Kim de l’Horizon: „Blutbuch“

Kim de l'Horizons Blutbuch
Stillschweigendes Missverständnis … Shortlist des Deutschen Buchpreises 2022

Charles Baudelaire beschreibt den Dandy in Mein entblößtes Herz mit den Worten: „Der Dandy muss sein ganzes Streben darauf richten, ohne Unterlass erhaben zu sein, er muss leben und schlafen vor einem Spiegel.“ Der Dandy konstituiert eine kulturelle, über den schnöden Alltag erhabene Lebensform. Losgelöst von materiellen Sorgen, physischer Arbeit, gesund und frei, seiner Inspiration blindlings zu folgen, lässt er sich im kulturellen Leben treiben und reflektiert sich ausschließlich in Bezug auf dieses, auf seinen Erfolg, sein Aussehen, auf seinen Ruf und Ruhm in der besseren und gebildeten Weltgesellschaft. Er ist vor allem ein großstädtisches, massengesellschaftliches Phänomen, das sich vom bäuerlichen, einfachen Leben distanziert, eine Existenz, die das Erzähl-Ich in Kim de l’Horizons Debütroman Blutbuch anstrebt:

Wer die sozioökonomischen Aspekte des Schreibens leugnet (so prekär sie auch sein mögen), wer sagt, dass es in der Literatur nur um den ästhetischen Ausdruck unsagbarer Abgründe geht, ist ein reiches Kind, das ich schlagen möchte. Was ich sagen will: Ich benutze dich, um aus der schlammigen Klasse herauszuschwimmen, in die ich hineingeboren wurde, um ans Ufer zu schwimmen. An ein Ufer.

Kim de l’Horizon aus: „Blutbuch“

Das literarische Ich reflektiert sich in seiner Zeit, in seiner Familiengeschichte und Kindheit, in Bezug auf seine Mutter und Großmutter, die es direkt anspricht und in ein Zwiegespräch zieht. Es nutzt dieses Medium der Selbstbeobachtung, um sich von dem bildungsfernen Hintergrund zu distanzieren: das Berndeutsche, das Ländliche, die harte, unergiebige Arbeit der Mutter als Frisörin, als Hausfrau, die kein Hochdeutsch spricht, kaum die Orthographie beherrscht und ständig und unfreiwillig gegen die Regeln der Grammatik und des Satzbaus verstößt wie fast alle in der direkten und entfernteren Familienumgebung des erzählenden, reflektierenden, sich distanzierenden und schämenden Ichs:

Noch heute ist so ein Satz ein kleines Zuhäuselchen für mich, und wenn ich »sie haben keinen Genitiv« schreibe, schäme ich mich. Bin ich dieses Stadtstudentchen, das über die Bauern in den Bergen so pseudokluge Sachen sagt und in einer anderen Sphäre lebt? Ich schäme mich, und gleichzeitig bin ich wütend auf die Scham, die ja nie etwas Persönliches ist, die mensch in uns installiert hat, um die Bergbauern* bei den Bergbauern* und die Stadtstudentchen bei den Stadtstudentchen, die Körper in den Kleidern und das »Geschlecht« im Privaten zu behalten.

Hauptaugenmerk von Blutbuch liegt auf dem schwierigen Verhältnis zwischen Land und Stadt, Dandy und Herkunft, zwischen einem Ich und seiner Großmutter und Mutter. Zwischen diesen beiden Frauen reibt sich die Erzählinstanz auf. Sie sind Zuhause wie Gefahr. Sie sind Möglichkeit wie Begrenztheit, Bindung wie Verpflichtung. Der Vater spielt kaum eine Rolle. Er tritt nur als Geschenkgeber zu Weihnachten auf, als dieser dem Kind ein Schweizer Sackmesser (Taschenmesser) überreicht. Das Kind fühlt sich aber mehr verpflichtet als beschenkt, mehr belastet als bereichert, und versucht das Danaergeschenk deshalb unbewusst loszuwerden. Das Sackmesser erscheint als trojanisches Pferd, schon in seiner Benennung als Projektionsfläche sozialkolportierter Männlichkeitsvorstellungen, denen das Kind weder entsprechen noch nacheifern möchte. Wegschmeißen will es das Sackmesser dennoch nicht:

»Mein lieber Sohn. Jeder Junge braucht ein Messer, und jeder Schweizer Junge braucht ein Sackmesser. Ich liebe dich sehr. Dein Peer.« Im Schweizer Sackmesser ist der Taufname des Kindes eingraviert. Ich versuche immer wieder, das Messer zu verlieren. Ich verliere viel, aber dieses verdammte Messer nicht, es taucht immer wieder in einer Schublade oder Tasche auf, wenn ich es verloren geschafft glaube.

Das Paradox, etwas verlieren zu wollen, entspricht symbolisch dem Versuch, durch die Beschäftigung mit sich selbst über sich hinauszuwachsen, also durch mikroskopische Introspektion und Selbstbespiegelung in die weite Welt zu gelangen oder belastende, niederdrückende Gedanken durchs Niederschreiben und Reflektieren zu besänftigen. Es gelingt nicht. Etwas bewusst zu verlieren, heißt, es wegzuschmeißen, und sich mit sich selbst beschäftigen, heißt vor allem, sich in dieser Selbstbeschäftigung zu bestätigen, wie das Erzählen von schmerzhaften Erinnerungen durchs Wiedererzählen bestärkt und erneut belebt und nicht etwa dem Vergessen überantwortet werden können. Die Leere und Verlorenheit des literarischen Ichs bleiben.

Vor nun schon neun Jahren begann ich, über dich zu schreiben, Grossmeer. Ich suchte nach einem magischen Schreiben, nach einer Zaubersprache, in der ich deine Geschichte auf hexerische Art und Weise ausdrücken könnte, weniger Text als vielmehr Lebendiges. Ich suchte und verlor mich in Sprachakrobatik, ich schrieb in einer endlosen Spirale. Vor vielleicht fünf Jahren gestand ich mir ein, dass ich mich beim Schreiben im Kreis drehte und mit dir sprechen musste. Ich ging auf dich zu (obwohl ich dich nur selten besuchte) und sagte, dass ich mich für deine Vergangenheit interessierte und eventuell einen Text über dich schreiben wolle.

Der Roman Blutbuch lässt sich in der Tat als Exorzismus und Beschwörung lesen, als ein sprachliches Ritual, um die Gespenster der Vergangenheit loszuwerden, die Verfehlungen, Irrtümer, die Lügen und Verbrechen der Familiengeschichte von sich zu weisen, symbolisch, narrativ wie autobiographisch. Es finden sich Anrufungen, Interjektionen, aber auch Reproduktionen von Originaldokumenten einer Haftanstalt, Lieder, Gedichte, Songs, Mischformen und freie, lange, sich durchstoßende, sich durchmischende Sätze über Partys, Orgien und Drogenexzesse, in die verschiedenste Lehnwörter aus anderen Sprachen hineingemixt werden:

Ich möchte werden Super-Pfau
Und haue alle in die Pfann
Ohne dass ich hau
Denn ich bin ein Oberfun
Den Grenzen sag ich Ciao
Ich schnalle mir das kleine Können an
Das Alte ist miau!

Die Erzählinstanz erlaubt sich alles: Wissenschaftliche Exkurse über Bäume, Rekonstruktionen von Lebensläufen von als Hexen verschrienen Frauen, explizite Beschreibungen sadomasochistischer Begegnungen, direkte Dialoge mit der Mutter, Briefe, Sprachwechsel, Übersetzungen, Reflexionen, etymologische Betrachtungen, Zitate, politische Kommentare und wertende, urteilende Distanznahmen. Zusammengehalten wird diese Mannigfaltigkeit durch ein angesprochenes Du, dem alles monologisch erzählt und berichtet wird, die an Demenz erkrankte Großmutter, die nach und nach alles vergisst und im Laufe des Textes bald nicht mehr weiß, wo sie ist noch wer zu ihr spricht. Sowohl das Erzähl-Ich wie die Mutter leiden an dem langsamen Verschwinden der Persönlichkeit der Großmutter. Es bleibt nach diversen Schüben nicht mehr viel von dieser sehr willensstarken Frau übrig, die auf ihre eigene Weise verstanden hat, sich von ihrer Herkunft zu befreien, nämlich indem sie viele Reisen in die weite Welt unternahm. Von jeder Reise brachte sie leere Schatullen mit, Truckli, die sie in ihrer Wohnung als Erinnerungsstücke aufgestellt hat, ohne sie je als Gefäß für Gegenstände zu nutzen:

Das Kind fand jeden Gegenstand in Grossmeers Wohnung fürchterlich, richtiggehend hässlich. Diese »exotischen« Masken an den Wänden, die Perserteppiche, die schweren Möbel aus dunklem Holz, die Truckli von überall auf der Welt, die wenigen Gemälde in pseudoimpressionistischer Manier. Heute denke ich, dass Grossmeer mit dieser Einrichtung ihren Klassenaufstieg kommunizierte.

Das Erzähl-Ich hat diesen Wunsch nach Klassenaufstieg von seiner Großmutter geerbt. Auch dieses plagt die Herkunft, die ländliche Enge, die festgefahrenen Geschlechterverhältnisse. Die Schatullen werden bei ihm zu Notizbüchern, also das Reisen, die körperliche Ortsveränderungen werden zum Schreiben, zu einer geistigen Bewegung, einer virtuellen, nicht mehr materiellen Koordinatenverschiebung:

Nachdem ich bei meinen Eltern ausgezogen war, zog ich viel um, sechs Mal in drei Jahren. Bei jedem Umzug hatte ich mehr Notizbücher. Ich sammelte sie. Mein Ziel war es, über »all das« zu schreiben, über Männlichkeit und Disziplin und Gewalt und die Wettbewerbsgesellschaft, darüber, was es bedeutet, an der Schwelle zum dritten Jahrtausend in diesem Körper lebendig zu sein. Erst nach dem sechsten Umzug hörte ich auf, weitere Notizbücher zu kaufen, und gestand mir ein: Ich habe keine einzige Zeile über all das geschrieben. Ich hatte die Sehnsucht zu schreiben, aber ich wusste nicht, wie. Ich ließ die Hefte leer, so wie du deine Kisten leer lässt.

Geschrieben wird dies auf Englisch. Das ganze letzte Kapitel besteht aus Briefen an die Großmutter und Mutter, die das literarische Ich auf Englisch schreibt, obwohl die beiden Adressatinnen gar kein Englisch beherrschen. Die Kommunikation geht über sie hinweg. Sie werden in Geräuschen, Rhythmik und Melodie eingebettet, ohne diese Sprache verstehen zu können. Semantik, Bedeutung, Information und Kommunikation stehen in der Sprachverwendung nicht im Vordergrund. Die Sprache bietet medial die Möglichkeit für Vermischung, Durchmischung, für eine lautmalerische Auflösung von Sinneinschlüssen. Worte werden zu Geräuschen, Grammatik zur Rhythmik. Verständigung mag nicht explizit ausgeschlossen sein, steht aber nicht mehr im Vordergrund des dargebotenen Kommunikationsaktes:

Ich vermute, dass es mich auch darum ins Schreiben zog, weil das Schreiben eine einzige Wellenlinie ist, eine von weither kommende Woge, die lange vor mir begonnen hat und lange nach mir weiterfliessen wird. Weil das Element der Sprache das Flüssige ist. Das Träge, das Tiefe, Latente, das Tragende, Mitreissende, Anbrandende, das Ertränkende, Speichernde, Leben Gebende, Unerschöpfliche, Spiegelnde, Monster Beherbergende, Auflösende. Weil ich immer ein Wasser war, mein Körper immer spürte, wie sehr er ein Fliessen ist, ein In-Bewegung-Sein.

Bezeichnenderweise findet sich in der langen Aufzählung kein Platz für etwas Verbindendes, Gemeinsames, für etwas Geteiltes und Weitergegebenes. Die Sprache, selbst Medium einer stets aufrechterhaltenden Kommunikation, verliert den verbindlichen Aspekt. Über weite Teile liest sich Blutbuch deshalb als Interjektion, als Appell, als eine Form von Anrufung, Jubel und Soundintermezzo. Im Anschluss an die bis aufs Äußerste und Extremste gehenden Beschreibungen der diversen Geschlechtsakte ließe sich der Stil von Kim de l’Horizon als eine Form des kulturellen Dirty-Talking bezeichnen, der gleichsam grenzüberschreitend und grenzbestätigend, die Tabus auszuspielen versucht, indem sie verstärkt und wieder bestätigt werden. Das Paradoxon, etwas durchs Erinnern vergessen, etwas bewusst verlieren zu wollen, klingt hier wieder durch. Das Tabu und die Grenzen werden etabliert, fest eingeschrieben und eingestanzt, nur um sie dann im Anschluss wieder lustvoll brechen und überschreiten zu können.

[…] ich wollte, dass jeder Neue, der sich an meinen Arsch machte, wusste, dass er nur ein weiterer Strich an der Kellerwand meines Arschgedächtnisses Lustfängnisses Körperarchivs ist. [Tätowierte] Strichanzahl = Fuckability = Selbstwert + Begehrens-Wert = Blicke × Ficke = (Style − Fettmasse) × (Grösse von Bizeps + Grösse von Schwanz + Bubblehaftigkeit von Arsch) ÷ Selbsthass. Und ich weiss, ich werfe jetzt all die Schwuletten in einen Topf und Verallgemeinerung gähn, und es ist eine zynische, aufgekratzte Erzählstimme, die da ganz plötzlich und angestrengt popliterarisch über diesen Teil schwubuliert, und dafür entschuldige ich mich auch, echt, entsorrygung, aber diese Zeit, die ich da erschreiben will, die ist mir zu nah, zu mäh & wäh, als dass ich aus dem Arsenal der Stimmen eine zulassen könnte, die sich nicht darüber lustig macht. Pardon, es ist einfach, ich schäme mich. Ich schäme mich für all das.

Auf seine Weise re-imaginiert Kim de l’Horizons Blutbuch die Tagebücher von Charles Baudelaire und insbesondere das zwischen 1859 und 1865 entstandene, unveröffentlicht gebliebene Mein entblößtes Herz. Viele Themen überschneiden sich. Das von Misstrauen und Ablehnung und Heroisierung geprägte Verhältnis zu Frauen, Bemerkungen über Napoleon, die französische Sprache, Reflexionen zur Kunst und Arbeit, über das Dandytum, das Vergnügen und die Lust zum sexuellen und jeden Geist vernichtenden Akt. Baudelaire schreibt in jeweils kurzen Sätzen seinen Frust aus dem Leib. Er schimpft und zetert über seine Mitmenschen und gefällt sich in der Pose des Dandys, der klar gegen Familie, Gesellschaft, die Welt der Nützlichkeit und Geselligkeit Stellung bezieht:

Wie doch der Ausübung eines Amtes immer etwas Niedriges anhaftet. Ein Dandy tut nichts. Man stelle sich einen Dandy vor, der zum Volke spricht, es sei denn um es zu verhöhnen.

Charles Baudelaire aus: „Mein entblößtes Herz“

Auch in Blutbuch ist es zur Verhöhnung nicht weit, wenn das Erzähl-Ich schreibt:

Ich arbeite, um der Mindesterwartung der Gesellschaft entgegenzukommen. Und ansonsten begleite ich diesen Wahnsinn, ich begleite uns schreibend, ich begleite uns schreiend, ich begleite das alles gleitend, am Boden der Ozeane aus Mikroplastik und Mikroaggressionen, meine Tintententakel ausgefahren, und ich sauge mit meinen Saugnäpfen allen Schrott ein, ohne es zu wollen, ich bin ein*e Zeug*in für diese Zeit, für diesen Körper. Ich bin da, aber ich mache nicht mit in eurem binär gecodeten Knallergame, Paintball-madness, Unterdrückungs-Funpark. Ich schlage das Erbe der protofaschistoiden Sexualität schwuler Männlichkeiten aus.

Die Welt wird in Bausch und Bogen abgelehnt. Das Vergessen gelingt hier im sexuellen, nicht im poetischen Rausch, in der körperlichen, nicht mehr symbolischen Durchdringung und Durchmischung mit anderen. Blutbuch literarisiert einen Gesprächsabbruch. Das Erzähl-Ich findet keinen Zugang mehr zu den Eltern, zu den Großeltern, zur Geschichte. Es steht windschief zu allen Erzählungen, Narrationen und Fiktionen, findet keinen Anschluss mehr und möchte auch keinen finden. Die Briefe, die die Adressatinnen nicht lesen können, beschließen das literarische Epitaph einer gescheiterten Aussprache zwischen den Generationen. Etwas verhindert die Kommunikation. Etwas steht zwischen ihnen, und bis zum Ende des Buches wird nicht klar, wieso das Erzähl-Ich meint, seine Herkunft verraten zu müssen:

And still – writing in High-German, writing in English means I am betraying Mum and you, means I change class, I refuse the language of my ancestors, I refuse the farmer language that does not have fixed grammar rules, that exists only in spoken form.

Die Ablehnung bleibt bestehen. Die Erzählung pendelt zwischen Liebe und Hass, Zuneigung und Ekel, Wunsch nach Versöhnung und Abscheu. Die Liebe treibt den Hass, wie der Hass die Liebe an. Sie reiben und durchdringen einander, wie auch bei Charles Baudelaire in Mein entblößtes Herz:  

Als Kind schon spürte ich in meinem Herzen zwei sich widerstreitende Empfindungen: Grauen vor dem Leben und Lebensüberschwang. Dies entspricht durchaus dem Charakter eines nervösen Faulpelzes.

Charles Baudelaire aus: „Mein entblößtes Herz“

Eine Charakterisierung, die das Erzähl-Ich aus Blutbuch durchaus akzeptieren wird. Sie kritisiert jeden und alles und sich gleich mit.

Eine Kurzrezension findet sich hier.
Weitere Besprechungen auf: „Literarische Abenteuer„, „Lyrik und Prosa“ und „letteratura„.

24 Antworten auf „Kim de l’Horizon: „Blutbuch““

  1. Deine Rezension gefällt mir sehr, das Buch aber werde ich wahrscheinlich nicht lesen. Allein schon „Was ich sagen will: Ich benutze dich, um aus der schlammigen Klasse herauszuschwimmen, in die ich hineingeboren wurde, um ans Ufer zu schwimmen.“ erzeugt bei mir Widerwillen, erinnert mich an Publikumsbeschimpfungen, die ich mir auch nie angesehen habe. Auch den Künstlernamen Kim de l´ Horizon mag ich nicht. Es handelt sich da um Abneigung auf den ersten Blick.
    Aber vielen Dank für deine Rezension, auf die ich gewartet habe um zu entscheiden, ob ich das Buch lesen möchte oder nicht. Ich möchte nicht …

    1. Ich denke, dass es sich bei diesem Buch um eine Beichte und um Selbstmarketing zugleich handelt. Es thematisiert sehr viel, in sehr vielschichtiger Weise. Es ist ziemlich ungefiltert und teilweise hart zu lesen. Im Grunde wollte ich es mit dem Phänomen Jean Genet vergleichen, Sartres Texte dazu exzerpieren, die Parallele zum Nachkriegsfrankreich ziehen, plötzlich zog sich alles aber auf den Begriff „Dandy“ zusammen und ich hing bei Baudelaire.

      Ich habe das Buch aber als literarisches Produkt besprochen, nicht als Geständnis, als politisches Manifest, als Dokument wie viele andere es tun, und als literarisches Produkt, sprachlich, inhaltlich, formalästhetisch gesehen haben sich mir vor dem Hintergrund der Dekadenzliteratur und dem Dadaismus, dem späten Surrealismus und der ausschweifenden 68er Literatur keine Augen geöffnet. Ich rate eher zu Jean Genet, oder zu James Baldwin „Giovannis Zimmer“ oder zu Büchern von Angela Carter.

      Ich will ja eigentlich die Stärken, die interessanten Seiten von Büchern hervorkehren, die ich bespreche. Ich gebe zu, bei „Blutbuch“ ist mir das nicht wirklich gelungen. Ich bedauere es auch!

      Viele Grüße und Danke fürs Lesen und Kommentieren. Ich wünsche einen tollen Wochenstart!

      1. Es zeugt von Stärke
        in den eigenen Abgrund
        steigen zu können
        ihn in Worte zu fassen
        um ohne Beschönigung
        davon zu berichten

      2. Das stimmt auch wieder. Die stärksten Passagen im Buch sind auch die, in denen das Erzähl-Ich über das Zusammenleben mit den Freunden, der Wahlfamilie schreibt, dort, in einem Dschungel der Komplexität erzeugen sie eine Wahlverwandtschaft inmitten von Steinen, Pflanzen, Wäldern und Seen. Dort lebt eine nahbare Fröhlichkeit, ohne Anklage, Scham und Schmerz. Die Stellen, ab etwa 3/4 des Buches, kommen in dieser Lesebesprechung vielleicht etwas zu kurz. Danke für den Vers!

      3. Das stimmt auch wieder. Die stärksten Passagen im Buch sind auch die, in denen das Erzähl-Ich über das Zusammenleben mit den Freunden, der Wahlfamilie schreibt, dort, in einem Dschungel der Komplexität erzeugen sie eine Wahlverwandtschaft inmitten von Steinen, Pflanzen, Wäldern und Seen. Dort lebt eine nahbare Fröhlichkeit, ohne Anklage, Scham und Schmerz. Die Stellen, ab etwa 3/4 des Buches, kommen in dieser Lesebesprechung vielleicht etwas zu kurz. Danke für den Vers!

        Der Erzähler offenbart mit seiner Geschichten, das Drama der Seele, indem er nicht der Autor selbst ist, nur eine Nebenrolle zu spielen hat. Das Grauen im Inneren, will mit der Erzählkunst besser verdaut werden können. Damit wird aber beim Leser, der eigene Abgrund nicht überwunden.

      4. Ich habe teilweise hineingehört. Es entspricht ganz meinem Eindruck. Diese Art des Sprechens sucht einen Ausweg, wie das Schreiben, ohne sich festlegen zu wollen. Ich trenne jedoch, ganz in Kim de l’Horizons Sinne, das schreibende Ich vom Erzähl-Ich. Das Erzähl-Ich trennt sich, kämpft gegen etwas an, und wogegen es ankämpft, scheint mir nicht die Mutter und Großmutter sein zu können, die „Monster“ genannt werden, aber im ganzen Roman nichts Monströses tun. Es liegt woanders, dieses Monster – und der Text hat mir nicht vermittelt, wo und wie es zu lokalisieren wäre. Nach den Stellen im Interview zu urteilen, scheint es Kim de l’Horizon auch noch nicht ganz zu wissen. Insofern ist „Blutbuch“ eine Suche, die das, was sie sucht, darin zu finden glaubt, dass sie aufhört zu suchen, aber das Nichtsuchen impliziert ja nicht ein Finden, wie das Komplement von Schwarz nicht Weiß ist, sondern alle Farben. Danke für den Link!

      5. Erzähl-Ich vom Schreibenden zu trennen scheint mir auch in den meisten Texten, die sich nicht ausdrücklich Autobiografie nennen, die angemessene Herangehensweise. Trotzdem kann das eine so etwas wie eine Suche vom anderen übernehmen oder zugewiesen bekommen. Ob in diesem Buch die Suche aufgegeben wird, weiß ich nicht – ich frage mich noch, ob ich mir diesen Lesestoff zumuten will.

      6. Mir liegt es völlig fern, Bücher abzuempfehlen. Das Buch hat Stellen, die ich nicht noch einmal lesen möchte. Das war mir einfach zu krass. Das geht über de Sade weit hinaus, den ich auch schon zu krass fand. Zu dieser Thematik gefällt mir von Ralph Ellison „Der unsichtbare Mann“ mehr – aber das ist vielleicht meinem tradierten Literaturverständnis gekostet. Kim de l’Horizon hängt mich einfach ab, oder lässt mich links liegen … jetzt bin ich von meiner eigenen Metapher verwirrt 😀 Viele Grüße!

      7. Ich lese dich auch bisher nie als Zu- oder Abempfehlenden. Deine literarischen Analysen lese ich gerade deshalb so gerne, weil sie mich nicht manipulieren, sondern motivieren.
        Ob deine oder andere Buchbeschreibungen mich zu einem Lesestoff hinziehen oder nicht, hat Ursachen wohl in der Spannung aus eher traditioneller Leseerfahrung und der Wissbegier, was es wohl darüber hinaus noch gibt. Die Abenteuerlust wird aber klar begrenzt durch übergroße (und unnötige) Gewalt- und Ekeldarstellung jeder Art.

      8. Das freut mich sehr zu lesen. Nichts liegt mir ferner als Manipulation – sie ist beinahe das Gegenteil der Sprache für mich. Ich denke, mein Lesebericht hat es durchschimmern lassen, dass ich stellenweise sehr schockiert von „Blutbuch“ gewesen bin … es ist definitiv ein Abenteuer, es zu lesen.

      9. Jean Genet kenne ich ganz gut. Allerdings habe ich mich nicht aus Begeisterung mit ihm beschäftigt sondern aus Studiengründen. Immerhin fehlt bei ihm aber dieser Aspekt der Selbstvermarktung „ihr macht mich berühmt und reich und ich werde zum Dandy“.
        Seltsam warum ich so eine Abneigung gegen dieses Buch entwickelt habe. Vielleicht weil das „Gender-Thema“ im weitesten Sinn und viele seiner Vertreter mich immer mehr nerven, weil sie der Sache wahrlich nichts Gutes tun. Danke dafür, dass du nicht auf den Zug der Bejubelung dieses Buchs als Gender-Manifest aufgesprungen bist und das Bild, das deine Rezension zeichnet daher ein sehr klares ist.
        Ganz liebe Grüße

      10. Ja, mit Jean Genet werde ich mich vielleicht noch an anderer Stelle beschäftigen. Ich war auf eine gewisse Weise beeindruckt, auch vom Elend, der Not. Ich kenne, Querelle, aber es liegt Jahrzehnte zurück, dass ich es las (oh Schreck).

        Kim de l’Horizons Buch thematisiert eindeutig einen Gesprächsabbruch. Ich habe das literarisch versucht herauszuarbeiten. Ich selbst war sehr schockiert, denn das Setting des Buches ist sehr interessant. Sowohl die Mutter wie die Großmutter schimmern als sehr starke Persönlichkeiten durch, mit denen ich mich gerne unterhalten würde. Die Großmutter erinnert mich auch stark an meine eigene. Wie dann aber das Desinteresse durchschlägt, sich mit ihnen über sich und sie auseinanderzusetzen, hat mich kalt erwischt. Es trägt nichts bei. Es will einen Schlussstrich ziehen. Zum Glück entscheidet nichts und niemand, ob es einen Schlussstrich gibt. Auf seine Weise stellt „Blutbuch“ Antiliteratur und Antikommunikation dar. Ich habe es nicht anders lesen können und suche ebenfalls noch andere Kommentare, die ähnliches herausarbeiten. Für Hinweise wäre ich dankbar.

        Vielen Dank, liebe Myriade, für dein Interesse an meinen Bericht. Es freut mich sehr.

      11. Nein, ich moderiere nicht. Wieso? Ist irgendwo ein Kommentar hängengeblieben? Ich freue mich sehr über die angeregte Diskussion und unterstütze mit allen Kräften 🙂

    1. Danke für den Besuch. Das Buch habe ich nur wegen der Shortlist gelesen. Es war eine absonderliche Lektüre, in jeder Richtung. Ich versuche stets das Beste aus einem Buch herauszulesen – es dort zu setzen und zu finden und zu bemerken, wo es sich selbst hinzuziehen versucht. Bei l’Horizon las ich irgendwann nur noch Kommunikationsabbruch. Deshalb schrieb ich die Lesebesprechung auch so. Ich bin weit entfernt davon zu behaupten, ich hätte es fair gelesen. Ich wusste einfach nicht, wohin die Reise gehen sollte. Es war eine sehr leere und einsame Fahrt irgendwann. Viele Grüße!

    1. Na ja, es hat für mich gepasst – das unglückliche Bewusstsein muss sich ja nicht unglücklich fühlen. Es kann in der Bewegung des unendlichen Strebens gefangen bleiben und sich in der Ambivalenz des Ungefähren gefallen. Es geht aber nur, das ist der Punkt, indem alles Eigene stets in Vergessenheit gerät. Deshalb betonte ich den Zeitcharakter, der in dem Kapitel von Hegel etwas versteckt ist.

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