Cees Nooteboom: „Allerseelen“

Allerseelen - Nooteboom, Cees
Allerseelen von Cees Nooteboom. Schwebend aus eigener Schwere heraus. 

Allerseelen lässt sich als Abschluss einer vielleicht unbewusst angelegten Trilogie denken, die mit Rituale (1980) ansetzt, über Die folgende Geschichte (1991) seine Richtung sucht und als eine Reise durch die Nacht mit Allerseelen (1998) die Todessehnsucht durchschreitet und den Weg in die Welt der Lebenden findet. In allen drei Romanen steht der Topos Tod im Vordergrund. In Allerseelen nun auch vom Titel her:

Als die beiden anderen weg waren, lag Arthur da und schaute immer noch auf die Bilder. Allerseelen. Er wußte nicht genau, was er sich darunter vorzustellen hatte, aber er hatte den Eindruck, das Wort habe mehr mit Lebenden als mit Toten zu tun. Es mußten Tote sein, die sich noch irgendwo aufhielten, es war unmöglich, sie ganz wegzubekommen, man mußte ihnen noch Blumen bringen.
Cees Nooteboom aus: „Allerseelen“

Inhalt/Plot:

Allerseelen handelt von Arthur Daane, einem niederländischen Kameramann, der in Berlin lebt, dort spazieren geht, mit Freunden über die Geschichte, das Leben, den Tod und das Unendliche philosophiert und seine Ehefrau Roelfje und seinen Sohn Thomas vermisst, die bei einem Flugzeugunglück acht Jahre zuvor ums Leben gekommen sind. So richtig findet Arthur nicht mehr zurück in die Welt der Lebenden, was ihm viele gut gemeinte Ratschläge einbringt, die ihm aber nicht sonderlich helfen. Um sich abzulenken und auch um Trauerarbeit zu leisten, treibt er ein Filmprojekt voran. Er filmt Nebensächlichkeiten auf seinen Streifzügen durch die Welt:

Dunkel, das langsam aus der Erde hervorzukriechen oder wieder in ihr zu verschwinden schien, und in diesem Dunkel alle Formen von Licht, die möglich waren, das der verschwindenden oder aufgehenden Sonne, vor allem wenn sie selbst nicht oder noch nicht oder nicht mehr zu sehen war, weil es erst dann spannend wurde. Scheinwerfer, das leuchtende Auge von Kränen über einer Baugrube, Neon in einer verlassenen Straße, orangefarbene oder eisblaue Blinklichter, die, wenn man sie schwarzweiß filmte, ihren jeweils eigenen Tonwert behielten, die Leuchtspur fahrender Züge oder langsamer Autoschlangen, immer wieder der unaussprechliche Reiz von Licht im Dunkel. Wenn man ihn fragte, was er denn eigentlich mit all den Metern Film vorhabe, wußte er keine rechte Antwort, jedenfalls keine, die er aussprechen wollte. Nein, es gehöre zu nichts. Nein, es sei kein Teil eines bestimmten Projekts, es sei denn, man wolle sein ganzes Leben als Projekt bezeichnen.

Als er eines Tages in einem Café nach einer spanischsprachigen Zeitung greift, lernt er eine Frau kennen, die eine tiefe Narbe auf der Wange hat. Sie übt eine unheimliche Faszination auf ihn aus. Er trifft sie wieder und erwirkt ein Kennenlernen. Sie heißt Elik und befindet sich inmitten eines Dissertationsprojektes über Urraca (1080-1126), die erste dynastisch legitimierte Königin des mittelalterlichen Europas. Etwas Unnahbares umgibt Elik. Wie Arthur hat sie Schmerz und Leid erlitten, auf den sie nur andeutungsweise zu sprechen kommt. Sie hält sich zurück und bleibt distanziert, während Arthur sich mehr und mehr zu ihr hingezogen fühlt. Als sie sich ihm dennoch entzieht, entschließt er einen Auftrag anzunehmen und reist ab nach Estland:

»Ich geh für den BRT nach Estland. Die Niederländer wollten mich für Rußland haben, die Flamen für Estland. Da gibt es auch Russen. Ist das [deiner Meinung nach etwas Richtiges] genug?« Als er aufgelegt hatte, blieb er eine Zeitlang still sitzen. Wie sollte man jemandem, der einem seine Adresse nicht geben wollte und der nie etwas fragte, Bescheid sagen, daß man für ungefähr eine Woche wegfuhr? Also nicht Bescheid sagen. Er konnte schwerlich einen Zettel an seine Tür kleben.

Die Worte sagt er seiner besten Freundin Erna, die in Amsterdam lebt und sich Sorgen um ihn macht. Nach seiner Reise treffen sich Elik und er wieder. Sie bleibt weiterhin auf Distanz, selbst als sie ihn mit zu sich nimmt, lässt sie ihn nachher alleine, in ihrer Wohnung zurück. Er beschließt einen Auftrag anzunehmen, der ihn nach Japan führt, als er wieder zurückkehrt, hat Elik bereits das Land verlassen. Durch einen Brief, den Elik an einen seiner besten Freunde, Arno, schreibt, erfährt Arthur die Adresse ihrer Großmutter in den Niederlanden. Dort angekommen, erfährt er, dass sie zu Forschungszwecken bereits in Spanien weilt und reist, ohne wirklich zu wissen, wo sie sich in Spanien befindet, mit seinem Volvo Amazone hinter ihr her:

Zwei Tage später war das Auto endlich fertig, die Amazone stürmte die Pyrenäen hinauf, als wisse sie, daß sie etwas gutzumachen habe. Auf der anderen Seite war alles anders, das große Land breitete sich vor ihm aus, flimmerte in der maßlosen Hitze, zwang ihn zur Langsamkeit. Die maschinengewehrartigen Klänge des Kastilischen fegten die letzten Reste des Französischen weg, dies hier war die ältere, die grausamere, die von der Geschichte vollbeschriebene Erde, und wie immer verspürte er Ausgelassenheit und Beklemmung. Hier war nichts unverbindlich, jedenfalls nicht für ihn […]

Als er sie findet, erfährt er, weshalb sie geflohen ist. Es kommt zum Streit. Er läuft planlos mit seiner Kamera durch das nächtliche Madrid, wird angegriffen und lebensbedrohlich verletzt. Als er aus dem Koma aufwacht, befinden sich seine Berliner Freunde um ihn herum, auch sie hat ihn besucht, bevor sie nach Santiago de Compostela aufgebrochen ist. Nach seiner Genesung steigt er in sein Auto, statt aber den Weg weiter gen Westen zu folgen, zu einem der bedeutendsten Pilgerziele der abendländischen Welt, entscheidet er sich Richtung Norden, über die Pyrenäen nach Hause zu fahren.

Stil/Sprache/Form:

Allerseelen zeichnet sich qua Thema durch einen filmschnittartigen Stil aus. Schnelle, ineinander übergehende Beschreibungen, sequenzielles Wahrnehmen, stroboskopisch kurze Sätze geben das Lesetempo vor. Teilweise müssen Beziehungen rekonstruiert werden, findet eine Art stream-of-consciousness-Schreibart statt, in der Arthurs Weltempfinden zum Ausdruck gebracht wird. Arthur und Elik verhalten sich zurückhaltend, distanziert, so dass wesentliche, prägende biographische Momente nur äußerst unklar und verschwommen formuliert werden, bspw. wie Elik zu ihrer Narbe auf der Wange gekommen ist:

»So kannst du nicht denken [dass Arthurs sanftes Berühren ihrer Narbe intimer als der Sex gewesen ist]«, sagt [Elik] laut, und das stimmt, an jedem dieser drei Gedanken zieht sie jedesmal ein bißchen weiter, als ribbele sie einen Pullover auf. Und zugleich wiederholt sie sie, gebetsmühlenartig. Diese Narbe, die ihr gehört und nur ihr allein, der Augenblick des Feuers, der Schmerz, der Brandgeruch, der Mann, der seine Zigarette ausdrückt, herumdreht, während er sie mit seinem aggressiven Gewicht zermalmt, sie auseinanderreißt, der Alkoholgestank aus dem Mund, der Worte brabbelt, ihre Schreie, ihre Mutter, die torkelnd im Zimmer erscheint und sich mit beiden Händen an der Tür festhalten muß und zuschaut, das alles ist ihres. Meins, meins. Darüber kann nie gesprochen werden.

Die entscheidenden, intensiven Ereignisse im Leben der Figuren finden nur als Schemen Niederschlag im Text. Nooteboom zirkelt um sie herum, lässt sie bestehen als Unausgeprochenes, als prägendes Bedeutungszentrum, von dem aus die Sprache ihren Fort- und Ausgang nimmt, aber nicht wieder zurückfindet. So bleibt der Unfall von Arthurs Frau und seines Sohnes fast unerwähnt, und auch Arthurs ganze Familie. In einer sehr kurzen Episode blitzt sein Vater und der nur andeutungsweise angesprochene Vater-Sohn-Konflikt auf:

[…] der Mann, sein Vater, den er an einem verregneten Tag wie einen Clown mit einem mageren Stapel [der Tageszeitung der SED Westberlins] ‚Die Wahrheit‘ unter durchsichtigem Plastik an der Ecke des Albert-Cuyp-Markts stehen sieht, inmitten Hunderter, die vorbeigehen, wie er selbst vorbeigegangen war, sich unsichtbar gemacht hatte, um das nicht sehen zu müssen, den Mann nicht grüßen zu müssen, nicht dasein zu müssen. Die letzten Jahre vor seinem Tod hatte sein Vater nichts mehr gesagt. Ein Überzeugter, und folglich bitter gestorben.

Abgeblendet durch zu grellen Widerschein befasst sich die Erzählweise Nootebooms mit Nebenschauplätzen, nähert sich den problematischen, wunden Stellen langsam und vorsichtig, rückt ihnen nicht zu nahe. Es steckt zu viel Schmerz in seinen Figuren. Die Dunkelheit besänftigt, beruhigt, lindert die noch schwelenden Konflikte. Die Spaziergänge führen durch Nebel, durch Dunkelheit, durch Regen und Schneegestöber. Eine umfassende Schwere und Langsamkeit zeichnet Nootebooms Allerseelen aus, vor allem Scheu:

Er wußte genau, was er empfinden würde, und das wollte er nicht. Er hatte es nicht sagen wollen, damals, und wahrscheinlich war es auch Unsinn, aber tief in seinem Herzen hatte er gedacht, daß Roelfje vielleicht genauso gegangen war wie diese Frau. Scheu war das Wort, das dazugehörte. Scheu, es schien, als ob dieses Wort nun, da er es aussprach, nicht einmal mehr existierte. »Es stirbt aus«, hatte Victor gesagt. »Nur noch in Reservaten zu finden.«

Charakteristisch noch erscheint in Allerseelen eine Art antiker Chor, der den Erzählstrom, der hauptsächlich von Arthur, aber auch von den anderen Figuren handelt, einige Male unterbricht, die Erzählung weiter distanziert, von größerer Warte aus betrachtet, eine Art historisches allgegenwärtiges Bewusstsein. Dieser Chor deutet an, dass hier alles und nichts verhandelt wird, dass jede Tiefen- und Höhendimension erlaubt wird, ein Streifen zwischen Himmel und Erde, Zukunft und Vergangenheit, zwischen Tier und Mensch:

Tiere schienen soviel mehr zu wissen als Menschen, weigerten sich aber, etwas davon preiszugeben. Der Panther wich deinem Blick aus, der Löwe sah etwas dicht neben dir, die Schlange schaute nicht her, das Kamel sah über dich hinweg, der Elefant wollte lediglich die verbotene Erdnuß am Ende seines Rüssels sehen; alle leugneten sie deine Existenz, vielleicht aus Rache, wahrscheinlicher aber aus einem so intensiven Mitleid heraus, daß kein Blickkontakt zu ertragen wäre.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Stilistisch nicht so ausgefeilt wie Brigitte Reimanns Franziska Linkerhand, denn die Sprache gleitet hier und da ins Feuilletonistische ab, nicht so intensiv, pragmatisierend befeuernd in der Konfliktdurchschreitung wie Werner Bräunigs Rummelplatz, denn Nooteboom verweigert sich einer gewissen reflektorischen Tiefenschärfe, auch nicht so pessimistisch nihilistisch stringent wie Elfriede Jelineks Die Kinder der Toten strahlt Cees Nootebooms Allerseelen nichtsdestotrotz einen melancholisch-gesättigten, optimistischen Utopiesinn aus, der sich von der Ernüchterung der Jahrtausendwende, von den neuen Konflikten, wieder aufflammenden Nationalismen nicht bange machen lässt. Nootebooms Roman spielt in der ganzen Welt und bezieht jeden und alles ein, wie Arthurs Philosophenfreund (an Rüdiger Safranski angelehnt) es formuliert:

Vielleicht drücke ich mich nicht richtig aus. Ich will’s mal so sagen: Die Welt, mit der wir zu tun haben, ist, wie auch immer, die Summe all dessen, was sich ereignet hat, obgleich wir häufig nicht wissen, was das ist, oder sich herausstellt, daß etwas, von dem wir glaubten, es habe sich so und so abgespielt, sich in Wirklichkeit ganz anders zugetragen hat … und das, dieses Finden von etwas, was wir noch nicht wußten, oder dieses Korrigieren von etwas, was wir falsch wußten, ist die Arbeit von Historikern, jedenfalls von einigen […]

Geraten die Figuren in Rituale noch in den mechanischen Mahlstrom der eigenen Begierde, dem Selbstmord und la-petite-morte der sexuellen Erfüllung und treiben so, mythisch-religiös gesättigt, ihrem Tod und Ableben entgegen, und findet in Die folgende Geschichte der Protagonist Erfüllung und Frieden erst im Tod, unverstanden und verkannt, zwischen Europa und Südamerika treibend, driftend, so vermag Nootebooms Arthur in Allerseelen endlich die Sühne und Schuld hinter sich zu lassen. Er entschließt sich zu reisen, zu filmen, zu leben und keinen Gespenstern mehr hinterher zu jagen. Er pilgert nicht mehr. Er bricht auf zu ungeahnten Ufern, zu neuen Horizonten:

Nach dem Frühstück hatte er den Fluß an derselben Stelle noch einmal gefilmt und war dann auf [in Spanien] der N122 in westlicher Richtung gefahren, bei der N1 jedoch in Richtung Norden abgebogen. Nur das unmögliche Auge hoch da oben hätte sehen können, daß das Auto an der Kreuzung kurz gezögert hatte, sich dann aber doch vom Westen abgewandt hatte und bis dahin weitergefahren war, wo die ersten baskischen Namen auf den Verkehrsschildern auftauchen und hinter den Ausläufern der Pyrenäen der hohe Himmel des Nordens sichtbar wird.

Nooteboom befindet sich mit seinen Figuren aus Allerseelen auf Spurensuche einer durch das 20. Jahrhundert faktisch nicht mehr belastbaren Utopie einer ganz anderen möglichen Welt. Alle suchen ihre Nische. In ihr finden sie aber nicht nur die Einzelheit, etwas Isoliertes, sondern das Ganze und sich und mit sich die anderen, all das, was sie auszeichnet, und von der Flut und der nur an Blut und Krieg interessierten Geschichtsschreibung zu vergessen zu werden droht:

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.
Walter Benjamin aus: „Über den Begriff der Geschichte“

Im Gegensatz zu Benjamin, der im Fortschritt lediglich die Anhäufung von Opfern sieht und den Zeitenfluss mythisch-revolutionär zu unterbrechen sucht, zumindest historisch-semantisch, scheint in Nooteboom ein hoffnungsvoller Zweifel hindurch. Indem er sich mit den kleinen, nicht großen Fragen beschäftigt, verlieren die Begriffe als Kampfplätze ihre Zwecke und werden wieder zu öffnenden Beschreibungen eines kosmischen Rätsels. Der den Erzählfluss durchbrechende, anonym bleibende Chor könnte als das schlechte Gewissen der Sprache bezeichnet werden. An entscheidender Stelle stellt er sich gegen Allgemeinbegriffe:

Ihr seid zwar sterblich, doch die Tatsache, daß ihr mit diesem einen winzigen Hirn über die Ewigkeit nachdenken könnt oder über die Vergangenheit und daß ihr dadurch, mit dem begrenzten Raum und der begrenzten Zeit, die euch gegeben ist, so unermeßlich viel Raum und Zeit einnehmen könnt, darin besteht das Rätsel. Stück um Stück kolonisiert ihr, zumindest sofern ihr es wollt, Epochen und Erdteile. Ihr seid die einzigen Wesen im gesamten Universum, die dazu in der Lage sind, und das ausschließlich, indem ihr denkt. Ewigkeit, Gott, Geschichte, das alles sind eure Erfindungen, es ist so viel, daß ihr euch darin verirrt habt. Alles ist echt und zugleich Illusion, damit läßt sich tatsächlich schwer leben.

Das Streiten um Allgemeinplätze, das Verschwinden eines reflektierten Nominalismus, das Zaubern und Bezaubern durch Sprache, die sich nicht an sich selbst verliert, hierin liegt vielleicht der Sturm, den Benjamin als Fortschritt gebrandmarkt hat. Nooteboom sucht in Allerseelen nach der kleinen Form, und vielleicht findet der Frieden ja wirklich im Unscheinbaren, in den Zwischenwelten statt, um die sich die großen und prangenden Ideen zum Glück nicht scheren:

»Mono no aware«, der Fotograf hatte diese Worte wiederholt [das Pathos der Dinge] und nie mehr vergessen. Sie paßten genau zu dem Foto.
»Was würdest du am liebsten fotografieren, wenn du diesen ganzen Blödsinn [Kommerz, Sensation, Prospekte] nicht mehr brauchtest?«
»Steine.«
De Goede hatte gelacht und, was schlimmer war, er hatte nicht mehr aufhören können, bis Arnold Pessers begriff, daß dies als besondere Art der Zustimmung gemeint war.
Cees Nooteboom aus: „Mokusei!“

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.

Außerplanmäßig werde ich ab und zu Besprechungen zu Klassikern posten. In diesem Zuge soll nach und nach mein Ein Kanon an Leben und Inhalt gewinnen.

Andere aktuelle und Klassiker-Kurzrezensionen findet sich vorab bereits hier.

6 Antworten auf „Cees Nooteboom: „Allerseelen““

  1. Zufällig habe ich den vor ein paar Monaten aus dem offenen Bücherschrank gefischt und auch etwas geschrieben, aber bisher nicht veröffentlicht. Muss ich mal suchen. Ist auf jeden Fall deutlich kürzer.

    Du kritisierst manchmal Texte dafür, dass sie eher feuilletonistisch seien, und ich frage mich ob der der Begriff dabei hilft, die Kritik zu verstehen oder eher nicht – er scheint mir relativ unscharf für das Kritisierte, mit dem du soweit ich dich verstehe wohl eine zwar halbwegs atmosphärische oder auch intellektuelle Auseinandersetzung mit einem Gegenstand meinst, die aber doch an der Oberfläche bleibt? Also eher das Aufrufen von bestimmten Effekten als eine tatsächlich durchindividualisierte Szene?

    1. Mich würde deine Kritik sehr interessieren, ich halte also die Augen nach deinem Post offen.

      „Feuilletonistisch“ damit meine ich ziemlich genau, was du beschreibst. Bei „Allerseelen“ ist es die an Safranski erinnerte Figur Arno, die über Gott und die Welt redet, aber eine gewisse Oberflächlichkeit beibehält, die dann bspw. nur Phrasen über Hegel und Walter Benjamin drischt, was mich (da es der Handlung nichts hinzufügt) etwas aus dem Lektürebann reißt. Ich weiß kein besseres Wort dafür, Digression scheint mir zu unspezifisch, da es auch eine interessante, mitreißende Abschweifung sein kann – die übers Namedropping hinausgeht. Ich bin für jeden Vorschlag dankbar. Wie hat dir denn „Allerseelen“ gefallen?

      1. Mir ging es jetzt gar nicht darum, einen besseren Begriff zu etablieren, sondern einfach zu sehen, was mit diesem gemeint ist. Ich glaube es gibt da auch nicht eine einfache Lösung in einem Wort. Prinzipiell versuche ich, wenn es mir wichtig ist, ausführlicher zu erklären, was an einem Text funktioniert oder eben nicht funktioniert, aber natürlich etabliert man dabei Begriffe, die man in folgenden Texten wahrscheinlich nicht immer wieder wiederholen wird. Ich erkläre z.B auch nicht ständig, was ich mit Komposition meine. Das Grundproblem ist natürlich nicht gänzlich aufzulösen: Dass, wenn man Literaturkritik verfassen will, die mehr sein will als Nacherzählung, in Bildern über Bilder reden muss, was immer nur eine Ernährung sein kann.

        An Allerseelen habe ich nur noch weniger Erinnerung, damals habe ich das hier aufgeschrieben:
        “Allerseelen ist eines der seltenen Exemplare eines Flaneurs-Romans, der nicht mit der Zeit beginnt zu langweilen. Der Text lebt vor allem von seinen Beobachtungen auf Streifzügen durch Berlin, an die sich dann allerlei Gedanken anschließen. Es gibt besonders ab der zweiten Hälfte eine Handlung, die aber erst spät wirklich dominant wird (…)
        Einige Schwächen: Dass später manchmal in die Perspektive von Elik gesprungen wird, ergibt für mich wenig Sinn. Es gibt sonst keine andere Fokusfigur als Arthur, abgesehen von einigen an Kapitelenden abgetrennten auktorialen Einfügungen. Dass diese Figur dann plötzlich selbst zur Fokusfigur wird, in deren Innenleben wir gucken können, wirkt auf mich wie eine ähnliche Verlegenheitslösung wie das Weiterreichen der Ich-Perspektive in „Die Schatzinsel“, nachdem die Gruppe sich getrennt hat. Das ebenso wie in geringerem Maße auftretende auktoriale Einschübe sind dann doch leicht aufdringliche Momente in einem sonst unaufdringlichen Text.”

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Kommunikatives Lesen

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen