
Neben seinen Gedichten und Kinderbüchern wie Pünktchen und Anton und Emil und die Detektive verfasste Erich Kästner auch herkömmliche Romane mit Erwachsenen als Zielpublikum. Unter denen erregte Fabian. Die Geschichte eines Moralisten besonderes Aufsehen durch seine sexuelle Freizügigkeit, vergleichbar in neuerer Zeit bspw. mit Charlotte Roches Feuchtgebiete. Im Gegensatz aber zu Roche, deren Schreibweise individualpsychologische Traumabewältigung anvisiert und weniger einen Zeitgeist auf die Schippe zu nehmen versucht, lässt sich Kästners Roman Fabian, der eigentlich Der Gang vor die Hunde hätte heißen sollen und 2013 in Neuauflage auch unter diesem Titel erschienen ist, nur als Parodie auf die Zeit seines Entstehens verstehen, das Ende 1920er Jahre in Berlin:
Soweit diese riesige Stadt aus Stein besteht, ist sie fast noch wie einst. Hinsichtlich der Bewohner gleicht sie längst einem Irrenhaus. Im Osten residiert das Verbrechen, im Zentrum die Gaunerei, im Norden das Elend, im Westen die Unzucht, und in allen Himmelsrichtungen wohnt der Untergang.
Erich Kästner aus: „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“
Inhalt/Plot:
Fabian erzählt vom Leben des promovierten, 32-jährigen Germanisten namens Jakob Fabian, dessen bester Freund und politischer Aktivist Stephan Labude sich in Frankfurt über Gotthold Ephraim Lessing zu habilitieren versucht. Fabian schlägt sich die Nächte in Berlin um die Ohren. Er geht in Bars, Clubs, Bordellen ein und aus und verspürt sehr wenig Interesse und Motivation für seine Tätigkeit als Werbetexter der Reklameabteilung eines Zigarettenkonzerns. Sein Desinteresse äußert sich in Unhöflichkeit seinem Vorgesetzten gegenüber und darin, dass er es nicht für nötig hält, pünktlich zur Arbeit zu erscheinen, zumal er sich für unterbezahlt hält:
»Ich verdiene zu wenig! Was, glauben Sie, fange ich mit den zweihundertsiebzig Mark an, die Sie mir monatlich überreichen lassen?«
»Ich bin nicht neugierig«, antwortete Herr Breitkopf gereizt. »Die Privatangelegenheiten unserer Angestellten sind nicht meine Sache. Übrigens, warum kommen Sie regelmäßig zu spät? Haben Sie etwa noch einen Nebenberuf, Herr Fabian? Dazu bedürfte es einer ausdrücklichen Genehmigung.«
»Ich habe aber trotzdem einen.«
»Wie? Sie haben einen Nebenberuf? Dacht ich mir’s doch! Was tun Sie denn?«
»Ich lebe«, sagte Fabian.
»Leben nennen Sie das?« schrie der Direktor. »In Bars und Tanzsälen treiben Sie sich rum! Leben nennen Sie das? Sie haben ja keinen Respekt vorm Leben!«
Diese Passage befand sich in der 1931 erschienen Ausgabe noch nicht, aber charakterisiert Fabian und seine Einstellung zum Leben insgesamt eindrücklich und wird durch die Unterhaltung mit seiner Mutter in Fabians Heimatstadt unterstrichen, als dieser sich darüber beklagt, kein Ziel im Leben zu haben:
»Ich weiß noch nicht, was ich mache«, sagte er. »Es kann sein, daß ich hier bleibe. Ich will arbeiten. Ich will mich betätigen. Ich will endlich ein Ziel vor Augen haben. Und wenn ich keines finde, erfinde ich eines. So geht es nicht weiter.«
»Zu meiner Zeit gab es das nicht«, behauptete sie. »Da war Geldverdienen ein Ziel, und Heiraten und Kinderkriegen.«
»Vielleicht gewöhne ich mich daran«, meinte er. »Wie sagst du immer?«
Sie hielt im Packen inne und sagte mit Nachdruck: »Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.«
Fabian vertändelt also seine Zeit, streift ziellos durch Berlin und verkehrt in zwielichtigen Clubs. Er trifft auf die selbstbewusste Irene Moll, eine Rechtsanwaltsgattin, bezeugt mit seinem besten Freund Labude ein Duell zwischen einem Nationalsozialisten und Kommunisten und rettet beide, indem er sie nach einem Schusswechsel in die Notaufnahme bringt. Labude verzweifelt an der Welt und den Verhältnissen, engagiert sich, wird von seiner Lebenspartnerin Leda betrogen, trennt sich von dieser und tröstet sich in dem Atelier der Bildhauerin Reiter und ihrer Lebensgefährtin Selow über die Trennung hinweg, indem er sich mit den dort anwesenden Frauen vergnügt und in Ausschweifungen betäubt:
Der Klavierspieler begann einen Tango. Die Bildhauerin holte den Abendakt zum Tanz, preßte die Freundin eng an sich und sprach heftig auf sie ein. Die Selow war völlig betrunken, hörte kaum zu und schloß die Augen. Plötzlich riß sie sich los […]
»Nein!« brüllte die Selow noch einmal. »Ich habe genug davon. Bis dahin. Ich will einen Mann haben! Einen Mann will ich haben! Steig mir doch den Buckel runter, du geile Ziege!« Sie zerrte Labude von seinem Hocker, gab ihm einen Kuß, hieb sich den Hut auf den Kopf und zog den jungen Mann, kaum daß er den Mantel mitnehmen konnte, zur Tür. »Es lebe der kleine Unterschied!« schrie sie. Dann waren die beiden verschwunden.
Fabian, peinlich berührt, verlässt mit der promovierten Juristin Cornelia Battenberg das Etablissement. Sie verlieben sich ineinander. Doch die junge Liebe steht unter keinem guten Stern, als Fabian seinen Job verliert und Cornelia eine Affäre mit dem Filmproduzenten Markart beginnt, der ihr eine große Karriere verspricht. Tief getroffen driftet Fabian durch Berlin und schwelgt in Weltuntergangsgedanken, in die er durch den Selbstmord seines Freundes Labude noch tiefer hineingestoßen wird. Dieser hat sich, nachdem ihm der Universitätsassistent Weckherlin mitgeteilt hat, dass sein Habilitationsvorhaben über Lessing abgelehnt worden ist, mit einer Pistole erschossen. Später stellt sich die Ablehnung als schlechter Scherz heraus. Fabian platzt der Kragen und vermöbelt den Assistenten:
Weckherlin legte die Hand auf die Klinke und sprach: »Es war nur ein Scherz!«
Da schrie Fabian, es war ein unartikulierter Laut, er klang wie der Schrei eines Tiers. Im nächsten Augenblick sprang er vor und schlug auf den Assistenten ein, mit beiden Fäusten, unablässig, ohne zu überlegen, wohin er traf. Besinnungslos, wie ein automatischer Hammer, schlug er zu, immer wieder. »Du Schuft!« brüllte er und hieb dem anderen beide Fäuste mitten ins Gesicht.
Angeekelt von der Welt und Berlin fährt er zurück in seine Heimatstadt Dresden, das nicht explizit genannt wird, aber auf das die Nennung der Dreikönigskirche und der Dammweg im 21. Kapitel hindeuten, trifft alte Jugendfreunde, sehnt sich nach einem ruhigen Leben in der Natur und verunglückt beim Versuch, einem Jungen vor dem Ertrinken zu bewahren, selbst, da er im Eifer des Gefechtes vergisst, dass er gar nicht schwimmen kann.
Detaillierte Inhaltsgabe
- Jakob Fabian (JF) besucht einen Privatclub, lernt eine Frau kennen und begleitet sie nach Hause.
- Die Frau heißt Irene Moll (IM) und ist verheiratet. Ihr Ehemann und sie haben eine Vereinbarung. JF türmt und sucht in seinem Stammcafé seinen Freund Stephan Labude (SL). Er hilft einem Bettler.
- JF kommt zu spät ins Werbetexterbüro. Der Direktor zeigt Narbe von Blinddarmoperation. JF wirft dem Direktor vor, eine Affäre mit dem Tippfräulein zu haben.
- JF erhält Brief von seiner Mutter. JF liest Descartes und trifft sich mit SL. Sie veralbern Fahrgäste.
- JF und SL besuchen einen Club. Sie treffen auf IM, die randaliert und singt.
- JF und SL klären Streit zwischen einem Arbeiteraktivistin und Nationalsozialisten bei. SL konfisziert eine Pistole. Sie helfen beiden.
- JF und SL besuchen Kabarett. Es kommt zu einer Verwechslung. JF und SL verabreden sich.
- JF besucht SL bei dessen Eltern in Grunewald. SL erzählt vom Betrug seiner Ex-Verlobten Leda. SL hat sich von ihr getrennt.
- JF und SL besuchen das Atelier der Bildhauerin Reiter, wo sich SL über sein Beziehungsende mit einem Mädchen namens Kulp hinwegtröstet. Es geht wüst zu. JF lernt Cornelia Battenberg (CB) kennen. Sie besuchen ein Klublokal. SL schämt sich ein wenig, lässt sich von Selow, der Geliebten von Reiter, verführen. JF begleitet CB nach Hause.
- CB erzählt von ihrem Dissertationsvorhaben. JF schlägt ihr vor, Schauspielerin zu werden. Überraschenderweise wohnen CB und JF im selben Haus. Sie schlafen miteinander.
- JF wird gefeuert, trifft auf seinem Weg in der Stadt einen Erfinder und Textilindustriemagnaten, der inkognito in Berlin auf der Straße lebt. Er bietet ihm sein Sofa zur Übernachtung an. Bei der Rückkehr erwartet in SL in seinem Zimmer. JF gesteht CB, dass er gekündigt wurde. Der Erfinder schläft bei ihm im Zimmer.
- Der Erfinder, Professor Kollrepp, muss sich vor der Wirtin verstecken. JF meldet sich arbeitslos, bekommt aber noch keine Unterstützung. Er sucht Arbeit. Als er zurückkommt, wartet seine Mutter auf seinem Zimmer. Der Erfinder wird von einem Arzt in Begleitung abgeholt. JF verbringt einen Abend mit der Mutter. Er sagt ihr nicht, dass er gekündigt wurde.
- JF gibt vor, zur Arbeit zu gehen. Szene mit Platons Menschentypologie. Er hilft kleinem Mädchen im Kaufhaus. Er trifft wieder IM, deren sich wegen krimineller Unterschlagung Ehemann auf der Flucht befindet und die ein Bordell für Frauen führt. Sie bietet ihm einen Job als Buchhalter an. Er lehnt ab. Vor seiner alten Arbeit lässt JF sich von seiner Mutter abholen. CB bittet ihm um 100 Mark, um sich für ein Vorstellungsgespräch einzukleiden, das darüber entscheidet, ob sie Filmschauspielerin wird.
- Surrealistischer Traum von JF.
- JF gibt Wirtin bekannt, dass er arbeitslos ist. Er sucht Arbeit, fragt Herrn Zacharias. CB trennt sich von ihm, beginnt Affäre mit viel älteren Filmproduzenten Markart, der sie groß rausbringen will.
- JF fährt durch die Stadt, lenkt sich ab, geht ins Hippodrom, lernt eine Frau kennen. Er begleitet sie nach Hause. Sie schlafen miteinander.
- Es stellt sich heraus, dass die Frau, Mucki, mit einem Handelsreisenden verheiratet ist. JF trifft sich mit CB. JF kehrt zurück zu Mucki, wird dort vom Ehemann fortgejagt.
- Die Kriminalpolizei will ihn sprechen. SL hat sich im Atelier mit der Pistole des Nationalsozialisten umgebracht, nachdem seine Habilitationsschrift abgelehnt worden ist.
- JF gibt den Eltern von SL Bescheid. Der Vater nimmt es nicht schwer, ersucht um ein Treffen in der Universität ob der Ablehnung von SLs. JF geht zu Fuß nach Hause.
- CB nimmt ihn mit zur Universität. Die Ablehnung der Habilitationsschrift stellt sich als schlechter Scherz heraus. JF verprügelt den Assistenten.
- JF beschließt nach Hause zu fahren und sieht Schlagzeile über CB „Juristin wird Filmstar“. Im Zug trifft er IM. Sie türmt wie ihr Ehemann vor der Polizei nach Budapest und fragt, ob er mitkommen will. JF weint, kaum zu Hause angekommen.
- JF spaziert durch Heimatstadt, erinnert sich an Kindheit, trifft alte Jugendliebe.
- JF trifft alten Jugendfreund, der Nationalsozialist geworden ist. Sie trinken Bier und streiten sich, gehen danach ins Bordell. Der Jugendfreund benimmt sich daneben. JF muss nicht zahlen und bekommt sein Geld zurück.
- JF bewirbt sich bei einer Zeitung, die sich als rechtsstehend entpuppt. Er nimmt das Jobangebot nicht an. Er beschließt im Erzgebirge wandern zu gehen, sich neu zu orientieren. Als er losgeht, will er einen vermeintlich ertrinkenden Jungen das Leben retten, aber ertrinkt bei dem Versuch. Der Junge konnte selbst schwimmen. Fabian nicht.
Stil/Sprache/Form:
Kästner verschleiert nicht, dass es sich bei seinem Roman Fabian um eine Satire handelt. Die Sprache geht klar aus dem Stil der Neuen Sachlichkeit hervor. Kurze Sätze. Adjektivlose Beschreibung. Fast keine Adverbien. Schnelle, rasante Reportageneinwürfe, Handlungsabfolgen, die die Atemlosigkeit und Ruhelosigkeit der Stadt Berlin vor Augen führen sollen. Die Ereignisse entbehren jeder Logik und Wahrscheinlichkeit. Sie illustrieren nur. Sie überzeichnen. Sie parodieren. Kästner findet hierzu im Nachwort deutliche Worte:
Der Autor hält den Roman keineswegs für eine amorphe Kunstgattung, und trotzdem hat er hier und dieses Mal, die Steine nicht zum Bauen verwandt. […] Ein junger Mann erschießt sich. Ein anderer junger Mann ertrinkt. Und beide Todesfälle sind äußerlich so wenig gerechtfertigt, beide Herren kommen derartig aus Versehen ums Leben, daß man fragen könnte: Gab es denn keine zwingenderen Anlässe? Warum versagte der Autor ihrem Tod die Notwendigkeit?
Aus dieser Perspektive liest sich Fabian wie ein langer Witz ohne Pointe. Die Handlungen wie die Figuren sollen keine Einheit ergeben. Der Zufall regiert. Die Zusammenhangslosigkeit untermalt nur die Sinnlosigkeit des Daseins in einer Welt ohne Vernunft. Ohne mit der Wimper zu zucken, gibt der Roman seine Protagonisten der Lächerlichkeit preis. Fabian und Labude erscheinen als Lausbuben, mit denen die Pferde durchgehen, als jung, unerfahren und überfordert in allen Belangen, aber stets zum Scherzen aufgelegt wie in der Szene, als Fabian Cornelia verheimlicht, dass er ihr Nachbar ist und vorgibt, in eine fremde Wohnung einzubrechen:
Dann hob [Fabian] sie aus dem Bett, öffnete die Tür und zog die widerstrebende Cornelia in den Korridor. Sie sträubte sich, aber er faßte sie unter, und sie spazierten, Adam und Eva zum Verwechseln ähnlich, den Flur entlang, bis vor Fabians Tür. »Das ist ja entsetzlich«, jammerte sie und wollte entfliehen. Aber er drückte die Klinke nieder und transportierte das Mädchen in sein Zimmer. Sie klapperte kläglich mit den Zähnen. Er machte Licht, verbeugte sich und äußerte feierlich: »Herr Doktor Fabian erlaubt sich, Fräulein Doktor Battenberg in seinen Gemächern willkommen zu heißen.« Dann warf er sich auf sein Bett und biß vor Vergnügen ins Kopfkissen.
Kästner konstruiert in Fabian Dilemmata und löst sie mit einem Tusch und Trara auf. Er montiert auch, ähnlich wie Alfred Döblin in Berlin-Alexanderplatz, Nachrichten, Briefe sowie surrealistische Traumsequenzen in den Text, die aber sehr alltagsbezogen und trocken bleiben. Der Imagination bleiben also enge Fesseln angelegt. Die Konsequenz, mit der Kästner die Phantasie bremst, deutet auf die zugrundeliegende Ironie hin. Die Pikanterien werden nicht ausgeschlachtet, die Vorgänge nicht reißerisch beschrieben, die Eklatmomente nicht ausgenutzt, und zwar aus Überzeugung. Gerade in der nüchternen, trockenen Darstellung der Exzesse zeigt sich das Moralische von Kästners Erzählweise:
Die Kündigung ist eine bedauerliche Folge der vom Aufsichtsrat beschlossenen Senkung des Reklamebudgets. Wir danken Ihnen für die dem Unternehmen geleistete Arbeit und wünschen Ihnen für Ihr weiteres Fortkommen das Beste.« Unterschrift. Aus.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Erich Kästners Fabian ordnet sich exakt zwischen den nüchternen, reportagehaften Großstadtroman Döblins Berlin-Alexanderplatz und dem verträumt, lustwandlerischen Kurt Tucholsky-Idyll Schloß Gripsholm ein. Döblins Roman erschien 1929, Tucholskys und Kästners zwei Jahre später. Döblin betont das Großstädtische, das Unübersichtliche, Überfordernde der Großstadt. Franz Biberkopf kommt nicht zurecht.
Herankommen lassen – die Nacht und sie kann noch so schwarz und wie nichts sein. Herankommen lassen die schwarze Nacht, die Äcker, auf denen der starre Frost liegt, die hartgefrorenen Chausseen. Herankommen lassen die einsamen Ziegelhäuser, aus denen das rötliche Licht kommt, herankommen lassen […] Berlin mit der Schweidnitzer Straße, mit dem großen Ring der Kaiser-Wilhelm-Straße, Kurfürstenstraße, und überall sind Wohnungen, in denen sich die Menschen wärmen, sich lieb ansehen, kalt nebeneinandersitzen, Dreckbuden und Kneipen, wo einer Klavier spielt, Puppchen, so ein oller Schlager, als wenn es 1928 nichts Neues gibt, zum Beispiel: »Madonna, du bist schöner« oder »Ramona«.
Alfred Döblin aus: „Berlin-Alexanderplatz“
Döblin wirft alles in die Waagschale, was die Sprache seiner Zeit, die Sprache zur Verfügung hat, erlaubt Onomatopoesie wie Illustrationen, wie Grafiken, wie Nachrichtenschnipsel, Träume, Dialoge, aber bleibt wie auch Kästner auf Distanz zu seiner Erzählwelt. Die Erzählinstanz schwebt über den Dingen. Sie schaut Franz Biberkopf bei seinem taumelnden, torkelnden Fluchtversuch zu. Anders Tucholsky. Er vertieft sich in die Sentimentalität und Innerlichkeit seiner Figuren, lässt sie in einen Strudel der Zärtlichkeit abtauchen, bis nur noch die Geselligkeit existiert, keine Stadt, kein Umfeld, nur noch wie in der berühmt-berüchtigten Weltflucht-Szene in Schloß Gripsholm die von allen gesellschaftlichen Vorgaben entfesselte Lust:
Es war, wie wenn jemand lange mit seinem Bobsleigh am Start gestanden hatte, und nun wurde losgelassen – da sauste der Schlitten zu Tal! Wir gaben uns jenem, der die Menschen niederdrückt und aufhebt, zum tiefsten und höchsten Punkt zugleich… ich wußte nichts mehr. Lust steigerte sich an Lust, dann wurde der Traum klarer, und ich versank in ihnen, sie in mir – wir flüchteten aus der Einsamkeit der Welt zueinander. Ein Gran Böses war dabei, ein Löffelchen Ironie, nichts Schmachtendes, sehr viel Wille, sehr viel Erfahrung und sehr viel Unschuld. Wir flüsterten; wir sprachen erst übereinander, dann über das, was wir taten, dann nichts mehr.
Kurt Tucholsky aus: „Schloß Gripsholm“ (4. Kapitel)
Zwischen der unbarmherzigen Kamera und dem Lose-Blatt-Panorama Döblins in Berlin-Alexanderplatz und der weichgezeichneten impressionistischen Idyll-Malerei Tucholskys aus Schloss Gripsholm springt Kästner mit seinem Fabian. Er vereinigt den kühlen Blick Döblins mit der Sehnsucht nach unschuldiger Nähe Tucholskys. Für Utopie und Phantasie bleibt zwischen Kriegsgefahr, Arbeitslosigkeit und Inflation kein Platz, wie Fabian seinem Freund Labude berichtet, als er von den letzten Tagen vor seinem Einzug in den 1. Weltkrieg erzählt:
Die nächste Zukunft hatte den Entschluß gefaßt, mich zu Blutwurst zu verarbeiten. Was sollte ich bis dahin tun? Bücher lesen? An meinem Charakter feilen? Geld verdienen? Ich saß in einem großen Wartesaal, und der hieß Europa. Acht Tage später fährt der Zug. Das wußte ich. Aber wohin er fuhr und was aus mir werden sollte, das wußte kein Mensch. Und jetzt sitzen wir wieder im Wartesaal, und wieder heißt er Europa! Und wieder wissen wir nicht, was geschehen wird. Wir leben provisorisch, die Inflation nimmt kein Ende!
Leider werden diese Worte einer Figur in den Mund gelegt, die alles und nichts sagt, dieses und jenes Widersprechendes tut, weder sich zu binden noch auf eigenen Beinen zu stehen versteht. Beispielsweise hilft er einem mittellosen Mädchen in einem Kaufhaus, ein Geschenk für ihren Vater zu kaufen, wenig später jedoch schlägt er einen Universitätsassistenten krankenhausreif. Fabian von Erich Kästner erzählt, ohne zu erzählen, nimmt Stellung, ohne Stellung zu beziehen, verbleibt konsistent inkohärent.
Vieles deutet daraufhin, dass Fabian ein Schlüsselroman der Berliner Intellektuellenszene darstellt. In diesem Falle steht wohl Stephan Labude für Walter Benjamin, dessen Habilitation in Frankfurt am Main 1925 ebenfalls abgelehnt wurde, der auch eine Fernbeziehung mit Asja Lacis führte, ein Sohn namens Stephan hatte und dessen Eltern wie Labudes eine Villa in Grunewald und eine Stadtwohnung in Berlin besaßen. Im Frühjahr schrieb Benjamin nämlich über Kästners Lyrik in einer Rezension mit dem Titel Linke Melancholie:
Dieser Dichter ist unzufrieden, ja schwermütig. Seine Schwermut kommt aber aus Routine. Denn Routiniertsein heißt, seine Idiosynkrasien geopfert, die Gabe, sich zu ekeln, preisgegeben haben. Und das macht schwermütig. Dies ist der Umstand, der diesem Fall einige Ähnlichkeit mit dem Fall Heine gibt. Routiniert sind die Anmerkungen, mit denen Kästner seine Gedichte einbeult, um diesen lackierten Kinderbällchen das Ansehen von Rugbybällen zu geben. Und nichts ist routinierter als die Ironie, die den gerührten Teig der Privatmeinung aufgehen läßt wie ein Backmittel.
Walter Benjamin aus: „Aufsätze Essays Vortrage (Werke II.3)
In Bezug auf den Roman Fabian lässt sich das mit Langeweile übersetzen. Den Erzähler langweilt seine eigene Zeit wie das Schicksal seiner Figuren. Er weiß sich deshalb nicht anders zu helfen, als mit ihnen kurzen Prozess zu machen. Er lässt sie über die Klinge springen, und zwar auf denkbar lächerlichste Art. Er will einfach mit seiner Zeit, den Diskursen, den Meinungen nichts zu tun haben und legt mit Fabian ein Null-Ouvert auf den Tisch. Benjamin beschreibt es wie folgt:
Kästners Nihilismus aber verbirgt nichts, sowenig wie ein Rachen, der sich vor Gähnen nicht schließen kann.
Walter Benjamin aus: „Aufsätze Essays Vortrage“ (Werke II.3 – LINK)
Wie wenige andere vor ihm und nach ihm hat Erich Kästner in Fabian das Spielen, um nicht mitzuspielen, die Wortmeldung, ohne sich zu positionieren, das Teilnehmen, nur um wieder auszusteigen, konsequent durchdekliniert. Epimenides‘ bekanntes Paradoxon, dass ein Kreter nicht behaupten kann, alle Kreter lögen, ohne sich selbst zu widersprechen, führt dazu, dass Kästner nichts als der erhobene Zeigerfinger bleibt, wie er im Nachwort zur Neuausgabe 1950 zugibt:
Die Karikatur, ein legitimes Kunstmittel, ist das Äußerste, was er vermag. Wenn auch das nicht hilft, dann hilft überhaupt nichts mehr. Daß überhaupt nichts hilft, ist – damals wie heute – keine Seltenheit. Eine Seltenheit wäre es allerdings, wenn das den Moralisten entmutigte.
Die Erstausgabe von Fabian erschien am 15. Oktober 1931. Etwa nur fünf Wochen später, am 26. November 1931, kam Kästners Kinderroman Pünktchen und Anton auf den Markt, in welchem er ganz andere Klänge anschlägt. Dort bleibt die moralische von der literarischen Ebene sorgsam getrennt und Kästner entwickelt einfühlsam die enge Freundschaft zwischen Pünktchen und Anton, wie sie gemeinsam durch dick und dünn gehen, niemals aneinander zweifeln und die Freundschaft, die Hoffnung, die Hilfe dazu führt, dass sich am Ende alles in Wohlgefallen auflöst. Erich Kästner hat einfach mehr an die Kinder als an die Erwachsenen geglaubt. Fabian zeigt, er hat offenkundig auch viel lieber über sie geschrieben.


Das Buch wurde miral vor zwanzig Jahren geschenkt. Ich versuchte es zu lesen, aber es erschloss sich mir ebensowenig wie Schloß Gripsholm. Das war auch im Buchpaket. Vielleicht passt es jetzt in diese Zeit