Friederike Mayröcker: „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“

Ein ewigwährender literarischer Frühling … nominiert für den Preis der Leipziger Buchchmesse 2021

Friederike Mayröcker legt mit „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ einen erstaunlichen, überraschenden, in seiner Breite und Tiefe einzigartigen Text vor. Zusammenfassend lässt es sich als poetisches Tagebuch begreifen. Es beginnt am 22.9.2017 und hört am 03.11.2019 auf. In unterschiedlichen Längen und Formaten reflektiert Mayröcker ihr Dasein, das Leben zwischen öffentlich und privat, zwischen berühmten Kollegen und unbekannten Freuden, in intimen Momenten und schmerzhaften Augenblicken. Der Text unterläuft die Einordnung Prosa und Lyrik, und deshalb nennt es die Autorin „ein Proem“ – diese Zwischenform erlaubt eine ungeahnte Freiheit, die abschrecken oder anziehen kann.

ich wäre nicht so verwüstet hätte mich meine
Mutter als Tintenfisch auf die Welt, gebracht,
ach, flösse die Tinte meines Blutes in mein
Gedicht usw., als würde ich um die Ecke
schwenken meines Gedichts oder eine Blume
mir den Weg verstellen dasz ich ins nichtvorstellbare, weiszt du

Friederike Mayröcker aus: „da ich morgens und moosgrün […]“

Abschreckend für Vielleser ist die unübliche Schreibweise des scharfen S, oder „ß“, das Mayröcker durchweg wie „sz“ setzt. Nicht nur liest man schnell „ich reisze“ als „ich reise“, manchmal muss man direkt mehr hinschauen, um den Sinn zu entziffern, wie „Füszchen“ und „noch sind die Morgen blasz“, sich der neuen Rechtschreibordnung einfach widersetzend. Schnell wird dieses ungelenke Schreiben mit allerlei Einschüben, freien Assoziationen und ad-hoc Rechtschreibfreiheiten als Mittel durchsichtig, den Lesefluss auszuhebeln, ja zu verlangsamen, das Rasen durch die Wortkaskaden zu verhindern. Es stellt sich ein gemächliches, langsames, sorgsames Lesen ein, das freundlich Wort zu Wort einzeln zur Kenntnis nimmt. Unterstützt wird dieses Mittel durch unvollendete Satzstrukturen, abgebrochene Absätze und Einschübe und verwirrende Sprünge und Verwendungen von englischen Sprachversätzen wie unüblichen Abkürzungen und Sonderzeichen.

Die Eichelhäher die Eitelkeiten welche uns beglücken, sagst du, oder mit Palmenhand begrünt es sichelt, die Nacht, du seist ein wenig melancholisch gewesen, siehe es wächst dir die Philosophie der Wahrheit aus dem Herzen (»it was all about feelings« = es geht nur um Gefühle um Geisteslandschaften ENGADIN), »Hemdhose«, »Wärmeflasche«, »pink torso« v. Rachel Whiteread […]

Friederike Mayröcker aus: „da ich morgens und moosgrün […]“

Der Text setzt sich der Gefahr aus, als manieriert dem Vergessen anheimgestellt zu werden. Zu mühevoll arbeitet man sich von Wort zu Wort, lässt Satz für Satz, Absatz nach Absatz auf sich wirken. Der Kopf schwirrt nach dreißig Seiten. Bilder werden beschrieben, Briefe skizziert, von bekannten Schriftstellern und Schrifterstellerinnen, Malern und Malerinnen wird gesprochen, Stillleben beschrieben, Farben, Gesang onomatopoetisch, synästhetisch zum Besten gegeben. Mayröcker lässt alles vom Stapel. Sie freestylt zwischen den Epochen und dichtet, schreibt, faselt und salbadert, bramarbasiert, was das Zeug, oder das Papier hält.

10.5.18. ich meine
»verquicken!« dasz ich
seit langem bestrebt bin in
meinem Werk
Avantgardismus und
Klassizismus zu
verquicken! …… so
angetupft!
wie ich angetupft! ……
ich meine HANDRUTE!,
(so, über die Lehne des
Küchenstuhls), usw.,“

Friederike Mayröcker aus: „da ich morgens und moosgrün […]“

Es handelt sich jedoch nicht um ein Sprachlabor, ein abstraktes Herumprobieren und Gegen-den-Strich Bürsten der Leseerwartung. Ganz im Gegenteil. Was in „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ passiert, ist etwas sehr Eigentümliches. Zuerst nämlich wiederholen sich Passagen, Motive. Sie erweitern sich, verengen sich. Bestimmte Wortgruppierungen tauchen immer wieder in Konstellationen auf und erzeugen eine Art Gedichtsfuge, einen freien Assoziationsrhythmus mit Struktur und Zentrum, nämlich einem lyrischen Ich, das alle Wörter, Sätze, alle Abschnitte begleitet. Das Chaos umhüllt, umzeichnet, bezeichnet, ohne es zu verzeichnen und zu verorten, eine Sprecherin, eine Kommunikation, eine Lebendigkeit. Je länger man den Text aufmerksam liest, desto mehr gerät er zu einem Gegenüber, der in seiner Unberechenbarkeit amüsant, spannend, fröhlich, interessant und vielschichtig bleibt. Er automatisiert sich durch seine Musikalität, durch die Strukturen, Muster, durch die Wiederaufnahme bestimmter Motive zu einem Lebendigen.

Es werde Regen geben, hetze (hetzest) als Hund durch
die meadows kannst nicht denken nicht sprechen
aber der Honigmond ich meine ich belle den Honig-
mond an bin ich ein zahmes Tier welches dir aus der
Hand. Friszt. War ich Fisch oder Löwe, oder in der
Antarktis silberner Pinguin, wie ich erschauerte!,
kann auch Tränen vergieszen silberne Tränen, das
fliegende Auto, und brüllend die Sonne …… der
Clou des Wirrsals, ging an der Leine, ich meine Was-
ser lassend […]

Friederike Mayröcker aus: „da ich morgens und moosgrün […]“

Wer den Text nicht auf sich wirken lässt, sondern jedes Wort in seinem Zusammenhang zu begreifen sucht, dem entgeht das große Ganze, nämlich der Unsinn, die Freude am Spiel, an der Kommunikation, am Schreiben, am Versuch des Ausdrucks, an der Lust des gelingenden Scheiterns und scheiternden Gelingens, an der Freude im und an dem Text. Mayröcker stellt die Zeit still, zwingt zur Langsamkeit, übt Geduld und Fröhlichkeit in detaillierter Ausdrucksfreude ein. Der Text schließt nicht ab. Er ist reinste, in Sprache gegossene, in Sprache festgehaltene, verewigte Lebensfreude, ein Wunsch nach immer mehr und immer weiter, von dem die leider kürzlich verstorbene Autorin auch im hohen Alter nicht aufgehört zu träumen.

hinter Eibenhecke: Plejaden, lichtblaue Was-
serfarbe der kroatischen See, lichtblauer
Blust des Himmels, mit ganz kl. [gemalte Schere]
(»Schere«) Tapete beschnitten, winziger lb.
Schnee, was zählt sind unvollendeten
Sätze!

ach! diffus in der Tram!

Friederike Mayröcker aus: „da ich morgens und moosgrün […]“

Das eigenartige impressionistische Zerlegen der Sprache um der Sprache willen hat zur Folge, dass das Lesen selbst zum Spiel mit den eigenen Gedanken wird, diese jedoch sich mehr und mehr dem Gelesenen öffnen und Interesse für kleine Abwandlungen in dieser scheinbaren „écriture automatique“ entwickeln. Der Text ist nämlich alles andere als ein reines spontanes Geschreibsel. Leicht zu erkennen an sich wiederholende Begriffe, Stützpunkte oder Kontrapunkte im Wortfluss wie „nature writing“, „Rabe“, „Botero“ oder „Füszchen“, „Schere“, „Schnee“, „Antoni Tàpies“ – der Text fließt um Zentren. Auf ihre Weise verwirklicht Mayröcker den Traum von Sprache, die sich nicht gewaltsam einem Gegenstand aufdrängt, sondern ihn umgarnt, ihn umschmiegt, so lange, bis sich von allein Bedeutungsmannigfaltigkeiten auflösen, assoziativ zusammenfinden und gefahrlos entfalten, geradezu als Utopie des Ausdrucks schlechthin.

In einem philosophischen Text sollten alle Sätze gleich nahe zum Mittelpunkt stehen. Ohne daß Hegel das je ausgesprochen hätte, legt sein ganzes Verfahren Zeugnis ab von dieser Intention. Wie sie kein Erstes kennen möchte, so dürfte sie streng genommen kein Zweites und kein Abgeleitetes kennen, und den Begriff der Vermittlung hat sie gerade von den formalen Zwischenbestimmungen in die Sachen selber verlegt und damit deren Unterschied von einem ihnen äußerlichen, vermittelnden Denken überwinden wollen.

Theodor W. Adorno aus: „Minima Moralia“

Theodor W. Adorno schreibt diese Sätze in seinen „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“. Mayröcker sucht ihren Weg nicht in der Negativität, im Sich-Entziehen. Sie ist mittendrin im Geschehen und möchte nichts anderes, als ununterbrochen mehr zu erleben, mehr Töne zu spüren, mehr Gesänge zu vernehmen und mehr Farben zu sehen. Diese Freude am Lebendig-Sein durchwalkt jeden Satz. Kein Satz muss so sein, wie er nun zu lesen ist. Jeder Satz könnte völlig anders sein, und doch würde sich ein ähnliches Bild ergeben, ein ähnliches Gesamtempfinden einstellen, nämlich dass jemand zu einem spricht, der das Leben liebt, sich gerne mitteilt, im Mitteilen die Welt erweitert und in der erweiterten Welt weiterschreibt.

Fluch und Ärgernis, sagst du, du sagst ich liege krank und die Fontänen des Herzhustens, dasz das Bettchen nasz und nasser, weiszt du, abgeknickt oder kniend im Bett schreibe ich alles nieder, weh mir die Herbstgirlande in meinem Kopf, bist erlaucht und durchlaucht, weine mich durch die Nächte (meine Sprache vergraben in einem Grasbusche bin am Ziel meiner Träume angekommen),

indes der Orion.

Friederike Mayröcker aus: „da ich morgens und moosgrün […]“

Friederike Mayröcker hat ein Geschenk hinterlassen an all jene, die an die Sprache als Medium glauben, sie mögen und pflegen und in der sensiblen, spielerischen freien Ausdrucksweise eine Freiheit erblicken, die beinahe alles möglich werden lässt. Friederike Mayröcker hat vom 20. Dezember 1924 bis zum 4. Juni 2021 gelebt, geschrieben, gefühlt und nie aufgehört sich mitzuteilen. Ihr letztes Buch ist der kampflose Widerstand gegen das Verstummen, das freundliche Aufbegehren, Weitergehen, Visionieren, was es heißt, am Leben zu sein und zu bleiben. Im Gespräch mit Ernst Bloch [youtube], das Adorno im Jahr 1964 führte, sagt dieser:

Ich glaube allerdings – und es hat mich sehr berührt, dass du gerade darauf gekommen bist, denn meine eigenen Erwägungen kreisen in der letzten Zeit sehr um diesen Punkt, Ernst -, dass die Frage nach der Abschaffung des Todes in der Tat ja der neuralgische Punkt ist. Darum geht es [in der Utopie] eigentlich.

Theodor W. Adorno aus: „Gespräche mit Ernst Bloch“

Friederike Mayröcker sagt es anders. Sie sagt:

Heute Ostern heute ist Ostersonntag, sagst du, es möge noch oftmals Ostersonntag kommen, ich möchte immerzu immerfort immerdar. Blätter in meinem Leben’s Blättern, Unschlitt des Schmerzes immense Backe und Träne, in der Sprache meiner Verwilderung

Friederike Mayröcker aus: „da ich morgens und moosgrün […]“

Sie hat zumindest noch Ostern des Jahres 2021 erleben dürfen und allen mit „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ ein zeitloses Geschenk hinterlassen.

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