Jennette McCurdy: „Half his age“

Half his age von Jennette McCurdy
Half his age von Jennette McCurdy. New York Times #1 Bestseller.

Half his age heißt der Debütroman von Jennette McCurdy, die bereits mit ihren Kindheitsmemoiren I’m glad my mom died auch im deutschsprachigen Raum in Erscheinung getreten ist. Reflektiert sie in ihren Memoiren über ihr offenkundig eher problematisches Verhältnis zur eigenen Mutter, die sie wohl in die Rolle eines Kinderstars gedrängt hat, arbeitet sie in Half his age eher das Erwachen des Selbstbewusstseins einer Jugendlichen auf, der siebzehnjährigen Waldo, die in Anchorage lebt und dort ein normales Dasein als weißes Unterschichtskind führt. Half his age wird durch die Beziehung Waldos zu einem über vierzig Jahre alten Kreatives-Schreiben-Lehrer skandalträchtig rezipiert und in die Nähe von Vladimir Nabokovs Lolita gerückt. Die genauere Lektüre zeigt diese Parallele einer invertierten Lolita-Situation aber als fehlgeleitet. Weder fühlt sich Waldo als Opfer noch objektiviert sie ihren Lehrer noch wird irgendjemand fürs Leben gezeichnet, entführt oder getötet. Waldo verknallt sich einfach:

Nein, hier steht jemand, der der enttäuschenden Wahrheit, wie sein Leben verlaufen ist, direkt ins Auge gesehen hat und der bereit ist, das offen und verletzlich zuzugeben. Ich mustere Mr. Korgys dünner werdendes Haar und die Poren auf seiner Nase. Die geplatzten Blutgefäße, die um seine Nasenlöcher herum aufblühen, die weiche Kontur seines Kiefers und die Falten um seine Augen. Seine sogenannten unattraktiven Eigenheiten, die mich aber so anziehen. Und es ist die reine Folter. Es ist berauschend. Unvermeidlich. Diese Art von Anziehung ist es. Die Art, bei der man sich völlig sicher ist, dass es dazu kommen wird, nur weiß man noch nicht, wie.
Jennette McCurdy aus: „Half his age“

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Jean Paul: „Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs“

Siebenkäs von Jean Paul
Siebenkäs von Jean Paul.

Jean Paul (1763-1825) gilt zurecht als ein Solitär der Literaturgeschichte, vergleichbar höchstens mit einem François Rabelais (1483-1553) oder François Villon (1431-1463). Wenige haben seinen Stil fortgesetzt. Im deutschsprachigen Raum können da Albert Vigoleis Thelen mit Die Insel des zweiten Gesichts oder das Werk von Arno Schmidt genannt werden. Von Jean Pauls breitem Gesamtwerk sticht nach mehr als zwei Jahrhunderten noch immer Siebenkäs heraus, der weniger auf zeitgenössische Diskurse Bezug nimmt, als sich um poetische Bewältigung der elementarsten Erfahrungen der menschlichen Existenz bemüht: den Tod, die Ehe und die prekäre Sicherheit der sozialen Existenz. All dies versammelte Jean Paul ungewöhnlich kondensiert im länglichen Titel seines Romans, der mit vollständigem Titel Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs heißt. Er beginnt mit der Hochzeit von Firmian Siebenkäs und Wendeline Lenette Egelkraut:

Droben [hinter der Liedertafel des Chors in der Kirche] guckt nämlich herunter – und wir sehen alle in der Kirche hinauf – Siebenkäsens Geist, wie der Pöbel sagt, d.h. sein Körper, wie er sagen sollte. Wenn der Bräutigam hinauf schauet: so kann er erblassen und denken, er sehe sich selber. – – Die Welt irrt; rot wurd‘ er bloß. Sein Freund Leibgeber stand droben, der schon seit vielen Jahren ihm geschworen hatte, auf seinen Hochzeittag zu reisen, bloß um ihn zwölf Stunden lang auszulachen. Einen solchen Fürstenbund zweier seltsamen Seelen gab es nicht oft.
Jean Paul aus: „Siebenkäs“

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Pascal Mercier: „Der Fluss der Zeit“

Der Fluss der Zeit von Pascal Mercier.
Der Fluss der Zeit von Pascal Mercier. Spiegel Belletristik-Bestseller 2026.

Lange, über etliche Hunderte Seiten sich erstreckende Erzählungen, also Romane, entstehen in der Zeit der zunehmenden Privatisierung und Atomisierung der Gesellschaft hin zu individuellen Sozialräumen. Walter Benjamin nannte diese Entwicklung in Erfahrung und Armut eine Form von narrativer Entwertung, denn das Erzählen selbst wurde zunehmend unpersönlicher und selbstbezogener. Mercier, bekannt durch seinen Roman Nachtzug nach Lissabon und Perlmanns Schweigen, hingegen beruft sich implizit auf diese ältere Form des Erzählens und setzt dies in seinem posthum erschienen Der Fluss der Zeit, einer Erzählsammlung fort:

Ich schreckte aus einem leichten Schlaf auf. Es war drei Uhr. Alle Fenster in der Gasse waren dunkel. Ich nahm mein Notizbuch aus dem Koffer, setzte mich an den Tisch und begann, die Stationen meines Lebens aufzuschreiben. Was war wann geschehen? Was für Spuren hatte es in mir hinterlassen? Es gab längere Abschnitte, von denen ich überhaupt nichts mehr zu wissen schien. Dass es solche Lücken des Erinnerns gab, wusste ich natürlich, das würde bei jedem so sein. Doch jetzt, an dem Tisch, an dem ich vor vierzig Jahren meine Referate geschrieben hatte, geriet ich über das Vergessen in Panik. Mir war, als hätte ich mich verloren, noch dazu, ohne es bemerkt zu haben.
Pascal Mercier aus: „Der Fluss der Zeit“

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Natascha Wodin: „Die späten Tage“

Die späten Tage von Natascha Wodin
Die späten Tage von Natascha Wodin. SWR Bestenliste.

Ein bekannter Longseller von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder heißt Alte Liebe, die auch Helga Schubert in ihrem Stunden- und Kalenderbuch Der heutige Tag beschreibt und Friederike Mayröcker im avantgardistisch-eigenwilligen da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete lyrisch zum Anlass für Sprachspiele nimmt, die die Furcht vor dem Tod mit dichterischem Verve zurückdrängen. Natascha Wodin greift diese Form des Andachtsschreiben in Die späten Tage auf, in der ein notierendes, reflektierendes Ich über das Leben im Alter und angesichts des Todes eine Art öffentliches Tagebuch führt:

Am Abend vor unserer Abreise – der Himmel hatte sich geöffnet und verwandelte die Schneelandschaft in ein Meer von blendendem Licht – sah ich zum ersten und zum letzten Mal in meinem Leben das Phänomen, das man Alpenglühen nennt. Die bizarren, nur noch mit etwas Schnee gepuderten Felsgiganten, zu deren Füßen der Hof lag, begannen wie von innen heraus zu leuchten, verwandelten sich in riesige, ungeschliffene Rubine, die aus dem Schnee ragten, andere wirkten wie angestrahlt von einem grellen, rosafarbenen Neonlicht. Maries magische Welt, meine letzte Umarmung mit ihr, ihre letzten Freundinnenküsse auf meine Wangen, bevor ich ins Auto stieg.
Natascha Wodin aus: „Die späten Tage“

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