Marie Gamillscheg: „Aufruhr der Meerestiere“

Aufruhr der Meerestiere von Marie Gamillscheg
die Flucht vor sich selbst … Longlist für den Deutschen Buchpreis 2022

Ordnung und Evolution dienen Marie Gamillschegs Roman Aufruhr der Meerestiere als Aufhänger, um nach einem anschlussfähigen Narrativ dem eigenen Leben gegenüber zu suchen. Ordnung und Evolution schließen sich weder aus noch ein. Sie folgen aufeinander, spielen gegeneinander und miteinander, aber lassen sich schwerlich auf Kausalzusammenhänge reduzieren. Sie gleichen mehr Trägern eines polyphonen Handlungsgefüges, als Raum-Zeit-Differenten, und eignen sich so sehr für ein modernes Erzählen, das Wege aus Selbst- und Fremdzuschreibungen sucht. Hierzu gehören aus der Gegenwartsliteratur Kim de l’Horizons Blutbuch, Bernardine Evaristos Mädchen, Frau etc. oder Antje Rávik Strubels Blaue Frau. Bei Gamillscheg forscht eine Zoologin, Luise, über die Meerwalnuss, eine Art der Rippenquallen, die ihr eine ganz andere biologische Existenz vor Augen führt:

woraus nur zu schließen ist … was wiederum zeigt … die Rippenquallen einen ganz eigenen Zweig in der Evolution bilden, der sich noch vor den Schwämmen von allen anderen Tierstämmen abgespaltet hat, eine Art Schwesterngruppe zu allen anderen Lebewesen sozusagen, und dies wiederum zeigt, dass sich die Zelltypen für Muskel und das Nervensystem während der Evolution mehrfach entwickelt haben, was wiederum heißt, dass man sich endgültig von der Vorstellung einer linearen Entwicklung verabschieden muss, dass sich also alles stets vom Einfachen zum Komplexeren und immer weiterentwickelt …

Marie Gamillscheg aus: „Aufruhr der Meerestiere“
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Heinz Strunk: „Ein Sommer in Niendorf“

Heinz Strunk: "Ein Sommer in Niendorf"
Die Legende vom unheiligen Trinker … Spiegel Belletristik-Bestseller (25/2022)

In der Literatur lassen sich einige Trunkenbolde ausfindig machen. Manche verbrieft wie William Faulkner oder Ernest Hemingway. Manche unterstellt wie Emily Dickinson oder Ingeborg Bachmann. Andere explizit wie Hans Fallada mit Der Trinker oder Eugen Egner und seinem Kurzroman Aus dem Tagebuch eines Trinkers, oder implizit wie Joseph Roth in seiner Novelle Die Legende vom heiligen Trinker. In Strunks kurzem Roman Ein Sommer in Niendorf dreht sich auch alles um Alkohol. Zwar mischt noch die Gruppe 47 mit, gesellt sich Thomas Mann, Paul Celan und Ingeborg Bachmann hinzu, aber im Grunde geht es schlicht und ergreifend um das Saufen eines Protagonisten namens Roth:

Die Sonne sinkt in Tönen von geronnenem Rot und geht allmählich in eine weiche verhauchende Mattigkeit über, der Strand saugt sich im Dämmer mit Licht voll. Schön ist das. Roth nickt wieder ein. Als er aufwacht, ist die Röte des Himmels auf einen schmalen Streifen über dem Horizont reduziert. Das Dunkel ringsherum wird dichter, und der Himmel vergrößert sich, als würde er mit der ausgebrannten Schlacke angefüllt, aus der das Universum gemacht ist.

Heinz Strunk aus: „Ein Sommer in Niendorf“
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