, weshalb sie überhaupt die weite Reise unternommen hat, aber er verbleibt privatistisch und auf das persönliche Andenken an Margaryta beschränkt.

Nelka betrachtet noch einmal die Fotografie, die Gonda ihr zurückgereicht hat, und sagt lange nichts. Dann geht sie vorsichtig in die Hocke und hält das Bild dem mittleren Stein hin: »Schau, Margaryta, kleine Kuckucksuhr«, flüstert sie, »das ist Galka, meine Enkelin. Ich habe ihr viel von dir erzählt. Sie kennt dich. Ich habe ihr von all deinen Uhren erzählt.«

Der Roman Nelka beschränkt sich über weite Teile gekonnt auf das Rührselige, das Warme im Wesen seiner Hauptfigur. Dass ein etwas fader Nachgeschmack bleibt, hat mit der zwiespältigen Symbolik, dem Apfel, und den irritierenden Passagen über den Verwalter zu tun. Der Schmerz wird auf diese Weise illustrativ anklagend, in Prosaform, und verleiht dem Roman einen diskursiv-episodischen Charakter, der plötzlich rationalisiert und argumentiert, wodurch er das Märchenhafte gegen Ende zunehmend verliert und, zudem noch durch das erklärend-eingreifende Nachwort untermauert, dem Dokumentcharakter zustrebt und so das Fiktionale, das Kunstwerkhafte, für den Graubereich des Historisch-Realen-Aufklärerischen geopfert wird.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.

Andere (mir bekannte) Rezensionen:
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Die Kurzversion findet sich bald hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.

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