Aisha Gamisch: „Parasiti“

Parasiti von Aisha Gamisch. Longlist deutscher Buchpreis 2026.

Parasiti von Aisha Gamisch reiht sich ein in eine realistische, an die Ästhetik von Lukács angelegte Gegenwartsliteratur, die zeithistorische Knotenpunkte literarisch erforscht und mit erzählerischen Mitteln zu erschließen sucht. Der Roman steht in sehr engem Zusammenhang mit Elli Unruhs Fische im Trüben (Shortlist Leipziger Buchpreis 2026), Svenja Leibers Nelka (Longlist deutscher Buchpreis 2026), Katerina Poladjans Goldstrand (Leipziger Buchpreis 2026) und Dmitrij Kapitelmans Russische Spezialitäten (Longlist deutscher Buchpreis 2025), um nur einige wenige zu nennen. Im Sinne des kritischen Realismus wird jedoch nicht ein Konflikt in seiner Totalität beschrieben, wie im Paradebeispiel Krieg und Frieden, sondern stattdessen aus dem Alltag heraus typische Problemzonen studiert. Im Falle von Parasiti ein sehr problematisches Ehe- und Liebesleben zwischen Lydia und ihrem Ehemann Sashka:

Ihr Sashka hat wieder gestunken, als hätte er im Klohäuschen gelegen. Wie oft hat sie ihm schon gesagt: »Wasch dich, bevor du ins Bett kommst! Trink, wenn es sein muss, aber wasch dich wenigstens!« Doch er spritzt sich immer nur Adekalon ins Gesicht. Als würde das helfen. Er ist nach Mitternacht gekommen, rumpelnd und mit einem Geruch, boshe moj! Davon ist ihr so schlecht geworden, dass sie aufstehen musste, ein paar Minuten auf und ab gehen – wie ein Geist.

Aisha Gamisch aus: „Parasiti“
„Aisha Gamisch: „Parasiti““ weiterlesen

Elfriede Jelinek: „Unter Tieren“ – Rezension

Unter Tieren von Elfriede Jelinek. Literaturnobelpreis 2004.

Elfriede Jelinek hat sich von der Romanprosa seit über zwei Jahrzehnten abgewendet. Gier, im Jahr 2000 erschienen, blieb bislang der letzte, als Roman konzipierte Text, von dem Online-Projekt Neid (Privatroman) einmal abgesehen, das letztes Jahr in Buchform gebracht worden ist. Auch Unter Tieren weist sich nicht als Roman aus, und ist auch offiziell keiner, sondern die Grundlage für ein Theaterstück mit selbem Titel, wobei zwischen Buchveröffentlichung (19. Juni 2026) und Premiere (16. August 2026) etwa zwei Monate anberaumt wurden. Jelinek setzt hier auf das Erfolgskonzept von Angabe der Person, das ebenfalls vor der Theateraufführung veröffentlicht wurde (15. November 2022) und etwa einen Monat später Premiere hatte und seitdem im Spielplan verblieben ist und mehrere Preise als Theaterstück zugesprochen bekommen hat. Wie auch bei Angabe der Person steht in Unter Tieren Geld im Zentrum des Geschehens, Geld und Kapital und die Problematik, was Wert hat, wie etwas Wert bekommt:

Das Eins, das Sein, es ist nun mal Eins und gleichzeitig Vieles und werdend und vergehend, was geschaffen wurde, der Wert, er entsteht, was zurückgegeben wurde, auch ein Wert, sogar ein etwas höherer, verschwindet, so wird Geld verschwendet. Indem es verschwindet. Nach einiger Zeit taucht es dann als Kredit wieder auf, vielleicht ein andres, aber ich zum Beispiel habe es sofort wiedererkannt. Es war schon mal bei mir. Warum ist es fortgelaufen? Ich weiß es nicht. Eins und Vieles, wollen Sie es gesondert oder vermischt? Notwendig. Und indem es unähnlich wird und ähnlich, muß es doch auch gleichen und nicht gleichen? JA!

Elfriede Jelinek aus: „Unter Tieren“
„Elfriede Jelinek: „Unter Tieren“ – Rezension“ weiterlesen

Ewald Arenz: „Fünf, sechs, sieben, acht“

Fünf, sechs, sieben, acht von Ewald Arenz. Spiegel Belletristik-Bestseller 2026.

Die Literaturgeschichte erinnert oft nicht an die erfolgreichsten Bücher einer Zeit. Sie selektiert nach stark wandelnden Kriterien akademischer Verwendbarkeit wie bspw. Vieldeutigkeit und konfligierende Bedeutungsspielräume, die von populären Titeln nachgerade vermieden werden. Die erfolgreichsten Bücher einer Zeit werden oft sehr schnell vergessen. Als Beispiele können die massiven Erfolgsromane von Hedwig Courths-Mahler (1867-1950) , von Ludwig Ganghofer (1855-1920), die Auflagen in Millionenhöhe erlebten, oder von August Lafontaine (1758-1831) dienen, wobei letzterer ein besonders krasses Beispiel für Gegenwartsruhm und späteres Vergessen gibt. Lafontaine galt in seiner Zeit, derjenigen von Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller, als auflagenstärkster Autor, der zwischen 1789 und 1822 ganze 58 umfangreiche Romane veröffentlichte und seine literarische Produktion sofort einstellte, als er 1822 durch preußische Kulturpfründe eine finanzielle Absicherung und Unabhängigkeit erfuhr. Auch wenn diese Romane von der Literaturgeschichte vergessen werden, ob zu Unrecht oder nicht sei einmal dahingestellt, fangen diese einen, oft im Vergleich zu den Klassikern authentischeren Zeitgeist ein und eignen sich hervorragend für das zeitgenössische Publikum als Projektionsfläche, Phantasie und Bedeutungsgeber sowie Problemhorizontdiskutand. Das gilt mit Sicherheit auch für Ewald Arenz, der seit geraumer Zeit jedes Jahr einen neuen Roman veröffentlicht und mit jedem seiner Romane auf großen Widerhall stößt. Sein neuester Roman heißt Fünf, sechs, sieben, acht und handelt von einem sechzigjährigen Tänzer, der gegen das Altwerden ankämpft:

Nicht darauf hören! Tanz! Jetzt, endlich, verstummten die Gedanken, und da war nur noch die Abfolge der Figuren, nur noch der Körper in der Bewegung, das Ticketitack der Platten auf dem Holz, der immer treibendere Rhythmus, die atemberaubend enge Drehung auf dem winzigen Tisch, Musik, flackerndes Licht, Tempo, der Tanz wie die zweihundert Räderpaare eines Güterzugs, der über eine Weiche jagt. Ganz zum Schluss der Sprung zurück auf den Bühnenboden, darin ein dreifaches Klacken der Heels – einen winzigen Augenblick in der Luft stehend, bevor er mit einem vierfachen Ton Tap – Heel, Tap – Heel landete. Der Dirigent gab dem Publikum eine Pause für den Applaus. Nicht tosend. Freundliche Begeisterung, aber was machte das schon?

Ewald Arenz aus: „Fünf, sechs, sieben, acht“
„Ewald Arenz: „Fünf, sechs, sieben, acht““ weiterlesen

Svenja Leiber: „Nelka“

Nelka von Svenja Leiber. Spiegel Belletristik-Bestseller 2026.

Nelka von Svenja Leiber thematisiert ein rohes Thema, das der Kriegsgefangenschaft und Vergewaltigung im Zweiten Weltkrieg, mit märchenhaften Mitteln, die das Grauen, aber auch das Durchhaltevermögen der Figuren auszutarieren verstehen. Leibers Roman steht hiermit im Zusammenhang mit Annett Gröschners Schwebende Lasten, Susanne Abels Gretchen-Saga oder auch Elli Unruhs Fische im Trüben. All diese Romane zeichnet einen warmen Ton aus. Leicht entrückt, schillernd schwebend über dem sich ausbreitenden Schrecken ihrer von Mord und Totschlag handelnden Stoffe ruhen sie in sich als Märchen ohne unmittelbare Moral, aber mit klarer Empathie für ihre Figuren. Nelka erzählt von der gleichnamigen Tochter eines Apfelbauern aus Lwów:

Womit beginnen? Mit den Herren oder mit den Knechten? Mit den Erzählten oder den Unerzählten? Womit beginnen? Mit dem Kummer oder mit dem Trost? Es muss von allem handeln, und es muss vorn beginnen, und seinen Anfang nahm es vor vielen Jahren im armen Kronland Galizien, in der Stadt Lemberg, damals gerade polnisch Lwów, wo ein Mann namens Wendelin Lechner lebte, der aber kein Pole war, dafür ein nicht unbekannter Pomologe. Oder jedenfalls den Bauern und Pächtern bekannt, die eine Ahnung von Äpfeln hatten, diesen so selbstverständlichen und dabei so eigenartigen Früchten, verwandt mit Erdbeeren und Rosen, die angeblich einmal im Paradies wuchsen, in seiner Mitte sogar, und die doch auch das Paradies zerstörten und die Menschen lehrten, sich zu schämen, was immer Scham ist und was immer das Paradies gewesen sein mochte, eine Idee oder schon Ideologie.

Svenja Leiber aus: „Nelka“
„Svenja Leiber: „Nelka““ weiterlesen

Christine Wunnicke: „Die Dame mit der bemalten Hand“

Die Dame mit der bemalten Hand von Christine Wunnicke. Georg-Büchner-Preisträgerin 2026.

Christine Wunnicke, Georg-Büchner-Preisträgerin 2026, schreibt seit geraumer Zeit, wie sie es selbst bezeichnet, Roman-Haikus, das sind kurze, knappe, weniger als zweihundert Seiten umfassende Prosatexte, die über ein Ereignis, eine historisch belegte Begebenheit lyrisch-poetisch meditieren. 2025 hat sie eine solche Begebenheit in Wachs beschrieben, wo sie die Freundschaft oder Beziehung zwischen Marie Marguerite Bihéron, Anatomikerin, und Madeleine Basseporte, Zeichnerin, im Frankreich des 18. Jahrhunderts imaginierte. Wie mit Wachs 2025, genauer hier besprochen, stand sie auch mit Die Dame mit der bemalten Hand 2020 auf der Shortlist des deutschen Buchpreises. In diesem schmalen Bändchen beschreibt sie die Begegnung zwischen Musa al-Lahuri und Carsten Niebuhr im Jahr 1764 auf der Insel Elephanta, der indischen Stadt Mumbai (Bombay) vorgelagert. Wie es dazugekommen ist, erzählt Niebuhr al-Lahuri in etwas geschwülstigen Worten:

»Es war einmal«, fiel ihm Niebuhr heftig ins Wort, »vor einer Zeit, die mir miserabel lang erscheint, in Almanya ein Mann, der meinte, dass man Gottes Wort besser begreift, wenn man in Arabien jeden Stein umdreht und schaut, was darunter ist. Dieser Mann war unser Befehlshaber und ist jetzt meiner, noch immer, nehme ich an. Er ist gelehrt und ein Scheusal. Meine Pflicht war, und ist es noch immer, nehme ich an, zu messen: die Länge und Breite und Höhe von allem und wie lang alles dauert und wo sich alles befindet und wie sich alles zueinander verhält. Die Gefährten lagen krank in Sues. Immer lagen sie krank. Unterdessen maß ich das Rote Meer, hier und dort seine Breite, und wie lang alles dauert, die Ebbe und Flut.«

Christine Wunnicke aus: „Die Dame mit der bemalten Hand“
„Christine Wunnicke: „Die Dame mit der bemalten Hand““ weiterlesen

Robert Seethaler: „Die Straße“

Die Straße von Robert Seethaler. Spiegel Belletristik-Bestseller 2026.

Wie in dem Vorgängerroman Das Café ohne Namen rahmt in Die Straße eine Geschäftseröffnung die Handlung, dieses Mal statt eines Cafés ein Antiquariat, das in eine ehemalige Kohlenhandlung einzieht. Im Gegensatz jedoch zu seinem Vorgänger richtet Seethaler sein Augenmerk dieses Mal weniger auf eine Handvoll Figuren, als dass er eine ganze Straße in ihrem Murmeln, in ihren Gedanken, Ängsten, Sorgen und Hoffnungen erscheinen lässt, die Heidestraße, wohl in einer deutschsprachigen Stadt Anfang der 1980er Jahre. Etwas ähnliches hat Christoph Hein mit Guldenberg (2021) für ein Dorf in den 2000ern unternommen, wie der Klassiker Georges Perec in Das Leben Gebrauchsanweisung (1978), worin die Bewohner eines ganzen Mietshauses zu Wort kommen, ein jedes Appartement besucht und beschrieben und ein Aquarell-Puzzle zu lösen versucht wird. Die Straße bietet aber kein intellektuelles Puzzle das Hintergrundmotiv. Es lässt die Leute direkt reden, frei von der Leber weg:

Ich übertreibe, wenn ich sage, dass sie säuft wie ein Büffel und frisst wie ein Schwein? Hast du nicht gesehen, wie sie im Südstern einen ganzen Knödel auf ihre Gabel gespießt und hineingebissen hat und wie der Saft herausgequollen, über ihr Kinn gelaufen und auf ihre dottergelbe Bluse getropft ist? Natürlich hast du es gesehen, weil es ja der ganze Gastraum gesehen hat. Es konnte ja gar niemand mehr woanders hinschauen als auf diesen Knödel, der in ihrem aufgerissenen Mund verschwindet und dort zerquetscht, zermalmt und zermanscht wird, bis der braune Saft herausquillt und die Bluse und den Rock und die Tischdecke und den ganzen Abend versaut.

Robert Seethaler aus: „Die Straße“
„Robert Seethaler: „Die Straße““ weiterlesen

Fleur Jaeggy: „Die letzten Tage von Ingeborg“

Die letzten Tage von Ingeborg von Fleur Jaeggy.

Ingeborg Bachmann, die am 25. Juni 1926 geboren wurde und am 17. Oktober 1973 in Rom an den Folgen eines Verbrennungsunfalles bereits früh verstarb, hätte in diesem Jahr also ihren 100. Geburtstag feiern können. Anlässlich dieses Jubiläums gibt es viele Neuerscheinungen und Wiederauflagen von Biographien und Monographien, die das Leben der Dichterin unter die Lupe nehmen. Neben Fleur Jaeggys Die letzten Tage von Ingeborg gehört auch das Erinnerungsbuch ihres Bruders, Heinz Bachmann, Ingeborg Bachmann, meine Schwester zu den persönlichsten Büchern, denn beide haben Ingeborg Bachmann aus nächster Nähe und auch bis zu ihrem Tod gesprochen und erlebt und sprechen auf diese Weise aus erster Hand. Im Gegensatz zu vielen anderen Büchern fokussieren sich diese beiden Texte zudem weniger auf die zwischenmenschlichen Beziehungen der Dichterin, allen voran auf die mit Paul Celan und Max Frisch. Jaeggy sogar sucht noch mehr als Bachmanns Bruder Heinz das Schweigen zwischen den Zeilen, verarbeitet so eine Trauer, die bis heute anhält:

Mit Ingeborg redeten wir über das Alter, sie lächelte bei dem Wort, aber war weder mit dem Herzen dabei noch mit einem echten Lächeln. Ich stellte mir ein langes Leben ohne Tod vor, ein Haus auf dem Land, eine Mauer, ich schilderte ihr die äußere Architektur und band sie mit einer Schnur fest. Und zwischen den Mauern ein Garten, und ich sagte: wir beide. Ich war schrecklich überzeugt. Die störrische Überzeugtheit von etwas, das nicht eintritt. Ich hatte die kommenden Jahre eingerichtet, vielleicht auch im Traum, und hatte sie, Ingeborg, bei mir.

Fleur Jaeggy aus: „Die letzten Tage von Ingeborg“
„Fleur Jaeggy: „Die letzten Tage von Ingeborg““ weiterlesen

Jacqueline Harpman: „Ich, die ich Männer nicht kannte“

Ich, die ich Männer nicht kannte von Jacqueline Harpman.

Bereits 1995 geschrieben, hat Jacqueline Harpmans Roman Ich, die ich Männer nicht kannte durch eine Wiederauflage erneute Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Höchstwahrscheinlich auch durch den andauernden Erfolg von Margaret Atwoods Der Report einer Magd, mit der Harpmans Roman wesentliche dystopische Momente teilt. Über Atwoods Thema der Frauenunterdrückung hinaus beschäftigt sich Harpman in Ich, die ich Männer nicht kannte noch mit der psychisch-anthropologischen Situation, in einer kargen Welt isoliert auf sich allein zurückgeworfen zu werden, und kommuniziert so intensiv mit Dino Buzzatis Die Tatarenwüste, mit Guido Morsellis Dissipatio humani generis, Marlene Haushofers Die Wand oder Abe Kōbōs Die Frau in den Dünen. Wenige jedoch ziehen aus ihrem Stoff derart verstörend anthropologisch-psychologische Konsequenzen wie Harpman:

Ob irgendjemand oder irgendetwas irgendwo den Sinn von alldem kannte? Und ob die Dinge anderswo einfach so weitergingen? Gab es auf diesem Planeten, von dem ich, so lange ich auch weiterliefe, nur einen Teil sehen würde, oder auf einem anderen einen Ort, wo die Keller noch in Betrieb waren? Wo Männer und Frauen der Peitsche gehorchten, zu willkürlichen Zeiten aßen und schliefen und wo ein rebellisches Mädchen anfing, ihren Herzschlag zu zählen? War ich die Einzige? Gab es an diesem Sternenhimmel noch tausend andere Planeten wie den, auf dem ich umherirrte, und wenn ich nachts auf den Schlaf wartete, streifte mein Blick dann manchmal eine ferne Erde, wo sich die gleiche Szene abspielte?

Jacqueline Harpman aus: „Ich, die ich Männer nicht kannte“
„Jacqueline Harpman: „Ich, die ich Männer nicht kannte““ weiterlesen

Elias Hirschl: „Schleifen“

Schleifen von Elias Hirschl.

Manche wissenschaftliche Probleme erhalten, aus berechtigten, meist aber aus unberechtigten Gründen einen Nimbus, der zu einer literarischen Bearbeitung lockt. Es gibt viele Beispiele, wie bspw. Alan Lightmans Und immer wieder die Zeit, das eine etwas irrige poetische Versinnbildlichung der Einsteinschen Relativitätstheorie betreibt, oder Benjamin Labatuts Maniac, der sich mit den quantenmechanischen Problemen des Physikers Pau Ehrenfest beschäftigt, oder Dietmar Daths Dirac oder Gentzen, wobei es im letzteren um die Grundlagenkrise der Mathematik Anfang des 20. Jahrhunderts geht. All diese Romane eignen sich einen eher unbedarften, verspielten Zugriff auf die wissenschaftliche Diskurswelt an, der oft nicht annähernd das Zentrum der Problematik begrifflich erfasst, geschweige denn informativ über das Wissensfeld aufklärend wirken könnte. Elias Hirschl dagegen findet in Schleifen einen Weg, die Sprach- und Grundlagenkrise der Mathematik poetisch produktiv werden zu lassen, ohne zu versimplifizieren oder zu diffusionieren.

Es ist nicht schwer ersichtlich, dass der Ursprung allen Übels die Benennung der Dinge ist. Der Glaube daran, es wäre möglich, Gegenständen eine Bedeutung zuzuschreiben, eine Bezeichnung, die stabil auf ihnen liegt, wie eine Grabinschrift, die für immer die Person markiert, die unter ihr liegt. Aber auch diese Leiche verwest. Auch dieser Stein zerbröselt. Auch diese Inschrift verwischt im Wind, und mit jeder neuen Inschrift, die die Zunge aus der Luft formt, als feuchte Hand in flüchtigem Lehm, wird eine Spaltung hervorgerufen, eine Dissemination, die den Lauf der Sprache ändert, die dem Redefluss Seitenarme verpasst, in denen die Semantik ausufert.

Elias Hirschl aus: „Schleifen“
„Elias Hirschl: „Schleifen““ weiterlesen

Immanuel Kant: „Die Kritik der Urteilskraft“ (i: Das Schöne)

Kritik der Urteilskraft von Immanuel Kant.

Aus dem weiten Feld der Ästhetik ragt neben G.W.F. Hegels Vorlesungen über die Ästhetik (1835), die einen dynamisch-organischen Schönheitsbegriff entwickeln, Theodor W. Adornos Ästhetische Theorie (1970), die der Kunst eine eigene Form von autonomer Wahrheit zugesteht, und Georg LukácsÄsthetik (1972), die das Gelingen der Kunst auf einen erzieherischen, an der Wirklichkeit gemessenen Realismus einschränkt, Immanuel Kants Die Kritik der Urteilskraft (1790) heraus, welche das Ästhetische im freien Spiel der Erkenntniskräfte sieht. Oft wird Kants Ästhetik nur systemarchitektonisch für sein Gesamtwerk gelesen, also als Vermittlung zwischen den beiden Hauptwerken Die Kritik der reinen Vernunft (1781) und Die Kritik der praktischen Vernunft (1788). Im folgenden beschränke ich mich vielmehr auf Kants Schönheitsbegriff und Geschmacksurteil desselbigen, um die Eigenart des Ästhetischen bei Kant im Vergleich zu den vorgenannten herauszuarbeiten und auch später, im dritten Teil, eine interessante Modernität zu begründen. Er fasst seine Untersuchung in der Einleitung wie folgt zusammen:

Ein solches Urteil ist ein ästhetisches Urteil über die Zweckmäßigkeit des Objekts, welches sich auf keinem vorhandenen Begriffe vom Gegenstande gründet, und keinen von ihm verschafft. Wessen Gegenstandes Form (nicht das Materielle seiner Vorstellung, als Empfindung) in der bloßen Reflexion über dieselbe (ohne Absicht auf einen von ihm zu erwerbenden Begriff) als der Grund einer Lust an der Vorstellung eines solchen Objekts beurteilt wird: mit dessen Vorstellung wird diese Lust auch als notwendig verbunden geurteilt, folglich als nicht bloß für das Subjekt, welches diese Form auffaßt, sondern für jeden Urteilenden überhaupt. Der Gegenstand heißt alsdann schön; und das Vermögen, durch eine solche Lust (folglich auch allgemeingültig) zu urteilen, der Geschmack.

Immanuel Kant aus: „Die Kritik der Urteilskraft

In diesem Zitat verbergen sich die vier grundlegende Eigenschaften, die das Geschmacksurteil kategoriell festlegen, und zwar, wie Kant dies in seiner Die Kritik der reinen Vernunft ausführt, durch seine Qualität, Quantität, Relation und seinen Modus, die im folgenden nun im Detail diskutiert werden.

„Immanuel Kant: „Die Kritik der Urteilskraft“ (i: Das Schöne)“ weiterlesen
Die mobile Version verlassen
%%footer%%