Die Vorlesungen über die Ästhetik (1835) von Georg Wilhelm Friedrich Hegel gehören zu den maßgeblichsten Abhandlungen des ästhetischen Feldes der Neuzeit. Zusammen mit Immanuel Kants Die Kritik der Urteilskraft(1790), Theodor W. Adornos Ästhetische Theorie (1970) und Umberto Ecos Das offene Kunstwerk (1977) spannen sie einen begrifflichen sehr differenzierten Raum auf, in welchem noch die verschiedensten Gemischlagen ästhetischer Interventionen ihren Platz zu finden vermögen. Hegel selbst bricht in diesem Raum eine Lanze für das synthetisierende, harmonisch-dynamische Kunstwerk, wohingegen Kant das sittlich-statische bevorzugt und Adorno den selbstimmunisierend-autonomen und Eco dem verspielt-kaleidoskopisch postmodernen Werken das Wort redet. Im folgenden will ich in der Reihe meiner Bemühungen, das bisherige ästhetische Feld in seiner vollumfänglichen Begrifflichkeit zu umreißen, den Hegelschen Kunstbegriff vorstellen, seine Maßstäbe des artistischen Gelingens und die Stufen und Paradigmen der ästhetischen Entwicklung. Als Ausgangspunkt nehme folgendes Zitat aus Hegels Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1830):
Die Gestalt dieses Wissens [das der Kunst] ist als unmittelbar (das Moment der Endlichkeit der Kunst) einerseits ein Zerfallen in ein Werk von äußerlichem gemeinen Dasein, in das dasselbe produzierende und in das anschauende und verehrende Subjekt; andererseits ist sie die konkrete Anschauung und Vorstellung des an sich absoluten Geistes als des Ideals, – der aus dem subjektiven Geiste geborenen konkreten Gestalt, in welcher die natürliche Unmittelbarkeit nur Zeichen der Idee [ist], zu deren Ausdruck so durch den einbildenden Geist verklärt ist, daß die Gestalt sonst nichts anderes an ihr zeigt; – die Gestalt der Schönheit.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel aus: „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse“
Hegels Kunstbegriff
Die Tatsache, dass ein Kunstwerk erscheint, verleiht diesem eine Endlichkeit. Es besitzt einen Rahmen, eine Ausdehnung in Zeit oder Raum oder beidem, einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. In diesem Sinne besitzt es keine in sich offene, immer über sich hinauswachsende Unendlichkeit wie bspw. der schaffende, schöpferische kosmische Evolutionsprozess, den Hegel Weltgeist nennt und das unendlich offene Absolute sich selbst Erschaffende darstellt. Das Kunstwerk, als Endliches, wird erschaffen, erschafft sich nicht selbst, und betrachtet und steht der Allgemeinheit zur Verfügung als Ding, als Etwas. Es ist endlich.
Bis hierhin also unterscheidet sich das Kunstwerk von keinem produzierten, hergestellten Gegenstand. Hegel expliziert deshalb, dass das Kunstwerk den absoluten Geist als Ideal konkret veranschaulicht. In seiner Ästhetik umschreibt er das Ideal wie folgt:
Die in sich konkrete Idee […] trägt das Prinzip ihrer Erscheinungsweise in sich selbst und ist dadurch ihr eigenes freies Gestalten. So bringt erst die wahrhaft konkrete Idee die wahre Gestalt hervor, und dieses Entsprechen beider ist das Ideal.
Georg Friedrich Hegel aus: „Vorlesungen über die Ästhetik“
Das Ideal also entsteht dadurch, dass eine Gestalt ihr eigenes Entstehungsprinzip zur Erscheinung bringt. Das, was erscheint, erscheint auf eine stimmige, sich zusammenschließende, harmonische Art und Weise derart, dass es so, wie es ist und erscheint, abgeschlossen, fertig und als lebendiges Ganzes unveränderbar und auf sich selbst bezogen zufrieden wirkt. Ein Kunstwerk lässt sich vor diesem Hintergrund nur zerstören, nicht verbessern. Es erscheint in diesem Sinne als notwendig und in sich rundend und sich auf sich selbst beziehend singulär. Hegel hat hier wohl das Ideal der klassischen Kunst vor Augen, die Skulptur der klassischen Antike, die er als Höhepunkt des Ästhetischen schlechthin begreift. Rainer Maria Rilke fasst es in seinem berühmten Gedicht vom Archaïscher Torso Apollos (1908) wie folgt:
Aber/ sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
Rainer Maria Rilke aus: „Neuen Gedichte“
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,/ sich hält und glänzt. […]
und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,/ die dich nicht sieht.
Die Skulptur selbst verweist auf den Geist, der den Körper belebt, auf das gespeicherte, sinnliche Erleben einer sich seiner selbst bewusst werdenden Individualität. Von dieser Form spricht Hegel, sobald der Begriff Ideal fällt, die geistige Durchdringung des Materials, die Verfeinerung und Durchformung des Groben in der mit allen seinen Details und Einzelheiten harmonierenden synthetischen Gesamtgestalt, die die Realität idealisiert.
Ebensosehr aber setzt das Ideal seinen Fuß in die Sinnlichkeit und deren Naturgestalt hinein, doch zieht ihn wie das Bereich des Äußeren zugleich zu sich zurück, indem die Kunst den Apparat, dessen die äußere Erscheinung zu ihrer Selbsterhaltung bedarf, zu den Grenzen zurückzuführen weiß, innerhalb welcher das Äußere die Manifestation der geistigen Freiheit sein kann. Dadurch allein steht das Ideal im Äußerlichen mit sich selbst zusammengeschlossen frei auf sich beruhend da, als sinnlich selig in sich, seiner sich freuend und genießend.
Im Eingangszitat noch folgt jedoch eine weitere Einschränkung, nämlich dass die Idealität nur als Zeichen der Idee verwirklicht wird. Das Kunstwerk erscheint als verkörpertes Wissen, also als eine endliche Form, als Ding, das im Sinne des Ideals, also der Durchformung der in sich belebten, sich entfaltenden beseelten Materie gestaltet wird. Dieses Ideal nun, als Unmittelbarkeit, vermag die Belebtheit nicht aus sich heraus zu verwirklichen, denn das Ding, als Endlichkeit, besitzt keine Lebendigkeit. Es besitzt die Idee als Ideal, indem es sich als schöne Gestalt sich verwirklicht hat und durch Schönheit eben eine Art Funken des Lebens mit sich führt, der an die Idee gemahnt, aber vom Betrachter, „dem verehrenden Subjekt“ erschlossen werden muss.
Hegels Begriff des Schönen
Hegels Begriff des Schönen basiert auf dem sinnlichen Erscheinen der Idee, lässt sich also nur durch seinen eminenten Begriff der Idee verstehen, der als Schlüsse und zugleich als Paradoxon seiner gesamten Logik zugrunde liegt. Er begreift die Idee wie folgt:
Idee nun überhaupt ist nichts anderes als der Begriff, die Realität des Begriffs und die Einheit beider.
In der Idee selbst verwirklicht sich das bewegende, trennende Prinzip, der urteilende Begriff, durch den allein die Wirklichkeit ihre Endlichkeit, auch das Kunstwerk selbst, überwindet, nämlich als Verwandlung und Durchformung eines sich explorierenden kosmischen Ganzen. Diese Überwindung vermag die Kunst nicht zu leisten. Das Kunstwerk selbst erinnert mit seiner Schönheit an die geistige Kraft, die sich in ihm implizit aufzeigt und die sich, Harmonie und Synthesis erzeugend, mittels des materiellen Kontinuums selbst erforscht und nach Selbstbewusstheit und Selbstgewissheit strebt. Die Schönheit setzt er als Inspiration, die alle Gegensätze zeitlich überwindet und über sich hinaus, zu neuen Stufen formend, versöhnt.
Das Schöne bestimmt sich dadurch als das sinnliche Scheinen der Idee.
Im Schönen erblickt der Geist seine eigene Freiheit, seine Wahrheit, sein dynamisches, gestalterisches Sein als Zeichen. Das Absolute im Hegelschen Sinne selbst vermag das Kunstwerk nicht vollends zu fassen, da es an der Erscheinung, an die Sinnlichkeit gebunden bleibt, sich also nur augenblickhaft verwirklicht, keine Beständigkeit besitzt, stets nur immer wieder aufs Neue durch geistige Betätigung durch Betrachtung oder Rezeption evoziert werden kann. Das Kunstwerk selbst bedarf zur Entfaltung oder Verwirklichung der Schönheit der sich über sich hinweg hebenden Erinnerungsarbeit des Geistes, und deshalb betont Hegel, dass Schönheit selbst nur als begriffliche, als Spurenlesung, vollends verwirklicht werden kann:
So bleibt der Verstand stets im Endlichen, Einseitigen und Unwahren stehen. Das Schöne dagegen ist in sich selber unendlich und frei.
Hiermit sagt Hegel, dass das bloße sinnliche Genießen, das Wohlgefallen oder die konsumierende Rezeption nicht die Schönheit des Ideals erreicht. Ein Kunstwerk bleibt auf das erschließende, erinnernde, sich in die Gestalt hinein versetzende Bewusstsein als Geist angewiesen, um sich in seiner Zeichenhaftigkeit auf das Absolute hin zu verwirklichen. Es erscheint hiermit als eine Art Medium und Erinnerungsform, als Spur eines Augenblicks der Inspiration, die durch selbige wieder belebt und innerlich, im Geist, zur Entfaltung gebracht werden kann. Neumodisch gesprochen: das Kunstwerk dient als Speichermedium eines seiner Zeitlichkeit innerlich gewordenen Seins. Es komprimiert und verdichtet eine ästhetisch-kosmischen Selbsterfahrung, die über die schöne Gestalt durch die Zeit hinweg getragen und stets erneut, als Andacht, von anderen wiedererfahren werden kann. Diese Arbeit gelingt erstens nicht immer und jedem und muss stets aufs neue, bei jedem Rezeptionsakt geleistet werden – die Endlichkeit der Kunst heißt hier, das Schöne blüht nur für einen kurzen Moment, bevor es stirbt, und muss immer wieder wiederbelebt werden.
Hegels Begrenzung des Schönen aufs Menschliche
Im Gegensatz zu Immanuel Kant, der das Naturschöne bevorzugt, betont Hegel in seiner Ästhetik das Kunstschöne. Nur in diesem liegt die Aktivität der je individuellen Schaffenskraft, die in sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vermittelt und hierdurch kraft einer dem inspirierten Subjekt innewohnenden Phantasie zu einem Kunstwerk idealisiert. Für Kant verbleibt das ästhetische Wohlgefallen in einer Art sittlichem Gemeinwohl und passiv behaglichem Einvernehmen, insbesondere angesichts des Naturspektakels wie eines Sonnenuntergangs oder eines Felsmassivs. Für Hegel ergibt sich darin zwar ebenfalls eine Art Wohlgefühl. Seiner geistigen Anspannung bedeutet jedoch selbst das imposanteste Naturschauspiel nichts, wie er in seinem Tagebuch Juli und August 1796 schreibt:
Weder das Auge noch die Einbildungskraft findet auf diesen formlosen Massen irgendeinen Punkt, auf dem jenes mit Wohlgefallen ruhen oder wo diese Beschäftigung oder ein Spiel finden könnte. Der Mineralog allein findet Stoff, über die Revolutionen dieser Gebirge unzureichende Mutmaßungen zu wagen. Die Vernunft findet in dem Gedanken der Dauer dieser Berge oder in der Art von Erhabenheit, die man ihnen zuschreibt, nichts, das ihr imponiert, das ihr Staunen und Bewunderung abnötigte. Der Anblick dieser ewig toten Massen gab mir nichts als die einförmige und in die Länge langweilige Vorstellung: es ist so.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel aus: „Tagebuch der Reise in die Berner Oberalpen“ (1796)
Durch die vorgestellten Begriffe wird klar, weshalb Hegel sich von der Natur selbst nicht inspiriert fühlt. Sie erscheint als vergänglich, bröckelig, als dem Wind und Wetter ausgesetzt. Die Steine, die Bäume, die Blumen vergehen. Diese Vergänglichkeit strebt Hegel an zu durchschreiten. Das Kunstschöne, im Gegensatz zum Naturschönen, stellt die Zeit still durch das der Zeit enthobene Kunstwerk, also durch das Verabsolutieren eines gelungenen kosmischen Moments. Der Geist jedoch, als Mnemosyne, als Innewerdung eines Gesamtprozesses, stellt die Zeit nicht still, sondern vermittelt sich durch die Zeit hinweg als Totalität und erkennt die Lebendigkeit in der Bewegung, den Begriff, weshalb Hegel die Kunst nur vor Vorform, den Begriff, die Philosophie als formales Weltgedächtnis, als Muster, das Muster schafft, aber als Versöhnung des Individuums mit dem Kosmos und seiner Gesamtbewegung begreift. Dass der Prozess der Idealisierung, also der ästhetischen Durchformung, auch über den Menschen hinaus den ganzen Kosmos um- und ergreifen könnte, bspw. als ihrer selbst bewusst gewordenen Technologie, auf diese ästhetische Idee kommt Hegel durch seinen anthropozentrischen Blick nicht:
Das echte Ideal aber bleibt nicht beim Unbestimmten und bloß Innerlichen stehen, sondern muß in seiner Totalität auch bis zur bestimmten Anschaulichkeit des Äußeren nach allen Seiten hin herausgehen. Denn der Mensch, dieser volle Mittelpunkt des Ideals, lebt, er ist wesentlich jetzt und hier, Gegenwart, individuelle Unendlichkeit, und zum Leben gehört der Gegensatz einer umgebenden äußeren Natur überhaupt und damit ein Zusammenhang mit ihr und eine Tätigkeit in ihr.
Über den Menschen hinaus reichts nichts, da für Hegel nur im Menschen das vollendete Gedächtnis, im abstrakten, der Bauplan des Weltgewebes existiert. Wie sich nun zeigen wird, legt Hegel für das Gelingen der Kunst konsequenter stets menschliche Maßstäbe an: der Höhepunkt der symbolischen Kunst erscheint als die Sphinx, der aus dem Stein sich herausarbeitende Mensch; der der klassischen die menschliche heroische Gestalt, bspw. die Zeus-Statue des Phidias; und schließlich der der romantischen, die Magie der Hautfarbe, das Inkarnat und die handelnden Charaktere in der dramatischen Poesie wie in Sophokles‘ Antigone.
Zusammenfassend lässt sich nun sagen, dass Hegels Kunstbegriff auf dem subjektiven, individualisierten Vereinigen und Vermitteln eines inspirierten Moments mit einem Medium beruht, derart, dass die Inspiration idealisiert zu einem Zeichen der Idee wird, das Ideal, das an die über die Zeit und den Raum hinaus strebende Kraft des Geistes gemahnt, die Vergänglichkeit selbst zu überwinden und sich in seiner einsichtigen Macht zu befrieden. Das Kunstwerk gelingt es, die Schönheit eines Augenblicks zu speichern, in der Dialektik von Inhalt und Form.
Morgen, 28. März 2026, erscheint der zweite Teil meiner Besprechung von Hegels Ästhetik.



Da hast du mir aber nen mächtigen Brocken hingeworfen. Da ich die Ästhetik nicht kenne, kann ich nur mit den Zitaten arbeiten die du hier ausführst.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich dich missverstehe oder du einige Formulierungen zu hart oder zugespitzt triffst.
Jedenfalls lese ich das Kunstwerk wie Hegel in diesen Zitaten aufgeführt wird, deutlich momenthafter, als beruhigter Geist und nicht als Speichermedium.
Du sprichst von leblos. Das lese ich nicht daraus.
Kurz mal zur Einordnung, wie Hegel Unmittelbarkeit versteht, aus der Phänomenologie des Geistes:
„Die Unmittelbarkeit hat die widersprechende Bedeutung, die bewusstlose Ruhe der Natur und die selbstbewusste unruhige Ruhe des Geistes zu sein.“
Das passt für mich nicht zu dem, was du sagst:
„Dieses Ideal nun, als Unmittelbarkeit, vermag die Belebtheit nicht aus sich heraus zu verwirklichen, denn das Ding, als Endlichkeit, besitzt keine Lebendigkeit.“
Du hattest zuvor in einem Hegel-Zitat die Stelle, dass im Ideal immer das freie Gestalten enthalten sei. Das bezieht sich ja gerade darauf, dass die Idee sich im Äußeren verwirklicht und nicht im Innerlichen stehen bleibt.
Wenn das Ideal ins Äußere heraustritt und sich dort als Gestalt zeigt, dann ist dieses Äußere nicht einfach totes Material, sondern bereits durchgearbeiteter, geformter Geist. Die Ruhe des Kunstwerks ist dann keine Leblosigkeit, sondern diese „unruhige Ruhe“, von der Hegel spricht – also eine Bewegung, die in sich zurückgekehrt ist.
Deshalb überzeugt mich auch die Beschreibung als „Speichermedium“ nicht. Das klingt so, als wäre der eigentliche geistige Moment vorbei und das Werk nur noch Träger, der erst wieder aktiviert werden muss. In den Zitaten wirkt es für mich eher so, als sei dieser Moment im Werk selbst gegenwärtig – nur eben nicht als fließende Bewegung, sondern als Form.
Ich begreife das Kunstwerk ist nicht ein lebloses Ding, das auf die Idee verweist, sondern die Idee selbst in einer beruhigten, in sich stehenden Erscheinung. Die Freiheit des Geistes zeigt sich gerade darin, dass sie im Äußeren Gestalt gewinnt und dort „auf sich beruhend“ bestehen kann.
„Leblos“ verwende ich naiv, wie viele Beschreibungen. Ein Buch, das auf dem Tisch liegt, beginnt sich nicht durch sich selbst zu verändern, wechselt nicht den Ort selbständig, wächst nicht an etc … da sind wir uns selbstredend einig. In einem Kunstwerk steckt aber Leben, so wie du es exakt beschreibst, als stillgestellte, extrahierbare Form, als eine Art Schatz, der aber ent-deckt werden muss, also nicht einfach ent-deckt ist, deshalb betont Hegel die lebendige Auseinandersetzung der Rezeption mit dem Werk und erkennt in der Reichhaltigkeit dieser Auseinandersetzung einen Maßstab der Güte des betrachteten Kunstwerks. Zur Idee bleibt aber zu sagen, dass sie exakt aus dem Grunde unvollständig im Kunstwerk erscheint, vollständiger erscheint sie in der betenden, der Gott andenkenden Gemeinde, in der Religion und der lebendigen Ritualisierung des Gedächtnisses der Schöpfung, aber auch noch nicht vollständig, nur schon lebendiger (da die Träger der Idee die Gemeinde selbst lebendig sind und nicht ein Kunstwerk). Vollständig und klar erscheint die Idee im Nachvollzug des philosophischen Begreifens etc … aber das steht ja alles in der Phänomenologie. Mir ging es hier nur um den Versuch, den Kunstbegriff Hegels zu umreißen. Der lässt sich auf viele Weisen anschaulich machen, denke ich, mir ist nur keine angemessenere eingefallen.
Mhh, ich habe glaub ich ein etwas verschobenes Verständnis davon.
Für mich ist ein Buch nicht tot, oder „naiv leblos“ auch wenn es still liegt. Es trägt eine Struktur in sich, die auf Bewegung angelegt ist. Dieses Flirren der Möglichkeit ist ja nicht erst im Leser, sondern im Werk selbst angelegt. Deshalb wird das Werk im Lesen nicht erst lebendig gemacht, sondern seine Bewegung tritt hervor.
Eine Frage zur Idee: Sagt Hegel etwas dazu dass die Idee zwar grundsätzlich im Kunstwerk enthalten ist oder dort vollständig bei sich ist, sie aber nie vollständig in ihrer Enthüllung erkannt oder verstanden werden kann, weil dem Anschauenden der Begriff fehlt? Ich denke das Lacanisch. Also der Künstler selber verwirklicht die Idee und verleiht ihr Ausdruck in der Form, die nun mal nicht vollständig symbolisiert werden kann, weshalb immer ein Rest bleibt, der nicht aufgeht. Und das liegt ja daran, dass der Geist in die Freiheit getreten ist und sich eines Außen bedient, aus der Unendlichkeit schöpft, die ihm nicht erklärbar ist und er sich deshalb ins Innen zurückzieht, um in seiner Begrenzung die Erscheinung des Kunstwerkes zu schaffen?
Aber wenn ich dich richtig verstehe gibt es für Hegel Kunstwerke die völlig harmonisch in sich erscheinen? Das geht ja dann nur, wenn man in der sinnlichen Anschauung bleibt oder? Sobald der Geist daran versucht Begriffsarbeit zu leisten ists vorbei, dann würde ein Überschuss entstehen. Mhhh…ahh… dann ist die Kunst die Vorform der Philosophie? Hö, hast du das nicht auch irgendwo in der Art geschrieben? Finde es nicht.
Hegel kennt den Bruch des Lebendigen, das Endliche, das Unvollkommene im Erscheinen, aber m.E. nicht den der Sprache. Er ist da sprachlich naiv, würde ich sagen. Dass die Idee nicht vollständig zu sich selbst gelangt, und zwar die Idee als Begriff und als Begriff des Begriffs, wie er es formuliert, hat mit der Unveränderlichkeit des Gegenstandes des Kunstwerks zu tun, die du aber nicht so siehst. Für ihn gibt es absolut harmonische gelungene Kunstwerke, überhaupt besteht für ihn nur die Kunst im Ideal-Harmonischen – Antigone ist für ihn unüberbietbar, genauso wie die Madonna von Raffael. Das Gebrochene wäre stets nur der Gegenstand des Denkens, über die Gebrochenheit den Beitrag zur Vollkommenheit zu erkennen. In diesem Sinne ist Kunst tatsächlich nur die Vorform der Philosophie. Sie erlaubt das Hässliche nur im Aufgehoben-Schönen. Ich repetiere hier nur das, was ich von Hegel zu verstehen glaube – nicht das, was meine eigenen Gedanken dazu wären. Hegel nämlich findet sich gedanklich mit dem Tod ab, als individuelles Durchgangsmoment des kosmisch Ganzen, ich finde das schwieriger, oder überhaupt nicht plausibel. Das Moment der Theodizee in seinem Denken liegt mir bis zu einem bestimmten Grad fern (oder ich schließe das für mich aus). Das aber ist eine sehr schwierige Diskussion.
Ach hier hast du es gesagt: „Vollständig und klar erscheint die Idee im Nachvollzug des philosophischen Begreifens“
Ich fürchte über Hegel zu sprechen ist echt fast nen Ding der Unmöglichkeit, da die Formulierung alles zu Fall bringen kann.
Du meinst in der Philosophie kommt der Begriff zu sich?
Kunst wäre dann ja ein Prozessschritt in dem die Idee nicht begriffen ist, aber dennoch da ist?
Nee, ok, ich muss das selber lesen, bringt glaub ich nichts darüber weiter zu reden. Das ist für mich in der Kürze nicht verständlich.
„Hegel nämlich findet sich gedanklich mit dem Tod ab, als individuelles Durchgangsmoment des kosmisch Ganzen, ich finde das schwieriger, oder überhaupt nicht plausibel. Das Moment der Theodizee in seinem Denken liegt mir bis zu einem bestimmten Grad fern (oder ich schließe das für mich aus). Das aber ist eine sehr schwierige Diskussion.“
Falls dieser Aspekt in der Phänomenologie so stand, dann hab ich ihn überlesen oder ignoriert.
Dazu kann ich auch gar nichts sagen, da ich bewusst noch nicht auf solche Aussagen bei ihm gestoßen bin. Aber das interessiert mich sehr, wie er das entfaltet. Also noch, kann ich dazu eh keine Diskussion liefern, wie zu so vielem Anderen auch nicht 🙃.
Dank für den Versuch das verständlich zu erklären. Ich weiß ja, dass das bei Hegel ne vertrackte Sache ist.
Ich habe zu danken. Ich poste das ja genau, um in Kommunikation über diese Themen zu kommen. ✌️ Zum Tod und der Versöhnung mit dem Tod will ich nur kurz eine Stelle aus der Phänomenologie zur Verfügung stellen:
„dasjenige also, dem nicht das Fürsichsein, sondern das Einfache als das Wesen gilt, ist es, das sich selbst entäußert, in den Tod geht und dadurch das absolute Wesen mit sich selbst versöhnt. Denn in dieser Bewegung stellt es sich als Geist dar; das abstrakte Wesen ist sich entfremdet, es hat natürliches Dasein und selbstische Wirklichkeit; dies sein Anderssein oder seine sinnliche Gegenwart wird durch das zweite Anderswerden zurückgenommen und als aufgehobene, als allgemeine gesetzt; dadurch ist das Wesen in ihr sich selbst geworden; das unmittelbare Dasein der Wirklichkeit hat aufgehört, ein ihm fremdes oder äußerliches zu sein, indem es aufgehobenes, allgemeines ist; dieser Tod ist daher sein Erstehen als Geist.“
Eine der Schlüssel zu seiner Philosophie kann die Theodizee sein, also das Verstehen und Einbettung des Leidens als Wachstumsprozess des Weltgeistes. Da gehe ich definitiv nicht mit (von all den anderen produktiven Lesarten abgesehen).
Danke für das Zitat zum Tod aus der Phänomenologie. Das ist aus dem Kapitel Gut und Böse, wie ich mir notiert habe. Verstehe.
Das habe ich damals schon völlig „unreligiös“ gelesen, weshalb ich gar nicht auf den Gedanken komme da die Theodizee reinzubasteln.
Zum einen geht es ja gar nicht um den realen Tod des Menschen.
Ich lese das als reine Struktur der Selbstwerdung. Kann hier keine Sinngebung für Leid herauslesen. Der Tod ist die Negation. Und die Versöhnung das Fremde als das Eigene zu erkennen.
Lies mal weiter, da geht es dann ja um die Momente von Gut und Böse, Identität und Nichtidentität. Und Hegel sagt:
„indem beide gleich recht haben, haben beide gleich unrecht, und ihr Unrecht besteht darin, solche abstrakten Formen, wie dasselbe
Und nicht dasselbe , die Identität und die Nichtidentität für etwas Wahres , festes, wirkliches zu nehmen und auf ihnen zu beruhen. Ihre Bewegung hat Wahrheit. […]
Die Schwierigkeit, die in diesen Begriffen stattfindet, ist allein das Festhalten am Ist und das Vergessen des Denkens, worin die Momente ebenso sind als nicht sind – nur die Bewegung sind, die der Geist ist. – Diese geistige Einheit oder die Einheit, worin die Unterschiede nur als Momente oder als aufgehobene sind, ist es, die für das vorstellende Bewußtsein in jener Versöhnung geworden, und indem sie die Allgemeinheit des Selbstbewußtseins ist, hat dieses aufgehört, vorstellendes zu sein;“
Die Theodizee-Lesart nimmt für mich diese Bewegung und macht daraus wieder ein „Ist“: Leid hat Sinn, Tod ist notwendig, alles geht am Ende auf. Da würde man wieder an einer abstrakten Identität festhalten.
Hegel geht für mich aber in die andere Richtung. Er sagt ja gerade: weder Identität noch Nichtidentität für sich genommen sind wahr. Wahrheit ist nur ihre Bewegung.
Die Versöhnung lese ich daher ehr als „der Gegensatz hält nicht als fester Gegensatz“. Hegel unterläuft mit seinen Ausführungen eine feste Sinnzuschreibung.
Es ist möglich, Hegel ganz und gar psychodynamisch zu lesen. Sprache als innerpsychologischer Prozess kann sich gar nicht ent-metaphorisieren, d.h. ja, alles, was gesagt werden kann, kann auch etwas anderes heißen, als das, was es für gewöhnlich besagt, bspw. kann Jesus für einen Revolutionär stehen, der das Paradies auf Erden bringt etc … Sprache ist nicht selbstverständlich, wie auch. Ich bin da wie gesagt naiver, wenn Hegel von geoffenbarter Religion und Tod spricht, nehme ich das buchstabengetreu. Das ist aber eine Entscheidung.
Ach wie drollig! Mir wird grad schlagartig etwas klar, das unsere Differenz im Umgang mit Literatur dahingehend auch erklärt.
Du gehst ja stärker davon aus, dass das Werk eine Struktur hat, die da ist, und an der man dann Begriffe anlegen kann, um sie zu erschließen. Für mich hat das allerdings die Tendenz, die Sache als etwas Fertiges zu lesen, das einen bestimmten Sinn hat. Du sagst zwar, dass sich das hinterher dynamisieren lässt, aber zunächst wird es aus meiner Warte fixiert.
Und genau das überträgt sich dann auch auf Hegel: Wenn da von Tod, Negativität und Versöhnung die Rede ist, liegt es nahe, das als Aussage zu lesen: das Negative hat einen Platz im Ganzen, das Leid wird eingeordnet usw. → also Theodizee.
Für mich ist ein Werk nicht einfach eine feste Struktur, sondern etwas, das erst im Vollzug seine Bewegung zeigt. Deshalb wirkt es für mich auch nicht „leblos“, selbst wenn es still daliegt. Es trägt eine Bewegung in sich, die nicht erst von außen hineinkommt, sondern die im Lesen aufgeht. Ich würde also nicht sagen: erst Struktur, dann Bewegung – sondern: die Struktur ist selbst schon geronnene Bewegung.
Und genau so lese ich auch Hegel.
Wir verwenden einfach verschiedene Formen, produktiv mit Texten umzugehen. Wie produktiv Sinnanschlüsse möglich werden, entscheidet sich dann, ganz hegelisch, wie du auch sagst, im Prozess. Von vorneherein lässt sich das gar nicht entscheiden, wie Aussagen systemisch tragfähig werden. Textumgangsformen lassen sich gar nicht begründen, da Begründungen ja Textumgangsformen benötigen, um lesbar zu sein. Das ist das Schöne an philosophischen Texten.
Jetzt weichst du mir aber ein wenig aus. Ich nehme Hegel ebenso wörtlich. Hier ging es mir nicht um eine Lesart – metaphorisch oder sonst was, sondern darum, dass über die Theodizee Sinn fixiert wird, den Hegel klar ausschließt.
Also wäre die Theodizee Lesart nicht Hegel wörtlich nehmen, sondern ihn statisch lesen.
Das hat mit Entscheidung für mich nichts zu tun, sondern der Gedankenlogik seiner Denkbewegung zu folgen.
Ich würde gerne noch etwas Grundsätzliches anmerken, das mir Gespräche über Hegel nahezu unmöglich macht, ohne das Gefühl zu haben, ich tue ihm Unrecht, weshalb ich schnell etwas ungehalten werde.
Da ich seine Bewegung mitnehmen, ihn nicht verfälschen möchte, weiß ich nicht, wo ich ihn anhalten kann. Wo kann ich etwas extrahieren, ohne ihm Gewalt anzutun?
Ich versuche ihn daher dann in einer Moment-Aussage zu bestimmen. Und ja, dein Theodizee Gedanke kann so ein Moment sein, der sich aber nunmal im weiteren Gedankenverlauf der Phänomenologie verändert und nicht festgehalten werden kann.
Ich weiß, dass ich da vielleicht zu hart bin, mich gegen das Festhalten so zur wehr zu setzen. Vielleicht lasse ich die Momente zu schnell wieder los. Nur macht mir meine Struktur es dahingehend schwer, ohne irgendwann verärgert über Hegel zu sprechen, wenn jemand ihn zu lange fixiert.
Ich verliere sehr schnell den Überblick über diese Themen. Hier wollte ich nur einen Vorschlag unterbreiten, was Hegel mit seinem Kunstbegriff gemeint haben könnte, unter anderem auch, weil ich mit dem meisten aus der Sekundärliteratur unzufrieden gewesen bin, einschließlich den Kommentaren Adornos, bspw., oder Blochs, oder Charles Taylors. Wie ich den Kunstbegriff mobilisieren kann, interessiert mich aber auch, insbesondere um ihn auch auf die Literaturrezeption anwenden zu können.
Noch ein weiterer Gedanke.
Du schreibst „denn das Ding, als Endlichkeit, besitzt keine Lebendigkeit.“
Warum denn nicht?
Ist das Endliche nicht die Erscheinungsweise des Lebendigen?
Sie ist bei Hegel überhaupt er Bedingung der Erscheinung. Oder anders: Die Endlichkeit ist die Möglichkeit, das Unendliche im Kunstwerk zu bannen.
Wie ich darauf komme?
In den Jenaer Schriften habe ich gestern das hier gelesen:
„Das Absolute ist die Nacht und das Licht jünger als sie, und der Unterschied beider, sowie das Heraustreten des Lichts aus der Nacht, eine absolute Differenz;- das Nichts das Erste, woraus das Sein, alle Mannigfaltigkeit des Endlichen hervorgegangen ist. Die Aufgabe der Philosophie besteht aber darin, diese Voraussetzungen zu vereinen, das Sein und das Nichtsein – als Werden, die Entzweiung in das Absolute – als seine Erscheinung – das Endliche in das Unendliche – als Leben zu setzen.“
Natürlich spricht er hier von Philosophie. Aber ist das als Denkbewegung nicht schon angelegt? Ich hatte bisher nie den Eindruck, dass er im Laufe seiner Arbeit seine Formulierungen grundsätzlich über den Haufen wirft. Die Bewegung bleibt bei seinem Denken gleich.
Endlichkeit als Begriff kann ein Ding bezeichnen (einen Stein, ein Buch, ein Gemälde) oder eben auch einen Organismus, der sich abgrenzt von anderen, aber selbständig sich entfaltend wächst und atmet. Die Endlichkeit ist im ersten Fall statisch und im zweiten dynamisch, und ja, im dynamischen Fall erkennt Hegel die Form der Erscheinungsweise des Absoluten. Das widerspricht sich nicht. Hegel ist in der Tat sehr konsequent. Ein Kunstwerk ist die Spur des Lebendigen, selbst aber nicht mehr tätig. Es wirkt nur im Publikum durch das Publikum hindurch, das Publikum wäre in diesem Fall das Medium der Erscheinungsweise des Lebendigen wie die Welt das derjenigen der schöpferischen Kraft des Weltgeistes.
Da der Text so umfangreich ist. und ich nicht auf alles einlassen kann, sofern ich es überhaupt schon verstanden habe, was Sie schreiben, würde gern ein paar Worte zu diesen beiden Sätzen bemerken:
Durch die vorgestellten Begriffe wird klar, weshalb Hegel sich von der Natur selbst nicht inspiriert fühlt. Sie erscheint als vergänglich, bröckelig, als dem Wind und Wetter ausgesetzt.
Mir ist nicht klar, welches die vorgestellten Begriffe sind. Geht es um den Soff- oder Massenbegriff? Auch finde ich das Wort inspiriert zu hoch gegriffen, ich würde tiefer hängen und von angesprochen sprechen. Die steinernen Massen sprechen Hegel nicht an, weil sie so geistlos sind. Aber nicht weil sie in ihrer Materialität und Stofflichkeit vergänglich. Auch große Kunstwerke haben mit Wind und Wetter zu kämpfen, so sind beispielsweise vom Parthenon wir von anderen Tempeln die Farben verloren gegangen. Außerdem ist er von einer Bombe einmal getroffen worden – oder ist da nicht sogar ein Bombenlager explodieri? – dennoch bleibt er ein ansprechendes Kunstwerk. Wenn ich es auf eine kurze Formel bringen wollte, würde ich sagen, so eine Felswand in den Alpen ist nicht interpretierbar, deshalb ist sie so geist- wie sinnlos. Was sogar für cum grano salis für Trivialliteratur gilt. Im den gleichen Sachverhalt mit Nietzsche zu illustrieren: Der Mensch ist gerne in der Natur, weil sie keine Meinung über einen hat.
Wo ich nun schon dabei bin, könnte ich auch zu diesem krassen Satz etwas schreiben:
Das Ideal also entsteht dadurch, dass eine Gestalt ihr eigenes Entstehungsprinzip zur Erscheinung bringt.
Nein, das Prinzip tritt nie in Erscheinung, höchstens könnte das vom Prinzip Prinzipiierte erscheinen, wenn überhaupt. Das Prinzip ist im Subjekt-Objekt-Dualismus immer auf Seiten des Subjekts. Wie mir überhaupt scheint, kommt der Subjekt-Objekt-Dualismus bei Ihnen zu kurz.
1. „Inspiriert“ ist gerade das Wort, das Hegel beschreibt, wenn er sagt, dass Kunstwerke uns die Idee vor Augen führen, das gestaltend-schöpferisch-Lebendige, also das Atmen, von dem ja „inspirieren“ stammt. D.h. Kunstwerke Wind und Wetter ausgesetzt sind, aber eben nicht das Lebendige verlieren, darin besteht exakt der Witz von Hegels Kunstbegriff. Deshalb habe ich das Rilke-Zitat angeführt. Die Hegelsche Philosophie auf die Kommunizierbarkeit anzuwenden wie Brandon oder Habermas führt aber vom metaphysischen Geist Hegels weg. Es lässt reinterpretieren, Hegel verliert so aber seine besondere Gedankenform.
2. Das Prinzip tritt bei Hegel sehr wohl in der Zeitlichkeit in Erscheinung. Das trennt ihn von Kant. „Das Wesen muss erscheinen“, darauf begründet seine ganze Philosophie, ob diese das eigene Denken adäquat beschreibt, hängt noch von vielen anderen Dingen und Umständen ab. Der Subjekt-Objekt-Dualismus bleibt eine kantische Argumentationslinie, in der der Prozess im Sinne einer Gedächtnisspur gar nicht behandelt wird. Kants Ästhetik wird aber irgendwann in diesem Jahr noch folgen, hier kommt dieses Schema definitiv zu kurz. Hegel bleibt durch und durch vermittelt und dialektisch. Dualismen löst durch das Werden auf.
das Ausgangszitat ist komplex, zumal ich mit Hegels Begrifflichkeit wenig vertraut bin.
Ich muss darüber erst nachdenken. Doch ein paar Assoziationen sind mir gekommen.
Insbesondere die schnelle Bewegung vom „produzierenden“ zum „anschauenden und verehrenden Subjekt“ (die fast schon wie eine Gleisetzung wirkt), machte mich stutzen. In den dann folgenden Ausführungen verschwindet der „produzierende“ Künstler vollends hinter dem betrachtenden Philosophen, so scheint mir.
Ganz naiv gefragt: Ist Kunst nicht zunächst und vor allem etwas, was ein Mensch (der Künstler) handelnd hervorbringt, indem er sich durch den Stoff hindurch geistig ausdrückt – vergleichbar dem Sprechakt mithilfe von Zunge, Gaumen, Zähnen und den überlieferten Formen und Bedeutungen der verwendeten Sprache? Wenn ich sage: „durch den Stoff hindurch“ und „sich geistig ausdrückt“, so bietet das natürlich Raum für hunderte Seiten Auslegung. Genauso auslegungsbedürftig, aber leichter zu klären sind Begriffe wie „überlieferte Formen“ etc
Du hast aber genau die Dynamik Hegels auf den Punkt gebracht. Der Versuch hier besteht ja nur darin, die Begriffe im Zusammenhang zu lesen und möglicherweise die Begriffsarchitektur verständlicher zu machen – also was „Geist“ und „Stoff“ sind, oder gar „Form“. Ich denke, im Text selbst, bleibt das Produzieren und Rezipieren begriffstechnisch im Gleichgewicht. Hegel aber erlaubt die Frage, wie wir überhaupt Formen uns aneignen, uns auszudrücken. Ich finde das alles sehr spannend 🙂