Kalenderwoche 26: Lesebericht.

Kalenderwoche 26: Lesebericht.

Mich beschäftigt momentan durchweg das Ingeborg Bachmann-Max Frisch Enigma. Vielleicht nehme ich es nur zum Anlass, um mich durch das Werk von den beiden zu lesen, und mich daran zu erinnern, weshalb die Literatur seit dem ersten Satz in Stiller einen zentralen Stellenwert in meinem Leben erhalten hat. Der erste Satz lautet:

Ich bin nicht Stiller! – Tag für Tag, seit meiner Einlieferung in dieses Gefängnis, das noch zu beschreiben sein wird, sage ich es, schwöre ich es und fordere Whisky, ansonst ich jede weitere Aussage verweigere.

Max Frisch aus: „Stiller“

Kaum lese ich den Satz, möchte ich weiterlesen. Auf seine Art und Weise wird Stiller das Leseerlebnis schlechthin bleiben, wiewohl viele andere folgten. Der Aufruf, nicht mehr still zu bleiben, still zu sein, nicht mehr stillgestellt bleiben zu wollen, sondern von sich und seinem Leben erzählen, all dies evoziert das Ausrufezeichen, der Widerstand, das mutige und fröhliche Aufbegehren gegen den Stillstand. Dazu passend Ingeborg Bachmann:

So ist die Literatur, obwohl und sogar weil sie immer ein Sammelsurium von Vergangenem und Vorgefundenem ist, immer das Erhoffte, das Erwünschte, das wir ausstatten aus dem Vorrat nach unserem Verlangen – so ist sie ein nach vorn geöffnetes Reich von unbekannten Grenzen.

Ingeborg Bachmann aus: „Frankfurter Vorlesungen“
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Kalenderwoche 24/25: Lesebericht.

Lesebericht

Dieses Mal ein Lesebericht der KW 24 und 25 zusammen, um nicht allzu sehr in Verzug zu geraten. In den letzten zwei Wochen beschäftigte mich vor allem die Re-Lektüre von Max Frisch und der erneute Versuch, mich in das Notizbuchwerk von Simone Weil einzuarbeiten. Ich las also Mein Name sei Gantenbein und Montauk sowie kleinere Prosastücke von ihm. Das Verrückte: Ich konnte mich beim Lesen nicht einmal mehr daran erinnern, dass ich die Texte bereits gelesen habe. Nur bei Montauk blitzte hier und da ein Hauch von Erinnerung durch, aber Gantenbein las ich, als hätte ich es noch nie zuvor gelesen. Ich ziehe in Betracht, dass ich früher ein viel zu hastiger und oberflächlicher Leser gewesen bin, d.h. ich habe nicht einmal versucht zu verstehen, wenn ich etwas nicht verstand, sondern überlas es einfach. Ein oberflächliches Lesen verträgt Simone Weils Texte gar nicht. Ingeborg Bachmann beschreibt Weils Stil in ihrem Sprech- und Radiostück Das Unglück und die Gottesliebe – Der Weg Simone Weils wie folgt:

Simone Weil ist keine Schriftstellerin gewesen. Sie war nicht produktiv. Sie hat nicht geschrieben, um zu schreiben und etwas zu schaffen, das für sich stehen konnte, sondern Schreiben war für sie – neben starken kritischen und pädagogischen Impulsen – vor allem eine Übung. Eine Übung, die sich zwischen Demut und Rebellion bewegte und wichtig war, solange für sie der Abstand zwischen »wissen« und »von ganzer Seele wissen« nicht überbrückt war.

Ingeborg Bachmann aus: „Das Unglück und die Gottesliebe – Der Weg Simone Weils“

Es beschreibt sehr gut, warum mich unproduktives Schreiben wie jenes von Weil oder Emile Cioran oder Walter Benjamin so begeistert.

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