Kalenderwoche 34/35. Lesebericht.

Viel Platon gelesen, mich mit Kummer aller Art von Mariana Leky amüsiert und Ferdinand von Schirach zur Kenntnis genommen. Die Mühe mit Platon hat sich jedenfalls gelohnt. Im Gegensatz zu den kürzeren Dialogen spannte Der Staat eine ganze Bandbreite an Problemen auf und bearbeitete sie über Hunderte von Seiten immer wieder aus mehreren Perspektiven aus. Hierdurch entstand ein sehr lebendiger Eindruck von Platons Metaphysik, der ich schriftlich noch diese Woche etwas nachgehen und nachspüren möchte. Die Zahlenmystik der Pythagoreer hat mich etwas abgehängt – die Verhältnisse von Rechtecken, von platonischen Zahlen, das Oblong sind mir ein Rätsel geblieben. Wahrscheinlich werde ich nach Der Staat nun auch noch einmal Lukrez Die Welt aus Atomen zur Hand nehmen. Warum ich aber plötzlich in die antike Philosophie gerutscht bin, weiß ich nicht. Lukrez schlägt jedenfalls einen viel fröhlicheren Ton an als der etwas resignative Platon:

Aber an keinem Teil dagegen kann und zu keiner
Zeit das stofflose Leere ertragen irgend etwas nur,
ohne, was seine Natur verlangt, ihm [dem Wasser] weiter zu weichen.
Darum muss auch alles hindurch durch das ruhige Leere
gleichschnell, obschon mit Gewichten die ungleich, erregt sich bewegen.

Lukrez aus: „De rerum natura – Welt aus Atomen“

Gekauft:

Mariette Navarro: Über die See – durch den Blog Kulturbowle bin ich auf dieses Buch aufmerksam geworden. Ich habe es mir sofort gekauft, da mich See- und Meerfahrten in Büchern begeistern. Wahrscheinlich ist deshalb Meerfahrt mit Don Quijote mein Lieblingstext von Thomas Mann. Schiffe, Ozeane, Himmel und die Weite scheinen mir exzellente Voraussetzungen für Literatur:

So geht es denn, ohne dass die Maschine je ruhte, Tag um Tag in gleichmäßigem Vorwärtsstreben durch die Weiten des Ozeans, und bei dem klebrigen, leicht faulig duftenden Bade in warmem Meerwasser am Morgen, das die Haut mit Salz imprägniert und das ich sehr liebe, ist es angenehm zu denken, dass man im Schlaf über Nacht wieder ein gutes Stück Unabsehbarkeit aufgerollt hat.

Thomas Mann aus: „Achtung Europa! Essays 1933-1938“

Auf seine Weise rollt ein Text auch eine Unabsehbarkeit auf. In Navarros Büchlein lesen sich ähnliche Impressionen, aber auf eine ganz andere Weise gedichtet und verdichtet:

Während sie sich im Büro und auf dem Gang aufhielt, hatte sie eine Stunde oder zwei nicht nach draußen geschaut. Sie hat also die Verbindung mit dem Wesentlichen, mit dem Ozean und seiner Beschaffenheit, seiner Farbe und seiner Struktur verloren. Durch die großen Scheiben nimmt sie nun endlich auch die Außenwelt wahr und sieht, dass der Horizont tatsächlich verschwunden und von einem weißen Himmel verschluckt worden ist. Als müsste immer alles über die Haut gehen, damit sie versteht, was mit ihr geschieht, öffnet sie die Metalltür und tritt hinaus.

Mariette Navarro aus: „Über die See“

Das Buch will langsam und poetisch gelesen werden. Und mit Sicherheit öfters. Schon nach den ersten Seiten bin ich sehr von der Sprache, der Stimmung, dem Rhythmuswechsel eingenommen. Das ändert sich meistens nicht mehr. Eine Lesebesprechung folgt.

Leona Stahlmann: Diese ganzen belanglosen Wunder – auf dieses Buch wurde ich durch den Blog Klappentexterin aufmerksam gemacht und zwar mit dem Satz: „Dieses Buch zählt für mich zu einem der besten aus der aktuellen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Warum? Nun, lasst uns gemeinsam in dieses Sprachwunderwerk hineinschauen.“ Ich habe es sofort gekauft, bislang aber nur ein wenig durchgeblättert. Ich finde Sätze wie diese:

Als die Eisschollen wegtauen, findet Zeno den ersten toten Fisch. Eine Äsche, der prächtig gepunktete Kamm zerknickt und grau. Nicht weit davon zierliche getigerte Elritzen, nebeneinander wie ordentlich sortiert, die sonst schlanken Bäuche aufgetrieben zu Blasen. Der alte Rapfen liegt unter dem Schlangengras hinter der Buhne, da, wo das Salzland in etwas anderes übergeht, ausdünnt, ohne die Marschwiesen unbestimmbar wird, Land ohne weitere Eigenschaften.

Leona Stahlmann aus: „Diese ganzen belanglosen Wunder“

Selten eine Sprache gelesen, die so sehr Klischees entrinnt, die die Landschaft in besonderen Worten entfaltet, Namen anklingen lässt, die für Städterohren ungewohnt, aber das Geheimnis vermitteln, das im Marschland wohl herrscht. Ein Text als Landschaft. Bislang kann ich Klappentexterin und Herrn Klappentexter nur zustimmen. Ich freue mich darauf, das Buch zu lesen. Es hat mich hier und da bereits an Anne Michaels Fluchtstücke erinnert:

Allein, treibend im Raum, stellte ich mir die Sonnenaufgänge der Antarktis vor, wogende Muster himmlischer Kalligraphie, unser kleiner Ausschnitt des Himmels die Ecke eines illuminierten Manuskripts. Auf einer Baumwollmatte ausgestreckt, dachte ich an Wilson, wie er auf einer Eisscholle in der Dunkelheit des Polarwinters lag und den Kaiserpinguinen etwas vorsang. Zu den Sternen aufblickend, sah ich dicke, auf dem Meer wogende Inseln aus Eis, die Passagen eröffnen oder schließen, ein ferner Wind lässt die großen Schollen Hunderte von Seemeilen hinwegtreiben – was Athos‘ Belhrungen über «entfernte Ursachen» illustrierte. Ich sah von Mondlicht blaßgold gefärbte Eisfelder.

Anne Michaels aus: „Fluchtstücke“

Auch ein Buch mit Sätzen, die ich immer wieder lesen könnte.

Gelesen:

Mariana Leky: Kummer aller Art – ein sehr fröhliches Buch, das eine bunte Mischung aus Glossen, Essays, aus Erinnerungen, Reflexionen zu einem Bündel Zuversicht zusammenflicht. Aus jeder Zeile, beinahe jedem Wort leuchtet einem der Optimismus Lekys entgegen, dass es irgendwie schon weitergehen wird, dass es unendlich viele Gründe zum Verzweifeln gibt, was die Verzweiflung irgendwie auch beliebig werden lässt, sowie alle anderen alltäglichen und sonderbaren Missgeschicke:

Die mutmaßliche Steuerberaterin hat von Berufs wegen keine Probleme mit der Mahngebühr. Sie kann sogar Wasser lassen, während sie darüber spricht, sie pinkelt mitten in das Wort »Mahngebühr« hinein. Während sie das tut, finde ich im Koffer meine Veranstaltungsbluse nicht, und als ich sie schließlich habe, fällt sie vor lauter Hektik auf die Klobrille, und bei dem Versuch, sie vor dem Hineingleiten in die Toilette zu bewahren, poltere ich gegen die Kabinentrennwand. Die Steuerberaterin fragt: »Alles in Ordnung da drüben?«
»Ja«, antworte ich, »ich bin nur etwas in Hektik.«
»In der Ruhe liegt die Kraft«, sagt die Steuerberaterin, sie sagt das zu mir, freundlicherweise, aber bestimmt hat auch der Mensch mit der Umsatzsteuervoranmeldungsmahnung etwas davon.

Mariana Leky aus: „Kummer aller Art“

Auf ihre Weise schreibt Leky von dem schönen Leben, aber ganz anders als Seneca in De Vita Beata, das melancholisch, in sich gekehrt, von der Welt abgewandt wirkt. Sie lebt keinen Stoizismus vor und predigt auch keinen Hedonismus. In ihr schwingt einfach fröhliche Unverdrossenheit durch. Das wird mit Sicherheit nicht das einzige und letzte Buch von Leky bleiben, das ich gelesen haben werde.

Eine ausführliche Besprechung findet sich hier.

Ferdinand von Schirach: Nachmittage – mein erstes Buch von Schirach, das seinen Weg auf meinen Schreibtisch findet. Ich habe es mir wegen seiner Platzierung in der Bestsellerliste gekauft. Ich bin mir nicht sicher, wie ernst der Autor es mit diesem Buch gemeint hat. Es liest sich hier und da fast wie ein Herrenwitzebuch des selbsterklärten gehobenen Geschmacks, also wie Ephraim Kishon nur ohne jede Selbstironie:

Es war wunderbar, ihm zuzuhören, wenn er mit größter Selbstverständlichkeit erklärte, nach Kant sei in der klassischen Philosophie nichts mehr gekommen. Fichte, Schelling, Hegel usw. hätten zwar interessante Entwürfe geliefert, aber letztlich sei der deutsche Idealismus überheblich, belanglos und unmenschlich.

Ferdinand von Schirach aus: „Nachmittage“

Schirach doziert und schwadroniert selbstsicher. Die Kapitel enden stets mit einer Pointe. Teilweise überraschen sie, teilweise nicht, aber nach dem Lesen der Pointe lösen sich die Texte und deren Hergang in Luft auf wie bei allen konstruierten Witzen. In diesem Sinne eine wohlkalkulierte, sehr erfolgreiche Einwegware, die auch nichts anderes sein will.

Eine ausführliche Lesebesprechung findet sich hier und eine kürze, mehr etwas meinungsbeladenere hier.

Erich Fromm: Die Pathologie der Normalität – eine etwas unergiebige Lektüre von Vorträgen, die hauptsächlich darauf abzielen, seine Zuhörerschaft zum Selbstdenken, Selbstwählen, Selbstforschen zu motivieren. Die soziologischen, psychologischen Beschreibungen bleiben sehr oberflächlich. Es liest sich stellenweise eher wie ein Ratgeberbuch. Ich habe es vor allem als Parallellektüre zu Kummer aller Art von Leky gelesen. Es ergaben sich aber keinerlei Synergieeffekte. Einzig der letzte Abschnitt mit dem Titel Ist der Mensch von Natur aus faul?, den er 1974 verfasst hat, besitzt interessante kybernetische, soziobiologische Analysen:

Der Primate, von dessen ‚Interesse‘ wir im Zusammenhang mit Harlows Beobachtungen sprachen [Affen, die aus Vergnügung Rechenaufgaben lösen], neigt  dazu, Unruhe zu stiften, wenn die Dinge langweilig werden. Die Beobachtung, dass Langeweile bei den Tieren ein unruhiges Verhalten erzeugt, ist von unmittelbarer Bedeutung für das Verständnis der menschlichen Aggression, wie ich es [in Die Anatomie der menschlichen Destruktivität] ausgeführt habe.

Erich Fromm aus: „Die Pathologie der Normalität“

Leky nimmt deshalb gerne den Umweg über den Humor, der bei Fromm gar keine Rolle spielt. In Die Anatomie der menschlichen Destruktivität kommt das Wort „Humor“ nur einmal vor, als er Primaten charakterisiert und ihnen einen Sinn für Humor attestiert. In Die Pathologie der Normalität ebenfalls nur einmal, aber nur als eine konkrete Eigenschaft unter vielen anderen, ohne spezielle Beschreibungskraft. Die Distanzierung von Sigmund Freud zog anscheinend auch die vom Humor nach sich, da Freud bekanntlich in Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten dem Humor keine unwesentliche Rolle im Seelenleben des Menschen zuschrieb.  

Platon: Der Staat – eine schwierige, sehr aufwendige Lektüre. Ich hatte die Übersetzung von Wilhelm Sigismund Teuffel und Wilhelm Wiegand zur Hand, die in die Gesamtausgabe von Erich Loewenthal aufgenommen wurde. Zudem lag eine von Wilhelm Nestle geglättete Übersetzung von Friedrich Schleiermachers Übersetzung und die von Otto Apelt auf meinem Tisch, um wenigstens einen Vergleich bei strittigen Stellen zu haben, denn Altgriechisch beherrsche ich nicht und strittige Stellen gibt es in diesem Text meines Erachtens zuhauf, zumal er mythische Züge besitzt:

Gedreht aber werde die Spindel zwischen den Knieen der Notwendigkeit. Auf ihren Kreisen aber säßen oben auf jeglichem eine sich mit umschwingende Sirene, welche eine Stimme, jedesmal einen zum Ganzen verhältnismäßigen Ton, hören lässt; aus allen acht [Kreisen] insgesamt aber erschalle eine Harmonie. Rings aber säßen drei andere Gestalten in gleicher Entfernung von einander, eine jede auf einem Throne, nämlich die Töchter der Notwendigkeit, die Parzen, in weißen Gewändern und mit Kränzen auf dem Haupte: Lachesis, Klotho und Atropos, und sängen zu der Harmonie der Sirenen; Lachesis besänge die Vergangenheit, Klotho die Gegenwart, Atropos die Zukunft.

Platon aus: „Der Staat“ (Hrsg. Erich Loewenthal)

Eigenartig nun, dass Lachesis, die Vergangenheit, beide, die Gegenwart und Zukunft berührt, und nicht Klotho, die Gegenwart, die nur den äußeren Umkreis berührt. Hier deutet sich schon der Lernprozess im platonischen Sinne an, dass Lernen ein Wiedererinnern, ein Herausarbeiten des Vergessenen bedeutet. Es wird noch diese Woche ein Text über das Höhlengleichnis folgen.

Spiegel Belletristik Bestseller-Liste (KW 36):

Im Folgenden die Liste selbst, reformattiert, und mit Links versehen, bei denen bereits ein Lesebericht vorliegt:

  1. Nachmittage – Ferdinand von Schirach
  2. Eine Frage der Chemie – Bonnie Garmus
  3. Ein Sommer in Niendorf – Heinz Strunk
  4. Violeta – Isabel Allende
  5. Im Traum bin ich bei dir – Nicholas Sparks
  6. Kummer aller Art – Mariana Leky
  7. Stay away from Gretchen – Susanne Abel
  8. Was ich nie gesagt habe – Susanne Abel
  9. Die Vergessene – Karin Slaughter
  10. Freiheitsgeld – Andreas Eschbach
  11. Die Toten von Fleat House – Lucinda Riley
  12. Der Markisenmann – Jan Weiler
  13. Affenhitze – Volker Klüpfel; Michael Kobr
  14. Lügen über meine Mutter – Daniela Dröscher
  15. Jeder für sich und Gott gegen alle – Werner Herzog
  16. Die Rückkehr der Kraniche – Romy Fölck
  17. Mutterherz –  Tess Gerritsen
  18. Boum – Lisa Eckhart
  19. Die karierten Mädchen – Alexa Hennig von Lange
  20. Die Passage nach Maskat – Cay Rademacher

Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Woche überhaupt einen Bestseller lese. Ich tendiere dazu, Über die See und Diese ganzen belanglosen Wunder zu lesen, und die Spiegelliste mal Spiegelliste sein zu lassen. Andererseits steht mir Freiheitsgeld und Jeder für sich und Gott gegen alle zur Verfügung, und Daniela Dröschers Roman interessiert mich auch. Mal sehen… wer mich in eine Richtung stoßen möchte, bitte, sehr gerne!

Ich würde mich sehr über Anmerkungen, Vorschläge, und weitere Lesehinweise freuen, denen ich nachgehen könnte. Vielen Dank und eine fröhliche sonnige Woche!

3 Antworten auf „Kalenderwoche 34/35. Lesebericht.“

  1. Das hört sich nach zwei erfüllten Lesewochen an. Und es freut mich, dass Dir „Über die See“ bislang gefällt. Weiterhin viel Freude bei der Lektüre und eine gute Woche! (Und natürlich auch ein herzliches Dankeschön fürs Verlinken!)

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